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vtf 282. Erstes Blatt.
Fulda, Samstag den 9. Dezember 1JU.
38. Jahrgang.
Sie heutige Ausgabe um!H 20 Seiten.
X Austösung des Reichstags.
Amtliche Verkündung des WahlterminS.
Der ,Reichsanzeiqer' vom 8. Dezember veröffentlicht folgende zwei 'Hero'bmmnen:
Verordnung.
Setreffend die Auslösung e>c» Reichstags. Vom 7. Dezember 191L
Wir Wilhelm von Gottes Gnaden Deutscker Kaiser. König von Preußen nsw. verordnen auf Grund de» «ich Artikel 24 der Verfassung des Deutschen Reut» Dom Bundesrat und Unserer Zustimmung gesagten Beschlusses, im Namen de» Reichs, was folgt:
Der Reichstag wird hierdurch aufgelöst.
Urkundlich un.ee Unserer HöchsteigenhLndigen Anterschrist und beigedrucktcm Kaiserlichen Jnsiegel.
Gegeben Primkenau, den 7. Dezember 1911.
(L. S.) Wilhelm
von Bethmann Hollweg. Verordnung,
betreffend die Wahlen zum Reichstag. Vom 7. Dezember 1911.
Wir Wilhelm von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen rc. verordnen auf Grund der Vorschrift im § 14 des Wahlgesetzes vom 31. Mai 1869, im Namen des Reichs, was folgt:
Die Wahlen znm Rerchstag sind am AL Januar 1912 dorzunehmen.
Urkundlich unter Unserer Hochsteigenhändigen Unterschrift und beigedrucktem SatferUaen Jnsiegel.
Gegeben Primkenau, den 7. Dezember 1911.
(L. S.) Wilhelm
von Bethmann Hollweg.
Dw Auslösung des Reichstage» i|t diesmal lediglich ein formeller Akt, um zu verhüten, daß zurzeit der Neuwahlen am 12. Januar noch der alte Reichstag, deffen Legislaliupcriove erst am 25. Jan. ablSust, besteht. Sie ist, wie gestern durch die Mord. Allg. Zig." sestgestelll wurde, nicht sofort bei der Schließung des Reichstages erfolgt, um dem Präsidium noch Zeil zu lassen, die Geschäfte des Reichstages ordnungsgemäß abzuwickeln.
Bis auf wenige Tage sind es genau 5 Jahre, daß Fürst Bülow im alten Reichstag die Auflösmigs- ordre verlas. Damals, im Dezember 1906, war es eine wirkliche Auflösung, die einer unbequem Swordenen Bolksvertretu g vorzeitig das Ledens- ht ausblies, um im Wege der Konfliktswahlen »ine neue Mehrheit nach dem Geschmack der Re- gierung zu erlangen. Jetzt ist die Auflösung nur rine Formalia; der Reichstag ist so wie so am Ende seiner Wahlperiode ««gelangt. Der Wahlgang, der jetzt erfolgen soll, ist durchaus keine Konfliktswahl tm Sinne eines Kampfes der Regierung mit der bisherigen Mehrheit. Im Gegenteil, die Rigierung und die bisherige Mehrheit sind recht gut miteinander ausgekommcn, wie die außerordentliche Fruchtbarkeit der letzten Jahre der gesetzgebe- rischen Tätigkeit ergibt.
Man muß freilich die Einschränkung auf die letzten Jahre machen. Wir haben in diesen Tagen bereits einmal dargelegt: Der verflossene Reichstag sah in der zweiten Hälfte seiner Periode ganz anders aus, als in der ersten Hälfte. Bis zum Frühjahr 1909 war er ein Blockreich-tag, in dem alles „ausgeschattet" war, was nicht zu dem allein regierenden Trust gehörte; von da ab wurde er ein einfacher und biederer Ardeitsreichstag, in dem für alle positiven Kräfte freies Spiel war. Das natürliche Ergebnis dieser verschiedenen Methoden war die Unfruchtbarkeit der ersten Hälfte der Periode (nur das bischeu Börsen- und Vereinsgesetz!) und die erstaunliche Fruchtbarkeit der zweiten Hälfte (Finanzreform, Bersicherungsordnung, An- aestellten-Berstcherung, Verfassung von Elsaß- Lothringen, Hftmarbeitergefttz, Schiffsabgabengesetz tt. s. w. u. s. w)
Eine solche Wandlung eines Parlaments innerhalb seiner Wahlperiode war bisher noch nicht erhört worden. Es war aber eine Wandlung zum Bessern, wie die Ergebniste zeigen. ,9ln ihren Frücht en werdet ihr sie erleimenl
Als im Frühjahr 1909 der „Block von gefrorenem Waffel sich auftöste, forderte Baffermann und Genoffen die Auflösung des Reichstags. Der rückschauend« Wähler ka >n jetzt leicht ermeffen, welch ein Schaden angerichtet worden wäre, wenn Regierung und Krone dieser Forderung nachgegcben hätten. Tann würden die folgenden Jahre in parteipolitischen Kämpfen, Ränken und Künsteleien verbracht worden sein, statt der ruhigen, soliden Arbeit gewidmet zu werden. Der Fiuanzjammer hätte noch lange Zeit sortdauern müssen, und von den großen Errungenschaften der letzten Ja re auf anderen Gebieten der Gesetzgebung iväre gewiß auch heute noch nichts in die Scheuern gebracht. Ja, auch die auswärtige Politik, die Wettinteressen Deuffchlands, würden schwer gelitten haben; denn darüber herrscht doch kein Zweifel, daß der verhältnismäßig gute Verlaus der jüngsten roch- pvlitischen Krise erst möglich geworden ist durch den Rücktritt des Schönredners Bülow und die offen« sichtliche Hebung der deutschen Macht und des deutschen Ansehens mittels der Finanzreform.
Die Fruchtbarkeit des vorteil fast gewandelten Reichstags konnte natürlich nur durch ein verstäud- Nisvolles Zusammenwirken mit der Regierung erreicht werden, und die Borgusfeyung war also eine ebenmäßige Wandlung der Regierungs- Politik. Die ist auch tatsächlich in einer Weise erfolgt, wie es bisher nicht landesüblich war. Der Rachsolger des Fürsten Bülow ließ, obschon er Klbft in der Blockära tätig gewesen, die Block nsteleien fasten und wußte mit steigendem Geschick das freie Spiel der Kräfte nutzbar zu machen. Als eine Eierschale aus der Blockzeit machte sich aller- diugs noch eine übergroße Zärtlichkeit gegenüber der Nationalliberalen Partei bemerkbar, und daraus ergeben sich leider gewisse Erschwerungen
für den bevorstehenden Wahlkamps. Die Regierung hat zulange gezögert mit der pflichtmäßigen Zurückweisung der Verleumdungen unserer Finanz- reform und unserer Finanzlage. Sie hat auch nicht kräftig genug eingegrrffen gegen die Großblock, tendenzen und die gememgefährlichen Versuche, das Eintreten sür sozialdemokratische Kandidaten nicht bloß privaten Wählern, sondern sogar vereideten Beamten plausibel zu machen.
Die Freunde der sriedkichen Entwickelung und der positiven Arbeit dürfen also nicht leichtherzig in den Wahlkampf gehen; doch ist auch zur Mattherzigkeit kein Anlaß. Wenn alle vernünftigen Wähler chre Pflicht tun, so rotib das ReichSschiff sich in dem gedeihlichen Kurie, der seit 1909 Angeschlagen ist, behauvten können. Hoffentlich ist nicht erst eine wirtliche Auftöiung von 1912 nötig, um die l-deral-sozialdemokratische Verhetzung unschädlich zu machen!
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Durch die amtliche Verkündigung des Wahltermins, die nun endlich, spät genug, ersolgt ist, wird die AgitationStätigkeit im Lande von einigen Feffeln befreit.
Nach § 6 deS Vereinsgesetzes bedürfen sämtliche Wähleroersamminngen von jetzt bis zum Abschluß der Wahlen keiner polizeilichen Anzeige mehr. Die Versammlungen brauchen nicht aus- schließlich aus Wählern zu bestehen. Es genügt nach den Kommentaren des Vereinsgesetzes, daß eine im Verhältnis zn der Zahl der Nichtwahl- berechtigten genügend große Zahl Wahlberechtigter anwesend ist. Ferner kommt in Frage § 4 des Vereinsgesetzes, demzufolge Wahlkomitees, Wahl- ausschüffe usw. vom Tage der amtlichen Bekanntmachung des Wahltags bis zur Beendigung der Wahlhandlung nicht als politische Vereine gelten. Für die Verteilung von Stimmzetteln und Flugblättern ist jetzt maßgebend der § 43 der Reichsgewerbeordnung, welcher bestimmt, daß zur Verteilung von Stimmzeiteln und Druckschristen zu Wahlzwecken eine polizeiliche Erlaubnis in dec Zeit von der amtlichen Bekannimachung des Wahltages bis zur Beendigung des Wahlaktes nicht erforderlich ist.
Deutsches Reid).
** Berlin, 8. Dez. 1911. Der Kaiser traf nachmittags aus Oberschlesien auf Station Wildpark ein. Zum Empfang hatte sich die Kaiserin eingefunben, die demnach also von ihrer Erkältung toieber genesen ist. Die Majestäten begaben sich nach dem Nerien Palais.
♦♦ Die letzten Reoierungskundgebungen im Reichstag beur eilen die .Hamb. N. Nachr." in bemerkenswerter Weise wie foi a i:
.Man kann der Regierung das Zugeständnis nicht versagen: sie hat an den beiden letzten Tagen sehr ge- schickt und glücklich operiert, indem sie vorgestern m der inneren Politik die günstigen Wirkungen der Finanzreform anhand von unbezweifelbarem Material darlegte und gestern in der äußeren Polrtik ihre äußerliche Zurückhaltung gegenüber England zu begründen suchte .... Bedürfle es übrigens noch eines unfehlbaren Beweises dafür, daß die Stellung der Regierung (und damit die der Reichstagsmehrhert) durch die amtlichen Erklärungen der letzten Tage wesentlich gewonnen hat, so wäre es die Haltung der rosaroten Blockprefle: wer für die gemeinhin breitspurig-überhebliche Dikiion dieser Preße Sinn hat, dem muß die unwirsch-dürftige Argumentierung auffallen, mit der jene Organe vornehmlich über die vorgestrigen Regierungserklärungen (d. h. die über die Wirkungen der Reichsfinanzreform) Hinwegzukommen suchen. Werden die Wähler daraus ihre Schlüffe zu ziehen wissen?" . ..
Blau darf wohl hoffen, daß die glänzende Rechtfertigung der Reichsfinanzreform durch den Schatz- sekreiär Wermuth bei allen urlellsfähigcn Wählern ihren Eindruck richt verfehlen wird.
X Ein Steuerdemenii. Einige Zeitungen zerbrachen sich in den letzten Tagen den Kopf über des Staatssekretärs neue Skeuerpläre. Es sollte die Wiedereinbringung der Erbschaftssteuervorlage und die Aufhebung der Fahrkarten- und Zündholzsteuer geplant sein. Von amtlicher Stelle wrrd jetzt erklärt, daß die Meldungen Über die Ab- schaffung bestehender und die Einführung neuer Steuern reine Phantasieerzeugnisse sind.
) Tie Durchführung des Schissahrtsabgabeiigesetzes. Nachdem der Bundesrat am Donnerstag dem Schiffahrtsabgabengesetze zugestimmt hat, werden nunmehr von unserem Auswärtigen Amte die Verhandlungen mit den Regierungen von Oesterreich und den Niederlanden eingeleitet werden, um bereit Zustimmung für die Erhebung von Schiffahrts- abgaben auf der Elbe bezw. dem Rhein zu erlangen. Für die beiden Ströme ist bekanntlich durch Verträge mit jenen Staaten die Abzabensreihetk gewährleistet worden. Nach den bisherigen Acußer- ungeit beider Regierungen scheinen diese einer Aenderung der Elbe- bezw. Rheinakte durchaus ab» geneigt zu sei».
♦ Dir Konzogrenze. Wie sich der „Fränkische Kurier" aus Berlin melden läßt, wird in bet Regierung der Plan erwogen, bei der endgültigen Regulierung ber Kongogrmze bie Ubangiküfte wegen zu hoher VcrwaltungIkosten auszugeben, bafür ab« von Frankreich eine Vergrößerung bes Kongozipfels zu erhärten. Ob das nach Ratifikation bes Verlrages burch bie französische Kamm« noch mö(p lich sein wird, ist allerdings die Frage.
ns. Die Reichsdeutsche Mtttelstanssueremiguug, bie in Leipzig eine Sitzung des Haupworftandes abhielt, beschäftigte sich auch mit den bevorstehenden Wahlen. Verschiedentlich wurde betont, daß die Vereinigung keinerlei Parteipolitik treibe und alle bürgerlichen Parteien mit de n gleichen Maße messe. Ebenso scharf aber wurde bewirt, daß man von den Kandidaten verlangen muffe, das sie sich im Kampfe gegen die Sozialdemokratie als die Todfeindin des Mittelstandes zu- verlässig erweisen. Generalsekretär Fahrenbach
verlas einen Wahlaufruf für die Reichstags- wählen, der an die Kandidaten der sämtlichen bürgerlichen Parteien mit der Bitte um eine Er- klarung zu den erhobenen Forderungen gesandt werden soll. — Nach Besprechung einiger Organi- sationSsrogen wurde ein zwischen dem Deutschen Handwerks« und Gewerbekammertag und dem Reichs- heutigen Mittetstandsverband vereinbarter Vertragsentwurf gutgeheißen, der Bestimmungen bezüglich des Zusammenarbeit ens der beiden Korporationen enthält und das Tätigkeitsgebiet jeder einzelnen abtrennt.
♦ Rostock, 8. Dez. 1911. In den Kreisen der Landschaft, also der Bürgermeister im Landtage, wird, wie man erfährt, mit einer Uebeitafdjung in der Versaffungsfrage gerechnet. Ob man eine Verfassung aufzwmgen wird oder etwa nach den Neuwahlen daS Reich anrufen will, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die letzte Entscheidung wftd davon allhängen, ob der Großherzog sich zu einer Entlastung des Ministeriums v. Bastewitz- Langfeld-v. Prestentin emschließen wird. Die finanziellen Verhältnisse drängen mit Gewalt zu einer Lösung der Versaffungsfrage. Vielleicht kommt sie durch das Etrelitzer Ministerium, da- aus kernigem Holze ist und das entschlossen sein soll, sich unter Umständen von der Union zn trennen.
Ausland.
♦ Ein deutsch-englischer Friedenskongreß. Ein in England verbreitetes Zirkular regt bie Veranstaltung eines beutsch-britifchen Fciebensko-ngteffes an. Es Han» belt sich um ben V«such bes nationalen Friebens- verbandes, der sich aus 27 üb« ganz England ver» breiteten Einzelvvretnen zusammensetzt. Dies« Verband hat es sich wegen der immer gespannter werdenden Verhältnisse zwischen Deutschland und England zur Aufgabe gemacht, in beidne Ländern alle Han» delskammern, Gewerkschaften ufro. zur Propaganda für den Frieden zusammenzuschließen.
♦ Die Beraiung der fianzösifcheu Kammer über das Abkommen mit Deutschland, womit man am 11. ds. Mts. zu beginnen dachte, wird wegen der Eiatsberatung erst zwei oder drei Tage später stattfinden können. Der Senat wird sich damit erst nach der Wiedereröffnung befaffen. Mit der debatte- losen Erledigung des Abkommens, wie sie der Abg. Lucien Hubert angeregt hat, ist eS übrigens nichts. Eine Versammlung von Vertretern der linken Kammerparteien hat nämlich eine Resolution be» schloffen, die verlangt, daß die Aussprache unbehindert und ausführlich sei.
♦♦ Tas Arb-iteivrrstchrmngsgkirtz in England. Das Unterhaus hat den Regkrungsenttvurs einer Verstcherungsordvung verabschiedet, und noch vor Weihnachten soll das Oberhaus em Gleiches tun. Der Entwurf wird von Jntcreffcnkn und solchen, die es werden sollen, wie z. B. beit Dienstboten, die für die Altersrenten zahlen sollen, leidenschaftlich bekämpft. Die Regierungsblätter geben sich die größte Mühe, um dir Trwgtichkeit einer Verabschiedung im Obcrhausr noch vor Weihnachten, also vor Tagmrgsschluß, zu begründen. Aus Seite der Opposition nimmt man das nicht ernst, da mau die Liberalen beschuldigt, das liebste wäre ihnen, wenn das Oberhaus die Vorlage verwürfe, worauf sie gegen die Lords als Volksfeinde donnern könnten. Aus verschiedenen Gründen sind sowohl die Arbeiter- paiteiler wie die Konservativen gegen den Entwurf, wenigstens in der Form, die er jetzt aufweist. An ccm Einwurf ist im Laufe der Verhandlungen soviel herumgcdokiert worden, daß jetzt eigenllich niemand genau weiß, was er alles enthalt.
* Spaltung brr italienischen Sozialisten. Auf einem Kongreß ber Vertrauensleute btt sozialistischen Partei Italiens ist es bei der Tripolis-Angelegenheit zu einer Spaltung gekommen, bie nicht mehr zu überbrücken ist. Biffolati erklärte sich gegen jebe Attion der Sozialisten, die den Krieg in Tripolis und damit dem Ministerium Hindernisse bereiten würbe, währenb Turati in ber energischsten Weist sich g t g t n die Tripolis-Unitrnthmung aussprach. Gtgtn btt von Turati voryeschlagtnt Ta- gtsorbnnng stimmten Biffolati mit mit er Reihe von Deputierten. Doch drang die Tagesordnung Turati mit großer Mehrheit durch. In ber radikalen Presse kommt die Anschauung zum Ausdruck, baß nun die T r e n n u n g der zwei sozialistischen Gruppen unverineidltch geworden ist.
** Die Dardanellen bleiben geschloffen. Der türkische Ministerrat beschloß, Rußland zu antworten, daß infolge verschiedener Konventionen, besonders aber auf Grund de? Vertrages von 1871 bie Türkei keiner Macht freie Fahrt ihr« Kriegsschiffe durch die Meerengen gestatten könne. Die ruffische Regierung bementiert flott weiter, dcch sie in ber Darbanellenfrage trgenb etwas vorgehabt habe. Me tückische Zeitung ,Jeni Gazette" erklärt bem gegenüber, die Form bes Schrittes änbere nich? an bem Inhalt unb der Wichttgkeit ber biplontaiischen M- tion Rußlands. Der ruffische Botschafter Tscharh- kow habe zuerst in einer Unterteilung mit bem Minister bes Aeußern von ber Darbanellenfrage gesprochen, bann am 2. Dezember ben Schritt in ernster unb kategorischer Weisse int Namen seiner Regieb nmg erneuert, indem er freie Durchfahrt durch die Meerenoen verlangte.
. * Aus Persien meldet bas .Büro Reuter", baß bie Spannung etwas nachgelassen habe. Alle Parteien find etwa? ruhiger geworben, nachdem versichert worben ist, baß England an bem Abkommen von 1907 festhalte, insbesonbere an ben Bestimmungen über bk Unabhängigkeit Persiens. — .Sitzcle" veröffentlicht eine aus Kalkutta vom 7. b. M. datierte Depesche, in ber der Präsident des Vereins zur Ver- teibigung Persiens im Namen von fünfzigtausend in Indien wohnhaften Persern scharf gegen bas Vorgehen Rußlands in Persien Einspruch erhebt unb ben Beistanb ber Großmächte zum Schutze Persien? anruft. — Rußland, gießt Waffer in seinen Wein, es läßt erklären, daß es tatsächlich nichts weit« wolle, als Genugtuung für bie ihm angeblich wider
fahrene Kränkung. Im Petersburger Ministerium des Aeußern wirb erklärt, daß es von Persien keine Protestnote erhalten habe. Zur Stunbe sei es noch unentschieden, ob das russische Expeditionskorps biS nach Teh«an vorrückt.
x too $wilto Stollen uni »er Allfl
Wenn man der offiziösen ,Agenz>a Stesanft glauben darf, gehen bie Wogen der Kriegsbegeisterung in Italien noch immer sehr hoch. In ganz Italien finden täglich Kundgebungen der größten Begeisterung für die Eroberung von Tripolis statt. Im Sealarheater zu Mailand hielt am Donnerstag der frühere Deputi«te Vecchini einen pairiolffchen Vortrag, dem der Senator Graf von Turin, mehrere Deputierte, alle Behörden unö eint zahlreiche Zuhörerichait beiwohnten. Für das Rote Kreuz kamen 15000 Lire ein. In Rom hielt der Deputierte Fradelelto einen mit großem Beifall ausgenommenen Vortrag über die geschichtlich« Wiedergeburt Italiens. In Ferrara jubelte die ganze Bevölkerung der nach Tripolis abgehende» Artillerie zu.
Die Türken gestehen ihre Niederlage ein Das türkische Kriegsministerium erhielt am Donnerstag abend eine Depesche des Kommandanten von Tripolis über den allgemeinen Angriff der Italien« vom 4. d. Mts. Das Telegramm besagt, daß bi« italienischen Streitkräfte zehnfach überlegen waren. Der Kamps bauerte bis zum Abend. Die Italiener, die das Zentrum und den rechten Flügel ber tückisch- arabischen Stellung angriffen, hatten mehr als 500 Tote. Einen entscheidenden Ausgang konnten sie jedoch nicht herbei ühren, auch nicht die Rückzugs» link ber türkisch-arabischen S treu träft e abschneiden. Diese zogen sich in Ordnung zurück.
Daß die Türken durchaus nicht demoralisiert sind, beweist ein blutiges Gefecht, das sich bti Homs abspielte. Der Pforte wird nämlich ge» meldet: Araber überfielen in drei Abteilungen de» Feind, der in zwei Stunden 23 Tote und 50 Verwundete hatte, gegen 17 To e und einige 20 Verwundete bei den Türken.
** Die Revolution in China.
Bald nach Ausbruch der Revolution in China bildeten sich unter den Rebellen zwei Parteien. Die Revolutionäre de» Südens forderten die Republik, während sich bie des Nordens mit einer konstitutionellen Monarchie nach englischem Muster zufrieden geben wollten. Eine zeitlang sah eS so aus, als ov eS über diesen Streit zu einem Kriege zwischen Nord- und Südchina kommen sollte» aber wie setzt aus Schanghai gemeldet wirb, haben jetzi General Li, der Füh- iei der Revolutionäre des Südens, unb das Komitee der Jangtseprovinzen erklärt, daß sie nicht mehr unbedingt auf der Forderung einer Republik bestehen, sondern bereit find, eine konstitutionelle M o- n a r ch i e zu akzeptieren, wenn bie Majorität der chinesischen Provinzen sich in diesem Sinne entscheidet. Bedingung wäre jedoch, daß der neue Herrscher kein Mandschu sei. Dagegen wären sie geneigt, Pu- anschikai zum Kaiser von China zu machen, wenn seine Macht durch eine Verfassung begrenzt werde und er für die Amtsführung dem Parlament verantwortlich fei. Falls Uuanschikai ablehne, seien sie mit ber Wahl eines anderen Chinesen einverstanden. Wie weiter verlautet, wird erwogen, einen der noch in Can ton lebenden direkten Nachkommen von Konfuzius auf ben Thron zu setzen. — Uuanscbikai, Kaffer I Mit dieser Entwickelung kann auch ein Mann mit dem ausgesprochenen Ehrgeiz des chinesischen Reichskanzlers Duanschikai zufrieden sein.
In der Mandschurei sieht eS böse aus. Der Vizekönig ber Mandschurei hat befohlen, mit Waffen und revolutionären Flugschriften ergriffene Personen als Chunchusen (Räuber) zu betrachten unb zu ent- haupten. Die Bevölkerung ist darüber sehr unzuftie- den; viele Provinzialverwaltunge« verweigern bie Ausführung deS Befehls. Die Revolutionäre sollen dem Bizekönig das Todesurteil zugestellt haben. Bei einem neuen Zusammenstoß nahe Liaojang schlugen die Regierungstruppen in einer Stücke von 300 Mann mit einem Geschütz die Truppen der Revolutionäre, die sich nach Lueserpu zurückzogen.
Peking, 8. Dez. 1911. Der Waffenstillstand in Wutschang ist um 14 Tage verlängert worden. Die Ausraubung der Miffionsstation Feihfien in der Provinz Schanrung durch Räuber hat den Bischof veranlaßt, die Missionare auS den gefährdeten Orte« zeitweilig zurückzuziehen.
Peking, 8. Dez. 1911. Ein amtliches Schreiben de» deutschen Postmeisters Henne in Sianfu vom 26. November meldet, daß er von Strolchen angegriffen und am Kopfe verwundet worden fei. Offiziere der Aufständischen hätten ihn in Sicherheit gebracht. Er habe sich erholt und habe feinen Dienst wieder aufge- nonimen. Seine Frau, feine Kinder und ein englischer Angestellter seien unverletzt. Der Brkf be. (tätigt die Nachricht vom Tode ber Frau Beckmann sowie ihrer zwei Töchter unb verschiedener chinesischer Schulmädchen. Me Beamten der ausländischen Post- anstalien wünschten dringend, Sianfti zu verlassen, aber die Straßen würden durch Briganden unsicher gemacht, obwohl die Stadt ruhig sei.
Köln, 8. Dez. 19011. Wie Exportfirmen aus Schanghai gemeldet wird, macht sich bort_ offene Feindseligkeit gegen deutsche Handel sh äuser in bedrohlicher Weise bemerkbar. Angestellte deuffcher Firmen sind wiederholt von Chinesen angefallen worden. Nachdem ein junger deutscher Kaufmann verschwunden ist, wird weiter gemeldet, daß nun auch mehrere chinesische Angestellte ber deutschen Firma Siemssen u. Co. ermordet worden sind. Äls Beweggrund zu der Tat nimmt man Rachsucht au, weil die Deutschen die kaiserlichen Truppen gegen die Revolutionäre unterstützen.
** Zu den Reichstagswahlen
Wahlkreis Hanan-Gelnhanseu.
* Bockcnheim, 8. Dez. 1911. Gestern sand hier eine überaus gut besuchte Zentrum «Vers a m m- lu nq für den Wahlkreis Hanau'-Geln- h a u f e n - Or b statt, bei welcher sich bet Kanbibat, Redakteur Karl Geis-Aschaffenburg seinen Wählern rorstrllte und eine ausgezeichnete Programmrehe hielt.