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Jß 282.

Samttag 9. »ejembtr <9ll

58. 3agrgang.

fuldaer

Teilung

3. Blatt

Bretf «Wb Verlag »er SMlUer actieebtntfertl in Selbe.

P. Die kath. Preste Frankreich?.

Die kirchenfeindliche Presse Frankreichs ist eine gewaltige Macht. Die antiklerikalen und neutralen Organe sind Legion. Das ist zwar traurig, aber wahr. Wir erinnern nur daran, daß der „Malin" täglich eine Auflage von 700000 Exemplaren hat, das „Journal" täglich in einer Auflage von 850000 Nummer» gedruckt wird und der „Petit Parisien" gar eine Auflage von 1350000 Exemvlaren aufzu­weisen hat. Diese Riesenauflagen werden natürlich nicht allein in Parks, sondern auch in der Provinz und im Auslande abgesetzt. Boni Rordbahnhof gehl beispielsweise jeden Tag ein ganzer Güterwagen mii Nummern des „Mcchm" nach Belgien ob. Diese wenigen Zahlen ergeben schon, daß die katbolikcw feindliche Presse der katholischen weit überlegen Ist. Und doch darf man deswegen die Katholiken Frank­

m»S die Vorbeile größer waren als die Opfer, bewei't unS das Voranschrriten unterer Volks- wirtschaft. Wenn es anders gewesen wäre, wärm wir zurückgegangen. Sind wir vorangegangen, dann hat auch der Mittelstand seinen Teil profitiert. Daß wir heute, was die zur Ernährung unseres Volke» angehenden Mittel anbelang^ vom Auslande zum größten Teil unabhängig find, daß unsere bi. ternationale Stellung dadurch bedeutend stär­ker ist, daran hat auch der Mittelstand seinen An­teil.

Für ihn ist das wichtigste, daß die Schutzzollpoli­tik uns ermöglicht hat, einen kaufkräftigen Julandsmarkt zu erhalten. Im Gegensätze zur Industrie arbeitet das Handwerk in der Haupt, sacke für den lokalen Markt. Der Detailhandel, der die Aufgabe hat, die Vermittelung der Waren zwischen Produzent und Konsument vorzunehmen, ist erst recht an einem kaufkräftigen Jnlandsmarkt in­teressiert. Der Schwerpunkt des Handwerks liegt auf der Quollt ät s w ar e. In den Kreisen de« reich gewordenen Fabrikantentums ist die Nachfrage nach Qualitätsware am größten. Dort ging man zu­erst wieder von dem Verbrauch billiger Massenartikel zur Verwendung individueller Qualitätsware über. DaS Beispiel wird allmählich von den anderen Schich­ten nachgeahmt. Von großer Bedeutung ist hierbei der künstlerische Woünungsbedarf, an dem das Bau­handwerk besonders intereflittt ist. Wie vielen Hand­werkern hat die wachse, de Industrie Existenzmöglich­keit gegeben. In vielen Fällen ergibt sich ein Hand- in-Hand-Arbeiten zwischen Industrie und Handwerk, so besonders beim Reparatur- und Anbringungsge- werbe.

Die Landwirtschaft, deren Erhaltung in heutigem Umfange nur durch die Schutzzollpolitik mög­lich war, ist heute für den Mittelstand mit das wich­tigste Absatzgebiet. 52 Prozent der Hand­werker leben auf dem Lande. Ganze Handwerks­zweige, wie Hufschmiede, Wagner, find ohne Land­wirtschaft nicht denkbar bezw. würden bedeutend an Absatzmöglichkeit verlieren. Wie viele Arbeit erhält das Handwerk durch den Wirtschafts- und Feldbe­darf der Landwirtschaft, wie Bauten, landwirtschaft­liche Maschinen. Die Tetaillisten der Städte sind vielfach auf die Käufer vom Lande angewiesen. Die Sonntag'svormittage, wo die Landbevölkerung ihren Bedarf in der Stadt deckt, sind vielfach für sie die besten Einnahmetage.

So ist cs durchaus verständlich, wenn neuerdings der Mittelstand >n die von ihm anerkannten Forderun­gen (bergt. Neues deutsches Handwerkerblatt Rr. 44) hinsichtlich der nächsten Reichstagswahlen ausgenom­men hat: „Schuh dar nationalen Produktion durch Beibehaltung der notwendig erscheinenden Schutzzölle, insbesondere Beibehaltung der bestehenden landwirt­schaftlichen Zölle und des Viehseuchengesehes."

turny hat aber ein Loch, wenn auch die Bedeutung des italienischen Sieges nicht verkannt werden soll- Die Türken erhalten nämlich fast ihre gesamte Zufuhr an Lebensmitteln und Munition au? dem Innern des Landes über die tunesische und ägyptische Grenze. Von tückischer Seite war darauf hingewiesen wor­den, daß die Türken durch Aufgabe der Stellungen von Ain Zara und durch weiteren Rückzug in das In­nere des Landes außerhalb des Bereiches der italie­nischen Schisfsgeschühe kämm, die bisher in jeden Kampf der beiden Gegner eingegriffen haben. Das ist auch eta nicht zu unterschätzendes Moment, das für die weitere Kriegsführung erheblich in Betracht kommt

Die persische Regierung hat die unver­schämten Forderungen des zweiten russischen Ultima­tums abgelehnt. Rußland hat darauf prompt seine Truppen auf Teheran, der parsischen Hauptstadt, zu bewegt. Darauf dreht die persische Regierung den Spieß um und stellt Rußland ein Ultimatum, in dem der russische Bär aufzckordert wird, innerhalb 30 Stunden seine Truppen zurückzuztehen, widrigenfalls Persien zum Angriff Vorgehen werde. Das ist ein gewagtes Experiment.

In China dauern die Wirren an. Zu einer Entwickelung, die eine Entscheidung in der einen oder anderen Richtung vorder eiten könnte, ist es noch im­mer nicht gekommen. Dafür ober wird das Leben und Eigentum bet Fremden immer gefährdeter.

Mittelstand und Schutzzollpolitik.

„Das Handwrk wird durch die Maßregeln zum „Schutze der nationalen Arbeit* ganz besonders schwer getroffen!* da» ist eine der landläufigen Behaup­tungen de» Freihändlertums. 6m im Verlage der „Hilfe" erschienenes Brrsschürchen „Der Schutz der nationalen Arbeit" versucht den Beweis für diesen Schatz zu «bringen. Es werden einzelne Beispiele aufgeführt, wie durch die Schutzzollpolitik dem Handwerker- und Detailltstenstande Lasten auferlegt würden. Das Maurcrhand- werk leide unter dem Zoll auf Mauersteine, das Glasergewerbe unter dem Tafelglaszoll, der Dach­decker unter den Zollerhöhungen auf Dackzngel, Schiefcrplatten und Pappe, die Holzverüräucher würden jährlich mit 76—80 Millionen Mark belastet, für das Metallgewerbe seien durch den Zolltarif die Feilen, Boboer usw. verteuert, dem Anstreicher werde durch den Zoll der Preis für dir Farbe in die Höhe getrieben usw.

Eine richtige freisinnige „Beweisführung"! Ein­seitigkeit ist ihr Hauptvorzug I Man zählt einfach die Nachteile eines Systems auf, ohne sich um die Vor - teile zu kümmern. Die „Frankfurter Zeitung" harte natürlich nichts Eiligeres zu tun, als dieses „durchschlagende" Material zur Bekämpfung der Schutzzollpolitik zu veröffentlichen. Auf das Wesen, die prinzipielle Seite des Schutzzolles wird nickt ein* gegangen. Wie weit die Zölle vom Handwerk bezw. dem Verbraucher wirklich getragen werden, läßt sich ebensowenig genau feststellen, wie z. B beim Ge- tv.idezoll. Das hängt ab von der Stärke des An­gebotes seitens des Auslandes, von der Dringlichkeit des Bedarfes des Inlandes, von dem Handel und anderen Faktoren. Jedenfalls ist d eine 'direkte Irreführung der Oeffentlichkeit, wenn der Anschein zu erwecken gesucht wird, als ob vom Handwerk bezw. den Verbrauchern die ganzck Belastung ge­tragen werde.

D- r größte Teil der Dinge, z. B. der Werkzeuge, der Hilfsstoffe, wie Mauersteine, wird imInlande erzeugt, so baß für ibn keine Zollbelastung in Frage kommt Wenn die Schutzzollpolitik allein für die Verteuerung der Gebrauchsmiitrl verantwortlich zu machen ist, warm» haben denn grade Freihan­delsländer so hohe Preise? Sodann Ivälzt doch der Mittelstand mit Recht natürlich den Zoll, soweit et ihn trifft, wieder auf die Konsumenten ab. Wenn has öfters infolge der Uneinigkeit des Mit­telstandes vielleicht nicht möglich ist, so tragt .das Prinzip des Schutzzolles nicht die Schuld daran. Auch produziert das Handwerk eine ganze Reihe von Dingen selbst, die durch Zoll gegen die auslän­dische Konkurrenz geschützt sind.

Schutzzollpolitik verlangt gegenseitige Opfer. Es fragt sich nur, ob die Opfer, die gebracht werden, größer sind als die erworbenen Vorteile. Daß bei

wochen-Nun-schau.

ft] Fuld a, 8. Dezember 1911.

Dck» Spick ist aus, der Reichstag, als Vertretung des deutschen Volkes, existiert nicht mehr. Tas Volk hat jetzt das Wort und wird mit dem Stimmzettel votieren, ob es mit der Arbeit dieses Reichstage« zufrieden war. Der alte Reichsag hat sich einen guten Abgang gesichert. 24 Stunden vor seinem Sterbetage konnte er über ein Lob des Staatssekre­tärs Wermuth quittieren, der der größten Tat der Mehrheit, der Reichsfinanzreform, ein ehrendes Zeug­nis auSstellte. Der Sterbetag selbst war ein Arbeits­tag wie kein zweiter, und ein Ehrentag für die Na­tion zu gleicher Zeit. Er sah Kanzler und Volksver­tretung vereint zum Schutze der nationalen Interessen und des Reiches Ehre gegenüber englischer Anmaßung. Die letzten Stunden des Zusammenseins der Volks­vertretung brachten somit einen erfreulichen Ausblick in die Zukunft. Im einzelnen die Taten des Reichs­tages auszuführen, wurde zu weit führen. Sein Ar­beitsweg ist gekennzeichnet durch die beiden Worte „national* und „sozial*. Für alle Stände sorgte dieser Reichstag. Für die Beamten, für die Vetera­nen, für die Witwen und Waisen, für die Arbeiter und Angestellten. Er sorgte auch für des Reiches Wehrmacht, für seine Welimachtstellung, für die Ko­lonien und für die Reichsfinanzen. Diese Mehrheit hat wahrlich Wertvolles für das Volk und das Reich geleistet. DaS Volk muß und wird ihr aufs neue Ver­trauen schenken- Das Zentrum braucht das Urteil feiner Wähler nicht zu fürchten. Es kann vor sie hinlreten in dem Bewußtsein, ihre Rechte und In­teressen allezeit wahrgenommen, und die Pflichten, die es gegen unssr deutsches Vaterland hat, stets treu er­füllt zu haben. ES hat nichts getan, wodurch es das glänzende Vertrauen, das im Januar des JabreS 1907 die Millionen Wähler ihm entaegenbrachten, hätte ber­sche zqn können, im Gegenteil, e? Hal ihr 8?et» trauen durch feine Tätigkeit im verflossenen Reichs­tag nur noch m ehr verdient. So werden ihm auch jetzt seine Wähler nicht die Gefolgschaft versagen, wenn es sie von neuem aufruft zum Kampfe für Wahrhei t. Recht und Freiheit.

Dem Dreibund, jenem Bündnis zwischen Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien, steht eine ernste Krisis bevor. Nach dem. was in den letz­ten Tagen verlautete, ist es zweifelhaft, ob er im Jahre 1914, wo der Bündnisvertrag ab läuft, erneuert Werden kann Italien bereitet, wie verlautet, fei- 'en Austritt vor und will sich der französisch-engli- Äen Triple-Entente ansckließen. Allerdings hat der Italienische Ministerpräsident Giolitti die dahingehen­den Meldungen dementiert, aber die Vorbereitung der Aufnahme einer italienischen Kriegsanleihe in Pa­ris deutet doch darauf hin. Der Austritt Italiens aus dem Dreibund würde b-e Erneuerung des Bünd­nisvertrages zwischen Deutschland und Oesterreich nicht berühren. Es ist schon verschiedentlich in Deutsch­land, zuletzt noch vom Fürsten Bülow, ausgesprochen worden, daß es auch obne Italien geht. Es käme dadurch nur mehr Klarheit m daL..Btwdmsverhätt- niS.

In England hat man wieder einen deutschen „Spion" festgenommen. Den Kapitän eines Handels­schiffes, namens Grosse. Aber auch damit hat man ebenso wenig Glück gehabt wie mit dem Hochstapler Schultz und der harmlosen Affäre des Mamzer Lcut- aanis Helm. Grosse ist fein deutscher Offizier, son­dern ein Kapitän Reinerer Handelsschiffe, der schon jelnen Teil seines Lebens im Gefängnisse verbracht hat. Diese Spionageaffäre — Grosse soll in dem englischen Kriegshafen Portsmouth spioniert haben — toirb wohl genau so auslausen, wie dir anderen gegen deutsche Spione.

Im T r : p o l is kri e g haben die Italiener einen wirklich bedeutenden Erfolg zu verzeichnen ge­habt. Sie haben die Türken ans der Oase Mn Zara vertrieben. Merkwürdig ist mir, daß die Türken diese ihre Niederlage zivei Tage früher meldeten, als die ßtaliener ihren Sieg. Die Italiener behaupten, durch die Einnahme dieser Oase den Weg in das Innere von Tripolis frei zu haben. Ain Zara sei die wich- tigfte strategische Stellung der Tücken gewesen, da bort alle großen Karawanenstraßen zusammenlaufen, bie von dem südlichen Fezzan nach dem Meere führen. Die Tücken seien damit vom Meere und somit von je­der Zufuhr abgeschlossen. Diese italienische Rech-

köftUche Rechnungen, die mir $u gegebener Zeit dem Zentrum rräfentieven werben *

Die ,Konst. Ztg." weih bereits nicht mehr, war für ein Beispiel sie »och vor wenigen Tagen ab­druckte. Sie will es den „Konst. Nachrichten" übel nehmen, daß diese von Schnaps, also Trinkbrannt- mein, schrieben, während doch von Weinsprit die Red« gewesen sei, der, so sagt sie, „doch täglich in jeder Haushaltung gebraucht wird".

Die „Konst. Ztg." rettet sich damit nur noch tiefer hinein. Denn 1. hieß es in dem Ge­schichten der „Konst. Ztg." aus Masurien ausdrück­lich von der Frau: „Daraus wollte sie ihm (ihrem Mann) auch wieder einmal einen Schnaps kau­fen." Die ,Lonfl Ztg." weih also nicht einmal mehr, was sie zwei oder drei Tage vorher schrieb, 2. täuscht sich aber die «Konst. Ztg." sehr, wenn sie sich mit Weinsprit, insofern er zu Pntzzweckrn und anderem im Hans täglich verwendet wird, her­ausreden will. Sie fällt mit ihrem Schwinde! um so gründlicher herein. Im Gesetz heißt es nämlich:

.Von der Steuer betreu ist: 1. Branmwem, der auigeiübrt wird. 2. Branntwein, der zu gewerb- l blichen Zwecken emichkeßkck der Eisigberettung zu Putz-, Heizung?-, Koch- und BelenchtungSzivecken ver­wendet w'rd tc. . . .*

Also die unwahre Ausrede der „Konst. Ztg. führt dieses Blatt, das jenen Schwindel erfunden hat, nur ganz i n den Sumps. Denn der Weinsprit, der täglich im Haus gebraucht Wird, zahlt weder 1,25 Mk. noch 1,05 Ml. an Steuern; er zahlt gar keine Steuer. Also müßten an jenem Exempel aus Masurien nicht bloß 20 Pf., sondern sogar 31 Pf, b. h. fast bie Halste abgezogen werden.

Aerger kann man sich nicht mehr durch Un­kenntnis und Sucht, den Steuerschwindel zu bestrei­ten, blamieren, als es hier das liberale Blatt tut, das jenes unglaubliche 1,57 Mk.-Schwrndelplakat zu verantworten hat. Rur, um unfern Lesern einige vergnügte Minuten zu bereiten, zum Schluß noch folgenden Passus aus dem liberalen Blatt:

.Es fdieint danach . . ., dad bie .Konst. Rachrt bislang zu Embalagezwecktn bei Stinktieren verwende« worden sind. Dabei ereign«« sich läaiich Blutvergiftun­gen, sowie ein Stück Fleisch ober «Sfe in dieses „aller christlichste' Organ eingewickett wird. ®ie gütig übrigens das JeNrilenpiprer ist, erhellt auch folgender Vorfall: Im September dieses Jahres fand man tm Walde des Bondanrücks zwischen stemigem Geröll eine lote Kreuzotter, die ans einer Nummer der .Konstanzer Nachrichten' lag. Man konnte sich dieses Phänomen zuerst gar nicht erklären, bis men ouf den Gedanken kam, sich die betreffend« Zeitung nähet anzusehen. Da fand man bann ellenlange Artikel über die gefährdete Religion, den gottlosen Liberalismus, den Botksverräter Schmid usw. Und nun war alles ans einmal klar: Die Schlanae, dieses gitt'ge Tier, Biß in das Nach­richten-Papier. — Wie wundersam es sich doch trifft: Die Scklanae starb an bereit Gift!"

Das Beispiel ist gar nicht schlecht gewählt. ES ist ein sehr gutes Zeichen, wenn eine Giftschlange an einem ZentrumÄblatt stirbt. Wir nehmen das Bild sehr gern für uns in Anspruch. Die Gift­schlange ist der Schwindel, den die Groß- blockpresse mit den Reichssteuern treibt. Dieser Schwindel aber muß zugrunde gehen und geht zugrunde an der wahrheitsgemäßen Auf­klärung, welche die Zentrum Spresfe schasst, wie sich jedermann überzeugen kann: denn die Wahr­heit ist tödliches Gift für Vie giftige Lüge.

6 Nschmaks der 1,57 Mark- Echwttidel.

Die „Konst. Ztg.", die Erfinderin des 1,57 Mk.- Scbwindels, fühlt sich zurzeit weit weniger „schul­denfrei" als der Spitz in Bnschs Max und Moritz. Sie macht hockst komische Anstrengungen, um die Oessentkickkeit über ihren Schwindel hinwegzutäu­schen. Die „Konst. Nachrichten" schweigen natür­lich dazu so wenig, wie andere Zentrumsblätter und da ist es kein Wunder, wenn das liberale Blatt etwas erbost ist auf das Konstanzer Zentrumsblatt. Welchen hochfeinen Ton sie sich dabei angewöhnt hat, zeigt z. B. folgender Erguß in Nr. 325 der ,^onft. Ztg.":

„Die .Konstanter Nachrichten', das Stinktier und bie Krenzokker: eine Parabel. Die bewußten 1,57 Mk. macken den ,Konkt. Nachr/ augenscheinlich schwere Pein, sodaß sie bie ganze Kunst Loyales anwenden, um in lübnen Werbungen ttnb Zahlenjongleurkunststückchen über die feststehenden Ziffern und Tatsachen hinweg- zukommen. Unter einem Schwall von Worten eska« mutieren sie mit einzelnen Begriffen umher, setzen ein» s.>ch statt .Weinsprit", der doch täglich in jeder Haus- baltimg gebraucht wird, .Schnaps" und bergt mehr. Die charakteristische Erzählung von der armen Frau in Masurien, bie bei einem Einkauf von 1 26 Mk. 68 Pfg. . Zeiurumsliedesqaden' bezahlt, bringt das fromme, ehr­liche Blatt nicht, denn selbst die Treuesten der Getreuen, sofern sie noch denken können, würden wohl darüber stutzig werbe«. Habeant sibi! Wir baden noch mehr

Unpolitische Zettlause.

N. Berlin, 7. Dezember 1911.

^Nachdruck verboten.)

Beinahe hätte es im vorigen Sommer einen -cirg gegeben- Rachrägttch wird der Abgrund, an dessen Rande wir dahmgawandckt sind, recht hell be­leuchtet Unser Reichskanzler hat in feiner letzten •liebe sich auf die Enthüllungen de? englischen Abge­ordneten Faber berufen, und damit deren Glaub­würdigkeit bescheinigt. Rach Faber stand England mif dem Sprunge, loszuschlagen. Die englische Slot!« sollte unsere Kriegsschiffe und unsere Häfen -bersallen, und um dm Franzosen bet dem Kampfe gegen unser Landheer zu helfen, wollte England noch 150 000 Soldaten herüberschicken. Beinahe wäre es zum Schießen und Hauen gekommen, aber Int letzten Augenblick schreckte man doch zurück. Die französische Regierung hatte Angst vor dem überlege- nön deutschem Landhoer, die englische Regierung mußte erkennen, daß es mit bet Kriegsbereitschaft ihrer vielgepriesenen Flotte doch sehr mangelhaft be­stellt war. „Ra, denn nicht" sagt der Berliner.

Eigentlich geht uns hier die Politik nichts an; doch darf man an den Zwischenfall wohl einige un­politisch« Erwägungen knüpfen.

; «Dar Wörtchen „beinahe" spickt auch im ge­wöhnlichen Leben eine große Rolle. Wenn ich auf meine Vergangenheit zurückblicke, habe ich wenig- Renf ein Dutzend mal onSmfen können: Beinah« pätte ich Hal? und Beine gebrochen! Und jedesmal, wenn ich meine unversehrten Gliedmaßen abgezählt hatte, hecke ich mir vorgenommen, künftig recht vor- ftthtig, noch vorsichtiger zu sein. Die wiederholten Vorsätze konnten aber die wiederholten Krisen nicht verhindern. Acksnlich war ich oft nahe daran. In di« Möglichkeit ärgerlichen Geldverlustes oder eines verhängnisvollen Streit« zu kommen. Beinahe wäre er mir schlecht ergangen, aber es ging immer Hoch besser, als ich es verdient hatte, und die gute Lehre, die ich cuS der überwundenen Gefahr ziehen Ltovke, war schnell vergessen.

Wir wandeln im Grund genommen fortwährend am Rande einer Abgrundes. Aehnlich dem Mond­süchtigen, der auf der Dachrinne spazieren geht. Jeden Augenblick kann uns ein scheues Pferd ober ein steuerloses Automobil über den Haufen reimen, , jeden Augenblick kann uns ein toller Hund beißen, . ein nxihnfinniger Mensch aiederstechen, cm fallender Blumentopf oder Dachziegel totschlagen. Jeden Augenblick können wir aus einem Obstreste ausglet- . ten, über ein Sternchen stolpern, um uns im Fallen i den Schädel zu zerschlagen- Und wenn wir uns selbst für noch so klug halten, wir können doch jeden Augenblick eine Dummheit begehen, die uns in Teu­fel? Küche bringt. Das Unheil lauert rings umher in diesem Jammertal, und das Unheil hat seine Helfershelfer in den Naturkräften, in der lebenden Umgebung und in deinem eigenen mangelhaften Innern. Wer durch alle die Gefahren bisher mit einem blauen Auge hindurchgekommen ist, der soll dankbar sagen, daß «t mehr Glück al? Beistand ge­habt habe.

Es gibt Leute, die noch immer von einem Angst­schauer befallen werde«, wenn sie an die Lage zurück- denken, wo es ihnen beinahe schlecht gegangen wäre. Sie gleichen dem Reiter, der unwissentlich über den gefrorenen Bodenfee getrabt war und schließlich am sichere« Ufer vom Herzschlag getroffen wurde, aU et erfuhr, wckch eine fürchterliche Eis- Partie er gemacht hat. Die nachträgliche Angst kann nichts mel)c nutze«. Wohl aber ist die nachträgliche Gewiffensecforfchung am Platze Wer glücklich au? einer schweren Gefahr entronnen ist, gleicht jenem Angeklagten, zu dem der Richter sagt: Du bift frei* gesprochen, aber tue «8 nicht wickletl In der Regel haben wir selbst eine gewisse Schuld an der Gefahr gehabt. Wir sollen vorsichtiger, geschckdter und ge­schickter werden. Aber wir sollen den Kopf nicht hängen lassen und die Hände nicht in nachträglicher Verzweiflung ringe*. Da gilt für den Einzelnen dasselbe, was der Reichskanzler vorgestern dem ganze« Volke zuries:

„Wir sind durch eine schwer« und ernste, durch eine bedrohliche Zett hindurchgegange«. DaS hat das «aU

richtig gefühlt. Möge es jetzt auch klar erkennen, was es sich' selbst schuldig ift. Das ist weder Niederste» schlagenbeit, noch herauSwrdernber Hochmut, sondern kreier Blick, kaltes Blut, ruhige Kraft und feste Einig- jeit in groben nationalen Fragen."

Für den letzteren Ausdruck kann der Einzelne setzen: feste Entschlossenheit zur treuen Erfüllung aller Pflichten! — Wer den geraden Weg der Pflicht­treue wandelt, der vermeidet einen großen Teil der Gefahren, und wenn er von dein Rest der Gefahren getroffen werden sollte.so hat er wenigstens das tröst­liche Bewußtsein, daß seine Ehre und seine Seligkeit nicht getroffen werden können. — Ein gutes Gewissen ist nicht bloß eilt süßes Ruhekissen, sondern auch ein Schutzpolster vor den empfindlichen Teilen unseres eigenen Ich. —

Das Wörtchen „beinahe" wird häufig auch mit einem herben, klagenden Tone ausgesprochen- Beinahe hätte ich das heißersehnte Zick erreicht, bei­nahe die Braut heimgeführt, beinahe den großen Ge­winn gemacht, beinahe die erstrebte Ehrenstelle errun­gen, beinahe die schlechte Gewohnheit überwunden ufw. Es fehlte nicht viel an dem Erfolg, aber es fehlte etwas, und so ging dir Sache in die Brüche. Zwischen Lippe und Kelchesrand schob sich bie rauhe Schicksalshand. Beinahe hätte ich jubelnd triumphie­ren können; jetzt muß ich klagen und verzichten. Das ist bitter. Aber ich bin nicht bet erste, dem ba8 pas­siert, und auch nicht der letzte. Da? Jammern hilft nicht. Wenn es jetzt beinahe geglückt wäre, so kann es doch im nächsten Anlauf vollständig glücken. Allo frisch sich auftappeln und nochmals sein Heil versu­chen! Wahrscheinlich lassen sich einige von den Klip­pen und Strudeln, die dem Schiff gefährlich wur­den bei her zweiten Fahrt vermeiden. So lange man lebt, ist noch immer etwas zu erreichen. Im äußersten Falle wenigstens noch eine selige Sterbe­stunde und das ist schließlich das allerbeste. Nur muß sie wi rklich selig feig. nicht beinahe. In diesem Punkte wäre es beinah« gleich einer unver­besserlichen Null-

Warum wäre es bett« im letzten Sommer beinahe zu einem schrecklichen Kriege gekommen? Weil Eng­

land mißgünstig war. Die Engländer marschier­ten lange Zeit an der Spitze der Industrie; sie ärgern sich über den Aufschwung der deutschen Industrie, die ihnen hi manchen Punkten schon überlegen ist. Die Engländer hatten von altersher den Welthandel in Händen und find jetzt noch da? erste Handelsvolk; aber der deutsche Handel ist ihnen arg auf die Fer­sen gekommen und hat ihnen im geschäftlichen Wett­bewerb schon manches Feld abgerungen. England hat eine Unmasse von Kolonien; aber das bißchen Kolonialbesitz, das sich Deutschland in dem letzten Menschenalter mit Mühe und Not errungen hat, ist ihnen doch ein Dorn im Ange. England hat eine übermächtige Flotte; aber es kann nicht leiben, daß Deutschland auch feine Flotte ausbaut. England iss in feinet Wehrkraft zu Lande wett zurückgeblieben hin­ter den großen Festlandmächten, während Deutschland anerkanntermaßen da? stärkste Landheer m der Welt besitzt; das ist den Engländm unangenehm, und sie sähen es gern, wenn Frankreich oder Rußland in bie deutsche Heeresmacht einige Bresche legten. Schön sind solche Gedanke« und Gefühle nicht, aber sie kom­men vor unter Menschen, die das Wort „ich" groß schreiben. Mißgunst und WettbewerbS'neid stützten leicht zu Mißverständnissen, Vorurteilen, Feindselig­keiten und Konflikten. Auch im privaten Leben.

Der edle Mensch soll sich nicht ärgern, wenn es dem Nächsten ebenso gut oder auch besser geht, wir ihm selbst. Aber man wird doch leicht verdrießlich, wenn man ficht, daß das Konkurrenzgeschäft flott geht, daß das Getreide auf dem fremden Acker besser steht, daß andere Leute die Erfolge einheimsen, nach denen Wit vergeblich gestrebt haben Der gelbe Rckd ist häßlich und töricht, aber leider nicht selten. Wenn wir uns in Frindsckigkriten gegen den erfolgreichen Mitmenschen htneinarbckten.fo bringt uns das Aerger und unter Umständen Gewähren; denn der Beneidete läßt sich Beleidigungen »der Angriffe nicht ruhig ge­fall»«. Klüger ist eg, wenn wir den erfolgreiche« Nächsten uns zum Muster nehmen. Ihm glückt eS; warum soll es un? nicht glücken, wenn wir es nut geschickt anfassen trab kräftig betreibe«? Raum für alle hat die Erd«, und «in Blätzchen an der Sonne