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Jß 281.

8. »ejemler VHt

58. 3aqrga«g.

* Tuldaer M Zeitung

2. Blatt.

vr»ck mw> Verlag der Suita« Xcfieitbnicfertf in $Ml»c

Amt Geisa und Umgebung.

♦ Dermbach, 7. Dez. 1911. Eine Kommission der Eijenbayndrrekrwn in Eriurt bereiste heute irüb Vie Feldabahn, um in Diesorf eine Jnaugen»

Mahr regte in betreiben Versammlung an, die Gemeinde möge an die Anlegung einer elektrischen Beleuchtung herantreten, wofür der Redner großen Beifall erntete. Hoffentlich wird es nicht mehr lange dauern, bis bte Anlagen fertiggeftellt sind. Damit Weidenau in die Reche der Mustere örfer des Kreises Fulda gestellt werden kann.

• Schlitz, 5. De». 191L Einen Kostenaufwand von etwa 35000 Mark Hai die Herstellung der neuen Kreisstraße von Pfordt nach Frauromdach ver» ursacht. Die Gelände-Enoerbskostcn Mein betrogen einschließlich der Vermeffungskosteu 7463 Mark, wo­von 4520 Mark auf ersteren, 2943 Mark auf letzteren Ort entfallen. Die beiden Gemeinden rechnen auf einen namhaften Staatszuschuß.

* Aus dem Sdmgrunde, 6. Dez. 1911. Entgegen den früheren ReichsiagswaVen werden wir In unserem Sinn gründe diesmal anscheinend auch mchr in den Wahlkampf gezogen- Seitens des liberalen Wahlkomitees wurden schon Flugblätter, in welchen die ,Un« und Greueltaten des Zentrums' aufgezählt sind, verteüt. Wahlversammlungen in den einzelnen Ortschaften sind auch schon projektiert. In unserem bäuerlichen, von noch sueng konservativem Geiste durchdrungenen Bezirke, dürste für eine links­stehende Patel wenig zu holen sein. Dies beweisen übrigens die früheren Wahlen. »Nur Zentrum' ist bei uns Trumpf!

* Hanau, 7. Dez- 1911. Gestern abend fiel dem 21 Jahre alten Rangierer Heinrich BrenneiS aus Klein-Ostheim am Ojtbahnhof hier beim Koppeln zweier Güterwagen, von denen der eine mit Briketts geladen war, die Koppelwand dieses Güterwagens auf den Kopf und zirka 15 Zentner Bri­ketts stürzten über den Schwerverletzten. Brenneis wurde in das Krankenhaus gebracht, wo er ver­starb.

* Wiesbaden, 7. Dez. 1911- An den Berliner Graf Metternich-Prozeß erinnert die Ge- richtsverhmdlung gegen den 29jährigen Joseph Graf Spiegel zu Diesenberg-HauSleben, ein Mitglied des Uradels im einstigen Fürstentum Pa­derborn, der in Puchern bei Eilli als Sohn des Gra­fen Kurt Spiegel, Kammeroorstehers des Erzherzogs Ludwig Viktor, geboren ist. Er hatte sich gemein­sam mit dem schon vorbestraften Leutnant a. D. Lud­wig Böck wegen Betrugs zu verantworten. Den beiden Angeklagten werden betrügerische Manipula­tionen mit Juwelen zur Last gelegt. Sie erwarben sich Ringe, Armbänder, Boutons mit kleiner An­zahlung und macksten die Beute sofort wieder zu Geld- Ebenso wie der junge Graf Wolff-Metternich, sollte auch Graf Spiegel reich verheiratet werden. Der Staatsanwalt beantragte gegen Graf Spiegel wegen zweier BetruSfälle und eines BetrugsversuchZ in Wiesbaden u. Main; 6 Monate Gefängnis, gegen Böck wegen 5 Betrügereien in Wiesbaden, Mannheim, Han­nover und Hameln ein Jahr Gefängnis. Der Ver­teidiger des Grasen Spiegel wies daraus hin, daß der Graf erblich belastet fei. Graf Spie­gel habe sich außerdem aus die Heirat mit der 4V. Millionen reichen Braut Mercedes aus London sicher verlassen. Der Angeklagte Graf Spiegel wurde zu 4 Monaten und Bock zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis verurteilt.

* $»m Eichsselde, 6. Dez. 1911. In der Gene­ral - Versammlung D:8 Kreis - Fischerei- Vereins zu Heiligenstadt fand im Anschluß an die Verlesung des Jahresberichtes eine sehr lebhafte Debatte statt über die Verunreinigung der Flußläuse durch die Kali-Industrie. Landrat Dr. von Christen und Landtags - Abgeordneter Heine hoben bei diesen Erörterungen hervor, daß die anfblüheude Kalii-Jnduftrie des Etchsieldes und auch andere In­dustrien gefördert w rden müßten, aber Rechte und Interessen anderer dursten dabei doch nicht verletzt werden. Durch die überhand nehmende Verunreini­gung der Gewässer würden Leben und Gesundsten der Menschen und Tiere gefährdet, und es sei daher die Pflicht der Behörden, diesem Uebekstaude ener­gisch entgegenzulrelen.

Aus dem Nachbargebieie.

00 Weidenau, 6. Dez. 1911. Wie schon in einem früheren Artikel der „Fnlv. Ztg." berichtet wurde, sind durch den Bau der Wasserleitung für die Ge­meinde Hauswurz fast sämtliche Brunnen in hiesiger Gemeinde ausgetrocknet. Die hiesige Gemeindever­tretung hat am 30. Roo. einstimmig beschlafen, so­bald wie möglich gleichfalls zum Bau einer Wasserleitung zu schreiten. Der erste Schöffe

Lokaler.

Fulda, den 8 Dezember 1911.

(*) Eine regelmäßige Sitzung der Stadwerordneten- Bersammlung findet am Msntag, den ll. Dez. 1911, abends 71/» llhr. statt mit folgender Tages- Ordnung: 1. Etat der O-errealschule für die Jahre 1912/1914 und Anerkennung der sür Leistung des Staatszuschuffes gestellten Bedingungen. (1. Bericht- rrstaiter Schultheis, 9. Berichterstatter Vollmer.) 2. Verpachtung der Wirtschaft im Orangeriegedäude. (Änbfam.) 3. Verpachtung der Schlachlhof-Wirt- schaft. (Kapp.) 4. Lösschungs- und Freigabe-Urkun­den. (Singer.)

—* Der Laudesausschnß beschloß in seiner letzten Sitzung, beim Kommunaltanviag die Wiederwahl des jetzigen Landeshauptmanns Frbrn. Riedesel zu Eisenbach, dessen Amtsperwde abläuft, zu beantragen.

* Das voraussichtliche Wetter des Dezembers. Im Dezember, wo die Sonnenhöre ihren niedrigsten Stand hat, pflegt die Mitteltemperatur in den Tälern auf 0 Grad, auf den Höhen auf — 2 Grad zuj sinken. Nachmittags erreicht das Thermometer in den Tälern durchschnittlich nur 2 Grad, auf den Bergen nur 1 Grad. Nachts pflegt das Thermo­meter in den Tälern durchschnittlich 2 Grad, ans Bergen 3 Grad unter den Gefrierpunkt zu sinken. Frosttage halber >« Derember Durchschnitt in den Tälern 19, auf den Höhen 24 auszuweilen, Erstage, an denen die Temperatur den Gefrierpunkt auch mittags nicht Übersteigt, in den Tälern 8, auf den Höhen 13. Die Zahl der W nternächte, in denen bte Temperatur unter — 10 Grad sinkt, beträgt in den Tälern 2, auf den Höhen 3. Die Abnahme der Temperatur ist bis in die Mitte des letzten Drittels hinein eine stetige und langsame. In den letzten Tagen des Monats pflegt dagegen die Tempe­ratur im viklfährigen Mittel wieder von — 1 Grad auf fast 0 Grad zu steigen. Am häufigsten sind im Dezember die Südwenwmde (27 Proz.), dem­nächst die Nordost winde (17 Proz) Die Bewölkung ist im Dezember überhaupt am stärksten (80 Proz. deS Himmels). Ter Dezember hat im Mittel nur 8 heilere Tage, dagegen nidjt weniger als 19 trübe ausznwfisen. Auch pflegt in normalen Dezember» an 19 Tagen Niederschlag zu fallen. Die N ieder- schlagShöhe beträgt in den Tälern 53, auf den Bergen 68 Millimeter im Durchschnitt. Im Mittel pflegen die Täter an 8, öte Berge an 15 Tagen eine Schneedecke tu besitz n.

* Weihnachtsurlauber und Schnellzüge. Aus An­laß des bevorstehenden WeihnachtsurlaubeS hat das Kriegsminffterium jetzt darauf hingewiesen, daß die sanft zu Urlaubsreifen freigegebene Benutzung be­stimmter Eil- und Schnellzüge auf Militärfahrkarten jn der Zell vom 21. Dezember bis 4. Januar nur ausnahmsweise gestattet ist. Diese Aus­nahme findet statt vom 21. bis 23. Dezember, wenn bet Urlaub höchstens 8, bei Unteroffizieren 14 Tage dauert und die Strecke mehr als 300 Kilometer be­trögt. Die Glücklichen, die einen längeren Urlaub '"erhalten, werden dem Kriegsminister wirklich nicht gram sein, wenn sie auch „Bummelzug" fahren müssen.

§§ In der Kriegsmarine-' uskiellnng tft auch ein Vertreter her ueueuen Ltnienickiffsi lasse, em deutscher Dreadnought vorhanden, das Linienschiff „West­falen", ein Vertreter jener Riesenpaiiprichiffe, rote sie aus den Erfahrungen des russuch-japanischen Krieges hervorgegangen sind. Auf Gründ vieler Erfahrungen stellt man statt 4 schwere Rationen deren 12 auf, und 12 Riesen,eschütze, — je 2 in einem Panzerturm hat auch „Westfalen", das Flaggschiff der Hochseeflotte. Das Schiff hat auch Kanonen mittleren und kleinen Kalibers, sowie Torpedos, aber diese Waffen haben nur eine Nebenbedeutung. Es ist das erste Mal, daß ein „Fürchte nichts" in einer Ausstellung gezeigt wird.

Sie Mer des Mußten.

15] Roman von Adele Böttcher.

8.

Orlando verbringt nach jenem Fest in der Villa Fortuna eine unruhige Nacht. Er weiß, er handelt unrecht — sowohl an Graziella wie an Sonja.

Hundertmal wiederholt er sich: „Graziella allein ist die richtige Frau für dich!" Und hundertmal flüstert eine verlockenoe Stimme in seinem Innern: ,®ett an Sonjas Reize, an ihre herrliche Gestalt, ihre wundersamen Augen!"

»Ich muß mich entscheiden", sagt er sich endlich unmutig. „Es ist ein Unsinn, wie ein Esel zwischen zwei Bündeln Heu zu stehen. Aber wie, wie?"

Ta macht fein Bat«, der den Gemütszustand deS Sohnes ahnt, seiner Unschlüssigkeit ein Ende. Er erteftt ihm den Auftrag, nach Paris zu fahren, um dort für ihn eine wichtige Angelegenheit zu eriebigen.

Freudig sagt Orlando zu. Während feiner mehr­wöchigen Abwesenheit vsn Rom wird er sicher mit sich ins Klare kommen uni) einen festen Entschluß gMßt haben.

8m Nachmittag rettet er noch einmal nach Fräs» catt hinaus.

Er trifft Graziella allein auf der Terrasse und bemerkt sofort, daß sie auffallend bleich ist. Herzlich streckt er Gr die Hand entgegen.

„Ich komme, um Abschied M nehmen, liebe Gra­ziella. Ich reise morgen nach Parts — für ein paar Wochen —"

Sie scheint gar nicht überrascht zu fein.

„Warum geM du fort?" fragt sie müde.

„Ich — ich soll eine Angelegenheit für meinen Vater ordnen."

„So, so. — Ist das der einzige Grund?"

Er wendet den Blick zur Seite und zögert mtt der Antwort.

Ein wehmütiges Lächeln zuckt um ihre« kleinen Mmd.

„Hast du die Prinzessin heute schon gesprochen, Orlando?"

„Nein."

Sie blickt ihn an- Ihre klaren Augen scheinen in seinem Herzen lesen zu wollen.

„Aber du wirst sie noch sprechen, bevor du gehst?"

„Hm, lieber nicht. — Wozu auch —"

Jetzt ist e8 mtt Grazieklas Selbstbeherrschung zu Ende.

„O, Orlandok" ruft sie, mit Mühe das ausstei­gende Schluchzen zurückhaltend. „Ich weiß, was in dir vorgcht. Em ganz anderer Grund treibt dich fort."

„Graziella!"

„Sag nichts dagegen, Orlando! Sich, du weißt ebenso wie ich, daß wir von Kindheit an für ein­ander bestimmt waren. Ich schäme mich nicht zu gestchen, daß ich dir gut bin und daß es mein höch­ster Wunsch war, deine Liebe zu erringen. Aber —

Schluchzen erstickt ihrs Stimme.

Mit abgewandtem Gesicht steht er da. Das offene Bekenntnis ihrer Neigung zu ihm schneidet ihm in die Seele.

„Liebe, kleine Graziella —", sagt er weich ■— „du weißt, ich bin nie ein stacker Charakter gewesen. Immer fremden Einflüssen leicht zugänglich- Habe nur etwas Beduld mtt -nirk Alles toiri) noch gut werden —*

Heftig schnttckt sie den Kopf.

„Rein, nein! O Orlando, mein lieber Freund, mein Jugendgespiele, Held meiner bildlichen Träume — fei offen gegen dich selbst! Du darfst dein Herz ohne deine Hand nicht verschenken — ebenso wenig, wie deine Hand ohne dein ganzes Herz. Meine Selbstachtung verbietet mir, fernerhin je anders an dich zu denken, als an einen lieben Freund. Aber — ich bitte dich, Orlando: geh nicht fort, ohne Sonja sprachen zu habanl"

UebertzeugmrgsvAst, leidenschaftlich, beschwörend fließen die Worte von den Lippen des tieferregten Mädchens.

ickeinnahm« bei Terrains vorzunehmen, woselbst die Anlage einet 1 Kilometer langen AnschlnßgeleiseS für daS Basaltwerk der Firma Leimbach u. Co. geplant ist. Hoffentlich find sich die Herren auch einmal klar geworden über die Unzulänglichkeit der BerkehrSverhäl kniffe auf der Felda bahn.

]:[ Seift, 7. Nov. 1911. Der Markt war heute nur schwach befahren und besucht, da wegen ver Maul- und Klauenseuche kein Viehmarkt ab» gehalten werden konnte. Es ist das ein schwerer Ausfall für die zahlreichen hiesigen Geschäftsleute, da der WeihnachtSmarkt immer lehr betucht wurde.

]:[ Geist, 7. Dez. 1911. In der letzten Volks- Vereinsversammlung, die der Herr Prälat selbst mit einer kurzen, markigen Ansprache eröffnete, hielt Herr Volksvereinssekretär Frank einen längeren Vortrag über die neue Reichsversicherungs- ordnung. Er führte besonders an die wichiigsten Neuerungen und Verbesserungen, bte am Gesetze gemacht wurden. Herr Frühmeffer Raab sprach »odann noch einige Worte über die sogenannte Jnftriorität der Katholiken und knüpfte daran einige beherzigenswerte Winke und Ermahnungen an die anwesenden Männer, wie jeder sein Test zu der Be­seitigung der „Inferiorität" beitragen konnte. Der Besuch von auswärts war gut. Die Geisaer Be- vötkernng bäl'e kick besser beteiliaen können.

* Aus Thüringen, 7. Dez. 1911. Der erb groß­herzoglich Reuß'sche Oberleibjäger Schlüter hat sich in G era vor dem Hause seiner Braut aus Eifersucht erschaffen. — Das Schwurgericht m Gera ver­urteilte den Maurer H. Buhmann aus Möschlitz i. V. wegen Raubmordes zum Tode. — Jn K1 oster ’H 11 e n b o t f bei Salzungen ist solcher Wassermangel, daß die Orsbewohner genötigt sind, Wasser aus der Werra zu schöpfen.

Aus Gberhessen u. den Hess. Remtern.

—: AuS Oberhcssen, 6. Dez. 1911. Der Volks- vereinssetrelär Gotthard aus Frankfurt a. M. bereist in dieser Woche sämtliche kath. Ortschaften Oberhessens und hält überall stark besuchte Volks- oereius-ttersammlungcn ab. Den Schluß w rd am nächsten Sonntag abend 8 Uhr die. Stadt Neustadt machen. Da gerade hier die verschiede­nen Parteien bte äußersten Anstrengungen machen, oie Zentrumsstimmen sür die bevorstehende Reichs­tagswahl emzufangen, so soll hier die Versammlung in der Form einer Zentrnws - Wahlvertamm - tung stattfinden und bei der enormen Wichtigkeit der bevorstehenden Entscheidung sind alle Zentrums- wähler der Stadt Neustadt dringend eingeladen, sich an dieser Versammlung zu beteiligen.

8. Kirchhain, 7. Dez. 1911. Die diesjährige Viehzählung batte folgendes Ergebnis: Es sind hier insgesamt 361 (352) Gehöfte, davon 221 (233) mit Viehstand und 227 (241) mit viehhaltenden Haushaltungen vorhanden. Die Zahl der Pferde beträgt 164 (179), der Rinder 573 622), der Schafe 699 (765) und der Schweine 748 (843). Tie Zahlen tu Klammern zeigen das Ergebnis der vorjährigen Zählung an.

* Ziegenhain, 7. Dez. 1911. Ein Mietstaler- Schwindler hat in der Ziege- Hainer Gegend eine Anzahl Landwirte hereingelegt. Der Betreffende gab an, aus einem Orte in der Nähe von Fron- Haufen zu fein. Vielleicht handelt es sich um einen leit langen Jahren in diesem Fach gerichtsbekannten Spezialisten.

(!) Schröck, 7. Dez. 1911. Bei der Viehzäh­lung am 1. d. Mts. wurden in der hiesigen Ge­meinde gezählt: Gehöfte Übelhaupt 122, nut Vieh­bestand 88, mit Vieh haltenden Haushaltungen 89. Pferde waren vorhanden 89, Rinder 486, Schafe 467 und Schweine 401 Stück.

♦ Treysa, 6. Dez. 1911. Die vvn Seiten des Magisirais veranst tttete Sammlung zu Gunsten unserer notleidenden Armen ergab rund 200 Mark. Dieser Betrag soll in Form von Naturalien am Vorabend des Weihnachlsseftes unter di. Bedrängten verteilt werden.

* Niedenstein, 6. Dez. 1911. Bei der Hubertus­jagd im November besahen sich die Pächter der hl.figen Feld- und Walojagd das neu errichtete Krieger-Denkmal. Es gefiel den Herren so gut, daß sie aus ihrer Veremslasse Ende voriger Woche einen Beitrag von 50 Mark zu den Kosten

„Ich kann mich nicht verteidigen, Graziella", er­widerte er ernst. „Ich kann nur aus vollem Herzen deine Verzeihung erflehen."

Sie streckt ihm beide Hände entgegen und ver­sucht zu lächeln.

„Ich habe dir nichts zu verzeihen, Orlando. Wir können unfern Herzen nicht befehlen. Ich weiß das aus eigener Erfahrung."

Er hält ihre Hände mit kräftigem Druck. Noch niemals vorher war cs ihm so wie in dieser Minute zum Bewußtsein gekommen, welchen Juwel er in der Liebe dieses Mädchens besitzt.

„Höre mich an, Graziella!" sagt er erregt, ihr voll in die Augen blickend. „Wenn ich in drei Wochen zurückkehre — frei von jener Herzensoerirrung, dei­ner Liebe würdiger--nxnbe dein liebes Gesicht

nicht fort! Es ist mein heiliger Ernst — bann ent­scheide, ob du mich) zurückweisen willst! Nicht jetzt!"

Ein flüchtiges Lächeln irrt um ihre Lippen.

„Und Sonja?" fragt sie leise, vorwurfsvoll.

„Wenn du es wünschest, werde ich sie gleich auf­suchen und ihr, sobald es notwendig sein sollte, eine offene Erklärung geben. Aber — ich glaube, ich täusche mich in der Prinzessin nicht; sie ist nicht so weltunecsahren und wird der Sache nicht dieselbe Bedeutung beilegen wie du"

Unb er hat recht.

Der Abschied von Sonja verläuft ruhig und kon­ventionell. In liebenswürdigster Weise wünscht sie ihm „glücklich- Reise" — ohne eine Spur äußerer Erregung.

Rur Graziella bemerkt- das schwache Beben ihrer Lippen unb bei langen, verwunderten Blick, der sei­ner Gestalt folgt, als er sein Pferd besteigt und, den Hut schwenkend, davon reitet. —

Ist Sonja der Abschied von Orlando in Wirk- iichkeft so leicht gefallen? —

Die junge Russin besitzt alle Vorzüge ihrer Landsmänninnen: kühle Sinne und ein leidenschaft­liches Herz, großzügigen Edelmut und opferfreudige gframforitnrfa — ein leuchtende» Gewebe gold- schimmernder Fäden, zwischen denen nur sehr selten

hierher sandten. — Zur Erhaltung unserer Burg­ruine Falkenstein erlassen der Verein für hessische Geschichte und Landeskunde und der Niederhessische Touristenverein in der Novernderuummer der »Tou­ristischen Mitteilungen' an alle Freunde des schönen Hessenlandes einen Ausruf um Beitrage. Bald roexoen, so heißt es u. a. darin, die letzten Trümmer der Burgruine Falkenstein bei Niedenstein verjckwin­den, wenn nicht zur Erhaltung notwrnvige Arbeiten einsetzen.

* Amöneburg, 6. Dez. 1911. In der ,Oberheff. Zeitung' wird die Ansicht ausgesprochen, das gcplnte Elektrizitätswerk der Stadt Amöneburg, der die Brückermühle gehört, lasse sich vielleicht dahin er­weitern und einrichteu, daß die erforderliche Kraft geschaffen werden könnte für einen elektrischen Betrieb der Ohmtalbahn oder doch wenig­stens für die Einsüyrung des äußerst angenehmen Triebwagenverkehrs. Das wäre em schöner Fort­schritt für die Ohmtalbahn, zumal die jetzige Zug­verbindung doch nach jeder Richtung hin unge­nügend ist.

(:) Amöneburg, 7. Dez. 1911. Die Turn- und Spielvereinigung Marburg-Kirchhain wird Samstag den 9. d. Mls. ihre regelmcitzige Mona.soer- sammlung zur bekannten Slunde in der Nordlchule zu Marburg adhalren. Bet dieser Gelegenheit bat Herr Turnlehrer Fncher den Kollegen dezw. Mitgliedern aus dem Kreise Kirchhain besonder- Mitteilung zu machen.

vermischtes.

* Eine jugendliche Verschwörerbande hat in bet nordböhmischon Industriestadt Königinhof be­sonder» die Industriellen zu beunruhigen versucht. Schon seit längerer Zeit erhielten mehrere deutsche Fabrikanten Briefe mit Morddrohrmgeir für den Fall, daß nicht an bestimmter Stelle eine genau bezeichnete Geldsumme erlegt würde. ES gelang, drei junge Burschen, angeblich tschechische Gymnasia­sten, als Verfasser der Briefe festzunehmen. BIS jetzt wurden siebzehn solcher Bürschchen dem Gerichte eingeliefert. Man entdeckte dabet ein nicht unbe­deutendes Lager an Dolchen und sonstigen Mord­werkzeugen. Es wurde festgestellt, daß diese Burschen eine förmliche Veuschwö-r erbau de bildeten unb auf biese Art Gelder erpressen wollten.

* Nach Beendigung ver Bei User Metallarbeiter» Aussperrung ist, obwohl die Wiedereinstetlung der Arbeiter erst für den 11. Dezember verein­bart war, schon am Donnerstag damit begonnen worden.

* Zwei argverfeindete Tagelöhner haben in S Ü m- h i ug in der Oberpjalz so lange auf kinander los- gestockeu, bis jedem der Kämpfenden das Messer im Leibe stecken blieb. Beide find tot. Der eine hinterläßt eine Witwe mit sieben Kindern.

* 75000 Mark unterschlage». Bet der Gas« auflalts-Betriebsgeiellschaft in Moabit bei Berlin sind Unterschlagungen, die nach den bisherigen Fest­stellungen 75000 Mark erreichen, entdeckt worden. Als Täter kommt der Prokurist I. Hampel in Frage, der am Montag mittag die Flucht ergriffen bat. Hampel, der int 48. Lebensjahre steht und Vater von drei Kindern ist, hat das Geld wahr­scheinlich in Spekulationen verlöre». Er galt als Lebemann, der großen Aufwand trieb. Auch war er eifriger Besucher der Rennplätze, auf denen er viel wettete.

* Ein unglaubliches Wahlmauövcr der Sozialde­mokraten glaubt die „Magdeb. Ztg" feftpeKen zu sol­len. JnMugdebvrg-Buckau hat vor einigen Tagen beim Streik in der Hildebrandtschen Fabrik der Terrorismus wahre Orgien gefeiert. U. a. wur­den Arbeitswillige zu Krüppeln geschlagen. Und nun behauptet das sozialdemokratische Organ in Magde­burg mtt großer Entrüstung, die Ausschreitungen in Buckau seien von Berliner Polizeispitzeln inszeniert worden, die im Dienste Kobel ts, des liberalen Kan­didaten für Magdeburg, ständen. Die „Magdeb. Ztg." erklärt diese ganze „Lockspitzel"-Geschichte für er­logen unb als ein ganz niedriges Wahlmanöver der Genoffen.

* Durch vier Instanzen um 30 Pfennige. Wegen Betruges gegen den Eisenbahnfiskus stand der Händ­ler Michalski vor einer Berliner Strafkammer. Der Angeklagte hatte am 27. Februar in Potsdam eine Fahrkarte nur bte Nowawes gelöst. Er fuhr da­mit nicht bloß bis nach Nowawes, sondern weiter

das dunkle Gespinst der Selbstsucht unb der Eitelkeit crbüitert. Durch ein trübes Schicksal ist sie zur Glücksjägerin geworben, die ihre Hauptgedanken darauf richten muß, wie sie am leichtesten zu möglichst großem Wohlstand kommt. Aber niemals würde sie absichtlich das Glück eines andern Menschen zer­stören, um das ihrige auf den Trümmern desselben aufzubauen.

Wenn sie auch für den männlich schönen jungen Marchese Campanellt mehr Interesse fühlt, tote für andere Herren; wenn auch ihr Herz in seiner Nahe rascher klopft — niemals hat sie im Emst an eine Verbindung mit ihm gedacht. Er erscheint ihr zu jung, vielleicht auch zu wenig beständig. Wie die meisten Mädchen, bewundert sie Charakterstärke beim Manne am meisten. Auch glaubt sie in letzter Zeit aus verschiedenen Anzeichen bemerkt zu haben, daß Grazieklas Zuneigung zu Orlando stärker ist, als sie es zeigen will.

Dies alles zusammen bewegt sie, das leise Mah­nen ihres Hetzens zurückzudrängen. Ja, st- begrüßt e? als eine Art Erleichterung, als Orlando kam, Abschied zu nehmen.

Zudem beschäftigt sie seit einiger Zeit der Ge­danke, Arittet über ihren Aufenthalt in Sibirien zu schreiben, wozu ihr der Oberst dringend geraten. Das Giomale d Italia hat ihr bereits ein hohes Honorar für eine Serie solcher Artikel geboten, und Sonja schwelgt in der Hoffnung, durch dieses selbstverdieitte Geld wenigstens teilweise die ihr und ihrem Groß­vater von Edward Morrison erwiesenen Wohltaten abzuzahlen, vor allem aber das T«llehen Bernardo Lungos unb seiner Frau zu rückerstatt en zu können.

Da» Verhältnis, in dem ihr Großvater zu diesen Leuten steht, fängt nachgerade an, ihr unerträglich zu werden. Und wenn sie gewahrt, wie Bernardo» listige Blicke seinem Herrn vertraulich zuzwiukent oder tote hinter RinaZ süßlich devotem Lächeln die kleinen schwarzen Augen unverschämt funkeln — bann möchte sie die beiden am liebsten ins Gesicht schlagen und sie ihrer Wege schicken.

(Fortsetzung folgt)