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Labart gewählt.

LatatisurdruSund Verlag der Fuldaer Ak» tiendrurkrrel in Fulda Fernsprecher Ur. L

Jtf 280. Erstes Blatt.

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Fulda, Donnerstag den 7. Dezember 1911.

38. Jahrgang.

beficb-

ausinacht. Der September, in dem die Notstands­tarife nur kurze Zeit bestanden, hat bereits einen Aus- fall von 1,1 Million Mark gebracht. Diese Zahlen »eben immerhin ein Bild von 'der Bedeutung der Maßnahmen, durch die bke Regierung die Rückwirkung der ungünstigen Witterung auf die Le­benshaltung bemüht war.

+ Tie Finanzresoi miede des Schntziekreims Wer- mnth verursacht den Liberalen nach wie vor heftiges Unbehagen. Das,Berl. Tagebl." behauptet,

iahreS g-brachk. An die Mitteilung war die Bemer­kung geknüpft, daß die Einnahmen beträchtlich höher gewesen wären, wenn nicht die inzwischen emgeftihr- ten N o tsta n'ss t ari fe einen erheblichen Aus­fall gebracht hätten. Nunmebr ist, wie die „Nordd. Allg. Ztg." mittellt, festgestellt, daß der Einnabme- ausfall im Oktober zusammen 3,9 Millionen Mark

tigte am Mittwoch morgen in BreSiau die Uni» versilät und begab stch um 1 Ubr zum Frühstück beim Kardinal Fürstbischof Kopp. Am Abend traf er in Primkenau ein -um Besuche des Her» wgs Ernst Günther von Schleswig - Holstein. — Die Kaiserin ist in Breslau infolge einer Er­kältung erkrankt. Zu Besoronissen liegt kein Anlaß vor. — Dem Kommandanten des Kreuaers .Berlin", des Agadir-Schiffes, Fregattenkapitän Löhlein, ist der Rate Adlerarven 3. Klaste verl'e^-a wo»v-n

X Die Betriebsergebniffe der preußischen Staats-t eisenbahnen im Oktober d. I. haben, wie bereits mit» geteilt, aus dem Güterverkehr eine Mebreinncchme von

begann die Regierung ihre Knövfe zu lockern. Zu­nächst gab Herr b. Kiderlen eine ziemlich trockene Darstellung der Geschehnisse. Hätte die englische Regierung bei der Entgeanung auf diese Enthüllun­gen etwas freundlichere Töne angeschlagen, so würde der Reichskanzler vielleicht gar nicht oder doch nur m verbindlichen Wendungen gesprochen haben. Aber die unbefriedigende, enttä'ffchende Rede Grevs machte eine kräftige Bekundung des Selbstbewußtseins und der deutschen Willenskraft erforderlich, und diesem wahrhaft nationalen Bedürfnisse tat der Reichskanz­ler in vortrefflicher Weise Genüge. Ein Deutscher, der das verkennt und die wirksame Aktion für Deutschlands Ehr und Weltstelkung zu einem Wahl­manöver hercchznwürdigen sucht, hat an sei­nem nationalen Sinn schon argen Schaden gelitten.

zum neuesten Motu proprio des Pappes." Unter dieser Aufschrift bringt bte liberale Presse in unge­rechter Verteilung von Licht und Schalten die ein­gehende Darstellung eines Prozesses, der vor Jahren tu Breslau geschwebt hat. Eine alte Dame halte, wie wir der ,Schles. Volkszeitung^ entnehmen, da ihre einzige Tochter wegen Geisteskrankheit entmün­digt war, also selbst nicht weiter letztwi lig verfügen konnte, und da diese Tochter außerdem mehr besaß, als zu ihrem Unterhaft notwendig war, ihr nur das Pflichtteil vermacht, eine klösterliche Anstalt aber zum Haupterben ernannt und den derzeitigen Fürst- bischof ihr fubstitu-ert. Ter klösterlichen Anstalt wurde die staatliche Genehmigung zur Annahme der Erbschaft versagt, dem Herrn Fürstbischof wurde die Erbschaft bestritten, weil die Erblasserin angeblich nicht zurechnungsfähig war. Der Herr Fürstbischof erkannte letzteres nicht an, ließ sich vielmehr out den Prozeß ein, und zwar pflichtgemäß. Er hielt sich, wie selbst die »Brest. Ztg/ anführt, ,'ilr ver­pflichtet, zur Ausführung des letzten Willens mög­lichst mitzuwirken. Hätte es sich um eine private Zuwendung gehandelt, würde er selbstverständlich entiogt haben. Den milden Zwecken, welche die Eiblaflerin im Auge gehabt habe, dürfe er nichts vergeben." Warum wird nun diese alte Prtvcu- aeschichte eingehend des langen und breiten erzählt? Die liberalen Blätter sagen zum Schluß:

Die Geschichte dieses Prozesses p’bt eine praktische Illustration zur Bedeutung des Motupropno, wie sie treffender nicht sein kann. Wenn Herrn Hauotnmnn L. tdem Pfleger der entmündigien Tochter) die Erhebung der Klage gegen Se. Eminenz von feiten der katholischen KbchenbehLrde unterlagt worden roäie, so wäre er der Exkommunikation verfallen, wenn er dte Klage trotzdem erhob. Wenn er die Kmge aber nicht erhob, so handelte er absichtlich zum Nachteil semes Mündels und machte sich gemäß § 266 Str -G.-B. wegen Untreue einer Ge- längnis»rase (big zu fünf Jahren) schuldig. Daß aber der Papst die Genehmigung zur Anurengung des Pro­zesses gegen den Fürstdiichos gegeben hätte, erscheint ausgeschloffen. Der Papst hätte sich bei seiner Ent- icheidung gestützt auf den gmachtlrchen Bericht eben jenes Fürstbischofs, gegen den der Prozeß angestrengt werden mußte.

Dazu bemerkt die,Schles. Volksztgck:

Wir glauben allerdings auch, daß der Papst bei feiner Emicherdung sich auf den gutachtlichen Bericht

3 Die Kauzlerrede.

Die Rede des Reichskanz ers v. Bethmann-Holl- weg scheint jenseits des Kanals ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Ter Kanzler verstand es, mit feiner Satire den Ton, den der englische Minister des Aeußeren, Sir Grey, in seiner Unt rhcmsrede angeschlagen hatte, na lzuahmen, und trotz aller, säst herzlichen Freundlichkeit den Ätgländern allerlei bittere Wahrheiten zu sagen.

Diese Rede ist — das ist immerhin beachtens­wert — von der englischen Preffe in ruhiger Weise und vielfach in einem für Deuttchland bei­nahe wohlwollenden Tone beurteilt worden. Von einer Aenderiing der englischen Politik wird freilich von feiner der großen Tageszeitungen gesprochen. Es wird im Gegenteil festgestellt.

Mandate, und ein solches Wahlergebnis braucht Seine persönliche Stellung und sein politisches System urchaus nicht zu erschüttern. Im Gegenteil, er wäre aller Wahrscheinlichkeit nach der berufene Staatsmann um den Konflikt mit einer arbettsun- fähigen Grotzblockmehrhett zum Ausdruck zu bringen. Dte Reichsnotwendiqkeit des Schutzzolles gibt ihm einen befonderS starken Rückhalt.

Wenn die liberalen Mandatsjäger durchaus Wahlkünste bei der Regierung entdecken wollen, so sollten sie aus Rücksicht auf das Baterland doch wenigstens die auswärtige Politik aus diesem Spiele lasten. D-ie gute Wirkung der lustreinigen­den Rede deS Reichskanzlers wird beeinträchtigt, wenn man im Anstande Zweifel erregt an dem nachhaltigen Ernst der nationalen Kundgebung.

Hoffentlich find die maßgebenden Kreise in Eng­land und Frankreich klug genug, um zu erkennen, daß das vom Reichskanzler entwickelte Aktionspro­gramm nicht auf einem Wahlpferdefuß steht, son­dern auf den Löwenpranken des Volks- willens, der einmütig alle guten Deutschen vom Schlosse bis in die Hütte beseelt.

Herr Wermuth hab« in feiner „finanzpolitischen Wahlrede mit geheimnisvoller Miene von einem fr äs­tigen Ruck gesprochen, ben wir noch nötig hätten, damit die Hauptarbeit getan fei*. Das Moffeorgan ergeht sich m tiefsinnigen Betrachtungen darüber, was Herr W-rtwtth mit dem „Iräfttgen Rack" gemeint habe. Unter ben Begriff, ment das Blatt, könne allerlei ver­standen werden; daß er auf eine abermalige Auffül­lung des Reichssäckels durch neue Steuern bin« deute, sei höchst wahischemtich, aber es liege nicht der mindeste Grund zu der Annahme vor, daß Herr von Bethmann-Hollweg und lern Fmanzfekretär den reaktio­nären Parteien den Schmerz einer Wiederholung der Nachlaßsteuerforderung antun sollten.

Das ,Berl. Togebl/ sollte sich nur einstweilen beruhigen und sich nicht zu sehr über neue Steuer­forderungen auiregen. Wenn es die Rede des Schatzsekretärs an,merksam gelesen hätte, bann hätte eS sich nicht so übermäßig anzustrenaen brauchen, denn aus dem Zusammenhang der Rede gebt ganz unzweifelhaft hervor, daß Herr Wermuth mit dem kräftigen Ruck nach vorwärts nichts anderes ge­meint hat, alS die aufsteigende Gesundung unserer Reichsfinanzen. Das ,Berl. Tagebl/ ereifert sich daher ganz unnötig, wenn es „erst einmal einen kräft'gen Ruck der Lrähler fordert, damit bte reaktionäre Last abgeschüitelt wird*. Und wenn das Blatt meint, daß dann die Bahn für eine Re­form der Reichsfinanzen frei wäre, so gibt es sich einer gewaltigen Selbsttäuschung hin. Der Libe­ralismus ist absolut unfähig, positive Arbeit zu leisten, und wenn das Zentrum nicht 1909 den von den Liberalen verfahrenen Reichskarren aus dem Sumpfe gezogen hätte, dann säße er wohl heute noch drin.

(*) Kardinal Kopp als Erbe. „Ein Schitlbeispiel

Deutscher Reich.

** Bersin, 6. Dez. 1911. Der Kaiser

zu eine Mißachtung aller Wahlrücksich-,— murr- . - , ., m

t e it. Erst während den Kommissionsverbandlunaen . ? Millionen gegenuber dem gleichen Monat des Bor­

des Herrn Fürftbikchoss gestützt hätte. Aber wir er. achten jeden Zweuet darüber au-gefchlossen, daß bet Herr Fürstbischof selbst gebeten hätte, die Zweifelsfrage zur gerichtlichen Entscheidung kommen zu taffen. Oder itt die Mreslauer Zig/ so mranständig, dies Don einem Manne, wie es der Herr Fürstbischof ist, nicht amu« nehmen? Wie schon mehrfach bewiesen, findet das Motuproprio auf Preußen kein« Anwendung, wie verschiedene Kirchenrechtslehrer eingehend dargetegt haben. Die Leser dec ,i8reSL Ztg.' dürfte es vielleicht interessieren, daß vor einigen Jahren eine Frau Hippe vom hiesigen Magistrat die Herausgabe einer letzt- willigen Zuwendung Ihres Baiers im Klan ewige er» streiten mußte und rechtskräftig erlangt hat, weit der Erblaffer geisteskrank war, ohne daß der Magistrat oeshalb von irgend einer Sette zum Gegenstand einer Preßerörterung gemacht worden wä e.

** Straßburg, 6. Dez. 1911. Heute nachmittag wurden im Kaiserlichen Palast durch den Stall- Halter Grafen Wedel die beiden Kammern des elsaß-lothringischen Landtages eröffnet. In seiner Eiöffnungsrebe bezeichnete der Statthafter die Äeform der direkten Steuer« als dringend not­wendige Aufgabe. Eine weitere Aufgabe wird die Neuregelung deS Besoldungsgesetzes sür die Staats­beamten und die Aufbesserung Der Lehrergehälter sein. In den auf die feierliche Eröffnung folgenden Sitzungen der beiden Kammern wurden vorbereitende Kommissionen für die Geschäftsordnuiig gewähft. Zum Präsidenten der 2. Kammer wurde Ricklin (ßentt.), zum Vizepräsidenten Böhlk (Soz.) und zum 2. Vizepräsidenten Georg Wolff (Freis.) gewählt

= «us Franke«, 6. Dez. 1911. Als Kandidaten für die bayerische Landtagswahl stellten die Vertrauensmänner der Zentrumspartei beS Wahlkreises Brückenau -Bischofsheim an Stelle des Benefiz. Gerber, der kein Mandat an» nimmt, Regieruntzsassessor Ankenbrand-Würz- bürg auf. — Für den Landtaaswahlkreis Kif- singen wurde der bisherige Abgeordnete Hofrat v. Fuchs, Bürgermeister von Kissingen wieder als Kandidat des Zemurms ausgestellt. — Die Ver­trauensmänner - Versammlung des Wahlkreises Würzburg 3 (zweimänn. Kreis) stellte als Land- tagskandioaten die sestherigen Abga. Arbefterfekre- tär Schwarz und Landwirt Reuß wieder auf.

daß die Rede die Beüehnngen zwischen Deutsch­land und England nicht gebessert hat. Einzelne englische Blätter versuchen auch, die Rebe auf Wabltaktik zurückzuführen. So schreibt z. B. die ,Z'.me§': „Der Aittruf an das deutsche Nattonalgesühl war sicherlich und ta fachlich von Wahlgründen geleitet." Offenbar sind diele Blätter von dem Bestreben geleitet, den Einvrnck der kräf­tigen Worte des Reichskanzlers abzuschwächen, indem sie ihre Leier glauben machen, bte deutsche Regierung sei gontirbt jo felbstbewußt und ent» schloffen, wie sie in ihren gegenwärtigen Reden sich gebe, sondern habe sich nur des Stimmenfangs halber das nationale Löwenfell umgehängt, um nach dem 12. Januar wieder im angestammten Lammes- fell einbettigeren.

Leider wird dieser Trick der gegnerischen Aus­landspresse uMerstützt durch liberale Blätter, die sich dent sch nennen. Die „Berliner Volkszeitung" hat sogar das Wort vom „Wahlpferdefuß* geprägt. Was die oppositionelle Preffe da treibt, fft geradezu itv ^eftn es handelt sich nicht bloß um eine grobe Unwahrheit, sondern um eine argeSchädigung

putschen Interessen gegenüber dem Auslände.

Wer nicht ganz verblendet ist in persönlichen oder parterpolittschen Vorurteilen, kann sich der Er- kenutnis nicht verschließen, daß unsere Regierung in der Wahltaktik,eher zu wenig, als zu viel bietet, und insbesondere die Leiter unserer auswärtigen Politik für die Bearbeitung der öffentlichen Meinung ver­zweifelt tvenig Neigung und Talent gezeigt haben. Jedermann weiß doch, daß der Reichskanzler und Staatssekretär v. Kiderlen in der kritischen Sommer­zeit sich bewußt der Gefahr aussetzten, von ihrem eigenen Volke mißverstanden und b e a r g- w ö h n t zu werden. Sie glaubten um des Friedens und ihres hochpolitischen Zweckes willen diese inner- politischen Nachteile in den Kauf nehmen zu müs­sen. Und wie wenig Sinn für Bolksapplans zeigte der Reichskanzler noch vor 4 Wochen bei den ersten Plenarverhandlungen über die Marokkosrage! Sein schroffer Widersvurch geoen die volkstümlichen Aus­führungen des Herrn v. Heydebrond bedeutet aerobe»

Ausland.

* Dem Wiederanlauf der St. Gotthardbah« hat der Schweijer Nationalrat einstimmig beschlos­sen. — Die St. Gotthardbahn ist die einzige schweizer Bahn, die bisher noch nicht zu den Bundesbahnen gehörte. Zu dem definitiven Erwerb dieser Bahn dürfte allerdings noch die Zustimmung Deutsch­lands und Italiens erforderlich sein, da diese beiden Länder an der Gotthardlinie stark interes­siert sind.

** Vertrauensfrage in der ftanzösischen Kammer. In der ftanzösischen Kammer ereignete sich Dienstag am späten Abend ein aufsehenerregender Zwischen­fall Der Abg. Damour von der konservativen Par­tei brachte 6en Antrag ein, die Veröffentlichung des Gclbbuches über Kn Verlauf der Marokkoange- legenheii zu beschleunigen. Jcmrds und Char­les Bewist unterstützten dm Anttag. Minlsterpräfi- dent Caillaux erklärte unter großem Lärm, Gründe der auswärtigen Politik sowie die damit eng verbundene Würde der Kammer widersetzten sich einer Veröffentlichung. Caillaux stellte hierauf dir Vertrauensfrage über ben Antrag Damour. Der Antrag wurde mit 342 gegen 110 Stimmen ab- gclehnt. Der Zwischenfall zeigt, daß cs eine ganze Anzahl Abgeordneter gibt, die ben Augenblick nicht erwarten können, wo es ihnen möglich sein wird, das Ministcrium Caillaux mit Hilfe des Marokkovertrages zu stürzen. Die Regierung und ihre Getreuen toerben nichts unterlassen, um diesen Plan zu durch- kreuzm. Sie wollen unbedingt die zu erwartende heftige Erörtemng der Regiecungspolitik mit bet

Die Hetzer auf der Linken find so in ihre Wahl» spekulalioneir verbissen, daß fte auch anderen an- dichten tooGen, was sie jetzt selbst betreiben, nämlich bie Hintansetzung aller höheren Gesichtspmikte und allgemeinen Interessen hinter die Stimmen- und Mandcrtsjagd. Eie tu« so, als ob auch die Regie» rung bei Tag und Nacht en nichts anders denke, als an den bevorstehende« Wahlgang, und i« hellem» mender Angst bte krampfhaftesten Versuche mache, um dem drohenden Verderben auszuweichen. Wir haben bei der Regierung vom Wahlkampf noch nichts bemerkt, und «och weniger vom Eifer in der Wahlvorbereitung. Sogar die Aufklärunq über die wirkliche Finanzlage und die darin inbcarissene Ver­teidigung der Finanzreform, welche hoch zu den selbstverständliche« Obliegenheiten der Regierung ge­hörte, hat chr erst mühsam abgepreßt werden müs­sen durch die unerträgliche Steigerung der liberalen Verleumdungen. Uebrigens ist auch bei näherem § «sehen nicht recht zu begreifen, warum Herr von ethmann dem Wahlgang mit so viel Zittern und Zagen entgegensehen sollte. Tie größte Gefahr fft das Anwachsen der sozialdemokratischen

Zie Tochter ö es Verbannten.

14) Roman von Adele Böttchcr.

Als sie bie ersten Häuser von Frascati erreichen, will er sich verabschieden. Doch sie mag nichts davon wkssn.

„Ich denke, du warst auf dem Wege nach der Villa Fortuna?"

„Um dich zu sehen, Graziella. Das ist geschehen. Wozu also die so traulich zu zweien verlebte Stunde in größerer Gesellschaft vergessen?*

Sie schweigt, Ihr Blickt sucht den seinen.

Doch er hat sich bereits wieder seinem Rappen zugewandt, um etwas an bim Zaumzeug zu ordnen.

„Dann leb' wohl, Orlando!"

„Leb' wohl, Graziella! — Auf Wiedersehen!*

Er reicht ihr vom Pserd herunter die Hand, In die sie befangen die ihre kcgt.

Dann grüßt er mit der Reitpeitsche, wendet den Rappen und rettet, ohne sich noch einmal umzusehen, in scharfem Trabe bavon.

Graziella stcht M'ftecht in ihrem Wagen und blickt ihm mit schwimmenden Augen nach, wie fr sich wei­lst und wettet von ihr entfernt.

Ein leiser Seufzet entringt sich ihrer Brust. Sie fort das unbestimmt Gesicht, als ob es das letzte Mal war, daß sie und Orl-mdo so harmlos fröhlich miteinander verkehrten. —

Bereits kn den nächsten Tagen soll fte erfahren, daß ihr seines Empfinden sie nicht getäuscht.

An einem bet somttäalichen Empfänge in der Villa Fortuna ist es. Eine größere Anzahl von Gissten aus Rom hat sich eingefunden, um in mun­terster Stimmung nach einem Vorzüglichen Abend­essen dem Tanz zu huloigen.

Auch Drlar.bo ist anwesend, nachdem er, feinem flch selbst gegebenen Versprechen getreu, bie Villa Fortuna während der letzten Tage gemieden.

Schon laden einschmeichelnde Mandolinen- und Sttarrenflänge von der erhöhten Estrade herab zum Men Walzer. |

„Mit wem wird er zuerst tanzen?*

Diese Frage beschäftigt sowohl Sonja wie Gra- ziella. Die großen Sphinraugen der Russin blicken erwartungsvoll auf Orlando, als er mit mehreren Herrn den Ballsaal betritt.

Er bewerft den Blick. Eine Sekunde lang wird St in seinem Vorsatz wankend. Dann tritt er rasch auf Graziella zu.

„Hast du de« ersten Tanz noch frei. Kleine?*

Freudig überrascht lächelt sie ihn an

„Gewiß.*

Arm in Arm gehen sie eine Weile im Saal auf und ab. Doch fiihlen beide, daß die Unterhaltung etwas Gezwungenes hat.

Enolich beginnt dec Walzet. Noch nie hat Gra- Mlla besser getanzt als heute. Wie eine Sylphide fliegt fte in seinem Arm dahin. Er bemerft es kaum. Mit neidischen Blicken verfolgt er Sonjas hohe Gestalt, die an bet Seite des jungen Leutnants Botaoni auf und ab promeniert.

Jetzt lächelt fle ihm beim Vorbeigehen zu — un- mecklich, aber mit einem sehnsüchtigen Ausdruck m den wunderbare» Augen,

Kaum fft der Tmtz zu Ende, so eilt ec zu ihr hin.

„Komme ich zu spat, Prinzessin?'

„Sein. Ich wartete —*

„Auf mich?"

„Auf den besten Tänzer*, lächelt sie und legt ihren Arm in ben seinen.

Während de» nächsten Tanzes vergißt Orlando alles um sich her. Das graziöse Wiegen chres Kör­pers, bet leichte Druck ihrer Hcmb, bet Wohlgeruch ihres Haares, ihr halbverschleierter Blick — alles dies versetzt ihn in eine Art Taumel. —

SIU der Tanz vorbei ist, zieht er sich etwas zurück und übergeht be« nächste» Tanz. Daun fordert er Sonja auss neue auf.

Als er sich endlich wieder Graztellss erinnert und sie engagiere« will, schützt diese Ermüdung vor „St tanzt ja doch nur aus Pflichtgefühl mit mit", denkt fle bittet und lehnt ab.

Schnell benutzt er bte Gelegenheit, um Sonja zu einet Extratour aufjuforbetn

6tn eigenes Gefühl regt sich in Graziella bei die­ser Beobachtung — nicht Haß oder Eifersucht, dazu ist sie zu großmütig — aber ein tiefes Weh, eine Art Lebensüberdruß. Um ihre heißen Wangen zu kichlen, zieht fle sich in die Bibliothek zurück. Er­frischend strömt durch die wettgeöffnetrn Fenster die kühle Nachtlust herein.

An die Fensierbrüsinng gelehnt, blickt sie mit feuchten Augen hinab in den Park.

Sanft säuselt der Wind in ben malerischen Schirmkroneir der Pinien, spielt mit den breiige- zacktm Blätern der Palmen und tänbett in dem dunklen Gezweig der Zypressen, als wollten sie üch träumerisch herabneigen zu den vollerblühten Orchi­deen uit) Tuberosen, bie ihre betaujchei.'deu Düfte hinaufhauchen zu den hohen Gefährten.

Und darüber dec tiefbunfle Himmel, an dem Stern um Stern erglänzt.

Graziella seufzt leise auf. Die große Freude au dem heutigen Abend ist ihr vergangen.

So steht fte lauge Zeit — still, bewegungslos.

Plötzlich bcrcht fle auf. Unterdrückte Stimmen treffen chr Ohr.

„Weich' hccrliche Nacht!*

„Ja, herrlich! "sehen Sie nur den Sternonhim- mel an! IL.u — hören Sie? Da unten die Nnchtigall.n —*

„Die Nachtigallen? Was ist das?"

„Ein Keiner Vogel, dessen Kehle die süßesten Lcedet entPteleu. Kommen Sie mit heraus aus dl- Terrasse, Prinzessin! Mir ist es, als müsse ich da drinnen ersticken!"

Graziella sicht, wie Sonia langsam die Terrasse überschreitet, wahrend Orlando sorglich einen wei­ßen L-pitzenschal um ihre Schustern legt. Dann gehe« beide £‘.e wenigen Stuken hinab kn den Gar­ten. Unten et der Treppe bleiben sie stehen.

Inzwischen ist in ihrer giutgen Pracht bk leuch- tcnde Mondscheibe hinter einer dunkle» Wolke forborgetriten. Magisches Leuchten überflutet die weite, weiß schimmernde Terrasse.

„Ang, yug, yug!* flötet eine Nachtigall im nahen Gebüsch.

Die beiden da unten treten etwas vor, so daß bas volle Mondlicht ans ihre Gesichter fällt. Lau­schend bebt der Mann die Hand und läßt sie plötzlich, wie unter einem gchennen Einfluß, schwer auf die ihreniederf allen.

Sie versucht, ihre Hand fortzuzkehen. Er halt sie um so fester und preßt sie an seine Lippen. —

„Puc — pur — pur — pur —" zittert es in lcinggezogenen, schmekzendeit Tönen aus dem Ge­büsch, gefolgt von jubelndem „Ril — ril — ril — ril — ril — ril —*

Unter dem Einfluß der Poesie bieser wunder- nut'eit Nacht überlaßt ihm Sonja ihre Hand. Ihre Blicke tauchet! in die seinen.

So, Hcutd in Hand, stehen ich beiden schweigend da — lange, lange--

Die weißgekleidete Medcheneestalt dort oben hin­ter dem Fenstervorhang ber Bibliothek bewegt sich nicht. Kein Laut, kein Seufzer wird hörbar.

Und doch — merkwürdig: gleich einer Vision sicigi in diesem Augenblick Graziella« Bild von Or­landos geistigem Ange auf. Hastig läßt er die schutake Hand los, die noch immer in ber seinen ruht.

«Sie stieren, Prinzessin. Es war unrecht von mir, Sie herauszuführen. Gestatten Sie, daß ich Sie wieder in ben Saal geleite!"

Sonja Mlt, wie ihr alles Blut zum Herzen sttömt. Mas ist es, das den Mann, dessen Äugen sie soeben noch in leidem'chafllichec Liebe aufflam- men sah, mit dem sie sich während einer Sekunde eins suhlte, wie verbunden fürs ganze Leben — was ist es, das feine Züge plötzlich wie in Kälte erstar­ren läßt? —

Ohne ein Wort zu erwidem, geht sie, ihm voran, zurück in den Ballsaal.

An dem Fenster aber lehnt noch immer die kleine Graziella. Sie hat bas Gesicht in den Händen ge­borgen und weint — weint heiße, totere Tränen.

Vorbei!" murmel» ihre zuckenden Lip­pen.

(Kortfetztmg folgt.)