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M 278.

Dienstag 5. Dezemder (9U

58. Jahrgang.

* Tuldaer ■ Zeitung

2. Blatt.

vrlick mtb Verlag lei .SeiUcr nttienlrudetti

hi Sille.

aje Wolken am Dreibund-Himmel.

Die eigentümliche Lage, in die der Dreibund durch das Vorgehen Italiens gegen die Türkei ge» bracht worden ist, läßt immer wieder Gerüchte von einem Austritt Italiens aus dem Dreibund auftauchen. Neuerdings treten «diese Gerüchte mkt größerer Bestimmtheit auf und es läßr sich nicht ver­kenn en, daß Anzeichen vorhanden sind, die als der Anfang vom Ende des Dreibundes gedeutet werden können.

Man vergegenwärtige sich zunächst, daß Italien zu seinem Vorgehen gegen die Türkei ganz unver­kennbar durch England und Frcixrkoich ermutigt worden ist, die dabei keinesfalls aus besonderer Freundschaft für den Dreibund handelten. Man ver­gegenwärtige sich weiter, daß Italien in den letzten *Wren sich als ein durchaus unzuverlässiger Kanto- ntft , erwiesen hat, — wir erinnern nur an seine c - ™ in Algeciras — daß es von jeher mit den Westmächten geliebäugelt hat. Man darf auch nicht außer Acht lassen, daß Italien mit Frankreich große wirtschaftliche Interessen verbinden und daß es mit Rücksicht auf seine ausgedehnte Küste darauf angewiesen ist, in einem freundschaftlichen Verhält­nis ju England zu stehen. Und endlich darf nicht übsehen werden, daß sowohl im italienischen Volk wie auch unter den italienischen Politikern eine zum Teil starke Gegnerschaft gegen den Dreibund besteht.

Die Befürchtungen, die sich daraus ergeben, ha- b.n sich neuerdings vrrdichret zu der Zeitungsnach­richt, daß der rührige französische Botschafter Bar - r 6 r e in Rom mit der Einsaugung Ita­liens für Frankreich und die Ententengruppe Frankreich-England-Rußland schon so gut wie fertig sei. Es wird da versichert, die Verhandlungen des französischen Botschafters über einen Anschluß Ita­liens an die Triple-Entente seien weit fortgeschrit­ten, und Barröre habe bei der italienischen Regie­rung eine günstige Stimmung vorgefunden. Diese Meldungen gewinnen erhöhte Bedeutung durch die Ereignisfe in Wien. Dort ist der Chef des Gen- ralstabs zurückgetreten, weil er den militärischen Rüstungen eine ausgesprochene Spitze gegen Italien Ku geben gedachte, während her Minister des Aus- weinigen eine Italien freundliche Politik befolgen wollte.

Wenn Oesterreich und Italien in Zwist geraten, so ist uns« Platz an der Seite Oesterreichs. Ob Fialien im Dreibund blecht oder nicht, hat keine welt­geschichtliche Bedeutung. Es geht auch ohne Ftalien, das schon längst ein unsicherer Kanto­nist war und seinen „Verbündeten" mehr unbequeme Ucbrrraschungen und Schwierigkeiten, als Vorteile, zu bereiten pflegte. Oesterreich gegen Italien noch .schärfer zu machen und für die Zuspitzung der Gegen­sätze uns zu bemühen, was einige Berliner Blätter als ihre Aufgabe zu betrachten scheinen, dazu haben wir keine Veranlassung. Warten wir ruhig die Ent­wickelung der Dinge in Wien ab, und bleiben wir in Mer Bundestrme an der Seite des habsburgischen Reckes. '

Die Offiziösen versichern inzwischen, es fei alles in schönster Ordnung. Zwischen den Regierungen der drei verbündeten Reiche bestehe taS vollste Ein­vernehmen und das Gerede von einer Erschütterung des Dreibundes entbehre jeder Grundlage. Erschüt­tert ist der Dreibund gewiß noch nicht, aber es kri­selt andauernd. Der Himmel des Dreibundes ist nicht wolkenlos.

Zur Zeit hs-rscht überhaupt am Weltenhimmel ein Ueberfluß an dunklen Wolken. Ringsum gibt es fertige Gewitter oder „Neigung zur GewitteMl- dung", wie die Wetterpropheten zu sagen pflegen. Unter diesen Umständen muffen wir froh sein, daß das deutsch-französische Abkommen zustande gekom­men ist. Mag fein Inhalt auch mager fein, so ist der Ausgleich doch deshalb von hohem Wert, weil er eine Menge von Gefahren, die gerade Deutsch- lands Friedenspolitik bedrohen konnten, autzge- schalt.t hat. Es bleibt leider noch genug Stoff für Sorce und Arbeit übrig.

Deutsches Reidj.

♦* Die „Patrioten". Im Osten des Reiches zog vor Fahren ein liberaler Abgeordneter durch die kost' o'ffchen Orte feines Wahlkreises und begann

seine Reden mit einem „Gelobt fei Jesus Christus!" Sonst hält er, wo er kann, glühende Sulturtampf« reden, aber hier, da brach in ihm urplötzlich die Liebe zum Katholizismus durch, — „aber ma woaß scho", sagt der Bayer. Aehnliche Kniffe unserer Gegner sind ja nichts neues. Originell ist aber sicherlich folgendes: In einer von der Süddeutschen Volksbuchhandlung in München zum Vertrieb ge­langten Broschüre über die Praxis in sozialdemo­kratischen Versammlungen erhalten nach dem/Arbeiter' die roten Agitatoren folgenden guten Rat:

„Der Leiter.... eröffnet die Sitzung .... und endet mit dem Wunsche für einen guten erfolgreichen Verlauf der Veranstaltung, wo es angebracht ist, auch mit einem Hoch auf den Kaiser, den Landesherrn oder sonstigen Protektor."

Nun glauben wir bald selbst, daß die Sozial- demokraten in Bayern noch die einzigen treuen Patrioten sind.

* Wer macht das Zentrum zur konfessionellen Partei t In Germersheim ist wie gemeldet der prote­stantische Sleueroderkontr ollcur Richter als Zen- trumskandidat aufgestellt worden. Dazu schreibt nun die nationalliberale,Augsb. Abendzeitung":

Das Zentrum glaubt damit einen besonders schlauen Schachzug gemacht zu Haden; denn Richter ist Prote­stant. Ein Protestant, der sich unter den heu­tigen Verhältnissen sür eine ZentrumSkandioatur gebrauchen läßt, muß allerdings ein sehr merkw ür- diger Protestant sein, und noch merlwürdiger wären die protestantischen Wähler, die einem solchen Kandi­daten ihre Stimme gäben, worauf das Zentrum mit dieser seltsamen Kandidatur ja nur spekuliert.

Auf der einen Seite wirst man bei jeder Gelegen­heit dem Zentrum vor, es sei eine konfessionelle Partei; st üt es ober einen Protestanten als Kan­didow i au , dann flimmts auch nicht.

# Karlsruhe, 2. Dez. 1911. Bei der durch den Großherzog vorgenommonen Landtagseröffnung ha­ben die Sozialdemokraten gefehlt, trotz der „guten Erziehung", die die nationalliberale Par­tei auf sie auSübt. Auch der Sozialdemokrat, den die Liberalen ins Präsidium mit übernehmen mußten, fehlte. Der Landes fürst hat sich, als er vom Throne aus die Reihen übersah, gewiß seine Gedanken ge­macht über die Vertreter der „großartigen Bewe­gung", die bestimmt sind, in Kuliurfragen einen Teil, und nicht den geringsten, der Regierungsmehrheit zu Silben. Das Peinliche der Situation läßt sich nicht leugnen. Das sehen auch die Naionalliberalen ein, !unb deshalb ging alsbald ein parteiamtlicher Artikel ins Land hinaus, der zu der Sache Stellung nimmt Da heißt cs zunächst, das Verhalten der sozialdemo­kratischen Fraktion verdiene scharfe Mißbilligung. Das klingt recht forsch. Aber so bös ist es nicht gemeint, denn, so heißt es weiter, es sei z u bezwei­feln, ob dieses Fernbleiben wirklich eine Demon­stration gegen den Großherzog und das Fürstenhaus sein soll. Dieser „Zweifel" ist lustig. Der Führer ds- badischen Sozialdemokraten, Dr. Frank, hat am 17. August 1909 in Heilbronn mit aller Deutlichkeit erklärt, daß die badischen Genoffen genau so re» publikanisch dächten wie die übrigen Parteige­noffen im Deutschen Reiche, er hat besonders hervör- gehobeu, daß die soz. Vertreter im Landtagspräsidium sich sogar geweigert hätten, nur zum Schloß zu fahren und sich dort nicht etwa dem Großherzog vorzustcllen, sondern nur in ein Buch einzutragen, und er hat besonders hervocgehoben, daß alle Genoffen sei­ner Zeit bei der Vereidigung gefehlt hätten, weil bcc Großherzog sie ja selbst vorgenommen habe. Trotz­dem „zweifelt" der parteiamtliche Artikel der Libera­le, daß die jetzige Demonstration ernst gemeint sei und sagt, wenn es ernst sei, dann sei es zu miß­billigen. Du lieber Himmel, werden die Genossen er­schrocken und geknickt sein, besonders wenn sie den zweiten Teil b.r naiionalliberalen Entrüstunffsprs- bigt lesen? Da heißt es beruhigend:

„Immerhin wäre es falsch, dielen Vorgang aufzu bausche» und ihn zum Anqe'punkt von Bei rach!« v gen über die politischen Verhältnisse zu machen."

Natürlich t Den Landesherrn in aller Form schneiden, zu tun, als ob er gar nicht existiere, das ist so arg ja gar nicht. Die roten Freunde haben zwar, um ihrer „treuen” Gffinnung dem Landes fürsten ge­genüber Ausdruck zu geben, auf dem Offenburger Parteitag 1909 erklärt, daß sie erforderlichenfalls auch „die Flinte" nehmen würden, wenn es in Baden nicht nach ihrem Willen gehe, und haben der Rosa Luxemburg seiner Zeit in Durlach zugejubelt, als sie

ausrief: „Weg mit den 36 deuffche» LandeSvätem". Macht alles nichts! Derartige Vorgänge ja nicht auf­bauschen! Die Beleidigung, die dem Landesfürsten angetan wird, ist Nebensache: die Hauptsache ist der Kampf gegen das schwarze Zentrum. Wenn der Liberalismus den Roten nicht nachgibt, bann tun bte auch nicht mit im Block und bann ist da» Zen­trum obenauf. Darum ihr „Genossen", treibt nur Großblockpolitik, bann fei euch alles andere gern ber- stattÄ. Macht ja mit, sonst, sonst — sonst kommt das schwarze Zentrum. Die blasse Angst vor dem Ausein- anderbrechen des Großblocks, die schlotternde Furcht vor dem Zentrum!

Ausland.

* Die „Inferiorität" der Katholiken. Gegenwär­tig erteilen acht italienischeGeistliche, zum Teil aus dem Ordensklerus, Offizieren und Zivi­listen, die sich in Tripolis betätigen wollen. Unter­richt im Arabischen. „Heraus mit den geistigen Leuchten aus der Loge, um solche Bildung zu ver­treiben, die gerade letzt int patriotischen Interesse liegt!" so rufen katholische Blätter in Mailand und Turin aus. Aber es taucht niemand als Konkur­rent der acht Geistlichen auf.

* 10 Milliarden Staatsschulden in Oesterreich. Auf Ende Juni dieses Jahres ist nach amtlichen An­gaben die gesamte Staatsschuld in Oesterreich auf über 1014 Milliarden Mark angewachsen und ver­schlingt einen Jahreszins von nahezu 409% Mil­lionen! Das sind unheimliche Ziffern. Die Wie­ner „Reichspost" bemerkt dazu: „408 Millionen jährlicher Zinsen fliegen als arbeitsloses Einkommen ans den Taschen der Steuerträger in die Porte­feuilles größtenteils des Großkapitals. 408 Mil­lionen, die jährlich wenigstens zum Teile bei einer geordneten Gebcchrung produktiv und für das Volks­wohl verwendet werden könnten. Wir stehen im Zeichen einer wirtschaftlichen Hochstablerpolitik, die zum Ruin führen muß".

* Ungünstige Finanzen. In Portugal be­tragen bk Entnahmen an direkten Steuern für Juli, August und September 154 Comos mehr als gleich­zeitig int Vorjahre. Die indirekten Steuern zeigen einen Ausfall von 803 Contos. Die Ausgaben für die Marine und das Kriegswesen sind erheblich ge­stiegen. Der Fehlbetrag läßt sich noch nicht feststellen. (1 Conto gilt m«d 3600 Mk.)

Lokales.

Fulda, den 5 De-ember 1911.

* Der Kampf gegen das Submissionsunwesen.

ist jederzeit auch von dm Fuldaern Handwerkerorga­nisationen als eine der Hauptaufgaben bet Organi­sation betrachtet worden und im Schoße des Magi­strats reift ja nun, wie bekannt, eine Ordnung heran, die im Snbmiffionswesen unserer Stadt einen erfreu­lichen Wandel schaffen soll. Wie reformbchürft-g allgemein das Submissionswesen ist, zeigen die ge­legentlich von der Presse v .cöffeutlichieit sogenannten „Submissionsvluten", bei denen ost Preisunterbie­tungen bis zu 90 Prozent Vorkommen. Schon man­cher selbständige Handwerker und Kleingewerbetrei­bende hat durch die Mitbeteiligung bei einer solchen Submission, die man statt „öffentliche Ausschreibung" besser mit dem Titel „greilzenlose Unterbietung" be­zeichnen sollte, den Grundstein seines Ruins gelegt. Interessantes Material zu dieser wichtigen Hanb- werkerfrage hat der Reichsdeutsche Mittel- tandsverband in Dresden dem Reichstage un- erbrettei — in einer Petition, die dem Reichskanz­ler auf einstimmigen Beschluß zur Erwägung über­wiesen wurde. Der genannte Verband verlangt, daß bei Submissionen demjenigen der Zuschlag er­teilt wird, dessen Gebot dem von der Behörde, die die Ausschreibung erließ, festzusetzenden angemes- encn Preise am nächsten kommt. Im einzelnen teilt der Verband folgende, von Bürgermeister Dr. Eberle in Rossen in einer Broschüre, betiielt „Der angemessene Preis", ausführlich begründete Forde­rungen:

1. Seinem im Bezirk drr vergebenden Behörde wohnenden tüchtigen und zuverlässigen Gewerbe­treibenden soll e:ne angemessene Beteiligung an de»

Leistungen für Reich, Staat oder Gemeinde vorent­halt«« werden. Für jede Art von Leistungen ist eine behördlich zu genehmigende Lifte der tm Bezirk der Verwaltungsstelle ansässigen zugelaffenru Gewerbe­treibenden auljustellen. Alle Leistungen, die nicht öffentlich ausgeschrieben werden, sind unter den zu ge­lassenen Personen nach Maßgabe deS Ums >nges ihrer Betriebe zu vergeben. Wo Innungen als Lieferungs» verbände auslielen, kann diesen die Verteilung der Arbeiten überlasten werden.

AlleLeistungen weiden zu dem angemessenen Preise vergeben. Für alle Leistungen, bei denen eS möglich ist, sind allgemeine Tarrse durch die ver­gebende Stelle nach Anhörung Sachverständiger seit - zusetzen. Alle nicht tarifierten Leistungen sind auszuschreiben, nachdem Sachverständige zu den auszugebenden Ausschretbungen gekört worden sind. Nach Einreichung und vor Oeffnung der emgegangeneu Angebote ist der „angemessene Preis" !ür die Leistungen festzustellen, und zwar durch die ausschreibende Verwaltungsstelle nach Anhörung von Sachverständigen, bte den Preis nach exa'ter Kalku­lation vorzuschlagen haben. Der Zuschlag gebührt dem Angebot, das dem ermittelten angemessenen Preise am nächsten kommt. Bei gleichen Angeboten — d. h. solchen, welche weniger als 5 Prozent von­einander abweichen — gebührt der Vorzug Ein­gesessenen vor Auswärtigen, Meistern vor Richtmeistern, Lieferungsverbänden vor Einzelunlernehmcrn uud ein- ge> offen en Bewerbern, die noch keine Leistung in öffent­licher Ausschreibung übertragen erhalten haben, vor bereits Bedachten. Bei der Abnahme aller nach Ausschreibung vergebenden Leistungen sind tunlichst die Sachverständigen zu hören, die vor der Vergebung mit» gewirkt haben.

Diese Forderungen sind außerordentlich vernünf­tig. Sie schützen die Behörden vor Lieferung min- doewertigur Arbeit und verhindern gleichzeitig die ungesunde, gerade den Kleingewerbetreibenden schä­digende Unterbietung durch Großunternehmer. Bei der Neuordnung des Submissionswesens in unterer Stobt werben die Gesichtspunkte, die der Verband angestellt Hai, sicherlich nicht übersehen werden.

£i Unser städtisches Museum, das in zwei große» Sälen des Stadtschulgebäudes uniergebrächt ist, hat schon manche« Besucher durch fdine Reichhaltigkeit überrascht. Leider gibt es noch viele Fuldaer, die von den Schätzen, die aus dec Vergangenheit unserer Va» terstadt dort in pietätvoller Weise aufbewahrt wer­den, gar keine Ahnung haben. Das Museum ist, die strenge Winterszeit ausgenommen, Sonntag» von 11 bis 1 Uhr unentgeltlich geöffnet. Außer dieser Zeit wird ein Eintrittsgeld von 50 Pfg erhoben. Man hat sich an den im Schulgebäude wohnenden Hausmeister Gutberiet zu wenden. Nachdem schon verschiedene Vereine gemeinschaftlich das Museum besuchten, er­möglicht es, der Katholische K au f m än- nische Verein seinen Mitgliedern, gruppenweise die Schätze ans Fuldas Vergangenheit zu besichtigen. Die Führung hatte jedesmal in liebercswürdiger Weise Herr Professor Vonderau übernommen. Der dritte Besuch des Kaufmännischen Vereins am Sonntag, bei dem auch eine Anzahl Damen vertreten war, dauerte anderthalb Stunden. Mit großem In­teresse lauschten Alle den Erklärungen des kundigen Führers. Wie wir hören, ist ein Kataiog über das städtische Muscium in Vorbgrettuitg, was smit Freuden zu begrüßen ist.

•x« Eine nene segensreiche WohlfalirtZnnrichtnnz ifir die minderbemittelten Klaffen, besonders für den Arbeiterstand, ist hier errichtet worden, nämlich eine Verwaltungsstelle der Zeutralsterbe» lasse „Leo" in Köln. Wenn man bedenkt, welche riesige Summen die als Erwerbsgesellschasten bestehenden Versicherungen in ihre Taschen ein» heimsen, so ist es nur zu begrüßen, daß mit bet Zterbekasse „Leo" ein gemeinnütziges Unternehmen mit dem gleichen Zwecke auch hier Fuß gefaßt hat. Zum Beispiel hat die Erwerbsgeseüschast „Viktoria"« Berlin au Vorstand und Aufsicktsrat verteilt im Jahre 1910 an Tantiemen 734243 Mk., die „Wil- bthna" 125311 Mk., die „Arminia" 83 726 Mark. Bei den Verwaltungsstellen sieht e8 mit den 93er» ivaltungskosten ähnlich. Während diese bei der „Leokaffe" nur 8 Prozent betragen, beliefen sie sich bei der „Viktoria" auf 24,01 Proz., bei der „Wil- delma" aus 22,10 Proz., bei der „Arminia" auf 36,13 Proz. Aus diesen Zahlen geht hervor, daß die Arbeiter und kleinen Leute besser tun, sich bet Leokasse anzuschließen, als einer der vorgenannten Gesellschaften. Wer über diese Angelegenlzrit genaue

Ise Ächler des Lerbmlc«.

121 Rowan von Ade le Böttcher.

In Flammen steht der ganze Himmel Dort unten der wundersame Park der antiken, halbzerfallenen Villa Tusculum mit feinen dunklen Pinien und dem silbern schimmsmden Olivenhain. Weiterhin die wei­ßen Häuser Frascatis. Dahinter die violett erschim­mernde Campagna. Und ganz in weiter Ferne, in bläulichen Dust getaucht, die zart verschwimmenden Ko.cknrm der Bergkette . . .

Plötzlich — leises Knistern im Gezweig über ihnen

Dann ein Fall — helles Anflachen--

Vor ihnen sieht Orlando Campanelli, der von einem überhäigendeu Felsen herabgesvrungen ist, eine» Strauß Mauer ur£> weißer Anemonen in der Hand.

„ Ein leiser Schrei springt von Sonjas Lippen, Während Graziellas Hand unwillkürlich nach dem Herzen, greift.

--Wie du uns erschreckt hast, Orlando!" stammelt Graziella.

„Man sagte mir in der Villa Fortuna, die Da- jnen machten einen Spaziergang hinauf nach der Rocca di Papa. Und da wollte ich bk Damen über­raschen.

®aS i|t dir nach allen Dimensionen hin gelungen. Woher hast du bie hübschen Blumen?"

„Stort oben ift a(feg blau und weiß von Ane- Monen. Darf ich?"

4 Ü-fch»kr wirst er sein Sträußchen Sonja in itn Schoß.

Mit ’cintmt leichten Kopfneigen nimmt sie bie xumm tn Empfang Noch immer sagt sie nichts;

färbt «i)0^ Röte ihr Gesicht bis hinauf unter M goldglänzende Haargclock.

1 ^che Blumen für die

gige 216enbtäfel mttbringen!" ruft Graziella leb-

»Das ist m“Ll”n^,‘mbttAal8 immer Rosen Kamelien und Azaleen und Orchideen —"

b"

Doch Sonja wehrt lächelnd ab:

„C nein, ich will es versuchen. Was Siguorina Morgano kann —'

„So gestatten Sie wenigstens, daß ich Ihnen helfe!"

Sorglich reicht er ihr die Hand, um sie den steilen Felspfod hmaufzirftch'n, auf dem Graziella bcrcfls ftink wie ein Eichhörnchen emporklettert.

„Wollen Sie nicht lieber Siguorina Morgano be­hilflich sein, Herr Marchese?”

Herzlich lacht er auf.

»O. die fleftert besser als ich! Sie wurde es mir schön übel nehmen, wenn ich ihr meine Hilke anböte!"

»Wie eigentümlich! Ich finde eg sehr angenehm, eine Stühe ju haben."

„Ebenfalls nicht angenehmer, als ich es finde, diese Stütze biftni zu können!" erwidert er feurig.

S'e lächelt.

„Die Starken und die Schwachen folgen Frmnde sein. Meinen Sie nicht auch? Die ein-n mässen etwa» hoben zrnn Beschützen: die rmb#w —*

„Ich bin glücklich, daß Sie so denken", fällt er leidcnschastflch ein, .besonder« in diesem Augen­blick

Er erqtefft ihre Hand und HM sie fest.

Die Berührung durchzuckt ihn sMam. Bckwi- hggtz steigt ihm ba$ ihren Kleibern entströmend« He­liotrop-Parfüm zu Kopf. Er fühlt den. balbver- fchleierten Mck ihrer magnettschen Augen voll dunk­ler Rätsel auf sich mbat Seine Puffe fliegen; sein Atem gebt schnell. Ezn wahnsinniges Verlmwen. die schlanke Mädchengestalt an sich zu ziehen, packt ihn —

„Orlando! Wo bist du? Ich habe die Anemonen ceestmden!" ruft Graziella? Helle Stimme aus der Feme.

Der Zauber ist gebrochen. Der junge Marchese ist wieder Herr feiner selbst. Hastig gibt er die schmale, weiße Hand frei, die wie etn gefangenes Döoelchen in der feinen ruht

Mit tiefgerMettn Gesichtem schreiten die beiden nebeneinander den stellen Fußpfad bergan. Keines

von beiden spricht ein Wort. Aber beide suhlen, daß diese Minute entscheidend für ihr Leben war.

Inzwischen pflückt dort oben Graziella wie me­chanisch eine Mume nach dec andern. Nur mühsam vermag sie ihre Tränen zurückzuhalten. Durch eint BanmlichMng war sie, ohne es zu wollen, Zengin jenes Heinen Vorgangs geworden.

Ahnt sie, wo« in den Herzen jener beiten vor- pcht, die schtz'ügend, gesenkten Hauptes, sich langsam nähern? — Weiß sie. daß ihre kindliche Anmut neben btr kvheitHvoste« Schönheit brr jungen Russin nicht bestehen kann? —

„Er wünscht mich jetzt meilenweit weg?" schluchzt fit nach einem letzten Blick rückwärts hi sich hinein.

Dann zieht sie hastig ibr Batisttuch ans der Ta­sche, beucht daraus und fährt damit über die feuchrrn Augen.

„Nur keine Tränen — ums Himmelswillen? Wür­de schlecht paffen zu ber luftigen Graziella!"

Sich zu einem Lächeln Zwingend, klettert sie vollends hinauf, um oben den Freund und feine Be­gleiterin zu erwarten.

Arme, kleine Graziella!

7.

Dem Parlamentsmitglied Marchese Silvio Eam- panelli fallt es auf. daß sein Sohn seit einiger Zett toeit öfters nach Frascati hinausfährt, als ftüber.

Da er die Verbindung zwischen Orlando und der Tochter ftimS Freundes Morgano wünscht beschließt er, oas «Ähste Mal seinen Sohn nach ber Villa For­tuna zu begleiten, um sich zu vergewissern, ob hie zierliche Graziella der Anziehungspunkt ist oder we- sonst.

Schon nach einer Stunde des Beisammenseins sicht ber scharfe Blick deS alten Marchese klar Fetzt heißt es: handeln.

Am selben Abmd schon hat er in seinem Arbeits­zimmer mit fernem Sohne eine kurze intime Aus- einanbmfchung.

Mit bä ihm eigenen vomehmen Ruhe zündet er sich zuerst eine Zigarette an urtb fordert den Sohn

auf, sieh zu bedienen. Dann lehnt er sich in seinen Klubsessel zurück, schlägt bie Beine übereinander und steuert direkt auf sein Ziel tos.

»Eine bezaubernde junge Person, diese Sonja Orloff —"

»Nicht wahr?" ruft Orlando erfreut. „Und ber Nimbus des unverdienten Leidens, der ihr junges Haupt umgibt, erhöht noch ihren Reiz!"

Der Marchese bläst ein paar blaue Ringeiwölk- chm in dir Lust.

»Hm — ohne tiefen Nimbus wären diese Russen in ber römischen Gesellschaft auch ganz unmöglich —" baff, paff — „Seifenblasen glänzen ebenfalls, mein Sohn; doch wenn sic platzen, ist es mit der ganzen Herrlichkeit vorbei!"

Orlando läßt die Hand mit ber Zigarette, die er gerade zum Mrmde führen wollte, sinken.

»Ich verstehe den Vergleich nicht, Vater —"

»Weißt bu irgend etwas über das Vorleben tie­fes Orloffs?"

„Rein. Aber Edward Morriftm hm sie in unsere Kreift eingeführt. Und außerdem — ihr ganzes Auftreten, ihr vornehme Zurückhaltung — “

Bedächtig stippt ber Marchese die Asche von sei­ner Zigarette. Dmrn hebt er sich etwas au'3 seiner beguÄmrn Stellung empor und blickt den Sohn fest an.

„Edward Morrison schrieb mir vor ein paar Ta­gen, baß er über diese Raffen nichts weiter wisse, Ms daß sie ihm ein Empfchlnngsschreibm von einem seiner Geschäftsfreunde in Hamburg überbrachten. Jedenfalls wünsche ich. daß da dich den Leuren gegenüber etwas reserviert verhältst. Man munkelt, sie seien vollständig mittellos. Weißt du etwas über ihre pekuniäre Loge?"

»Rein."

Der Marchese lehnt sich wieder in seinen Sessel zurück und passt weiter.

(Fortsetzung folgt.)