38. Jahrgang
Fulda, Montag den 4. Dezember 1911*
Erstes Blatt
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sührung gebracht werden.
X Liberale Kampfesweise. Liberale Blätter melden:
Wie sehr das Zentrum Politik und Religio» verquickt, ersteht man aus folgender Kundgebung, die sich in Nr. 272 t. Frirdrichsthal - Bildstocker Generalanzeiger vom 21. Navember findet:
Katholische GotteSdicaste. Buß- und Bettag. Friedrich-lhal: 7.30 Uhr Frühmesse, 8.45 Uhr Kindermesse, 10 Uhr Hochamt. — Bildstock: Frühmesse 7.30 Uhr, Hochamt 10 Uhr, Andacht um 2 Uhr. — 5.30 Uhr nachm.: ZentrumS-Bersammlung.
Weil aber jetzt ein Protestant als Zentrumskandidat ausgestellt worden ist, wird das Märchen, das Zentrum sei keine konfessionelle Partei, noch energischer verbreitet werden.
Es ist richtig, daß der Generalanzeiger diese Mitteilung gebracht hat, richtig ist aber weilerhin, daß dieses Blatt kein Zentrums-, sondern ein farbloses Blatt ist, das die Gottesdienstordnung aus eigener Initiative abdruckt, ferner daß die Geistlichkeit mit der GoUesdienstordnung nicht das geringste zu tun hak, schließlich daß das Blatt selbst alsbald erklärte, die Zenlrumsversammlung sei durch ein Versehen bei der Zusammenstellung des Druck« satzes unter die Gotlesöienstordnung geraten. ■— Tut alles nichts, gehetzt muß doch werden. Es gibt unter unfern Gegnern genug Dumme, die auf den Schwindel hereinfallen.
♦♦ Gegen die Krematorien. In Krefeld hat die örtliche Zenlrumsfraktwn an den Regierungspräsidenten eine ausführlich begründete Eingabe gerichtet, dem Stadtoerordnetenbejchluß betreffend Die Errichtung eines Krematoriums die Genehmigung zu versagen. — In Bonn erhob eine w it über Tausend Anhängern beider christlichen Konfessionen besuchte Versammlung einhelligen Protest gegen die beantragte Erlaubnis zur Errichtung eines Krematoriums in Bonn. Gegen die Leichenverbrennung sprachen Dr. Meffert (M.-Gladbach) und der protestantische Pfarrer Bleibtreu (Bonn).
<? München, 3. Dez. 1911. Der Landesverband der bayerischen Preffe antwortete dem Ministerpräst- benten auf dessen Schreiben, das sich mir der Her- einziehung des Regenten in der Preffe beschäftigt: der Verband dürfe sich nach seinen Satzungen nicht mit Politik befassen, auch nicht auf das Gebiet der redaktionellen Unabhängigkeit hinübergreifen. — Das heißt man: einen Korb geben. — Auch die kürzlich gegründete Konservative Vereinigung er laßt einen Wahlaufruf zu den bayerischen Wahlen. Sie nimmt darin Stellung gegen das Zentrum, betont aber, diese Stellungnahme dürfe nicht hindern, daß der Kampf nach wie vor der Sozialdemokratie und ihrem Schrittmacher, dem Großblock gelte.
♦♦ Braunschweiz, 2. Dez. 1911. Auch bei den Stichwahlen zur Braunschweigischen Landesver- sammlunz sind die bürgerlichen Kandidaten mit überwiegender Mehrheit gewähü worden.
drückt werden müffe.
Gras Aehrenthal, der verantwortliche Leiter der auswärtigen Politik Oesterreichs, hat trotz alledem dem Kaiser Franz Joseph geraten, an der bisherigen Politik des ruhigen Abwartens sestzu- halten und keine besonderen Maßregeln gegenüber Italien zu treffen. Der Kaiser hat sich für den Grafen Aehrenthal entschieden, obschon es ihm sehr schwer wurde, den tüchtigen Chef des Generalstabes v. Hötzendorf, der sich auf eine aktivere militärische Politik verbissen hatte, von diesem Posten zu entlassen. Außerordentliche Beweise der Hochschätzung und des Vertrauens, die Herr von Hötzendorf sowohl vom Kaffer als vom Thronfolger erhalten hat, kiffen deutlich erkennen, daß seine Pläne keineswegs grundsätzlich und für alle Zukunft verworfen worden sind. Wahrscheinlich trifft man den richtigen Gedankengang an der entscheidenden Stelle, wenn man sagt: Oesterreich-Ungarn will vorläufig gegenüber Italien es noch mit der Geduld und Güte weiter versuchen so lange es geht.
Es kommt nun darauf an, ob Italien sorlau auf die Interessen und die Wünsche Oesterreichs die angemestene Rücksicht nimmt. Wenn das nicht geschieht, so wird Graf Aehrenthal seine sanftmütige Politik nicht weiter durchführen tonnen. Dabei ist noch nicht unbedingt ausgemacht, daß er dann selbst fallen müßte. Es ist ja möglich, daß er den Wider- I sprach gegen die militärischen Pläne in eine Form gekleidet hat, die ihm gestattet, bei weiteren Ent- täuschungen seitens der Italiener selbst die kräftige
praktischen Borschlägen von persischer Selle gefehlt hat die zu einer Erhöhung der deutschen Jntereffen und bamit zu einer stärkeren Anteilnahme de» Deut- schm Reiche« an dem persischen Schicksal hätte führen können. Persien nahm in letzter Zett seine Zuflucht zu Amerikanern und Schweden und man muß gestehen, daß der General-Schatzmeister Morgan Shu- ster mit außerordentlicher Energie an die Ordnung der Finanzen gegangen ist. Sein kräftiges Durch- gBctfen, das gegen alles Herkommen selbst die Großen des Landes zum Steuerzahlen veranlaßte, machte auch unter dm Persern vielfach böses Blut. Aber je mchr sich die Perser an feine durchgreifenden Maßregeln gewöhnten, die letztm Endes wirklich zu einer innert Erstarkun g des Landes führen mülfen, desto größer wurde die Feindschaft Rußlands. Von dem Tage, an dem sich her- ausstellte, daß Herr Shuster nicht gewillt ist sich seine Anweisungm von der mffischm Gesandtschaft zu Holm ging der Krach los. Die Streitfälle die Rußland' mit Persien in den letztm Wochen hatte, find alle vom Zaun gebrochen, weil Rußland nicht ruhig zuschm kann, daß dm Persern ein Mann erstanden ist, der mü Unterstützung des Parlaments und der Bevölkerung sich vermeffen hat, die llnab- hängi^ett Pörstens gegenüber Rußland und England schützen zu wollen, der also gerade im Sinne der ruffisch-mglischm Vereinbarungen von 1907 handelt.
Und was sagt England zu Rußlands Vorgehen? In Englmid erklärt der Staatssekretär des Auswäckigen, Sir Edward Grey, kaltblütig, daß Rußlands Verfahren keine Verletzung jener mit England abgeschlossenen Vereinbarungen bedeute. Die Diplomaten haben ein weites Herz, wenn e-8 sich um Vertragsauslegungen handelt. Auch der Marsch der Franzosen nach der Hauptstadt Marokkos war ja auch nach dm bestimmten Versicherungen ihrer Staatsmänner keine Verletzung der Algeciras-Akte. Was England will, weiß jeder, wenn er an die starken englischen Truppen im Süden Persiens denkt.
Persiens Schuld und Verhängnis ist, daß es selbst weder Männer noch Organisationen hervorgebracht hat die imstande gewesm wären, das Reich zu einem geordneten Staatswesen auszugestalten. Alle Zweige des öffentlichm Lebens liegen darnieder. Das Land hat keine Verwaltung, kein Militär, kein Geld, lerne ständige Regierung, es ist auf Gnade und Ungnade einem russischen und englischen Nachbar ausgeliefert. Der Amerikaner Morgan Shuster war der einzige, der in dm letzten Monaten einen erfolgversprechenden Anlauf machte, dem versischen Reiche zunächst eine finanzielle Grundlage zu schaffen,' auf der bann hätte weitergebaut werden können. Allein die bloße Tatsache, daß eine ordnende Hand in den persischen Geschäften zu spüren war, hat genügt, um Rußland zu einem Stoß ins Herz Persiens zu veranlassen. Das Kommando, das Herr Poklewski-Kozell, der mssische Gesandte in Teheran, und neben ihm Herr Pochitonow, der ruffische Generalkonsul, geführt haben. will sich Rußland nicht von Morgan Shuster aus der Hand winden taffen.
Persiens Schicksal war bereits besiegelt, als das Land es sich gefallen laffen nmßte, daß durch den Vertrag von 1907 eine englische und eine russische Einflußzone auf seinem Gebiet geschaffen wurde. Indes hätte Rußland und mit ihm England auf die Frucht die ihnen heranreiste, wohl noch gewartet, wenn nicht Morgan Shuster auf dem Plane erschie- > nm wäre. Die Selbständigkeit dieses Mannes legte ■ die Befürchtung nahe, daß auch Persien selbst zur 1 Selbständigkeit erzogen werden könnte, und da tat 1 Eile not für die beiden Regierungen, die im Jahre 1 1907 gegenseitig die Verpflichtung übernommen ha- : ben. „die Unantastbarkeit und Unabhängigkeit Per- 1 sims zu achten*.
ierreid;! argen die Vor- Adriatisch'"
Privatbeamtenverficherung.
»,u 8 134 wird ein Antrag Behrens angenommen, nach dem die Beisitzer „in schriftlicher Abstimmung- anve.hlt werden. _ ,
Bei § 135 liegt ein Antrag Albrecht (Soz.) und ein Shitrag Ablaß (Bp.) vor, die beide verlangen, daß auch Frauen zu Beisitzern gewählt werden lönuen. In I der Debatte meint Mmisterialdirektor Kaspar, daß die Frauen sonst schon in so weitem Umfang herangezogen seien, daß hier eine Notwendigkeit nicht mehr vorltege. Die Anträge werden abgelehnt.
Zu § 161 wird ein Antrag v. Strombock (Ztr.) angenommen, wonach nicht nur der Beisitzer, sondern auch der Vorsitzende und seine Stellvertreter nicht Mitglieder des Oberschiedsgerichtshoses fein dürfen.
Die Kommission hat in einem Zusatz zu § 183 die Möglichkeit gegeben, mit Genehmigung des Reichskanzlers eine andere Quittungslerstung als durch Marienklebm zuzulassen. Es wird jetzt hinzugesügt: „auch ein anderes Zahlungsveifahren als durch Zahlung bei der Reichsbanl".
Die weitere ganze Paragraphenreihe biS J? 341 | vird ohne Erörterung erledigt. An einigen Stellen »erben Kompromißanträge angenommen, die das interne Verfahren betreffen.
§ 343 schützt die Angestellten vor etwaigen Nachteilen wegen der Uebernahme oder Ausübung eines Ehrenamtes. Der folgende § handelt von den strafen I für den Verstoß dagegen. Ein Antrag Ablaß liegt I dazu vor, der jedoch nach längerer Debatte abgelehnt wird. In der Debatte führte Abg. St rose mann (nati.) aus, daß der Antrag Ablaß em Künüiguugsrecht für die sechsjährige Dauer des Ehrenamtes erheblich einschranken, daß selbst die Angestelltmverbände schwerwiegende Bedenken dagegen geilend machen.
Mit § 367 beginnt der Abschnitt . Ersatz - kästen'.
Abg. Emme! (Soz.) erklärt, daß die Sozialdemokrat cü ote Erfatzkassen rundweg ab lehn en.
§ 370 bestimmt, daß Beiträge der ArbeUgeber zu den Erfatzkassen mindestens dm reichsgefetzlichm Arbe igeberbeiträgen gleich kommen müssen. Abg. Behrens fwinsch. Bgg.) beantragt hinzuzufügen, daß, losem die Beiträge der Versicherten höher seien, die Beiträge der Arbeitgeber diesen gleichkommen mufft n. In der Debatte spricht sich
Ministerialdirektor Caspar gegen den Antrag aus. Von gesetzeswegeu sei nur dafür zu sorgen, daß die Strbe igebet soviel zahlen, wie das Gesetz vorschreibt.
Avg. Dr. Fleischer tZentr.j: Ich erkenne an, daß den 'tuveitgebern (eine höheren Lasten als diejenigen, die t:e Versicherungsanstalten gesetzlich zu fordern Haden, unser legt werden dürsen. Grundsätzlich stehe ich aber auch auf dem Standpunkt, daß wir Ersatzkaffen, bei denen Die Beiträge der Angestellten höher sind als die gesetztihen Beiträge der Unternehmer, überhaupt nicht zulasse» sollten. Die Fassung des Antrages Behrens scheint mir aber zu dem Zweck nicht geeignet, ich ivsird: daher den 'Antragsteller bitten, ihn bis zur Dritt.n Lesung zurückzuziehen und versuchen, bis dahin »ne bessere Fassung zu finden. ,
Bei der Abstimmung wird der Antrag Behrens gegen die Konservativen, die Rationalliber..!en und einen Teil des Zentrums angenommen.
Rach Annahme weiterer Anträge — u. a. wird das Rocht der freiroiUigen Versicherung auch solchen zugeitnnden, die in threm Betriebe höchstens Drei ver- stchci uugspflichtige Personen beschäftigen — ist die Vorige in zweiter Beratung erledigt.
Hieraus wird die Resolution der Kommission ange ..Dinaren, welche den Reichskanzler ersucht, fpätestens nach Ausstellung der ersten Bilanz dem Reichstag eine DenUchnft über die Geschäftsergednisse und die Finanz- läge vorzulegeti, und, soweit es ohne Erhöhung der Beilräge möglich erscheint, in erster Linie die Gewäh- rnng von Kinderzufchußrenten nach Vorbild der Reichs- versict'erungsordnung in die Wege zu leiten. Fetner noch eine Resolution Ablaß (Vp.), die den Reichs- kan kr ersucht, bei Erlaß der Wahlordnungen tunlichst die geheime Abstimmung und des Wahlgeheimniffes anznordnen.
Wontag: Ostasrikanische Eisenbahn, Petitionen u. s. w.
Deutscher Reich.
; Berlin, 3. Dq. 1911. Aus Pleß wird von gestern gemeldet: Mittags unternahm der Kaiser mit dem Fürstenpaar Pleß eine Äutomobilsahrt nach Solza in Oesterreich, wo er vom Grasen Larisch empfangen wurde. Nach dem Frühstück erfolgte die Rückfahrt nach Pleß.
-f- Der Arbeitsplan des Reichstags hat, wie das kurz vor dem Schluß der Session oft her Fall ist, abermals eine Abänderung erfahren. Und zwar soll der Schluß jetzt bestimmt bereits am Dienstag erfolgen. Zu dem Zweck sollen am Dienstag zwei Sitzungen stattfinden; in der ersten Sitzung sollen die noch ausstehenden britien Lesungen erledigt werden. In einer darauf neu cmguberaumerÄen zweiten Sitzung soll dann die 2. und 3. Lesung der Marokkoanträge erfolgen. Zu der Anregung, daß die Barteten nur kurze Erklärungen abgeben, ist eine Ent- cheidung noch nicht gefallen. Der Plan einer ge- rneinsamen Erklärung der bürgerlichen Parteien ist anscheinend fallen gelassen worden.
+ Die Gerüchte von einer neuen Flvttknvorlage wollen in der Presse nicht zur Ruhe kommen. Ein« Nachrichtenstelle bringt sogar schon Einzelheiten und behauptet, daß die Flottenvorlage den Betrag von 360 Millionen fordern werde. Wir können dem gegenüber — so schreibt man uns ans Berlin — bestimmt versichern, daß alle diese Meldungen irreführend sind. Soviel uns bekannt ist, sind überhaupt noch gar keine Entschlüffe bezüglich einer gesteigerten Fiottenrüstung gefaßt.
)( Die Industriellen und die Handelsverträge. Der Zentralverband deutscher Industrieller, die Zentralstelle für Borde siung von Handelsverträgen, und der Verein zur Wahrung der Interessen der chemischen Jndiistrie Deutschlands haben ein einheitliches Vorgehen hinsichtlich der Vorarbeiten für den künftigen Abschluß neuer Handelsverträge beschlossen. Das für diese Vorbereitung ausgestellte Programm steht eine grundsätzliche Prüfung unseres ganzen handelspolitischen EystcmS vor. Es soll unter Würdigung der Wünsche der internationalen wirtschaftlichen Verbände und Einzelfirmen zur Durch«
ReicklAtaa. I langwierig« Krieg geatten. D« Kampf mit der Deutskye» Türkei dringt die Italiener ju Angriffen auf den
Sitzung vom 2. Dezember 1911. alttürkischen Besitzstand am Mittelmeer und sogar
In dritter Beratung wird das Kleinaktien, »u eine« Dmfft-ßgeg« KonstaMnopel Jeder g ese tz unverändert angenommen. — @3 folgt die Fort« derartige Borstoß aber ben Bürgerkrieg auf jetzmg der zweiten Beratung über die «c-».i-t-r M
X Rußland «nd Persien.
Mehr stolz als weis« hat das perfische Volk das ruffische Ultimatum abgelehn!, ba6 eS nur als ben Vorläufer eines weiteren mit gesteigerten Forderungen ansah. Rußland hat daraufhin seine längst auf ben Vormarsch wartenden Truppenkontingente in Bewegung gesetzt DaS persische Trauerspiel nähert sich seiner Katastrophe.
In früher« Jahren gestattete die offene Gegnerschaft Englands und Rußlands ben Persern, jeweils die sine biefer beiben Mächte gegen ein allzulebhasteS Begehren ber anbern auszuspielon. DaS ist vorbei, seit sich 1907 Englanb unb Rußland über Mittelasien geeinigt haben. „Die Regierungen Großbritanniens unb RußlanbS verpflichten sich gegenseitig, bte Unan- taftbartett und Unabhängigkeit Perstens zu achten.' So lautet der erste Satze diese» ruffisch^nglischen Der- träges Heute im Dezember 1911 steh« beträchtliche englische Streitkräfte im Herz« SübperstenS, nüm- Nch In SchiraS, unb ein Teil der 6000 Mann russischer Trupp«, bte Norbperften beseht halt«, b«. findet sich auf km Marsche nach ber Hauptstadt Teheran.
Weshalb? Well England unb Rußland, wie sie in dem »ertrage Überein gekommen sind, „die Unan- tastbarkek und Unabhängigkeit PerflenS achten' unb schütz« wollt«? Helligr Einfalt, die da» glauben könnte. Reüt, der Grund ist ein anderer, er heißt I — Mvrgam Shnstrr.
I« bet rtchSg« Erkenntnis, daß ihn« zu» Eigenhilfe bte Kraft WL haben die Perser ba» Heil in baa veisi-and sremder Organisatoren gesucht. Auf dackfch. Hilf«, dl bte man früher große» Vertrauen setzdh hat man fett dem Potsdamer Abkomm« -wisch« Deutschland und ReHanb |M Verzicht« ge
bet Balkanhalbissel «mSlöse«, und das kann die anliegend« habsburgisch« Monarchie durchaus nicht dulden. Daher in Anfang des Krieges der entschieden« Smsptmch Oesterreich» gegen die Vor- flöße bes Herzogs der Abruzzen im Adriatischen unb Ionischen Meer. Wenn jetzt die Darda- nellenfrage austaucht, so ist freilich Rußland der erste Interessent, oder Oesterreich-Ungarn der zweite, da em Angriff auf Konstantinopel ben gangen Balkan in Flammen zu setzen droht. Die habsburgische Monarchie hat also allen Anlaß, einen starken Druck auf Italien auSzuüben, um zur Rück- stchtnahm« aus di« Jutereffen Oesterreichs und des europäischen Friedeu» zu nötigen. Dieser Druck setzt die voll« Kriegsbereitschaft Oesterreichs voraus.
' Nun hat leider Italien unter dem Einfluß der Irredentisten und Franzosenfreunde seine nordöst- liebe Grenz« gegen Oesterreich stark befestigt, — stärker befestigt und belegt, al» man bei der Zugehörigkeit beider Staaten zum Dreibünde et- watten konnte. DaS mußte natürlich bei ben Wiener Militärs den Wunsch erwecken, gegenüber den italienischen Einrichtungen ebenfalls neue Befestigungen und stärkere Besatzungen zu errichten. Als nun durch daS TripoliS-Abenteurr der jntereffen« j gegensatz akut wurde, mußte die Sorge des Wiener GeneralstadSchesS #. Hötzendorf um die Südws st« grenze eise« dringlichen Charakter annehmen. Angesicht» der erhöhten Konfliktsgefahr begreift man auch sein Verlangen, daß das lange verschleppte Wehrreformgrsetz nun jetzt energisch durchge-
mutet hat.
Die jetzigen Vorgänge in Wien laffen freilich die Gespanntheit der Lage erkennen, doch schließen sie nicht die Hoffnung aus, daß die Entwickelung im Gleise des Friedens bleibe.
Abivehr zu betreiben.
Edeusalls ist Vorsicht geboten gegenüber ben Zeitungsmelbungen von einem Gegensatz zwischen dem Kaiser Franz Joseph unb bem Erzherzog- Thronfolger. Die ausgesprochene Sympathie bes Thronfolgers für den bisherigen Generalstabs- chef zwingt noch nicht zu der Annahme, daß der Thronfolger ein unbedingter Gegner der abwartenden Politik Aehrenthals sei. Noch weniger kann einer voraussagen, daß im Falle eines Thronwechsels ein kriegerischer Konflitt mit Italien ausbrechen müßte. Dir Monarchen verhalten sich manchmal ganz anders, als die Umgebung der Kronprinzen ver-
ßuldaer W Zeitung
Monatrbeüager r,$ulbaet GeschlchtsblAter"
Unterdes toben die Perser ihren Schmerz über den Untergang ihres Vaterlandes in Aufruh r- l jenen und Mordtaten au8. Wieder ist einer der Führer der rnffenfrenndlichen Bewegung, der Großkansmann Mehmed Taghi ermordet worden. In Teheran herrscht große Erregung. Die Basare unb Löben sinb geschlossen. Von Tausenden junger Leute werden Umzüge unb Kundgebungen veranstaltet, Plakate an die ausländischen Gesandtschaften angebracht unb Rufe ausgebrachl: „Den Tob ober die Freiheit!" Der ruffische Tee und Zucker werden boykottiert. Der Straßenbahnverkehr, ber von einer belgischen Gesellschaft unterhalten wird, ist von der Menge unterbrochen worden, da sie die Straßenbahn für ein russisches Unternehmen hält.
Tas persische Komitee in Konstantinopel richtete, einen Protest an die Mächte und wandte sich damit auch an ben deutschen Reichstag. Im Reichstag wurde das Aktenstück am Samstag bekanntgegeben. Eine praktische Wirkung dürfte biefer Protest beim deutschen Reichstage wohl nicht haben. Der Reichstagspräsibent gab davon ben Mitgliedern Kenntnis.
Vom halbamtlichen Wölfischen Telegraphen- bureau wird folgende Depesche verbreitet:
In ihrer Wochenrundschau gibt die „Nordd. Allg. Ztg.' eine Schilderung der Ereignisse in Persien wäh- renb der letzten Zett und schreibt:
„Die russische Besetzung einzelner TeilePersienS scheint angesichts der zunehmenden inneren Wirren nicht abwendbar. Für uns kommt dabei nur in Betracht, daß bte Ordnung im Lande wiederhergestellt und auftechterhalten wird.' Das heißt aus deutsch: wir lass n Rußland in Persien freie Hand. Unzweifelhaft ist diese Haltung eine Folge der oben schon erwähnten Potsdamer Zusammenkunft 1910. Damals wurden, bei dem Besnche des Zaren in Potsdam, die deutsch-russischen Abmachungen getroffen, di« Rußland im nördlichen Persien freie Hand geben gegen die Zusicherung, die deutschen Eisenbahn« unb Hanbelspläne nicht zu störe«, vielmehr zu fördern durch Anschlußltmen.
• Teheran, 2. Dez. 1911. ES verlautet, daß das Kabinett weiter amtieren wolle. —Der Boykott russischer Waren nimmt zu. Die Kaufleute weiger, sich, solche Waren zu verkaufe», weShalb die Presse stark steigen
Ausland.
♦♦ Frankreichs bevorstehende Marakkobcbatte. Für die Anregung, daS Marokko-Abkommen ohne Debatte anzunehmen, scheint sich in der Depulicrtenkammer keine Mehrheit zu siuden. Lang» Bericht an bte Kammer wurde 15:1 Stimme genehmigt. Der Bericht schließt mit dem Satz:
Dem Bedauern, das bei unS die Kongoabtreinng bervorrust, müffen wir die in Marokko erzielten Ergeb, niffe aegenüberfteHen. Aber man darf diesen Vertrag nicht bloß al» eine Jnlerefsenentschädigung ansehen. Man muß vor allem wünsch«, daß diese? Abkommen, indem e» die entstandenen Schwierigkeiten regelt und eine ebenso lange Periode der Spannung beendigt, eine Aera der Einspannung und der Ruhe in ben Beziehungen bei beiden Länder herbeiführt.
r Die mit ber Unterjuchmst über dir Pnlver- litftnmg in der französischen Marin« beauftragten Offiziere haben eine skandalös« Entdeckung gemacht. Es wurde festgestellt, daß ein Quantum Pulver des
3.ÄÄ w-chE-w- ^llusittettt romttagrMmg"
«LV. Hötzendorffs Rücktritt.
Der Rücktritt des österreichischen Generalstabs- chess.bedeutet mehr als einen gewöhnlichen Personal- wechsel.
llaiser Franz Joseph hat, wie wir bereits dar« gelegt haben, den Generalstabschef fallen lassen, weil Graf Aehrenthal sich in seiner vorsichtigen auswärtigen Politik durch den militärischen Eifer des Generalstadschefs geniert fühlte. Diese Wiener! Krisis hat eine entscheidende Bedeutung für das Verhältnis der habsburgischen Monarchie zu Jia« Hen unb damit auch für die Zukunft des Drei« buudes. Der bisherige Generalstabschefs hatte sich bekanntlich ganz besonders für die Wehrfähigkeit Oesterreichs im Südwefteu, gegenüber Italien, in« teressiert. Wenn nun der Erzherzog-Thronfolger feine Sympathie für den Entlassenen bekundet, so wird sich m Italien und bei dessen Freunde die Ansicht scstsetzen, daß in Wien bald eine schärfere Tonart gegen Italien zum Durchbruch kommen ft>erde. Die Schuld für diese Verschärfung der Spannung liegt aber nicht auf Oesterreichs Seite, s Daß die militärischen Fachmänner Wünsche haben und Forderungen stellen, die den Finanz - Ministern unb ben Diplomaten nicht gefallen wollen, kommt häufig vor. Aber bei normalen tzeitläufen pflegt man solche Meinungsverschiedenheiten im Guten unb in ber Stille auszugleichen, ohne das Staatsoberhaupt vor bie peinliche Entscheibung zu stellen, ob es e. tweber ben militärischen oder den politischen Vertrauensmann Entlassen soll. Wenn in Wien sich die Gegensätze bis zur Krisis zugffpitzt haben, so erklärt sich daS durch die eigentümlichen Verhältnifie, in welche bie Monarchie durch das abenteuerliche Vorgehen ber Italiener in Tripolis gestürzt worden ist.
k Oesterreich-Ungarn würde ja, ebenso wie Deutsch« Land, den Italienern Tripolis gern gönnen; aber M die Italiener nicht gewartet haben, bis Tripolis M reise Frucht ihnen zufiel, so mußten sie in einen