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Unpolitische Zeltlause-

N. Ber lln, 23. November 1911.

Nachdruck verboten.)

Der Postraub, den vorige Woche zwei verbre­cherische Neulinge in Berlin vollführt haben, erregt besvt.deres Aufsehen, denn dabei ging alles ins Ko­lossale, sowohl der Wect der geraubten Sachen, als auch die Frechheit, mit der die Räuber vorgingen, un> ebenso die nachträgliche Dummheit, durch die der eine TÄer sich in die Hände der Polizei lieferte. Abrufes um 8 Uhr wird in einer belebten und gut erleuchteten Straße mitten in Berlin ein Postwagen, der mit dccxsachem Verschluß gesichert ist, in den wenigen Augenblicken, wo er vor der Einfahrt in den Posthof anhält, mit Nachschlüsseln geöffnet und ein Postsack, der Werte von fast einer Million emhält, wird her- ausgezogen mife fortgeführt. Erst nach der Einfahrt in den Hof, als die berufenen BeanÄen zur Ent­leerung des Wagons erscheinen, merkt man den Ein- bmch. Der Postillon wird angehalten, weil er wäh­rend des Aufenthaltes vor der Einfahrt ordnungs­widrig vom Bock gestiegen war und angeblich mit einer Zivilperson gesprochen hatte. Diese Indizien hätten schwerlich zur Ueberführung des Mannes aus- gereicht; aber die Polizei hatte Glück. Der zwei« Schuldige, der den Postsack glücklich in seine Wohnung gerächt hatte, fühlte nämlich noch in derselben Nacht das Bedürfnis, fich des Sackes und des unbrauch- b«reu Restes von seinem Inhalt zu entledigen. Er schlich mit dem balligefüllten Sack durch die Straßen des Vororte- Rftfeorf Einem Schutzmann kam der neue Sackschlepper, der den Schatten auffuchte, ver­dächtig vor. Er folgte ihm. Als der Verfolger sei­nen Hut verlor und diesen im Stich« ließ, war der Polizist seiner Sache sicher. Auf der Hetzjagd warf der Verbrecher den Sack über einen Bauzaun. Der Beamte ließ sich aber nicht ablrnken, sondern hielt sich an dm Mann und brachte ihn aufs Revier. Dann wurde die w-ggeworfene Last aufgespürt, und al» man den Postsack sah, war es sofort klar, daß man

hier dm Posträuber habe, über dessen Tat inzwischm der Diensttekgravh alle Polizeiämter in Groß-Berlin bmachrichtigt hatte. Ein wahres Glück, daß der Mann, der während der Tat sich so dreist und ner- vmstark erwiesen hatte, während der Nacht „eS mit der Angst kriegte" und dm rnvorsichttgm Spaziergang mit dem Sack antrat!

Die Poswerwaltung tot* nun ihre Sicherheiw- maßregeln für Werttransporte wohl noch verbessern müssen. Man sieht, daß drei Schlösser mit verschie- benen Schlüsseln (ein Vorhängeschloß für den Quer­riegel und zwei Türschlösser) auch noch nicht auSrei- chm. Nach meiner Ansicht sollte httttm, an der Ein- ganzStür zu einem solchm fahrend« Geldschrank, stktS ein Postbeamter sttzm, der für dm Transport verantwortlich ist und unter keinen Umständen seinen Postm verlaffm darf, bi» der Wagm ordnungsmäßig entleert ift.

Darüber brauchen wir uns aber dm Kopf der Behörde nicht zu zerbrechen. Von allgemeinem In­teresse ist vtÄmrhr die letzte Ursache des VerbrechmS, die durch daS Geständnis der beidm Schuldigen auf- gedeckt wordm ist. Sie ist auf dem Rennplatz zu suchen. Der Postillon Wendt war in bie Leiden» schäft der Rennwetten geraten. Natürlich ver- lor er dabei sein Geld, wie die große Mehrzahl der Spieler. Er geriet in Schulden und wußte sich schließlich nicht ander» zu helfm, al» durch einer Raubzug. In einer Kneipe, wo vorwiegend Post- beamte verkehren, machte « die Bekanntschaft eine» Menschen der auch mehr Geldbedürfnis al» Gewiss« hatte und die beidm verabredeten die Beraubung des inhaltreich« Postwagm», zu dem sie sich brauchbare Nachschlüssel verschafften.

Di« Rennwette ul t Angeblich feilen sie die Pferdezucht heben; leider drücken sie daS Menschengeschlecht herunter. Auf da« unglückselige Betten sst eine Unzahl von Missetaten zurückzustfa«, —von dem LehrlingSgriff in die Por- totaffe bi» zu raffinierten Unterschlagungen und ver­wegenen Rauotaten. Der junge Mensch gebt der Nm- gier de halber auf dm Rennplatz; er sieht bte staatlich genehmigte Webmaschine^ dm Totalisahor; er be­

trachtet daS Treibm der Buchmacher; er hört von den Gewinnm und bekommt vielleicht auch einen zu Ge­sicht, der mal ein Goldstück einzeheimst hat. Nun fängt er auch an, sein Glück zu versuchen, er meint, eine Kleinigkeit von seinem Gehalt könne er doch scho^ einmal riSkierm. Damit hat er feinen Fuß auf eine schlüpfrige, schiefe Ebene gesetzt. Gewinnt er feaS erste Mal, so glaubt er mit Zuversicht fortfahren zu bflrfen. Verlies er aber, so brennt er auf „Revanche" und kratzt die lehtm Markstücke für einen neuen Versuch zu­sammen. Bald lernt er von den anderen Spielern, daß man nicht selbst zum Rennplatz zu fahren braucht. Es gibt ja tausmde von stillen WettbureauS in Ber­lin. In Kneipen, in Ziqarrenlädm, in Barbierstu- bm, in allen Ecken und Endm könnm die Wettlusti- gm ihr Geld loSwsrdm. Die Rmnm in Deutschland sind schon zahlreich genug; aber damit begnügen sich die Wettlusttgen nicht. Man setzt auf Pferde, die in England und Frankreich laufm. Namentlich an den französtschm Rmnm wird viel dmtscheS Geld „be­teiligt". Wenn man in Berlin in einem modernen Cafö sitzt und dm Anschlag ber neuesten Telegramms beobachtet, so sieht man zu ben Wolffschen Depe­schen nur wmige Nmglerlge eilen, und von diesm wenigm sehen bte meisten nur auf die Börsen- telegnamme|. Wmn ab« eine nquo 91 etttr depesche auS Frankreich angeschlagm wird, so strömt gleich eine ganze Reihe von Neugierig« hin, meistmS jüngere Scute, die ben Ausfall b« Rennm eifrig ftubierm und sogar sich sorgsam notieren. Und wenn bei ben ZeltungShändlem ein großer Stotz von Sport blättern ankommt, so gchm diese ab, wie warme Semmeln, schnell« al» bie politischen Blätter, sogar noch schnell« als bie SkandalblWer. Das ist fein ideales Jntrreffe für bm Sport, sonbern bie Gl« nach Nachricht« vom Bettmarkt. Man will wissen, welche Vserbe für ba» nächste beutsche ob« auslän­dische Rennm start«, tote ihr Gewicht bemessen ist, w« st« retten soll tote e» mit der „Form" der ein­zeln« Pf«de steht, welche „Odds" von dm Buch- machem geboten w«dm; man sucht nach »Tivr von angeblich kundig« Hand, d. h. nach ein« Pro­phezeiung üb« dm tonfttg« Sieger. Und auf Grund

dies« „Informationen" läuft man schleunigst in sein Wettbureau, um da- sauer verdiente oder geliehene ob« vielleicht gar ergaunerte Geld in den großen Rachen deS Spielteufels zu werfen.

Wenn man alle Provision« und sonstigm Unkostm in Anrechnung bringt, so ist die Aussicht auf einen Reingewinn schon bann gleich Null, wmn alles regel­recht und ehrlich zugeht. Da» ist aber längst nicht immer ber Fall. Manchmal versagt schon die Ehrlich» kett beim Vermittler; « behält das Geld im Ver­lustfall, ab« er zahlt nicht immer im Gewinnfall, weif er feen Einsatz nicht auf dem Rennplatz, sondern bloß in feiner Tasche angelegt hat. Noch häufiger und noch Srg« sind bie „Schiebungen" auf ben Rennplätzen. Angeblich soll« ba alle Pferde nach bestem Könnm um bm Sieg ring«; ab« nur zu häufig wirb ein Pfad zurückgehaltm, weil ber Be­sitz« ob« feer Train« ob« b« Jockei ein größere» Interesse daran hab«, daß bie-mol ein andere» Pferd gewinnt, als ihr eigene». Ob« man fälscht die Kraft­probe durch daS doping, b. h. burch Eingeben von besonder« Reizmitteln, die ein an fich schwäch«-» Pfgvd für den entscheidenden Augmblick besonder» leistungsfähig macht. Das Gegenstück dazu ist bie heimtückische Schwächung von konkurrierenden Pfer- ben. Von blefem ganzen Getriebe, von bem baS Glück korrigiert wirb, Weiß dar Bettluftige nichts. Er opfert fein Gelb und hat bm Schaden von all dm unlauteren Machenschaften ui*> dm unberechen­baren Zufällen. Nm dm Verlust wieder einzubringen steigert « seine Einsätze, und schließlich weiß « nicht mchr ein und au«.

Im Vergleich mit dies« verderblichen Rennwetten ist ba« Lotteriespiel wirklich das Heinere Hebet Ersten« ist da d« Reiz zu ff et» höheren Einsätzen nicht so groß, al« bet der Aufeinanderfolge von mehr«« Remien, und zweiten« entscheidet bei bet Lotterte- ziehung wirklich b« ehrliche Zufall, nicht listige Ma­chenschaften. Trotzdem ist auch die Batterie eine häß­liche und gefährliche StaatSeinrichlung, sodaß unser« süddeutsch« Brüber ketneSweg« Hu«a zu «fers brauch«, wenn sie jetzt auch tn bte preußische Lotte­riegemeinschaft fflnetngelotfet werd«. Viel schlimme^

besitz«, und zwar V» Liter Weiniprit

1 Palet Etieichhölzer

2 Pfund Salz

•/* Pfund Kaffee

Summa

sich bamti nicht mehr für «ufrieben, und der russische Gesandte in Teheran ist von feinet Regierung plötz­lich abberuf« wordm.

suppe und Zündhölzchmsalat für bte Familie an­machen würde

Ba» tut also die liberale Presse, um ihren 1,57er Schwindel zu halt«» Sie stützt dm einen Schwin­del mit einem ander«, fügt zum alten einen neuen. Der liberalen Presse kommt e« nicht darauf an, auch einmal fo zu schreiben, als ob ihre Les« Idiot« wärm. Wmn diese es sich gefall« lass« — un» geht da» nichts an. Ab« gegen bte Unwahrhaftig­keit tm öffentlichen Lebm, gegen die Zumutung, sol­chen politischen JbiottSmuS ernff zu nehmen, ba* gsgen legt Jeb« Vernünftige unb jeder wahrhaft Dmffche, d« noch ein christlicher Gewissen hat, Pro­test ein.

Nied« mit den VolkSbeschwindlern ui.fe -belüzernl

Also bezahlte bte Frau über 50 Proz oder mehr als bte Hälfte dem Staate an Steuern."

Dieses Geschichtchen erregte seinerzeit namentlich in den schwarz-blauen Blockkretien ungeheure Auflegung und wurde sofort von deren Presse als „erlogen* be­zeichne!. Eine genaue Nachprüfung ergab aber nicht

6 Der 1,57 Mk.-Lchwinvel.

MU welch« Gewissenlosigkeit die Liberal« unb Sozialbemokraten dort, wo sie da» Zemrum unterzu- kriegzn hoff«, dm Wahlkampf führen, davon kann man sich tn unferm volttisch ruhig« Bezirken gar keine Vorstellung mach«. D« Morast von Hetze unb Verdrehung, der dort umgerühtt totrb, kann Fern- stehmde nicht zu näher« Betrachtung lock«. Aber eS ist doch tarnt« gut, »an man bem Gegner auf bte Finger steht und darum tarnt man auch an ben uner­baulichst« Seit« de« Wahlkampfe« nicht ganz acht- lo« vorübergehen.

Die schlimmste Lüge, die beim Wahlkampfe in Konstanz-U«berli«gen bte Liberalen zur Verhetzung de« Volke» «eg« ba« Zentrum in bie Welt gesetzt faßen unb bie sicherlich bm Gegnern be» Zentrum» au« bm Reihen d« politisch unerfahrenen Leute manchen Anhänger gewonnen hat. ist jener un» geheuerliche 1,57 Mk.-S ch »inbel ber liberal« Konstanz« Zetkun« ben selbst tm Rchchsstage ein Echo gesund« hat. Bekanntlich hat d« Zmirumsabg. Dr. Pfeiffer bm Liberalen unb ihrem fianbiba- tm, bem Abg. Schmidt, dies« Schwindel d«artig um die Ohr« geschlagrn, daß ihnen Hörrn unb Seh« vergangm ist. Die Schwtnbelmitteilung, bie tn Pla­katform tn bem liberal« Blatt abgedruckt war, hatte folgenden, unseren Lesern übrigen» bekannt« Wort­laut:

„Hausfrauen aller Stände! 1.67 Mark an un«. trägltchen Steuern, die Euch daS Zentrum aufetlcgt, müßt Ihr täglich bezahlen, wenn Ihr nur 3 Mark von den für (euren Haushalt notwendigen Dingen ein» kauft. Gebt durch Eure Männer die Belohnung für diesen Volksverrat, indem Ihr ihnen den Stimmzettel für Schmid in die Hände legt '

An liberal« Blätter unb Politik!« Ist schon vor Wochen bie Aufforderung gerichtet Worten, zu bewei­sen, baß ba« angeführte Plakat käme gewissenlose Lüge sei. Bis zur Stande hat noch niemand die- sen Beweis erbracht, einfach deswegen, weil er nicht zu erbringen ist. Wohl aber haben feie liberalen Blat­ter im Konstanzer Wahlkreise, wie bie „Konst. Ztg." unb bie „Neue Konst. Abrnbztg.", ben Versuch ge­macht, ben albernen Schwindel, mit itzmt ber Sieg bes liberalen Kandidaten errungen werben sollte, so zu vertuschen, baß arglose Les« bie Meinung bekom­men sollten, jene Lüge sei keine Lüge, sonbern Wahr­heit.

Es gehört viel Mut bazu, einen solchen Versuch überhaupt zu unternehm«. Unb man muß wenig Respekt vor bm Lesern hab«, wenn man einen sol­chen Versuch überhaupt wagt. Unb war schreiben beim biefe Blättler, um ihre Les« neuerdings irre zu führen? Man höre! Dir „Neue Konst. Abrnbztg." springt ihrer Kollegin zu Hilfe unb bie „Konst. Zig." greift nach bem Strohhalm unb falbe drucken folgen­des erfundene Geschichtchen ab:

„Bet einem Gastwirt in Masuren erscheint ein Großgrundbeiitzer, ein adeliger Herr, und ver- iucht, den Gastwirt, der Mitglied eines liberalen Vereins ift, für die konservative Sache zu gewinnen. Im Lause des Geiprächs erwähnt der Rittergutsbesitzer, daß die neuen Steuern überhaupt den kleinen Mann gar nicht belasten (was niemand behauptet. D. Red d. B. B.). Der Gastwirt «zählte als Antwort sol­lende Geschichte: Bor einem Augenblick war im Laden eine arme alte Frau, tye klagte, daß der Mann meist kränklich wäre und nach langer Zeit wieder einmal etwas verdient höbe, unb zwar zwei Mark bares Geld. Daraus wollte sie ihm auch wieder einmal einen Schnaps kaufen. Die Fran machte nur für 1,25 M. Ein käme und nun bewies der Gastwirt dem konsorva-

nur bte vollste Richtigkeit dieser Feststellung, sondern noch ernt Korrektur bmftchtlich der Rafleeftetteiquote. bi«, rot« bi« Raffeegtoiftnen sofort enttetlten, sich am 20 Psg. pro Ptuno erhöh«, also im vorliegenden Kalle um 5 ’S., so daß allo bet einem Einkauf von 1,85 M. achtundfechtzig Pfennige Steuern zu dezablen roaren.'

Soweit die Konstanz« liberal« Blätter. Da» Ganze ist ioiefar ein frecher Schwindel! Zu­nächst ist e» eine Lüge, daß auf einem Viertel Lit« Weinsprtt ju 50 Psg. 31 Psg. Steuer ruh«. Der Mann, da diese» Beispiel ersonnm hat, hat sich selbst al» Schwindl« charakterisiert durch bie Art seiner Rechnung. Er hat nämlich einfach g«rchnet: auf einem 2Ufa Alkohol ruh« 1,25 M. Steuern; ber tilerte Teil davon ist 31 Psg., also ruht auf einem Viertelliter Schnaps 31 Pfg. an Steuern. Der Er­finder tiefe» Schwindel» hat bähet nur zwei Dinge nicht bebacht, 1. faß b« kontingentierte Branntwein nur 1.05 Mk. an Steuern zahlt, was auf bat Ver­kaufspreis vatechnet f.lbstv«stündlich schon wieder etwa- auSmacht; 2. — unb bas ist bie Hauptsache — baß feie 1.25 Mk. ob« 1,05 Mk. nicht auf bem Trink­branntwein unb nicht auf bem für b« Hausgebrauch bestimmt« Weinsprit usw. ruhen, sonbern auf kem Liter reinen Alkohols, also auf hunbertprozmti- gem Alkohol. SB« bte Branntweinsteuer kennt, ber muß baS wissen. Im Trinkbranntwein bezw. bem für ben Hausgebrauch bestimmten Branntwein, unb Weinsprtt usw. sind aber keine hundert Prozent M- kobol, sondern vielleicht 30—35 Prozents vielleicht noch wenig«, sodaß also nicht etwa 31 Psg. Steuern auf dem Vierrclliter ruhen, sondern höchstens ber britte Teil, also nur etwa 10 Pfennig. Der Rit­tergutsbesitzer, von bem bie liberalen Blatter erzählen, müßte bemnad) feaS Bramttweinffeuergefetz genau fo menig gekannt haben, wie ber famose liberale Gast­wirt unb b« noch famosere liberale Journalist, ber biefen Schwindel ersonnen hat.

Nun kommt noch vieles hinzu, was den 1,57« Schwindel noch viel klarer macht. Die „Konst. Zei­tung" schrieb, bfffe Steuern sei« vom Zentrum auf «legt. Ja. seit wann kann denn feas Zentrum Steuern auferltgen? Der Staat legt Steuern auf und nicht eine Partei, die wie bie Zentrumspartei sogar eine Mlnfarhettspartel ist. Aber ganz abgesehen davon: Wann und wo hat denn daS Zentrum die Salzsteuer bewilligt? Wissen die liberalm Ig­noranten nicht einmal, feaß die Salzsteuer in allen Kultarländem eine far ältesten, wenn nicht die älteste ist und daß die Salzsteuer längst bestand, b e v o r es ein Deutsches Reich und ein Zentrum gab. Aehnlich verhält es sich mit dem Kaffeezoll, b« sckon feit 1879 besteht unb bisher 40 Mark auf feen Doppelzentner betrug unb nunmehr auf 60 Mark pro Doppelzentner S'i66t wurde Die Erhöhung beträgt demnach

Pfg. pro Pfunfe. Die „Konst. Ztg." behauptet, sie betrage 20* Pfennig pro Pfund. Sie kennt also bi« zur Stunde den Kaffeezoll nicht. Daß die liberalen Ignoranten immer von Kaffeesteuer sprechen, wo sie von Kaffee zoll sprechen sollten, ist ebenfalls be­zeichnend.

Weiter aber kommt noch zur Kennzeichnung des liberalen Schwindels in Betracht, feaß bte „Konst. Ztg." schrieb, jene Hausftauen, bie für 3 Mk. Haus- haltungSeinkäufe machten, müßten täglich 1,57 Mk. Steuern zahl«, also über 50 Prozent. Wo ist b« Beweis bafür? Kaust eine Hausfrau wirklich t ä z- lich zwei Pfund Salz, ein Paket Streichhölzer, ein Viertelliter Schnaps und ein Viertel Bohnenkaffee? Man darf sich die Sache nur ausdenken, um die ab­solute Lächerlichkeit ein« solchen Behauptung zu er­kennen. Die Hausstau müßte ja. bann täglich 600 Streichhölzer verplempern unb alle Sup­pen feerart versalzen, daß die Familie zu be­bauen: wäre. Wir möchten ber „Konst. Ztg." raten, lieber sich selbst täglich 2 Pfund Salz zu kaufen und damit die Stirne so lange einzureiben, bis sie selbst einsteht, und auch so ehrlich ist, cs zu gestehen, baß ihr 1,57 Mack-Plakat ein ausgemachter Steuer- schwinbel ist unb bleibt.

Wir wollen ihr übriaens zu Hilfe kommen unb zeigen, wie sie beweisen kann, was fie beweisen will. Sie möge doch einfach schreiben: Eine HauSstau kaust täglich fite 3 Mk. Zünfehölz« und muß also täglich 1,50 Mk., d. 1. 50 Prozent Steuern zahlen. 1,57 Mack macht es auch dann nicht, aber die 50 Prozent wären dann doch bewiesen. Und es unter­liegt gar keinem Zweifel, daß die Frau fo viele Zündhölzer brauchen würde, wenn sie Zündhölzchen»

wochen-Kun-rchau.

[:] Fulda, 30. Rooember 1911.

Die Sensation bet Woche ist verrauscht, ohne daß sie bie erwartete unb erwünschte Entspannung ber po- litischen Sage gebracht hätte. Nach Englands Mini­sterreben ist man so klug wie zuvor, unb nur ba« eine steht unumwunden fest, daß iS in ben Beziehungen zwischen Deutschland unb Englanb alle» beim alten bleiben wirb. Die Marottokrise fas vergangm« Sommers ist ja — fast möchte man sagen, trotz .England — glücklich überwunden. Unsere Beziehun­gen zu England haben sich ntcht gebessert und totrb« sich auch in Bälbe nicht bestem, Weil eben Englanb sein Weltrichteramt nicht aufgeben Will. Die eng­lische Bevormundung Hal sich tn ber Greyschen Rede Wieder einmal deutlich offenbart. Grey sagte, Wenn .Englands Minister nicht mehr solche Red« halt« bür. fen, Wie Lloyb George, würbe England aufgehört haben, eine Ration zu sein. Wir ab« antwort«. Wenn Deutschland sich bie englische Bevormunbung Unb Anmaßung gefallen läßt, wirb es seine weltpoliti» fchen Aufgaben nicht burchführ« können, beim dann Würde die deutsche Politik immer mehr tn ein Ab­hängigkeitsverhältnis zu England gerat«.

Auf innerpolitischem Gebiete ist das ganze Inter­esse durch die Wahlvorbereitung« in Anspuch genom­men. D« Reichstag hat sich zu ' seinen letzten Sitzungen zusammmgefunden. Er beriet in feer ver­gangenen Woche das Schisfahrtsabgabmgesetz unb das HauSarfaitsgesetz in zweiter Lesung und die Ko- lonialvorlange der ostaftikanischen Zentralbahnm. Bte vor die Reichsboten ihre Heimreise antreten, werben sie sich noch einmal mit ber Marokkofrage zu beschäf­tigen haben. Der Reichskanzler unb auch Staats­sekretär v. Kiderlen-Waecht« werben auf die Aus­führungen bes englisch« Ministers antworten.

In Englanb bereitet man sich schon auf bie Wetterführung der gegen Dutschland gertchtetm Po­litik vor. Die Hälfte ber Mitglieber ber Admiralität der englischen Flotte ist plötzlich entlassen unb durch andere ersetzt wordm. um eine „Einheitlichkeit" in die Admiralität hmeinzubrtngm. Dieser Vorgang, im Zusanmienhang betrachtet mit ben Enthüllungen bcS unionistischm Abg. Faber üb« bie englische Flotte, beweist, tote wenig ernst es Englanb mit feinen Freunbschastsverslchecungen an Deutschland nimmt.

Im Kriege mit der Türkei haben feie Italiener vor Tripolis einen kleinen Erfolg zu ver- jeichnen gehabt. Es gelang ben Italienern, das Fort Meßri den Türken wieder abzunehmen. Von den Italienischen Kriegsberichterstattern, die jetzt, nachdem fast sämtliche ausländische Berichterstatter auSgewie- sen ober toeggegrault sinb, sich unkontrolliert sühlm, würbe dies als „entscheldenber Sieg" gefeiert, der für ben Vormarsch in bas Innere von Tripolis von großer Bebeutung sei. Dabei ist Meßn ein ganz kleines Fort unb liegt nur w tilge Kilometer landein­wärts. Von einer eutscheibenben Bedeutung kann da­her dar Sieg keinesfalls sein, und die italienische Presse zog sich denn auch spät« darauf zurück, daß eS sich wenigstens um einen „moralischen Erfolg" han­dele. Me bescheiden! — Die Blockade ber ®arba­ue 11 e n, die von Italien schon solange geplant ist, ist noch nicht ausgcführt worden. Rußland, England unb Frankreich haben gegen diese Blockade protestiert, ^euerbin^ heißt es, baß Italien in bm Dardanellen Demonstrieren und die Flotte vor Konstantinopel er­scheinen werde, um die Herbeiführung eines Friedens zu erzwingen. Bei der von der Türkei vocgenomme- nen starken Armierung ber in Frage kommenden Häsin erscheint es aber jedm Tag zweifelhafter, ob Italien diesen Plan wirklich aus führen wird.

In China hat ber Regent ben Gib auf bte Verfassung geleistet. Dadurch ist aber keineswegs eine Änderung der verworrenen Lage eingetretm. Im Gegenteil, di» Kämpfe dauern mit unverminderter Heftigkeit an. Die Erfolge, die die Regierungstrup- pen anfzuweism fafan. Werden durch Erfolge der Re­bellen an anderer Stelle wieder aufgehoben.

Dec russisch-persische Konflikt Wäre eigentlich beigelegt. Wenn Rußland nicht bte Absicht hatte aus Anlaß bieses künstlich herb ei geführten Konfliktes zu einer Besitzergreifung Persiens zu schrei­ten. Die persische Regierung hat sich bei der russischen Gesandtschaft in Teheran wegen der angeblichen „Be­leidigung" eines ruffischen Konsulatsbeanittn, Wie verlangt, entschuldigt. Die russische Regierung erklärt

30 H, Steuern hierauf 15 H 20 <4, Steuern hinauf 12 H

25 5>. Steuern hierauf 5 5)

1.2» *, La. Der Steuern 63 5>

Deutscher Reich.

♦ Jesuitenfabeln". Die Verfass« des bei Quelle u. Meyer in Leipzig erschienenen Evangelischen R e - ligionSbucheS für Höhere Mädchen- fchulen und Stublmanstaltm: Direktor Falk-Zeh- lenbotf, Oberlehrer Dr. Schranö Erfurt unb Ober­lehrer Oppemann-Kaffel, schein« besonders schbchl auf bi« bösm Jesuiten zu sprech« zu sein; jedmfallS betracht« sie es als ihre Hauptaufgabe, bie Höher« Töchter ordentlich vor ihnen grufeln zu machen. Im 6. Heft, mthalttnd die Geschichte ber chMilchen Kirche von ber Reformation bis zur Gegmwarr, wer­den von 69 Seit« üb« 3 Selten dm „Jesuiten", dem „Kampforden gegen den Protestantismus" ge­widmet. Auf nahezu drei wettet« Seiten wird bet der Behandlung bet Gegenreformation ausgeführt, baß „fast jebe Unterdrückung evangelischer Bewegun­gen In Ländern katholischer Herrsch« auf jesuitische Rechnung zu setzm ist." Unter dem StichwortN „Jesulttsche Moral" heißt e8 wörtlich:

Die Jeitaten verdanken ihre betlptelloten Erfolge nächst ihrer straff« Organisation vor allem ihrer bedenklichen Weither,igkeit in sittlichen Fragen. Sie handelten nicht nach sittlichen Grund« sähen, sondern fte entschieden von Fall zu Fall (kasu- iitftch), so wie es gerade für die DrDensintereffen am vorteilhaftesten war. Die verwerflichsten Sätze der Jesuitenmorat sind: 1. Der (gute) Zweck heiligt bie (an sich sündhaften) Mittel. 2. Aussagen, sogar eidlich bekräftigt«, darf man durch unausgesprochene Zusätze tben „geistigen Vorbehalt') einicbiänten, um dm anderen über bte wahre Meinung zu täuschen. Auch darf man sich zweibeutiger Ausdrücke bedienen. 3. Sünohaft ist eine Uebettietung nut bann, wenn man sie mit voller Absicht, ,u sündigen, begeht. 4. Erlaubt ift eine Hand­lung trotz eigener Gewlffensbedenken, wenn man sich für fein Tun auf die Autorität eine« namhaften Moral- lehrers betuten kann. . . . Darum ist «S für das demsche evangelische Volk eine Pflicht der Setbsterhattung, die Wiederzulaffung bet Gejell)chast Jesu mit allen gerechte« Mitteln ,u bekämpfen.

W« lacht ba nicht, wmn « solches Zmg liest? Wir hoffen, baß bem Buche bie Genehmigung zur Einführung nicht erteilt Wirb.

# Karlsruhe, SO. Nov. 1911. Angesicht» ber Präfibentenwahl im badischm ßanbtag, bet ber ber Großblock wieder ben Nationalliberalen Nohrhurst wählte^ währenb ba» Zentrum unb bie Rechte mit ihrem Kanbibatm Fehrenbach in b« Minberfait blieb«, muß baran erinnert werd«, baß Jahre lang bie nationalliberale Partei tm badisch« Lanbtage zwar bie ft ä r k st e Fraktion war, nicht ab« über bie absolute Mehrheit verfügte. Diese stand im Gegmteil ber nationalliberalen Partei entgegen. Trotzfam hielt diese Mehrheit unter Führung de» Zentrums an dem Grundsätze fest, dar stä r k st e n P a r- tel steht er zu, dm Präsidenten zu stellen! Solange feie nationalftberale Partei von diesem Grundsätze bm Prästbmtenstuhl profitierte, anerkannte sie bm Grunbsatz, genau wie in Sachsen; heute, ba sie von ber Nicht anerfennung be8 Grundsatzes pro­fitiert, wirft sie Ihn üb« Bord. Die Demokratie hat, so lange sie mit dem Zentrum jufammenarbeitete, ben Grundsatz ebenfalls hochgehalten; seit sie In bm Groß- block eingetretm ist, hat auch sie fern Grunbsatz von ehbem vergessen. Selbst ber nationalliberale „Manrn- heime Gen«alanz." hat biefe« vorgehm b« liberal« Parteien 1909 al» „bm schlimmsten unb brutalsten Gcwaltstreich" gefaanbtnarft. Die Nattonallib«alm erlaufen übrigen» den Prästdentmstuhl tm«. 1905 mußim fie über dm Stock sprtngm, dm die Sozial­demokratie hinhob, und fie sprangm mtt Bravour Mar­

tinen Fürsprecher, daß die arme» Leuie prozentual mehr Steuern aufbtingen, als der Herr Rtlterauts- folgendermaßen: Die Frau kaufte: 50 5>. Steuern hierauf 31 H

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