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* Tuldaer K Leitung*
4. Blatt.
w«b vertag r« CHlbatr Xdteabrtt<kt<i in Zalda.
Deutsches Reich.
* Eine unterbliebene Interpellation. Wie die »Münchener Neueste Nachrichten" (Nr. 558) sich au» Berlin melden kaffen, »ist es nicht beabsichtigt', da» neue Motuproprto im Reichstag zum ®tgen* ftcub einer Interpellation zu machen. Mit Rücksicht auf die Geschäftslage, so liest man weiter, »will man (soll wohl heißen: hie nationalliberale Varrel) diese Angelegenheit jetzt ruhen lassen, in de, Hoffnung, da bk Reichs! ei tung beim päpstlich.» Stuhl Schritte unternehnieu werde, nm gegen die Wirkung dieses Dekretes Protest emzulegen." — Dieser Erwartung wird die Reichsleitung nicht entsprechen können, nachdem sie sich überzeugt haben wird, daß von ein m „Wirkung' des jüngsten päpUichen Erlasses auf Deutschland keine Rede sein kann, es sei Henn, daß damit die neu angefachte kulturkämpferische Agitation vorwieemd der Liberalen gemeint sein soll. Es ist deshalb eher an- zurchmen. daß der Grund für das Unterblrtben der Jmerpellation weniger jene „Hoffnung" cmf einen Protest der Regierung ist, als vielmehr die durch die Aufklärung in der Zentrumsprefle gesördxte Erkenut- ni5. haß dec Reichstag wirklich keinen Anlaß har, sich mit dem jüngsten Motnpoprio zu beschäftigen. Tann iväre cs aber ehrlicher, daß man sich veranlaßt fielt, eine irrige Auffassung preiszugeben.
** Darf ein Beamter einen So ualbemgfraten wühlen? Diese Frage, tie zu einer Gewissensfrage für den Beamten werten kann, ist von liberaler Serie verneint, und es ist als eine »schwere Beleidigung der Beamten' bezeichnet worden, wenn man i'r.nen den Vorwurf mache, sozialdemokratisch zu mähten oder gewählt nu haben. Das hat niemand anders gesagl, als die — .Freisinnige Zeitung'- Diese erzählte in ihrer Nr. 132 vom 6. Juni 1908 vvii den Landtaaswahlen in Berlin; danach habe ein gut unrcrria,teler Berichterstatter gemeldet, von den Schutzleuten und den Postbeamten habe ein Terl den sozialdemokratischen Wahlmännern ihre Stimme gegeben. Auch einige Lehrer und städtische Beamte hätten sozialdemokratisch gewählt. Wörtlich schrieb hierzu die .Freisinnige Zeitung':
„Man muß erwarten, daß der Berichterstatter in der Lage ist, diese Behauplung zu erweisen; denn wir würden es für eine schwere Beleidigung der Beamten halten, wenn man ihnen unbegründet den Borwurf machte, einem Sozialdemokraten die Stimme gegeben zu haben."
Recht so! Und da die .Freisinnige Zeitung' ganz gewiß auch jetzt noch als e n charakterfestes Blatt gelten will, so wird ste alle liberalen Beam- len, die etwa Neigung haben sollten, für einen sozialdemokratischen Großblockkandidaten zu stimmen, darüber belehren, daß ein Beamter keinen Sozialdemokraten wählen darf. Und die nationalliberaleu Blätter werden diese Belehrung dann hoffentlich nachdrucken.
+ Die deutsche Flotte. Nach amtlichen Angabm bestand die deutsche Flotte im Jahre 1908 aus 130 Schiffen von 603 384 Tonn« Deplacement (Wasserverdrängung), 1911 aus 128 Schiffen von 789 720 Tonnen Deplatement. Obwohl die Zahl der Schiffe sich in diesen drei Jahren etwas verminderte, wuchs das Deplaccment um 186 336 Tonnen. Die Ma- schi-renleistung wuchs im gleichen Zeitraum von 931 080 Pferdestärken auf 1294 580, also um 360 500 Pferdestärken. In dieser Zusammenstellung flnd alle eigentlichen „Schiffe" enthalten, nicht aber die Torpedo- und Unterseeboote, auch keine Werftfahrzeuge, wohl aber die Schul-, Spezial- und Hafenschisie. Das Schwergewicht des Flottenbams liegt bekanntlich im Linienschiffbau. Es waren vorhanden: 1908 27 Linienschiffe von 295 333 Tonnen Deplacement, 1911 30 Linienschiffe von 415 700 Tonnen Deplacement. Von dem oben erwähnten Zuwachs an Deplaccment von 186 336 Tonnen entfallen allo 120 347 Tonnen auf die Linienschiffe, b. s. zwei Drittel der gesamten Vermehrung.
Eine liberale Wahllüge aus Bayern. Am 18. November hielten die Liberalen eine Versammlung in Berakirchen bei Dachau. Um die recht mißirauischen Bauern zu ködcm und gegen das Zentrum auszuhehen, führte der eine Redner an, Abg. Dr. Pichler habe einmal gesagt: „Das Zentrum verdankt seine Macht der Gnade Gottes und der Dummheit der Bayern." — Das ist eine ganz gemeine Lüge, welche liberale Redner immer wieder
um, obwohl sie vom «Hz. Dr. Pichler schon öffent- lich tn der Abgeordnetenkammer zu rückgewiesen worden ist. Dr. Pichler sprach im AugustinuSveretn 1905 über den AuSgang der Landtagswahlen in Bayern. Die Liberalm hart« bekannllich 1904 da» LandtagSwahlgesetz abgelehnt. Die Erbitterung de» Volkes führte bei dm Neuwahl« 1905 zur Katastrophe für die liberale Partei, welche die Hälfte ihrer Sitze verlor. Die AÄehnung de» Wahlgesetze» feiten» der Liberal« war eine polittsche Dummheit erst« Range». Dr. Pichler betonte darum, daß da» Zenttum seine Erfolge nur der stultitia hominum (der Dummheit der Leute) verdanke. Das sagte er klarer Weise nicht mit Bezug auf die Sauern, sondern mit Bezug auf die liberalen Abgeordneten. Da» hat Dr. Pichler schon öffmllich in der Kammer konstatiert. Noch zuvor hat der sozialdemokratische Abg. von Vollmar am 13. Oktober 1905 in der Abgeordnetenkammer ausgcftihrt: Dr. Müllsr- Hof hat herauszubringen gesucht, wer eigentlich mit der stultitia hominum (Dummheit her Leute) gemeint ist. „Aber Herr Kollege! Da brauch« Sie doch wirklich nicht lange zu suchen, wenn Sie die Suppe anschaum, die Sie eingebrockt haben!"
Ausland.
* Brief eines gefangenen Monarchisten. Durch die ftanzSstsche Presse wird der nachfolgende Brief eines gefangenen Monarchist« aus Portugal bekannt, der zur Charakterisierung freimmirettscher „Humanität" ein« wirksamen Beitrag liefert.
„Ich bin, wie so viele andere, angcklagt, mich für die Monarchie verschworen zu haben. Man hat mich von Porto nach Lissabon geführt und in die Festung geworfen. Unser Gefängnis ist unterirdisch; es erhalt kein Tageslicht. Wir verkommen in der Feuchtigkeit und man gibt uns nicht einmal zu trinken! Es ist unmöglich zu erzählen, was wir gelitten haben, meine Gefährten und ich, ungefähr 200 Gefangene. Man hat unS von Porto nach Lissabon transportiert auf einem kleinen Staatsschiff. Bei unserer Ankunft in der Hauptstadt haben uns der Pöbel und Soldaten, die offenbar von der Regierung dafür bezahlt waren, beschimpft, geschlagen, mit Steinen und Kot beworfen und ins Gesicht gespien. Vierzig Geistliche befanden sich unter uns. Gerade sie wurden mit Vorliebe zur Zielscheibe ausgewählt. Man t'kss unS den 5 Kilometer rangen W< a vom Hafen bis zur Festung unter der glühenden Sonne zu Fuß zurücklegen. Bor diesem beschwerlichen Marsch waren die Gefangenen von den Soldaten in schimpflicher Weise geschlagen worden. Alles wird uns untersagt und verweigert. Nur durch ein Wunder kann ich diesen Brief absenden. Es gibt kein Mittel, sich Zeitungen zu verschaffen. Es ist unmöglich, mit unfern Fami- lien zu korrespondieren, außer durch Postkarten. Aber wehe dem, der den Namen Gottes schreibt! Die Karte iairb ihm zurückgegeben und man schärst ihm ein, auf die Korrespondenz zu verzichten oder eine andere zu schreiben, eine „toeltliche" Karte! Diese Leute, die in Wirklichkeit Verräter ihres Landes sind, betrachten uns als Hunde. Der Mehrzahl nach sind wir persönliche Opfer der Carbonarios und der Bürgermeister. Oft kennen wir nicht einmal den Text der Anklageschrift, auf Grund welcher wir eingekerkert worden sind. Die Richter werden nach Gutdünken von der Regierung ernannt. Die fonderbarsten Beschuldigungen werden gegen uns erhoben, wie z. SB. sich gegen die Republik verschworen zu haben im Jahre 1895, ja sogar 1874 (!), wie dies für einen meiner Gefährten zutrifft, ferner, daran schuld zu sein, daß die Monarchie erst am 6. Oktober 1910 gestürzt werden konnte (!). Was die Geistlichen anlangt, so werden sie rund heraus beschuldigt, die durch das Trennungsgesetz, das der Hl. Baier verdammt hak, bewilligte Pension zurückgelviesen zu haben."
Am Schluß des Briefes bittet der Portugiese, den zivilisiert« Nationen die an ihm und feinen Gefährten begangenen Grausamkeiten bekannt zu geben.
21ns Kirche und Sd nie.
* Tie katholische Kirche in Eiwlm,b Papst Ping X hat eine Apastoiische Konstitution (Li pua est- cr- iaiieii, die eine Reueinleilurig der seit 1850 wicdc:- errichteten englischen Hierarchie darstellt. Tie von Pius IX. vollzogene Organisation sah als Mciro- uoliten den Erzbischof von Westminster vor und unterstellte ihm die übrigen 15 bisst öflichcn Sitze. Durch die Neuordnung der D.nge ivcrden drcr
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Kirchenprovinzen gebildet, deren erster der Metro- polst von Westminster vorsteht, während zu Metropoliten der beiden andern die zu Erzbischöfen erhob«« Bischöfe von Birmingham uns Liverpool bestellt werden. Dem Erzbischöfe von Westminster, der bisher al» erster Prälat der englischen Kirche galt, ist der Vorsitz in den Synoden der drei Kircken- Provinzen, sowie die Vertretung der gesamten Episkopats vor den weltlichen Behörd« als Vorrecht vorbehalten ward«.
Lokaler.
Fulda, den 2. Dezember 1911.
!!! Dem BerwaltnngSbericht der Richard Müller- Stiftung für kränkliche Kinder über das 6. 18er« waltungSjahr — Oktober 1910 bis Oktober 1911 — entnehmen wir folgendes:
Die Anmeldungen kränklicher Kinder waren auch in diesem Jahre sehr zahlreich. Mit Rücksicht auf die verfügbaren Mittel konnten leider nicht alle Anmeldungen Berücksichtigung finden. Die Aufnahme mußte auf die bedürftigsten Kinder beschränkt werden. Demgemäß fanben von den 134 Anmeldungen 86 Berücksichtigung und Aufnahme; 7 Kinder wurden erst im Oktober ausgenommen. Die Verrechnung des Aufwande» hierfür erfolgt für da? neue Jrhr, wie die Zahlungen für die im Oktober 1910 aufgenommenen 25 Km*er auch für das Berichtsjahr zur Verrechnung gebracht sind. Es kommen also für das Berichtsjahr insgesamt 104 Aufnahm en in Betracht. Davon waren 39 Knaben, 65 Mädchen, 94 gehörten der katholischen, 10 der protestantischen Konfession an, 58 waren aus der Stadt Fulda und 46 aus dem Kreise Fulda. 75 Kinder waren zum 1. mal, 22 zum 2. mal, 3 zum 3. mal, 2 zum 4. mal, 1 Kind zum 5. mal und 1 Kind zum 6. mal in der Anstalt. Der Aufenthalt tn der Anstalt betrug für 46 Kinder 4 Wochen, für 38 Kinder 6 Wochen und für 20 Kinder 8 Wochen. Für 66 Kinder ist das Urteil des Anstaltsarztes über den Erfolg mit „sehr gut", für 35 mit „gut", für l Kind mit „genügend" und für 2 Kinder „ohne Erfolg" angegeben. An Soolbädern, im geringen Umfange auch Sprudelbäder, wurden den Kindern 1687 verabreicht, einige Kinder erhielten auch Inhalationen. Tie Gewichtszunahme der Kinder während des Aufent- salles in der Anstalt war durchschnittlich recht gut. Die Zahl der Bcrpflegungstage beträgt insgesamt 4011 und der Aufwand hierfür 5815 95 Mark Für Transport und sonstige Auslag«, ein,d)l. eines bei anderen Beitrages von 60 Mk. an die Auitaltsleitung zur Befchaffung von Wäsche und Kleidungsstücken für aanz arme Kinder, würben 21951 Mk. aufgewendet. Außerdem war die 1234.77 Mk. betragende Heber - zablung des Jahres 1909/10 zu verrechnen. Auch in diesem Berichtsjahr haben wohltätige Damen durch Spenden von Kleidern und Wäsche bei verschiedenen, besonders armen Kindern, die Aufnahme in die Anstalt gefördert und unterstützt.
(*) Zur Sammlung von Briesen und Tagebüchern usw ans Kriegszeiten ruft, wie von uns schon früher rwähnt wurde, der Direktor des Zeughauses in Berlin, Geh. Regierungsrat Dr. v. Ubisch, in einem Aussatze auf, der zuerst in dem „Grenzdoten" erschienen ist. Unsere Leser finden diesen in vielfacher Hinsicht intereffanten und beherzigenswerten Aufruf im heutigen 5. Blatte: Aus Welt und Wiffen. Vom Magistrat der Stadt Fulda wird uns zu dem Aufruf noch geschrieben:
Die Schriftstücke — Briese, Tagebücher, Soldatenliederbücher, Notizbücher — werden ron der Stadtverwaltung gesammelt und iönnen sowohl geschenk- weise wie unter Vorbehalt des Eigentumsrechts her- gegeben werden. Auch wird etwaigen Wünsch« der Geber wegen vorläufiger vertraulicher Behandlung der Aichivalien entsprochen werden. Statt der Originale genügen beglaubigte Abschriften und Abdrücke.
Ö Für den Bau von Nebenbahnen sind von der Bczi'.ksverwallung des Regier ungsbezrks Kassel im abgelausenen Elatsjahr an Zuschüssen zu den Grunderwerbskosten u. a. zur Auszahlung gekoiiniicn: Von dem dem Kreise Her s feld zu den aus 302700 Mk. veranschlagten Grunderwerbs- losteu des Bahubanes Gerstungen—Vacha—Hünfeld bereinigten Zuschüsse von 33l/s Pro,ent, worauf in Den Vorjahren bereits 89 300 Mk. ausgezahlt waren, weitere 8000 Mk. Von dem dem Kreise Hünfeld zu dcu auf 152 200 Mk. veranschlagten Grrmd- crme.bskosten des Bahnbaucs Gersinugen—Vacha— Hünfeld bewiüiglen Zuschüsse von 40 Prozent, auf welche» in den früheren Jahren bereits 48000 Mk. tur Auszahlung gelangt waren, den Restbetrag mit 12880 Mk. Von dem deut Kreise Fritzlar zu
den auf 280000 Mk. veranschlagten Grunder.vrrbs- kosten dr- Bahnbaues Zimmersrodc —Gemünden bewilligten Zuichusse von 33V» Pro; , rroriuf" als erste Rate bereits 15500 Pik. anscczahil worden sind, weitere 32 500 Mk. Die Gela - tsumrne der 128 380^!™ 19*0 geleisteten Zahlungen bctxägl
h Handwerksämter.
In einer ber letzt« Monatsversammlung« des FulbaerGewerbevereins ist Klage geführt Word«, daß bk Handwerkskammern in Kassel nicht genügend die Bedürfnisse der Handwerker cmßerhalb ber Resibenzstabt wahmehm«, was vor allem auf die Zusammensetzung der Kammer zurückzufiihr« fei. Wmn auch die Vertretung des nicht in Kassel ansässigen Hanbwecks in ber Kammer umso besser werd« wirb, je rascher und zielbewußter die Organisation ber Handwerker in Innung« auch in den übrigen Städten dcs Bezirks fortschreitet, so gibt es auch ein« anderen Weg, um die sigensreichen Wirkung« einer StandKveckcetung dem Handwerk zuzuführ«, aber unter besserer Berücksichtigung lokale Verhältnisse als es bei den großen Handwerkskammern ber Fall ist, nämlich durch die Handwerksämier. Darüber schreibt man uns:
Aus der Initiative der nassauischen Handwerker her- vorgegangen und in seiner Ausführung von der Handwerkskammer zu Wiesbaden übernommen, hat das erste „Handwerksamt" im Oktober b. I. zu Wiesbaden seine Tätigkeit eröffnet. Aehnliche Nein- ter, allerdings wenige, existieren bereits in der Rhein- Provinz und in Süddeuifchland. Es herrschen nun über die Aufgaben und das Wesen dieser Handwerks- ämier in den Kreisen der Handwerker vielfach irrige Ansichten; manche halten Handwerkskammer und Hand» Werksamt für ein- und dasfelbe. Dies ist jedoch nicht so. Während eine Handwerkskammer für einen ganzen Bezirk besteht und demgemäß ihre Tätigkeit sich über ein größeres Gebiet erstreckt, beschränkt sich das Wirken eines Handwerksamtes aus einen engeren Kreis, in ber Regel auf ben Bezirk einer für ein solches Ami inbetrachi kommenden Stadt und deren nähere Umgebung. In weiterem Sinne hat eine Handwerks lammet auch für die Interessen des gesamten deutschen Handwerks tätig zu sein, dem Handwerks amt dagegen obliegt die intensive lokale Klein- arbeit. Die Aufgaben einer Handwerkskammer sind durch die Reichsgewerbeordnung und durch das Kam« merstajut geregelt, das Arbeitsprogramm für die Handwerksämter ergibt fich aus der vorerwähnten intensiven lokalen Kleinarbeit und damit aus den jeweiligen örtlichen Verhältnissen. Das Handwerksamt übernimmt die Beratung und Unterstützung des ein» Seinen Handwerkers bei der Einziehung seiner Forderungen, die Vertretung vor dem Gewerbegerichi und dein Amtsgericht, die Erledigung ber schriftlichen Arbeiten der Jnnungsausscküffe und der Innungen, den Kreditschutz, durch Auskunft und schwarze Listen, die Leitung von wichtigen Ermittelungen und Festhaitun« gen im Interesse des Handwerks, die Sammlung von Material für die von ber Handwerkskammer zu vertretenden großen und gemeinsamen Handwerksinteres« sen u. f. w. Die bisherige Wirksamkeit der bestehenden Handwerksämter ist an Erfolgen überaus reich gewesen, und wie wir hören, hat sich auch das in Wiesbaden neu geschaffene Handwerksamt in der fut> zen Zeit seines Bestehens (seit dem 16. Oktober 1911) bereits bestens eingearbeitet und hat alle Hände voll zti tun. Die Wiesbadener Handwerkskammer gedenkt daher auch in richtiger Würdigung dieser Tatsachen, demnächst in Frankfurt a. M. und in Limburg (evtl, auch noch in anderen Städten) weitere HandwerkS- ämter zu errichten und stellt dafür gerne angemessene Mittel zur Verfügung, weil sie gerade dadurch dem einzelnen Handwerker wertvolle Unter- stützung bringen kann. Wenn sich oft Beschlüsse der Handwerkskammer nicht wirksam durchführen lassen, weil eben die damit Beirauten einfach keine Zeit oder keine Fertigkeit dafür besitzen, so bietet das Handwerks- ami die geeignete Hilfe. Gerade dem Handwerker sagt man vielfach nach, „er schaue zu sehr nach ber Hilfe von oben", und lasse das nächste und wirksamste, die Selbsthilfe, zu viel außerachi. Wir sag. ten, daß diese Einrichtung im Nachbar-Bezirke ein« geführt zu haben, dem selbständigen Vorgehen des dortigen Handwerks zu danken sei. Da kommt uns unwillkürlich der Gedanke, daß in unserer Stadt, die ja von jeher durch einen zielbewussten, energischen und tatkräftigen wie auch leistungsfähigen Handwerkerstand ausgezeichnet ist, ein solches Handwerksamt zum Helfer und Rater sotoohl der Allgemeinheit als auch eines jeden einzelnen unserer Handwerker Werder könnte. Man sollte da seitens des Handwerks nicht lange zögern, sondern die Sache gleich in Fluss briw fien, b. h. Handwerkskammer, Magistrat, Kreisverwaltung, Innungen, Gewerbeverein ec. bürgten wohl ein.
Die Tochier Les Strömten-
10] Rowan von Adele Böttcher.
„Tu, was dir beliebt, alberne Närrin!" schreit er mit geballter Faust. „Wenn dir die Goffe weniger Hmiebrigenb erscheint, so wähl' sie doch!"
Mit einem Wehlaut schlägt Sonja bei ben brutalen Worten ihres Großvaters -sie Hände vors Gesicht und sintt aufs Sofa nieber. Ach, könntt sie sich befreien aus dieser unwürdig« Sage, aus biefer unerträglich« Abhängigkeit! Könnte sie aUc-3, waS war, auslöschen und ein neues Leben beginnen! Ein ehrliches Leben! Ein Leb« ber Arbeit! Ein Leben baS ein Ziel hat!! . . .
„Nun?" fragt ber Alte schroff, „Was hast bu dazu zu sag«?"
„Ich — ich weiß nicht —"
„Natürlich wirst du mir recht geben, wie stets. Um dich in kurzer Zeit wieder gegen meine Argumente nufzulchnen!" lacht er höhnisch. „Du hast weder den Mut zu sink«, noch die Kühnheit emporzustei- gen!”
Verhaltens Schluchze» kommt von ber Richtung »er, wo Sonja, bie bebenben Hänbe noch immer dem tränenfeuchten Gesicht, zusammen gekauert in ihrer Sofaecke hockt.
„Woher fall ich diese Kühnheit nehmen?" mur- )nclt sie bitter. Solange ich bmken kann, mußte ich Mich emiebrig« —"
»Papperlapapp I" fällt er brutal ein. „Du kannst dich gar nicht emiebrig«; denn bu besitzest überhaupt feinen Stolz!"
Als habe sie einen Schlag ins Gesicht erhalten, fährt Sonja empor.
»Ich — keinen Stolz? ... Ach, ich habe zuviel Vtolz für meine Lage!"
Höhnisch lacht ber Alte aus.
? »Jawohl — den Stolz des Krämers, der wiffent- ktch Schund al» gute Ware verkauft, dabei ab«: mißcrft »achtbar" ist; den Stolz des „ehrlich« Man- »eZ", der nie im Leb« ein« wirklichen Diebstahl Erfuhrt, aber überall auf sein« Vorteil bedacht ist
und die Kurzsichtigkeit und Beschränkiheir seiner Mitmenschen dazu benutzt, um sie immerfort übers Ohr zu hauen! . . . Wenn bu wirklich Stolz hättest, würdest du dich zu einem große» Entschluß rmporschwin- gc», anstatt wir ein Wurm am Boden auf Beut- lauem!"
Sonja hat ihre Augen getrocknet. Mit dunklen erstaunten Blicken folgt sie ben Worum des Großvaters, de: wie ein Prophet, hocherhobcucu Hauptctz, mit ausaeftrecktm Händ:n vor ihr steht.
„Du sprichst, als wäre ber Betrug eine Notwendigkeit im Leben —"
„Er ist es auch! Der Erfolg steht immer im gleichen Verhältnis zum Betrug. Der große, schlaue'Betrüger ist hochgeachtet — ber kleine, ungeschickte wandert ins Zuchthaus! . . . Dee große Verbrccher wirb oft zum Richter bes kleinen ... Ein Narr ist, ber jedermann in ferne Karten blicken lässr! . . . Glaube : mir, mein Kinb: jeder Mensch hat irc-endetwas zu i verberg«; keiner kann all ferne Gedanken ober auch nur seine Hanblungen ber Oefsentlichkeit preisgebeu. Der wahrhaft Kluge aber sollte niemals fein reafc rcs Gesicht zeigen, weder Tag noch Nach!, sondern stets eine MaSke tragen — getreu dem Grundsatz: „Traue niemand!" .... Wir Menschen sind nur im einzelnen verschieben, nicht aber in ber Gattung. Es gibt auf ber Welt keinen wirklich ehrlichen Mensch«!"
Eindringlich, mit steigender Begeisterung, fließ« bie Worte von ben Lipp« des alt« Mannes. Er beabsichtigt nichts weiter, als seine Enkelin zu über reben unb merkt balb, baß seine oratorischen Künste auch bieSmal nicht ohne Einbmck bleib«. Zusrie- d« mit fich selbst, ruft er nach Bernardo unb läßt sich von ihm in feto Schlafzimmer führen, Sonja ihren Gedanken überlaffcnd.
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Noch lange statt« die Augen de» jung« Mädchens auf bie Tür, durch die Orloff soeben, gestützt auf dm devot lächelnd« Kammerdiener, verschwundm ist. Dann finkt ste mit gerungenen Hände» to ihre Sofaecke zurück.
Obgleich die Lehre ihres Großvarer« etwas W- stoßendes für fk hat, obgleich ihr Herz vor ihr zurückbebt — so fühlt sic doch, daß etwas Wahres in ihr liegt ... Versteckt nicht jedermann feinen Charakter in irgendeiner Weise? Sucht nichr einer den andern Zu täuschen — über seine Absichten, seine Handlungen, ja über sein Aeußeres, . . .
Sonja sicht auf und tritt ans Fenster.
Unten auf der Strasse lärmvolles Gewimmel Dem jung« Mädchen erscheint es plötzlich, als sei ihr Blick geschärft, als burchdringe er all bie fröhlichen, liebens- reürbig lächelnden Gesichter und gewahre dahinter nichts als Neid, Haß unb Lüge. ...
Ein Seufzer entringt sich ihrer Brust. Schon will ste toiebec vom Fenster zurücktreten — da schleicht auf ber anbei« Seite ber Siraße mit bleichem, abgezehrtem Gesicht eine mübe Frau vorbei, ber soeben ein mitleibiger Vorübergehender einen Soldo in bie zitternb ausgestreckte Hand brückt . . . unb daneben tänzelt mit wiegenden Schritten eine oufgeputzte Schöne mit strohblondem toupiertem Haar unb unnatürlich roten Backen unb Lipp«, bereu unstätc Blicke beständig nach links unb rechts spähen. . „
Sonja tritt zurück vom Fenster.
t 2lch, von all den Menschen ba unten z<igen vielleicht nur jene bciben Frauen ihr wahres Gesicht: bas Antlitz ber Not unb das bes Lasters, bie keine Maske zu verhülle» vermag . . .
Das Herz des einsam« Mäsichend dort oben in dem kleinen Hotelzimmer krampst sich zusammen vor Weh.
Ach, wie einsam fühlt sie sich! Wie verlassen! Und wrc fo oft in stiller« Stunden, gcdentt sie wieder ihres Vaters, der sein Leben hingegeben, um sie vor der Verfolgung zu retten. Was immer er verbrochen hat — er war doch ihr Vater! Und ihr zärtliches Herz weinte heiße Trän« um den einzig« Mc »scheu, der sie liebte ...
Und eine grenzenlose Sehnsucht befällt fie — bk Sehnsucht nach etwa» Unbekanntem, nach etwas Großem und Schönem ba8 ihr Leben auszufüllen vermöchte — die Sehnsucht nach einem reich« Leb«.
So verharrt sie in verzweifeltem Schmerz — lange, lange — —
Dann rafft sie sich auf. Was bleibt ihr übrig, als dem leb«'?klugen Großvater auch diesmal zu folge»? Müßte sie nicht cbmso lügen, heucheln, sich verstelle», wenn sie sich von ihm lossagte? . . .
„Der grosse schlaue Betrüger ist hochgeachtet; d« kleine ungeschickte wandert ins Zuchthaus!" wiederholen unwillkürlich ihre zuckenden Lipp«.
O Gott! Nicht mehr denk«! Nicht mehr grübeln! ... Rur Ruhe! Ruhe!! Um jeden Preis . . .
Einige Tage später beehrt Fürst Orloff mit Enk«. Ito und Dienerschaft das einfache Haus des Dr. Ber- ttnetti mit seiner Gegenwart.
„Um einem Herzensbedürfnis zu folg« —" wie er ber guten Signora Berttnetti mit ritterlichem Hanb kuß beteuert.
„Um bie Zeit bis zum Besuch des Oberst Mor- gano in Frcrskati notzebrungcn totzuschlagm —" wie er gähnenb zu Sonja sagt.
Ebrearb Morttsons „unverschämter Brief" ist un- b( antwortet geblieben.
„Der Schlaufuchs wirb sich hüt«, un8 an ben Pranger zu stellen", erklärte Orloff seiner Enkelin. „Die Blamage würbe auf ihn zurückfall«: b«n er war es, ber uns in bie römische Gesellschaft ein- fühtte! . . . Zubern Wick« ein paar Motte über untere Verbannung nach Sibirien anb bk dock au»go> stauben« Greuel stet» SBunber. Die leichtgläubigen Italiener glaub« alles, was man ihn« mit ange» meffenem Pathos verträgt. Unb wenn es gar geg« bie russische Regierung geht — erst recht! . . . Also, mein Täubchen — keine unnötige Angst! Da« Him beines alten Großvaters wiegt Hrmberte von wohl- snfiecken Köpfen beiner gut« Römer auf! Sela!"
Unb Sonja läßt sich beruhig«, wie schon so oft Wa» bleibt ihr vorläufig auch anbere» ü6d$l
(Fortsetzung folgt.)