M 276.
Samrtag 2. Dezember (9U
58. Jahrgang.
«fuldaer W Zeitung»
3. Blatt.
vr»ck und Verlag der Mdaer AetiendrnSerei in Znida.
Vertreter einer französischen Rasienerneuerung den französischen Protestanten vor, daß sie in den Zeiten chres Auslandsexils der Empfindungswelt der ein- mütig-geschlosienen, katholisch-französischen Volks- familie fremd geworden seien." — Diese Auslastungen sind für uns sehr lchrreich. Einem französischen Großblock streben ja auch unsere Liberalen zu; man sage nur dem Volke, wie es dann aussieht und wie Frankreich unter diesem Regiment verfault von oben bis unten und der denkende Deutsche will hiervon nichts wissen. Gerade in der Wahlbewegung sind solche Detailbilder sehr wirksam.
Deutscher Reich.
O ArbkiterschutzgrsehgeSung in Deutschland und im Auslände. Ueber die zur Durchführung der Ar- beiterschutzgesetze in den verschiedenen Staaten getroffenen Maßnahmen ist eine vergleichende Zusammenstellung vom Internationalen Arbeitsamt in Basel veröffentlicht, aus der hervorgeht, welche hervorragende Stelle Deutschland inbezug auf die Arbeiter- schutzgesehgebung einnimmt. So zeigt der Bericht, daß in Deutschland die Zahl der Gewerbeaufsichtsbeamten sowohl an sich wie im Verhältnis zu der Zahl der revisionspflichttgen Betriebe und dar darin beschäftigten Personen am größten ist. Im letzten Berichtsjahr waren in den deutschen Bundesstaaten im ganzen 543 Beamte im Gewerbcaufsichts- dienste tätig gegenüber 200 in England, 139 in Frankreich, 107 in Oesterreich und 42 in Ungarn. Deutschland hat also mehr Gewerbeaufsichtsbeamte wie diese vier Industriestaaten zusammen, obwohl die Zahl der revisionsvflichtigen Betriebe keineswegs viel größer ist. Aus dem Bericht geht auch hervor, daß die Behauptung, Deutschland sei in bezug auf die Heranziehung von Frauen zur Grwerbeaufiicht anderen Ländern gegenüber im Rückstand, unzutreffend ist. Vielmehr steht Deutschland auch in dieser Beziehung an erster Stelle.
(*) Die bisherige Landgewinnung durch Moor- fultitr. Eine Ueberficht über Oie Oedlandknlturarbri- tcn in den letzten 20 Jahren ermöglicht jetzt die Feststellung, wie groß der Landgewinn durch Moor- und Oedlandkultur ist. Im ganzen Deutschen Reich beträgt die Zunahme an E r n t e f l äch e n in den letzten 20 Jahren rund 1015 000 Hektar, da im Jahre 1890 rund 22 531 000 Hektar anbaufähiges Land vorhanden war, das am Ende des Jahres 1910 23 545 000 Hektar betrug. In Preußen allein hat die Zunahme durch Oedlandkultur 764 000 Hektar betragen, da hier im Jahre 1890 14 275 000 Hektar vorhanden waren, während im Jahr: 1910 15 040 (XX) Hektar anbaufähiges Land gczählt wurden. Der hauptsächlichste Anteil fiel auf die Provinz Pommern,! wo eine Zunahme von 113 000 Hektar anbaufähigen Landes stattfand.
* Frauen im Staatsdienst. Die preußische Eisenbahnverwaltung beabsichtigt eine weitere Erhöhung der etatsmäßigen Stellen für weibliche Personen im E i s e n b a h n d i en st e. Das zeigt, daß sich das System der weiblichen Cisenbahnbeamtcn im Bürodienst gut bewährt hat. Das Anfang'sgehalt in diesen Süllen beträgt 840 Mk., steigend bis auf 1080 Mk. Beim Freiwerden von etatsmäßigen Stellen erfolgt die Anstellung als Eisenbahngehilfin mit einem Anfangsgehalt von 1100 Mk., das in sieben Sttlfen alle drei Jahre ansteigt bis auf 1600 Mk.: daneben wird der Wohnullysgeldzuschuß der Nnterbeamten gewährt. Die etatsmäßige Anstellung als Eisenbg/hngehilsin erfolgt gegenwärtig etwa sieben Jahre nach dem Eintritt. Aehnlich wie bei der Eisenbahn liegen die Verhältnisse bei der Post. Der Zudrang weiblicher Personen namentlich zum Telephondienst ist immer noch bemerkenswert.
Ausland.
* Die frauzösische Kammer bewilligte das Bud- ßeT des Müüstviums des Innern, in dem u. a. 319186 Fr. für einen Geheimfonds vorgesehen sind. Wegen der Beibehaltung dieses Fonds hatte Ministerpräsident Caillaux die Vertrauensfrage gestellt.
* * Canalejas, den Vater des spanischen Kulturkampfes, bangt» um seinen Ministerposien. Er will
die Kortes (das Parlament) vor Januar nicht eröffnen lassen. Natürlich, denn der biedere Premier hat Angst, weil schon eine Reihe scharfer Interpellationen angekündigt sind. Er will auf diese Weise seine Amtszeit noch um eine Galgenfrist von 8 Monaten verlängern, sodaß er im Januar sein zweijähriges „Amtsjubiläum' feiern könnte. Falls ihn die öffentliche Meinung nicht nötigt — wegen der Marokkosache —, wird er wohl auf diese Weise dafür sorgen, daß feine Schleppträger noch einige Zeit an der „Butterschüssel' sitzen bleiben dürfen, obwohl er abgewirtfchastet hat.
* Portugiesische Jesuitenmärchen. Um den Pöbel von Lissabon noch mehr gegen die kacholischen Geistlichen und Ordensleute aufzuhetzen, erzählt der „Mundo", das Blatt des Justizministers Costa, in Rom hab: eine Beratung von Vertretern „aller' monarchistischen Parteien Portugals unter dem Vorsitze des Kardinals Vive y Tuto, eines Jesuiten (I), stattgefunden. Der Kardinal habe dws Banner der vereinigten Parteien gesegnet und sie schwärm lassen, daß sie eine Kirchenherrschaft in Portugal wieder Herstellen wollten. Der Vatikan habe 400 000 Franken zu den Kriegskosten beigesteuert und verschiedene katholische Prinzen aufgefordert, für die Sache der Kirche in Portugal zu kämpfen. In der Verkleidung als Militärarzt begleite ein Vertrauter des Vattkans den militärischen Stteifzug der Monarchisten, dem sich auch als Beichtväter zwei Jesuiten angeschlossen Härten. — Mit derartigen Märchen wird die Hcfe des Volkes aufgewühlt, um Costa als den Rctt-" des Landes erscheinen zu lassen.
Aus dem Rachbargebiete.
* Rinteln, 1. Dez. 1911. Vom Landesausschuß ist beschlossen worden, für das Landkranke n- haus in Rinteln einen Erweiterungsbau mit einem Kostenaufwand von 70000 Mk. in Aussicht zu nehmen. Ein Drittel brr Baukosten wird »der
1 Kreis Grafschaft Schaumburg beisteuern.
* Frankfurt a. M., 1. Dez. 1911. Heute früh wurde der im hiesigen Hauptbahnhof beschäftigie Wagenreiniger Joseph Wißner aus Kelsterbach von einem Zuge überfahren und sofort getötet.
* Mainz, 1. Dez. 1911. Der Dampfer „Rhein und Ma in" fuhr heute von Mainz nach Mainkur mit drei anhängenden Kähnen von je 22 000 Zentner, eine Leistung an Gewicht, die seirher in der Geschichte Üvc Schiffahrt noch nicht dagewesen ist.
* Ein Wort über Nntzgrflügelzncht.
Durcheilt man im Schnellzug die deutschen Gefilde oder durchwandert zu Fuß die blühenden Dörfer einer Provinz und wirst einen Blick in die am Wege liegenden Gehöfte, dann fällt dem Liebhaber für Geflügel eines ganz besonders auf; die große Mannigfaltigkeit der gehaltenen Hühnerrassen und die Verschiedenheit ihrer Farbenschlägc.
Als vor nunmehr zehn Jahren der Kreuzungswut und Mischmaschhaltung ein Damm gesetzt wurde, da kamen auch einzelne Landwitte zur Einsicht und opferten Geld und Zeit für ihre Geflügelstämme. Leider erlitten sie aber fast alle kläglich Schiffbmch, denn sie gingen oon der Voraussetzung aus, daß die auf den Schauen höchst prämiierten Tiere die besten ! Kaufobjekte bildeten. Die unausblciblichen Mißerfolge — es waren ja nicht die Nutzeigenschaften, sondern die sportlichen Raffenmerkmäle prämiiert — machten die meisten Züchter mutlos und ließen sie zurückkehren zum Althergebrachten. Nur wenige besaßen die Energie, sich selbst gute Stämme heranzuzüchten. Wäre damals von maßgebender Seite mit fester Hand ins Steuer gegriffen worden, schwere Opfer würden dem wirtschaftlichen Leben erspart geblieben sein. Erst nach Jahren und manchem schweren Gewittersturm kam die Nutzgeflügelzucht zur Geltung. Nutzrassen wurden ausgewählt, Stationen begründet und sogar auf sportlichen Schauen sah man an Käfigen große Plakate über Produktivität der ausgestellten Tiere.
Wiederum sind Jahre verflossen! Die Statistiken über Geflügelzucht und Gründung von Geflügelzucht- berdnen zeigen einen bedeutenden Aufschwung, aber die Millionen, welch; für Geflügel und dessen Produkte jährlich an das Ausland gezahlt wurden, sind nicht verschwunden, sondern rufen jahr-
>? Graf Posadowski
über die Marokkofrage.
Graf Posadowsky hak sich in feiner Kandidaten- tjbe in Bielefeld (vergl. Nr. 274) auch über die auswärtige Politik ausgelassen und zwar tn kritischer, etwas schwarzseheri scher Weise.
Er wies auf das Gefühl der Enttäuschung in weiteren Kreisen hin, hielt die Kompensationen am Kongo für eine minderwertige und kostspielige Errungenschaft und bezeichnete seinerseits als kolonial- politisches Ziel die Erwerbung von Gebieten, wo owS Klima die dauernde Ansiedelung von Deutschen gestatter. Diesem Wunsche wird sich gewiß jtber Wähler gern anschließen; aber leider ist der Redner nicht näher eingegangen auf die Frage, wo solche Siedelungsländer zu finden und wie sie zu erwerben sind.
Die Hochpolttischen Ausführungen des Grafen Posadowsky gipfeln in dem Satze:
„Wenn mir Marokko mein do begehrt haben, und wenn wir nur ein Stück Kongoland erhallen haben, so ist tve Frage nicht unberechtigt, ob es notwenviq war, auf Handel und Verkehr so lange Zeit hindurch Unruhe und Sorge zu lasten "
Gewiß ist es bedauerlich, daß der leLige Ma- rokkohandel wiederholt Beunruhigung hrrbeigeführt hat. Aber ivir glauben doch nicht, daß für die Krisis des letzte-» Sommert? die gegenwärtige Regierung verantwortlich gemacht werden darf.
Herr v. Bethmann-Hollweg und fein Staaisstkre- tär v. Kiderl.'n hatten eine Erbschaft zu regulieren. die sie nach dem Fall des Fürsten Bülow wohl oder übel hatten ar/trelien müff.*< Durften sie ohne Bedingungen und Gegenleistungen den Franzosen einfach freie Hand in Marokko lassen? Ein solcher glatter Verzicht hätte höchstens vor 7 Jahren in Frage kommen können, als das englisch- ftanzöstsche Abkommen zuerst auf der Bildfläche erschien. Damals warf aber Fürst Bülow als Reichs- kanzler den deutschen Handschuh über den marokkanischen Zaun. Die Kaiserfahrt nach Tanger und ihre Folgeerscheinungen in Alegeiras usw. legten die deutsche Politik dahin fest, daß wir für uns die wirt- fchastliche Freiheit und Gleichberechtigung in Marokko unbedingt verlangten und zugleich die Unabhängigkeit des Sultans möglichst zu schützen suchten. Dabei handelte es sich nicht bloß um materielle Interessen, sondern auch um die Würde und Weitste l l n n g des deutschen Reiches, da unser Widec- ftar.ü in erster Linie der Wahrnehmung entsprang, daß Frankreich und England bei ihrer marokkanischen Abmachung das deutsche Ruch trott seiner natürlichen und verbrieften Rechte geflissentlich unbeachtet gelassen hatten.
Algeeiras brachte uw? eine empfindliche Enttäuschung. DaS zähe und schlau bemäntelte Vordringen der Franzosen in Marokko verschlechterte weiter die deutsche Position. Dazu kam die überraschende Unfähigkeit auch des neuen Sultans, die Souveränität und Selbstregie- rmig des Scherisenreiches zu wahren. Aus dieser mißlichen Lage glaubte Fürst Bülow einen Ausweg ■ gesunden zu haben durch das beutfch-frcmzösische Ab- komm.m vom Februar 1909, das die politischen Bestrebungen Frankreichs in gewissem Umfange anerkannte und dafür sich nichts weiter ausbcttang, als die allgemeine Zusicherung der wirtfchaft- licheu. Gleichberechtigung.
Dieses Abkommen hatte keinen guten, wohl aber schlechte Folgen für Deutschland. Frankreich setzte lit verstärkten Kräften seine Eroberung fort, und die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands wurden mit allerhand Schikanen systematisch zurückgedrängt. Deutschland konnte sich diese Entwickelung auf die Dauer nicht gefallen lassen; es stan'd nicht bloß fein Vorteil, sondern auch fein Ansehen in der Welt ans dem Spiele. Daher der betätigte Entschluß - der Regierung, Frankreich zu einem angemessenen Ausgleich zu veranlassen, und als zweck- mäßige Einleitung zu dieser Ansessiandersetzmig die Demonstration von Agadir.
Eine solche AufräumungSarbeit ist unvermeidlich mit einer gewissen Beunruhigung verbunden. Die Belästigung des Handels und Verkehrs in dem letzten Sommer wäre aber nur sehr gering geblieben, wenn nicht England sich in der bekannten Wcise eingemischt hätte. An der englischen Rücksichtslosigkeit ist aber unsere Regierung nicht schuld. Und
Tas verhängnisvolle Engelzimmer.
Eine wahre Begebenheit.
. Es war ein ganz entzückendes Heim, das der reiche Schiffsreeder Ashley in dem bekannten Badeorte B. des südlichen Englands für seine jngend- fchöne, lebenslustige Fran geschaffen hatte. Inmitten prächtiger Banmgruppen und üppiger Rasen- lächen gelegen, bot es einen weiten Ausblick auf das tets wechselnde Spiel des Meeres. Was Gold und einer Geschmack nur an Schönheit zusammentragen änn, war in dem palastähnlichen Hause zur schönten Harmonie vereinigt. — Aber auch die Schlange ehlte nicht in diesem Paradies. —
Warum nur umwölbte sich zusehends die sonst so heitere Stirn der vielbeneideten Herrin des Hauses? Weshalb verzerrte sich das bleich gewordene Gesichtchen oft zum Ausdruck des höchsten Abscheus und Ekels? Welche Gewalt schüttelte die einst so blühende Gestalt wie in unsagbarem Entsetzen?
_ Die Wissenschaft stand vor einem unlösbaren Rätsel, und schließlich kam der Tod als Erlöser von diesem qualvollen Zustand.
Als gebrochener Mann verließ der Reeder den Ort, tvo sein Glück so jammervoll von ihm geschieden war, und überließ einem Agenten die Sorge, das Besitztum mttsamt der inneren Einrichtung zu ver-
Angesichts der wundervollen Lage und der feen- haften Ausstattung der Villa bei einem verhältnismäßig niedrigen Mietpreis war das eine leichte Aufgabe.
Als aber noch zweimal Krankheit und Tod unter denselben Erscheinungen wie bei Frau Ashley in das Haus eingekehrt waren, regte sich die Furcht und das Grausen. Was die Wissenschaft nicht zu enträtseln vermochte, erklärte der Aberglaube mit dem .Einfluß böser Geister. llebelwollende sprachen von bem Fluch unrechtmäßig erworbenen Reichtums. Das herrliche Besitztum kam in Verruf und wurde Ängstlich gemieden. $a, sogar die Nachbarvillen hatten unter dem geheimen Grauen zu leiden und Landen verlassen.
wenn Graf Posadowsky ausrechnet, was bei der Um mhe herausgekommen ist, so muß er nicht bloß von der zweifelhaften Kongo-Kompensation und dem po- litischm Verzicht auf Marokko sprechen, sondern auch von drn bestimmten Garantien füä den deutschen Handel und den Unternehmungsgeist.
Alles in allem genommen, hat Deutschland frei* sich keinen Triumph errungen, aber es ist doch ohne Schaden für seine materiellen Interessen und für sein Ansehen in der Welt aus dem verzwickten Marokkohandel herausgekommen. Das darf man bei der Kritik des jüngsten Abkommens nicht außer Acht lassen. Auch Graf Posadowsky hat nicht angegeben, auf welchem Wege man etwas Besseres hätte erreichen könen, ohne den Frieden zu stören.
* lieber die veränderte Lage der kath. Kirche in Frankreich
lesen wir in einem Pariser Bries der „Kreuzztg." u. a. folgendes: „Wenn wir uns fragen, was hauptsächlich der Kirche wieder das Interesse und die Sympathien vieler Franzosen zugewandt hat, so werden wir vor allem daran denken müssen, daß die einst mit solchem Hochmut und solcher Unduldsamkeit über Frankreich herrschende Kirche heute ihrerseits allerlei Drangsalen ausgesetzt ist. Jeder Tag bringt uns dafür Beispiele. Wenn jetzt eben ein Priester, der bei dem Sturz eines Autobus in die Seine, sechs Personen mit eigner Lebensgefahr gerettet hat, das rote Band der Ehrenlegion, das die öffentliche Meinung verlangt, trotzdem nicht erhält, während ein anderer Retter, der bei weitem nicht das geleistet hat, wie jener Geistliche, das Ehrenkreuz bekommt, so. braucht man kein „calotin", kein Klerikaler zu fein, um diese Ungerechtigkeit verletzend zu finden. Dasselbe Gefühl der Empörung hat jeder rechtlich Denkende, ioenn er hört, daß die Kinder kirchglanbiger Farn i l i e n in der Schule gelegentlich Opfer der Verhöhnung durch sozialistische oder radikale Lehrer und Lehrerinnen werden — oder daß kränkliche Kinder von der Wohltat der Ferienkolonie ausgeschlossen werden, weil sie sich zur ersten K o in m u n i o n vorbereiten. Zweitens fangen viele Franzosen an, die Gefahren jener „nationalen" Bolkser- ziehüng zu erkennen, die theoretisch religionslos, praktisch in Wahrheit gottfeindlich geworden ist. Der Uuterrichtsmiuister Steeg hat zwar eben die Schule „ohne Gott" verherrlicht, die trotzdem keine Schule ohne Ideal sei. Die Verwahrlosung eines großen Teils der Groß- st a d t j u g e nd und daneben das Wachsen der An- alphabetenzahlen, sind aber gewiß kein Ruhm für diese Schulideale. Unbefangene Franzosen finben, daß es sowohl in beit Krankenhäusern usw., wie in ben Schulen vor ber radikalen „Laicisierung" besser aussah. Bisher ist es nicht gelungen, dem sran- zösischen Volk einen Ersatz für b i e Kirche zu geben, und wenn man die heutigen aufgeklärten und dabei allein möglichen Aberglauben sich zuweildenden Pariser ansieht, denkt man an das Napoleonswort: „Wenn die Menschen keine Religion mehr haben, laufen sie zu Gauklern oder Wahrsagerinnen." Und der konservative Marschall Mae Mahon sagte einst nur das, was heule im Grunde des Herzens viele Gebildete und um die Zukunft der französischen Gesellschaftsordnung besorgte Republikaner denken: „Eine Tonne Weihwasser ist einer Tonne Petroleum vorzuziehen. Schließlich sehen heute die meisten Patrioten im Katholizismus eine nationale Tradition, eine Bnndesgenossin im Kampf für die Erhaltung ober Wiedergewinnung französischer Eigenart. Das „Frankreich der Franzosen" wird heute nicht nur von Monarchisten und Antisemiten, sondern auch von gut republikanischen ehemaligen Kul- ttirkämpfern nachgesprochen. Zn den Stammes» und Geistesfremden, die mit einemmal an allem Leiden des angeblich sich auflöseuden Frankreich schuld sein sollen, gehören neben ben Juden unb Ansläiibern, insbesonbere natürlich ben Deutschen, vor allem die Hugenotten und die Freimaurer. Der Calvinisinus, in erster Linie der siidfranzösische, hat sich in den Separationskämpfen durch ganz befon-' dere Verfolgungssucht gegenüber ber katholischen Kirche ausgezeichnet und damit seine Rachsucht wegen jahrhundertelanger grausamer Unterdrückung befriedigt. Und nun werfen die ganz unkirchlichen
Bei dieser Nachricht besann sich der Reeder auf seinen Reffen, dem er wegen seiner Heirat mit einer bildschönen, aber blutarmen Lehrerstochter grollte. Jetzt bot sich ihm eine passende Gelegenheit, sich von dem Vorwurfe der Hartherzigkeit und sein Haus von dem bösen Ruf der Unbewohnbarkeit zu befreien. Er stellte dem Neffen die Billa zur Verfügung mit der einzigen Verpflichtung, daß er für die Instandhaltung des Mobiliars Sorge trage. Dr. Ashley nahm das Anerbieten um so lieber an, als er es zum Zeichen endgültiger Versöhnung deutete. — Hoffnungsfroh ließ sich das junge Paar, das feine Furcht vor Gespenstern und Tod kannte, in den herrlichen Räumen nieder. — Ganz zaghaft durchschritt Frau Mary die teppichbelegten Zimmer; voll staunender Bewunderung blickten ihre tiefen Blan- augen auf die nie geträumte Pracht. Besonderes Wahlgefallen fand sie am Engelzimmer, einem prunkvollen Schlafgemach im Erdgeschoß, lieber dem Himmelbett, einem Meisterwerk von Schnitzarbeit unb Einlegekunst, schwebte ein tounberbar schöner, alabasterner Engel. Mit dem Ausdruck himmlischer Milde und Fürsorge schien er über den Schläfer zu wachen. Seinen Händen entfielen die Falten der zartblanfeidenen, goldburchwirkteu Vorhänge. Gleicher Seidenstoff bedeckte die Wände unb Polster- möbel des anheimelnden Raumes.
„Wie wunder-, wunderschön!" lief die junge Frau begeistert, als sie zum ersten Male das reizend Gemach betrat. „O, dieser himmlische Engel! Unter seinem Schutz muß sich's leicht sterben."
„Sterben?! — Ja; der würgt sie alle," knurrte die alte Charlotte, das Faktotum des Hauses. „Alle hat er sie gewürgt: die Frau Ashley, die niedliche kleine May unb auch ben strammen Oberst Dalton. Mrs. sollten hier nie sein!"
Ungeachtet dieser Warnung hielt sich die junge Frau Doktor während ber Abwesenheit ihres Mannes gerade hier besonders gern auf. — Als an einem kühlen Spätsommertag ber Arzt zur Essenszeit eilig heimkehrte, traf ihn ein gellender, markburchschüt- ternber Schrei aus dem Engelzimmer. Auf dem Prunkbett fand er feine Fran in Beftiaen Konfuf-
sionen, mit angstvoll glühenden Augen unb fest zusammengepreßten Zähnen. — Enblich löste eine Flut von Tränen ben Bann. — Von diesem Tage an kränkelte Mary trotz der liebevollsten Pflege zusehends. Stechende Kopfschmerzen, Mattigkeit, Atenibeklemmungen, nervöse Erscheinungen von Leichengeruch, erschreckende Träume im unruhigen Schlaf mehrten sich, seitdem sie im Engelzimmer schlief. Sie hatte darauf bestanden, unter den beseligenden Augen des Engels zu ruhen, der die bösen Gestalten immer verscheuche.
Nach einigen Wochen schlief sie — das vierte L pfer des verhängnisvollen Eugelzimmers — unter frischen Rosen auf dem Kirchhof.
Ganz allein saß Dr. Ashley am Abend des Begräbnistages vor dem Kamin des Sterbezimmers und durchlebte noch einmal sein kurzes Liebesglück und dessen tragisches Ende. Den mörderischen Geist des Hauses, ber ihm sein Teuerstes genommen, zu entlarven, war jetzt seine Ausgabe, koste es, was es wolle. Er sann und sann unb warf sich schließlich ganz erschöpft auf bas Himmelsbett. — Nach einem kurzen, bleiernen Schlaf fühlte er sich plötzlich wie von unheimlichen Dämonen aufgerüttelt. Er erschauerte wie unter dem Drucke einer bereits in Fäulnis übergegangeuen eisigkalten Hand. Ein erstickender Leichengeruch erfüllte die Atmnngsorgane wie das schärfste Gift. — Endlich gelang es ihm mit dem höchsten Aufwaiid an Kraft, sich zu erheben. Er taumelte ans Fenster, riß es auf unb beugte sich weit hinaus in die frische Nachtlust.
Jndeiu er sich wieder aufrichtete, erkannte er plötzlich bas Morbgesp-nft, dem sein geliebtes, junges Weib geopfert war. Im sahlen Schein des Mondes hatte es sich ihm offenbart, lieber die efeuumfpon- nene Mauer des feit einigen Jahren geschlossenen nahen Kirchhofs hatten es die Leichensteine deutlich gezeigt. Leichenblaß tappte Dr. Ashley ans dein Engelzimmer. '
Gleich am nächsten Morgen ließ er seinen Kollegen Dr. Morrah, der die anderen Kranken des Kaukes bebanbeit batte, nur Aufklärung der geheim
nisvollen Todesfälle in bas Engelzimmer bitten. Zunächst wurde festgestellt, daß sämtliche Verstorbene mit Vorliebe im Engelzimmer weilten, wie auch, daß die Krankheit immer rasch zum Tode geführt hatte, sobald die Patienten in diesem Gemache schliefen. Dann schilderte Dr. Ashley seine persönlichen Erlebnisse ber verflossenen Nacht. Daran cmschlie- ßenb sprach er bie Ueberzeuguug aus, daß die Empfindung des Leichengeruchs keine nervöfe Erscheinung sei, sondern durch eine noch näher festzustellenbe Verbindung mit dem nahen Totenhofe tatsächlich hervorgerufen werbe. Er hob bie seidene Tapete hinter dem Himmelbett und untersuchte die gefelderte Wand. Sie klang hohl. Mit dem eisernen Feuerhaken ließ sich ein Feld leicht einschlagen. Sofort erfüllte ein furchtbarer Fäulnisgeruch bas Gemach. Bei näherer Untersuchung zeigte sich in ber Höhlung eine verwitterte Eisenröhre als Leiterin ber todbringenden Gase vom nahen Kirchhofe, wo nach englischer Sitte oft 10—12 schmale Särge in einer gemeinsamen tiefen Grube liegen — Weitere Nachforschungen ergaben, daß das Engelzimnier ursprünglich zu einem luxuriösen Baberaum bestimmt war, bef)eu Abwässer in die jenseits des Kirchhofs liegende Kloake geleitet werden sollten. Mitten im Bau hatte man den Plan aufgegeben, bie Röhre liegen gelassen und die Anlage einfach vertäfelt.
In dem sonst gut ventilierten, hohen, luftigen Engelzimmer waren bie schädlichen Dünste nie bemerkt worden: dagegen wurden bie im Himmelbett wanbwärts Schlafenden durch einen numerklicheu Ritz in der Wand bei jedem Atemzug unmittelbar von beit löblichen Gasen getroffen.
Nachdem bie mörderische Eisenschlange entfernt unb ihr unterirdischer Wirkungskreis luftdicht verschlossen unb zementiert war, erwies sich die Villa als ein durchaus gesunder, heiterer Aufenthalt für ben jungen Helden, der bas schaurige Geheimnis entdeckt batte, sowie für den dankbaren Onkel, der sich an dem ständig wachsenden Ruf des Neffen erfreute A. D.