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58. Jahrgang.

" fuldaer® Zeitung

18

2. Blatt.

vk»S und Verlag der Fuldaer rletiendi uckerei le Zulda.

Lokales.

Fulda, den 1 Dezember 1911.

:X: JagdKaltlider für den Monat Dezember. Im Monat Dezember haben nur Sckvn»ell männliches und weibliches Elchwild und ElchkLlder, Biber, Reb- Hühner, Wachteln und schottische Moorhühner. Alles übrige Wild ist jagdbar.

(♦) Fleischpreise in Fulda. Nach den soeben veröffentlichten amtlichen Fteischdurchschnittspreisen im Regierungsbezirk Kaffel in der ersten Halste des Monats November ist gegen den vorangangenen Halb­monat allgemein ein Prersrückgang zu verzeichnen. Im Verhältnis zu den anderen Marktorlen des Bezirkes ist dieser Rückgang in Fulda nicht sehr groß gewesen. Rindfleisch ist zurzeit nur in Kaffel teurer, als in Fulda, in allen anderen Städten des Brzirts, auch in Hauau, billiger. Kalbfleisch ist in Kassel um 1 Psg. das Kgr. teurer, in Hanan ebenso teu r wie in Fulda, sonst allgemein wesentlich btl- liger. Schweinefleisch weift in Fulda einen Preisrückgang von 4 Psg. für das Kgr. auf. Es lostet 1.66 Mk., während in Hanan 1.81 Mk., in Hersseld 1.70 M. gezahlt werben müssen, dagegen in Kaffel nur 1.57 Mk. und in Hofgeismar gar nur 1.32 Mk.

B. Eine Prüfung für das Putzmachergewsrbe fand hier am 28. November halt. Zwei Prüflinge aus Hersseld bestanden die Prüfung mit „gut*.

** Tie Zahl der Krüppel im Reg-Bez. Kaffel, Soweit fie von der Statistik erfaßt worden find, leträgt 2761. Davon find nach ärzt.ichem Urteil heimbedürftig 1404. Es haben Aufnahme in ein Leim gewünscht 288. Leider stehen aber nur 60 Betten zur Verfügung.

XX Ju der Zusammensetzung der Standesamts. Bezirke in den Kreisen Gersield und Hünfeld treten mit dem 1. Januar 1912 einige bemerkens­werte Aender ringen em. Der Weiler Langenberg (Kreis Gersfeld) wird vom Slandesamle in Eckweis- dach (Kreis Gersfeld) adgetrennt und dem Standes- amte Schwarzdach (Kreis Hünseld) zugeteitt; ferner wird di. Gemeinde Unterbernhards (KreisHün­feld) vom Standesamte in Schwarzbach (Kreis Hün­feld) abgetrennt und dem Standesamte EckweiSdach (Krciö Gersfeld) zugeleilt.

f. Neue Steuerzeichen für Zigaretten in erben am 1. Januar eingeführt. Sie sind bedingt durch die reuen AnsführungSbestimmungen zur Zigaretten­steuer, die vom Bundesrat beschlossen w ovo en sind. Die Z.ichen für Zigaretten and Zigarettentabak sind mattgrün, mattblau, mattrot, grau, braun und vio­lett, für Zigarettenhüllen orange. Verwendet wird weißes Papier mit Vierpaßmuster. Bei zigaretten­förmigen Erzeugnissen, deren Tabakstrang länger als 10 Zentimeter ist oder deren Tabakinhalt mehr als 2 Gramm wiegt, gilt vom 1. Januar an jeder Teil, der bhfe Grenzen überschreitet, als besondere Ziga­rette für Oie Berechnung. Längere oder schwerere Zi- garett,i! dürfen noch bis Ende Januar in der bis­herigen Weise versteuert werden. Dann müssen alle Vorräte nach den neuen Bestimmungen versteuert wer­den. Die alten Steuerlichen werden mmähernd auf- gckraucht. Die endgültige Abschaffung der alten wird vom Reichskanzler bestimmt.

* Erhaltung der Bezlrksdenkmäler. Im Sitzmigs- saale des Landesausschufsts saufe kürzlich eine Sitzung der Bezirkskomnrissioir zur Erforschung und Erhaltung der DenkmAer innerhalb des Regierungsbe­zirks Kassel stakt. Wie mitgeteitt wurde, hat das Denkmäler-Archiv, bas alle archäologisch oder hi­storisch rvectvollen D.nkmäler des ganzen Regierungs­bezirks vereinen wird, erfreuliche Fortschritte gemacht uiÄ wird bald vollständig vorliegen. Auch die In­ventarisation der Kunstdenkmäler ist derart vor­geschritten, daß diejenige der Stadt- und Landkreise Kassel und Fu ld a d oll en d et ist. In den Krei­sen Gersfeld, Hünfeld, Gelnhmis n und Hanau wird demnächst begonnen, in den Kreisen Rotenburg, Mel­sungen, Hofgeisnrar, Wolfhagen und Schmalkalden ist man schon ziemlich weit vorgeschritten und es sollen fcann auch s ofort die Kreise Eschwege, Hersfeld, Schlücktern, Frcmkenbcrg und Marburg bearbeitet Weeden. Die Bezirkskommission wurde beauftragt, die erforderlichen Schritte zur Erhaltung verschiede- nei Ruinen, darunter auch die Landsburg, zu tun.

Das schlaue Ehepaar Bernardo und Rina Lungo hüt längst bemerft, daß bei seiner Herrschaft irgend­etwas „nicht stimmt". Wenn Orloff und seine En­kelin auch stets, sobald fie allein sind, sich ihrer Mut­tersprache bedienen, so fängt jenes würdige Dienstbo­tenpaar doch hier und da ein Wort ober einen Na­men auf, der besonders der verschlagenen Nina zu denken gibt. Auch find die Schlüssellöcher für neu­gierige Kammerfrauen ein ganz unentbehrliches Re­quisit.

Als Bernardo am heutigen Abend fernen Herrn zu Bett bringt, fragt er dienstbeflissen:

„Der Herr Fürst sehen.etwas angegriffen aus. Wünschen der Herr Fürst vielleicht einen heißen SwL?"

Orloff runzelt die Brauen, bequemt sich aber doch Pi einer Zustimmung.

„Jawohl. Und zwar recht stark."

Bernardo bereitet den Grog und reicht ihn dem Mreis der feen wärmende» Trank in einem Zuge hin- unterstürzt tmb sich bann aufseufzend in die Kiffen Mröcklegt.

.Werde» der Herr Fürst unsere Dunste noch lange

dürfen?*

„Ich weiß noch nicht —'*

Je Mstr ü($ Verbannten.

Roman von Adele Böttcher.

Sonjas Stimme ist immer leiser geworden. Als pe den vschängnisvollen Dries beendet, sinken ihre Här.ve kraftlos in den Echoß, und die Angen blicken starr vor sich hi».

„Das hat »ms der Goldstein eingebrockt!" zischt Orloff wütend. Die einzige Antwort ist: Wir igno­rieren den Wisch!"

Sonja schweigt . . Wozu reden? Es ändert an der Sache doch nichts.

Bald darauf zieht stc sich ht ihr Zimmer zurück imb läßt bet Großvater allein mit seiner Wut.

Dis Erdarbeiter sind abgezogen. Der Trockenbagger wird ab montiert und der Fima Orenstein u. Koppel in Spanda» zurückgegeben, von welcher er für 70 Mark pro Tag gemietet war. Die elettrische Leitung nähert sich aus dem Ulstertal den Schächten. Die Arbeiten an der Drahtseilbahn des DietrichSbergeS fdjreitcn vorwärts. In Kürze soll mit dem Versand von Basalt deS „Schamberges" nach Wenigentaft be­gonnen werben.

♦ AnS Thüringen, 80. Nov. 1911. Ein Stadt- schreibe! in Friedrichsroda wurde zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er gegen 2000 Mk. ver­untreut hatte. Es waren 9 Monate beantragt worden, doch ließ das Gericht Milde walten, weil der Mann in Not gehandelt halle. — Ein Post- assistent in Gera hat etwa 10000 Mark unter­schlagen. 4000 Mark fand man in einer Ofenröhre in seiner Wohnung versteckt, während er weitere Betrage zu Wucherzinsen ausgeliehen halte. — Em Fräulein Emilie Sauer vermachte der Stadt Suhl 5000 Mark, deren Zinsen an die Armen verteilt werden sollen. — In Beudnitz bei Eisenberg goß die geistesschwache Tochter eines Landwirts Petro­leum auf die Tenne der väterlichen Scheune und zündete diese an. Tie Scheune brannte vollständig nieder. Die Geisteskranke ergriff mit ihrem Kind die Flucht.

Aus Gderheffen u- den hesi. Aemtern.

* Marburg, 30. Nov. 1911. Landrat von Loe- wenstem zu Loewensteiu ist seither von ihm kom­missarisch verwaltete Landralsamt hiesiaen Kreise endgültig übertragen worden. — Als Nachfolger des Ordinarius in der juristischen Fakultät zu Halle, Prof. G. Lästig, ist der o. Professor für deutsche Rechtsgeschickte, deutsches Privatreckt, Handels- und bürgerliches Recht an der hiesigen Universität, Dr. Ernst Hey mann, berufen morsen.

* Ziegenhain, 30. Nov. 1911. Aus der Station Leimsleld geriet gestern der 48jährige Streckenar­beiter Joh. Hahn ans Schönborn beim Anspringen in einen fahrenden Zug unter die Räder. Dem Unglücklichen wurden beide Beine abgefahren. Er war sofort tot.

* Frankenberg, 30. Nov. 1911. Bei den gestern vollrogenen Wahlen zur Stadtverordnete n- Versammlung wurde von der 3. Wählerabtei- lung Kreisassistent Salbt wiedergewählt. In Stich­wahl kommen Oberpostassistent Albrecht und Schneider­meister Gilbert. Von der 2. Abteilung wurde Schreinermeister Georg Vöhl wiedergewählt: in Stichwahl kommen Julius Schwaner und Hermann Balz. Von der 1. Abteilung wurden Apotheker F. Lins und Buchdruckereibesitzer F. Kahm wieder- gewähl. Die Ersatzwahl für den verstorbenen Stadt­verordneten Gg. Schmieder fiel auf Oekonom Heinrich Schmieder.

* Neukirchen (Kreis Ziegenhain), 29. Nov. 1911. Der städtischen Behörde ist es gelungen, durch ein günstiges Verpachtung-sangebot eines Grundstückes an Herrn Gärtner Ulrich aus Homberg diesen zu veran­lassen, seinen Wohnsitz hierher zu verlegen. Er erhält 3 Acker Wiesenfläche unter dem Bugen, neben btm Tanzplatz, zur Benutzung. Die Flüche ist bereits ein- gezännt und in Bearbeitung. Herr Ulrich beabsichtigt, O b stb au m z u ch t, Gemüsebau, Blumen-, Pflanzen- und Samenhandlung zu betrei­ben. Mit brr Errichtung einer Gärtnerei ist hier einem längst gefüllten Bedürfnis entsprochen wor­den.

[:] Neustadt, 30. Nov. 1911. Recht schwierig gestaltete sich am Mittwoch abend die Verhaf­tung eines fahrenden Musikanten, welcher mit feinem Schwager wegen Teilung des Geldes >n Streit geraten war. Mit lebensgefährlichen Werk­zeugen bearbeitete er seinen Teilhaber soivohl, als auch seine eigenen Familienmitglieder, sodaß der hier stationierte Gendarm geritten werden mußte. Indessen hatte auch dieser keine leichte Arbeit, so­daß er sogar von der Waffe Gebrauch machen mußte, und erst durch fremde Hilfe war es ihm möglich,' den Wüterich, der allerdings angetrunken war, zu fesseln und in das hiesige Amtsgerichts­gel ängnis abznsiihren. Hier sieht et seiner Abur­teilung wegen verschiedener Delikte, Beamtenbelei- digttng. Widerstand, B.drohung mm. entgegen.

» Wabern, 30. Nov. 1911. Die hiesige Aktien- Zuckerfabrik beendete ihre diesjährige Kam­pagne am 29. d. M. Ueber das Resultat dieser Kam­pagne herrscht nur eine Stimme: sowohl der Er­trag der Rüben an Quantum als auch an Qualität ist viel höher als man anfänglich geglaubt hat. Es sind manche Lieferanten, welche einen Durchschnitts- ertrag von 150 Ztr. pro Acker aufzuweisen haben mit einem Zuckergehalt von 18—20 Prozent. In An­rechnung ist noch zu bringen Oie billige Verarbeitung der schmutzlosen Rüben, sodaß den Mionären vor­aussichtlich ein guter Abschluß in Aussicht stehen dürfte.

* Römersberg, 28. Nov. 1911. Unser hochgelege­nes Dörfchen, bas schon jahrelang unter großem Wassermangel litt, bekommt nun endlich die langersehnte Wasserleitung. Die Quelle hat Prinz Philipp von Hanau kostenlos hergegeben. Tie Kosten belaufen sich auf weit über 40000 Mark. Die Leitung muß auch unter dem Flußbette der Schwalm hcrgeführt werden.

* Fritzlar, 30. Nov. 1911. In dem benachbarten Züschen fand die Herbst-Generalversamm­lung der Molkereigenossenschaft statt. Landwirt Krümmel aus Wega wurde an Stelle des Bürgermeisters Strömer aus Wega, der eine Wieder­wahl ablehnte, in ben Aussichtstat gewählt. An Stelle des auHscheidenden Aussichtsratsmitgliebes Langebeck- mann würbe Jakob Pfeifer ans Lohne und für Bür­germeister Kleinschmit aus Geismar L. Ritte I daselbst in ben Aufsichtsrat gewählt. Wegen her in Werkel ausgebrochenen Maul- und Klauenseuche scheibet Wer­kel von der Milchanfuhr aus.

Vermischter.

* Die wegen Kiudesmorbs im Gefängnis befind­liche 16 Jahre alte Anna Lucht in Solberg in Pommern übergoß sich in der Untersuchungszelle mit Petroleum aus feer Zellenlampe und zündete sich an. Als das Gefängnispersonal ihr zu Hilfe eilen wollte, war sie schon tot.

** In der Znellchower Zementfabrik in Stet» 1 i n stürzte ein löjähriger Arbeiter m ein mit Ze­ment gefülltes Bassin, in dem er sofort unterging und sofort erstickte.

* Der Postraub in Berlin. Rach mühevoller Ar­beit konnte am Mittwoch endlich die Sortierung feer noch in dem geraubten Postkurssack tmb in der Ca- velloschen Wohnung gefundenen Werte beendet wer­den. Außer 152 000 Mark baren Geldes sind für etwas über 250 000 Mark Wertpapiere, die unver­sehrt geblieben waren, zur Stelle. Der Umfang der vernichteten Werte konnte noch nicht genau sestgestellt werfeen, da noch eine große Zahl Absender bisher nicht reklamiert haben; jeden­falls bürste der Schaden, soweit sich übersehen läßr, 100 000 Mark weit übersteigen. Es ist nicht ausge­schlossen, daß sich noch Werte in unberufenen Händen befinden. Auch die R e i ch s b a n k ist bei dem Postraub zu Schade» gekommen, erleidet jefeoch kei­nen größeren Verlust. Es handelt sich vornehmlich um Wechselbestellungen. Außerdem ist noch ein ger ringer Betrag in Bargeld verloren gegangen.

— Bestech»» gsv ersuch. Einbrecher (oer vom Post­meister überrascht worden ist, bttend): .Lassen S' mich doch laufen, Herr Postmeister! Ich laus' Ihnen auch n’ paar Briefmarken ab?'

Handel »nd Industrie.

* Berlin, 30. Nov. 1911. Nach der festen Stimnmng der Börse an den letzten Tagen war heute eine leichte Ermüdung zu verzeichnen. Mon­tanwerte zeitweise lebhaft und später etwas geschwächt. Schissahrtsattieu lebhaft. Eleitrizitätswerte abge­schwächt.

8icklan»en- und Anzeigenteil.

kÄUMWZWM kür Gas, Petroleum oinp85.il und Spiritus, -w

......... Nur gute Qualitäten! ----- - ■

M. Kalb Sohn, Buttermarkt 5.

Aus -em Nachbargebiete.

♦ Hammelburg, 27. Nov. 1911. Plötzlich ge­worben ist dahier der Besitzer des Hotels zum schwarzen Adler, Andreas Haub, im Alter von 36 Jahre».

* Bebra, 30. Rov. 1911. Dem Reserve-Lokomo­tivführer Schünemann dahier wurde von seiner vorgesetzten Behörde eine Belohnung zuteil, weil er durch rechtzeitiges Hallen eines Zuges das lieber- fahvm eines Knaben und einer Kuh verhütet hatte.

* Bruchköbel (bei Hanau), 30. Nov. 1911. Ge- ftem nachmittag erhängte sich au8 bis jetzt noch unbekannten Gründen der 48 Jahre alte Landwirt Günther. Er hinterläßt eine Frau mit 14 Kin­dern, von denen 7 noch nicht die Schule besuchen.

* AuS Franken, 30. Nov 1911. In Fran­kenheim v. Rh. starb feer älteste Mann der bayert- schen Rhön, Johann Michael Vomdran, im Alter von 93 Jahren und 6 Monaten. Der Verstorbene hinterläßt 3 Söhne, 16 Enkel und 8 Urenkel. — Ein Reliefporttät des Prinzregenten hat akad Bildhauer Weidner fen. in Bad Kissingen ungemein naturgetreu und in künstlerischer Auffassung modelliert. Es wird, in Bronze gegossen, ben ebenfalls in Arbeit befindli­chen, als Kalfftein heruzstellenden Jubiläumsbrunnen in Mellrichstadt schmücken. — Bet der Ge- rne'mdewahl in Würzburg ist es als heitere Ab­sonderlichkeit zu verzeichnen, daß ein auf der Zen­trumsliste stehender Bewerber nur eine einzige Stimme erhielt und doch als .Ersatzmann" ge w ä h l t wurde — eine Folge des Verhältniswahlrechts und bayerischen GemeindewahlgesetzeH. Der betreffende Kandidat kam nach her Listeneinreichung in Strei­tigkeiten mit der Partei und wurde daher durchweg gestrichen, von einem einzigen Wahlzettel abgesehen; da aber sämtliche Bewerber bet Zentrumsliste — teils als Mitglicfeer, teils als Ersatzleute — gewählt wur­den, kam auch der „Einstimmig-Gewählte" als Er­satzmann zum Zuge. Da die Wahl für neun Jahre Gültigkeit hat, ist nach den bisherigen Erfahrungen auch ziemliche Wahrsckeinlichkeit vorhaufeen, daß die­ser Einstimmig-Gewählte noch einmal als Mitglied in das Gememdekollegium ein gereiht wird.

* Mainz, 29. Nov. 1911. Die Stadtverordneten erhöhten die Löhne städtischer gelernter Arbeiter, da­sind solche, die in dem Dicnstzweige, in dem sie tätig find, beruflich vorgebildel find. Gleichzeitig wurden für die städtischen Arbeiter Ausschüsse ge­bildet, die für jede Gruppe aus 5 Mann und ebenso vielen Ersatzperfonen bestehen.

* Wiesbaden, 29. Nov. 1911. Einen vergeb­lichen Fluchtversuch unterna m in der ver­gangenen Nacht ein schwerer Junge namens Schultheiß, der erst kürzlich aus dem Zuchthaus wegeit Munzverbrechens entlassen war und jetzt wegen Verdachts der Hehlerei in Untersuchungshaft saß. Er brach mit Hilfe von zwei Zellengenossen an einem eisernen Bett ein Bem ab und schlug damit ein Loch durch die Wand, durch das er bin- durckkroch. Auf der weitern Flucht über ein Tack stürzte Schultheiß fünf Meter in die Tiefe. Seine Zelleiigenoffen sahen das, und als sich Schultheiß nicht mehr erhob, schellten sie den Aifsehern. Dar­auf w rbe Scknllbeiß wieder gefas t.

* Aus Nassau, 30. Nov. 1911. Um die Bevölke­rung vor unnötigen Ausgaben zu bewahren, haben in verschiedenen Kreisen des Regierungsbezirks Wies­baden die Landräte bestimmt, daß Genehmigungen zu Nachkirchweihen fortan von feen Bürger­meisterämtern nicht mehr erteilt werden dürfen.

Ami Eeisa und Umgebung.

* Ostheim, 30. Nov. 1911. Jetzt werden auch in der hiesigen Flur umfangreiche Bohrungen nach Kali vorgeno.imen. Nach dem Gutachten von Sachverständigen soll bei hiesiger Stadt ein bedeutendes Kalilaaer zu erwarten fein.

* Neustadt (Orla), 29. Nov. 1911. Gestern nacht ist die „M a y m ü h l e" von Feredinand Besser voll­ständig niebergebrannt. Sehr viel Getreide sowie die ganze Einrichtung und sämtliche Maschinen wurden vom Feuer gänzlich zerstört.

* Oechsen, 30. Nov. 1911. Auf dem Gewerk­schaftsplatz wirb jetzt bas Gewühl sich innerhalb ixr Bauten abspielen. Die Eisenbahnschienen liegen.

„Ich frage nur deshalb, weil Dr. Bertinetti mir gestern sagte, bet Herr Fürst unb die gnädige Prin­zessin würden ihn morgen für einige Zeit besuchen." Orloff schwelgt.

„Ober ziehen bet Herr Fürst es vor, ben Herrn Oberst Morgans mit Ihrem Besuch zu beehren?"

Erneutes Schweigen.

Doch Bernardo läßt sich nicht so leicht verblüffen.

„Meine Frau hängt so sehr an bet Prinzessin —" fährt er lauern#) fort — „unb auch meine Stellung befriedigt mich so vollständig, daß wir mit allen Mit­teln suchen würden, unsere Stellung zu behalten. Mit allen Mitteln!" wiederholt er scharf pontiert.

Orloff, der zuerst völlige Gleichgültigkeit heuchelte, hebt sich plötzlich im Bett auf.

„Bernardo!" stößt er hastig hervor. „Verfügen Sie über Geld?"

Der Kammerdiener gestattet sich ein leises Lächeln.

„Ja, Herr Fürst '

„Ich nicht'

„Das vermutete ich bereits, Herr Füfft."

„Wovon glaubt ihr, daß ich euch bezahle, wenn ich eure Dienste fernerhin in Anspruch nehme?"

„Der Herr Fürst brauchen uns vorderhand gar. nicht zu bezahlen. Später . . . Vielleicht —" er dämpft seine Stimme zum Flüsterton herab und wen­det den Blick nach der Tü-, am sich zu vergewissern, daß fie fest geschlossen ist — „vielleicht machen wir uns auch selber anderweit bezahlt. Rur möchte ich bitten, daß der Herr Fürst die Einladung des Herrn Oberst Morgano nach Frascati annimmt ... Im übrigen stehe ich in jeder Beziehung zur Verfügung.

Orloff ist in die Kissen zurückgesunken. In sei­nem Hirn arbeitet es mächttg. Die Lider seiner blinben Augen zuckten vor Erregung. Sollte er, ohne es zu ahnen, in seinem Kammerdiener einen Verbün­deten gefunden haben?

5.

Hoch steht bereite die Sonne am Himmel, als Sonja am nächst« Morgen erwacht. Sie fühlt sich müfee unb abgespannt, da sie erst gegen Morgen ein­

geschlafen war. um von schrecklichen Träumen ge­quält zu werfeen.

Als die Kammerfrau die Gardmon sonzieht, fällt ein greller Sonnensttahl direkt in das bleiche Ge­sicht der Langschläferin. Verwundert reibt fie sich die Augen.

„Wie spat ist es, Nina?"

„Elf Uhr, Prinzessin."

„Warum haben Sie mich nicht um acht Uhr ge­weckt? Ich sagte Ihnen doch, daß mir heute das Ho­tel verlassen —"

„Der Herr Fürst verbot mir, die Prinzessin zu wecken."

Verwur.feert schüttelt Sonja ben Kops.

„Ist Signor Robert? unten?"

Er war ba unb ist wieder fortgegangen — mit meinem Mann, nm einige geschäftliche Kleinigkeiten zu erledigen"

Sonja wagt nicht weiter zu fragen. Sie kennt ihren Großvater und ahnt, daß sein erfinderisches Hirn Wied r einen neuen Trick ausgebrütet. Und da auch Ninas dünne Lippen fest geschlossen bleiben, so heißt es vorläufig für Sonja, ihre Ungeduld zu bezähmen.

Gegen ein Uhr betritt endlich Borte Orloff, von Bernardo geführt, das Heine Wohnzimmer, in ixm Sonja schon seit einer Stunde wartet.

Voll Staunen bemrrtt sie, daß sein Gesicht heiter sst — ganz anders als gestern abend.

Eine entlassende Handbewegung — unb Groß­vater unb Enkelin sind allein.

„Was ist geschehen, Großvater?"

Sonja ruft es angstvoll, wie in banger Vorahnung vor etwas Schrecklichem.

BortS Orloff reibt sich vergnügt die Hände, wie stets, wenn er mit sich zufrieden ist.

„Alle- in Ordnung, Kind! . . . Scher mich jetzt ben Kuckuck um Edward Morrison unfe Roberts unb die ganze Sippe!" Und mit sardonischem Lachen schlägt er nach der Türe hin ein Schnippchen.

„Ich verstehe dich nicht, Großvater —"

„Ist auch nicht nötig. Jedenfalls bleiben wir hie im Hotel, solange es uns beliebt."

„Wieso?"

„Bernardo hilft uns!"

„Drin — Kammerdiener?"

„Mein Kammerdiener!"

„Großvater!!"

Sonja ist sehr bleich geworden. Die Wahrheit beginnt ihr aufzudämmern. Sie sucht, in Orloffs Gesicht zu lesen. Vergebens; sie erscheinen unbeweg­lich, feiest kalten, scharfen, durchfurchten Züge.

„Und die Bedingungen?" fragt fie zitternd vor Erregung

„Daß wir ihnen alles zurückerstatten, sobald wir können!"

Sonja schweigt. Absr ihr Atem geht rasch und hörbar und verrät dem Alten ihre namenlose Er­regung.

Zorn steigt in ihm auf. Ohne jeden Gewissensbitz würde er sich von feiner Enkelin, die ihm mit ihren altväterischen Ehrlichkeitsgefühlen nur eine Last ist, befreien unb das „einfältige Mädel" «ihrem Schick­sal überlassen. Aber feer schlaue Fuchs'weiß, daß ar ohne sie nichts anfangrn kann, daß ihre Schönheit es ist, die ihm die vornehmen Kreise Roms erschließt. So drängt er denn feinen aufwallenden Zo.n zurück unb versucht, mit ihrer „Kaprice", ihrem „Beit lstolz" zu argumentieren.

„Die braven Leute wissen, daß unsere jetzige schlechte Sage nur eine vorübergehende ist unb baß wir ihre Hülssbereitschaft und Verschwiegenheit be­lohnen werden," sagt er begütigend.

Sonja fährt auf.

„Also — eine Art Kompagniegeschäft mit unfern eigenen Dienstboten!"

„Wenn feu es so nennen willst —"

„Wie erniedrigend für .ms!"

Jetzt ist es mit her Geduld des Akten zu Ende. Der sorglose Ausdruck in seinen Zügen macht wil­dem Haß Platz. Wütend stampst ex mit dem Fuß den Boden.

(Fortfehung folgt.)