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Donnerstag 80. November Wt 38. Z«tzrg<ul-.
* fuldaer W Zeitung
2. Blatt.
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ober niemals eine »urkunft in» et verschanzt sich so. gar hinter da» Dientzgehetmnr». Betleumben xrrf man unb da» Dtenftgehewwt» schützt bann. Mein Name steht mm bereit» unter dem Wcchlaufruf der Zentrumspartei feit de» Jahre 1883. Ich bin Mitglied der Vorstandschaft der Zentrumspartei feit Beginn der neunziger Jahre de» vorigen Jahrhunderts und erkläre hier, daß mir von irgendeiner Weisung an die AentrumSpartei in diesem Sinne, wie Sega» tiouSrat v. Nichthofen ausgesprochen hat, auch nicht eine Silbe btfanni ist. llnd ich sage daun, herau- mit dem Beweis, wenn nicht ehre solche Behauptung als Verleumdung bezeichnet werden soll.
♦ Die konfeffkoneLe Neutralität des HansabrmdeS. Nach Zeitimgsmeldungen hat der Präsident be3 Hansabunfee» auf Ersuchen der Freisinnigen in O s- nab rück zugesagt, daß er »seinen ganzen Einfluß gdtcnb machen werde, um die Natisnallibe- ralen zur Unterstützung der Kandidatur Horns- brorch zu bewegen*. Da Graf HoenSbroech, so bemerkt dazu die Deutsche Tagesztg.', soviel btt kamst ist, weder zum »erwerbsmäßigen Bürgertume* zählt, noch eine wirtschaftspolitische Tätigkeit treibt, o will der Hansabund durch das Eintreten für seine Kandidaten offenbar nur dokumentiere, daß ihm entsprechend sein« Richtlinien »jede Austragung konfessioneller Gegensätze oder Interessen — fern liegt!* ,
(*} Die günstige« Reichsfi non,en. Wie der «Lok.-Anz.' erfährt, dürste der ReichshauZhalts» etat für 1911 recht günstig abschli-fien. Während der Etat für 1909 zum Ausgleich noch einer An leihe von 250 Millionen Mark bedurfte, war es für den letzten Etat möglich, mit einer Anleihe von rund 100 Millionen Mark «mszukommen, und für den Etat 1912 dürfte man noch unter den letzten Betrag erheblich heruntergehen.
♦♦ Auch eine „Festrede". Der Bericht der liberalen »Zwickauer Neuesten Nachrichten" (Nr. 263) über eine Festrede dc« protestantischen Pastors U n - gnad an Luthers Gckurtsicrg im „Evangelischen Arbeiterverein' Zwickau enthält folgende Leistung:
Die Katholiken in Deutschland hätten auf politischem Gebiet so manchen Sieg ausgesochten. Das Zentrum sei und bleibe die stärkste Partei im Reichs- tag, eine Schmach fnr das deutsche Volk. Der bis jetzt erwähnte Nachfolger für Lindequist, u. Rechenberg, fei ein Ullratn ontaner, ein Römlin g, also ein Feind Deutschlands, dem die deutschen Kolonien nicht anvertraut werden dürften.
Es genügt, diese unglaubliche Leistung von gehässiger Intoleranz niedriger zu hängen.
-4- Metz, 27. Nov. 1911. Nach Lothringer Blättermeldungen ist Mischen dem Lothringer Block und dem Zentrum ein Abkommen für die Reichstags- wählen in Lothringen getroffen, wonach von den vier lothringischen Wahlkreisen dem Zentrum Saargemünd- Forbach und Diedenbofen, dem Block Saarburg- Chateau Salins und Metz zugesprochen wurden.
Ans dem Kachbargebleie.
= Lchnerz, 28. Nov. 1911. Aus dem besonder? non Fuldaer Einwohnern wegen feiner einsamen Lage so gerne begangenen Weg von Riesig nach hier werdenZt. auf einer Seite eine größere Anzahl junger Obstbäume gepflanzt, wodurch der Weg ein ganz anderes Aussehen bekommt. Zu wünschen wäre es, wenn die alten verkrüppelten Vogelberr- bäutne re. auf der anderen Seite ebenfalls entfernt würden und an ihre Stelle auch schöne Obstbäume zu stehen kämen.
(i.) Bad Orb, 29. Nov. 1911. In den in der Order Gegend verbreiteten Blattern ist dieser Tage ein Artikel, »Vom Truppenübungsplatz' betitelt, erschienen, der gegen eine Nachricht ankämpst, die außer im .Bonualiusboten' angeblich auch in der «Fuldaer Zeitung' erschienen sein soll. Wir stellen hiermit fest, daß die fragliche Nachricht in der «Fuldaer Zeitung' nicht erschienen ist. In
Ausland.
*♦ Ein niederländischer Katholikenführer ch. Kürzlich wurde in Maastricht unter allgemeiner Beteiligung ein Manu zu Grabe getragen, dessen merkwürdiger Werdegang als Katholik und dessen hervorragende Verdienste um die katholische Sache es verdienen, auch in bet katholischen Presse Deutschlands erwähnt zu werden. ES handelt sich um den im hohen Mer von 86 Jahren verstorbenen Kaufmann Maria Samuel Franziskus Wilhelm Marckx, der von jüdischen Eltern geboren, als Wjährigcr junger Mann, nach überstandener schwerer Krankheit, zum Katholizismus übertret und während feines langen Lebenswandels als überzeugter und tatkräftiger Katholik unendlich viel für seine Vaterstadt Maastricht, das katholische Niedorland — und nicht zuletzt für das katholische Deutschland getan hat. Fast alle katholischen unb philantropischen Einrichtungen der Stadt Maastricht haben der Opferwilligkeit des Verstorbenen viel zu danken. Er war Vertrauensmann, Ratgeber und allezeit hilfsbereiter Freund und Gönner der zur Zeit des Kulturkampfes aus Deutschland vertriebenen Priester und Ordensleute. Ein großer Test der Korrespondenz zwischen feen damals aus Deutschland verbannten Bischöfen mit den ihnen unterstellten Geistlichen ging durch seine Hand. Und mehr als
einer Noti, beS JBonif atiiibetex' wm 15.9to* oembei wurde allerdings «ttgetrtit, daß eie Xm der Besitzer tu Lellyendrunn nut den not* Fiskus gemachten Geboten «uf ihre ffa den Uebungsplatz benötigten Anwesen nicht zufrieden sei, da ste durch mlenstve Bewirtschaftung ihre Uta hochgebracht, und dadurch erst den wahren Wert des Grund und Bodens erkannt hätten. Darauf wird nun i» den erwähnten anderen Blättern erwidert, daß and) jener Teil der Bewohner, der mit dem Angebot des Fiskus gufneben sei, ratio- nett gewirtschaftet und die Güler tut Vergleich zu den 80er Jahren in die Höhe gebracht habe. Deswegen werde den Besitzern ja auch da» 4» unb bfache des damaligen Wertes, das Sfache des jetzigen Steuerwertes geboten nebst persönlichen Entschädigungen von 600 Mark pro ha und 100 Prozent des Waldbodenwertes. Habe demnach einer 8 ba Land, so bekomme er 4000 Mark persönliche Entschädigung; habe er noch 8 ba Walchfo wache das noch einmal 4000 Mark, zusammen 8000 Mark persönliche Entschädigung. Habe einer 15 h* 8anb und 10 ha Wald, so bekomme er ungelähr 12500 Mark, und habe et 20 ha Land und 12 ha Wald, so bekomme er 16000 Mark persönliche Entschädigung, so daß die kleinen Güter auf 60000 Mark, die größeren auf 80000 Mark und die großen auf 110000 Mark kommen. Nun fei noch folgendes zn erwägen: Die Wertzuwachssteuer werde erlassen werden, die bei einigen 6—10000 Mk^ bei anderen 15000 Mk. und darüber ausmache. Ferner, das Gemeinden er mögen werde geteilt, wobei vielleicht auf jeden 10—20000 ststk. entfallen würden, die als Entschädigung für die tu Lettgenbrunn mögliche Sieuersretheit und die abgeschlossene Lage gelten könnten. Schließlich solle das Geld ein Jahr vor dem Abzug bezahlt werden, so daß auch die Zinsen des Gesamtkapitals de» Verkäufern »gute kämen. Bei diesem Entgegenkommen des Fiskus könnten die Leute, wenn ei nun doch einmal nicht anders sein kann, nicht besser fahren, als wenn sie auf das Gebotene entgingen.
* Rinteln, 28. Nov. 1911. Der hiefigen kathol. Gemeinde brachten die letzten Tage religiöse Erbauung unfe hoho Freude. Am Samstag nachmittag um 4 Uhr traf bet Bischof von Fulda am hiefigen Bahnhof ein und wurde von dem zum Empfange erschienenen Kirchenvorstande zu dem festlich geschmückten Gotteshause geleitet. Unter feierlichem Glockengeläute zog der Kirchenfürst in unsere schöne Kirche ein, woselbst die Gemeinde zu feierlichem Empfange versammelt war. Weißgekleidete Mädchen überreichten Blumen und entboten feem hohen Besuch in finnigen Gedichten dm Willkommen grüß der Unmündigen. Darauf begrüßte Herr Pfarrer Lins mit rhetorischer Gewandtheit in kurzer, aber äußerst herzlicher Ansprache dm Oberhirtm und führte ihn zum Altäre. Se. Bischösl. Gnaden richteten von hier aus einige von Herzen kommende und von den Gläubigen warm empfundene Worte an feie Gemeinde, worin er dm Zweck seines Besuches in sehr schöner Weise erläuterte. Mit dem Segen des Bischofs erreichte die Feier ihr Ende. Wer von dm Andersgläubigen Gelegenheit hatte, den Empfang des Kir- chensürstm mit anzusehm, dürfte gewiß von der schönen und erhebenden Feier höchst angmehm berührt worden fein. Sonntag morgen um 10 Uhr fand der Hauptgottes dienst stach. Während des Hochamtes sang der Kirchenchor eine vierstimmige Messe; die Festpoedigt hielt der Hochmütigste Herr Bischof. Im Anschluß -ui diesen Gottesdienst wurde an den Firmlingen die hl. Handlung vollzogen. Tu Kirche zeigte einen außergewöhnlich starken Besuch, denn auch die Katholiken aus Obernkirchen warm mit ihren Firmlingen erschienen und nahmen an der Feier teil. Nachmittags hielt feer Oberhirt Christenlehre und eine kurze Andacht, die durch einige im gemischten Chor sehr schön vorgetragene Lieder verherrlicht tourk. In den späten Nachmittags stunden fuhr der Hochwürdigste Harr Bischof nach Obernkirchen, um auch in dec dortigen Gemeinde sein: Amtspflicht zu erfüllen. Am Abend kehrte er wieder nach Rinteln zurück und nahm im kathol. Pfarrhaus: Wohnung Montag früh besuchte der Hochw. Herr Bischof auch die kathol. Bürgerschule und verschaffte sich einen Einblick in die Arbeit dieser Bildungs-
einmal haben bbe Verfolgt« die Gastfreundschaft bei Hause» March in Anspruch nehmen müssen. Der Heilige Stuhl hat die Verdienste befl Verblichenen wiederholt anerkannt und ihn ausgezeichnet durch die Ernennung zum Geheimen Kammerherrn Seiner Helligkeit deS Papstes, zum Kommandeur de» Sr. PiusordenS unb de» Orden» vom Helligen Grabe: außerfeem war der Verstorbene unter anderem Ritter de» St. GregoriuSodenS. Sckn Heimgang hinteläßt im katholischen Maastricht eine tiefe LÄe, unb die Armen und Kranken der Stadt laßeren in ihm einen ihrer größten Wohltat«. Er ruhe in Frieden l
♦ Die Ausweisung bet „kleinen, armen Schwe- »ent*. Der Oberrabbiner Moses Retter von Pari», eine der angesehensten israclittschen Persönlichkrtten von Pari», tritt in einem Aufrufe für he »PetitoS SoeurS' von LevalloiS ein, denen bekanntlich die Ausweisung droht. Er schreibt:
Die Regierung eine» großen und edlen Landes, wie Frankreich, sollte wirklich etwas besseres »u tun baden, als in verlorenen Vierteln einige hellrgmatzrg Frauen in ihrer ersprießlichen Tätigkeit zu figren. bte an die Wirksamkeit des Guten glauben, die Nächstenliebe in einer Weise üben, die sich wesentlich von den Schönred-eien unterscheidet.
Der Pariser Stadtrat nahm einstimmig eine Tagesordnung an, feie sich gegen die Ausweisung feer OrdsnsschwrVtern von LevalloiS wendet xw» merkenswert ist, daß her Stadtrat zu 48 Prozent mtS Kirchenfeinden zusammengesetzt ist.
* Nathan am Ende feiner großen Sprüche An- gefichts der traurigen Finanzlage der Stadt R o m — man spricht von einem nach Millionen zahlenden Defizit des Budgets für 1912 — hat der Bürgermeister von Rom. Nathan, und mit ihm der garye Stafetrat beschlossen, ihre Demission einzureichen. Es wird in gut mrtorrichtesen Kreisen versichert, daß die Demission gegenwärtig nicht angenommen werden wird, sondern daß nur einige Oberbeamte der römischen Gemeindeverwaltung vom Amte scheiden werden. Nathan am Ende seiner Weisheit!
(*) In Liverpool in England kam es bekanntlich in feen letzten Jahren ständig zu schweren Zusammenstößen zwischen Katholiken und _ Oran giften, fanatischen Protestanten, welche das irische Viertel der Stadt angriffen und katholische Prozessionen selbst m diesem Viertel nicht dulden wollten. Ein Komitee rechtlich denkender Angehörigen beifeer Konfessionen kam überein, den Konflikten ein Ende zu machen, indem die städtische Verfügung von -wer- pool, die zur Vermeidung von Uebergriffen konfessionellen Charakters erlassen war. vor das Unier- bau's gebracht und zu einem staatlichen Gesetze gemacht werden soll. Das Gesetz trifft Bestimmungen über die Abhaltung von Prozessionen, es verbietet unter ziemlich genauer Benennung aufhetz enfee Artikel der Angehörigen der einen Konfession gegen die andere, außerdem untersagt es Versammlungen, die Angriffen der einen Religions gesellschast auf bte widere gelten sollen. . . ... _. ,
** Zrn türkischen ffnrauzmlnlstermm tit em Fehl - betrag von drei Millionen Mark entdeckt worden. Von dem Diebe fehlt jede Spur
Deutsches Reich.
Gouverneur von Leutwein unb das Zentrum. Der frühere südioestasrikamicheGouverneur v. Leutwein untersucht in der Wochenichrist ,Die Zeitschrift die Frage der südwestalritanischeu Konzrffwns- gesellschasten und kommt dabei u. a. zu folgenden Ergebnis:
Derubnrg habe den Kampf gegen 6te GFrllschasten leider aufgegeben. »Dornst erlebten der Kampf um die Konzefsionsgefetlfchaften m Säowefiafrika vorläufig beendet. Vorläufig aber hatte Derleibe ein Nachspiel uns zwar veranlaß! durst» den Abg. Erzberger. , Diesem schienen die ®e|eüfd>a|ten doch zu gut weggekommen zu sein. 8r verachte daher, ihnen nunmehr mit der Steuergesetzgebung veizukominen. Einen will kommenen Anlaß hierzu bot dec Umstand, daß die Regierung einen Nachtragsetat von -3 Millionen Mark für Mehrausgaben wählend des südafrikanischen Aufstandes einbrachte. Zur Deckung dieser Summe beantragte Abg. Erzberger dieiemgen heran uziehen, welche aus der Ntederschlaguna des Ausstandes den größten Nutzen gezogen hätten, und das seren dre G e« sellschaften. Um jedoch den Schein eines Ausnahmegesetzes zu vermeiden, sollten auch Einzelpersonen mit über 300000 Mark Vermögen zur Steuer mit feer« angezogen werden. Fraglos liegt ein ganz gesunder Gedanke in diesem Anträge, zumal dre Grenze sür die Besteuerung ziemlich weltgesteckt war. Prival- perfontn mit über 300100 Mark Vermögen dürsten im Schutzgebiet nicht u finden sein. Gemnd ist der Gedanke, weil eine drohende Kneg-steuer am besten geeignet ist,etwaige kriegslustige Stimmungen in unseren Kolonien ni eder zuhalten. So lange bei kolonialen Ausständen das alte Vaterland sämtliche La en zu tragen hat, sehen dreiem drejemgen Weißen, welche sich selbst in verhältniemäoiger Sicherheit suhlen dürfen, naturgemäß mit Gleichmut entgegen."
Leutwein wünscht un» hofft, daß der Antrag des Abg. Erzberger nicht der Bergessenheit anheimfallen möge. Auch in der Diama.stenfrage stellt sich der fachoerstänaigr Gouverneur auf die Seite des Abg. Erzderger:
„Wenn man schließlich dem Staatssekretär Dornburg überhaupt ein zu großesEntgegenkornmen gegen das Grohkapttal vorwirft, so scheint dteser Vorwurf, wenn es einer lern tost, kerne-tvegs unberechtigt zu fein. Niemand tarn eben aus leinet Haut. Die ganze Beigangenheit des Staatssekretärs wurzelt im Großkapital. Qd der Mampf um dir jüdweuasri- kanischen Monzesstonsgefellrchasren nunmehr endgültig ausgefochten fein wird? Es scheint nicht, weniastens kündigt Abg. Erzberger dessen Fortsetzung an. Hierbei leitet denselben der Gedanke« die Verwaltungsbehörden seien weder früher noch jetzt zum Abschluß der bett. Verträge berechtigt gewesen. Denn es habe sich bei letzterem um Veräußerung non Staatsvermögen gehandelt, und hierzu feien auf Grund des Schutzgebieietat- oesetzes von 1892 nur die geietz ebenden Faktoren des Reiches zuständig gewesen. Wer die Konzeffionspolitrk In unseren Kolonien für ein liebel hält, und zu diesen zähle auch ich m'.ch, der muh bedauern, daß der Abg. Erzberger dem Reichstag nicht schon vor 25 Jahren an gehört hat. Damals hätte -r noch das liebel verhindern können und dies ist leichter, als ein emrnat eingerffsenes Nebel wieder zu beteiligen.
Trotzdem kann noch manches gerettet werden, wenn man nur ernstlich will feit--ns der Regierung.
* Gegen das Märchen des Frhrn. v. Mchthofen, beS nationalliberalen Kanfeidaten im na nlcn hannoverschen Wahlkreise, hat sich in einer Versammlung zu Bamberg auch bet Abg. Dr. Sch äbler ?ewenbet. Nach einem Bericht des Bomb. Volkbl.
Nr. 268) sagte Herr Dr. Schöbt er:
ES wird aber auch nicht lange dauern, dann werden hie Brandglocken schon wieder läuten, daß das Zentrum nicht patriotisch gesinnt sei. Frhr. v. Malsen Hai es bereits angedeutet. Der fnror protestaniicuS unb der furor religiosuS wird durch das Land fegen. Wir haben in den letzten Tagen von einem Reichstags- kandidaten schon gehört, daß er etwas weiß. Ich glaube, er war ein Jahr in Rom gewesen. Dieser hat uns in feiner Kandidatenrede miigeteili, daß in seiner Eigenschaft als Legationssekretär durch seine Hände Aktenstücke gegangen seien mit Weisungen hos päpstlichen Stuhles an die Zentrums- p a r te i in Berlin. Ich kann mir ja recht gut. denken, daß Aktenstücke durch die .Hände des Legationssekretär» gingen, nämlich zum Abschreiben, allein es liegt in diesen Worten wieder das angekündigt, daß die Zentrumspartei jene Partei ist, die ihre politischen Weisungen von Rom erhält. Man hat den betreffend«» Herrn schon verschiedene Male festgenagelt; er gibt
M Mer 6t5 Mannten.
8] . Rowan von Adele Böttcher.
„Der junge Marchese Campanelli —' flüstert Sonja hastig ihrem Großvater zu, wobei sie nicht hindern kann, daß leise Röte in ihre Wangen steigt.
»So, fo!e
Durch freundliches herablassendes Kopfneigen erwidert Orloff den ehrerbietigen Gruß Orlando Cam- vanelliS, ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen. Und der junge Mann wendet sich sofort zu Sonja.
Eine Sekunde lang treffen feie Blicke der beiden jungen Menfchetckmder einander: in beider Augen leuchtet es auf.
»Ich habe lange nickt das Vergnügen gehabt, Prinzessin —" beginnt Orlando sichtlich befangen. »Auch Oberst Morgan» bedauert lebhaft, daß Sie sich jetzt so ganz zurückziehen —*
Boris Orloffs Züge, die bisher gleichgültig ruhig erschienen, nehmen plötzlich einen gespannt interessierten Ausdruck an.
»Der gute Obersts' ruft er enthusiasmiert, mit den blinden Augcn wie suchend ins Leere starrend. „Wo ist er? Ich möchte ihm die Hand drücken!'
Orlando Campanelli lächelt ein wenig über feen plötzlichen Eifer des alten Herrn.
»Er sitzt mit seiner Familie auf einer Bank — dorr hinten auf dem schmalen Fußweg neben der Marmorbüste des Virgil —*
Wie elektrisiert erhebt sich Orloff. »Führen Sie mich zu ihm! Ich muß ihm schon lauge eine wichtige Mitteilung machen, die ihn interessieren wird — über die Diamantenausgrabungen im Uralgebirge —'
Rasch steigt er aus und schreitet, auf den Arm seines Dieners gestützt, elastisch davon — in der Richtung nach feer bekannten Marmorbüste des Virgil.
Der junae Marckese unb Sonia folgen.
Sonja sieht heute ganz besonders reizend au». Ein enganschließendes, goldgesticktes weißes Tuchkleid in Prinzeßform läßt die herrliche Gestalt zur vollen Geltung kommen. Der große runde Hut mit der reichem Veilchengarnierung verdeckt zumteil die schweren, leuchtenden Haarmassen unfe bin oberen Teil des Gesichtes, sodaß das wmidrrsamr Augen
paar noch dunkler, sein zauberhafter Glanz noch geheimnisvoller erstrahlt.
Orlando Campanelli fühlt, wir eS ihm warm ums Herz wi-.fe, al» er fe neben dem herrlichen Mädchen dahinschreitel unb aller Blicke bem schönen Paar folgen, bas wie für emanber geschaffen erscheint.
„Wir sprechen soeben von Ihnen, Prinzessin —'
Mir ihrem gewohnten Grübchenlächeln blickt sie ihn an.
„Wir -?'
„Graziella freut sich schr. Sie bald in Frascati begrüßen zu können.'
»Graziella —? Wer ist ba»?*
»Signorina Morgano,' verbessert er lachend, ohne jede Verlegenheit. „Es erscheint mir ebenso selbstverständlich, Signorina Morgano „Graziella' zu nennen, wie Sie „Prinzessin'.
Sonja wendet rasch den Kopf zur Seite, damit ihr Begleiter nicht die tiefe Röte bemerkte, die blitzschnell in ihre Wangen schießt. Wie unabsichtlich läßt sie ihr Spitzentaschentuch fallen unb bückt sich, um e» aufzubeben.
Obgleich Orlando ihr zuvorkommt, erscheint es doch nur natürlich, daß nach dem Bücken ba3 zarte Mödch.nanflitz lckhast gerötet ist.
„Graziella Morgano ist mir lieb wie eine Schwester, fügte er erfiärenfe Hinz,, indem er fdner Begleiterin mit leichter Verbeugung das Spiheniafchen- tuch überreicht.
Wieder lächelt Sonja, unb dock lauert hinter tiefem Lächeln etwas wie geheime Erregung.
„Heißt ba»: sie gilt Ihnen mehr ober weniger al» andere junge Damen?*
„Die Frage Ist schwer z« beantworten*, erwidert er ausweichend. ,Vielleicht ein andermal.*
„Inzwischen langt feie kleine Gesellschaft an ihrem Ziel an. Sicken bet Marnwcküste de» Virgil — halb verdeckt durch überhäugende» Blütengezweig — sitzt dort die Familie Morgano unter einer breitgeästeten Palme.
»Per bacco! Der Herr Fürst!* ruft bet Ob«st erfreut unb eilt Bort» Orloff entgegen, ihm kräftig bie Hand schüttelnd.
Und seine Gattin unb Me zierliche, schwarzäugige Graziella folgen seinem Beispiel.
Alle brei — Vater, Muster, Tochter — tragen ben echt süditalienischen Typus: kein, behende, tief* brünett. In dem lebhaft gestikulierenden Obersten würde man eher einen Künstler oder Advokaten vermuten, als einen martialistischen Soldaten, der viele Jahre hindurch dort unten in Afrika gegen die Schwarzen gekämpft und mehr als einmal dem Tod furchtlos ins Auge geblickt hatte. Seine Gattin ist eine liebenswürdige, gutherzige Dame, die nur für ihre Familie lebt, fast immer lächelt und nur dann einen gewissen Ernst auf ihre sonnigen Züge zwingt, wenn ihre optimistische Statur einmal absolut keine gute Seile Bei irgendeiner Sache herauszufinden vermag — was bisher in ihrer ganzen Ehe gerade zweimal vorkam.
Ihre Tochter Graziella ist genau so geraten, wie man es von dem Kind eines solch behaglichen, liebenswürdigen Ehepaares erwarten kann: sie ist ein liebes, anspruchsloses Geschöpf von neunzehn Jahren, dessen sammetweiche schwarze Augen unschuldsvoll aus bem bunHen Gesichtchen in feie Weit hineinblicken, mit einem zierlichen Näschen, einem runden Kirschmund und lächerlich kleinen Händen und Füßen — eine Nippesftgur von Ammit unb Grazie.
Der Oberst vertieft sich sofort in eine angelegentliche Unterhaltung mit Boris Orloff, ber das Gespräch geschickt auf Diamanten hinüberleitet unb babei so originell mtfe interessant über bie Edelsteine des Uralgebirges zu erzählen weiß, daß sein Zuhörer In höchstem Grade gefesselt ist.
Orlando steht neben Sonja und Graziella. Mit unverhohlener Bewunderung sieht die Keine Italienerin zu der hochgewachsenen Russin empor.
Auch hier ist das Gespräch lebhaft unb angeregt, obgleich es sich nn nichtssagende Dinge dreht.
Signora Morgano hört mit ihrem liebenswürdigen Lächeln zu unfe wirft nur während einer Pause ftundlich hin:
»Sie besuchen uns doch in Frascati, Prinzessin?' Sonja ist ersichtlich verlegen.
»Ich weiß wirklich nicht —* , ,
»O, da» wollen wir gleich arrangieren! Lieber Fürst —* und die joviale Dame bringt ihre Einladung nochmal» an.
Mit enter tiefen Verbeugung dankt Boris Orloff. „Wir werden uns die Ehre geben, meine Gnädigste.'
Der Abschied ist fast noch herzlicher, als vorhin die Begrüßung. Man hat einonfeer ersichtlich gefallen.
Als bald darnach das weiße Automobil mit den „russischen Fürstlichkeäten' davonjagt, tragen die Züge deS alten Mannes jenen seltsam triumphierenden Ausdruck, der Sonja stets mit Schaudern erfüllt.
Und feoch — hätte nicht auch ste Grund, sich zu freuen? Weshalb blickt sie den Großvater immer wieder forschend und mit geheimem Bangen von der Sette an, als suche sie in seinen Blinden Augen zu lesen?
Bei ihrer Rückkehr ins Hotel händigt der Portier dem „Herrn Fürsten' mehrere Briefe ein.
Kaum kann Boris Orloff die Zett erwarten, Bis er in seinem Zimmer ist. Sonja hat ihm zugeflüstert, daß feas eine Kuvert den Poststempel Florenz trägt.
Hastig schleudert er Stock, Zylinderhut und Ueber- rock beiseite. Dann wirst er sich in einen Sessel und wartet....
Mit spitzen Fingern, als ergreife sie etwas, da» ste beschmutzen könne, zieht Sonja bat Bries bes Maklers aus bem Kuvert. Dann liest sie rasch, halblaut« während der alte Mann sich vornüberbeugt, um ja kein Wort zu verlieren:
„Sehr geehrter Herr! Wollen Sie mir gütigst bie Adresse der Fürstin LarinSky und Ihres Bankiers in Moskau telegraphisch mitteilen? Von durchaus glaubhafter Seite habe ich erfahren, daß vor einiger Zett ein berüchtigter Dick namens Sa- mueloff ebenfalls aus Sibirien entflohen ist unb im Ausland die Rolle des wegen politischer Umtriebe verbannt gewesenen Fürsten Orloff spielt. Ich selbst hege selbstverständlich keinen Zweifel « Ihrer Identität mit dem wirklichen Fürsten ^Or» loff; doch wecken Sie es begreiflich finden, wenn ich erst volle Gewißheit darüber erlangen möchte, bevor ich Ihnen den gewünschten Vorschuß gewähre. Der Telegraph wird in Kürze alles Hären
Ihr ergebenster
Edward Morrison.*
(Fortsetzung folgt)