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38. Jahrgang

Fulda, Donnerstag den 30. November 1911

Erstes Blatt

jVS 274.

and

Also was die griff in fällig.

Man

ptf., tat wieder» ■ wird entfpr.

Bdxttt -ewLhrt.

arbeiten die Heimarbeiter möglichst berück» sichtig! werden. , .

Donnerstag: Aufhebung de» HilfSkafsengesetze»;

Privatbeamtenversicherung.

da» Mandat seit 10 fahren im Besitze hat, verlor gegen die Wahl von 1906 500, die Volkspartei 300 Stimmen, die Sozialdemokraten gewannen 300 St.

lLnder in Bremen ist zum Bürgermeister an» stell« de» verstorbenen Dr. MareuS gewählt worden.

Dem Reichstage können wir heute keine gute Zensur ausstellen. Obwohl e» bekannt war, daß es bezüglich der Lohnregulierung im Hau»« arbeitSgesetz bei dem Kompromißantrag bleiben müsse, der die Fachausschüsse vorstehl, weil die Re» gierung von LohnLmtern und einer Rechtsverbind- lichkeit der Lohn'estsetzung nicht» wissen will, und weil auf der ander m Seite die von sozialdemokra­tischer Seite und die von einigen Freisinnigen ein» gebrachten Anträge auf den gleichen Widerstand der Regierung stoßen, hat man trotzdem über die Lohn­frage von mittags 1 Uhr bis kurz vor 7 Uhr ge» sprachen. Freilich waren eS nicht sachliche Gründe, welche die Genosien und ihre sreifinnigen Freunde auf die Rednertribüne führten, sondern ihre AuS» sührungeu waren diktiert von wahltaktischen Er­wägungen. DaS ist ja immer da» Rezept der Sozialdemokratie, daß sie möglichst hohe Forde­rungen stellt, völlig unbekümmert um ihre Erfüllbar- feit und ihre Durchführbarkeit, nur um nach außen hin sich Lieblind zu machen, denn sie trägt ja bei einem Scheitern des Gesetzes nicht die Verantwor­tung. Diese fällt auf die Mehrheit zurück. Gerade diese Verantwortung war es aber, welche die Rieht» heil veranlaßte, und im Interesse der Heimarbeiter naturnotwendig zwang, an dem Kompromiß festzu­halten. Das Gesetz durfte nicht scheitern, weil es tatsächlich groß« Erfolge für die Heimarbeiter auf­weist und eine Grundlage darstellt, auf der später weitergearbeitet und das Lohnamt doch noch erzielt werden kann. Alle übrigen Anträge, außer dem Kompromrßantrag, wurden abgelehnt.

s. Die Blldgetkommisfion des Reichstags erledigte Mstlwoch die Vorlage über die Ausgabe kleiner Aktien und nahm die Vorlage über Ergänzungs­und Neubauten aus der Strecke Tanga-Mombo der llsambarabahn an.

— Dem Reichskanzler v. Bethmaun-Hollweg hat der Kaiser zu seinem Geburtstag am Mittwoch eine Vas« mit dem Kaiserlichen Namenszug zum Geschenk gemacht. Der Kaiser hatte offenbar den Wunsch, den Reichskanzler in den Tagen der erregten Marokkodiskuffion seiner besonderen Gunst zu versichern.

* Die englische Negierung hat, wie die „Nordd. Allg. Ztg." meldet, durch eine Note des Staats­sekretärs Sir Grey an den deutschen Botschafter Grafen Metternich vom 27. November ihre Zu­stimmung zum Marokkoabkommen erklärt.

* Düsseldorf, 29. Nov. 1911. In der Land­tags- Ersatzwahl für den verstorbenen Zentrums- Abg. Kirsch wurde der Zentrums-Kandidat Bürger­meister a. D. David gewählt. Die übrigen Par­teien haben sich an der Wahl nicht beteiligt.

Straßburg, 29. Nov. 1911. Die Liste der vom Kaiser berufenen Mitglieder der ersten ^elsaß-lothringischen Kammer kann der Pa­riser ,Temps^ du>ch einen Bertrauensbruch ver­öffentlichen. Die Liste, die 15 Namen trägt, dürfte, wie behauptet wird, der Wirklichkeit ent­sprechen. Aus der Liste geht hervor, daß der Kaiser von seinem vollen Recht der Berufung nicht Ge­brauch gemacht bat. Die Verfassung verleiht ihm das Recht, 18 Mitglieder zu berufen. Die erste Kam er setzt sich nunmehr aus 35 Abgeordneten zusammen. Davon gehören 7 dem Zentrum an, 1 dem Nationalismus, während die übrigen al» 1 be­rat angesehen werden können. — Das Land bekennt sich überwiegend zum Zentrum und will vom Libe­ralismus nichts wiffen. Die Zusammenset ung oer ersten Kammer ist also geradezu eine Karruatur der Parteiverhältlüffe im Lande.

tt Karlsruhe, 29. Nov. 1911. Die Zweite Stammet wählte mit 39 Stimmen den bisherigen ersten Präsidenten Rohrhurft (nl.) unb mit 38 Stimmen den bisherigen Ersten Vizepräsidenten Geist (toi) wieder. Zum Zweiten Vizepräsidenten wurde der Abcr. Muser (Fortschr.) mit 41 Stimmen gewählt. — Das Zentrum ist, obwohl die stärkste Partei des Landtags, bekanntlich vom Block aus

eWdüttMIt**» tdunahme tat So m. m,d Feiertage, viertel- jttalich«Vezu»'.preir ohne Sriuaerloh« unb SeßeLgelontzultas»- «kamwSrttlLomr.

verantw. Rebahtun «art Schütter für »ieAnzetgen:

Z.parzeller in Zulda.

es bleibt alles beim alten, und liberale Presse über „den päpstlichen Ern- ben deutschen Rechtsstaat" schrieb, ist Hin­

halten wird. _ ., ,, t

So ist jetzt die Hälfte der Mitglreder der englischen Admiralität auS der Admi» raliiät htnausbefördert worden. Es hat eine Neube- . setzung dieser Stellen stattgefunden, die von dem er- , stm Lord der Admiralität, Churchill, damit begründet ' wird, daß sie „im Interesse de» öffentlichen Dienstes liege* und dazu führen werde, daß „wirksamer ge- , arbeitet werde". ES Kurven u. a ernannt Admiral Sir Francis Bridgeman zum Ersten See- ; lord, Prinz Louis von Battenberg zum Zweiten See­lord und Kapitän William C. Pakenham zum Satten

Verlag tarLuldaerA-

Monatsdellager „Wdaer Geschichtrdlätter" -«arfprecher llr.,.

Aus! and. ;

♦♦ Reue Männer für die englische Flotte. .

Die Erregung über die weltpolitischen Vorgänge fcer letzten Wochen zieht noch immer ihr« Kreise. Die Engländer sorgen dafür, daß die Welt in Atem ge-

Deutsches Reich.

• Berlin, 29. Nov. 1911. DaS kolonialwirt­schaftliche Komitee hat beschlossen, Vorarbeiten für die Einrichtung einer deutschen Motorluftschiffahrt in Nen-Kamerun einzuleiten. — Senator Stabt»

dem Präsidium ausgeschattet.

* Stuttgart, 29. Nov. 1911. Bei der Land - tags-Ersatzwahl im Oberamte Crailsheim haben erhalten: Lang (Bauernbund) 1877, Schäffer(Volksp.) 1176, Reusch (natiouallib.' 825, Beinkaempen) (Soz.) 668, (3. ober (Zentr.) 228 Stimmen. Es ist also eine Nachwahl erforderlich. Der Bauernbund, der

_____ging aber noch weiter. Rach der bekannten Art, die Taten de» Zentrums bem Papste anzuhän­gen und umgekehrt, sprach man das Zentrum mit­schuldig an dem „fremben Eingriff in den deut­schen Rechtsstaat", sogar in Kreisen, die nicht zu den fanatisch antiultramontanen Heißspornen zäh­len. So lesen wir in der Schles. Zeitung:

+ Das sortgeschwo nmene Fell.

Dem Liberalismus unb den evangelischen Bünd- lern ist wieder einmal ein kostbares Fell wrgge- schwomrnou. „ _

Mit Genugtuung teilte ihre Presse mir, der Papst habe in feinem neuesten Motu proprio eine Aktion gegen den deutschen Rechtsstaat unter­nommen, unb man konstruierte schon alle möglichen und unmöglichen Fälle, in denen in Zukunft den Katholiken «ach kirchlicher Bestimmung verboten fei, Anzeige gegen einen Geistlichen zu erstatten, während eS nach deutschem Gesetz nicht nur ihr Recht, sondern sogar ihre Pflicht ist. Man faßte: Nun sollen in Zukunft die deutschen Geistlichen nicht nur mehr bezüglich der geistlichen Standes- und Amisverhättnisse der bischöflichen Gerlchtsbmkeit unterstehen, sondern auch in bürgerlich en Rechtssachen unb in bürgerlichen V er- 8 5 Wäre das der Fall, dann hätte man nicht mit Unrecht von einem „Versuch, bestehende Rechtsein­richtungen in Deutschland umzustoßen", sprechen kön­nen. Dann hätte man e8 schließlich verstanden, daß die Nationakliberalen im sächsischen Landtag bereits eine Interpellation über den päpstlichen Erlaß ein­brachten. Doch war diese Auslegung rein willkür­lich. Da» Motu proprio wurde hauptsächlich mir Rücksicht auf Italien erlassen. Wie es dort aus­genommen wird, ob e» dort mit bestehenden Gesetzm in Konflikt kommt, das steht ja auf einem anderen Blatt, geht uns in Deutschland auch nichts an. Ob in Stallen nicht derartige Zustände eingeriffen find, daß der Erlaß dort einem dringenden Bedürfnis entsprach, darüber muß schließlich der Papst besser entscheiden können als die liberale Presse in Deutsch­land.

Bei uns in Deutschland würde er keinem Bedürfnis entsprochen. Tatsächlich, werden auch Deutschland und Oesterreich von dem neuen Erlaß in keiner Weise getroffen. ®a@ ist die authen­tische Auslegung, die, tote schon erwähnt, Ubitcre Heiner in Nr. 1013 der Köln. Volksztg. gibt. In Oesterreich, Bavem und Württemberg ist ausdrüMch durch Konkordat bestimmt, daß in allen, sowohl rein zivil als auch Kriminalsachen den Geist­lichen die weltlichen Gerichte zuständig sind. Im übrigen Deutschland ist baS sogenannte privilegium fori, die geistlich» Gerichtsbarkeit, zwar nicht durch ausdrüÄiche Vereinbarung zwischen Staat und Kir­che, aber durch entgegenstehendes Gewohnheitsrecht aufgehoben.

Zu demselben Ergebnis kommt heute in der Har­monie in einer längeren Untersuchung der Univer- sitätsprofeffor Dr. G. I. EberS in Münster i. W. Auch aus seinen Ausführungen ergibt sich, daß für Deutschland der bisherige Rechtszustand durch das neue Gesetz nicht geändert wird.

• Schwerin i. 9t, 29. Nov. 1911. Beim Land» tage beantragte die Regierung eine nochmalige Be» schlußfassung übet die abgefinberten Verfass sungS.Grundzüge, welche die Ritter lindtd)' grundsätzlich angenommen, die Bürgermeister aber! abgelehnt hatten. Die Regierung sei außerstande,! dem gegenwärtigen Landtage einen andern Entwurf. vorzulegen, für den die Zustimmung beider Stände, zu erwarten sei.

ReichstagswahlvorbereikunstL-n.

== Bieleseid, 28. Nov. 1911. Der Kandidat der i für die nächste Reickstagswahl im Kreise Bicletcld», Wiedenbt' ck vereinigten Konservativen, Rat tonal» j liberalen. Christlichsozialen und Zentrumsleute, bet, ehemalige Staatssekretär des Innern Gras Pofa» dowSky, hat sich heute in einer großen Versamm- lung den Wählern vorgestellt. In fast dreistündiger Rede besprach Graf Posadowskp alle Gebiete unseres politischen Lebens und streifte dabei , auch die Be» Hauptungen, er sei vom Zentrum abhängig gewesen und ein Gegner der Blockpolitik. Er erklärte hierzu:

Die bei meinem Ausscheiden aus dem Staats-' bleuste aufgetauchte Behauptung, ich stäube in.Ab», hängigkett vom Zentrum, ist durchaus underechngt.' Gewiß hat bas Zentrum meine Eoziatpolitik unterstützt,i aber bas Zentrum stellte barm noch oiel weitere | Forderungen, als ich bewilligen konnte, ba tch dafür • weder die preußischen noch die Stimmen bet aller» i meisten übrigen Bundesstaaten bekommen konnte. Im. übrigen ist meine Politik aber auch von den anderen Parteien unterstützt worben. Mein Nachsolger tm Amte ; yat die Unterstützung des Zentrums ebenfalls ange­nommen. Weiter ist mir vorgeworsen, tch sei em, Gegner der Blockpolitik. Wemt tch amtlich gefragt ■ werde, so antiuorte tch als ehrlicher Mann nach meiner , besten Ueberzeugung, und ich habe auch nur auf Be«.' fragen meine Bedenken gegen die Blockpolitik ange» > geben. Daß ich recht gehabt habe mit meinen Be- denken, haben später die Tatsachen ergeben. Der Block war kein Granit, sondern gefrorenes Wasfer,. es schmolz, als gelinde Lust kam. Jetzt stehen bte ehemaligen Blockfrennde sich feindlich gegenüber.

Dir Raiibibatennbe sand großen Beifall.

** ein Wahlaufruf des Kri-sciduudes. Der ■ Deutsche Rriegerbunö betont in feinem soeben ver» ; öffentlichten Wahlaufruf seine politische Neutralität, - verbietet seinen Rittgliedern aber die irgendwie geartete Ilnterstützung von Welsen, (!) Polen (!) . und Sozialdemokraten.

* Kouftauz, 29. Nov. 1911. Das Zentrum hat s den Güterbestätter Dietz-Radolfzell als Reichstags»; Kandidaten aufgesteüt.

Seelord. ,

Mt der Politik soll also dieser Personenwechsel nichts zu tun haben, die Herren wären, so sagt bte. Regierung, in absehbarer Zeit doch gegangen. . faat man, aber es braucht nicht überall geglaubt zu werden. Der erste Soe-Lord, Sir A. Wilson, der; auch unter den Gemaßregelten fich befindet, ist knapp . ein Jahr erst im Amt.

Man muß die Maßreglung tm Zusammenhang, mit den Enthüllungen des Abg. Faber betrachten Faber hatte behauptet, daß im kritischsten Moment; bet Marokko-Angelegenheit ein Zwiespalt im: englischen Kabinett eingetrettn sei toejtn der Frage ob England dem befreundeten Frankreich eben- , tuet! mit bewaffneter Macht Hilfe leiften soll. Lloyd George und Winston Churchill seren dafür geivesen. : Die englische Flotte sei zu jener Zeit in drei Teile zersplittert gewesen und harte während eines ganzen Tages die F ü h l u n g in t t der deutschen Flotte verloren. Die tyolge davon sei gewesen, daß Churchill das Amt ves ersten Lords ber Admiralität erhalten hatte. . '

Wenn man in diesem Zusammruhangi bie Enlla,- ; sunq der Hälfte der englischen Admiralität betrachtet rnd dazu die Begründung hört, die Maßrrgeningeir seien notwendig geworden, die Admiralftät „z u v e r- . einheitlichen", so kann man darunter nur eine Maßnahme verstehen, die eine größere Bereit- : schäft der englischen Flotte gegen Deutschland verbürgen soll. Diese Ta­ten der englische Regierung liefern einen merkwür- bigen Kommentar zu den Friedensworten, die Grey an Deutschlands Adresse richtete. Wir haben schon verschiedentlich ausgeflihrt, daß es auf die Taten

d* München, 29. Nov. 1911. Landgerichtspräfidmt Lerno, ber Vorsitzende der Z entrumS srak- tion b<8 aufgelösten bayerischen Landtages, erläßt gegen bte bekannte halbamtliche Regierungs­erklärung, welche die Grünbe ber Auflösung dar- legte, eine ausführliche Erwiderung.

Es sei nicht die Absicht des Zentrums gewesen, überhaupt nicht mehr mit dem Verkehrsminister zu unterhandeln. Das Zentrum habe nur der von Grafen v. Podewils ausgesprochenen Erwartung, daß die Be- ratung der Vcrkehrspostulate wieder ausgenommen werde, „zurzeit" nicht nachkommen wollen. Richt das Zentrum habe die Weiterarbeit verweigert, son­dern die Staalsreglerung durch die Landtagsauflösung hat das Zentrum an der beabsichtigten Weiterarbeit geradezu verhindert. ES sei die bestimmte Absicht ge­wesen, in einem spätern Zeitpunkt der Session die Forderungen des Verkehrsministeriums zu beraten, wie die Verfassung es vorschreibt, auch wenn die vom Zen­trum gewünschte befriedigende Erklärung bis dahin nicht erfolgt wäre. Lerno bestreitet, daß das Zen­trum die Weiterarbeit von einer Bedingung ab» hängig gemacht habe. Diese Entdeckung des Müll» iteriumS sei erst neun Tage nach der Landtagsaus­lösung gemacht worden. Lerno fragt mit Recht, warum Ministerpräsident Gras Podewils bann nicht im Land­tage selbst, in seiner Erklärung vom 10. November aus die angebliche Verfassungswidrigkeit des Handelns der Zentrumsfraktion hingewiesen habe und hebt ferner hervor, hat die Regierungserklärung von dem schwer verletzenden Verhalten des Verkehrsminister im Plenum ber Abgeordneten - Kammer kein Wort verliert. Lerno sagt: Ausdrücklich muß hervorgehoben werden, daß die Kundgebung der Regierung staats- rechtlich keine andere Bedeutung als bte einer einser-

„Das Zentrum, mag man gegen seine Politik noch soviel einzuwenden haben, hak sich unleugbar große Verdienste um daS Reich erworben. Trotzdem ist es wegen der unbeftiebigenden Haltung, bie das Zentzmm zu all be« päpstlichen Erlassen eingenommen bat und dir es auch jetzt wieder zu dem Erlaß über die gerichtliche Belangung katholischer Geistlicher entnimmt, die Abneigung gegen diese Partei im Wachse» begriffen, eine Talfache, die daS Zentrum ja aus eigenster Er­fahrung wiffen dürste."

Aber bitte: wann hat bas Zentrum zu bem neuesten Motu proprio Stellung genommen? Durch die Hetze, bie ber Evangelische Bund unb feine Organe mit bem Erlaß des Papstes gegen bas Zentrum gerieben hoben unb augenblicklich noch treiben, hat sich vielfach bte Ueberzeugung festgesetzt, bas Zentrum habe ben Erlaß be« Papstes sozu­sagen offiziell gebilligt. Das Zentrum hat zu bem päpstllchen Erlaß keine Stellung genom­men, es hatte gar keine Veranlassung bazu unb zwar ans bem einfachen Grunde, weil Deutschland davon nicht betroffen wird. ES war nicht so voreilig wie die Naitonälliberalen in Sachsen, die kaum etwas von bem Erlaß eines päpstlichen Motu proprios hörten unb gleich bie Regierung interpellierten. Im übri­gen brauchen wir nur baren zu erinnern, daß vom Zentrum all bie Gesetze, bte ben kathol. Geistlichen in Zivil- wie in Kriminalsachen den Laien gleichstellen, mitgenehmigt würben. Daraus gcht doch bie Stellung beS Zentrums klar unb d-ut- lich hervor.

Die Hetze gegen ba» neue Motu proprio hat ein­mal »lebet Gelegenheit gegeben, bie „Friedensliebe" ber Romhaffac gründlich kennen zu Urnen. Diese Heh- brüber finden eS nicht ber Mühe werk, sich über die Tragweite eines neuen päpstlichen Erlasses zu infor­mieren, sondern ziehen immer sofort vom Leder, brin­gen den furor protestanticuS in Wallung und wollen bald da- katholische Voll gegen „Uebergriffe" des KlenrS, bald ben Klerus gegen Uebergriffe der Papste- „schützen".

tigen Parieierklärung hat. Wenn die Regie» tung bon einer BerfassungSverletztmg spricht, so drückt sie damit nur ihre Meinung au*. Lerno bemängelt und beatoeifelt bann bte Erklärung bet StaalSregie» tung, fte sei bei ihrer Entscheidung von keiner polt» tischen Parteiströmung beeinflußt worden. Er schließt: Die Zentrumsfraktio« hat in jahrzehntelangem Zu» sammenarbeiten mit der Regierung namentlich in den letzten Jahren große Gesetzgebungswerke geschaffen, ste hat viele Millionen zum Wohle des Landes und aller Stände bewilligt, jetzt, nachdem insbesondere das Be» itenoesetz, nachdem die Steuerreform unter Dach ist tiittb sie ohne hinreichenden Grund heimgeschicki mit bem schwer kränkenden Vorwurf der VerfassungS» Verletzung, b. i. die Verletzung unseres Abgeordneten» eideS. Hatte keiner der sieben Minister, welche die Allerhöchste Entschließung über die Landtagsauflosung unterzeichneten, ein Gefühl für die Kränku-ig, welche sie damtt auch dem nionarckisch und patriotisch, wristtich und konservativ gesinnten Teile des Volkes zufugten?

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 29. November 1911.

Die »weite Beratung deS Hausarbeitsgesetzes wird fortgesetzt/ — Es liegen vor der Antrag der Sozial. Pemokraien auf Einrichtung obligatorischer Lohnämter. Danach soll auf Antrag daS Ge» werbcgericht als Einigungsamt Lohnsätze tn der Branche, die es angcrufen hat, sestietzen. — Tue Kom» prmnistparieien (Antrag Behren (wirtsch. Vgg.) usw ), beantragen statt dessen die fakultativen Fachaus­schüsse, deren Befugnisse ein An rag der Volk-» Partei erweitern will. Die Lohnfetsetzungen sollen nach den Aiiträgen der Sozialdemokraten und der Volkspartei rechtsverbindlich fein.

«bg. Dr. Fleischer kZ.): WU stimmen dem Abg darin bei, daß daS Hanptprobl.-ui der Vorlage bte . Lohn frage ist. Daher haben totr , unS auch in der K o m in i s s i o n bemüht, Lohnämter eliizufuh- ren. Prinzipiell sind wir noch für solche Dem sozial» demotratischen Antrag können wir deshaw nicht zu» stimmen, weil er ungeheuren praktischen Schaden zur die Arbeiter haben kann. Zwei Hausarbeiter wurden danach in der Lage sein, andauernde Beunruhigung in die Hausindustrie und die Gewerbegerichte -u brin­gen. Auf die Schnitzindustrre mit den elenden Lohnen nimm: der sozialdemokra.ische Antrag keme Rücksicht. Bei der Beratung der Gewerbeordnung wurde unser Antrag in der Kommission mit einer Stimme ..'ceyr. heit angenommen; als dann die Hausarbeit aus der Gewerbenovelle hcrausgenrmtnien war, da fiel der An­trag mit Slimmengleichheit. Wir stehen vor dem , neftern von Herrn Delbrück wiederholten — unzwel- beutir.en Unannehmbar der Reg,erung mnL inzwischen haben auch die größeren Parteien des Hai-- ses ibre feste Stellung eingenommen: Ablehnung. Das kleine Fähnlein Frciflnniger unter Naumann hat keine Bedeutung; die große freisinnige. Gruppe, bie itnen Rückhalt in ber Industrie bat wirft auf die Neme- rnng ganz anders. (Hört, hort! Bei ben Soz.) Der Kompromißantrag rettet zunächst bas Prnrnp des Ar- bei skammergesetzes für die Hausarbeit; schon dieser Erfolg ist nickt zu tinterkchätzen. Aber ber Antrag ber f omproui inparteien geht noch weiter; alle Befltm- uumge», die für bie Errichtung von Lohnomtern er- forberlich sind, werben oi-ch für die Fachausschnffe em» geführt. Die Kompromißparteien sind der Meinung, daß durch diese Fachausschüfie die Lohnfroge Bis zu einem gewissen Grade aeregelt und vorwärts gebracht werben kann. Wenn Sie, meine Herren Sozialbemo- krateii. bie Fachausschüsse als Null, betrachten, bann desavouieren Sie ia die ganze Tarifpolitik Ihrer Ge­werkschaften. iSeln- richtig.) W,r betrachten das Kompromiß als halben Erfolg. Reicheii die Fachausschüsse nicht ans zur Hebung der Lohne, nun, so Baben wir ja unfein ursprünglichen Standpunkt nicht aufgegeben. Auf dieser Grundlage werden wir bann viel leichter aufbauen unb zur Reckiisverbindlick,- feit bet Löhne kommen können. Wir machen hier den ersten Schritt zur Reaekung ber Lohnarbeit tn der Hausindustrie. (Beifall.) .

Ab§. Graf Garner lk.) erklärt namens ferner Par­tei, auf bem Bobeii beS Kompromisses zu stehen.

Abg. Everlin» (natl.): Es ist eine glatie Gefchichts- fälschinig, wenn bie Sozialdemokraten behaupten, daß die biirgerlichen Parteien für die Heimarbeiter nichts Übrig haben. Die Taktung der Sozialbeinakratie ist bie übliche. Sie will uns die Freride am Gefetz ver- berben! Ihre hämische Kritik übersteigt alles Er­trägliche. (Lärm ber Soz.) Trotzdem werden wir an dem Gesetz Weiterarbeiten, weil wir es gut mit ben. Heimarbeitern meinen. Naumann bat ssch ein Pbanta- siegebibe aufgebaut. Die bürgerlichen Parteien haben sich in glücklicher Verftändiaung auf die Fachausschüsse aeeinigt. Das sind Arbeitskammern für die Heim­arbeit Man wird also wertvolle Erfahrungen für das künftige Arbeitskammera-setz sammeln können. Wir verwahren uns doaegen. daß ein Sozialdemokrat wie Derr Göhre in solchen Tönen von der dir’ftlieben Barmherzigkeit spricht. Bringen wir das Gesetz zu- stände, das ist eine gute Weihnachtsgabe für die Hetm- arbci'er. (Beifall.) w

Alxi. Manz lVp.) toenTet ssch gegen bte ubertrte- benen Forderungen ber Sozialdemokratie und befür­wortet ben Kamvromistantrag. Man hat zw'schen mei­nen Fraktionskoveoen einen Gegensatz feststellen wollen. Warum soll ein solcher nicht einmal in einer Frage Vorkommen? Bei Ihnen (zum Zentrum) gibt es Leu­te, die nickt mehr kandidieren wallen, weil sie es nicht mehr aushalten können. (Heiterkeit.)

Abg. Dr. Kalb (Rp.) erklärt sich ebenfalls für den Komv ra mißa »trag. __

Aba. Behrens lmirtfck. Vag.l: Der Berliner Kon­fektionsstreik beweist, wie fruchtbringend die Lohn­ämter sein würden, aber gegenüber dem ui’anncfm.« bar der Regierung nehmen wir das Erreichbare, denn wir macken die berikake Politik der Sozmldemo- kraten. diese Alles-oder-NichtSpokitik, nickt mit, weil wir es aut mit den Hnusarbessern meinen. ,

ABg. Enders (fort. Vv.): Es gibt Heimmdnitrien, die jeder Tarifiervg direkt widerstreben; Fackausschmsse können auch manchmal nicht zirm Ziele führen, aber sie sind der ciiwae setzt oanaBare Weg. Die .So­zialdemokraten BaPen bie Heimarbeit für ein liebel, die sobald als möglick abaesckafft werden müsse. Wir halten die Heimarbeit für einen gefunden Erwerbs- zweio. dem man nock Kräften helfen muß.

Alm. Naumann (Vv.) betont, daß der freif. Antrag bezwecke, den Fachai-sicküflen auch Vollmachten zu ge­ben; ohne solche würden sie eine tote Organisation bleiben.

Staatssekretär Dr. Delbück spricht sich nochmals gegen die Anteöoe Albreckt unb Oeser aus.

Abg. Giesberts kZ.) legt nochmals ben Stand- punkt des Zentrums bar, das unter ben gegenwärtigen Verhältnissen erreicht bat. was zu erreichen In a r. Wenn die Fachausschüsse so gut wirken wie bte Arbeiterausscküsse, bann bedeuten sie einen, wesentlichen Fortschritt. Wir könnten ja au8 Wahlrückficktcn un­fern Kommissionsantrag wieder einbringen, fckon nm der gehässigen Art enPegemmwirken, mit der man fett einiger Zeit die Sozialpolitik des Zentrums berbädf- Ä Aber das luäre ein Treubruck gegemiber den tn Kompromissvarteien. Wir verzichten auf solcke DemrmitraPonsanträge kSehr richtig im Zentrums, die die Vokage nur zum Scheitern brinaen würden, und damit der mit aroßem Eifer einaeleiteten Heim- Otbeiterbeweaung einen schweren Schlag versetzten. (Lebh. Beifall.)

Der Kompromißantrag wird äuge­st o m nt en, ebenso die folgenden ohne erhebliche Debatte. Zu 8 26 wird em Kompromißantrag BebrenS mmen unter Ablehnung bezw. Zurückziehung

vorlieaenden AbändernnoSanfröge. Der Zeitpunkt daö Inkrafttreten der 3 unb Sa soll durch eine etliche Verordnung bestimmt werden, im übrigen das Gefetz mit dem 1. April nächsten Jahres in.

treten.

Damit ist die zweite Beratung erledigt.

: Angenommen wird noch eine Resolution der Kommission, in welcher der Reichskanzler aufgefordert tote, dahin zu wirken, daß bei Vergebung öffentlicher