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38. Jahrgang

Fulda, Mittwoch den 29. November 1911

Erstes Blatt

273

aJl England nnd Deutschland

tet. Zum Ueberfluß wird auch noch darauf hinge- wiesen, daß Rußland der Schützling Englands sei, — als ob die Potsdamer Begegnung gar keine

An alle Höflichkeitsphrasen gegenüber Deutsch-

druck wird aber ausgewogen durch den phari­säischen und schulmeisterhaften Ton, den gerade die Rede Sir Edward Grey gegenüber Deutschland angeschlagen hat.

Deutschland, so führte er au«, hab« bte größte Armee und sei im Begriff, seine Flott« noch weiter »u vergrößern; da« müffe andere Stationen sehr empfänglich machen für die Befürchtung, daß diese verstärkte Macht aggressive Pläne gegen fie hege. Natürlich macht Herr Grey den diplomattschen Zu­satz, daß er an diese aggressiven Pläne nicht glaube; aber er hält e« doch für .natürlich*, daß andere Nationen besorgt und emfindlich werden, und er­mahnt Deutschland zur Zurückhaltung. Da« ist ein starkes Stück! Deutschland hat vierzig Jahre lang durch seine friedlich« Haltung bewiesen, daß es nicht aggressiv ist. Auch in dem Marokkohandel war eS nicht der angreifend«, sondern erst der leidende und dann der sich verteidigende Teil. Eng- land verschenkte in dem französisch-englsschen Ge- heimvertrage Marokko, das ihm nicht gehörte, ohne auf die Rechte und Jntereffen Deutschlands irgendwelche Rücksicht zu nehmen. Frankreich gwg trotz Algeciras-Vertrag Schritt für Schritt m der Eroberung Marokkos weiter, ohne fich um dre dar- tigen Rechte und Jntereffen Deutschlands zu küm- mein. Als nun Deutschland Verhandlungen zu einem billigen und friedlichen Ausgleich in Gang brachte, da fuhr England chm in den Weg mit der brüsken Erklärung, die an Frankreich gestellten Forderungen feien unannehmbar und England werde zugunsten seiner Jntereffen eventuell ein- greisen. Und dieselbe Regierung, die vor wenigen Monaten noch eine solche aggressive Haltung ein. genommen hat, hält jetzt dem friedlichen und be« scheidenen Deutschland eine Moralpredigt! Eng­land hat die größte Seemacht, es rühmt fich der unbedingten Beherrschung deS Weltmeeres, es hat seine Machtstellung häufig und an den verschiedensten Stellen ausgenutzt, um den deutschen Wünschen und Bestrebungen entgegenzutreten: aber von London aus verkündet man der Well, nicht Großbritannien

Lächeln. Mt gewichtigem Ernst überdies hat Sir Edward Grey eine Rückkehr zur .glänzenden Verein- amung* für unheilvoll erklärt und betont, daß Eng­land gegebenenfalls seinen Freunden unbedingt wirk- ame Unterstützung zu leisten bereit sei. Er bestritt nur, daß geheime Abmachungen diese Unterstützung regeln, also daß rin Schutz- und Trutzbündni», eine Mllttärkonvention besteht.

treu werden dürften. Das muß (und soll wahr­scheinlich auch) den Verdacht wecken, daß Deutsch­land etwas feindliches gegen Frankreich oder Ruß­land im Schllde führe! Und wir leben doch tatsäch­lich mit Rußland in nachbarlicher Freundschaft und haben soeben unsere Beziehungen zu Frankreich we­sentlich aufgebeffert durch das Abkommen — trotz der Störung durch die englische Einmischung.

Bezeichnend tft ferner, daß die englische Regie­rung von einer weiteren Verstärkung der deut­schen Flotte spricht, obschon irgend eine amtliche Maßnahme oder auch nur Anregung in dieser Rich- tung nicht vocliegt. Darin zeigt sich das Streben, den Argwohn gegen Deutschland wach zu erhalten.

Mr wollen auch die günstigeren Symptome, die sich in den Verhandlungen entdecken lasten, nicht übergehen. Erstens die Tatsache, daß im Obcrhause Lord Courtnay und im Unterhause der neue Führer der unionist. Partei, Sonar Law, einen freund­licheren Ton, als die Minister, gegen Deutschland anschlugen und daß beide sogar die heraussordernde Bankettrcde des Schatzkanzlers Lloyd George mit kri­tischen Anmerkungen versahen. Zweitens die Erklä­rung Grey'S: .Wenn Deutschland freundliche Ver­einbarungen betreffs Afrikas mit anderen Ländern treffen will, gchen wir nicht darauf auS, chm irgend­wie in den Weg zu treten, ebensowenig wie Frank­reich.* Danach darf man annehmen, daß England kei­nen Einspruch erheben wÄ gegenüber einem Ankauf von Fernando Po und Spanisch-Guinea für Deutsch­land. ES wäre aber gut, wenn man in dieser Hin­sicht eine ganz bestimmte GLlärung abgeben wollte Dann wäre wenigstens ein Konfliktsfall, den die Presse soeben an die Wand gemalt hatte, be-

Ausland.

* Die Kommission bet fnmMch« Dchmsieck» kommet beriet gestern über den Berscht bett, bgl

angÄündigt.

o" München, 29. Nov. 1911. Eine Kund, gebung des Ministeriums deS Königlichen HauseS und des Aeußeren tadelt vas Hereinziehen des Prinzregenten in den Etrest der Rieinungen über die Landtagsauflösung, wie es in der Groß, blockp.effe Tag für Tag geschieht, und erwartet, daß eine besonnene Publizistik dem entgegenlreten werd«.

ReichStagswahlvorSereitttngen.

♦ Wiesbaden, 26. Nov. 1911. Die Zentrums« parier im Wahlkreise Wiesbaden-Rheingau hat in einer Vertrauensmännerverfammlung zu Eltville beschlossen, von der Ausstellung eines eigene« Kandidaten abzusehen und den konserva­tiven Kandchaten zu unterstützen. AlS solcher ist Generalmajor v. Kloede« in Aussicht genommen. Man hofft, daß es auf diese Weise gelingen wird den Wahlkreis der Sozialdemokratie zu entreißen.

» Landau (Pfalz), 28. Roe. 1911. Für den Wahlkreis Germersheim-Bergzabern wurde Steuer- obeflontroCaur Richter als Kandidat dcL Zen- trunti aufgestellt. Der bisherige Abg. Spindler hatte eine Wiederwahl abgelehnt.

-- Die deutsche Bereinigung, die im Jahre 1906 als AntizentrumS-Vereinigung iuS Leben gerufen wurde, erläßt einen Wahlaufruf, der sich aus­schließlich gegen die Sozialdemokratie richtet. In dem Ausrufe heißt eS:

Die Sozialdemokratie ist eine international« vaterlandslose Partei. Das hat ihr Verhalten bei bet jüngsten Marokkokrisis von neuem bewiesen. Während eine gewaltige Erregung durch die deutsche Nation ging, sannen die Häupter der Umsturzpartei auf Hoch­verrat und hetzten die Masten zum Generalstreik. Di« Sozialdemokratie erstrebt die Zerstörung unserer mo- warchilchen Staatsordnung, die Vernichtung der Reli- gion unb Familie und die Aushebung des Privat- eigen tu ms. Ihr tägliches Werkzeug ist eine maßlos« Verhetzung der breiten Masten unseres Volkes und di« Untergrabung jeglicher Autorität. Wer wollte daran zweifeln, daß die Sozialdemokratie, wenn sie in großer Stärke in den Reichstag einzieht, versuchen wird, uns« Rüstung, eine starke Wehrmacht zu Master und zu Lande, zu schwächen ober seine weitere Ausdehnung zu vereiteln? Eine Stärkung der Sozialdemokratie bedeutet zugleich eine Gefährdung unser« heutigen WirischaftS- politik, beren Grunblagen em« Ledensbedingung für unsere Industrie und Landwirtschaft, für unfere mittel- ständischen Gewerbekreise und nicht zuletzt auch für bi» Arbeiterschaft sind. .

Di« liberale .Köln. Ztg." bedauert, daß der Wahlaufruf sich auf die Kampfansage g gen btt Sozialdemokratie beschränkt. Eie meint, ..von der Deutschen Vereinigung sollte man nach ihrer Set. gangenbeit annehmen, daß ihr auch die ander« Gefahr nicht fremd geworden tet*. Der Kampf gegen die „andere Gefahr', d. h. gegen das Zentrum» ist der .Köln. Ztg." allerdings bte Hauptsache.

großen und ganzen freilich bleibt es> beim alten b b auf bet einen Seite bei dem höchstge- spannten Selbstbewnßtseln und der eiferet gegen­über Deutschland, auf bet anderen S«M bei 6er Verstimmung wegen der bisherigen Quertretbe- mien und dem Mißtrauen gegchi die wertere Enffaltimg des britischen Egoismus.

Die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens kann sich nach wie vor nur stützen auf die Tatsache, daß England un6 seine Schutzstaaten auch in der Krisis dieses Sommer? das Losschlagen nicht ge­wagt haben.

Die Tatsache an sich, daß England im Sommer fich rüstete, Frankreich tn einem Kriege mit Deutsch­land mit 150 000 Mann auf dem Festlande zu Hilfe zu kommen, ist eher bestätigt al» widerlegt worden. Grey hat zwar den Kapitän Fab« mit einem Lächeln beiseite gqchoben. Ab« e» war ein etwas »erlegene»

sei aggressiv, es sei vielmehr .natürlich', wenn Deutschland al» aggressiv gefürchtet werde.

Dieser Absatz ber Grey'schen Rede weist auf den Kernpunkt unb die Wurzel der politischen Span- nung hin. In England redet man freilich von .Gleichberechtigung' gelegentlich sehr schön, aber es ist dem englischen Selbstbewußisein anscheinend un­möglich, die anderen Nationen mit demselben Maß- stad zu meffen, den man für die eigene Würde und die englischen Interessen gebraucht. Am wenigsten gönnt man Deutschland die Gleichberechtigung, weil es der stärkste Wettbewerber auf dem roirt- schaftlichen Gebiete ist und zugleich daS schwerste politische Gegengewicht bilb-t.

Auch die .befreundeten* Staaten Frankreich und Rußland genießen nicht die Gleichberechti­gung in den Augen d« Engländer, sondern sie wer­den vielmehr als Mündel, als Schutzstaaten behandelt. Die Vormundschaft üb« Frank­reich ist ja in diesem Somm« tatsächlich vor aller Oesfemlichkeit ausgeübt worben. In den neuesten Reden wird das als ganz normal und richtig betrach-

In diplomatischen und parlamentarischen Krei­sen würdigt man, wie t>« .Frankfurt« Zeitung* aus Berlin gemeldet wird, die allem Anschein nach steundliche Tendenz d« Rede Greys, hat ab« doch im allgemeinen den Eindruck, daß trotz manch« freundlichen Wendungen und Zukunftsbilder eine wesentliche Aenderung der bisherigen Richt­linien ber englischen Politik zunächst nicht zu CT­warten ist. .Das, was Kiderlen über bie Vorgänge des Sommers mitgeteili hat, haben Greys Ausfüh­rungen tn allen Hauptpunkten bestätigt, unb deshalb bleibt auch von der bitt«en Empfindung etwas übrig, daß die englische Politik in diesem Sommer auf Grund eines unberechtigten Mißtrauens ftanzösischer als die Franzosen die Dinge in ein« nicht ungefähr­lichen Weise zugespitzt hat. Es fällt auch auf, daß der englische Minister über die Enthüllun­gen des Herrn Faber, die doch tatsächliche Mittei­lungen waren, leicht hinweggeglitten ist. Dah« wird fich erst au» eventuellen späteren Handlungen erken­nen lassen, welchen Wert die im Allgemeinen fttunb- lichen unb friedlichen Worte Greys habm.*

Auch in ber deutschen Prvsse hört man überall die Feststellung: Es bleibt alles beim Alten. Einige Blätter weisen auf Widersprüche zwi­schen der deutschen und der britischen Darstellung hin. Herr v. Kiderlen hatte gesagt, zwischen dem 1. Juli, dem Tage, an dem die Entsendung des „Panther* nach Agadir ber englischen Regierung mitgeteilt würbe, und dem 21. Juli, dem Tage bei Unterte­ilung des deutschen Botschafters Grafen Wolff Met­ternich mit dem M in ist« Grey und ber bekannten Rebe bes englischen Schatzkanzlers Lloyb George sei eine Anftage von englisch« Seite nicht erfolgt. Da­gegen hm ber Mimst« Grey erklärt, er habe am 3. unb 4. Juli Anfragen an ben deutschen Botschaft« gerichtet, und am 12. Juli habe ber englische Botschaf­ter in Berlin mit Herrn von Kiderlen-Wächter üb« einige minb« wichtige Fragen verhanbelt und wted« auf die Marokko-Frage hingewiesen. Von deutsch« Seile feien Mitteilungen darauf vor dem 21. Juli nicht erfolgt. Es besteht in dies« Beziehung zwei­fellos auf deutsch«, wie auf englischer Seite eine verschiedene Bewertung dies« englischen Anfragen. Vermutlich hat man ihnen in Berlin nicht das Ge­wicht betgelegt das man ihnen in London beimißt. Der deutsche -S|rdsfefteilär legt den Schwerpunkt auf bie Unterlassung der Anfrage, ber britische auf die Unterlassung ber Auskunft. Eine Aufklärung über ben Gegensatz wirb vermutlich ehestens «folgen.

Wenn man die englischen Pressestimmen zur Rebe des Minist«s Grey mustert, gewinnt man unwillkürlich den Eindruck, als ob England ftoh ist, daß die Sache so glimpflich abgelaufen ist. Die libe­ralen Blätter äußern sich recht scharf gegen die libe­rale Regierung: So schreibt „Daily News*: „Die Greysche Darstellung ber Juli-Ereignisse beweist, daß wir bereit waren, einen europäischen Krieg zu ris­kieren, um Deutschland von einem Hafen in Marokko fernzuhatten. Wenn Rußland Unrecht tut unb unsere Abmachungen in Persien verletzt, so mittigen wir ein und helfen dazu; wenn Deutschland etwas tut, was uns Vorteile bringt, nämlich kommerzielle Frei­heiten erringen will, so schließen wir uns feinem Gegner an. Zwingt uns eine Allianz mit Rußland und Frankreich, dies zu tun? Im Gegensatz zu d« liberalen Presse stellt die englische konservative Presse einstimmig ben guten Willen Englands fest und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß Deutschland ihn anerkennen werde. Die Times und die Daily Mau fingen dem Minister Grey das wärmste Loblied.

'Die französische Presse ist durchgehend zufrieden mit ben Ausführungen des Ministers Grey man rückt besonders die stack Betonung d« Freundschaft für Frankreich in ben Vordergrunb. „Libre Parole" schreibt: „Bei b« Lektüre tiefer Rede können bie Franzosen sehen, wie England uns : liebt. England liebt uns mehr denn je, aber es siebt ' uns aus Oppofition gegen Kais« Wilhelm."

diesen Gegenstand geschlossen.

Die Debatte im englsschen Oberhause ist für uns chichi erfreu icher als die im Unterhause. Nur Lord Lourtney versuchte dort der deutschen Ausfuffung ge« recht zu werden, im übrigen hat weder die gestrige noch die vorgestrige Verhandlung die erwartete große Er- Läuterung der deutsch englischen Beziehungen ge- bracht. Tie Sage «scheint wenig« geklärt, und die zukünstigen Beziehungen zwischen England, Frankreich und Deutschland sind ebenso delikat und ernst wie zuvor. Erne Verschärfung der bestehenden Spannung zwischen England und Deutschland braucht man freilich nicht in Aussicht,zu 'nehmen; aber auch zur Annäherung an Deutsch- ffanb ist noch kein Schritt geschehen.

. An allgemeinen Redewendungen über den Frieden und die Ausbesserung der Beziehungen 'zu Deutschland fehlt es in all den Reden und be- sonders in der Rede Grey's nicht. Der Ein

Deutsches Reich.

*♦ Berlin, 28. Nov. 1911. Der LandtagSabg. Fabrikdireklor Gerschel (Fortschr. Volkspartei) ist heute hi« gestorben. — Einen Vortrag über dre Bagdadbahn wird der Direktor der Deutschen Bank, v. Gwinner, auf Wunsch des Kaisers bald nach dessen Rückkehr, etwa in der zweiten Dezember­woche, halten. Der Vortrag soll im Herrenhause stattfinden.

Im Reichstage merkt man, daß es dem Ende zugeht. Es wird flotte Arbeit gemacht. Zu- nächst «ledigte man gestern das Schiffahrtsab­gabengesetz in zweiter Beratung, indem man die neulich zurückgestellten Artikel beriet. Darauf wandte man sich der Weiterberatung deS HanS- arbeitsgefetzeS zu. Wieder übnboten fich bie Sozialdemokraten in Forderungen für die Heim­arbeiter, die weniger vom Jntereffenstandpunkt der Hausarbeit«, als vom Standpunkt d« Wahl- agitation eingegeben waren und die daher von den Mehrheitsparteien auch wied«holt als Wahltaktische Manöver charaktertfiert wurden. Teilweise waren diese Anträge derart, daß ihre Verwirklichung die Heimarbeiter selbst mit Bangen und Grausen hätten erfüllen müssen. Natürlich wurden die sozialdemo­kratischen Anlräae sämtlich abgelehntt In vorge­rückt« Stunde wandte man sich der Seele der Vor- läge zu, d« Frage von Lohnämtern. Bekanntlich hat das Zemrum solche in der Kommission bean- tragt. Dadurch, daß ein sozialdemokratisches Mtt- qliev fehlte, fiel d« Zentrumsantrag. B« der ab- lehnenden Haltung der Regierung und bei der

Situation im Plenum war an ein« Durchdringung der Lohnämter nicht zu denken und daher wurde ein Kompromißantrag Behren» (wirtsch. Vereinig.) eingebracht. Dieser Antrag verzichtet auf die Lohn­ämter und die rechtsverbindliche Kraft der Lohn­festsetzung, dagegen führt « Fachausschüsse ein, welch« die übrigen Arbeiten de» Lohnamtts «füllen sollen. Den Freisinnigen geht bet Antrag noch nicht weit genug, sie haben bah« einen weitergehenben Antrag gestellt. Die Sozialdemokraten sind erst recht nicht mit dem Kompromiß einverstanden und haben die Freisinnigen noch fib«tiumpft Dieser Situation gegenüb« schuf Staatssekretär Dr. Delbrück Klarheit durch die Erklärung, daß die Lohnämter für die Regierung unannehmbar seien, daß sie dem Kom­promiß aber al8 einen erfreulichen Fortschritt zu« stimmen könnte.

c. Die RechmmgSkommission deS Reichstags erle­digte am Dienstag einige Rechnun g s suchen, darunter eine Uederficht der Einnahmen und Aus­gaben d« afrikanischen Schutzgebiete, des Schutz­gebietes Neu Guinea, der Verwaltung der Karolinen, Palau, Marianen und Äiarfchallinsetn sowie des Schutzgebiets Samoa für das Rechnungsjahr 1908. Dabei wurde aus der Kommission beanstandet, daß em zu häufiger Wechsel der Kolonialbeamten statt- fände; auch seien die Erholungsreisen dieser Beamten zu ausgedehnt. Anstelle der weiten Reisen in die Heimat sollten bie Beamten lieber Erholungsstätten in ber Nähe aufsuchen, und bie für die Reisen der Kolonialbeamten aufgemenbeten Gelder könnten besser zur Errichtung solch« Erholungsstätten ver­wandt werden.

(♦) Die neue Arzneitaxe. Wie bereits berichtet, hat b« Ausschuß des Reichsgesundheitsrates am 10. unb 11. Nov. tie neue Reichsarzneitaxe vorberaten. DaS Ergebnis sein« Beratungen untnALegt jetzt dem Beschlüsse des Bundesrates. Wie disi Deutsche Tagetzztg. «fährt, dürste die Reichsarznet- tage für 1912 größere Veränderungen nicht bringen, sowest solche nicht durch die neuen Marktpreise für Arzneimittel bedingt sind.

* Karlsruhe, 28. Nov. 1911. Die. badisch« Ständeversammlung wurde heute vom Großherzog mit ein« Thronrede eröffnet, die der von der Regierung getroffemh Maßnahmen zur Linderung d« Folgen d« Dürre gedenkt unb sich bann ber Fi­nanzlage zuwendet. „Trotz tunlichster Beschränkun­gen b« Anforderungen ist e» nicht gelungen, da» Gleichgewicht tn Einnahmen unb Ausgaben Im Staatsvoranschlag herzustellen. Es wird deshalb Einführung b« Staatslotterie und Erhebung eine» Zuschlags zur Reichserbschaftssteuer vorgeschlagen. Unter den Gesetzesvorlagm b« Regierung steht an erst« Stelle ein Gesetzentwurf, d« bie Wahlkreis« für bie fünf größten Städte des Landes abgrenzt. In Verbindung damit soll die Zahl d« Abgeordneten der Zweiten Sammer auf 74 «höht unb der weiter« Stbgeorbnetc b« Stadt Mannheim zuerteilt werden. Auf dem Gebiete b« Unterrichts Verwaltung wirb eine durchgreifende Reform d« Fortbildungsschule

Das englische Unterhaus hat bi. Fortsetzung ber Debatte über bie Beziehungen zu Deutschland ver­tagt, unb bie Regierung hat dabei in Aussicht ge­stellt, gelegentlich den Tag zu bestimmen, wo bie Verhandlung wieder ausgenommen wird. Möglich, daß dazu ein Bedürfnis über aupt nicht eintritt. Was vom englischen Standpunkt zur Sache zu sagen war, ist ja gesagt worden. Indessen hat sich gestern auch noch das Oberhaus mit den deutsch- englnchen Benebnnaen beWähigt:

□ London, 28. Nov. 1911. Im Ob erhaufe lenkte Lord (Sour inet) die Aufmerksamkeit auf bte Vertändlungen zwischen Frankreich und Deutschlano und das Verbalten der britischen Regierung bei diesen Verhandlungen. „Die Debatte im Unterhause am gest­rigen Tage halte das Interesse an dieser Frage ziem­lich vermindert unb es hatte sich daher nur eine kleine Versammlung von Peers eingefunden. Lord Courtney berührte die allmähliche Besserung der Beziehungen Englands zu Frankreich nnd Rußland und fragte, warum das. Was im Falle dieser beiden Län- der geschehen sei, nicht auch im Falle Deutschlands geschehen könne und warum nicht ein dem englisch- französischen Abkommen ähnlicher Vertrag mtt Deutsch- land abgeschlossen werden könne. Wenn man die A b gccirasakte sich ständig vor Augen gehalten hatte, würden wir fast alle unsere Schwierigkeiten vermieden haben. Wir würden vieles erspart haben, wenn wir Frankreich auseinandergesetzt hatten, daß. Wenn Frank­reich die Unabhängigkeit Marokkos verletzen wurde, zu deren Sicherung die Algectrasakte entworfen worden War, es außer unserer Macht sein würde, eine Be­schwerde zurückzuweisen. Aber wir taten nichts.« Wir Ivachten nicht eher auf, als bis der „P a n l h e r ent» «nndt wurde. Redner bezweifelt, ob Englands Interessen tatsächlich in die Frage verwickelt seien und fuhr fort: Unsere Pflicht War es, darauf zu bestehen, daß bet utten Verändeungen, die vielleicht Platz griffen, die Handelsangelegenheiten für alle Lander bie gleichen sein sollten. Aber alles, was wir taten, bestand darin, Frankreich zu unterstützenunb alles durch französische Gläser zu betrachten. Courtney bedauerte, daß Deutschland keine klare Darlegung seiner Absichten gegeben habe, als der „Panther" ent- sand: wurde. Lloyd Georges Rede sei ein s ch r t U ler Mißklang gewesen und in keiner Wesse Wür­dig. Glücklicherweise seien die Schwierigkeiten nun überwunden, aber es scheine, als ob Grey nicht im» stände sei zu glauben, daß es möglich sei, mit Deutsch- land ein Verhältnis herzlicher Freundschaft, gekenn- zeichnet durch wechselseitiges Wohlwollen, zu schaffen. Wie es mit Frankreich hergestellt worben sei. — Vis- count os Morley, oft unverständlich, drückte fein tiefes Bedauern aus über Lord Courtneys Angriffe auf Grey unb bestritt, baß das englisch-fraznösifche Ab- kommen von 1904 deutsch-feindlich fei. Es sei lächerlich zu sagen, daß die Urheber der Entente von 1904 an irgendwelche Feindseligkeiten gegenüber Deusschland gedacht hatten. Ich bin gewiß, daß Lord Courtney der in so verurteilender Kritik über die Entente sich ausgesprochen hat, nicht wünscht, daß Wir das Abkom­men kündigen. Der ganze Kern des Abkommens be­stand darin, daß England freie Hand in Aegypten und Frankreich in Marokko haben sollte. Wir hat- ten unseren Anteil an dem Nutzen dieser Transaktion. Es würde unerträglich sein, daß Wir nachdem Wir An- teil genommen hat:en, uns in irgend einer Wesse wei­gern sollten, Frankreich ebenfalls seinen vollen Anteil zu geben. In allen diesen internationalen Verpflich­tungen gibt es gewiß solch ein Ding, wie die Ehre; das hindert uns nicht im geringsten, den Vertrag aus­zudehnen. Nachdem Morley auf die Tatsache der ge- Wattigen Fortschritte der deutschen Flotte Bedeutung habe. Während der letzten zehn Jahre hingewiesen hatte. An affe Höflichkeitsphrasen gegenüber Deutsch- erklärte er: Wir können unsere Augen dagegen nicht {ani) Hüpfen die englischen Staatsmänner die fflau» verschließen wegen der Steuern, welche wir dasur . ( ‘ 0[ten Freundschaften nicht un­begabten. Es liegt aber nicht tn der stnfenweiie Er- lup . .. --- i-. i. r - r r

Weiterung von Deutschlands Macht zur See, was das Allgemeiuempfinden herzlicher Freundschaft, das Lord Courtney Wünscht, beeinträchtigen möchte. Diejenigen haben nicht unrecht, welche dabei beharren, daß Deutschlands Leistungsfähigkeit, bte Reinheit unb Energie feiner Bildung, seine glan- Sbett Anstrengungen unb großen Erfolge in allen

eigen der Wissenschaft, sein Ruhm in Kunst unb Literatur, seine Stärke des Charakters, daß feine nationalen Ideale den höchsten P l atz unter den größten Idealen einnehmen, bte jetzt die Welt beseelen. Lassen Sie uns dies alles nicht vergessen. Der deutsche Ehrgeiz ist ein vollständig VerständIicher und sogar erhabener Eh r- n e i z. Wer kann sich daher wundern, daß em Staats- Wesen, das so enorme Fortschritte auf jedem Gebiete gemacht hat, den Wunsch hegt, Gebiete zu finden, da. mit sich seine überschüssige Bevölkerung eine Existenz gründen kann, ohne ihre Nationalität oder ihre Ideale zu verlieren? Es ist Raum für Deutschland unter der Sonne. — Darauf ergriff Lord LanSdotone das Wort und erklärte die Rede Sir E. Greys fei eine der bemerkenswertesten, die je von einem Staats­sekretär der Auswärtigen Angelegenheiten gehalten Worben sei. Die Rede Courtneys Werbe schwerlich dielen Mitgliedern des Hauses gefallen. Er vertei­digte das englisch-französische Abkommen, das furetne lange Zeit die auswärtigen Angelegenheiten Groß­britanniens beeinflussen Werbe. Lord Lausdoivne schloß: Ich glaube, die Hauptströmung ber öffentlichen Meinung in Großbritannien unb Deutschland ist stark iu Gunsten freundlicher Beziehungen zivi» scheu beiden Ländern, für den Abschluß einer Verständigung bezüglich aller Fragen, welche noch un­gelöst bleiben unb für bie lleberzeugung, baß bas größte Jntereffe beiber Mächte bie Erhaltung b e S internationalen Friebens ist (Beifall). — Rach Weiterer Debatte wurde die Verhandlung über