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272.
Erstes Blatt.
Fulda, Dienstag den 28. November 1)11.
38. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 27. November 1911.
Tos Haus berät die Eisenbahnvorlage von Ost- afrikn. — Die Borlage wist die durch den Etat für Ostascika bereits bewilligten Mittel auch zum Umbau der überlasteten Strerle Tanga—Momdo und zur Fortführung der Bahn Morogoro— Tabora nach dem Tanga- nilasce zu benutzen, letzieres in Hinsicht darauf, daß durch eine Unterbrechung der Arbeit eine Einbuße von anderthalb Millionen erfolgen würde
Stellv. Kolonialtlaalsselrelär Dr. Solf führt zur Begründung der Vorlage aus, daß ihre Forderung die Ausführung des vom Reichstag im Jahre 1908 fest- gelegten Vauprogramms bedeute.
Abg.Erzberger (Ztr.): Die Vorlage ist in Wirklich- «eit ein verschleierter Nachtragsetat. Eie bedarf daher einer gründlichen Prüfung' und wir beantragen Verweisung an die Budgetkominiiüon. Eine Prüfung ist umsomehr geboten, als der finanzielle Effekt der Vorlage 52 Millionen Mark beträgt. Zur Frage des Bahnbnues selbst erilärt der Redner, daß die Fortsetzung des Baues bis zum See durch militärische und politische Gründe gerechtfertigt wird. Wie steht es aber mit der Verzinsung? Wo ist hier der Grundsatz >es Schatzfekretärs: .Keine Ausgabe ohne Deckung!"? Der Redner kritisiert die bezüglichen Angaben der Denkschrift, insbesondere über die zu erwarlenden Ersparnisse und Uederfchüffe, und kündigt für die Kom- milsiou zur Erwäzuug an, ob die Hültensieuer nicht in der Kolonie durchweg erhöht dezw. eingesührt werden könne. Bei den Eisenbahntarisen muß den allgemeinen Wünschen der Ostafrikaner nach Möglichkeit entgegen« gekommen werden, nicht nur einigen großen Gefell- schasle.!. Der Redner erklärt zum Schluß noch einmal die allgemein freundliche Stellung des Zentrums zum Weiterbau der Bahn, vor allem auch aus tvirtschaitlichen Giünden; aber die finanziellen Auskünfte müssen gegeben werden.
Reichsschatzfekrelär Wermuth gibt zu, daß dir Vorlage eine Art Nachtragselai ul.
Slillv. Kolonial -Staalsiekretär Dr. Solf sagt gegenüber dem Abg. Erzberger, er werde in der Kommission den Nachweis erbringen, daß die Kolonie im Kaufe der Zeit die Stoffen des Baues selbst bestreiten würden.
Abg. Dr. Wagner (lons.) l,ä;t die Vorlage für rentabel; seine Freunoe würden ihr zustimmen.
Abg. Noske >Soz.) erklärt sich gegen die Vorlage und biingt Klagen über die Behandlung von Arbeitern bei Eifenbahnbaulen in Kamerun vor. In Kamerun sollen bei einem Bahnbau 20 Prozent der Arbeiter ge- ftorben fein. Die schwarzen Arbeiter roerben ro.e die Auiide behandelt, nicht mit Namen angeredet, sondern find nur Nummern. An einer Plombe tragen sie um den Htls eine Hundemarle. (Der Redner legt eine solche Marke auf den Tisch des Han es.) Wir weiden es uns gründlich überlegen, der Regierung weitere Mittel zur Jöerfügung zu stellen, solange eine solche Schondwirtschast in den Kolonien möglich ist.
Abg. Eickhoff (Bolksp.k polemisiert gegen Erzberger und verlangt die Fortführung der Bah .
Sleilv. Kolonial-StaatSfelretär Dr. Sols bittet Herrn Noske sein Material der Regierung zur Piüsung zu übergeben.
Avg. Arning (Mil.) tritt für die Vorlage ein. Von einem verschleierten Nachtragsetat könne nicht die Rede fein.
N ichdem der Abg. Siebert (Reformp.) noch die Borkige befürwoitet hat, polemi >ert Abg. Erzberger (Ztr. ' gegen Dr. Arning. Selbst Reichsfchatzfeiretär Wermu'.h habe zugestandeii, daß es sich um einen verschleierten Slachtragsetat handle.
D irauf schließt die Debatte und die Vorlage wirb an die Budgetlommrssioü verwiesen.
ES folgt die Fortsetzung der zweiten Betalung über das HarrsarbeitSgeletz.
Avg. Kolbe (dtp.) hätte eine präzisere Definition des Begriffes Heimarbeiter gewünscht.
Abg. Schmidt (So.).’: Die Heimarbeiter sind in ihren Erwartungen getäuscht worden. Die von den bürgerlichen Parteien in der Kommission gestellten Äb- Änbetungsanträge bedeuten keine Verbesserung.
Abg. Dr. Fleischer (Zlr.k: Mein Vorredner hat seine Aussührungeu mit Rücksicht aus die kommenden Wahlen gemach!. Der zweite HeimarbEterlongreß hat ausdrücklich die Verbesserungen der Kommission an« erkannt. Redner zählt dann hie von der Kommission vorgenolinnenen Verbesserungen im einzelnen auf. Sie (iu den Sozialdemokraten) fällten sich doch etwas mehr Zurückhaltung auferlegen. Sie wissen wohl, wäre die Kommission voll besetzt gewesen, der Antrag des Zen- trums auf Errichtung von Lohnämtern wäre angenommen ivorden. (Bekanntlich ist der Antrag des Zentrums in der Kommission dadurch zu Fall getommen, daß ein sozialdemokratiiches Mitglied fehlte. Die Red.) Des weiteren haben wir in einer Resolution den Reichskanzler ersucht, dahinzuwirlen, daß bet Vergebung von öffentlichen Arbeiten m erster Linie Berufsorganisationen und Organisationen von Hausarbe tein berücksichtigt werden. Daß in der Lohnfrage nicht alles erreicht ist, was wir wollten, bedauern wir. (Beifall)
Abg. Naumaiin (Bp.) meint, daß die Lohnämter wohl erhältlich wären, wenn der Reichstag zusammen- halle.
ä^.j) weiterer Diskussion, in der auch Abg. BehrenS (wirtfch. Vgg.) die Behauptungen des Abg. Schmidt zurückweist, werden bie*§§ 1 und 2 der Vorlage an« genommen.
Dienstag: Fortsetzung und Schiffahrtsabgabengefetz.
K Die Riiltberusttng des Kreuzers von Agadir.
Unmittelbar vor der hochpolitisch.n Rede, die Minister Grey angesagt hatte, ist von der deutschen Regierung eine Maßnahme getroffen worden, die zwar sachlich keine große Tragweite hat, aber doch als Zeichen der friedlichen und freundlichen Gesinnung von moralischer Bedeutung ist.
Die Freundlichkeit richtet sich an die fran- »ö s i s ch e Adresse. In Paris war neuerdings der lebhafte Wunsch ausgesprochen worden, daß nach Absch uß deS Marokko-Abkommens die Abberufung des deutschen Kreuzers von Agadir erfolgen möchte, ohne daß erst auf die Unterzeichnung der Verträge gewartet würde. Es lag darin eine gewisse Zudringlichkeit, die dem nicht übermäßig bescheidenen PolkScharakter entsprach. Von Rechts wegen hätte der bestehende Zustand vor Agadir erhalten bleiben sollen, bis das Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich vollständig fertig und rechtskräftig tzetvorden.
Die deutsche Regierung hat nun aber den westlichen Nachbarn einen Gefallen getan, indem sie schon jetzt, während die Genehmigung des Abkommens durch das französische Parlament noch aussteht, den Kreuzer „Berlin" und sein Hilfsschiff »Eber" den Befehl zur Heimreise hat zugehen lassen. Halbamtlich wird folgendes bekannt gegeben:
S. M. S. »Berlin" wird, nachdem in Agadir alles ruhig und keine Gefahr für Leben und Eigentum von Deutschen mehr vorhanden, Dienstag Über Casablanca und Tanger die Heimreise antreten. S. M. S. »Eber" wird die „Berlin" nach Casablanca und Tanger begleiten und sich bann wieder auf die westafrikanische Station begeben.
Das Recht Deutschlands wird für alle Fälle ausrecht erhalten, bis das neue Abkommen in Kraft tritt. Das besagt der Nebensatz: „nachdem in Agadir alles ruhig und keine Gefahr für Leben und Eigentum mehr vorhanden ist . . Mit anderen Worten: Wenn in Agadir noch Unruhe und Gefahren für die deutschen Interessen sorlbeständen, so würde Deutschland die Vorkehrung zum selbständigen Schutze der deutschen Interessen noch ausrechterhalten, da dieses Reckt des Selbstschutzes erst nach dem Inkrafttreten des Abkommens zugunsten Frankreichs erlöschen wird.
Die Rechtsverwahrung ist deutlich, aber sie ist so gefaßt, daß nichts verletzendes für Frankreich ober einer anderen Macht darin gefunden roerben kann. Eine praktische Bedeutung hat sie nur für den Fall, daß das französische Par ament die Genehmigung des Abkommens verweigern sollte. Tann würde Deutschland nach wie vor das Recht in Anspruch nehmen, überall da, wo deutsche Personen oder Interessen in Marokko gefährdet sind, mit eigenen Machtmitteln einzngreisen. Tas scheitern des Abkommens ist aber kaum noch zu besürchten. Vermutlich wird die vorzeitige Rückberusung des deutschen Schiffes die französifche Kammer geneigt machen zur baldigen Genehnugung der Verträge.
In Deutschland selbst erheben sich bekanntlich immer noch einige Stimmen, welche die Ziveckuiäßig- keit der „Geste von Agadir" bezweifeln wollen. Wir halten dieses Rückzugsgefecht der Opposition für verfehlt. Alle tendenziösen Wenn und Aber können nicht auskotmuen, daß der » ymbolische Akt", als den man die Entsendung des Kreuzers nach Agadir bezeichnet hat, seinenZweck erreicht hat, und zwar ohne Störung des europäische» Friedens. Frank- rcich wurde endlich zu ernsten Verhandlungen bewogen, und das Bedürfnis nach einem Ausgleich war in Frankreich fo lebhaft erweckt worden, daß sogar die englische Quertreiberei den Abschluß nicht verhindert hat. Was hat cs nun für einen Weik, wenn mau in der grauen Theorie der bewahrten Maßnahmen der Regierung andere, angeblich bessere Mittel und Wege gegennbcrstellt? Dabei ist noch kein Vorschlag zutage gekommen, der wirklich als zweckmäßiger und zugleich ungefährlicher erachtet werben könnte. Die von Herr» Bassermami beiüt« wortete Mobilisierung zweier Armeekorps wäre offenbar ein grober und verhängnisvoller Mißgriff gewesen.
Tas vorliegende Abkommen läßt ja freilich manches zu wünschen übrig. Die Ursachen der Mängel sind genügend erörtert worden Es lag hauptsächlich au den vorhergcganzenen Schwächen der Bülow'sch en Au-landspolitik und au der Rückenstärkung, die England den Frauzoscu zuteil werden ließ. Letztere wäre auch erfolgt, wenn wir statt der Fahrt nach Agadir eine andere „Geste" gemacht hätten. So dürfen wir auf die Entsendung des Kreuzers mit Genugtuung zurückblicketi. Es war eine eindrucksvolle, wirksame Einleitung einer aktiven Wellpolt >k Deutschlands. Wen» fie nebenbei die Eiterbeule, die an den Beziehungen zwischen Teulschlan') und England sich bildete, aus gestochen hat, so ist das kein Schaden, fon- bet tt hoffentlich Die Berank« fuug zur Gepiudung dieses kranken Stückes der hochpolitficheii Lage.
venisches Uerch.
** Berlin, 27. Rod. 1911. Der Kaiser ist um 5 Uhr nachmittags an der Haltestelle Jelka Allee bei Moschen eingetrofseir und hat sich nach beut Schloß begeben. — Dec Reichskanzler wird in den nächsten Tagen eine Abordnung der A l t p e n s i o n ä r e empfangen, um sich ihre Wünsche vortragen zu lassen.
+ Ein Termin sür die Auflösung des Reichstag» ist, entgegen anders lautenden Meldungen, von der Regierung noch nicht festgesetzt worden. Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, will die Siegte« ruitg den Schein vermeiden, als ob sie auf die Schlußarbeiten des Reichstags irgendwelchen Druck ausüben wolle.
+ Der Arbtilkpl«» de? Reichstags. Der Reichstag hat, rote wir von gut unterrichteter Seite erfahren, seinen Arbeitsplan sür den Rest der Tagung dahin getroffen, daß die Marokkoabkommen und der von der Budgetkommiffion angenommene Antrag des Zentrums detr. Abä berung des Schutzgebietsgesetzes erst zu Ende der Session, das in Abgeordnetenkreisen etwa Mitte nächster Woche erwartet wird, im Plenum zur Verhandlung kommen. Im Lause dieser Woche sollen das Schiffahrts- abgabengeseh, das Hilfskaffengesetz soro-'e die Privat- beamlenverstcherung in zweiter Lesung erledigt werden. Die Debatten über die Marokkoabkommen werden voraussichtlich mehrere Tage in Anspruch nehmen, da sowohl die Beziehungen zu England wie die Abkommen selbst Gegenstand der Verhandlungen bilden werden. Mit den dann noch ausstehenden dritten Lesungen hofft man in kürzester Zeit fertig zu werden.
q. 3m Befinden M Abg. Dr. Schiidlrr, des zweiten Borsitzenden der ZentrumSsraktion des Reichstags, daS in letzter Zeit zu wünschen übrig ließ, ist eine so erfreuliche Besserung eingetreter. Herr Dr. Schädler ist am Montag in Berlin eingetroffen, um wieder an den Reichstagsverhandlungen teilzunehmey
♦ Straßburg, 27. Nov. 1911. Dem Vernehmen nach ist zur Eröffnung deS neuen Landtags der 6. Dezember in Aussicht genommen. Die Eröffnung erfolgt im Kaiserpalast.
Ausland.
* Prinz Heinrich von Preußen ist Samstag in Budapest als Iagdgast des Erzherzogs Joseph ein- getroffen.
** Krawalle in Lissabon. Aus Anlaß der Ausweisung zweier chinesilcker Kurpfuscherinnen, denen die Polizei das Handwerk gelegt hatte, kam es gestern in Lissabon zu einer'Protestkundgebung der Menge. Militär mußte einschreiten, wobei einige Personen getötet beim, verwundet und mehrere verhaftet wurden. Die Manifestanten drangen in das Hospital Sao Jose ein, um die Aerzte zu hindern, die Verwundeten zu pflegen. Das Hospital konnte nur mit Gewalt geräumt werden. Truppen bewachen das Palais des Präsidenten der Republik und die Bureaus einiger Zeitungen auf dem Platz Dom Pedro. Auf diesem Platz explodierte eine B omve und verwundete mehrere Personen. Die Unruhen dauern noch an. An der Filiale der Zeitung ,Sccula' wurden sämtliche Fenster ein« geworfen, ohne daß die Kavallerie es verhindern konnten. Aiif dem gleichen Platze explodierte eine Haudbombe, die jedoch nur Materialschaden an« richtete. Amtlich werden fünf schwere und 47 leichter Verwundete angegeben. Auch einige Personen wurden gelötet. Gegen 100 Verhaftungen wurden Dorgeuommen.
** Der Friede zwischen den Risskabyleu und Spanien ist am Ufer des Keriflnsses unterzeichnet worden. Die beiderseitigen (Seiangenen werden freigegeben. E u Teil des spanischen Besatznn gsheeres wurde in die Heimat befördert.
xftos MW» Staiien M ta AM
Der italienische Vorstoß vom Sonntag, von dem gestern noch kurz gemeldet werden konnte, hat den Italienern nach den Angaben der Agenzia Stefani dm Erfolg gebracht, daß die türkischen Truppen aus ben Stellungen geworfen wurden, die sie dem Gegner Ende Oktober abgenommen hatten. Das Erdwerk von Sidi Mesri und ein befestigtes HaM bei Henni wurden erstürmt. Sie liegen südöstlich und östlich der Stadt. Man wird die Bedeutung des Erfolges darin zu suchen haben, daß die Stimmung und Haltung der italienischen Truppen neue Antriebe erhalten. Die vergangenen Wochen hatten den Italiener» große Beschwerden ohne irgendwelche größere sichtbare Erfolge gedacht. Die kleinen Teilanarifse der Araber liehen die Leute nicht zur Ruhe kommen, und dazu tret das schlechte Wetter. In solchen Zeiten erzwungener Untätigkeit sinkt die Moral der Truppen stets, wie die Kriegsgeschichte aller Heere beweist.. Das Gesicht wirkt dann auftüttelnd und erfrischt die Geister. Ob die italienische Erwartung, daß der gelungene Vorstoß eine entscheidende Wendung mit sich bringe, sich bestätigen wirb, muß man arbwarten.
England und Deutschland.
Jas HnterS/iüfi Wer den deutstz-kranzöfWen Vertrag.
Der englische Minister des Au-swärtigen hat am Montag abend die mit Spannung erwartete Rede gehalten, die Englands Haltung in der Marokkofrage rechtfertigen soll. Sir Edward Grch sprach sachlich ur.ö ruhig, vermied aber, Deutschland gegenüber einen wärmeren Ton anzuschlagen, den man auch in englischen politischen greifen erioarH hatte. Geflissentlich suchte er Deutschlands Wortkarkheit als Grund für Englands Mißtrauen vorzuschteben. Daß die Rede Lloyd Georges eine Drohung sein sollte, wollte er nicht zugeben. Es ist ab» zu eckennen, daß die deutsche Antwort darauf schwer geseffen hat. Die Debatte, die sich an die Ausführungen des Ministers schloß, liegt uns zur Stunde noch nicht abgeschlossen vor.
cl London, 27. Nov. 1911. Im dicht besetzien Uiueihause begann heule die Verhandlung über die auswärtige Polilik. Der Minister des Aeußern Sir Edward Grey, der als erster sprach, gab sogleich zu erkennen, daß er die internationale Sage nicht als ro sig ansehe. Er begann mit der Erklärung, daß Englands Verhältnis zu Frankreich und Deutschland so wichtig ruft und noch immer so delikat sei. Da» er sich Darauf allein beschränken werde. In Deutschland habe man soviel darüber gef. gt, daß nun auch das englische Publikum Anspruch aus einige Information habe. Der Staatssekretär flocht hier, ohne starke Worte za brauchen, eine Beschwerde gegen die jüngsten Berliner Veröffentlichungen ein. Es seien Enthüllungen, von Denen er vorher nicht informiert worden sei und es seien keine vollen Enthüllungen. Er sagte: Der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen Amts hat bereits eme zwar nicht vollständige, aber ausgedehnte Aufklärung über das gegeben, was in der Unterredung mit dem deutschen Botschafter in London und mir vorgegangen ist. Im diplomatischen Verkehr ist es
sehr ungewöhnlich
einen Bericht über eine Unterredung zu veröffentlichen, ohne vorher den anderen Teilnehmern zu befragen. Ich verstehe, daß die Anforderungen der Lage es Deutschland unmöglich gemacht Haden, daß ich vorher gefragt wurde. Ich würde sicher keine Einwendungen erhoben haben, wenn ich befragt worden wäre. Meine Erzählung beginnt mit dem 1. Juli. An diesem Tage kam der deutsche Botschaster auf das Auswärtige Amt und machte mir die Miileituna, daß der „Panther" nach Agadir entsandt wor- den sei, aber nach Erfüllung feiner Schutzpflichten von dort abgehen werde. Die begleitenden Worte machten eS mir jedoch wahrscheinlich, daß die M a r o k k o f r age wieder eröffnet fei. Ich sprach mit dem Pre- mierminister und am 4. Juli teilte er nach einer Kabinettssitzung dem Botschafter mit, baß England eine neue Situation als vorhanden ansehe, hrnfichtlich Marokkos nicht unbeteiligt sei und einem neuen Abkom.
men nicht zustimmen könne, ohne befragt zu werben. Etwas später tauchte die Besorgnis auf, daß Deutschland am Kongo so große Enischädigungen fordern könne, daß Frankreich sie nicht zugestehen werde, fodaß Verwicklungen denkbar seien. Aus anderen Kreisen gelangten einige Mitteilungen an uns, die uns besorgen ließen, daß die von Deutschland ins Auge gefaßte Regelung eine Teilung Marokkos fein konnte, und zwar durch Verhandlungen, zu denen man uns nicht hinzu zuziehen beabsichtigte. Es ist natürlich vollständig richtig, daß wir uns in Marokko durch das Abkommen mit Frankreich von 1904 politisch desinteressiert halten, aber beim Abschluß die. ses Abkommens hatte die fruyere britische Regierung gewisse wirtschaftliche und strategische Bedingungen ausgemacht. Diese hätten durch eine neue Regelung bezüglich Marokkos gestört werden können, und das war der Grund, warum
wir uns beunruhigten
über das, was geschehen könnte. Der britische Botschafter in Berlin hatte am 12. Juli Gelegenheit, den deutschen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes über eine wenig wichtige Frage zu sprechen und ergriff die Gelegenheit, zu sagen, daß einmal von einer Unterhaltung zwischen dreien, zwischen Deuischlmid, Spanien und Frankreich gesprochen worden sei, woraus zu schließen wäre, daß England davon ausgeschlossen werden sollte. Der Staatssekretär sagte unserem Botschafter, er könne uns Mitteilen, daß niemals ein Gedanke an eine solche Unterhaltung existiert habe. Außer dieser negativen Erklärung erhielten wir von der Deut« feben Regierung keine weitere Mitteilung. Etwas später hieß es, daß die deutsche Regierung mit bezug auf Französisch-Kongo Forderungen von einer Ausdehnung gestellt habe, denen offenbar weder die französische Regierung noch die französische Kammer hätten zustimmen können, und ich wurde besorgt wegen Der zukünftigen Entwicklung der Marokkofrage. Ich sprach daher am 21. Juli mit dem deutschen Botschafter und sagte ihm, ich möchte keinen Zweifel darüber lassen, daß unser Stillschweigen nicht so verstanden werden dürfte, als ob wir an der Marokkofrage nicht Interesse nehmen würden. Wir würden uns sehr freuen, wenn es gelingen sollte, eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich zu finden, die Englands Interessen nicht berühre. Aber ich sei ängstlich geworden durch Mitteilungen, dir tags zuvor über die von der deutschen Regierung. an die französische gestellten Forderungen erschienen seien, Forderungen, die tatsächlich keine Grenzberichtigung, sondern die Abtretung von Französisch- Kongo bedeuteten und denen die französische Regierung unmöglich zu stimmen könne. Ich bemerkte dem deutschen Botschafter, daß die Deutschen in dem geschlossenen Hafen von Agadir sich befänden, daß sie nach Gerüchten, die unter ben Eingeborenen verbreitet seien, Mannschaften gelandet und mit den Stämmen verhandelt hätten, sodaß sie Kon- Zessionen dort erwerben könnten und daß sogar die deutsche Flagge gehißt sein konnte, und Agadir der passendste Hafen an jenem Teil der Küste sei. Je langer Deutschland in Agadir bliebe, umso größer sei die Gefahr, daß sie eine solche Sage der Dinge schafften, die eS für sie noch schwieriger machen würde, sich zurückziehen und unS noch nötigten, irgend einen Schritt zum Schutze der britischen In- iereffen zu unternehmen. Da der deutsche Botschafter am 21. Juli auf diese Bemerkungen noch keine Instruktion empfangen hatte, so habe man geglaubt, der englischen Oeffentlichkeit eine Erklärung schuldig zu sein. Die Folge war die
Rede Lloyd George.
Sie wurde nach Beratung mit dem Premierminister und Grey selbst gehalten. WaS Lloyd George gesagt hat, ist in Erinnerung. Er verlangte keinerlei Vorrang oder Vorherrschaft für unS in internationalen Angelegenhietcn, sie enthielten keinerlei Drohung im Sinne des Wortes „Hände weg" gegen irgend jemand ober irgendwohin. Sie brachten nichts zum Ausdruck, was irgend eine spezielle Forderung oder irgendwelche Ansprüche Deutschlands mit den britischen Interessen nicht hätte vereinbaren können. Ihre Bedeutung war, daß, wo britische Interessen berührt würden, wir nicht mitzählten. Wenn die Zeit je kommt, wo daS nicht gesagt werden darf, werden wir aufgehört haben zu existieren, wenig, skens als eine Großmacht.
Drei Tage nach der Rede deS Schatzkanzler Lloyd Meorge besuchte mich der deutsche Botschafter und teilte mir mit, daß die deutschen Absichten bei der Entsendung eines Schiffes nach Agadir sich nicht geändert hätten. Nicht ein Mann sei dort ge. landet worden. Die deutsche Regierung bedauere, daß England den Insinuationen über die Absichten Deutschlands Glauben schenkt, die von feindseliger Seite herrühren. Deutschland habe nie daran gedacht, einen Hafen für seine Flotte an der marokkanischen Küste zu schaffen und werde niemals daran denken. Solche Gedanken seien Hallunzinationen. Was die Verhandlungen mit Frankreich betreffe, so sei die deutsche Regierung, sofern ihre Forderungen etwas hochgespannt seien, bereit, Konzessionen zu machen, sowohl in Marokko, als auch in anderen kolonialen Angelegenheiten. Aber der chauvinistische Zug der französischen und eines Teiles der britischen Presse, die Deutschland mit einer Einmischung der Freunde Frankreichs bedrohten, sei nicht dazu angetan, eine Beilegung zu fördern.
Am nächsten Tage besuchte mich der deutsche Botschafter wiederum und machte mir inbezug auf die Rede Lloyd Georges die Mitteilung, die jetzt von dem deutschen Staatssekretär des Auswärtigen veröffentlicht worden ist. Diese Mitteilung war eine
scharfe Kritik
und zwar mehr an der W i r k u n g der Rede auf die Presse, als an dem Inhalt der Rede selbst. Aber sie war außerordentlich ste if im Ton und ich hielt es für notwendig zu sagen, daß die Rede mir keinen Anlaß zu Klagen zu geben scheine. Die Tatsache, daß sie in Deutschland Ueberraschung hervorgerufen habe, sei an sich eine Rechtfertigung der Diebe, denn sie hätte keine Ueberraschung Hervorrufen timten, wenn nicht in Deiu>chlanD eine gewisse Neigung zu Dem Gedanken bestanden hälfe. Daß man uns nicht zu beachten brauche. Die Rede Lloyd Georges hatte nichts gefordert, außer, Daß wir berechtigt seien, als eine der großen Mächte betrachtet zu werden. Deuiichland verweigerte infolge der Red« des Schahkanzlers eine öffentliche Erklärung seiner Absichten in Agadir als unverträglich mit (einer Würde. Desyati 11 rweigerte auch ich eine Erklärung über die Rede > Lloyd George. Es sanden dann weitere Rücksprachen statt, und Die
Lage bessertes i ch
allmählich. Am 27. Juli habe ihm Der Deutsche Botschafter die Mitteiluna ge.irnckt, Deutschland hege Die Zuversicht, dqK Sir Edward Grey durch Die deutsch« lehr "ffene und aufrichtiae Mitteilung die Ueberseuguitj