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2. Blatt.
vruck und Verlaj -er Sulbact Uciieubritdetet in znlda.
Das
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welches davon fraß, geschlachtet werden inußie. Mädchen ist geflüchtet.
Parlament zu kommen. Hält er es aber mit den Roten, dann wird auch im Wahlkampf kein Unterschied zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie gemacht. Was in dem bereits ergangenen Wahlaufruf der badischen Zentrumspartei gefügt ist, gilt auch für das ganze Reich:
„$te Parier des U m tt u r, e s, die alles bedroht und gelährvet, was wir in der Gegenwart fclthalien und auf waS wir unieie Hoffnungen für die Zukunft bauen; diese Partei des Umsturzes und jener Liberalismus, der aus Parleiqenuh mit ihr liebäugelt oder gar sich mit ihr verbündet: DaSi st der Feind!
H y p o t h e k e n b e r r ü g e t Hvpothekenvermittler Jonas einem Jahr acht Momttcn Geldbuße oder weiteren 45 drei Jahren Ehrverlust v:r
Handel Industrie.
* Berlin, 25. Nov. 1911. Auch an der heu>ti tigen Börse herrschte noch eine starke Zurückhaltung« Später kam eine etwas bessere Stimmung zum Durchbruch, von der vornehmlich einige Montan«, werte profitierten. Bankaktien behauptet. Elektri« zitcuswerte matt. Schiffahrtsaktien niedriger.
Mus Oberhchen u. den Heß. Aemtern.
A Marburg, 26. Nov. 1911. Seit der letzten Nacht hat sich auch hier Schnee und Frost eingestellt. Am kahlen Astcnberg bei Winterberg nimmt der Wintersport seinen Anfang. — Die Stadt Marburg hat eiroa- 500 Zentner Kartoffeln zum späteren Verkauf eingekellert, sodaß ein Hinanf- schnelletr der Preise im Winter wohl hier vermieden wird. — Der Betrieb derneuen elektrischen Straßenbahn wurde heute eröffnet. — In der hiesigen Klinik starb der 57 Jahre alte Landwirt und Säge- werksbcsitzer Karl Iuacker aus Dodenau an den Folgen einer Verletzung, die er sich beim Laden von Banmüämmen zuaezoaen halte.
* Frankenberg, 26. Nov. 1911. Mit dem Waffe r >v e r k, welches auch die fünf Gemeinden Bir- kenbringhauseu, Haine, Röddenau, Schreufa, und Viermün'den speisen soll, ist begonnen worden. 25 Arbeiter sind mit dem Ansschachten der. Gruben beschäftigt und wird bei günstiger Witterung das Rohr- legcn bis an die Stadt wohl noch in diesem Jahre fertig werden. Die fünf Gemeinden zahlen an die Stadt Frankenborg eine einmalige Abfindung von 30 000 Mark.
* Kirchhain, 25. Nov. 1911. In der gestrigen K ceistagssitzung fand man u. a. gegen den Antrag der kgl. Regierung auf Ausscheidung von drei Grundstücken aus dem Gemeindebezirk ber Stadt A eustadt und Einverleibung derselben in den Gutsbezirk Oberförsterei Neustadt nichts einzuwenden. Gegen das Projekt über Verlegung des Land- weges N e u st a d t - Arnshain fand sich nichts zu erinnern. Beim Bezirks verb an de soll die Hälfte der Baukosten mit 3850 Mark als Unterstützung erbeten werden. Zn.dem von der Stadt Neustadt zu tragenden Teil bewilligte, der Kreistag eine Beihilfe von 1000 Mark. Der Antrag der Stadt Neustadt wegen Ausbaues des Landweges Neustadt-Wasenberg wurde besprochen und beschloffen, bei Klassifikation der noch auszubauenhen Landwege diesen an 5. Stelle zu setzen. Gegen die vorgelegten Kostenanschläge über Unterhattung der Landwege pro 1912 fand sich ii'chtz zu erinnern. Es wurde beschlossen, der Wegebauverwaltung einen Kredit von 40 000 M. zur Verfügung zu stellen Der Betriebsvertrag der Ohmtalbahn vom 19./22. April 1905 wurde dahin abgeändcrt, baß der Kreis Kirchhain die beim Verriebe der Ohmtalbahn entstehenden Kosten für
1911. Wegen umfangreicher
♦ Kassel, 26. Nov. Darlehens- und reien wurde der Berge aut Kassel zu Zuchthaus, 600 Mark
* Oechsen, 25. Nov. 1911. In der Freitagnacht wurde in das Kontor der Baufirma Lange einze- broch en. Der Dieb versuchte den Gelhschrank aufzubrechen, was ihm indes nicht gelang. Da er weiter nichts vorfand, mußte er unverrichteter Sache wieder abziehen. Man ist dem Täter bereits auf der Spur — Die Gewerkschaft Heiligenmühle beabsichtigt 'für ihr Kalibergwerk Mariengart in Oechsen eine Chlorkalium- und Sulfatfabrik zu errichten und die Fabrikendlauzen nach erfolgter Klärung durch geschloffene Rohrleitungen über das Werksterrain hinweg in die Oechse m.o auf dem gleichen Wege unter Berührung der Straße Oechsen-Vacha und durch den Ort Wilmanns nach Vacha in die Werra abzuleiten.
* Salzungen, 25. Nov. 1911, In vergangener Nacht geriet die Luthersche Schneidern ühle bei Langenfeld in Biand. Mangels jeglichen Waflers in dortiger Gegend brannte das ganze Anwesen mit rasender Schnelligkeit vollständig nieder. „ , ,
* Aus Thüringen, 26. Nov. 1911. Auf dem Grundstück der Erfurter Aktienbrauerei wurde bei Ausschachtungsarbeiten der 48 Jahre alte, verheiratete Arbeiter Germershaus vcrschütter. Er konnte nur als Leiche geborg n werden. — Als man dieser Tage in Suhl einem Fechtbruder 2 Pfg. reichte, bat er um eine Teuerungszulage. Unter 5 Plg-, meinte er, solle man jetzt nicht mehr geben. — Ein Bäcker aus Heinrichs bei Suhl der in einer Wirtschaft die hohe steinerne Treppe hmuntergestoßen worden war, ist seinen Verletzungen erlegen. — In Schmalkalden brach in der Werkstatt des Zan- genschmiedemeisters Werner Feuer aus, das in kurzer Zeit auch das angrenzende Wohnhaus ergriff in 1b dessen Dachstuhl zerstörte. Auch die angrenzenden Häuser wurden von dem Feuer bedroht und teilweise zerstört.
Vieh wurden ein Raub Oer Flammen.— Die Feuers- brünste auf dem Eick/sseld scheinen in diesem Jahre kein Ende nehmen zu wollen. •— Aus Rache hat in Dienstmädchen
Tagen Zuchthaus und urteilt. Berge bat eine ganze Anzahl von Personen aus dem Regierungsbezirk K'affel, die sich wegen Vormittelung 'von Darlehen und Hypo'hekengeldern an ihn gewandt hatten, um tulweife rech! erhebliche
Unfälle übernimmt, sobald ein nach Ansicht des Kreis- ausfchuffes annehmbarer HastpflichtverfichemngLver- trag zustande gekommen ist. Die Errichtung einer W an d e r h au s h a l tungs sch n) e 1 für den Kreis Kirchhain wird unter der Voraussetzung beschlossen, »daß die beantragten Beihilfen gewährt werden. Der Kreisau'sschnß wirb mit deren näheren Einrichtung beauftragt und es wird zu diesem Zweck ein Betrag von 500 Mark aus lausenden Mitteln des Etats beo.it gestellt.
[:] Neustadt, 24. Nov. 1911. Zu dem gemeldeten Einbrüche in Momberg wird bekannt, daß die im Bemacht stehenden Zigeuner als Täter in Betracht kommcn, da nach einer Mitteilung des Bürgermeister-Amtes zu Schwarzenborn bei Mar^ bürg die gestohlene Schulgeige dortselbst zum Kaufe angeboten worden ist. Der Staatsanwalt hat sich jetzt der Sache angenr men. — Hier hat sich jetzt Herr Dr. Franz Hofmann aus Fulda niedergelassen und die Praxis des von hier verzogenen Sanft ttV'srales Dr. Braun übernommen.
‘ [] Neustadt, 25 Nov. 1911. Die heute vor sich gegangenen St ad tv erordnet e n-Er g ä n zu n gs« wählen ergaben ein glänzendes Vertrauensvotum Der hiesigen 'Bürgerschaft für die in letzter Zeit von gewisser Seite scharf angegriffene städtische Veiwal- tnna, indem die bei der letzten Magistratswahl beseitigten Magistratsmitglieder Sckreinermeister Karl Schmittdiel und Bäckermeister Heinrich Theovor Gies mit 94 gegen 35 Stimmen in der 3. Kiaffe und mit 26 gegen 17 Stimmen in der 2. Klasse als Stadtverordnete wiedergewäblt wurden. Gewählt wurden außerdem Bäckermeister Henrich Nees in der 2. und Apotheker Dallwig in der 1. Klaffe..
* Schwarzenborn, 26. Nov. 1911. Eine schwer« Blutvergiftung zog sich der bejahrte Lehr« Plackert von hier zu. Er wollte einen Schüler ans der Bank ziehen und stieß sich eine Feder, die der Junge in der Westentafche trug, in die linke Hand, Schon nach wenigen Stunden schwollen Hand und Arm bedenklich an. Herr P. mußte sich in die Heilanstalt Hephata bei Treysa begeben, wo ihm di» linke Hand amputiert werden soll.
* Fritzlar, 25. Nov. 1911. OberveUwinätz Brehm dahier ist zum Stabsveterinär befördert. —, In der Generalversammlung der hiesig«! Ortskrankenkasse wurde Oekonom Daniel August Draude aus dem Stande der Arbeitgeber, Gregor Faupel und Gustav Stehl aus dem Stand« der Arbeitnehmer anstelle der aus dem Vorstand au 8» scheidenden Mitglieder neugewählt. In die Rechnungsprüfungskommission Wurden die im Vorjahr gewählten Herren wiedergewählt. Es wuide fern« beschloffen, die Revision der Kranken durch vorh« vom Vorstande dazu bestimmte Mitglieder vornehme- zu lassen,
Generalversammlung der land wirtschaftlichen Vereine des 4. Verwaltungsbezirkes abaebalten. Dabei wird eine Prämienvcrtei- lung an ^männliche landwirtschaftliche, Dienstboten aus dem Amte Dermbach erfolgest. Oekonomiercst Linkh aus Weimar spricht über „Die Ergebnisse der Milchkontroll-Fütterung".
Summen betrogen.
♦ Alt-Wildimgen, 26. Nov. 1911. Von dem flüchtigen Geschäftsführer Köhler der Zeittralgmos- senschäst hat man noch keine Spur entdecken können. Es wird hier angenommen, daß er sich nach Holland begeben hat. Nach den neuesten Ermittelungen werden die veruntreuten Gelder auf 42 000 Mark angegeben. Köhler stand gerade 10 Jahre lang in dem Dienst der Genossenschaft.
** Som Eichsfeld, 26. Nov. 1911. In Breitenworbis brach eine gewaltige Feuersbrunst aus. Sechs Gehöfte, viele Vorräte unb-
Unser Reichstag. Was ist im Reichstag los? Wi< arbeitet er? Wie lebt man dort? Worüber lacht man? Farbige Skizzen. Von Hugo Frenz. Preis 0,75 Mk.) Leipzig, Hof-Ver» lagsbuchhandlung Edmund Demme.
Wer kennt das Leben und Treiben in dem steinernen Reichshause? Nur einige wenige, die irt ihn ein- und ausgehen! Und doch ist es voll fesselnder Einzelbilder, welche jeden Staatsbürger in« tereffieren. Augenblicklich, wo wir vor einer Neu-- Wahl stehen, dürfte das Thema erst recht hochaktuell sein, weshalb die Lektüre der billigen Schrift em> fohlen werden kann.
Ans dem Nachbargebieie.
* Gießen, 26. Nov. 1911. Nach Mitteilung des Reichsbankdirektoriums wird die hiesige Reichsbanknebenstelle in eine Reichsdankftel le umge. wandelt, sobald das neu zu errichtende Baukgebaude ftrtiaqestellt ist. — Der Raubmörder Erbe, der am 6. Juli zusammen mit dem 17jäbttgen Schmied Hein ich Wolf inNiedermörlen die 62 Jahre alte Frau Walther ermordet und beraubt hatte, und dessen Revision gegen des Todesurteil des Gießener Schwurgerichts vom Reichsgericht verworfen wurde, hat auf die Einreichung eines Gnadengesuches verzichtet.
* Gelnhausen, 26. Nov. 1911. Die in der dritten Wählerabteilung notwendig gewordene Srich wählen zur Stadtverordnetenversammlung finden am 13 Dez 1911 statt. In der 1. Wählerabteilung wurde gewählt: Apotheker Mülle- und Restaurateur C. Baumann.
* Frankfurt a. M., 26. Nov. 1011. Gegen einen Beamten der Fahrkartena iSoabe wurde wegen eines Mankos in seiner Kasse in Hö >e von 300 Mart Anzeige bei der Eisenbahndirektion erstattet. Das Defizit wurde von den Eltern des Beamten gedeckt. Trotzdem fuhr der Beamte nach seiner Heimat nach Lanaen und brachte sich dort auf dem Friedhof in selbstmörderischer Absicht einen Revolver- schuß in die linke Brustftite bei. Der Schwerverletzte wurde dem Saugetier Krankenhaus zuariübtt.
Cglenfeld bei Kreiensen ein ft ihre-n Dienstherrii, dem Hofbesitzer Holte, ein Pferd vergiftet. Femer hat str einer Kuh soviel Nadeln und Nägeln in das Finte: getan, daß bed Tier,
4- Der Liberalismus im Wahlkampf-
Weich große Worte wurden auf der jungllberalen Tagung m Karlsruhe, auf dem nationalen Berliner Delegiertentag und in dem von chm verfaßten Wahlaufruf, und nicht zuletzt von dem Prastdenlen de- „unpolitischen" HansabundeS in Hannover ger^- bet. Man könnte sich dadurch düpieren lassen, wenn man nicht wüßte, daß dieser laute Spektakel nur den Zweck hat, die Aufmerksamkeit.von der jammer- Häfen Sage des Liberalismus nn Wahlkampf a&3 SBiHtebtS denn mit ihm? — Ein führendes liberales Blatt schrieb neulich vom badischen Li- beralismus: „Ohne den Großblock hätte der Liberalismus in Baden aufgehört qu existieren." Was vom Liberalismus in Baden gilt, das kann man auch bald vom Liberalismus im ganzen Reich sagen. Aus eigener Kraft vermag er sich nirgends mehr zu halten. Er muß eine Stütze haben, entweder links oder rechts. Ter letzte Delegiertentag hat nach rechts hin den Kampf anaesagt. Also bleibt nur noch der Anschlußnachlinks. Biel- leicht wirds in dem einen oder anderen Wahlkreis in Rheinland und Westfalen noch einige Schwierigkeiten deswegen geben; dennoch werden wir nut dem Großblock auf der ganzen Linie rechnen müssen. In dem Zusammenschluß zum Großblock liegt schon das Eingeständnis der eigenen Schwäche. Aber je kümmerlicher die eigene Position ist, desto schallender die Fanfaren!
Worum handelt es sich bei dem kommenden Wahl- kompf? — Um Aufrechterhaltung des gemäßigten S ch u tz z o l l s h st e m s und um Fernhaltung eines neuen Kulturkampfes. Das sind die beiden Tinge, um die sich der Kampf dreht. Der Liberalismus aller Schattierungen sucht das zu verschleiern. Herr Bafsermann verkündete auf dem Berliner e.e- fegiertentage, die Reichsfinanzreform sei die „Plattform für die kommenden Wahlen", und Herr Rießer, — der Lockvogel des Liberalismus, wie ihn der Vorwärts treffend nennt — fagte es ihm nach. Wir können dem Liberalismus auch dann Rede und Antwort stehen, wenn er uns mit der Reichsfinanzreform kommt. Er, der selbst 400 Millionen Mark inoirekter Steuern bewilligen wollte, hat keine Veranlassung, Zentrum und Konservativen die 310 Millionen vorzuwerfen. Vor dem Liberalismus können wir sogar die Streichholzsteuer, sicher die unbeliebteste aller Steuern, verantworten. Weit über 100 Millionen kam es dem deutschen Volke zu stehen, daß der Liberalismus sich mit Bü- low in dem Schachergeschäft nicht einig werden konnte und die Reichsfinanzreform von Session zu Session vertagt werden mußte; solange bis end- lich das Z e n t r u m e i n s p r a ng, und dem Reiche aus der Klemme half. Das war eine nationale Tat! Wo sind die Taten des Liberalismus? — Nichts als O p P o f i t i o n hat er getrieben, halt — ein Denkmal aus vergangener Blockzeit steht ia noch: Das Reichsvereinsgesetz. Doch darüber wurde ja erst kürzlich im Reichstag wieder das Urteil gefällt. ' Die eine Tat des Liberalismus war alles andere als liberal!
Nein, nicht um die Reichsfinanzreform handelt es sich, sondern um die Aufrechterhaltung des gemäßigten Schutzzollspstems: Der Freisinn ' hat neulich zugegeben, daß er den „Abbau" als Ziel bat. Der Nationaliberalismns bat das zwar nicht einaestanden, aber in der Tat will er eine Mehrbeit schaffen, die mit den Schutzzöllen, die das Deutsche Reich wirtschaftlich groß gemacht haben, a n f - räumt. Seine Taten widersprechen seinen Worten. Begreiflich, daß er den Wählern einzureden b:cht, es handelt sich gar nicht um unser Schutzzoll- mstem! Daß die Mehrheit, die mit unseren gemä- & inten Schutzzöllen aufräumt, auch einen neuen K ulturkarnps über Deutschland brinaen würde, das haben uns die kirchenvolitischen Debatten bewiesen, die des öfteren im Reichstag und im Abae- orduetenhanse stattfanden. Herr Rießer hat nicht 'n unrecht, wenn er in Hannover sagte: „Es handelt s.ch mit den Kampf zweier sich unversöhnlich gegen« öberstehenden Weltanschauungen." Doch auch das sucht der Liberalismus zu verschleiern, wenn er unter dem katholischen und gläubigen protestantischen Volke agitieren geht.
Bei den nächsten Wahlen gilt es, die sozi al - demokratische Hochflut zurückzuhalten. Ans den Liberalismus können die bürgerlichen Parteien dabei selbstverständlich nicht rechnen. Er Hai ja die roten Krücken nötig, um überhaupt in das
Literarisches.
Die Katholiken in der Diaspora und der Bonk» fatiusverei». Rede, gehalten auf dem Katholikentag In Mainz von Dr. theol. A. D o n d e r s. Preis 10 Pfennig. Paderborn 1911, Verlag der Bonifatius-» drnckerei.
Amt Geisa nnh
Dermbach, 26. Nov. 1911. Am 3. Dez. d. I. hier im Gasthof „Zum deutschen Haus" eine
«V r «ssses.
M TWer ie5 Bttbmteil.
5] Roman von Adele Böttcher.
Noch einmal hatte Sonja mit sich gekämpft. Soll sie dem Großvater gehorchen? Oder versuchen, sich ihren eigenen Weg durchs Leben zu bahnen? —
Da gedachte sie dos Elends der letzten Jahre — gedachte sie der düstern, miasmendurchh.au chten Straßen, in denen die Armut ihr Heim aufschlägt — gedachte sie der Not und des Lasters, dieses unausbleiblichen Gefolges jener Armen, die nicht gelernt haben, sich ihr Brot auf ehrliche Weift zu verdienen, und ein Schauer überrieselt ihren Körper.
Nein, nein! Alles — nur das nicht! Lieber dem Großvater folgen — gleichviel wohin.
3.
In vollem Lichtmeer erstrahlen die Grsellschafts- räume der Villa Morrison. Es gilt das Debüt des Fürsten Orlosf und seiner jungen Enkelin.
Es ist nur ein kleiner Empfangs ab end. Der Makler weiß noch nicht, wie seine Gäste sich in den fremden Verhältnissen zurechtfinden werden. Was bewog ihn überhaupt zu jenem extravaganten Schritt, ihm gänzlich fremde Menschen unter seine Obhut zu nehmen?
Nicht Mitleiden war es ober allgemeine Menschenliebe. Dazu ist Edward Morrison ein viel zu guter Geschäftsmann. Spekulation war es — nichts Wie Spekulation. Denn — obgleich er als vielfacher Millionär und anerfannteS Finanzgenie bereits einen ganz respektablen Platz in der römischen Gesellschaft einnimmt — die bocharistokratischen Kreise waren ihm bisher stets verschlossen geblieben. Und auch in diese „höchsten Kreise" Einlaß zu er« Balten — danach strebt schon feit langem der Sinn des Parvenüs.
Wie ein Blitz fuhr er ihm neulich, als er den Empfehlungsbrief seines Hamburger Geschästsfteun- des Goldstein erhielt und die beiden Russen in »em Büro auftauchten, durchs Him:
„Vielleicht läßt sich mit dem Rang des Alten und »dcr fremdländischen Schönheit des jungen Mädchens etwas machen!"
Und Gedanke und Tat folgen bei dem energischen Geschäftsmann stets rasch aufeinander. Aber als er jetzt, inspizierend und dem Dienstpersonal kurze Order erteilend, von Zimmer zu Zimmer schreitet, ist ihm doch nicht so ganz wobl zumute. Wie, wenn er sein Geld umsonst ausgegeben hätte? Wenn er außer dem pekuniären Verlust auch noch Spott und Schadenfreude amtete? — Unnötige Sorge.
Als bald darnach die Gesellschaftsräume ber Villa Morrison sich füllen und die „vornehmen Flüchrlinge" auf ber Bildfläche erscheinen — da imponiert ber Fürst entschieden durch Würde und Eleganz und Sonja bezaubert jung und alt schon bei ihrem erften Anblick. — —
Mit kluger Berechnung hat die junge „Prinzessin" ein Kostüm gewählt, das ber Mode vollständig zuwiderläuft, dafür aber ihre körperlichen Vorzüge ins hellste Licht stellt.
Ein weites, an die Antike erinnerndes, reich mit | Silber gesticktes mattblaues Sammetschleppgewand, 6offen lose Falten durch einen silbernen, eine Schlange darstellenden Gürtel gehalten Werden, fließt an dm schlanken Gliedern hernieder. Die klassisch geformten Arme zieren breite silberne Spangen. Das auffallend hochgetragene Haupt ist ohne jeden Kopfputz. Dafür aber schmückt ihn die natürliche Krone goldblonden Haares, das so intensiv erglänzt, daß es beinahe rot erschimmert und einen wundersamen Kontrast bildet zu den tiefblaugrauen Augen und dm dunklen, über dem schmalen Nasenrückm sich fast berührenden Brauen.
Dies goldblonde Gelock besonders ist es, das die zumeist dunkelhaarigen Italiener in Entzücken versetzt. Man findet Prinzessin Sonjas Erscheinung „vollende?', ihren fremdländischen Akzent „pikant", ihre witzigm Einfälle „superb" und ihre von Zeit zu Zeit hingeworfenen Slnbeutungen über ihre Verbannung nach Sibirien „unbeschreiblich interessant".
Als sie aber gar — einer Bitte des Hausherrn folgenb — in russischer Sprache mit weicher wohl-
tönenber Altstimme zur Gitarre das in ihrer Heimat verbotene Sieb Auf dem Hügel an ber Wolga singt — ba erreicht Per allgemeine Enthusiasmus den Höhe- punft.
Welch eine Stimme! — Welch ein Vortrag!
Die alten Damen seufzen, die jungen weinen. Den alten Herren läuft ein Gruseln über den Rücken, die Blicke b;t jungen hängen wie gebannt an dem lieblichen Mädchenmund, ber solch tiefempfundenen Schmerz anszudrücken versteht. Mit südlicher Lebhaftigkeit umringt man die junge Sängerin, sagt man ihr Schmeicheleien, bewundert man sie mit Worten und Blicken.
Nur einer hält sich diesem Taumel fern: der junge Marcheft Orlando Campanelli, d r Sohn eines bekannten Parlamentsmitgliedes ber ,ewigen Stadt'. Schweigend lehnt er an einer der Marmorsäulen und blich unter finster zusaumicugezoaenen Brauen hervor auf die blonde Königin des Festes. Und doch leuchtet es auch in seinen Augen auf, sobald Sonja sich ihm nähert ober einer 'ihrer dunklen, verlorenen Blicke ihn streift.
Ahnt ber junge Marchese bereits, daß jene Lichtgestalt ihm zum Verhängnis Werben soll, Daß sie es ist, bie seinem 8eben höchste« Glück bringen Wirb, aber auch tiefstes, namenloses Leid? —
Und Sonja selbst?
Sie gibt sich vollkommen offen und natürlich. Sie, feie seit Jahren nur Kummer und Elend, Jcnü- mer und Verzweiflung um sich gesehen, bie selbst oft schmerzvoll zusammengezuckt unter der Knute menschlicher Grausamkeit — sie sieht sich plötzlich geachtet und bewundert, hört wohlwollende, ja herzliche Worte, fühlt sich Mensch unter Menschen.
Und ein erwärmender Strahl der leuchtenden Gottessonne fällt in ihr armes Herz und erfüllt es mit neuer Hoffnung für die Zukunft.
*
Am folgenden Nachmittag beteiligt sich Evward Morrison mit seinen Gästen an dem Wagen-Korso auf dem Korso Umberto. , r,r„
Wohlig in bie Polster des elega^en Automobils geschmiegt, lächelt Sonja ihr unwiderftehttches Grüb
chenlächeln. Neben ber einfachen, etwas in bi< Breite gequollenen, dunkelgekleideten Signcra Morrison sieht bie schlanke, graziöse, in ein lichtgrüneS Sammetgcwanb gehüllte MädHengestalt besonderanmutig aus.
Der Makler scheint keinen ber neugierigen Blick« ringsum zu bemerken, so ganz vertieft ist er in ein Gespräch mit bem Fürsten. Aber jedermann steht ihn und seine erlauchten Gäste. —
Dann gliedert sich bas weiße Automobil der end^ losen Wagenreihe an, welche bie sich mählich empov» schlängelnde, palmeniumsäumte 1 Fahrstraße zum Monte Pincio hinaufführt.
Hier oben, wo auf ber weitgudehnten Humen' vollen Terrasse bei den schmeichelnden Klängen einen wohlgeschulten Kapelle, „ganz Rom" sich em Rendezvous" gibt, wähnend bet heimgeh ende Sonnen» ball unten die „ewige Stadt" in violetten Purpur taucht — wo bie römischen Schönen, in leuchtenden Atlas ober duftige Spitzen gehüllt, strahlend int Schmuck ihrer glitzernden Diamanten und funkelnden Augen, nachlässig zmückgelchnt in die weichen Polster, die Besuche ihrer Verehrer entgegennehmen — wo alles lackt und schwatzt und jubelt und kokettiert, als ob es gar kein Elend mehr gäbe auf »dieser Welt und keine Tränen und keine schlummerlosen Nächt« voll banger Sehnsucht nach einem höheren besseren Leben — — inmitten »dieses echt südlichen Frohsinns freilich ist Edward Morrison gezwungen, den Fürsten und seine Enkelin verschiedenen Personen vorzn- stellen. -
Aber er tut es so kurz wie möglich. Wozu bie prickelnde Neugierde bereits befriedigen? —
An den folgenden Tagen führen Signor und Signora Morrison ihre Gäste nach dem Teatro Costanzia .nach »dem Capitolinifchen Museum, nach dem Park ber Villa Borghese — überall borthin, wo die elegante Welt verkehrt und wo sic sichcr sind, am meisten Aufmerksamkeit zu erregen. —
Jeden Samstag ist Empfangsabend in der Villa Morrison draußen vor der Porta Pia. Noch niemals, früher waren die eleganten Räume von distinguierten Gästen derart überfüllt, wie jetzt. (Fons. folgt.)