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Samstag 25. Novemder 19U
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Wschen-Uundzchau.
M u 16 a, 24. November 1911.
Der dicht« Borhang, der uns monatelang hin» durch die Geheimnisse der M a r o kko Verhandlungen verhüllte, wird jetzt jeden Tag mehr gelüstet Zipfelchen um Zipfelchen wird hoch geh ob en wir folgen diesen Enthüllungen mit dem Gefühle bei Reiters über den Bodensee. Mit jedem Tage wird es klarer, daß wir nahe vor einem Kriege standen, den England anzusttsten sich bemühte und der zu einem Weltbrande hätte ausarten können. England Hatz, daS steht jetzt fest, hie Beteiligung an den deutsch-französischen Verhandlungen verlangt und diese — trotzdem wir auch nicht ein Stückchen Marokko verlangten — mit der Unerfüllbarkeit der deutschen Forderung begründet. Als die deursche Regierung durch ihren Botschafter in London dieses SB erlang en Englands zurückwies, erhob der englische Schatzkanzler Lord George drohend die Hand gegen Deutschland, vnd das mit Zustjmnmng des ge- nntrn englischen Ministeriums. Wenn es an diesem ritischm Wendepunkte nicht zum Kriege gekommen st, so ist das darauf zurückzuführen, daß die deutsche Regierung, gestützt auf Heer und Flotte, die englische -lumaßung mit solcher Entschiedenheit zurückgewiesen hat, wie man sie in England angesichts der krittschen Lage wohl nicht erwartet hätte. Diese Entschiedenheit ist wohl das Erfreulichste an den ganzen Marokko- Verhandlungen. Der „deutsche Michel" hat da einmal! gezeigt, daß er nicht jener gutmütige Tepp ist, als der er immer hingestellt wüd, sondern auch Anmaßungen energisch zurückweisen kann. Nach den Erklärungen des Staatssekretärs in der Budgetkommtsflon wird auch die Rede, die der Reichskanzler gegen . die Konservativen und Rationalliberalm im Reichstage hielt, verständlicher. Eine Regierung, die so energisch ausgetreten ist, muß es selbstverstlllidlich als große Kränkung auffassen, we^n ihr gerade in diesem Punkte der Vorwurf her Schwäche gemacht wird. Und andeügcseitt» hat die deutsche Regierung alle Ursache, nach dm eben überwundenen schweren Tagen jedes unnStige Säbelgerasiel gegen England mergifch zu iunterdrücken, damit nicht neuer Konfliktsstoff geschaffte werde.
dem, daß die Jtalimer dm enttcheidmden Schlag führen tonnen. Ob dem italienischen Volk noch nicht bald die Geduld vergeht? In Tripoli- selbst wütet die Cholera, Dutzmde faffen ihr täglich zum Opfer. Da ist es kein Wunder, wenn bbe italienische Regierung trotz Etnspmch der Mächte mdlich, um dm Krieg zu beschleunigen, die Türket dort f aff en will, wo ihr noch etwas anzuhabm ist; in thrm europäischm Be- sitzungen. Die geplante Flottenaktton im ägäischm Meer ist immer noch nicht ganz aufgegeben. So viel ist sicher, daß, wenn man in der Türkei in Erwariung d.r italimischm Flottmakticn im ägäischm Meer stebt. Die erforverlichm kriegerischm Maßnahmen find bereits getroffen. Sollte Italien nicht noch im letztm Mommt Vernunft annehmm und den Krieg seinem Versprechm gemäß auf Trtpolttanim beschränkt taffen, dann wird der Handel der nichtbeteiligtm Staaten aufs schwerste geschädigt. Heute schon ist die Schifffahrt in ben ägäischm Gemässem nicht mehr sicher. Und das alles beS italienischen Abeniruers willen!
Auch bt« Rev olutton In China nimmt keinen Fortschritt nach der einen oder anderen Seite hin. Das einzige, was feststeht, ist die immer mehr zunehmende Unsicherheit. Der Pöbel gewinnt allmählich die Oberhand. In bat letzten Sagen sind sogar einige Deutsche ermordet worben. E? wirb wohl doch noch so weit kommm, daß die europäischm Mächte eingrei- fen müssen, um Ruhe und Ordnung wieder herzrr- stellcn.
In Persien ergreift Rußland jetzt offensichtlich die Partei des geschlagenen EpsultanS Mohammed Ml. Den unwichtigen Anlaß, daß ein persischer Gendarm einen russischen Konsulatsbeamten beleidigt haben sollte, hat es zum Dorwarche bmutzt, um russische Truppen in Norbpersien einmarschierm zu lassen, nachdem die persische Regierung ein kurzfristiges Ultimatum unbeantwortet gelassen hatte. England und Rußland handeltm bei ihrem Vorgehen gegen die persische Regierung anscheinmd auf Grund einer vorher üeretnbarten Plane». Zur selben Zeit, als Rußland in Rordpersim einfiel, schickte England indische Truppen nach Südpersien. Die Entwicklung wird je» dmfallS darauf hinauslaufen, daß England und Rußland das persische Reich untereinander „aufteilen'.
Die hessischen L an dt ag s w ah len habm Mit dm Stichwahlen ihren Abschlhuß gefunden. DaS Sx^ebntt entspricht in ben meisten Fällen ben Erwartungen, die sich auf die Sttchwahlparolen der Par- letat gründeten. Die Nationalliberalm, der Bauern- zbund und das Zentrum hatten im allgemeinen ihren Wählern empfohlm, stets für die Gegner der Sozial- :bemotratie einzuttetm, auch für die Freisinnigen, wo tiefe mit Sozialdemokraten zur Stichwahl standen. ;®ie Freisinnigen übten freilich keine entsprechende Ge- genseitigkett, weil sie ben Sozialdemokraten zu sehr verpflichtet warm. Uebereinstimmend wird betont, daß ;bie Rechte, der Bauernbund, gut abgeschnittm hat. Die Gewinne, welche Sozialdemokratie und Freistnn aus Kosten der Nationalliberalen machen, sind nicht -sehr bedeutend. Das Zentrum war an den Stichwah- Aen nicht beteiligt, konnte aber in verschiedenen Kvei- ,lm seine «Stimmen wirksam für die Nichtsozialdemo» kratifchen Parteim, in erster Linie Bauembund und Nationalliberale, in die Wagschale werfen.
In England erregten die „Enthüllungen' des unionistischen Abgeordneten Kapitän Faber das größte Aussehen. Faber hat über das gespannte Verhältnis zwischen Deutschland und England während bet Marokkokrisis und über die Unbereitschast der englischen Flotte so dick anfgetragcn, daß er nirgends hoffen Glauben fand, und unionistische Blätter sahm sich sogar genötigt. Fader zu dementieren. Es handelte sich Allerdings wohl um eine parteipolitische Ausnutzung ' des Marokkokrtifliktes gegen die Regierung, Aber In den Anssagm des Kapitäns und in den Rand- f tzlossen, die eine Anzahl englischer Blatter macht und /.bie sich in ähnlicher Richtung bewegen, steckt doch ein 'Teil Wahrheit.
- Die Ding« in Trtpolitanien laffen noch ;leine Aenderuna erkennen. Türken und Italiener « stehen sich nun fth«r fett Wochm einander gegenüber, ^>hne daß irgend ein entscheiderher Schlag von einer tber beiden Parteien geführt werden könnte. Die Tüv- km habm sche«nts aar nicht die Absicht, den Italienern großen Widerstand entgegenzusetzeu. Die Taktik piff nicht unklug. Sie erreichen damit, daß bet Krieg Pch unendlich fn die Lange hinauszieht, sie verhin-
* „Freie" Gewerkschafte« als „rote" Wahlhelfer.
Sie gerufen find fie jetzt da, die .freien' Gewerk- schastm, um im Wahlkampf als Zutteiber der sozialdemokratischen Partei zu fungieren und für diese bei den Wahlen Schlepperdienste zu leiften. Und ihre Presse, die trotz des unversälschtm Rot, da? sie an sich trägt, sich ab und zu nicht geniert, zu AgttationS-- zw«ken bie Fahne der „Neutralität' auSzuhängm, macht jetzt auf der ganzen Linie mobil — für bie Sozialdemokratie und gegen das Zentrum.
„Der Arbeiter, welcher diesm I and rs als sozialdemokratisch wählt, lädt eine Verantwortung auf sich, die er nicht zu tragen vermag, eine Schuld, die ihn erdrücken roirb*,
so deklamiert der „Zimmerer' (Nr. 44), das Organ des Zentralverbandes der Zimmerer und verwandten Berufsgmoffenschaftm, und bann wettert er gegen das Zentrum:
.ES gibt keine verlogenere, keine heimtückischere- feine verräterischere Partei als das Zentrum. Ein Arbetter müßte blind und taub sein, der noch für das Zentrum stimmen wollte.-
Und die „Metaffarbeiter-Zeitung' (Nr. 45) vom „freien" Mctallarbeirerverband bringt einen langen Artikel, der es hinstchttich des Tones mit den Erzeugnissen de? schärfsten Radikalismus in der sozialdemokratischen Parteipresse gut aufnehmen kann, und der den Sieg „des Lichts über die Finsternis, des Fort- schritts über die „Reaktion' erwartet. Der Fortschritt ist selbstverständlich die Sozialdemokratie.
Die Rolle, die die „freien' Gewerkschaften jetzt als freiwillige Wahlhelfer spielen, zu der sie sich sogar aufdrängen, nimmt sich um so erbärmlicher aus, wenn man sich vergegenwärtigt, daß sie sonst von der Partei und der sozialdemokratischen Presse gar nicht übermäßig zart angefaßt zu werden pflegen. Man denke nur an dir verächtliche Behandlung, die sich neuerdings der „freie' Buchdruckerverband seitens eines Teiles der „roten' Presse gefallen lassen mußte. Und man erinnere sich erst des Geschreies der Gewerk
schaftsführer auf der Gewerkschastskonserenz im Jahre 1906, deren Gcbeimprotokoll die anarchosozialislische „Einigkeit' seinerzeit veröffentlichte. Welches auf die schmachvolle Behandlung der Gewerkschaftsführer durch bie sozialdemokratische Partei und Bresse ein mehr wie bezeichnendes Licht wirft. Tas Gejammer dieser Gewerkschaftsführer machte sich da in Sätzen wie folgt Luft:
„Selbftgefäfftge, strahlende Borniertheit' hat bie rote R»sa uns vorgeworfen — „Fußtritte ins «rruz haben wir erhalten.' — „Man Hat versucht, Die GewerkichastsnMglleder ihren Füvrern, die sie lelbfi erwädlt Haden, zu eniftemben; man Hal direkt versucht, sie auszudetzen gegen ihre Leiter. Man hat offiziell zum DiSzipltnbruch aufgesordert' (Müllers. „Ber- tchrumvfle Gewerkschaftsbeamlenbürokratie",. „Pfennigfuchser", „Lerseireler", .Diktatoren", „Spießer" hat man uns geschimpft! — „Seit zehn Jahren haben wir Gewerkschaftler uns beichtwpien, dir fchümmsten Anschul- Vigungen über uns ergehen lassen müssen, ohne daß wir darauf geantwortet haben" .... „Wir haben geschwiegen im Interesse der Einigkeit, wir haben uns prügeln lassen" (Demhard). — „Man Hal versucht, in der Parleipreffe, in Versammlungen in ganz chsiematischer Weise die Masse« gegen bie Führer der Gewerkschaften oufzuhehen. (Sehr richtig!) Man hat ihnen gesagt: Seht, daS sind diese vollgejresse» n en Serie, mit denen müßt ihr euch auseinandersetzen" i$öme!burg).
Und dieselben Leute gehen jetzt hin und lei- sten die Wahlarbeit für eine Partei, von der sie nicht sicher sind, ob ihnen nach der Wahl, wenn der Mohr seine Schuldigkeit getan hat, nicht wieder das gleiche an Mißachtung und hündischer Bebandlung widerfahrt, das sie bisher haben über sich ergehen lassen müssen. Aerger kann die politische Selbsterniedrigung wohl kaum getrieben werden.
Für aufrechte Arbeiter ist in solchen Gewerkschaften kein Platz und auch ebensowenig in der mit ihnen jetzt berbrüberten „roten Partei'. Das muß auch am 12 '\muar zum Ausdruck kommen!
Deutsches Reich.
♦* Beamte und Religion Die amtliche Statist. Korr. beschäftigt sich mit dem Religionsbekenntnis der Beamten in Preußen und stellt dabei folgendes fest:
Nach der Berufszählung von 1907 entfielen von der Gesamtbevölkerung 62,77 auf die Evangelischen, 36,82 v. H. aus die Katholiken und 0,99 auf die Juden. An der erwerbstätigen Bevölkerung waren die Evangelischen mit 63,38, die Katholiken mit 35,42 und die Juden mit 1,06 v. H. beteiligt. Auf die Berifis- nbtetlung E, welche die im Militär-, Hot-, bürgerlichen und kirchlichen Dienste Befindlichen, sowie die sog. treten Berufe umfaßt, enthalten 69,64 v. H. Evan- aelische, 28,67 v. H. Katholiken und 1,27 v. H. Juden. Die Katholiken widmen sich also im allgemeinen dem öffentlichen Dienste und den freien Beritten viel weniger, als ihrem Antell au der erwerbssährge» Bevölkerung rutommt. Noch viel mehr treten sie im eigentlichen Beamtentum zurück. In der Berussarl E 2, welche die Hof-, Reichs-, Staats-, Kommunal-, slandesherrliche Berwaltung, Rechlspfiege, Straf- und Aesängnisverwaltung, Verwaltung von Arberls- und Besserungshäusern und Wohllätigkeitsansialten umfaßt, wa<en im Jahre 1907 73,10 v. H. Evangelische, 25,36 o. H Katholiken und 1,20 Juden vorhanden. Allerdings hat sich seit 1882 der Anteil der Katholiken um 1,2i und der der Juden um 0,20 v. H. erhöht, während Der der Evangelischen entsprechend zurückge äugen t!f. — In den einzelnen Beruisgruppen ist das Verhältnis 6er Konfessionen zu einander recht verschieden. Unter den höheren Reichs- und Staatsbeamten befinden sich 77,18 v. H. Evangelische, 18,92 v. H. Katholiken, 0,56 v. H. andere Christen, 2,85 v. H. Inden und 0.55 o. H. sonstigen Bekenntnissen Unter den Richtern und Staatsanwälten sind 71,05 v. H. Evangelische, dagegen 23,27 Katholiken und 5,39 v. H. Juden. Noch viel mehr treten die Juden bei den Rechtsanwälten mit 17,78 v. H. hervor; die Katholiken machen hier 24,04 u. H. und die Evangelischen 57,53 v. H. aus. Unter den höheren Kommunatbeamten sind 69,34 v. H. Evangelische, 29,20 v. H. Katholiken und 1,03 v. H. Juden. Unter den mittleren Rerchs- und Staatsbeamten sind 76.59 v. H. Evangelische, 23,76 v. H. Katholiken und 0,41 v. H. Juden, unter den niederen Reichs- und Staatsbeamten 76,40, 23,06 und 0,21 v. H. Bei den Hofbeamlen überwiegen die Evangelischen staik; Juden gibt es unter ihnen nicht. Die Katholiken sind ver- hättnismäßig am stärksten vertreten bei den höheren Beamten der standesherrlichen Berwaltung mit 47,06 v. H., demnächst bei den niederen Beamten der Kommunalverwaltung mit 32,62 v. H.
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Diese Statistik veranschaulicht gleichzeitig auch bie .Parität', wie sie in Preußen den Katho« Itken gegenüber geübt wirb. !
‘ X Tie Zuwendungen zum Wahlsonbs bt8 Bundeß bet Landwirte. Die Angelegenheit der Zuwendung von 20,000 Mark durch bie Glogau-Saganer Fürstentums-Landschaft an ben Wahlsonbs des Bundes der Landwirte ist zum Abschluß gelangt. Der Land» Wirtschafts-Minister Freiherr v. Schorlemer hat auf bie an ihn gerichtete Beschwerde des deutschen Bauernbundes vom 9. Juli 1911 un er dem 9. November d. I. erwidert, daß er dem Anträge des Bauern» dundeS bezw. dessen Vorsitzenden, Prozeß - Agenten Hoest in Beuthen a. b. Oder, die Landschaft in Glogau anzuwci en, daß sie die dem Bunde der Landwirte zugewiesenen 20,000 Mark zuruckfordere, nicht stattzugeben vermöge. Der Fonds, aus dem jene Zuwendung entnommen sei, gehöre nämlich nicht zum Vermögen der Glogau-Saganer Fürsten« tums-Landschast, werde von ihr nicht verwaltet oder beaufsichtigt, deshalb sei der Miutster zu einem Einschreiten nicht zuständig.
+ Die Lasten der Reichsvkrficherungsordnnng nud der Privatbeamtenoerficherimg. Durch bie Reichsver- ficherungsordnutig u. die Plivatbeamtenversicherung werben bet sozialen Fürsorge ht Deutschland nein bebeutenbe Lasten aufgebütbet werden. Rach einer amtlichen Berechnung kostet bereits die heutige soziale Versicherung auf Grund der Arbeitcrschutz- gesetze allen Beteiligten pro Jahr rund 812 Mill, Mark. Hiervon tragen die Arbeitgeber 416, die Arbeitnehmer 344, das Reich 52 Millionen Mark. In den beiden nächsten Jahren werden durch Sie beiden neuen sozialen Gesetze weitere neue Lasten von 284 Mill. Mk. hinzutreten, sodaß im Jahre 1913 für soziale Fürsorge auf Grund von Reichs- gesehen in jedem Jahre 1096 Millionen Match a so über eine Milliarde, ausgegeben werden. Die neuen Lasten verteilen sich wie folgt: 9hbeit« gebet 119, Arbeitnehmer 138, das Reich 27 Mill. Mark. Die Gesamtlasten werden von diesem Jahre an betragen für die Arbeitgeber ' 5, die Arbeit« nehmet 482, das Reich 79 Millionen Mark in jedem Jahr.
=■ Wie der Liberalismus bie Beamten nutz Offiziere inS Lager der Umsturzpartei treibt, zeigt eine Auslassung des Führers der elsaß.- lothringischen Liberalen, des Landtagsabg. Georg Wolf, im .Berliner Sägeblatt' (Nr. 269). Dort schreibt bet Mann in ein m Artikel übet die reichsländischen Wahlen, in dem er besonders gegen die Mahnung bet Regierung an Beamte und Offiziere, sich von der Umsturzpartei fern zu halten, sich wendet.
Im übrigen ist festzufielleu, daß Beamte, KriegervereinSmf t gliebet und Reserveoffiziere sich auf ihre s^atsdürgerk fien Rechte und politische Uederzeugung L. chanen, die Bevormundungsversuche der Beztrfittomiuandeure adgewtesen und mit gutem Gewissen in zahlreichen Kreisen für den j oztaldemokra tisch en Bertragskandidaten gestimmt haben. Das wäre ein lendenlahmer Liberalismus, der auf der einen Seite gegen die Einmischung des Klerus protestiert, und sich auf der andern die verfassungswidrigen militäiischen Einschüchterungsversuche nicht vom Leibe hallen tarnt!
Wenn die Regierung freilich selbst nicht de» Mut findet, energisch gegen die Sozialdemokratie Front zu machen, dann darf man sich nicht wundern, wenn der Liberalismus systemal 1) in solcher Weise politische Brunnenvergiflung betreibt. Diesem frivolen Spiel des Liberalismus mit den höchsten Interessen des Staates und der Monarchie muß mit Nachdruck entgegengetreten werden. j
L. „Aniinational.' Der Vorwurf, antinational zu sein, wird in der bevorstehenden Wahlagitation wieder eine große Rolle gegen daS Zentrum spielen. Da ist es angemessen, an einige Worte zu erinnern, die anders llmgen. Beim Ableben Dr. Liebers, des melangefeinbeten Führers der Zentrumspartei, hat Fürst von Bülow in einem Beileidstelegramm an die Witwe des Verstorbenen die Worte gebraucht: „Die Lauterkeit und Selbstlosigkeit des Charakters, die Ueberzeugungstreue und hingebende Tätigkeit im Dienste des Va terlandes, um dessen Wehrkraft er sich hohe Verdienste erworben bat, sichern ihrem verewigt n Gatten ein dauerndes Andenken.' Graf Limburg-Stil um unb v. Rarborff, gewiß keine Freunde antinationaler Politik, aber auch keine Freunde des Zentrums, haben es eben-
Unpolitische Zeitlaufe.
N. Berlin, 23. November 1911.
. (Nachdruck verboten.)
„Nein, wo» sind bas für undankbare Men- Men! Ich bin bisher mildtätig und hilfsbereit gewesen, aber ich tue es nicht mehr, es lohnt sich nicht, maujirntet nur Undank!'
So wird manchmal gc seufzt und geklagt von Seu= ,ten, die sich in Werken der Bannherzigkeft versucht ;unb den erhofften Lohn der Bewunderung und Ver- Mrung nicht gefunden haben.
E Wenn du der heiligen Elisabeth, beten Fest wir i am Mittwoch gefeiert haben, im Wohltun ; nach eiferst, ist daS sehr schön; aber noch besser ist eS, Vtoenn du sie auch in der Selbstlosigkeit, in dem Ver- auf Menschendank und allen irdischen Lohn dir t Muster nimmst. Elisabeth war ein Engel der Barmherzigkeit, der ringsum alles mit Wohltaten Überhäuft, und diese bewunderswsrte Verkörperung ch« Nächstenliebe erntete Verfolgung, Zurückweisung, Dbdachlosigkeit, daß sie mit ihren Kindern umherirren .mußte als wie ein Auswurf der Menschheit. Als die .Beriwßene an dem Spital, das sie in ihren guten Ta- :gen für die Notleidenden gegründet hatte, hungttg .und todesmatt anpocht, war ihre erste Bitte, man Wöge ein Tedeum singen zum Lobe des Herrn, der sie Heimgesucht. Sie war dankbar, sogar für die Leiden, aber sie erwartete keinen Dank von den Menschen. Sie klagte nicht darüber, daß auch diejenigen, die sie jtinft beschenkt, und in ihren Krankheiten persönlich tzepflcgt hatte, ihr die Türen verschlossen hatten.
Bis zu diesem Gipse! der freubigen Selbstverleugnung werden wir eS wohl nicht bringen; doch können Wir wohl die glitt Lehre profitieren, daß man ben -Nächsten Gutes tun. soll und lieben nicht aus Speku- Mtio.i auf die Dankbarkeit.
Wer auf die Dankbarkeit der Menschen spekuliert, gt aus dem Wohltun ein Geschäft, und es ist ein echtes Geschäft, da» in den meisten Fällen sinern Fehlschlag enden wird. Dankbarkett ist eine nze, die Erden selten gedeiht, und wenn sie
irgendwo aufblüht, so ist sie nicht wetterfest. Hübsche Dankesworte bekommt man wohl mal zu hören, aber sie verwehen schnell im Winde, und wenn sogar eine Dankes träne fließen sollte, so vertrocknet sie doch sehr bald. Die Menschen vergessen nicht- so schnell, als empfangene Wohltaten, und wenn sie gelegentlich auf die „alte Geschichte' wieder aufmerksam gemacht werden, so haben fie ein unangenehmes Gefühl, als ob ihnen eine Last neu aufgeladen werden solle. Wer sich über biefen schlechten Zug der Menschennatur entrüsten Will, der greife vorsichtshalber erst in den eigenen Busen. Wtt affe, auch die reichsten und höchstge- stefften unter uns, haben Wohltaten empfangen, viele und große Wohltaten der mannigfachsten Art, von den Eltern und dm Anverwandten, von dem Lehrer und dem Seelsorger, von treuen Freunden, die uns gelegentlich mit gutem Zuspruch und fördernder Hilfe zur Seite standen. Wir haben uns die Freundlichkeiten, die Wohllaten, die Opfer gern gefallen kaffen. Aber Wie war es mit der Gegenleistung, mtt der Dankbar- keit bestellt? Haben wir den liebevollen Eltern nicht Zeit ihres Lebens manchen Aerger und Kummer bereitet? Haben wir späterhin ihren Lehren und Wün- schm tteulich Folge gegeben? Würden die Seelsorger und Lehrer, die sich so sorgsam um unsere Erziehung bemüht haben, eine reine Freude gehabt haben, wenn sie die Frucht ihrer Strbeit mit hätten verfolgen können? Und habm wir die Freunde, die uns seiner Zett Gutes cetan, nicht gar bald vergessen? Vielleicht sogar durch hartes Urteil oder gesÄschastliche Verleugnung gekränkt, als fie au« besseren Verhältnissen herunterfmcken? „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein'. Wer selber niemals an dankbarer Liebe es hat fehlen lassen, der möge mtt der Klage über Undankbarkeit beginnen.
Den Eltern, die mit ihren Kindern fe viel Sorge unb Last haben, habe ich früher schon einmal den guten Rat gegeben, sie sollen die DankeSrechnung nach rückwärts hin aufstellen. Das heißt, wtr sollen uns bewußt fein, daß unsere Eltern ebenso viele opfer- volle Arbett für unS geleistet haben und daß es also unsere einfache Pflicht und Schuldizkeü ist, für unsere Kinder da» Gleiche zu leisten. Darau» können wir
uns also kein großes Verdienst und keinen Anspruch auf Belohnung herleiten, sondern nach mühsamer Er» ziehung unseres Nachwuchses können wir höchstens sagen: Wir sind quitt; ich habe die alte Rechnung aus meiner Kindheits» und Jugendzeit jetzt beglichen! — Dieser Gedanke läßt sich allgemein anwenden. Wir haben in unserem Leben schon so viel Schönes unb Gutes von liebevollen Mitmenschen empfangen, daß wir uns von Rechts und Anstands wegen revanchieren müssen, d. h. auch unsererseits den Mitmenschen recht viel zu Liebe tun müssen. Also seien wir freundlich, edel, hilfteich und gut, — ohne bamir zu prahlen unb ohne auf eine Lorbeerkrone des Dankes zu rechnen.
Solltest du aber mit diesen Abzahlungsgedanken dich nicht zufrieden geben, sondern durchaus eine Belohnung für deine guten Taten ins Auge fassen wollen, so suche biefen Lohn nicht bei deinen Mitmenschen, sondern beim lieben Gott und in deinem eigenen Herzen.
Beim lieben Gott findet alles seinen gebührenden Lohn. Den darf man erhoffen mit gesenktem Haupt, aber man darf ihn nicht fordern in der Haltung de» Pharisäers, der dem Herrn vorrrchnete, daß er zweimal in bet Woche faste unb ein Zehntel von feinem Vermögen opfere. Ach, wa» du den Armen schenkest, da» ist dir ja vom Heben Gott zuerst geschenkt worden Wenn du eS selber erworben hast, so verdankst du doch nur dem Himmel die Fähigkeit des Erwerbe». Und wenn du Kranke besucht und gepflegt, Bedrängte nut freundlichem Wort unb gutem Rat aufgerichtet hast, so hat dir doch erst der Schöpfer die körperlichen unb geistigen Kräfte zu diesen Liebeswerken gegeben. Also treten wir nur ja nicht stolz und anspruchsvoll vor daS Auge des Höchsten, sondern sagen wir demütig: Du hast mir die Talente gegeben, mtt denen ich auf Erden zu wirken gesucht habe, und wenn ich mit deinen Gaben gelegentlich etwa» tun durste, so danke ich dir, daß du mich armenSünder »ficht ganz verlaffm hast, unb bitte um nicht» andere», al» um deine Gnade in der Sterbestunde.
Und der Lohn im eigenen Herzen? O, der ist bcher, al» aller Dank oder Ruten bei den andern
Menschen. Wer seinen Nächsten wohltut, l tut sich seW erst recht wohl. Wer Liebe säet, der erntet nich immer Liebe, aber er erntet Behagen. Er fühlt, das er etwas Nützliches und Schönes vollbracht hat. Wenn er sich auch nichts einbildet auf sein Tun, so gibt doch das Bewußtsein, einen kleinen Beitrag zur Milderung des Elends in der 89:1t geliefert zu haben, ihm eine gewisse Befriedigung, eine Auffrischung seiner Spannkraft Er fühlt sich als einen Mitarbeiter an der Weltordmmg, afferL .ig? nur als einen unwürdigen, winzigen Handlanger, aber doch als Helfer an dem großen Werk der versöhnenden, ausgleichenden Liebe. So kann man mit Recht sagen, bie gute Tat finde schon ihren Lohn in sich selbst.
Ein Spötter hat gesagt, bie reinste Freude sei di« Schadenfteude. Richtig ist: die reinste Freude aus Erden ist das innere Behagen nach einem edlen Liebeswerk. Wer diese Herzerhebung recht auszukosten tveiß, der wird keinen anderen Lohn verlangen unb sich durch den Mangel an menschlicher Dankbarkeit nicht abhaltin taffen von der Betätigung feiner Nächstenliebe.
Von diesem GefichtSpunki au8 erkennt man auch leicht, daß zwischen der werktätigen Nächstenliebe und dem eigenen Interesse kein Gegensatz besteht — wenn man nur das eigene Interesse richtig versteht. „Du soffst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.' Nun, wenn du dir seW so recht was zugute tun willst, so erweise deinem Nächsten Wohltaten, denn fie bringen bk Wucherzinsen sowohl in der Gegenwart als in der Zukunft.
— Die letzten Früchte welche uns ein Jahreslaus beschert, find die Stoffe. Wie vielerlei Arien gibt e» jetzt im Handel; aber nur die Vegetarier wissen, daß Nüsse eigentlich eine Jdealnahmng barfteffen. Sie enthalte« weit mehr Fett als z. B. das Fleisch, ferner in größter Menge da» noch wertvollere Eiweiß, unb endlich auch in hervorragendem Maße bie uns» rem Körper ebenfalls gcknz unentbehrliche Stärke, Don Stoffen allein könnte man sein Leben fristens Man sieht daraus, wie vorteilhaft e» ist, neben and»-