M 270.
Samstag 25. November <M
38. Jahrgang.
0 sa ess) (^^)s | Aue Wett und Wissen. | S(c^S) s® (^S)CD
Der motorlose Gleiistieger der Gebrüder ÄZrrght.
Aus Newyork wird der Fcankfurier Zeitung ßt- sHrieben:
‘ ,Meine Herren, wir haben gefunden, was wir fuditen. Jetzt gibt's noch eine Weile harte Arbeit für uns, und dann, in etwa einem Monat, werden wir mehr Neuigkeiten für Sie habm. Nur der Instinkt zum Fliegen, der in jedem Menschen schlummert, muß geweckt werden. Dazu ist diese Gleitmaschine konstruiert. Dann kann jedermann fliegen, gerade wie man gehen oder schwimmen kann." Das waren die Erklärungen, die Or- Ville Wright vor einigen Tagen einer Gruppe von Leitungskorrespondenton gab, die sich in Kitty Haivk (Nord-Carolina) eingefunden hatten, um die Wrights bei ihren Experimenten zu beobachten und „Genaueres" über ihre neueste Erfindung zu erfahren. Mehr Äs diese Beobachtungen aber haben die Besucher nicht mit heimgebracht. Denn erfahren, von den Fliegern etwas über ihre neuen Apparate erfahren — gerade so gut Hütte ein Reporter von Napoleon
Pläne für seine nächste Schlacht erfahren können.
Wrights, ohnehin nicht besonders gesprächig, verfügen über eine erstaunliche Fähigkeit zu schweigen, toenn es sich um ihre Erfindungen handelt.
Sachverständige werden über den Wen des motorlosen Gleitfliegers und über die Prinzipien seiner Konstruktion zu sprechen haben. Hier eine Beschreibung des Flugzeuge? nach der Schilde- Mng eines Augenzeugen und nach vorliegenden Photographien: Die Maschine scheint auf den erstm Blick einem Zweidecker zu gleichen: zwei durch Streben verbundene breite Tragflächen, von bencn aus nach rückwärts sich das Ruder streckt, vorn der Sitz für den Flieger, darunter ein biegsames schliß tenkufcnartiges Gestell aus Stahl. Das Fehlen des Motors und der Propeller fällt zunächst auf. Weiter bemerkt man unter dem Sitze eine nach vorn ragende Stange, an deren Ende ein acht Pfund schwerer Sandsack hä,rgi; im Fluge sicht dieser Teil de? Flugapparates aus wie der tveit vorgestreckte Hals und Kopf eines Vogels. Der Sandsack ist das Gegengewicht des Ruders. Dieses besteht aus Kvei Lciinvandflächeu, deren eine, vertikale, etwa zwei Fuß über die obere Gleitsläche ragt, während die zweite, horizontale, etwas unter dieser Fläche liegt. Die erste folgt in ihrer Stellung jeder Körperbe- swegung b<3 Fliegers, die zweite wird durch einen Webel mit der Hand eingestellt. Eine dritte Mache, 3bie links neben dem Sitze angebracht ist, dienr dazu, sden Flugapparat in einen gewünschten Winkel zur -Windrichtung zu bringen.
Die Maschine war auf einem etwa fiebenhmibert Fuß hohen Hügel aufgestellt; zwei Männer schoben sie, als Orville Wright seinen Sitz eingenommen hatte, den Abhang hinab, einem scharfen Nordost-, _lvin.be entgegen. Auf WrighiS Kommando ließen sie los, und leicht und graziös erhob sich das Flugzeug in eine Höhe von etwa 20 Fuß. Dort schwebte eS ruhig, und man konnte deutlich beobachten, wie Wright böigen Wndstößen durch Neigen seines Körpers begegnete. Plötzlich ein Griff, eine leichte Wendung eines der ^überflügel, und Ne Maschine schoß aufwärts, um sogleich wieder wagrecht festzustehen. Dann eine Drehung der Steuerfläche, an Wrights Seite, und die Maschine schoß in scharfem Winkel unter bem Winde dahin. Nach ein paar weiteren Wendungen erfolgte die Landung ebenso leicht und graziös, wie die gcmzen Manöver ausgeführt worden waren.
Die WrighiS wollen, sowie sie einige Verbeffe- ningen und Ergänzungen an dieser Maschine ausge- .führt haben, ihre Fabrikation in großem Maßstabe betreiben und sie in Fliegerschulen, die in allen Teilen der Welt eingerichtet werden sollen, verwenden, „um bei Flieger-Instinkt der Menschen zu erwecken". Nachdem die Schüler an der Maschine gelernt haben, ihre Bewegungen in der Luft zu meistern, sollen sie sich an Motormaschinen versuchen. Um ein Flugzeug, das ohne Motor irgend welche Strecken zurücklegen kann, handelt es sich also augenscheinlich nicht. Die Kraft des entgegenwehenden Windes wird zur Hebung des Gleiffliegers benutzt. Die letzten Experimente der Wrights haben wohl größtenteils der automatischen Balanzierung.der Maschine gegolten.
Die Kirche der Heiligen Weisheit in Konstantinopel.
Bon Sven Hedin.*)
Wir zählen das Jahr 548 nach Christi Geburt. Eine her herrlichsten Kirchen der Christenheit ist so- eben von den größten Baumeistern jener Zeit, Kleinasiaten, vollendet worden. Sechzehn Jahre hat di» Arbeir gedauert und zehntausend Arbeiter unaushör- flich beschäftigt. Jetzt aber steht das Riesenwerk fertig da, und heute soll die Kirche der Heiligen Weisheit eingeweiht werben.
Der große Kaiser des Byzantinischen Reiches, -Justinianus, kommt auf schnellem Viergespann haher- •‘gefahren und betritt in Begleitung des Patriarchen (von Konstantinopel die Kirche. Ihr Inneres ist so wett wie ein Marktplatz, und 56 Meter hoch wölbt
) Eine Weltteile mit Sven Hedi« — das ist das Neueste auf dem Büchermarkt. Der berühmte Forscher chat em Volks- und Jugendbuch unter dem Litel „Von Pol zu Pott geschrieben, das soeben bei Brockhaus in ;Letp.;tg erscheint, und dem wir daS obige Kapitel ent« tWebmen. Eine Weltreise für 3 Mk. - denn mehr kostet das mit Abbildungen und Karten vortrefflich ausge- 23ert nicht! Und zwar eine Fahrt um die vstnche Halbkugel der Erde, durch Osteuropa, Stilen und Australien, wer möchte da nicht mit, ob alt oder jung? DesouderS wenn ein so glänzender Schriftsteller rote Media die Wunder der Welt in spannenden Seife« abenteuern, novellistischen Episoden und hinreißenden 'Schilderungen vor uns ausbreilet! Kurz: ein in jedem einzelnen seiner 72 Kapitel fesselndes Buch, daS für da? Diesjährige Weihnachtssest wie gerufen kommt und Dbendrein noch einen aktuellen Retz besitzt, da eS uns Abgesehen von Indien, Tibet usw. über die Kriegsschau. Plätze der Gegenwart, die Türkei, Persien und China .führt.
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sich, einem Himmel gleich, die Kuppel. Justinian sieht sich um und freut sich seines Werkes. Er bewundert den bunten Marmor an den Wänden, die kunstvolle Mosack im Goldgrund bei Kuppel, die hundert Säulen aus rotem Porphyr und grünem Marmor, die Kuppel und Galerien ttagen. Unermeßlich ist der Reichtum deS Kaisers! Sieben Goldkreuze hat er der neuerbauten Kirche geschenft, jedes einen Zentner schwerI Vierzigtausend Kelchbecken, alle mit Perlen unb Edelsteinen gesttckt, birgt die Sakristei, und viemndzwanzig Bibeln, die in ihren goldbeschlagenen Deckeln jede zwei Zentner wiegen! Die Tür- beScibungcn bet brei Portale sind aus Bauholz von der Arche Noah gezimmett, und die Türen des Haupteingangs sind gediegenes Silber; bie übrigen tragen prachtvolle eingelegte Arbeit aus Zedernholz, Elfenbein und Bernstein. Zwischen zwölf silbernen Säulen prangt, gleichfalls aus getriebenem Silber, ab-r vergoldet, das Allerheiligste lieses Tempels, ein Bild des Gekreuzigten, ein getreues Abbild jenes Kreuzes, das römische Barbaren mehr als fünfhundert Jahre vorher in Jerusalem errichttien.
Das Gewölbe schwimmt in Licht. Silberne Kronleuchter über dem Haupt des Kaisers bilben eine mächtige Kreuzesform, ein Sinnblld des sieghaften Glanzes himmlischen Lichtes über der Finsternis der Erde. In der Kuppelmosaik leuchten die milden Antlitze der Heiligen, die in swmmer Andacht vor Gott knien: unter der Wölbung schweben die vier Cherubim. Unb der Kaiser denkt des zweiten Buches Mosis: „Die Cherubim breiteten ihre Flügel aus von obenher unb deckten damit den Gnadenstuhl; und ihre Antlitze ftunbtn gegeneinander und sahen auf den Gnadenstuhl!" Wat es in diesem neuen Tempel nicht ebenso? Ergriffen von Demut vor dem Allerhöchsten, aber zugleich voll menschlichen Stolzes fällt Justinian auf die Knie nieder und ruft: „Gepriesen sei Gott, bet mich gewürdigt hat, dies Werk zu vollenden! Ich Hoche dich besiegt, Salomo!"
Dann ertönen Flöten unb Trommeln, und die Jubelliedet des Volkes hallen zwischen den Häusem wider, aus beten Fenstern lange Bahnen kostbaren Brokates herunterhängen. Vierzehn Tage dauert das Fest; Tonnen voll Silbetmünzen werden unter das Volk verteilt, unb bie ganze Stadt ist Gast des Kaisers. — —
Unb neue Generationen, neue Jahrhunderte folgen in bet Spm bet alten. In der Kirche der Heiligen Weisheit werden noch immer die christlichen Jahresfeste prunkvoll begangen, und Pakimchen unb Kirchenväter versammeln sich hier zu gebfctenben Konzilien. Fast sind tausend Jahre über dies gewaltige Gotteshaus hingetauscht. Da bricht der 29. Mai des Jahres 1453 an.
Der türkische Sultan hat mit feinen zahllosen Kriegerscharen bie Mauern Konstantinopels erstürmt. Wahnsinnig vor Entsetzen flüchten hunderttausend Männer, Frauen unb Kinder in bie Hagia Sophia, bie übrige Stadt der Verwüstung pteisgebenb. Der Eroberer wirb es nicht wagen, biesen helligen Ort zu schänden! In der Stunde der Not, so lautet eine Prophezeiung, wird ein Engel Gottes vom Himmel steigen, um Kirche unb Stadt zu retten.
Da dröhnen bie wilden Tromvetetstöße bet Mohammedaner schon von den nahen Hügeln. Herzzerreißende Angstrufe hallen unter den Wölbungen wider, Mütter drücken ihre Kinder ans Hetz, Ehegatten umarmen sich, Galeerensklaven, bie Handgelenke noch in Ketten, flüchten sich in das Dunkel hinter den Säulen. Donnernd schlagen die Beile der Mohammedaner gegen die Pforten; Splitter kostbaren Holzes fliegen unter den Hieben. Noch kracht bie eine Tür in ben Fugen, die andere ist schon gesprengt. Mit Feuer unb Schwert seine Lehre zu verbreiten, ist ja der Befehl des Propheten, bas schändlichste Gebot, das je einer Religion entstammte. Berauscht schon von dem blutigen Gemetzel an bet Mauer stürmen bie Janitscharen herein, und mit triefenden Krummsäbeln mähen sie ihre Emte nieder nach dem Befehl des Propheten. Haufm Wehrloser werden mit Ketten gefesselt und wie Vieh hinausgetrieben. Dann geht es an die Plünderung. Unter Schwert- Hieben und Lanzenstößen zersplittert die Mosaik, die kostbaren Altarbecken werden hervorgerissen und unermeßliche Schatze an Gold und Silber auf die Rücken der Maulesel und Kamele geladen. Unter wildem Geheul wird das Bllb des Gekreuzigten durch die Kirche getragen, ein schwarzbärtiger Moslem hat ihm voll wahnwitzigen Religionshasses seine Jmritscharenmützr auf die Dornenkrone gedrückt, und den übermütigen Siegesjubel überschreien die Worte des Hohns: „Das ist der Gott der Christen!"
Da oben am Hauptaltar ober steht ein griechischer Bischof in hohepriefterlichem Ornat. Furchtlos lieft er mit lauter, ruhiger Stimme bie Messe für bie Christen unb spendet ihnen Trost in ihrer furchtbaren Not. Wer schließlich steht et ganz allein. Da ergreift er den goldenen Kelch und schreitet die Treppe hinauf zu den oberen Galerien. Jetzt bemerken ihn bie Türken, und mit gezückten Säbeln und gesenkten Speeren stürmt ein Schwarm Janitscharen hinter ihm drein. Im nächsten Augenblick wird et tot über seinem Kelche zusammenbrechen, denn Entrinnen ist unmöglich, rings starren fieinente Wände. Doch in diesem Augenblick öffnet sich plötzlich vor ihm die graue Steinmauer, der Bischof tritt hindurch unb schon ist die Pforte wieder verschwunden. Starr vor Staunen prallen bie Türken zurück, bann aber geht es mit Spießen unb Beilen auf die Mauer los. Aber sie gibt nicht nach, und bie Steine spotten ihrer vorgeblichen Anstrengung. Voll ratlosen Staunens ziehen sich die Soldaten zurück.
Unten im Schiff bet Kirche haben Plünderung und Lärm ihren Höhepunkt erreicht, da trägt ein schnaubendes Sttettroß einen Reiter ans Hauptpottal. Mohammedanische Heerführer und Paschas begleiten ihn. Der Eroberer selbst, Mohammed IJJ., bet Sultan bet Tücken, naht. Et ist jung unb stolz und von unbeugsamem Willen, aber auch ernsten Sinnes. Zu Fuß schreitet er über die Marmorplatten, bie vor tausend Iahten der Fuß deS christlichen Kaisers Justinian berührte. Das erste, was er steht, ist ein Janttschar, der mutwillig mit dem Beil den Marmotboden zerhackt. Mohammed tritt an ihn heran und fragt: „Warum?" — „Um des Glaubens willen!" ist die Antwort. Da schlägt der Sultan mtt seinem Säbel ben Soidatm nteber. „Ihr Hunde! Habt ihr nicht genug an der Beute? Die Gebäude dieser Stadt find mein!" Den Erschlagenen mit dem Fuße beifette stoßend, geht er hinauf aus die chtMsche Kanzel unb übergibt mit tönender
t Zeitung
Stimme bie Kirche bet Heiligen Weisheit dem Islam als Eigentum. —
Viereinhalb Jahrhundert sind eS jetzt her, daß auf der Domkuppel bet Hagia Sophia das Kreuz durch einen mächtigen Halbmond ersetzt wurde, unb allabendlich tönt noch immer von der Plattform der Minaretts, beten bie Tücken biet an bie Kirche an- gebaut haben, bie Stimme des Gebetrufers. Er trägt einen weißen Turban und einen lang herab- wallenden Mantel. Nach allen vier Himmelstichtun- gen läßt er seine wohllautende Stimme übet Stam- bitt ertönen; sie klingt von silberklaren, langgezoge- nen A-Lauten und vollen Ls unb weckt das Echo nahe unb fern. „Gott ist groß", lauten seine Worte. Außer Gott ist kein Gott und Mohammeb ist fein Prophet! Kommet zum Heile! Kommt zur Erlösung! Gott ist groß. Außer Gott ist fein Gott!
Nun versinkt die Sonne unter dem -'wrizont. Da ertönt ein Kanonenschuß. Denn es ist Fost-mmonat, wähtmd dessen die Mohammedamr tagsüber weder essen noch ttinken noch rauchen dürfen. So befiehlt der Prophet im Koran, ihrer heiligen Schrift. Jenes Zeichm verkündet für heute das Ende der Fasten, und wenn sich die Rechtgläubigen nun gelabt habm an dampfenden Fleischknödeln und Reisvuddings, an Obst, Mokka und Wasserpfeife, dann lenken sie ihre Schritte zur alten Kirche der Zeitigen Weisheit, wie sie noch immer heißt. Um die Minaretts hemm leuchten Tausende von Lampen, und zwischen ben Türmen schreiben flackernde Lichter heilige Namen auf das Dunkel der Nacht. Im Innern der Moschee aber hängen an fünfzig Meter langen Ketten Kronleuchter mit unzähligen Oellampen, und auf straff- gespannten Seilen sitzen Lichter so dicht wie die Kugeln des Rosenkranzes. Ein Lichtmeet überflutet ben Boben bet Moschee. Mächtige grüne Schilde an ben Säulen tragen in goldener Schrift bie Namen Allahs, Mohammeds und der Heiligen; die Schtistzeichen allein sind jedes neun Meter hoch.
Der Fußboden ist mit Strohmatten bedeckt; wer einfci'Ä muß bie Schuhe ausziehen und Gesicht, Hände unb Atme waschen. Weiße und grüne Turbane und rote Feste mit schwarzen Troddeln mischen sich durcheinander. Alle Andächtige« wenden das Gesicht nach Mekka hin. Auf einmal heben sie die Hände bis zur Höhe des Gesichtes, die Handflächen nach vom aefebri, und halten die Damnen an die Ohrlävpchem Dann beugen sie den Oberkörper vornüber unb stemmen die Hände gegen die Knie. Zuletzt fallen sie auf die Knie und berühren den Fuß- boben mit ber Stirn. „Das Gebet ist der Schlüssel zum Paradiese", sagt der Koran, und jeder Teil des Gebetes erso.deri eine bestimmte Körperstellung.
Aus der Kanzel steht ein Priester. Seine klare, singende Stimme unterbricht die feierliche Stille. Das letzte Wort verklingt auf seinen Lippen, aber es hallt noch lange in ber dämmerigen Wölbung der Kuppel nach unb flattert tote ein unruhiger Geist zwischen ben Statuen ber Cherubim.
Den Tücken aber ist nicht mehr geheuer in diesem ihrem Heiligtum. Die Stunde der Abrechnung wird auch für die Eroberer der Hagia Sophia einmal kommen, unb immer mehr Bewohner Stambuls geben ihre Grabstellen braußen auf den Friedhöfen vor der Stadtmauer auf und überführen ihre Toten nach Skutari, um sie im Schatten asiatischer Zypressen ruhen zu lassen. Unb bie Griechen glauben noch immer, daß an dem Tage, >vo die Hagia Sophia wieder in die Hände der Christen zurückkehrt, die Mauer droben auf der Gctterie sich öffnet unb bet Bischof mtt dem Kelche in ber Hand wieder hervortritt. Ruhig unb würdevoll steigt er bi? Treppe herunter, durchschreitet bie Kirche, tritt an Cen Hauptaltar unb lieft feine Messe weiter, genau von ber Stelle an, wo ihn vor vierhundertfünfzig Jahren bie Türken unterbrochen haben!
--- Bom (Mit
Die moderne Technik ist im Lause der letzten Jahrzehnte derart von Erfolg zu Erfolg fortgeschritten, daß man sich schon bald über gar nichts mehr wundert als höchstens darüber, toenn es ihr einmal nicht gelingt, irgend ein Problem zu lösen. Man -nimmt ihre Triumphe getoissermaßen als bie selbstverständlichen Abschnitte einer fortschreitenden Entwicklung hin und ist durch die vielen getoaltigen Errungenschaften der neueren Zeit allmählich so abgebrüht toorden, daß man sich auch nicht mehr allzusehr ivundern würde, wenn es über kurz oder lang gelingen sollte, mtt den Marsbetoohnern in Verbindung zu treten. Zuweilen aber tauchen doch noch Dinge auf, die auch bei denen, welche es sich zur Lebensaufgabe'gemacht haben, nichts zu bewun- dern, staunende Bewunderung Hervorrufen, Dinge, die eben außerhalb des Rahmens jeder Berechnung oder Voraussicht sollen. Zu diesen Dingen gehört ein neuer Stoff, ein „Universalstoff", tote man ihn vielleicht nennen könnte, ein Stoff, von dem niemanb zu sagen vermag, was er eigen lisch ist, und ber doch wieder alles ist, da er gleichzeitig als Leder, als Gummi, als Horn, ja sogar als Glas und noch vieles andere verwendet werden kamt.
Dieser Stoff ist das vom Chemiker Tr. Eichen- grün neu erfundene „Cellit", und die Art und Weife wie es erfunden wurde, ist bezeichnend für die Geschichte so mancher Erfindungen. Man wollte nur einen schon längst bekannten Körper verbessern und entdeckte dabei einen neuen von wahrhaft universalen Eigenschaften. Die Sache selbst aber kam so: Bekanntlich hat das Celluloid die unangenehme Eigenschaft, leicht zu brennen, ja sogar selbstentzündlich zu sein. Es sind Fälle bekannt, wo Celluloidkämme in den Haaren von Damen, welche in der Nähe eines Ofens saßen, von selbst in Brand gerieten, unb bann sinb wieder andere Fälle bekannt, wo solche Kämme in den Schaufenstern von Friseuren entflammte«, toenn die Sonne darauf schien. Ganz besonders häufig aber kam es vor, daß die Films, tote sie bei kinemaiographischen Vorführungen ber« toenbet werben, in Brand gerieten. Eine furchtbare Katastrophe dieser Art ereignete sich vor drei Jahren zu Bohertoton in Pennsylvanten, wo infolge des Anbrennens eines derartigen Films fast hundert Menschen ihr Leben verloren. Auch das furchtbare Brattdunglück auf dem Pariser Wohltätigkeitsbazar des Jahres 1897, bei dem einer ber kurz vorher erfundenen Kinematographen die Urfache einer Katastrophe wurde, steht noch in unser aller Ermnernng. Rian hat inzwischen durch zahlreiche Verbesserungen an den Kinematogravhen selbst die Gefahr zwar beseitet, aber das Celluloid ist trotzdem ein gesähr-
4. Blatt.
vr«ck Verlag ber zmtzaer Äclieebrntfetel in $niba.
kicher Körper geblieben, dessen Behandlung besondere Sorgfalt erheischt. Die verschiedenen Unglücksfälle aber hatten die Frage gezeittgi, ob es nicht möglich ist, ein unverbrennbares Celluloid herzu- stellen.
Auf die Lösung dieser Frage richteten sich zunächst die Bestrebungen der Chemiker und bei seinen Be- mühnngen, das Celluloid unverbrennlich zu maehen, hat ber bereits erwähnte Dr. Eichengrün ben fori - barsten aller bisher bekannten Stosse, das „Ccw." erfunden. Es ist von einer solchen Vielseitigkeit, toie sie in einem einzigen Körper wohl noch niemals vorhanden gewesen sein dürste. Man Imin daraus alles mögliche machen, sowohl harte wie weiche Schichten, man kann es als Leder verwenden, als Gummi benutzen und es läßt sich zu hohlen Formen blasen wie Glas. Es ist tatsächlich ein Stoss, bex mit bet Durchsichtigkeit des Glases bie Biegsamkeit unb Geschmeidigkeit eines Wollstoffes vereinigt. Plan kann daraus Gegenstände Herstellen, die Prägungen nach Art des Kristall- ober Facetteglases answeiscn, man kann aus ihm Papier gewinnen, die den Eindruck von Emaille machen, und man kann aus ihm auch schwarz- unb buntfarbige Lackleder sowie wachstuchartige Stoffe gewinnen, die sich von gewöhnlichen Wachstuch noch dadurch vorteichaft unterscheiden, daß man es nicht nötig hat, durch Schablonen Muster auszudrucken. Das Muster des Stoffes kommt vielmehr durch die glasklare darüber befindliche Cellit- schicht zur Wirkung.
Auch hornartige Massen lassen sich aus dem Cellit gewinnen. Setzt man dem Celluloid etwas Zinkweis zu, so erhält man eine hornartige Masse, die in ihrem Aussehen dem Elfenbein sehr ähnelt, unb aus der Stockgriffe, Zigarettenetuis unb ähnliche Dinge hergestellt werden. Das Cellit bildet gleichfalls derartige hornartige Massen unb läßt sich durch geeignete Behandlung in bezug auf seine Härte und Festigkeit derart beeinflussen, daß man dieses künstliche "Horn auf der Drehbank abdrehen, baß man es hobeln und raspeln, bohren und polieren usw. kann. Das Horn ist ebenso wie jede andere Abart des Cellit nicht brennbar und vollkommen wasserbeständig, so daß man es durch Abwaschen zu reinigen vermag. Behandelt man das Cellit in anderer Weise, so entstehen weiche Massen, die dem Gummi ent- sprechen und die ebenso wie die harte Abart nicht brüchig, wasserbeständig und feuerfest sind. Es lassen sich aus dem Cellit aber auch ganz feine hauchdünne Plättchen gewinnen, mit denen man Papier und Stoff überziehen kann, die sich für Buchbinderarbeiten unb Galanteriearbeiten eignen. Derartige Ueberzüge sind dünn, biegsam und dehnbar und haften sehr fest an der Unterlage, so daß diese in jeder beliebigen Weise verarbeitet werden kann. Wegen seiner Beständigkeit gegen Feuchtigkeit und well es auch die Lust nicht durchläßt, eignet sich das Cellit ganz besonders als elegantes Verpackung»-, material. Da man es beliebig zu färben vermag, sa kann man für dieses Verpackungsmaterial, tote auch für alle übrigen Gegenstände, die schönsten Muster verwenden. Auch ganz dünne, seine, schleier- artige unb dabei glasklar durchsichtige Häutchen kann man aus dem Cellit anfertigen, die den feinen Gelatinehäutchen ähneln, mit denen in manchen Schaufenstern die ausgestellten Gegenstände bedeckt werden, um sie vor dem Verstauben und den Fliegen zu schützen. Außer diesen Horn-, Papier-, leder- unb gummiartigen usw. Massen lassen sich aber noch Hohlkörper gewinnen, so daß das Cellit als Ersatz des Glases dienen kann, da es sich ebenso wie dieses blasen läßt.
Wie man sicht, läßt die Vielseitigkeit dieses merk- toürbigen Stoffes nichts zu wünschen übrig, und er wirb voraussichtlich in Bälde beginnen, in den ber» schiedenartigsten Gewerben eine wichtige Rolle zu spielen. Für einzelne Zweige der Technik hat er jedoch bereits eine ganz besondere Bedeutung erlangt, so z. B. für die Elektrotechnik. Das Cellit ist ein gutes Jsolierrnittel, d. h. es verhindert das Entweichen des Stromes aus den Leitungen und daS Ueberschlagen von Funken an Stellen, wo es nicht stattfinden fall usw. usw. Man kann also diejenigen Apparate unb Vorrichtungen aus Cellit Herstellen, die man bisher aus anderen Stoffen, insbesondere aus Hartgummi, Kautschuk und dergleichen anfertigte. Die Drähte, die man zu elektrischen Leitungen verwendet, werden für gewöhnlich mit Gummi umhüllt und dann mit Seide überspannen. Nun sind beide, der Gummi sowohl wie die Seide, in neuerer Zeit ganz besonders teuer geworden, so teuer, daß man sich nach anderen Surrogaten für sie umsah. An Stelle der Seide z. B. verwendet man jetzt vielfach die billigere Kunstseide, die sich jedoch für elektrische Zwecke nur sehr wenig eignet. Das Cellit löst sich in verschiedenen Lösungsmitteln und kann iit dieser Lösung als Lack verwendet werden, ber nach dem Ausweichen und Trocknen einen festen und harten lleberzug auf dem damit behandelnden Gegenstände bildet, wie dies ja jeder gute Lack tun soll, lleberzieht man nun elektrische Leitungsdrahte mit derartigem Cellitlack, so bleibt nach dem Trocknen auf ihnen eilte feste Schicht von Cellit zurück. Da dieses biegsam und brüchig ist, so lassen sich bte Drähte beliebig biegen unb verarbeiten, ohne daß die Schicht von ihnen absvringt. Diese Schicht vermag nun ebensogut zu isolieren wie Seide, sie bietet dieser geoenüber aber den Vorteil, daß sie bedeutend leichter ist, wodurch beim Transport Porto gespart wird, und daß sie auch weniger Raum wegnimmt. Ein mit Cellit überzogener elektrischer Kupferdraht sieht fast so aus toie ein getoöhnlicher Kupferdraht und ist dabei doch vorzüglich ffoliert.
Auf die Wichtigkeit des Cellits für die Photographie braucht nach den eingangs gemachten Ausführungen hier wohl nicht weiter eingegangen zu werden. Man kann daraus nnverbrennliche Films sowohl für gewöhnliche photographische Zwecke wie für Kinematographen anfertigen, die absolut feuersicher sind und bet denen ein Unterschied gegenüber den auf Celluloidfilms erzeugten Bildern nicht zu merken ist. , ... . .
Es ist ein sonderbarer, ein höchst merkwürdiger Körper, dieses Cellit! Es gibt keinen zweiten von auch nur annähernd so großer Vielseitigkeit. Noch ist er nur in wenigen unb engeren Kreisen bekannt, aber bald dürfte er beginnen, eine Rolle in Technik, Industrie und Handwerk zu spielen, eine Rolle von so unendlicher Vielseitigkeit, daß es heute noch nicht möglich erscheint, seine einstigen Bertoendungsmög- lichketten auch nur annähernd alle aufzuzählen oder vorauszusagen! , - .