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M 270.
Erstes Blatt.
Fulda, Samstaq den 25. November DH.
38. Jahrgang.
K 3iir Ehre Oec „blau fil Warzen" Mehrheit
zeceichen die Ereignisse dieses Sommers.
Tie Kriegsgefahr war groß. Sie ist glücklich überwunden worden, und zwar nicht crroa infolge eine» i äußerlichen Zwischenfalles, soi.'oern einfach durch den klespekt vor der deutschen Wehrkraft. Sir Edward Grey und die übrigen Kriegstreiber an beiden Seiten des Kanals fanden nicht den erforder- sichen Anklang, insbesondere nicht bei den französischen Ministern, weil man einen unglücklichen Ausgang der Kraftprobe fürchiete.
Würde der Respekt vor der Wehrkraft Deutschlands auch dann genügend stark gewesen sein, wenn die Finanzen Deutschlands in der alten Verwirrung stecken geblieben wären? Das ist sehr zweifelhaft' Denn in den Jahnn vor 1909 haben Unsere ausländischen Gegner häufig genug gesagt, Deutschland sei nicht leistungsfähig genug, um auch nur die Kosten seiner R ü st u n g zu tragen, so daß es bei der Aufbringung von K r i e g s k o st e n versagen und einen wirtschaftlichen Zusammenbruch erleiden werde. Diese gefährliche Spekulation auf die finanzpolitische Schwache Deutschlands wurde nun noch rechtzeitig aufgeräumt durch die Finanzreform, die vielgeschmähte Finanzresorm, die eine halbe Milliarde von jährlichen Einnahmen flüssig machte.
Als im Sommer 1909 die „blauschwarze" Mehrheit die Reichsfinanzen gesund machte, wurde gegenüber den iDÜtcnben Ausfällen der Liberalen und Sozialdemokraten alsbald hervorgehoben, daß die Finanz- tesorm zugleich für die auswäriige Politik Deutschlands förderlich sein und die Geltung Deutschlawos im Völkerkonzert stützen und heben werde. Damals ,konnte man noch nicht wissen, daß diese Wahrheit so schnell und so drastisch in einer bitterernsten Krisis jhre Bestätigung finden werde.
Hätte die „blauschwarze' Mehrheit damals versagt, so würde unsere Politik in den inneren Nölen und Schwierigkeiten stecken geblieben sein und sich zu einer wirksamen Verteerung unserer Welttnteressen Noch nicht haben auffchwingen können.
Als ein besonderes Verbrechen deS sog. „schwarzblauen Blocks" bezeichneten die Gegner auf der Linken bat Sturz de» Fürsten Bülow. Im Lichte der inzwischen eingetretenen Tatsachen wirt nun j.ver Unbefangene zugeben müssen, daß dieser Personenwechsel für unsere auswärtige Politik vorteilhaft gewesen ist. Der Schönredner Bülow hat sich Wirklich überlebt. Die mehrfache Schlappen unserer Diplomatie seit der Tangerfahrt belastete sein Ansehen und feine Leistungsfähigkeit gegenüber den feindlichen Mächten schwer. Die unglückselige Krisis vom November 1908 tat noch ein übriges in der Erschütterung seines Ansehens, da bei dieser Gelegenheit eine liederliche Geschäftsführung im auswärtigen Amte vor aller Welt offenbar wurde. Das letzte hochpolitische Werk Bülows war das Marokko-Abkommen mit Frankreich vom Februar 1909. Eine unvorsichtige Maßnahme i Deutschland ermunterte dadurch die französische Eroberungslust und gab sich zu- friöden mit dcr allgemeinen Versicherung der winschastlichen Freiheit und Gleichberechtigung. Diese Redewendungen erwiesen sich bald als wertlos, da die Franzosen mit allen möglichen Kniffar und Pfiffen den wirtschaftlichen Wettbewerb der Deutschen in Marokko lahm zu legen suchten. Die Hauptaufgabe unserer Staatsmänner im letzteit Sommer bestand gerade darin, jene greifbaren und wirksamen Garantieen für den hcutschen Handel und Nn- ternehmungsgeist, auf die Fürst Bülow vergessen hatte, nachträglich den Franzosen abzuringen.
Das jetzt vorliegende Abkommen hat ja auch noch seine Mängel, aber es hat doch auch feinen_ Vorteil, und es liegt auf der Hand, daß Fürst Bülow bei Fondauer seiner Amtsstellung nicht imstande gewesen wäre, einen derartigen Ausgleich ohne Erschütterung des Friedens zu erzielen.
So zeigt sich hie „blauschwarze' Mehrheit dadurch, daß sie sich gebildet hat und durch das, was sie geleistet har, sich wirklich um das Vaterland verdient gemacht hat, und zwar nicht bloß um die innere Entwickelung des Reiches, sondern auch um seine Weltstellung nutz die wirtschaftlichen Interessen der Deutschen im Auslande.
Im Sommer 1911 hat sich recht deutlich gezeigt, daß das vielgeschmähte Werk von 1909 in Wahrheit ein patriotisches Meisterstück, eine nationale Großtat war.
+ Eine Hetzrede des Hansabuud- prästsente».
Dian schreibt uns aus Berlin:
Herr Riester wandelt wieder auf Kriegspfaden. Diesmal hat et Hannover zu seiner Wirkungsstätte auserkoren, offenbar um den hannöverschen Nationalliberalen gegen den sie hart bedrängenden Bund der Landwirte beizu spring en. Seine Auslassungen gegen den Bund geben uns nichts an, wir beschäftig«! uns nicht damit. Wir härten überhaupt keine Veranlassung, uns mit der Rede des Hansabundpräschenten, die einem sozialdemokratischen Agitator dritten oder vierten Ranges alle Ehre machen würden, zu beschäftigen, wenn er nicht einige Aeußerungen getan hätte, die nicht unwidersprochen bleibm können
„Herr Riester behauptete u. a., der „Hansabund habe nicht gehetzt, sondern habe die Hetzer entlarvt und an den Pranger gestellt und die Ruhe derer gestört, die den Staat als VersicherungS- und Verpflö- gungZanstalt für sich und ihre Sippe betrachteten.' Mit Verlaub Herr Riester, das ist nicht richtig. Der Hansabund hat gehetzt vom Tage seines Bestehens an, er hat vergiftend und zersetzend auf unser innerpolitisches Leben eingewirkt, alles zu dem Zweck, im Trüben fischen zu können. Was hat der Hansabund nicht an Verhetzung gegen die Finanzreform geleistet! Konstanz-Ueberlingen weiß davon ein Lied zu singen. Oder war es etwa nicht der Hansabund, der in Konstanz-Ueberlingen mv der Lüge hausieren ging, die Keine Hausfrau
werde durch die indirekten Steuern täglich mit 1,57 Mark bet einem Einkauf von 3 Mark belastet? Ist es nicht Hetze, wenn Herr Riester in seiner Rede in Hannover den Mittelstand glauben machen will, die rechtsstehenden Parteien hätten unter der Maske , eines Freundes ein politisches Spick mit ihm getrieben, ihn als Versuchskaninchen behandelt, ihm statt Brot Steine in Gestalt der sogenannten kleinen Mittel g«reichtl Auf die Sache selbst brauchen wir nicht näher einzugehen, wir haben schon wiederholt dargetan, baß der Hansabund bis auf den heutigen Tag nicht» wie schöne Worte für den Mittelstand übrig gehabt, sobald der Mittelstand aber ihn beim Wort nehmen wollte, vollständig versagt hat. Ist e» nicht auch eine Hetze, wenn Herr Riester die Konservativen verdächtigen zu können glaubt, indem er ihnen ein „unnatürliches Wahlbündnis mit dem Zentrum' vorwirst! In diesem Vorwurf liegt eben der nur zu durchsichtigen Verdächtigung der konservativen Partei eine Herabsetzung des Zentrums, die wir mit aller Entschiedenheit zu- rückwcisen. Herr Riester spekuliert mit seinem Vorwurf ganz unzweideutig, wenn auch unausgesprochen auf den furor protestantims. Die konservativen Wähler sollen verhetzt weiden, um alsdann um so leichter über die wahren Absichten des den Umsturz begünstigenden Hansabundcs irregeführt zu werden. Herr Riester hofft offenbar, daß die aufgepeitschten religiösen Leidenschaften der konservativen Wähler sie blind machen werden gegen die der christlichen Weltanschauung und baneben auch unserer bewährten Schutzzollpolitik vom Hansabund und seinem Verbündeten drohenden Gefahren. Nicht ein unnatürliches Wahlbündnis — wenn man von einem solchen überhaupt reden kann — verbindet Konservative unb Zentrum, sondern die Erkenntnis, daß gemeinsame Inter- essen bei den kommenden Wahlen ein Zu samme v gehen gegen den Grostblock zu einer unabweisbaren Notwendigkeit machen.
Es kann u. E. bei den bevorstehenden Wahlen nichts selbstverständlicherer, nichts natürlicheres geben, als ein Wahlbündnis zwischen Zen- trum und Konservativen Beide Parteien sind berufen, die schwer bedrohte christliche Weltanschauung zu schützen, und im Kampfe für sie muß alles Trennende zurücktreten, wenn der Sieg errungen werden soll.
veutjches Heid).
** Berlin, 24. Nov. 1911. Der Ra ihr wird a'u Sonntag nachmitfag von Donaueschmaen wieder atre-'e«.
* Flottenvorlage und Reichsvermögrussteuer. In verschiedenen Blättern, die einer neuen Flottenvorlage das Wort reden, wird im Zusammenhang damit gesagt, daß zur Deckurrg neuer FlottenauS- gabett eine Reichsvermögens st euer geschaffen werden solle. Wie der „Post" geschrieben wird, sind alle Meldungen über eine solche Flottenvorlage verfrüht, da der Zeitpunkt, wo die Vermehrung unseres Flottenbestandes spruchreif sein wird, noch lange nicht gekommen ist. Was aber die Deckungs- ftage betrifft, so kann man jetzt schon sagen, daß, falls es überhaupt zur Beschaffung von neuen Geldmitteln kommt, sie auf diesem Wege nicht erhoben tverden würden. Für eine Reichsvermö- genssteuer dürsten die Einzelstaaten unter keinen Umständen zu haben sein. Es würde ihnen, wenn die Reich ^Vermögenssteuer beschlossen würde, zur Deckung ihrer eigenen Bedürfnisse nur die Einkommensteuer verbleiben, und das würde ihre finanzielle Lage sehr mißlich gestalten.
** Austritt aus dem Hanfabnnd. Einen nkver- >ich-.'!> Fall eines Austritts einer größeren Oraani- hilivn ans dem Hansabund teilt dir ,Sch!el. Ztg.' mit: Ju Hamburg hat der Verband deutsche, Färbereien und chemischer Fabriken, dem gegen 600 Großfumen in ganz Deutschland au- oetöreu, dieser Tage aus Drängen seiner Milglieder den Austritt aus de n Han'abund erklärt.
Reichstagswahlvorberkitungen.
e Hammelburg, 23. Nov. 1911. Für den Wah'- kieis Lohr wurde von feiten der liberalen Parte- und des deutschen Bauernbundes Fabrikant Reih m Burgsinn ausgestellt. Der Wahlkreis ist sichere, Zeutrumsdefitz.
* Elberfeld, 23. Nov. 1911. Die Zentrums parlei stellte für Elberfeld-Barmen den Rechtsanwalt Kau-Elberfeld als Kandidaten auft
* Karlsruhe, 24. November 1911. Dekadische Zentrumspartei erläßt einen von ihrem Führe, Theoder Wacker gezeichneten Wahlaufruf, dem wir folgende bemerkenswerte Säge entnehmen:
Die Partei deS Umllurzes, die alles bedroh! und gefährdet, waS wir in der Gegenwart feühalte» und auf waS wir unsere Hoffnungen für die Zukunft bauen; diese Parke! deS Umsturzes i-ni jener Liberalismus, der aus Parleiegoisnius mit ihr liebäugelt-oder gar sich mit ihr verbündet: daS ist der Feind, der Feind des Zentrums, ber Feind auch des Gemeinde- wohls I Ihm gilt unser Kamvf bet den kommenden Wahlen. Wir wollen diesen Kampf mit aller Energie durchführen, mit dem erhebenden Bewußtsein, daß wir damit die wichtigsten Interessen und die höchsten Güter des Vaterlandes und des BolkeS verteidigen. Wir wollen ihn aber mit tadellosen Waffen führen. Wir beklagen die Berdetzung und die Irreführung des Bolles, wie sie im Wahlkampfe von Konstanz vom Liberalismus um die Wette mit der Sozialdemokratie betrieben wurde und in den letzten Tagen hinreichend deutlich auch für den allgemeinen Wahlkampf ange» kündigt worden ist. Wir erblicken in solchem Tun eine wahre Untat, ein* schwere Versündigung an den idealen Gütern des Volkes. Wir wollen diesen Kampf in treuer Zusammenarbell mit all denjenigen führen, die in der Verbindung von Liberalismus und Sozialdemokratie eine Gefahr erbltden unb zum Kampre wider sie entschlossen sind. Sie solle» un8 als Mitkämpfer willkommen fein. Gerne wollen wir ihnen Wahlhilfe leisten, wenn wir auch für unsere eigenen Parteiinteresfen einen Vorteil nicht erstreben unb nicht erzielen können. Große Aufgaben hat ber Gang ber Dinge für die Zukunft ihm angewiesen. Rur ein starker Zentrum wird sie zu lösen imstande sein. Sorgen wir dafür, daß eS aucb
in Zukunft in feiner vollen Stärke weiter arbeiten urb wirten kann.
Ausland.
♦♦ Deutschland unb England.
Dec Montagssitzung des englischen Unterhauses sicht man mit größter Spannung entgegen. Es bricht sich, wie der „Voss. Ztg.' gemeldet wird, immer mehr die Ueberzeugung Bahn, daß die Rede des Premierministers eine für das Verhältnis zwischen Deutschland und England entscheidende Bedeutung haben kann. So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben, das ist auch in England die allgemeine Stimmung. Man darf hinzufügen, daß man fast ebenso allgemein die Hoffnung ausspricht, daß der notwendige Wechsel eine Besserung bedeutet. Das englische Parlament wird sich vermutlich nicht auf das in diesem Augenblicke brenzliche Gebiet der Beziehungen zu Deutschland beschränken, sondern ein Bild der gesamten auswärtige,! Politik auftollen. — Die Köln. Ztg. läßt sich melden, die Erörterung über die auswärtige Politik in London dürfte jedenfalls von der ministeriellen Seite aus sehr versöhnlich ausklingen. Es werde allgemach nach den stellenweise etwas i(:rejten Kundgebungen der letzten Tage wie auf ein gegebenes Zeichen ein gewisses Nachlassen der Spannung, die auf den Gemütern lar, bemerkbar. Sogar in der wenig deusschfteund- lichen Daily Mail wird die Erwartung ausgesprochen, daß man Deutschland wieder die Freundschafts- Hand entgegenstrecken werde, und daß eine Verständigung im Punkte der Flottenrüstungen zustande kommen könnte.
Reich an deutschfreundlichen Reden war der liberale Parteitag in Bath. Der Präsident Brunner führte aus, es seit chm sehr angenehm gewesen, daß der deutsche Reichskanzler die heftigen Aussälle im Reichstag zurückgewiesen habe. Er sei dankbar dem deutschen Kaiser, daß er seinen Einfluß für den Frieden geltend gemacht habe. Er spreche dem Kaiser feinen wärmsten und herzlichsten Dank aus. Diese Worte wurden mit rauschendem Beifall aufgenont- men. Der auch in Deutschland wohlbekannte Mr. Lun erklärte unter ernstem Schweigen der Delegierten, dem ein lang andauernder und immer sich wiederholender Beifall folgte: „Wir wollen keine Verträge, die uns in kontinentale Streitigkeiten vv> wickeln, wir wollen nicht wegen einer Meile arabischer Wüste in den Krieg ziehen.' Aber auch ein Mitglied der Regierung hielt eine Rede in ähnlichem Sinne. Der Generalstaatsanwalt Sir John Simon erklärte:
„Wir freuen uns, daß wir so gute und feste Besteh,»egen zu unferm Nacbbar Frankreich hoben, aber sie Totsocke, doß wir die Freunde Frankreichs sind, bedeutet nicht, daß wir die Feinde Deutfchkands fein müssen. (Donnernder Applaus.) Di* Demokratie Eng- ands »erhingt keine solche Auffassung, noch wird sie fie jemals üben " Der Redner schlug der Versammlung vor, eine Botschaft an die Demokratie (!) in Deutsch land zu ftndeu. Es tolle darin erklärt werden, daß der Gedanke einer Abneigung zwischen beiden Völkern nicht geduldet werden könne. Die Zeit sei gekommen, wo pie Beziehungen zwischen den Großmächten in letzter Linie nicht von irgend einem Hader ber Dynastien, einer religiösen Fehde ober einem verwegenen ©tobe» nrngslramn nbbingen, sondern von der Meinung, welch* die Boiksgesamtheit eines Staates über die eines anderen Staates hege.
** In ber belgischen Kammer behauptete bei der :V!i!itäroebatte der Sozialist Monville, daß für die belgische Armee nicht mehr Palronen vorhanden seien, als jeder Soldat bei sich trage. Seien diese bei einer Invasion verschossen, so müßte sick sie Armee ohne Widerstand nach Antwerpen zurück» ziehen. Für die Artillerie fehle es in demfeldev Naße an Geschossen, und Bespannungspferden. Während der drohenden Krise habe man erst im Lande umher geschickt, um für 10000 Mk. Stachel» Dreht für Vie Verschanzungen der Festungen anszu- tieibnt. Genau so stehe es mit der Bereitschaft auf allen anderen Gebieten. Ter Krieg smin ist er verweigerte die Antwort auf diese Fragen, oa der Sozialist sein Material durch Indiskretion erhalten habe. Er hielt int übrigen feine früheren Erklärungen aufrecht. — Gestern setzte der Abg. Monville seine Anklagerede fort. Er sagte: Infolge der Verzögerung im Ausbau der Befestigungen von Antwerpen sei dies als befestigter Platz minderwertig. Der Kriegsminister widersprach dem und erklärte, daß die Verzögerung in dem Ausbau der Flotte von Antwerpen dantit zusammenhänge, daß eine Regulierung des Scbcldelaufes noch nicht vor-- zenommen sei. Es entstand hierauf ein großer Tumult, als der Slbg. Berhaegen die Offiziere, die den Zeitungen Material zur Kritik gegen die Militärbehörde liefern, ohne sich mit chrenr Material an die Vorgesetzte Behörde zu wenden, des Bertrau- znsbrucks benffui-ffe.
*♦ Marokko vor ber ftanzösischcn Kammer. In der gestrigen Kämmetsitznng veröffentlichte die Rc- gierung die auf das deutsch.französische Abkommen bezüglichen erläuternden Briefe und Depeschen Kiderlen-Wächters unb Cambous. Bemerkenswert ist dabei der PafsuS eines am 27. Juni 1900 zwischen Frankreich unb Spanien getroffenen Geheimabkommens, in bem es heißt, baß Frankreich auf Fernando Po verzichten würde, wenn Deutschland die Abtretung von Spanisch- Guinea wünschen sollte. Die Debatte übet die deutsch französischen Abkommen dürfte in ber ersten Hälfte des Dezember vor die Kammer kommen.
** Tie Schulsrage in Frankreich. DaS Unter» richtsbudget wurde von der Kammer angenommen. Die Debatte verlief ziemlich emtö >ig, wenn man von der Rede bei Deputierten Grouffau über die „Neutralität', die keine ist, und die Ausführungen des Deputierten Aynard (Progreffist) über Vie An- griffe auf die christlichen Gewissen absteht. Zwei Tatsachen sind aber doch noch hervorzuheben. Mit einer enormen Mehrheit von 352 gegen 211 Stimmen trug der Unterricktsminister Steeg eine schwere Schlappe davon. Trotz seine- Widerspruchs beschloß dir Kammer, daß von nun an nicht die Präfekten,
sondern die Departementssckulinspektoren die Er- uennung der Lehret vornehmen sollen. Dadurch werden die Lehret politischen Einflüssen mehr entzogen, als es bisher der Fall wat. Bekanntlich spielen in Frankreich b!e Lehret die Wahlagenten bet Präfekten, die die „Einpeitscher' der jeweiligen Regierung sind. Rur die Rodikalsozialisten und das Großteil der R'Dikalen stimmten für die Weiler» errennung durch die 'Präsekten ans begreiflichen Gründen, denn diese Parteien haben am meisten Vorteil von den jetzigen Zuständen. Eine zweite interessante Tatsache teilte ber Berichterstatter des Unterrichtsbudgets, D.'putierter Viviani, mit. Det Lehrernachwuchs geht nicht nur in bet Zahl, sondern auch noch fühlbarer im intellektuellen unb pädagogischen Werte zurück!
** Tie Verrücktheiten der englischen Frauenrechtlerinnen. Premierminister Asquith saß Donnerstag mit seiner Frau im Savoy-Ho-el in London bei einem Diner, das das Bedford-College veranstaltet hatte. In einem Nebensaal hielten die Sufftageties eine Versammlung ab. Zwei von ihnen kamen in den Speisesaal und machten Asquith Vorwürfe über die Verurteilung ber Suffragettes, die sich bei den letzten Demonstrationen e rgangen hatten. Als eine der „Damen' entfernt werben sollte, klamm rte sie sich an das Tischtuch an unb versuchte, das ganze Diner hetunterzu- reißen, aber im letzten Augenblick wurde sie noch daran verhindert.
** Portugal. Im Abgeordneikuhause antwortete auf eine Anfrage, ob tatsächlich Entschädigungen für di« eingezogeuen Kougtegations» gütet zu leisten seien, ber Minister des Auswärtigen, daß tem derartiges Verlangen vorläge. Es handle sich lediglich um E'gentumsfragen. — Hierzu wird mitgeteilt, daß England unb Frankreich das Haageuer Schiedsgericht anerkennen, Spanien noch »»entschieden ist, ob es eine Ent» s '»äbigung oder bm Herausgabe verlangt, während Desrschlond «^.ücklich auf bet bedingungs» IcfSo Herausgabe iwUwO ««gezogener Grund» vf-ieht.
*° G'afKomm«ip gesten. JutaroKomuta, 1855, war 1901—1906 japanischetMini- fte? bei AvswcftttgeÄ, unterzeichnete 1905 den Frieden Ait Rußland tSSÄ »1808 war? st Botschafter ki L-rrdHN; ftchyM» wie' r Mtniftes des Äeußern.
x Krieg Mttet M, md der ML
Die Lage bet Tripolis.
* Tripolis, 24. Nov. 1911. Die jüngsten Hebet» skhwemmunge» hatten ihren Grund darin, datz die Türken den in das Meer führenden Kanal verstopften und einen anderen durch die Stadt führten. Die Lage fft ziemlich unverändert. Die italienischen Truppen sollen Anfang Dezember auf 80 000 Mann gebracht werden, worauf dann mit dem Vormarsch ins Innere begonnen werden soll.
Die Dardanellenfroge,
* Konstantinopel, 24. Nov. 1911. Die Absperrung der Dardanellen für die gesamte Schiffahrt steht in den nächste» 84 Stunden zu et» toarten. Die Aufmerksamkeit wird dadurch vom Kampfplatz weg und mchr nach Stambul und Petersburg hulgebenfi, was sicherlich bei dem Vorgehen Italiens mitspricht. — Durch die Blockade der Dardanellen werden die neutralen Staaten Rußland, Rumänien und Bulgarien in e r nft e ft e MitleLenschaft gezogen. Es gilt hier als ausgeschlossen, daß Rußland dicke Blockade ruhig hm- nmimt. Sie steht in zweifellosem Widerspruche mit einer Reihe von Verträgen und ebenso mit der Praxis. In diplomatischen Kressen wird als Bei« spiel daraus hingewicken, daß Frankreich im Iahte 1870 von einet Blockade der EmSmündung absah, weil dadurch da» neutrale Holland geschädigt worden wäre.
* Saloniki, 24. Nov. 1911. Die Behörden der Insel T h a s o s berichten: Vergangene Nacht kamen hier feindliche Kriegsschiffe bis an die .Mste heran, manöverierten längs derselben unb fuhren dann gegen 8 e m n o » werter. Sonst liegen weitet keine beunruhigende Meldungen von den tut» kischen Inseln vor.
*
* London, 24. Nov. 191L Ein Korrespondent der „Daily Chronicke' ist vom türkischen Thron» folger JrrfsusJzzedin empfangen worden. Er erklärte, daß die mtze islametssche Welt in dem Kampfe gegen Italien einig sei. „Wir werden bis zum Ende kämpfen," sagte der Thron- folget, „wir dürfen und können Tripolis nicht aufgeben. Ein Krompromiß ist unmöglich. Tripolis muß türkisch bleiben. Die Nachricht von der bevorstehenden Wiedereroberung von Ttr- polis ist wahr. Wenn es nicht bereits eingenom» men ist, so wird es nicht mehr lange dauern. Unsere Stärke in Tripolis ist allen Möglichkeiten gewach- sen. Italiens angedrohte Aktion in den Dardanellen wird kaum stattffnden, da ich glaube, daß der Protest der Mächte endgültig ist"
* Zürich, 24. Nov. 1911. In Genf fand eine Protestverfammlung gegen den Feldzug bei Italiener m Tripolis statt. 280 Teilnehmer wollten zum italienischen Konsulat ziehen, wurden aber von der Polizei daran verhindert.
* Rom, 24. Nov.' 1911. Aus Maffaua wird gemeldet: Die Kriegsschiffe „Calabria" und „Pug- iia" sind aus Akaba, wo sie Kanonenscküffe aus verdächtiges Terrain abaaben, die Dörfer abei schonten, emqetroffen. (Diese offiziöse Meldung ist zugleich die Antwort auf die türfische Beschwerde bei ben Haager Sianatarwäckten wegen der Beschießung der offenen Stadt Akaba.)
♦♦ Die Revolution in China.
DaS Treiben der Revolutionäre wird immer frecher. Jetzt wird wieder über einen UeberfaUauf eine protestantische Milsionskarawan e