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M 270.

Samstag 25. Novemder Ml

38. Jaqrgang.

3. Blatt.

druck und Verlag »er Sulla« »tlieudruSerel in 8x1»«.

= Nach dem Sturm.

Die politische Lage hat plötzlich eme Helle un- grelle Beleuchtung erfahren. Wir, haben rm Julr vor der unmittelbaren Ge f ahr e rnes K rreg es mit England gestanden. Dre deutsche Regre- runa hat 'Einschüchterungsversuchen gegenüber eure würdige und feste .Haltung beobachtet, zugleich aber das Ihrige getan, dafür zu sorgen, daß dre Schuld an eurem Bruch, der unfehlbares llnherl über den Weltteil heraufbeschwören müßte, nicht auf sie falle. Das ist das Ergebnis der Enthüllungen, die in den jüngsten Tagen erfolgt sind.

Wunderlrch; feit Jahren haben sich Freunde des Friedens, die immer ein gutes, ein herrliches Ein. venrehmen mit England anstrebten, eifrig bemüht, der Entfremdung, die sich zwischen den Deutschen

rrnd ihren englischen Vettern herausgebildet hatte, cntgegenznwirken und eine vertrauensvolle Annä­herung herbeizuführen. Der Bürgermeister von London war am grünen Strand der Svree rind ist dort begrüßt und gefeiert worden. Deutsche Stadt­väter mit dem Oberbürgermeister der Reichshaupt­

stadt an der Spitze sind in London als gern ge­sehene Gäste willkommen gewesen. Vertreter der Presse, Wortführer der öffentlichen Meinung tausch­ten bei festlichen Fahrten Freundschafts-Versiche- rungeu aus; man schien diesseits wie jenseits des Kanals des langen Haders müde.

Was haben jene Kundgebungen, haben. die schönsten Reden in Versammlungen, und Vereinen genützt? Es ist wie a u s g e w i s ch t; ja, das gegenseitige Mißtrauen, wer wollte es leugnen, ist heute tiefer als je zuvor. Die Drohungen Sir Edward Greps und Llovd Georges ergingen am 21. Juli. Gewiß, nachträglich^ sind beschwich­tigende Erklärungen erfolgt: erst kürzlich hat wie­der eine deutsch-freundliche Veranstaltung in Lon­don stattgefunden. Aber wer denkt daran, wenn er die Mitteilungen über die Jnli-Krisis mustert?

Das Gewitter ist vornberaeaangen, ohne sich zu entladen. Doch aber hat fröhliche und zuversichtliche Stimmung nicht wieder die G-müter erfüllt. Diese Tage sind dem Rückblick, der Rechens-bast gewidmet.

Auf die Darlegungen der deutschen Regierung wer­den am Montag die der englischen folgen. Einstweilen scheinen die deutschen Veröffpnttichunaen auf einen großen Teil des britischen Volkes mehr verblüffend als versöhnend gewirkt zu haben. Man ist auch dort erstaunt, zu ersehen, wie nabe man dem Kriege war. lind der Krieg mit Deutschland, dem besten Kunden Englands, der Krieg um ein arm­seliges Stück des schwor-en Erdteil«, der .Krieg, der Huuderttausende Familien ins Unglück stürzen, Milliarden Vermögenswerte zerstören konnte — kann man ein wahnwit-io^es Unternehmen ersin­nen? Deutschland und England dagegen einig, wären eine Büraschast für den Weltfrieden, wie ste nur gefunden tverden könnte, und eine Gewähr für einen Aufschwung von Handel, Industrie, Kultur, Zivilisation, wie er all"? hinter sich ließe, wo« die Vergangenheit geboten bot. Es verlohnt der Mübe nicht, sich das Bild ouszumalen. Denn man ist von dieser Einigkeit weiter entfernt als jemals seit Meuschengcdenkeu.

Soll es so bleiben? Oder bester oder — schlech­ter werden? Man wird abwarten, wo« die vorla-

mentarischen Verhandlungen ergeben, die in Lon­don, Paris und Berlin hevorsteben. Der Swots- sekretär v. K iderlen-Wächt-r f>nt erklärt, die Regie­rung habe von dem Ah komm en mit Frankreich zwar nicht eine ber-liche Frenndschäst, aber dock' die Beseitigung vieler Streitvunkke erhofft. Ob er Recht bekommt, wird die Jnkunkk lebre». Oh nach der Krisis vom Juli die Beziehungen zwischen Deutsch­land und England wieder eine Etesmst annebmen, die nicht immer au das Bi«marcksche Bild von den bei­den Reifenden im Walde oewabnt — wenn der eine die Hand in die Tasche steckt, suannt d-r andere schau den Revolver —, wer will es willen? „Um Liebe werben wir nicht mehr," sagte der erste Kanz­ler. Aber die entgeaenkoo'mend dargebgtene Hand Englands batte er schwerlich zurückgewiesen.

Also sehen wir der Pitfnnft rüstig und kühl entgegen, mit dem Wunsche, daß die stevorstestenden Terbandlungen über die internationalen Ereianille die Lage nicht verwirren und verschärfen, sondern klären, und daß Unruhe, die b-nte die Gemüter bewegt, nur die Nachwirkung des Sturm-« bedeutet, der ausgetobt hat, nicht einen neuen Sturm an- •ünbigt.

Deutsches Keich.

* Die wenigste« Katholiken halten znms Zentrum. Liberale Rechenkünstler haben ögers ausgerechnet, daß nur ein Drittel biS zwei Fünftel der deutschen Katholiken politisch zum Zentrum halten, indem sie der Zahl der katholischen Wahlberechtigten einfach die Zahl der abgegebenen Zentrumsstimmen gegen, überstellen. Mit anderen Worten: sie gehen von der falschen Vorstellung auS, daß alle katholischen Wahlberechtigten, die — nicht etwa immer, sondern nur im gegebenen Falle einer bestimmten einzelnen Wahl — nicht adstimmen, damit zu erkennen gäben, daß sie vom Zentrum nicht« roifpn wollten. Die Nichtwähler sollen also Gegner deS Zen­trums, d. h. in der Hauptsache Siberate fein. In Tri« hat ein lib«aleS Blatt diesen Trik auch auf daS Ergebnis der Stabtverorbneten roablen an­gewandt. Die Haltlosigkeit solch« willkürlicher An­nahmen wird nun in der ,Trier« Landeszeitung,

263 a) nachgewiesen. Dabei wird folgendes Moment angeführt:

Will man die pollttsche Stellung d« Richtwäbler (b« Zuhausebleib«) mit der größtmöglichen Richtigkeit emschähen und sie den betreffenden polititchen Parteien binzurechnen, bann muß man sie im richtigen VervSlt- nis der abgegebenen Stimmen zu den Wahlberechtigten, also prozentual und anteilmäßig, auf die poli­tischen Parteien »«teilen. Wenn also z. B. 20000 Wahlberechtigte in einem Kreise vorhanden sind und für das Zentrum werden 8000 Stimmen, für die Libe­ralen 2000 Stimmen abgeaeben, dann muß man von den 10000 zu Hause gebliebenen Wäbl«n vier Fünitel, also 8000, dem Zentrum, und ein Fünftel, also 2000, den Liberalen zurechnen. Diese Rechnuna hat die roeiteft» gehende Wahrscheinlichkeit für sich. Sie ergibt aber ein ganz anderes Bild, als e« die liberale Prelle ihren Lesern voraezaubert hat. Besonder« wird es beweisen, daß in Trier die große Mehrheit der Bürger dem Zen­trum angehört (nicht 50 Prozent, rote die .Trier. Ztg/ behauptet). Auf die dritte Abteilung würden danach rund 3400 Zentrumsroähler und rund 1050 liberale Wähler entfallen (zusammen rund 4500 Wahlberechtigte^.

Selbstverständlich kann es sich bi« nur um eine Schätzung handeln, aber diese Art der Schätzung hat vor den willkürlichen Behauptungen liberaler Blätter jedenfalls da? voraus, daß sie das einzige objektive, allen Parteien gerecht werdende und für den Durchschnitt der Fälle auch zweifellos der Wahr­heit am nächsten kommende Verfahren darstellt. Die Berücksichtigung besonderer Momente wird da­durch keineswegs ausgeschlossen. Uebrigen« ist es auch nicht gerade eine Schmeichelei für die liberalen Wähler, wenn ihre Preffe eS vielfach als eine aus­gemachte Sache behandelt, daß die Wahlfaulen fast alle liberal feie"!

X Die Frage des Schutzes des KoalittonSrechtrs wird nach ber Veröffentlichung des Borentwurfs zum Strafgesetzbuch in den interessierten Kreisen neuerdings wird« lebhaft «öttert. Wie die „Poff hört, gehen die Wünsche ber industriellen Arbeitgeber nicht auf eine Einschränkung des Koalitionsrechter, sondern nur auf ein Vorgehen geaen die Aus­wüchse desselben. ES soll nicht fern Streiks, son­dern nut den sich andauernd mehrenden Aus­schreitungen bei AchettEmpfen entgegenge­treten werben. Er wird darauf hingewiesen, daß in bcm § 241 des Vorentwurfs zum Strafgesetzbuch, wonach jeher, der einen anderen durch gefährliche Drohung in feinem Frieden stört, mit Freihests- oder Geldstrafe bedroht wird, keine Gefährdung des Koa- lttkonSrechteS ob« auch nur eine Bedrohung seiner Ausübung gesehen w«den kann. Weder das Koa- litiousrccht! wird durtch Bestrafung von Ausschrei­tungen gefährdet, noch ist anzunehmen, daß die Ar­beitskämpfe durch schärfere Bestrafung der Ausschrei­tungen abnchmen werden. Es mutz erreicht werden, datz sich die Arbeitskämvfe innerhalb des gesetzlichen Rahmens abspielen. Wenn behauptet wird, datz vielfach auch in dm Streifen der Unternehmet Ter­rorismus geübt »erbe, so sei dazu bemerkt, daß auch die Unternehm« durch bat § 241 getroffen werden. Die Folgm, welche dir Streikausschreitunaen häufig auch für Unbeteiligte mit sich bringen, lassen auch im Interesse dies« Petfonen ein Vorgehen gegen diese Ausschreitungen «forderlich erscheinm, ohne daß ein Attentat gegen das KoaliiionSrecht bcab- stchttgt wäre. — Bor allem wird es auch nötig sein, die KoalttionSfreiheii d« nichtsozialdemokratischm Arbeit« gegen die Vergewaltigungen bet sozialdemokrockisch Organisierten zu schützen.

* München, 24. Nov. 1911. Zu der Regie­rungserklärung über die LanbtagSanflöfung sagt die bayerische CPG u. a.: Verfassungsrechtlich steht sest, daß der Landtag die Borla"en b« Regierung bera­ten muß. Der Landtag darf es daher nicht ab- lehnen, mit dem oder jenem Minister zu verjubeln. Dagegen steht ebenso verfasiungsrechtlich fest, daß, wie Ltaaisrechts lehret v. Seydel (Baver. Staats­recht, Band I Seite 454) sich ausdrückt, die Kam­mern „ein tatsächliches Aussetzen der Arbeit her­beiführen können, da sie in der Bestimmung des Zeitpunktes ihrer Sitzung rechtlich unbeschränkt sind". Dem entspricht das Verhalten des Zen­trums vollständig. Das Zentrum hat erklärt (8. Nov. im Finanzausschuß), daß es nicht in der La­ge sei, „z u r z e i 1" in der Beratung der Postulate des Verkehrsministeriums fortzusetzen. Das Zen­trum hat es also nicht abgelehnt, mit dem Ver­kehrsminister überhaupt zu verhandeln, sondern sah sich z e i t l i ch v«hindert, in der Beratung fort« zusahrcn. Das ist verfasiunn«'--'ck>tlick' ganz und gar korrekt. Auch kann man ein« Kammer nicht zumuten, mit einem M i n i ft er zu verhandeln, von dem sie sich beleidigt und gekränkt fühlt. So lange dieser die Beleidiannq nicht zu­rücknimmt, ruhen eben die Verhandlungen. Will jemand die Korrektheit dieses Standpunktes bestrei­ten? Die Regierungserklärung hat verf"^uuqsrecht- lich keinen Boden und in der Ta^^n-Tarstelluug ist sie vollständig hinfällig. Warum sa.->f man denn nicht rund heraus, daß man, getäuscht durch den von der liberalen Presse cebracfiten falschen Text der Zentrumserklärting, sich verrannt hat? Das Wörtchen „zurzeit" in der Zentrurnserklä- rnng, welches diese vollständia einwandfrei macht, hatte die liberale Presse ausgelassen, ht der Geheimkanzlei hatte man mit diesem in­korrekten Bericht operiert und als die Minister mit dem Zentrum wegen Beilegimg des Konfliktes ver­handelten, hatten sie fei«" "^num davon und muß­ten zuerst darauf anfmerkfam gemacht werden, daß die Regierung einen falschen Text anwende. Regierungsseitig mußte zugegeben werden, daß das Wort „zurzeit" die Sachlage allerdings andere. (!!!) Die Landtagsauslösunq ist auf ganz andere Motive zurückzuführen. Die Staats- regiernng ist ein Kollegium, in dem die Furcht am Tisch sitzt. Der ständige Lärm des Libe­ralismus, der unausaesetzt erhoben wird wegen des fachlichen Zusammenwirkens von Staatsremeruna und Kammermehrheit, bat die Regierung erschreckt und nun wollte sie zeigen, wie fürchterlich sie mit dem Zentrum umgehe. Daneben wirkte auch die Lust mit, die Zeutru ms mehrbeit zu bre­chen. Diese Lust und Hoffnung befeelt noch heute verschiedene Minister und deren Räte. Es wird aber anders kommen, das Zentrum wird als starkeMehrheit zurückkehren.

Anhand.

♦ König Manuel und bet deutsche Kaiser. In einer Brüsseler Zeitung veröffentlicht ber portugie­sische Senator Manalbaes Lima, der beim Sturz 6e8 Königtums eine hervorragende Rolle gespielt ha«, einen Artikel fher die poutgiesische Republik, der Enthüllungen enthält, die nicht verfehlen werden, Aufsehen zu erregen. Er erklärt nämlich, einen Monat vor Ausbruch her Revolution in Portugal, olfo im September v. I., Hobe sich her jugendliche König Manuel an den deutschen Kaiser gewen­det und ibn um seine llnterftüßung gebeten, tut Fasse die Revolution in Portugal ausbrechen sollte. Kö­nig Manuel habe von dem deutschen Kaiser verlangt, er solle im Notfälle 2—3 Panzerschiffe in die Ge­wässer des Tajo entsenden. Ms Gegenleistung da­für habe der König von Portugal dem deutschen Kaiser die bedingungslose Abtretung der portugie­sischen Kolonie Angola versprochen. Aber m'ch die Königin-Mutter Amalie hatte sich be­müht, hie Monarchie zu retten. Sie sei an hie spa­nische Regierung herangetreten und habe verlangt, Spanien sollte mit einem Armeekorps in Portugal einmarschinen. Auch später noch habe sich hie Kö­niginmutter an einzelne Machte gewendet, um diese zu veranlassen, die Gegenrevolution in den Nordpro­vinzen von Portugal zu unterftüfcen. Der Senator Lima behauptet, die Papiere, die den Beweis für das Unternehmen des Königs Manuel «bringen

könnten, befänden sich in den Händen her pottuglo- ischen Regierung. Der Chef ber ersten republikani­schen Regierung habe diese Enthüllungen bestätigt. In seinem, diesen Nachrichten belgezebemn Artikel behaupt« der Senator, die Gegenrevolutioa bar letzten Monate sei ohne Bedeutung gewesen. Di« Monarchisten hätten hie verschiedensten Versuche ge­macht, eine Anleihe unter Garantie einiger gekrön­ter Häupter aufzunehmen, doch seien diese Versuche erfolglos geblieben.

•* Gewissenloses Großhändlrrtum. Auch in Oesterreich hat die Negierung wegen der Teuerung für Vieh- und Fleischsendungen Tarifermäßigungen zugebilligt. In einer in Triest abgehaltenen Ver­sammlung machte nun ein Eisenbahner die verblüf­fende Mitteilung, daß die Vieh-Großhänd­ler die von der Regierung genehmigre bOprozentige Tarifermäßigung dazu benützen, um massenhaft Vieh und Fleisch insbesondere aus Galizien zu den er­mäßigten Frachtsätzen nach Triest zu verfrachten, von wo aus sie bann per Schiff nach ausländischen, besonders italienischen Häfen transportiert werden. Es wurden entsprechende Maßnahmen ter« lang!, damit die von ber Regierung gewährte Fracht­ermäßigung tatsächlich ihrem Zweck, nämlich einer Verbilligung deS Fleisches herbeizuführen, erfülle und nicht Spekulanten zugute komme. Ein Händlertum, das so handelt, ist gewissenlos und antinational. Da gilt her Grundsatz: Geld riecht nicht.

* Der frühere Präsident von Venezuela Castro meldet nach einem Telegramm aus Newvork einen großen Sieg, durch den « angeblich in den Besitz der Regiemng gelangt sei.

Aus dem Nachbargebreie.

** Höf und Haid (Kreis Fulda), 24. Nov. 1911 Dem zur Bekamp'uiig der Maul- und Klauen­seuche im Kreise Schlüchtern gebildeten Beobach« lungsgebiete sind die Gemeinden Hch und Haid und Stork zuaeiestt roorben.

Döllbach, 24. Nov. 1911. Das Elektrizi­tätswerk in ber tziesien Gemeinde ist nun ein Jahr in Betrieb und l,at sich während dieser Zeit zur Freude der Ortseinwohner gut bewährt. Bereits in jedem Hause brennt das schöne belle Licht. I» d« Kirche beftndet sich eine Lampe von 200 Kerzen­stärke; das Gotteshaus ist insolgebesien bei de« jetzigen abendlichen Rosenkranz-Andachten wie am Tage erhellt. Es sind bis jetzt 12 Elektromotoren an die Zentrale angeschlossen, welch« die Kraft über­tragen zum AuSdreschen von Getreide re.; auch dies« Kraftübertragung wird allseitig begrüßt. Die Elektri­zität wird durch Wasserkraft «zeugt. Der Mühlen« besitz« Ferdinand Röhrig, d« Inhaber her elektri­schen Zentrale, konnte trotz d«S diesjährigen sehr niedrigen Wasserstanbes während der Dreschperiob« ohne Zuhilfenahme irgenb ein« Res«vekrait au«« kommen, btt bie hiesigen Lanbvnrte nach getroffen« V«adrebung in gneaelt« Rechenfolge bie Motor« laufen ließen. Die Anlage wurde von Herrn Eiektro« technik« BackeS auS Fulda zur Ausführung ge­bracht; mit d« Herstellung d« Anlage und beson­ders mit ber Lieferung von gutem Material ist man hier sehr zufrieden.

„!" Lütter, 24. Nov. 1911. Gestern fand in der hiesigen Gemarkung eine größere Treibjagd statt. Es sind 16 Hafen, 8 Rehe und 1 Kohltuchs zur strecke gebracht worden. Allgemein bewundert wurde dieses letztere Trer; alte ergraute Nimrode hatten ein ähnliches Exemplar nicht gesehen. Rotfüchse gibt eS allenthalben, aber ein Raubti« dieser Gattung in der dunklen Färbung des Koylfuchses ist etwas Seltenes.

* Aus her Wett«««, 24. Nov. 1911. In einem Wetterauer Dorfe wurde vor einigen Tagen ein Hochzeitsfest mit folgenden Ausmessungen ge­feiert. Der eigentlichen Hochzeit, zu der rund 250 Personen geladen waren, ging laut G. A. eia Schlachtfest voraus, das für Wurst- und Fleischvor­räte zu sorgen hatte. ES wurden zwei Schweine ge- schlachtet. Man brauchte ans oct Hochzeit 770 Würstchen, 3M Pfund Schweinefleisch, 230 Pfund Rindfleisch. Kuchen wurde« 280 gebacken, wozu 18 Mesten Mehl nötig waren. Butter wurden ins­gesamt 70 Pfund verarbeitet. Den Kaffee trug man m 50 Kannen auf. Zur Bereitung des Braten« waren 30 Pfannen m Tätigest. Daß dazu feine

Sie Tochter des Verbannten.

4] Roman von Adel« Böttcher.

„Wenn wir es überhaupt arrangieren —' gibt der Nüsse kopfschüttelnd zu bedenken.

„Selbstperständlich! Nur möchte ich Ihnen Zeit und Mühe itrJb meinem Chef unnötige Ausgaben «sparen."

„Ich werde ihm über kurz ober lang alle Aus­lagen zurückerstatten ' wirst der Russe stolz ein.

„Ein Grund mehr, um sparsam zu fein'

Einige Sekunden noch blickt Roberts nachdenklich bot sich hin, dann fährt er in geschäftsmäßigem Tone fort:

„Mein Chef erregt nicht gern Aufsehen. Er wünscht nicht, daß ganz Rom sagt: „Seht, was Ed­ward Morrison wieder Gutes getan hat! Er hat jene armen Russen vollständig neu emsgestattet!' — Wir wollen deshalb alles Röttge aus zweit« Hemd beschaffen, nur die Wäsche Tann neu sein. Kleider unb Koffer dürfen nicht so aussehen, als ob sie so- eben erst aus dem Geschäft kommen. Verstehen Sie."

Boris Orloff versteht. Durch ein kaum merkliche? Kopfneigen gibt er seine Zicstimmung.

„Auch müssen Sie einen Dien« haben unb die Gnädige bedarf ein« Kammerfrau. Ich freue mich, daß ich auch hi« Rat schaffen kann. Ich kenne einen funken Burschen, der seinen Posten beim französischen Botschafter verließ, weil er sich verheiraten wollte. DaS junge Paar stng ein Geschäft in der Via Nazio- nal; au. Die Sache ging aber nicht recht, und jetzt suchen beifoc Stellung. Was meinen Sie dazu, Signore?'

„Mit ist alles recht —'

„Also abgemacht'" Roberts wirst einen flüch­tigen Blick auf die schmutzigen Hände und bie wir­sen, weißen Haare heS Greises. „Uebrigen« — Sie müffen sich erst etwas waschen und kämmen, bevor vir austreten können. Damm zuerst in ein kleines kAffTelhotel draußen vor der Piazza bet Popolo, b» M Ächt weiter auffällt, wenn Gäste ohne Gepäck

eimreffen. Ich hole jetzt ein Automobll. In fünf Minuten bin ich wieder ha'

Unb schon ist der kleine Bürovorsteher draußen.

M8 die beiden allein sind, faßt das junge Mäd­chen krampfhaft die Hand des Greifes.

„WaS soll baS affe? bedeuten, Großvater?' flü­stert ste Saftig auf Russisch. „Welche Gegenleistung beanspruchen diese Leute?'

Ungeduldig zieht Boris Orloff feine Hand fort.

„Dumme Fragel Sie roetben sich schon selbst be­zahlt machen. Edward Morrison ist Amerikaner und Geschäftsmann. Die tun nichts, ehe sie nicht wis­sen, daß jed« Rubel, den sie auSgeben, hundertfach Zinsen trägt'

„Inwiefern?'

„Das ist ihre Sache. Freue dich, daß un? je­mand die Hand reicht, damit wir nicht im Sumpf erftidenl Spiel deine Rolle gut! Das übrige über­laß mir!'

Wie in momentaner Schwäche läßt Sonja den Kopf auf die Brust finfen. Doch nur einen Augen­blick — dann richtet sie sich mit einem Ruck stolz em­por.

„Wenn ich nun die Kraft fände, meinen eigenen Weg zu gehen?"

Zynisch lacht d« Alte auf.

„So ge$’ ihn doch! Du bist ja schön genug da­zu. Aber an Klugheit fehlt hir’8 — hahahaha! Zu­viel Ehrlichkeit, zuviel Sentimentalität! Solch Plunder taucht nicht« in dies« Welt. Wirst haft) wieder zu mir altem, schlauem Fuchs zunMehren.'

„Großvat«!'

„Hast du noch nicht genug gelitten — hort hinten in der Verbannung?"

„Weiß Gott, ja!"

„Na also! Sei vernünftig und —* *

Kurz bricht er ab. Draußen werden rasche Schritte hörbar.

„Automobil ist da!" ruft Roberts zur Tür herein.

Sofort steht Boris Orloff auf. Doch vergebens streckt er dir Hand nach fein« Enkelin aus.

Bewegungslos, mW starren Blicken, steht haS Mädchen noch auf demselben Fleck.

„Sonja, mein liebe? Kind!" ruft er im Ton äußerster Hilflosigkeit. „Willst hu deinen alten Großvater nicht führen?"

Da erhebt sie sich langsam und ergreift zitternd die ausgestreckte Hand. —

„Schnell! Wir haben keine Zeit zu berlteren!' drängt Roberts.

Unb beide folgen schweigend ihrem Führ«.

*

Nach wenigen Tagen schon HM „Fürst Boris Orloff' mit seiner Enkelin Einzug in der Villa Mor­rison draußen vor ber Porta Pia.

Durch baS schwere gußeiserne Portal rollen zwei elegante Equipagen die breite Zypreffenaffee entlang, bis hin zu dem hohen, weißleuchtenden Ge­bäude.

In der ersten sitzen Orloff, Sonja und Edward Morrison. In ber zweiten, bie sich in respektvoller Entfernung hält, befindet sich Nina, die Kammerfrau der „Prinzessin", mit einer Masse von Koffern und Reiseefekten jeder Art.

Jetzt hält der erste Wagen vor der breiten Mar- uiortreppe. Bernardo, der neu engagierte Diener des Fürsten — ein geschmeidiger Bursche von etwa drei­ßig Jahren mit listigen, schwarzen Augen und echt süditalienischem ThpuS — springt rasch vom Bock und öffnet mit tiefer Verbeugung den Wagenfchlag, um seinem Herrn behilflich zu fein.

Als Fürst Orloff trotz feiner Blindheit leicht­füßig aussteigt, erkennt man kaum den unbeholfenen Greis wieder, der noch vor wenigen Tagen, schmutzig und abgeschabt, mit einem Empfehlungsschreiben da? Büro des Maklers Edward Morrison betreten hatte.

Er hat sich um mindestens zehn Jahre verjüngt. Der verachtete Sträfling ist in einen vornehmen Ver­bannten verwandelt, der — ungeachtet der Verfol­gungen einer unbarmherzigen Regiemng — genug von feinem fürstlichen Besitztum gerettet hat, um mit seiner Enkelin Im Ausland standesgemäß zu leben. Die weißen, an den Ohren hemiederbaumelnden

Locken sind der Schere zum Opf« gefallen; jetzt er­glänzt nur ein matt« Silberschein auf dem kräftig ausgebildeten Haupt. Der lange, stmppige, vorh« bis zum Gürtel niederwaffende Bart ist militärisch kurz geschnitten, unb die Spitzen des weißen Schnurr- berts streben kühn empor.

Kerzengerade steigt der Fürst, wie gewöhnlich auf die Schult« sein« Enkelin gestützt, bie Marmor­stufen empor. Der glänzende Zyltndorbut ist ein wenig üb« die buschigen, etwas nachgeschwärzten Augenbrauen gezogen — ein üb«au§ effektvoller Kontrast, diese tiefdunklen Brauen zu dem schneewei­ßen Haupt- und Batthaar. D« kostbare Biberpelz, ohne den man sich im Auslände einen Pomehmen Russen kaum vorstellen kann, ist vom ein wenig offan, so daß bet tadellos sitzende, ststgeschlossene Gchrock sichtbar wird. Im Knopfloch prangt daS farbige Bändchen eines hohen russischen Ordens.

Auch Sonja hat sich verändett.

Die Ruhe ber letzten Tage scheint ihr wohlqeian zu haben. .Ihre herrlichen blauschwarzen Augen klicken nicht mehr so melancholisch. Die Gesichts­farbe, wenn auch noch immer bleich, «scheint frischer. Die zattgewölbten Sippen enthüllen zwei Reihen blendendweißer Zähne, und neckische Grübchen ver­tieften sich in ihren Wangen, als sie sich mit bezau­berndem Lächeln vor ber Hausfrau verneigt, die die iffustren Gäste oben auf ber blumendustrnden Ter­rasse erwartet. Signora Morrisons prüfende Augen umfassen mit einem Blick bie ganze Mädchengestalt. Das enganschließende schwarze Spltzenfleid, der voffeudtt sitzende dunkle Handschuh, die kostbare Ncrz- stola, der weiße Rembrandhut mit den bis auf bie Schult« herabhängenben Straußensehern, die hoch­hackigen französischen Schnürstiefelchm — alles zeugt von echter Vornehmheit unb verfeinertem Geschmack.

Befttebigt nickt Signora Morttson mit hem Kopf. Ihr Mann hat ihr nicht zuviel van ben vor­nehmen Russen erzählt, und baS Herz her guten Dame schlägt ben armen Flüchtlingen warm entgegen.

(Fortsetzung folgt)