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38. Jahrgang

Fulda, Freitag Den 24. November 19u.

Erstes Blatt

X 269.

Ost.

was febt daß teli«

leit zertreten.

Die englische Presse gibt d,e Auslassungen des Herrn v. Kiderlen sehr ausführlich wieder, äußert sich selbst aber nut mit größter Zurückhal« tung. ,Daily Telegraph' stellt fest, daß fünf europäische Nationen von einer unge­heueren Katastrophe bedroht gewesen seren, daß daS, was man für viel za fürchterlich gehalten hat. um es zu glauben, gerade das gewesen ist, was beinahe geschehen wäre. — Aus de:r ganzen Aus­lassungen der errglischen Presse klingt ein heilsamer Schreck hervor. Auf der liberalen Seite kann man schon heute gegen Skr Edward Grey eine gewisse Mißstimmung bemerken. Man will ihm nicht verzeihen, daß unter ihm das Verhältnis zwischen Deutschland und England so schlecht geworden ist.

* Unzulängliche KrirgLberkrischast. Ter frühere Admiral Lord Charles Beresford, jetzt Unter, hansmilglrcd, hielt in Portsmouth eine Rede, m der er die Anschtildigungen gegen die Adm-rali. tat, während der Krisis sei die Flotte nicht kriegsbereit gewesen, aufrecht erhält. Die An- gaben Kapitän FaberS, der seine Mikteilungen auf Aenßer urigen Lord Beresfords gegründet hat, erklärte er löt wahr. Nach dem,Daily Expreß' sagte er

Bundesgenosse dazu sagt. ®ie oft offiz-ös bediente ,Wirrer Neue Freie Presse' schreibt.- .

Grey hat mit Deutschland gesprochen wir ein Mann, welcher, geleitet »»« persönlichen »»' Neigungen und Vorurteilen, da» ilrre Zret- bewußlsein verliert und fremden Zweüru dienybar wird. Die Vertragstreue kann nicht erULrrn, daß der rualische Mmrster hitziger wird, alS der französisch«. Di« Welt hot es visendar nur den Bedeuten deson» neuer Männer im britisch« Kabinett zu danken, wenn sie von einem furchtbare« Unglück verschont blieb. Di. deutsche Flotte ist de, bö|e Lranm, der den britischen Schlnf stört. Der zetzrge.Ferchs, konzler hott, große Last, sich mit England über dt. Begrenzung im Floitenban M verständigen. Der eng- tische Stacwkfelretär har die Keime der Versöhnlich.

lei»tfeei Wie a» fpetiigt petitMeotz« bereu Kama 15 pftz. UeklLmeudtrprtitzeüe psz^ bet Wied«.

hoknnaen wird «utfpr. Lobart gesährt.

RotatiourdruSusb Vertag »er Znldaer A. Seudruckeret tu Luldu

Monatsbeilage: „Fuldaer SeschichtrbMer" rernsprech« ur. tz.

in feiner Rede:

’ Die britische Flotte war längs der ganzen Kaste verteilt, sie hatte keine Kohlenresernen, wir hatten lerne milttSrihh« Wachen für unsere Magazine, wir hatte« keine Minenzerstörer sür unser« Häse« nud F -brroege, wir batten keine Kreuzer auf unseren HandelSrouten, im nördlichen Teil deS L.rnde» hatten wir kern Del für anfeie Torpedozerstörer, die Del, anstatt Kshtrn gebrauche. , , . .

Diesen Behauptungen gegenüber hat der ege- malioe Marinemimfter Mc Kenn« «klärt, daß diese Angaben jeder Begründung entbehren, er geht indes nur auf sie Oslsrage ein und sagt, dieses Material sei reichlich vorhanden gewesen.

Im Gegensatz hierzu bestätigen deutschen Diarme­kreise Eugland-s Bereitschaft, d«r Angriffsplan sei aber nicht ernst geweint, sondern eine Bmff- und Vorfich tsmaßre gel gwesen.

** Msrokko iw Reichstage. Tie weiteren Ver- : aiiMtmgen des Reichstags über dir politischen Fragen," di« sich an das Marokkoabkommen an- lunpfen, werden wahrscheinlich erst gegen Mitte oder Ende der nächste« Woche ftattfindcn, da man aus guten Gründen allseits abwarten möchte, rote sich am nächsten Montag der englische Minister des Auswärtigen, Sir Edward Grey, über Eng- iandS auswärtige Politik und inSbesandere über Englands Rolle während der dentsch-srauzSstsche» Mmokkoverhandlunge« ausfprechen wird.

Im letzten Sommer war die politische Spannung , freilich veranlaßt worden durch das zähe Vordringen der Franzosen in Marokko. Aber die Zuspitzung zu einer ernsten Kriegsgefahr ging nicht von Paris aus, sondern von London, die englische Regierung (das angeblich für die Friedensideale so sehr begeisterte liberale Kabinet) mischte sich in die dentsch-franzäf. Verhandlungen mit einer, überraschenden Rücksichtslosigkeit ein, sodaß die deutsche Diplomatie, die doch in ihren Ausdrücken sehr gemäßigt zu sein Pflegt, ihr amtlich erklären mußte, das Vorgehen sei geeignet, eine g e w a l t - saute Entladung herbeiznführen. Alle Ent­hüllungen bekräftigen den Eindruck, daß die eng­lische Regierung in der vierten Juli­woche einen Krieg zwischen Frauk-r reich undDeutschland wünschte nud als Bundesgenosse Frankreichs daran teil nehm en wallte. "Die franz. Regierung stand also abermals vor der Frage, ob sie nun angesichts der bereit stehenden Unterstützung durch die Flotte und eine Landungstruppe Englands, den Revanchekrieg un­ternehmen solle. Sie ist aber auf das kriegerische Abenteuer auch diesmal uicht eingegangen. Wie vor 7 Jahren die 100 000 Mann des Komas Eduard, so haben auch jetzt die 150 000 Mann, die in Belgien landen sollten, die französische Regie­rung aus ihrer Vorsicht nicht herauslocken können.

vsntschrs Keich,

* Berlin, 23, Nov. 1911. Der Kaiser machte am Dauners taz von Donaueschingen au? der Burg Hahenzollern einen Besuch. — Der llnterfiaatsfekretär im Auswärtigen Amt Zimmermann hat einen längetea Urlaub angetreten. An den amtlichen Stellen bestreitet man, daß dieser Urlaub den Rück­tritt «nileiten soll. — Tas deutsche Kaiserpaar hat 2000 Mark zum Bau einer evangelischen Kirche in Gossenfaß gespendet.

4- Ter VeroßeriilichWtg der vutraulichnk Mt- teilungen des Staatssekretärs s Kiderlen-Wächter hat die Regierung nunmehr den Wortlaut der sich an die Mitteilungen des Staatssekretärs knüpfenden Debatte folgen lassen. Aus der Debatte geht hervor^ daß sich die Vertreter tämtltcher Fraktionen mit Ausnahme deS Adg. Bebel im allgemeinen von den Ausführungen bei Staatssekretärs befriedigt erklärt haben.

* Die Demonstration deS Kronprinzen im Reichs­tage. Hebet die Stellungnahme des Kronprinzen im Reichstage gehen dem »Kleinen Journal von angeblich emgeweihter Seite noch roeittre Mitteilungen zu. ®tc Gewähr-manu des Blattes schreibt:

Der Reichskanzler hatte von den Vorgängen in teer Kronprinzenlog« überhaupt nichts gesehen. Erst nach den Reden der beibet Parteiführer Herttrng und v. Heydebrcmd rourbe « von seiner Umgebung auf die kronprinzkiche Demonstratio« enfm.rffam gemacht. Der ReichSkanzttt Uetz.sich btertruf lelephonych mit dem Kaiser verbinden und beschwert« sich über das Verhalte« de» Kronprinzen. Noch ehe aber der Sailer eine Verfügung getroffen hatte, verliest her Kronprinz aus eigener Jntttative «ährend der Rede Bebels das Hans. Um dem Reichskanzler Genugtuung zu gebe», lud ih« der Kaiser pu Abendtafel. Vorher sand eine AuSfprache zwischen dem Kaiser und seinem Sohne statt. I» Verlauf des Abend» fand der Kronprinz Gelegenheit, mit dem Kanzler unter vier äugen zu sprechen. Wie verlautet, habe Herr von Bethmann-Hollweg vorn Lronnrmzen Erklär«« ge» empfangen, die ih« durchaus befriedigten. Trotz­dem verbot der Kaiser feäwm Sohne, wieder in den Reichstag zu geben. D« Kaiser sieht in dem Ver­halten seines ä tieften Sohnes nur einen Ausbruch jugendliche« liebere! feri trab bfefer Beurteilung ver­dankt es der Kronprmz, hast sein Verhalten außer einer väterlichen Rüge ferne wetteren Folgen für ihn haben wird.

Dem genannten Blatt muß selbstverständlich die voll« Verantwortung über seine Darstellung über­lasten bleiben.

** Gefängnis für kttnertznierziehuageu. In der kommenden preußische« Steuerge eyuovelle soll sich u. a. der Vorschlag bepnben, Steuerhinterziehungen

ortan nicht nur mit Geldstrafen, sondern auch mit Gefäugnisstrasen zu ahnden. AIS Vater dieses Vorschlages wird der Unterstaatssekretar tm Finanz- Ministerium Tr. Bltchaelis bezeichnet. Zugleich wird angeiündigt, in den allernächsten Tagen werde tu einem alldeutsch-antisemilischen Blatte ein aus offt« ziöset Feder sta meuder Artikel erscheinen, der für den Vorschlag Stimmung wachen solle.

* Wte die Schulbehörden in der Ostmark auch für baS Seelenheil ber ihnen umerstellten Lehrer sorgen, davon wird der,®erntanta' ein des allgemeinen Interesses nicht entbehrendes Beispiel auS dem Posen'schen Städtchen Schubin berichtet:

Dort wurde am Feste Allerh-ikige« in ber katho­lischen Pfarrkirche deutsch« Predigt gehaücn. Kur; darauf stellte der protestantische, wohl gemerkt der piotestantifche K-eisschulinfpektor den R-ttor und die Lehrer der katholischen Volksschule zur I.ede, warum sie der deutschen Predigt nicht betgewohnt hätten. Das sei ihm vom L andr at mltgeteilt worden. Den Rektor speziell fragte er noch, warum nicht auch feine Familie ber Predigt beigeivohnt habe. lReven- brt bemerkt, erfüllen der Rektor und besten Familie an Sonn- nnb Feiertagen getviffenhast ihre religiöse Pflicht, auch an Merdet.-ige« geschah dies, und ein Glied der Familie, sowie ein katholischer Lehrer und Familte Haden auch bte deutsche Predigt gehört.) Auf die Ent­schuldigung des Rektors, daß er als Mitglied einer Deputation des Lehrervereins an ber Gratulation eines Lehrers s leer Schul«, ber fein 25jährige? Amisfndi- läum feierte, teilgeitommen hebe und infolge dessen ber deutschen Predigt uicht habe beiwohnen können, erwiberte der Herr Sreisfchulinspektor, das hätte auch nachmittags geschehe« können, und meinte dann weiter: Die Regierung könnte ja fragen, warum fie tbm (bem iRettor) die Ost markenzulag« gebe (WtU man was?). Tie inqmreiten Lehrer erklärten, daß sie von ter Predigt nichts gewußt hätten, da diese nicht, wie sonst, vom „Verein der deutschen Katholiken' vor­her angezeigt gewesen sei. Einem Lehrer, der zmn Besuch seiner Braut verreist war, bemerkte der Herr Kreisschulinfpekror: er hätte wegen der deutschen -Predigt auch das Opfer bringen können, an diesem Tage in Schubin zu bleiben. Aber nicht nur bte Lehrer der katholischen Volksschule in Schubin wurden wegen des Fehlens in der deuischen Predigt einem Verhör unlerzogen, auch der Direlior einer dortigen Erziehungsanstalt tat dasselbe den Lehrern feiner Anstalt gegenüber, was einen der Lehrer veranlagte, sofort seine Stelle zu kündigen.

Obenhin betrachtet, möchte mancher vielleicht es recht löblich finden, daß ein Kreisschulinspektor es sich angelegen fein läßt, die ihm unter (teilten Lehrer auch zur Er üllang ihrer religiös kirchlichen Pflichten anzuregen. Aber die Sache hat in diesem Falle einen di terbösen Beigeschmack: das eine Wort Ostmarkenpolit ik sagt schon genug. Dem protestantischen Ktkisschulmspekior fiel es natürlich nicht ein, nachzuforf ckieu, ob die Lehrer ihrer vor­nehmsten religiöse^ Pflicht: am Feiertag der hei­ligen Messe beiznwoyncn, genügt hätten; für ihn kam nur die deutsche Predigt in Betracht, die nach feiner und anderer Leute Ansicht auch einem pvlit kfchen Zweck dienen soll. Tas geht schon aus der bezeichnenden Bemerkung über die markeuzulage hervor. Und das eben ist es, die irqmtietten Lehrpersonen mit Recht so erregt und empört: sie haben das Gefühl, behördlicherseits die Predigt sticht so sehr als giöfe Uetnmg, denn als Demonstration in beflimmta Richtung, in der sie sich betätigen sollen, angesehen wird, und deshalb haben sie, was man chnen tvahr- üastig nicht verübeln zann, wenig Verständnis für dtese Art behördlicher religiöser Fürsorge. Die Be­hörden sollten sich fragen, ob sie ihren Interessen durch das Anhören solcher Denunzianten dienen.

+ Der Freisinn beruhigt sich. Vor einiger Zeit wurde gemeldet, die Fortschrittliche Volkspartei wolle wegen des Wahlerlasses der preußischen Regie­rung an die Regiernngsprästdenlcn im Reichstage interpellieren. Wie eine Nachrichtenstelle nun be­richt er, hätten die Freisinnigen diese Absicht aufge­geben. Sie würden damit jedenfalls recht ver«

K Die französische Regierung ist freundlicher ais die englische.

Tas ergibt sich uicht bloß aus den jüngsten Ent- hüllungen, sondern auch bei einem Rückblick auf die vorhergegangene ädrife.

Als vor sieben Jahren England Marokko an Frankreich ausgeliefert hatte und Deutschland in der Tangerfahrt gegen die Mißachtung seiner Rechte und Interessen einen drastischen Einspruch erhoben hatte, mußte es sich entscheiden, ob die von Herrn Delcassä und dem König» Eduard vereinbarte Ent­ente den Waffengang mit Deutschland ausnehmen könne und wolle. Frankreich ließ Herrn Del­ta s s L fallen und wich damit der kriegerischen Krastprobe aus.

Als durch die Annexion von Bosnien und der Herzegowina eine neue Krisis entstandeu war und der russische Minister Iswolsky umherzog, um einen Koalitionskrieg gegen Oesterreich und Deutschland in Gang zu bringen, blieb die französische Regie­rung trotz aller Revanchetriebe gegen diese Ver­lockung zum Kriege taub.

Grfchzsilt täglich mit Ausnahme bet so.m- «nd§eiertage Viertel- jShtt:che?Ve«--prei5 ohne «iingerlohr, und veficügeld in Zwda so­wie cs suwrts i 50 filt.

VerLNiw.Sedöttem- «tti Schütt«;

JSSSffS». .MiiMettr 5om,tagsMng"

ständig handeln.

= Tacmsiadt, 23. Nov. 1911. Für die Dauer des 35. Landtages Hai der Großherzog in die hezfi- >che Erste Kammer berufen den Prof. Tr.Benno schnridt-Gießen als Vertreter der Landes-Unw rsi- .ä‘, den Prof. Alexander Koch-Darnistadt als Ver­treter der Technischen Hochschule, den Kommerzien­rat Dr. Bamberger »Mainz als Sattelet der Han­delskammer, den Geheimrat Haas«Darmstadt als Vertreter bet Landwirtschaft nnb den (Seroerberat Falk-Mainz als Vertreter des Handwerks.

<3 München, 23.Nov. 1911. Di« bayerische Regierung hat heute die bereits angekündigte Kundgebung zu den Landkagswahlen etlaffen. Es wird darin, wie man sich ö.nfen kann, dem Zentrum alle Verantwortung für die Auflösung des Landtages zugeschrieben.

Die Regierung erklärt das Verhalten der ZenttnmZ- mehrheit der Abgeordnetenkammer als eine Verletzung der Verfassung, denn die Kammer habe kein Recht, einen Minister abjulebnen, weil da? Budget in Bayern staatsrechtlich an keine Bedingung geknüpft sei und werk die Kammer verfaffungsmäßig zur Beratung dieses Budgets verpflichtet fei. Wenn also das Budget aa eine Bedingung geknüpft fei, fo könne auch die Stammet« kderatimg von keiner derartige« Bedingung abhängig gemacht werben. Jedenfalls stehe, wenn die Mehrheit ber Abgeordnetenkammer hinsichtlich der Finauzcms- schußverhanblungen gegenüber dem hierzu besonders emgelabenen Berkehtsmmikier „vom Hausrecht des Landtages Gebrauch" gemacht habe, wie"sich bie Presse ausbrücke, ein solches Recht bem Landtage einem Mi­nister gegenüber nicht zu. Der Lanbtag habe die ver« fafsungsmäßige Verpflichtung, mit de« von der Krone bestellten Ministern zu verhandeln. Die Aufiöjung des Landtages stehe keineswegs mit der angeblich geänder­ten Stellung ber Regierung zur Sozialdemokratie im Zusammenhang. In der Beurteilung der Be­strebungen dieser Partei gehe vielmehr bie Staats­regierung «ach wie vor mit bet überwiegende» Mehr­heit bet Bolksvertreliulg des bayerische» Volkes Han» in Hand. Die Erklärung bemerkt am Schluß zu dem Handschretbe« deS Regenten an ben Miriisterpräfidmten Frecherrn o. Pod-w-ls: .Insbesondere ist «Sunrichttg, Len« jetzt behauptet wird, daß ^s Handschreiben ben Mnftofc « einer im 6tone der ÄufWung bei Land­tage! gefallenen EntschUesiung der Regierung gegeben bat.'

Diese Erklärung spricht das nach, was die li­berale Presse dutzendmale der Regierung vor- geredet hat. Si« bezichtigt das Zentrum der Beugung des BerfastungsrechtS und spricht von einer Bedingung, von deren Erfüllung das Zentrum die Fortsetzung der Finanzausschußverhandlungen abhängig gemacht habe. Es ist aber in keiner der Erklärungen des Zentrums von einer Bedingung etwas $tt lesen. Tas Zentrum hat nur Jemen Standpunkt gegenüber den bekannten Borkomm- nifsen dargelegt, und davon, daß dieser Stand­punkt unhaltbar gewesen wäre, steht in obiger Er- klärnng der Regterung gar nichts. Gelegentlich ihrer Erklärung in der Kammer hat die Regierung an die Berfassungsverletzung noch gar nicht gedacht, sie kam damals mit einer allgemeinen Redewendung von einem Mißverständnis, das allerdings insofern vorhanden war, als die Regierung die Situation nicht verstand. Jedensalls wird die vorliegende Kundgebung das Zentrum nicht in Verlegenheit bringen. Sie zeigt vielmehr nur um fo deutlicher, in welcher peinlichen Lage sich die bayerische Regie­rung befindet. Sie hat den Landtag aufgelost — gegen das Zentrum; in dieser Erklärung spricht sie sich zum Schluß gegen die Sozialdemokratie aus. Wie soll das praktisch miteinander vereinigt werden?. Wenn die Regierung das Zentrum schwachen ivill, so muß sie den Sieg der Liberalen und der — So­zialdemokraten wüschen, also derselben Partei, bte sie „nach wie vor" bekämpfe» zu wollen versichert! Die Zentrnmswähler werde» sich nach diefer Kundgebung erst recht fagen, daß sie nach wie vor treu zu ihrer Partei halten müssen,, die keiner Ver- saflunqsverletzung schnldig ist, die vielmehr nur ihr Recht und ihr Ansehen und das Ansehen des Par- laments bewahrt hat.

= Braunschweig, 21. Roo. 1911. Di« heutigen Neuwahlen der Stadt- und Landgemeinden für den braunschweigischen Landtag haben keine, großen Vertchiebungen ergeben. Sozialdemokraten Mb ruckst aewählt worden, ewige flehen in nicht gunfitget Stick wühl. Einer der hervorragendsten ländlichen Abgeorrmeteu, der Landwirt Kleye-Jerxheim (ber nalionaMberale Reichskagsabgeorbnete), ist nicht wiebergewählt worben, weil et sich mit dem Bund d r Landwirte überworfen hatte.

* Dresden, 23. Nov. 1911. Aus die fortschritt­liche und die sozialdemokratische Anfrage wegen der Teuerung und der Maßregel«, bie die Regierung gegen Re zu ergreifen gedenke, erklärte heute in der sächsischen Zweiten Kammer Minister Gras Vitzthum: .

„Soweit eine Teuerung vorhanden ist, wird sie durch normale Ernten wieder verschwinden. Hinsichtlich der Maßregeln gegen bte Teuerung steht die sächsisch« Regierung ohne jede Einschränkung auf dem Stand­punkt des Reichskanzlers. Sie ist überzeugt, daß ein Festbalten an nnserm mäßigen Schutzzoll auch süt ein Fudustrieknnd rot« Sachs«« gut und notwendig ist.'

Reichstagswahlvorbereitmrgen.

!*! Gelnhausen, 23. Nov. 1911. Gestern sand sin Saale „Zur schönen Aussicht" dahier eine stark besuchte Vertrau ensmänner-B er fam m» lung der Zentrumspartei unseres Reichs- tagswahlkreises statt. Nachdem der Leiter der Ver­sammlung des verstorbene» Vorsitzenden der Zen- trunlspartei in Reg.-Bez. Kastel, des Herrn Robert Kircher, Fulda, gedacht und die Herren Vertreter des Zentralwahlausschusses aus Fulda ^begrüßt hatte, ging man noch einmal auf die Erörterung der Gründe em, die es angesic^s der Parteiverhält­nisse mt Wahlkreise und der Stellungnahme der an­deren politischen Parteien den berufenen Vertreter« der Wähler als das Richtigste erscheinen ließen, an einer eigenen Zentrumskandidatur sestzuhalien. Es ergab sich dabei die volle Emmütigkeit der Ver­sammlung. Der in Aussicht genommene Kandidat, Herr Volksvereinssetretär Karl Geis, Aschaffen­burg, früher im Wahlkreis wohwhast und für den Ausbau der Zentrumsorgcmrsatrim im Wahlkreis Hanau-Geluhausen-Orb hervorragend tätig, konnte sich gleich der Versammlung vorftellen und zu chr sprechen. Seine Aussührungen fanden großen Bei- fall, und einstimmig erfolgte unter brausendem Hoch die Nominierung des Kandidaten. Es wurde sodann die Agilationsarbeit, in die sofort einge­treten werden soll, besprochen. Die Versammlung ging in der zuversichtlichen Hoffnung ausetnander, baß es von allen Zentrttmswählern im Kretfe mrt Jubel begrüßt wird, am 12. Januar 1912 chrer politischen Ueberzeugung Ausdruck geben zu können und sich mit dem Stimmzettel zum Zentrum zu bekennen als der altbewährten, vom chrtstuchett Geiste durchdrungenen Volkspartei, die Gott gibt, was Gottes ist, und dem Kaiser was des Kaisers ist, und dem Volke, was des Volkes ist.

X Kastel, 22. Nov. 1911. Es hat eine lebhafte Agitation zugunsten des Kandibaten der Detrtsch- sozialen Partei im Wahlkreise Eschwege-Schn alkal- den, Friedrich Raab, nnb gegen beu freisinnigen Kandidat en Dr. Ohr eingesetzt. Sebrer Brandt aus Cuxhaven versendet ein Flugblatt, in dem besonders bie Lebt« gegen Tr. Ohr mobil gemacht werben, ba ber Freisinn sür sie nur schöne Worte, aber keine Talen habe. Es wirb ba ein langes Südenregister bes .vielgerühmten^Fceifinns entrollt. Die „Zweiseelenlheorie' bet Cayel, Rofenow unb Genosten, die im Abgeordneten Hause ihre Lehrer« ; freunblichkeit in ben höchsten Tönen fingen, ,n ben 1 gon ihnen beherrschten Gemeinden (Berlin) aoer alle Befolbungs«, Beruss« unb Stande Sfr agen der Lehrerschaft kühl avlehnen, roirb durchau- treffend 1 bargeleat. Auch in Schul- und Erzieyungsangelegen. ; heilen sind Theorie und Praxis bei den Freisinnigen zwei grundvertchtebene Dinge. Das belaub!et sehr . klar der liberale Lehret Nienzel im .Tag':

„Im Abgeordnetenhaus tritt die Partei für die ; allgemeine Dollsfchule ein, in Berlin gibt es kaum eine - höhere Schule ohne <oisch .le. Im Abgeoibnetenhause . fordert man Fachaussicht unb ein Avancement für die : Bollsschullehrer, m Berlin stellt man nur akademisch gebildete Schulinspektor en an, ja man nimmt nicht ein« : mal die im Schulumerhalmnasgeietz zugelastene Zahl von Bolksschullehtri» ta bie schulbeputation auf.' —

Offenbar haben die französischen Staatsmänner va§ brutale Eingreifen der englischen Minister aus- Eenutzt, um Teutschland zu einer Ermäßigung feiner Insgleichsforderuugeu zu bewegen. Das kann man ihnen nicht übel nehmen; denn es gehört zum diplo­matischen Handwerk, jeden materiellen ober mora­lischen Umstand zum eigenen Dorteik nach Möglich­keit zu verwerten. Wenn die Verhandlungen be­denkt ich lange sich bingezogen haben und Denisch- land sich schließlich des lieben Friedens halber mit mageren Konipenfatwnen begnügen mußte, so haben wir das hauptsäckkich der Rückenstärkung zu „verdanken", die England durch seine Minister und seine Presto den französischen Unterhändlern zuteil werden ließ. Den Franzosen aber müs­sen wir die Anerkennung zollen, daß sie bei aller Zähigkeit in der diplomatischen Vertretung ihres Vorteils doch nicht mit dem Kriegsfener gespielt haben, wie es Sir Edward Grev und fein Schatzkanzker Lloyd George in verwegener Weise taten. Es wäre den französischen Staats­männern sehr leicht gewesen, die Dinge zum Krieg zu treiben ober toema den Abschluß des Vergleichs zu verhindern, fodaß die ganze marokkanische Streit­frage mit ihren Gefahren für den europäischen Frie­den bleibend geworden wäre. Sie beben aber den Frieden vorgezogen und ihm auch gewisse Opfer gebracht, die "vom fran.zöfifchen Standpunkt gar nicht so gering find.

'Es ist also abermals erhärtet worden, daß Frankreich den Krieg mit Deutsch­land scheut, während in England hohe und ^starke Kräfte daraus hinarbeiten, einen solchen Krieg h e r b ei z u fnh r en.

Frankreich ist vorsichtiger als England. Des erklärt sich aus dem Umstande, daß Frankreich bei einem Kriege mit Deutschland weit mehr riskiert als England. Jenseits des Kanals verläßt man sich auf die Ueberkegenheit der bri- tifck en Flotte, bie eine Invasion unmöglich macht, sodcß ber englische Boden von ben Schrecken des Krieges näht bedroht werden würde. Es handelt • sich also im Grtrnde nur unt ein finanzielles Risiko; das Blut von herübergeschickten Söldnern hat auch nur materiellen Wert für die brit. Real­politiker. Frankreich aber siebt sich der Ueber- flutung durch eine siegreiche dentfche Armee aus- , gesetzt, der Wiederholung aller Schrecken und Leiben von 1870. Frankreich weiß, daß es nicht bloß die Finger, sondern Arm und Bein riskiert, wenn nach Englands Wunsch die Kastanien aus dem 'deutschen Feuer hott.

Die offensichtkiche und anerkannte Hebet» Macht des deutschen Heeres ist es, die uns diesen Sommer den Frieden gesichert hat, ebenso 'hne sie schon zweimal in den letzten Jahren ztzS getan. Ten Franzosen aber gebührt das Lob, daß sie sich weder durch ihr heißes Blut, noch durch - ' «cflische Verlockungen zur Selbsttäuschung gegen- ffc>er den schlechten Aussichten einer Waffenprobe daben verleiten lasten.

, Deutschland und England.

' Die Veröffentlichungen auS den Vethanblungen - ^ber Bubgetkommission haben allenthalben aufs

-Kußerste überrascht. Die b eu tsch e Presse billigt nach ' Sei Veröffentlichung der Verhandlungen bie Haltung -*be§ Reichstags in ber Matolloftage fast einstimmig . zwar einschließlich der alldeutschen Organe.

^Auch im Auslände haben natürlich bie Erklärungen " «nsereS auswärtigen Amtes großen Einbrnck ge-

ZßiaM Bemerkenswert ist, was unser österreichischer