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Zeitung

• Tuldaer

vermischte

schönen Weihnachtsgeschenk.

ch

* „Eine

X Kirchham, 20- Rov. 1911. Die in diesem Jahre

Reklamen- uud Anzeigenteil

russischer

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Jeder der des WeaeS kam wurde nacf> anstehenden Viehmärkte (Rindvieh- u. Schweine- fw' äÄ "i*Tm «**> "t gw» *W «Mr ta

einem Genossen angegriffen, sodaß er von seiner Waffe Gebrauch machen imrßte. Niemand getraute sich die Straße zu passieren, .sodaß einige Jäger unter dem Schutze ihrer Jagdgewehre die Leute heimführten.

Klangfärbung.

Zögernd zieht der Greis einen Brief Tasche.

„Verzeihung, wenn ich mich ungeschickt

Schweinsberger und Friseur Wilhelm Noll in die engere Wahl kommen, die übrigen Stimmen waren zersplittert. In der zweiten Klasse wurden Land­wirt Konrad Raß und Spenglermeister Seibert und in der ersten Klaffe Apotheke C. Jung gewählt. — Die Stichwahl in der dritten Klasse ist aus Montag, den 11- Dez. d. I. festgesetzt.

t Mardorf, 19. Nov. 1911. Am heutigen Abend wuche eine gut besuchte Versammlung des VolkSoereins für das katholische Deutschland abgehalten. Nachdem Herr Pfarrer Schlitt die Anwesenden begrüßt und auf di? höchsten Gewalten in Kirche und Staat ein Hoch ausgebracht hatte, schil­derte Herr Kooperator Kircher aus Roßdorf in einem sehr klaren und lehrreichen Vortrag die ein Seinen Parteien des Reichstags. Der zweite Teil des Abends gestaltete sich zu einer Gedäckinisfeier deI 100. Geburtstages des Mainzer Bischofs Wilhelm Emmanuel Freiherr» lon Ketteler. Herr Pfarrer Tchlitt bot ein Lebensbild des goßen Mannes und hob seine Verdienste um die Diözese Mainz, ja um das ganze katholische Deutschland, insbesondere auch

Handel und Industrie.

* Beilin, 21. Nov. 1911. An der heutigen Börse war die Grundstimmung fest, aber nicht ein­heitlich. Montanwerte lebhaft und teilweise höher Bankaktien behauptet. Schiffahrtsaklien schwach.

Aus Gberhesien u. -en heff. Remtern.

A Marburg, 22. Nov. 1911. Gestern fanden die ersten Probefahrten der elektrischen Straßenbahn vom Bahnhof zum Wilhelmsplah statt. Selbstredend wurde das große Ereignis von der Marburger Straßenjugend, die im tofl’ieii Wettlauf dir Wagen begleitete, freudig begrüßt. Am nächsten Sounabend soll die polizeiliche Ab­nahme der Bahn, die vorläufig nur die alte Pferde- bahnlirie einhält, erfolgen. Die Inbetriebsetzung dürste sich unmittelbar anschlkeßm. Die Elektrisie­rung der Pferdebahn ivurde in der Stadtoer- ordnelensttzung vom 14 Juli d. Js. beschlossen, nachdem man am 17. März d. I«. 5000 Di?, für die Vorarbeiten bewilligt hatte. De Gesanukosieo, welche auf 205000 Mk. veranschlagt sind, sollen durch Anleihe gedeckt werden.

bürg ein gewöhnlicher Brief aus Berlin eingegangen, der 63 Banknoten zu 100 Mk. enthielt. Der Brief war an das Postamt gerichtet und trug auf dem Umschläge die Angabe: 28. 8. 1911. Mt diesem Vermerk wollte der unbekannte Absender jedenfalls den Tag des Diebstahls hervorheben.

* I» der englischen Hafenstadt Hüll griff ein Haust» streikenderArbeiterder Oelmühlen beladene Wagen an und bewarf die Polizei mit Steinen, worauf diese blank zog. Ein Polizei­beamter wurde verletzt. Ein Mann wurde verhaftet.

* Ein Großfeuer vernichtete in Kutahia (Anato­lien) rund 1000 Hä.user, darunter die meisten Regierungsgebäude.

* Hungersnot in Indien. Der Jefuiienpater Weißhaupt von der deutschen Mission in Bombay in Indien meldet der „Köln. Volksztg.", daß in In­dien eine große Hungersnot ausgebrochen ist infolge der langen Dürre. Die erste Ernte ist ganz vernichtet- Die Getreide- und Futterpreise sind um das Drei­fache gestiegen. j

um den Arbeiterstand, hervor. Zum Schluffe knüpfte er daran die Mahnung, daß alle nach dem Seifriei: dieses großen Mannes treu zur Kirche stehen und ihr Ehre machen, daß insbesondere die Arbeiter nicht teil« gionslosen Volksbeglückern folgen, sondern im Zei- chen des Kreuzes, d. h. auf dem Boden des Christen­tums, wie Ketteler es gewollt, ihr Glück suchen möch­ten. Mit dem Wunsche, daß der Vokksverein, der so Großes leiste, noch mehr wachsen möge, wurde die Versammlung dann vom Vorsitzenden geschlossen.

* Homberg, 22. Nov. 1911. Ein interessanter Skelettfund wurde kürzlich in der Nähe von Homberg (auf der Mühlhäuser Gemarkung) ge­macht. Beim Graben nach Sand wurde ein männ­liches Skelett aufgefunden. Die Knochen waren noch gut erhalten, der Schädel war am Hinterkopf einge­schlagen. Nach Urteil von Sachverständigen soll das Skelett co. 100 Jahre alt sein. Zu dem Funde schreibt das „Homb. Kreisbl/: Aus den Akten zu Lembach iist festgestellt, daß am 7. Juli 1823 Kapi­tän Carl Lucreiius Deichmann, beim Regiment „Prinz Solms", zwischen Homberg und Mühlhausen abends zum letzten Male gesehen worden ist; der­selbe hatte an dem Tage seine Pension in Homberg geholt. Seit der Zeit wurde Kapitän Deichmann vermißt. Da nun bei dem gefundenen Skelert ein Orden des Kurfürsten Wilhelm II- von 1821 mit der Inschrift „Seinen tapferen Hessen 1813—15" gefun­den wurde, so ist es wohl ohne Zweifel, daß das ge­fundene Skelett die Ueberreste des beraubten und er­mordeten Kapitäns Deichmann sind-

* Fritzlar, 22. Nov. 1911. Gelegentlich der Ge­neralversammlung der Kreis-Krankenkasse teilte der Vorsitzende mit, daß durch Verfügung des Regie­rungspräsidenten zu Kassel die Gewährung von Wege­geldern und Aufwandsentschädigungen an die Ver­treter bei der Gncneralversammlung untersagt n>oc- den fei. Es ivurde das allgemein sehr bedauert, um­somehr, als die Vertreter die Interessen sämtlicher Versicherren ihrer Gemeinde in den Versammlungen wahrnehmen. Die Folge würde fein, daß die Ver­sammlungen demnächst nur sehr schtvach besucht wer­den ivürden.

traten, denen sie Hundertmarkscheine anboten, die von echten absolut nicht zu unterscheiden seien- Für 100 Mark gaben sie drei der von ihnen hergestellten Hun­dertmarkscheine. Zum Teil zahlten die Leute hohe Summen an, worauf sie wertlose Blüten oder auch gor nichts erhielten. Wenn die Leute sich meldeten ober mit der Polizei drohten, so wurden sie daraus aufnierffam gemacht, daß sie sich selbst strafbar ge­macht hätten. Elf Angeklagte wurden zu Gefäng­nisstrafen bis zu 21?. Iahren verurteilt. Ein Angeklagter wurde freigesprochen.

* Falschmünzergesellschast- In Wattenscheid in Westfalen wurden ein Lehrer, ein Wirt, ein Agent, eine Frau und zwei Arbeiter verhaftet, die seit län­gerer Zeit Fünfzigmarkscheine herstellten, die stark in den Verkehr gebracht wurden und von den echten sehr schiver zu unterscheiden sind.

* Wegen betrügerischen Bankrotts in Höhe von 100 000 Mk. ivurde der 29 Jahre alte Schlächter­meister Mietusch in Charlottenburg verhaftet. Den Passiven stehen nur ganz geringfügige Aktiven gegen­über. Mietusch. der verheiratet ist, führte ein äußerst ausschweifendes Leben und verbrachte die weiften Nächic in leichtlebiger Gesellschaft.

* Ein merkwürdiger Postdiebstahl. Am 28. Au­gust d. I. verschivand in der Bahnpost Mägde» b u r g—T hake ein nach Klein-Wanzleben bestimm­ter Geldbrief übet 7074 Mk. Die angestellten Nacl>- forschungen blieben erfolglos und die in Betracht kommenden Beamten wurden erfatzpfiichrig gemacht. Dieser Tage ist mm bei dem Postamt 3 in Magde-

268.

Donnerstag 23. November 19U

58. Zahrgasz.

Literarische?»

Kunz von der Rosen. Der luftige Rai Kaiser Maxi­milians I. Geschichtliche Erzählung aus dem letz­ten Jahrhundert des Mittelalters für die reifere Jugend. Von I. P e d e r z a n i - W e b e r. (Va- terländische Geschichts- und Unterhaltungsbiblio­thek, 2. Reihe, Bd. I.) Mit 5 Originalzeichnungen von Hermann Knobloch. 200 Seiten. Breslau, Verlag von Goerlich. Kartoniert 1.— Mk., in eleg. Leinwandband 1,50 Mk.

Der bekannten und weitverbreiteten Vaterländischen Geschichts- und Unterhaltungsbibliothek reiht der Ver­lag eine neue Abteilung an, die Erzählungen aus der deutschen Geschichte behandelt. Der erste Band davon beleuchtet einen Mann aus der Umgebung Maximi­lians I., Kaisers von Deutschland, dem die Geschichte den Beiriamen „der letzte Ritter" gegeben hat. Kunz von der Rosen zeichnet sich aus durch Klugheit, Edel­sinn und Treue, und gibt mit seinen Tugenden seinem Kaiser sich ganz zu eigen. Ohne seinen klugen Kunz unternahm dieser weder Staatsgeschäfte noch Kriegs­gefahren. Seine leuchtendste Tugend aber war die Treue, mit der er in sonnigen Tagen, wie in der bösen Zeit von Verrat und Kerkernot seinem Herrn zur Seite stand. Hierdurch ist er ein unvergängliches Vorbild für die deutsche Jugend geworden. Ein ge­schmackvoller Einband macht das Buch auch zu einem

2. Blatt , vruck ml Berlag der Mdaer Aefiesdrtikerek te Jilte

Fabrik zur Herstellung von Hunderi- marlscheinen" bilöete den Gegenstand eines in Si e g- b Ur g im Rheinland verhandelten Prozesses. Auf der Anklagebank sitzen 12 Kaufleute, die beschuldigt sind, eine große Anzahl von Leuten dadurch schwer geschädigt zu haben, daß sie ihnen vorspiegelten, eine „Fabrik zur Herstellung von Hundertmarkscheinen" errichtet zu haben. Etwa 50 Zeugen haben sich als geschädigt gemeldet. Die Angeklagten operierten so, daß sie durch Agenten an wohlhabende Leute heran-

wtedeeholt an revolutionären Umtrieben beteiligt hatte in ihrem Mieder zu verstecken. Armes Kind."

Wieder steht der Makler das Mädchen an.

Niedergebeugten Hauptes, in eine Ecke des So­fas gedrückt, sitzt Sonja da. Leise Rote ist in die bleichen Wangen gestiegen. Die schlanken Finger schlingen sich krampfhaft ir einander.

„Armes Kind!" wiederholt er mitleidig.

»Sie kann sich nicht verstellen. Ihr Antlitz ver­rat sie stets. Auch damals", fährt der Greis erregt fort. „In tödlicher Angst hielt sie die Hand auf küe Brust gepreßt, wo sie jene Photographie verbor­gen hatte. Der Polizeiofsiziec, ein noch junger Mann, faßte sofort Verdacht. Roh ergriff er sie beim Arm und wollte sie, ohne Rücksicht auf ihre Jugend und ihr Geschlecht, visitieren lassen. In der ersten Wut über diese Brutalität ergriff mein Sohn einen Revolver, um fein Kind vor dieser Schmach zu schützen Er mußte seine Kühnheit mit dem Ver­lust feiner Freiheit büßen . . ."

„Ich rief die Hilfe des Gouverneurs an. Ver­gebens. Nichts könne den Angriff auf einen Offi­zier des Zaren rechtfertigen — lautete die Antwort. Ich proteftierte in scharfen Worten und wurde dafür, als ich nach Moskau zurückkehrte, samt meiner Enke­lin ebenfalls ins Gefängnis geschleppt. Dort blie­ben wir drei Monate. Dann kam der Befehl, wo­nach uns alle bürgerlichen Ehrenrechte abgesprochen und wir lebenslänglich nach Sibirien verbannt wur­den. Wir mußten mti einem Trupp cmschließen, der zumeist aus Verbrechern schlimmster Sorte — Dieben, Mördern und dergleichen Gesindel — be­stand. Die einzige Rücksicht, die man auf unfern Rang nahm, war di«, daß wir nicht gefesselt zu mar­schieren brauchten. — —

„Als meine alten Füße wund tvurden und auch dies Kind hier nicht mehr laufen konnte, steckte man uns beide zusammen mit den Siechen und Kranken, in einen großen Holzkarron. Nachts kampierten wir mit den Uebrigen. Dann folgte ein Marsch in rasende« Eil^ wobei, «gleich einem Heer wilder Tiere, die Schwachen von den Starken niedergetreten

Die Stimme bc5 Mädchens ist tief und weich, die stalienische Aussprache von unverkennbar

.. . _ benehme

. . . ich bin noch nicht lange blind,* murmelte er wie

Die Tochter des Mmnnteu.

2] Rowan von Adele Bötlch. r.

Dann schließt Roberts die Tür hinter ihnen.

„Sieber Großvater, Sir Edward Morrison steht vor uns."

entschuldigend in fast reinem Italienisch. „Ich habe die Ehre, Ihnen diesen Brief zu überreichm. Er ist von Signor Goldstein in Hamburg —'

„Ah, von meinem alten Geschäftsfreund! . . . Bitte, nehm«, Sie Platz!'

> Edward Morrison rückt einen Stuhl für den Greis zurecht und bedeutet feiner Begleiterin, auf dem Sofa Platz zu nehmen.

Ein heller Sonnenschein fällt durch das hohe Bogenfenster herein und beleuchtet voll die beiden ärmlichm Gestalten, denen Kummer und Not ihr weithin sichtbares Gepräge aufgedrückt.

Selbst dem wenig zu poetischen Vergleichen ge­neigten Makler fällt der traurige Gegensatz auf zwi­schen dem lachenden Frühling da draußen und die­sem i-innerr,tätigen winterlichen Elend.

Jetzt erst schlägt dar Mädchen den Schleier gu» ruck, und Edward Morrison ist ftappiert von der faszinierenden Schönheit dieses aparten Gesichts

Roch niemals hat er solch übergroße, tiefblaue melancholifche Augen gesehen, solch feinmodelliertes' Köpfchen, solche Fülle goldleuchtenden Haares, das in natürlichen Locksy unter dem verschlissenen schwar­zen Hut hervorquillt. Roch niemals — weder hier in diesem an Frauenherzen so reichen Stallen, noch drüben in feiner Heimat Amerika.

„Wie schön muß sie erst fein, wenn gesunde Röte ihre Wangen färbt!' denkt er mit einem mitleidigen

MWerRMIkbeliiiMiiiii-

das sind so die allgemeinen Kennzeichen des Novein- »33 bet?. Und dabei soll man gesund bleiben, nicht wahr t Wer das Kunststück fertig brüteten will, der ----brauch-, wenn et sich wohl fühlt, Fays ächte Sodener

Muterawasiillen vorbeugend; u.wer9tei'ungen ber Schleimhäute btt Luftwege wabtnimmt, gebrauche die Pastillen sofort zur Abwehr. Fays ächte Sodener -—- uer agett nie uud bet billige Preis (85 Pfg. für bte Ed Schachtel) macht ihre Aiuvenb. jedermann möglich 13! uur muß m n strikte darauf sehen, daß man auch V»# bte richtigen, nämlich „Fays ächte Sodener- erhält.

* Weilar, 81. Nov 1911. Verhaftet und dem AmtSgerichtsgefängniS in Stadtlengsfeld zugeführt wurde der Ingenieur Echneegans von hier. Kurze Bett darauf wurde auch der Kaufmann Adler in Untersuchungshaft genommen. Tie Gründe, welche zu der Verhaftung geführt haben, werden vorläufig geheim gehalten.

* AuS Thüringen, 22. Nov. 1911. In Jena wurden der Kaufmann Knoblauch und sein Sohn we- gen jahrelanger Wechselfälschungen verhastah. Auf der Polizei erschoß sich Knoblauch. — Auf der To- denwarth bei Niederschmalkalden erschüß fikh wahrscheinlich in geistiger Umnachtung eine dort jur Erholung weilende öftere Dame. Schon seit et­lichen Tagen soll sie sich mit einem Revolver zu schaf­fen gemacht haben unter dem Vorwand, sie wolle Tauben verscheuch«, welche der Herbstsaat auf den nahen Aeckern großen Schaden zufügen. — Beim Ver­laden von Kommißbrot geriet in der Garnisonbäcke­rei in Weißenfels der Soldat Sperling zwischen den zum Verladen benutzren Möbelwagen und das Bäckereigebäude. Sperling, dem der Kopf eingedrückt wurde, starb sofort. — Im Pissoir eines Restaurants in Eisenach erschoß sich der 17 Jahre alte Kon­torist Eugen Hübner j>er in einem Speditionsge­schäft tätig war. — In Dörsles bei Koburg herr- fdjen feit einiger Zeit Scharlach und Diphtheritis so stark, daß die Schule geschloffen werden mußte. Die Lehrerin hat sich angesteckt und starb nach kurzem Krankenlager.

Blick auf die fast beängstigende Blässe des schmalcn Gesichts und die schmerzhaft zusammengezogmen Lippen.

Schweigend nimmt er aus der Hand des Greises den Brief bdS Hamburger Geschäftsfreundes in Empfang

»Ich erlaube mit, ihrer Großmut und Fürsorge Boris Orloff und dessen Enkelin Sonja zu empsech- len —", lieft er halblaut — „deren schaurige Erleb­nisse in Sibirien das Herz eines jeden fühlenden Mmschen bewegen und ihn mit Abscheu erfüllen müssen gegen den Mißbrauch ber irdischen Gewalt."

Rasch überfliegt et die noch folgenden Zeilen und faltet dann den Bries zusammen.

Als er fein Beileid ausdrücken will, wehrt ber Greis mit einer hoheitsvollen Gebärde ab.

„Erst hören Sie unsere Erlebnisse. Signore! Und dann urteilen Sie, ob Sie uns Ihres Mitleids und Ihrer Hilfe für wert halten!"

Wie anklagend richten sich seine glanzlosen Augen nach der Zimmerdecke, als komme von dorther da? Licht, das feine blinden Augen nicht mehr gewahren.

„Wir lebten in Moskau", fährt er nach einer kleinen Pause mit leise zitternder Stimme fort. „Wir warm reich — nicht nur an Geld und Gut, sondern auch an Freunden, die uns achteten und liebten. Ich hatte einen Sohn — der Vater dieses armen Kindes hier . . ."

Seine Stimme wird fast unhörbar vor mühsam verhaltmer Srregung und wieder dauert es einige Augenblicke, bevor et sich soweit gefaßt hat, um »vetter zu sprechen.

„Sehen Sie — die Sache ist die: mein Sohn sollte sich an politische Umtrieben beteiligt haben. Eines Abends wurde bei uns Haussuchung abge­halten. Ohne Zögem lieferten wir sämtliche Schlüs- sel mrs, denn vir hatten nichts zu fürchten. Doch dies törichte Mödchq, hier — es war damals kaum siebzehn Jahre alt — war durch das brutale Bor» gehm der Polizisten ängstlich geworden. Sie ver­suchte, da» Bild einer ihrer Freundinnen, die sich

Aus dem Nachbaraebieie.

* HerSfeld, 22. Nov. 1911. In der Nacht auf Sonntag wurde hier bei einem Einwohner e l ng e« brochen. Der Täter erbeutete 120 Mk. In Ver­dacht geriet ein früher bei dem Bestohlenen beschäftig­ter Knecht, ber in Eisenach verhaftet werden konnte. Er gestand die Tat ein und gab auch zu, seinem früheren Dienstherrn bereits vor 14 Tagen eingebro­chen und einen Betrag von 20 Mark entwendet zu haben. Bei Durchsicht der Papiere des Verhafteten tourbe die Entdeckung gemacht, daß er von Kassel aus wegen Diebstahls bereits steckbrieflich verfolgt wird.

* Bad Orb, 22. Nov. 1911. Gegen die am 6. No­vember vorgenommenen Stadtverordnete n- Wahlen ist Protest erhoben worden.

* Wächtersbach, 22. Nov. 1911. Bel der Hoch­zeit des Wilhelm Georg In Wittgenborn ivurde, wie das auf dem Lande üblich ist, geschossen. Dabei Bber elfjährigen Elise Löwer ein Schuß in den i. Bei der Hochzeit der Eltern des Georg war ein ähnlicher Unglüätzsall vorgckommm Damals wurden einem Arbeiter zwei Finger abgeschoffen.

* Bad Wilduugen, 22. Rov. 1911. Der Ge­schäftsführer der Zeniralgenoffenschast zum Bezüge landwirt^aftlicher Bedarfsartikel, Köhler, von hier, ist nach verübten Unterschlagungen flüch­tig geworden. Der Fehlbettag beläuft sich auf etwa 24 000 Mk. Die Genossenschaft erleidet kei­nen Schaden, da die Verwandten Köhlers ihr Vermö­gen zur Deckung beS Fehlbetrages zur Verfügung ge­stellt haben.

* Arolsen, 22. Nov. 1911. Der waldecksche Land­tag hat eine Eingabe der waldeckschen Volkrschul- lehrer um Gleichstellung ihrer Gehälter mir denen der preußischen Lehrer angenommen und der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen.

* Ans Franken, 22. Rov. 1911. Der Führer der Aschaffenburger Zenttumspariei, Herr F. M. Haus, der 72 Jahre alt ist, mußte sich in der Klinik in Fulda einer äußerst schwierigen Operation unter­ziehen. — In HaIsbach bei Lohr ist beim Tannen­zapfenbrechen der 14jähr. Landwirtssohn Ebert ab-

Weiterverbreituna der Maul- und Klauenseuche nicht /.bgehalten. — Mit dem Geländeriverb zur Wohra- bahn in hiesiger Gemarkung wird demnächst begonnen Da die Grundeigentümer teilweise sehr hohe Preise fordern, wird ein Teil der benötigten Flächen ent­eignet iverden müssen. Zur Unterstützung beim An­kauf des Geländes ist eine Kommission, bestehend aus Mitgliedern des Magistrats und der Sto.diver- ordnetenversammluny gebildet ivorden.

* Kirchhain, 22. Rov. 1911. Eine ziemlich stacke Beteiligung toiefen die Ergänzungswahlen zur Stadtverordnetenversammlung auf. In der dritten Klasse waren für das eine zu besetzende Mandat 6 Kandidaten auf gestellt, von denen Bausekretär

Ami Geisa und Umgebung.

* Dermbach, 22. Rov. 1911 Als Vertretet des erkrankten und auf 3 Monate beurlaubten Bezirks­kommissars Dreist wurde Assessor E r b s l ö h, bis­her in Eisenach, an die hiesige Bezirksdirektion ver­setzt.

* Stadtlengsfeld, 22. Rov. 1911. Vom hiesigen Sch ö ff enge richt wurde der ausländische Schieß­held, der am Kirmessonntag m Gehaus Unruhe ver­ursachte, mit 6 Wochen Gefängnis bestraft.

* Ostheim v. d. Rh., 21. Rov. 1911. Manmuß sich zu trösten wissen! In scharfem Wahl­kampfe standen sich dieser Tage hier zahlreiche Kan­didaten für den Gemeinderat gegenüber. Jetzt ist die Wahl vorüber und da kann man in dem Lokalblatt folgende Anzeige lesen: „Mittwoch Abend 8 Uhr Zu- fmnmenfunft der durchgefallenen Gemeinderats-Kan­didaten auf der Lichtenburg. Tagesordnung: Aus­sprache und gegenseitiges Bedauern. Hierauf fröh­liches Beisammensein. Der Aus sch u ß der Durchgefallenen/

* Oechien, 22. Nov. 1911. Die Arbeiten an der Bahnlinie nach Wenigentaft find diesseits ziemlich beendet, so daß ein großer Tell der ausländischen Arbeiter an die Sttecke in der Nähe von Buttlar ver­bog.

Tas Mädchen vom Lande und neun andere Erzäh­lungen. Von Prof. Dr. Aug. C h ä t e I e i n. Für die gebildete deutsche Jugend überseht von Dr. A. Mühlau. 148 Seiten. 8». Breslau, Verlag von Franz Goerlich. Brosch. 1 Mk., in elegantem Glanzleinenband geb. 1.50.

Ein eigener Reiz liegt in den Erzählungen Prof. CHLteleins; ein oberflächlicher Leser gewinnt ihn frei­lich nicht leicht ab. Feiner Humor, tiefer Ernst, ein klein Wenig Sarkasmus würzen sie. ES liegt etwas Apartes in den Darstellungen. Und wenn auch das Buch in erster Reihe der Jugend gewidmet ist, dec Erwachsene Wird es mit nicht minderem Genuß lesen, weil er die Feinheiten vielleicht noch besser heraus- finden Wird. - ch

gestürzt und tot geblieben. — In Hösbach, wo von bürgerlicher Seite gegen eine stacke sozialdemokra­tische Minderheit die Wiederwahl des bisherigen ver­dienten Bürgermeisters durchgeseht Wurde, veranstal­teten die Unterlegenen grobe Radauszenen. Vor dem Versammlungslokal bet Sieger wurde, wie der „Be­obachter a. M." meldet, mit Bieckrügen, Gläsern, Steinen, Mistgabeln, Revolvern und Eisenstücken ber Kampf geführt, f niedergeschlagen, vl^UVMr m .

Straße passtene. Der Polizeidiener, welcher für Auf­rechterhaltung der Ordnung sorgen wollte, wurde von

wurden. — Und erst bet Kampf um einen Platz zum Schlafen! Gegen zweitausend Menschen, Män­ner und Frauen, waren in Zelten zusammengefercht, die kaum für ebensoviel Hunderte Platz hatten! — O, der Schmutz in jenen Baracken, der entsetzliche Geruch--•

Ein tiefer Seufzer entrinnt sich Sonias Brust. Beschwörmd hebt sie die Hand.

„Hör auf, Großvater! Hör auf!" fleht sie er­bebend.

„Nun wohl, mein Kind! Genug für heute von oll den Greueln!" ruft ber Alte mtt vor Empörung grollender Stimme. „Doch einmal werde ich reden! Die Welt soll erfahren —"

„Aber nicht jetzt —"

»Nein, nicht jetzt ... Es wurde Winter, bis ivir Sibirien erreichten*, fährt der Alte, sich zur Ruhe zwingend, fort, indem er sich mit ber zittern­den Hand über die Stirn streicht. „Eines Tages verwandefte sich vor meinen Augen die weiße, gÜ- tzernbe Schneefläche in schwarze, undurchdringliche Finsternis. Entbehrung, Kälte, die namenlosen Aufregungen hatten daS ihre getan.--

„Lassen Sie mich die nächsten zwei Jahre, die wir in Sibirien verlebten, übergehen, mein Herr! Es war eine furchtbare Zeit. — Da kam eines Ta­ges die Rettung. Man hatte uns daheim nicht ver­gessen. <jne Freundin unsere» Hauses, die Fürstin Larinsky, hatte es ermöglicht, uns auszukundschaften und schickte uns einen vertrauten Diener mit Geld und wichtigen Papieren nach, wodurch unsere Flucht ermöglicht wurde. — —

„Lange, lange irrten wir umher. — Da» Geld ging zu Ende. Ich schrieb an die Fürstin Larins um weitere Hilfe. VerzebenS. Vermutlich wir Der Brief gar nicht in ihre Hände gelangt. — Halb v.r- hungert zogen wir weiter, immer weiter — manch­mal zu Fuß, manchmal zu Wagen. — Wehin? Ich wußte es selbst nicht. Großer Gott, was nr nie» wir ausstehen!*

(Fortsetzung folgt)