Zeitung
• Tuldaer
vermischte
schönen Weihnachtsgeschenk.
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* „Eine
X Kirchham, 20- Rov. 1911. Die in diesem Jahre
Reklamen- uud Anzeigenteil
russischer
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Jeder der des WeaeS kam wurde nacf> anstehenden Viehmärkte (Rindvieh- u. Schweine- fw' äÄ "i*Tm «**> "t gw» *W «Mr ta
einem Genossen angegriffen, sodaß er von seiner Waffe Gebrauch machen imrßte. Niemand getraute sich die Straße zu passieren, .sodaß einige Jäger unter dem Schutze ihrer Jagdgewehre die Leute heimführten.
Klangfärbung.
Zögernd zieht der Greis einen Brief Tasche.
„Verzeihung, wenn ich mich ungeschickt
Schweinsberger und Friseur Wilhelm Noll in die engere Wahl kommen, die übrigen Stimmen waren zersplittert. In der zweiten Klasse wurden Landwirt Konrad Raß und Spenglermeister Seibert und in der ersten Klaffe Apotheke C. Jung gewählt. — Die Stichwahl in der dritten Klasse ist aus Montag, den 11- Dez. d. I. festgesetzt.
t Mardorf, 19. Nov. 1911. Am heutigen Abend wuche eine gut besuchte Versammlung des VolkSoereins für das katholische Deutschland abgehalten. Nachdem Herr Pfarrer Schlitt die Anwesenden begrüßt und auf di? höchsten Gewalten in Kirche und Staat ein Hoch ausgebracht hatte, schilderte Herr Kooperator Kircher aus Roßdorf in einem sehr klaren und lehrreichen Vortrag die ein Seinen Parteien des Reichstags. Der zweite Teil des Abends gestaltete sich zu einer Gedäckinisfeier deI 100. Geburtstages des Mainzer Bischofs Wilhelm Emmanuel Freiherr» lon Ketteler. Herr Pfarrer Tchlitt bot ein Lebensbild des goßen Mannes und hob seine Verdienste um die Diözese Mainz, ja um das ganze katholische Deutschland, insbesondere auch
Handel und Industrie.
* Beilin, 21. Nov. 1911. An der heutigen Börse war die Grundstimmung fest, aber nicht einheitlich. Montanwerte lebhaft und teilweise höher Bankaktien behauptet. Schiffahrtsaklien schwach.
Aus Gberhesien u. -en heff. Remtern.
A Marburg, 22. Nov. 1911. Gestern fanden die ersten Probefahrten der elektrischen Straßenbahn vom Bahnhof zum Wilhelmsplah statt. Selbstredend wurde das große Ereignis von der Marburger Straßenjugend, die im tofl’ieii Wettlauf dir Wagen begleitete, freudig begrüßt. Am nächsten Sounabend soll die polizeiliche Abnahme der Bahn, die vorläufig nur die alte Pferde- bahnlirie einhält, erfolgen. Die Inbetriebsetzung dürste sich unmittelbar anschlkeßm. Die Elektrisierung der Pferdebahn ivurde in der Stadtoer- ordnelensttzung vom 14 Juli d. Js. beschlossen, nachdem man am 17. März d. I«. 5000 Di?, für die Vorarbeiten bewilligt hatte. De Gesanukosieo, welche auf 205000 Mk. veranschlagt sind, sollen durch Anleihe gedeckt werden.
bürg ein gewöhnlicher Brief aus Berlin eingegangen, der 63 Banknoten zu 100 Mk. enthielt. Der Brief war an das Postamt gerichtet und trug auf dem Umschläge die Angabe: 28. 8. 1911. Mt diesem Vermerk wollte der unbekannte Absender jedenfalls den Tag des Diebstahls hervorheben.
* I» der englischen Hafenstadt Hüll griff ein Haust» streikenderArbeiterder Oelmühlen beladene Wagen an und bewarf die Polizei mit Steinen, worauf diese blank zog. Ein Polizeibeamter wurde verletzt. Ein Mann wurde verhaftet.
* Ein Großfeuer vernichtete in Kutahia (Anatolien) rund 1000 Hä.user, darunter die meisten Regierungsgebäude.
* Hungersnot in Indien. Der Jefuiienpater Weißhaupt von der deutschen Mission in Bombay in Indien meldet der „Köln. Volksztg.", daß in Indien eine große Hungersnot ausgebrochen ist infolge der langen Dürre. Die erste Ernte ist ganz vernichtet- Die Getreide- und Futterpreise sind um das Dreifache gestiegen. j
um den Arbeiterstand, hervor. Zum Schluffe knüpfte er daran die Mahnung, daß alle nach dem Seifriei: dieses großen Mannes treu zur Kirche stehen und ihr Ehre machen, daß insbesondere die Arbeiter nicht teil« gionslosen Volksbeglückern folgen, sondern im Zei- chen des Kreuzes, d. h. auf dem Boden des Christentums, wie Ketteler es gewollt, ihr Glück suchen möchten. Mit dem Wunsche, daß der Vokksverein, der so Großes leiste, noch mehr wachsen möge, wurde die Versammlung dann vom Vorsitzenden geschlossen.
* Homberg, 22. Nov. 1911. Ein interessanter Skelettfund wurde kürzlich in der Nähe von Homberg (auf der Mühlhäuser Gemarkung) gemacht. Beim Graben nach Sand wurde ein männliches Skelett aufgefunden. Die Knochen waren noch gut erhalten, der Schädel war am Hinterkopf eingeschlagen. Nach Urteil von Sachverständigen soll das Skelett co. 100 Jahre alt sein. Zu dem Funde schreibt das „Homb. Kreisbl/: Aus den Akten zu Lembach iist festgestellt, daß am 7. Juli 1823 Kapitän Carl Lucreiius Deichmann, beim Regiment „Prinz Solms", zwischen Homberg und Mühlhausen abends zum letzten Male gesehen worden ist; derselbe hatte an dem Tage seine Pension in Homberg geholt. Seit der Zeit wurde Kapitän Deichmann vermißt. Da nun bei dem gefundenen Skelert ein Orden des Kurfürsten Wilhelm II- von 1821 mit der Inschrift „Seinen tapferen Hessen 1813—15" gefunden wurde, so ist es wohl ohne Zweifel, daß das gefundene Skelett die Ueberreste des beraubten und ermordeten Kapitäns Deichmann sind-
* Fritzlar, 22. Nov. 1911. Gelegentlich der Generalversammlung der Kreis-Krankenkasse teilte der Vorsitzende mit, daß durch Verfügung des Regierungspräsidenten zu Kassel die Gewährung von Wegegeldern und Aufwandsentschädigungen an die Vertreter bei der Gncneralversammlung untersagt n>oc- den fei. Es ivurde das allgemein sehr bedauert, umsomehr, als die Vertreter die Interessen sämtlicher Versicherren ihrer Gemeinde in den Versammlungen wahrnehmen. Die Folge würde fein, daß die Versammlungen demnächst nur sehr schtvach besucht werden ivürden.
traten, denen sie Hundertmarkscheine anboten, die von echten absolut nicht zu unterscheiden seien- Für 100 Mark gaben sie drei der von ihnen hergestellten Hundertmarkscheine. Zum Teil zahlten die Leute hohe Summen an, worauf sie wertlose Blüten oder auch gor nichts erhielten. Wenn die Leute sich meldeten ober mit der Polizei drohten, so wurden sie daraus aufnierffam gemacht, daß sie sich selbst strafbar gemacht hätten. Elf Angeklagte wurden zu Gefängnisstrafen bis zu 21?. Iahren verurteilt. Ein Angeklagter wurde freigesprochen.
* Falschmünzergesellschast- In Wattenscheid in Westfalen wurden ein Lehrer, ein Wirt, ein Agent, eine Frau und zwei Arbeiter verhaftet, die seit längerer Zeit Fünfzigmarkscheine herstellten, die stark in den Verkehr gebracht wurden und von den echten sehr schiver zu unterscheiden sind.
* Wegen betrügerischen Bankrotts in Höhe von 100 000 Mk. ivurde der 29 Jahre alte Schlächtermeister Mietusch in Charlottenburg verhaftet. Den Passiven stehen nur ganz geringfügige Aktiven gegenüber. Mietusch. der verheiratet ist, führte ein äußerst ausschweifendes Leben und verbrachte die weiften Nächic in leichtlebiger Gesellschaft.
* Ein merkwürdiger Postdiebstahl. Am 28. August d. I. verschivand in der Bahnpost Mägde» b u r g—T hake ein nach Klein-Wanzleben bestimmter Geldbrief übet 7074 Mk. Die angestellten Nacl>- forschungen blieben erfolglos und die in Betracht kommenden Beamten wurden erfatzpfiichrig gemacht. Dieser Tage ist mm bei dem Postamt 3 in Magde-
268.
Donnerstag 23. November 19U
58. Zahrgasz.
Literarische?»
Kunz von der Rosen. Der luftige Rai Kaiser Maximilians I. Geschichtliche Erzählung aus dem letzten Jahrhundert des Mittelalters für die reifere Jugend. Von I. P e d e r z a n i - W e b e r. (Va- terländische Geschichts- und Unterhaltungsbibliothek, 2. Reihe, Bd. I.) Mit 5 Originalzeichnungen von Hermann Knobloch. 200 Seiten. Breslau, Verlag von Goerlich. Kartoniert 1.— Mk., in eleg. Leinwandband 1,50 Mk.
Der bekannten und weitverbreiteten Vaterländischen Geschichts- und Unterhaltungsbibliothek reiht der Verlag eine neue Abteilung an, die Erzählungen aus der deutschen Geschichte behandelt. Der erste Band davon beleuchtet einen Mann aus der Umgebung Maximilians I., Kaisers von Deutschland, dem die Geschichte den Beiriamen „der letzte Ritter" gegeben hat. Kunz von der Rosen zeichnet sich aus durch Klugheit, Edelsinn und Treue, und gibt mit seinen Tugenden seinem Kaiser sich ganz zu eigen. Ohne seinen klugen Kunz unternahm dieser weder Staatsgeschäfte noch Kriegsgefahren. Seine leuchtendste Tugend aber war die Treue, mit der er in sonnigen Tagen, wie in der bösen Zeit von Verrat und Kerkernot seinem Herrn zur Seite stand. Hierdurch ist er ein unvergängliches Vorbild für die deutsche Jugend geworden. Ein geschmackvoller Einband macht das Buch auch zu einem
2. Blatt , vruck ml Berlag der Mdaer Aefiesdrtikerek te Jilte
Fabrik zur Herstellung von Hunderi- marlscheinen" bilöete den Gegenstand eines in Si e g- b Ur g im Rheinland verhandelten Prozesses. Auf der Anklagebank sitzen 12 Kaufleute, die beschuldigt sind, eine große Anzahl von Leuten dadurch schwer geschädigt zu haben, daß sie ihnen vorspiegelten, eine „Fabrik zur Herstellung von Hundertmarkscheinen" errichtet zu haben. Etwa 50 Zeugen haben sich als geschädigt gemeldet. Die Angeklagten operierten so, daß sie durch Agenten an wohlhabende Leute heran-
wtedeeholt an revolutionären Umtrieben beteiligt hatte in ihrem Mieder zu verstecken. Armes Kind."
Wieder steht der Makler das Mädchen an.
Niedergebeugten Hauptes, in eine Ecke des Sofas gedrückt, sitzt Sonja da. Leise Rote ist in die bleichen Wangen gestiegen. Die schlanken Finger schlingen sich krampfhaft ir einander.
„Armes Kind!" wiederholt er mitleidig.
»Sie kann sich nicht verstellen. Ihr Antlitz verrat sie stets. Auch damals", fährt der Greis erregt fort. „In tödlicher Angst hielt sie die Hand auf küe Brust gepreßt, wo sie jene Photographie verborgen hatte. Der Polizeiofsiziec, ein noch junger Mann, faßte sofort Verdacht. Roh ergriff er sie beim Arm und wollte sie, ohne Rücksicht auf ihre Jugend und ihr Geschlecht, visitieren lassen. In der ersten Wut über diese Brutalität ergriff mein Sohn einen Revolver, um fein Kind vor dieser Schmach zu schützen Er mußte seine Kühnheit mit dem Verlust feiner Freiheit büßen . . ."
„Ich rief die Hilfe des Gouverneurs an. Vergebens. Nichts könne den Angriff auf einen Offizier des Zaren rechtfertigen — lautete die Antwort. Ich proteftierte in scharfen Worten und wurde dafür, als ich nach Moskau zurückkehrte, samt meiner Enkelin ebenfalls ins Gefängnis geschleppt. Dort blieben wir drei Monate. Dann kam der Befehl, wonach uns alle bürgerlichen Ehrenrechte abgesprochen und wir lebenslänglich nach Sibirien verbannt wurden. Wir mußten mti einem Trupp cmschließen, der zumeist aus Verbrechern schlimmster Sorte — Dieben, Mördern und dergleichen Gesindel — bestand. Die einzige Rücksicht, die man auf unfern Rang nahm, war di«, daß wir nicht gefesselt zu marschieren brauchten. — —
„Als meine alten Füße wund tvurden und auch dies Kind hier nicht mehr laufen konnte, steckte man uns beide zusammen mit den Siechen und Kranken, in einen großen Holzkarron. Nachts kampierten wir mit den Uebrigen. Dann folgte ein Marsch in rasende« Eil^ wobei, «gleich einem Heer wilder Tiere, die Schwachen von den Starken niedergetreten
Die Stimme bc5 Mädchens ist tief und weich, die stalienische Aussprache von unverkennbar
.. . _ benehme
. . . ich bin noch nicht lange blind,* murmelte er wie
Die Tochter des Mmnnteu.
2] Rowan von Adele Bötlch. r.
Dann schließt Roberts die Tür hinter ihnen.
„Sieber Großvater, Sir Edward Morrison steht vor uns."
entschuldigend in fast reinem Italienisch. „Ich habe die Ehre, Ihnen diesen Brief zu überreichm. Er ist von Signor Goldstein in Hamburg —'
„Ah, von meinem alten Geschäftsfreund! . . . Bitte, nehm«, Sie Platz!'
> Edward Morrison rückt einen Stuhl für den Greis zurecht und bedeutet feiner Begleiterin, auf dem Sofa Platz zu nehmen.
Ein heller Sonnenschein fällt durch das hohe Bogenfenster herein und beleuchtet voll die beiden ärmlichm Gestalten, denen Kummer und Not ihr weithin sichtbares Gepräge aufgedrückt.
Selbst dem wenig zu poetischen Vergleichen geneigten Makler fällt der traurige Gegensatz auf zwischen dem lachenden Frühling da draußen und diesem i-innerr,tätigen winterlichen Elend.
Jetzt erst schlägt dar Mädchen den Schleier gu» ruck, und Edward Morrison ist ftappiert von der faszinierenden Schönheit dieses aparten Gesichts
Roch niemals hat er solch übergroße, tiefblaue melancholifche Augen gesehen, solch feinmodelliertes' Köpfchen, solche Fülle goldleuchtenden Haares, das in natürlichen Locksy unter dem verschlissenen schwarzen Hut hervorquillt. Roch niemals — weder hier in diesem an Frauenherzen so reichen Stallen, noch drüben in feiner Heimat Amerika.
„Wie schön muß sie erst fein, wenn gesunde Röte ihre Wangen färbt!' denkt er mit einem mitleidigen
MWerRMIkbeliiiMiiiii-
das sind so die allgemeinen Kennzeichen des Novein- »33 bet?. Und dabei soll man gesund bleiben, nicht wahr t Wer das Kunststück fertig brüteten will, der ----brauch-, wenn et sich wohl fühlt, Fays ächte Sodener
Muterawasiillen vorbeugend; u.wer9tei'ungen ber Schleimhäute btt Luftwege wabtnimmt, gebrauche die Pastillen sofort zur Abwehr. Fays ächte Sodener -—- uer agett nie uud bet billige Preis (85 Pfg. für bte Ed Schachtel) macht ihre Aiuvenb. jedermann möglich 13! uur muß m n strikte darauf sehen, daß man auch V»# bte richtigen, nämlich „Fays ächte Sodener- erhält.
* Weilar, 81. Nov 1911. Verhaftet und dem AmtSgerichtsgefängniS in Stadtlengsfeld zugeführt wurde der Ingenieur Echneegans von hier. Kurze Bett darauf wurde auch der Kaufmann Adler in Untersuchungshaft genommen. Tie Gründe, welche zu der Verhaftung geführt haben, werden vorläufig geheim gehalten.
* AuS Thüringen, 22. Nov. 1911. In Jena wurden der Kaufmann Knoblauch und sein Sohn we- gen jahrelanger Wechselfälschungen verhastah. Auf der Polizei erschoß sich Knoblauch. — Auf der To- denwarth bei Niederschmalkalden erschüß fikh wahrscheinlich in geistiger Umnachtung eine dort jur Erholung weilende öftere Dame. Schon seit etlichen Tagen soll sie sich mit einem Revolver zu schaffen gemacht haben unter dem Vorwand, sie wolle Tauben verscheuch«, welche der Herbstsaat auf den nahen Aeckern großen Schaden zufügen. — Beim Verladen von Kommißbrot geriet in der Garnisonbäckerei in Weißenfels der Soldat Sperling zwischen den zum Verladen benutzren Möbelwagen und das Bäckereigebäude. Sperling, dem der Kopf eingedrückt wurde, starb sofort. — Im Pissoir eines Restaurants in Eisenach erschoß sich der 17 Jahre alte Kontorist Eugen Hübner j>er in einem Speditionsgeschäft tätig war. — In Dörsles bei Koburg herr- fdjen feit einiger Zeit Scharlach und Diphtheritis so stark, daß die Schule geschloffen werden mußte. Die Lehrerin hat sich angesteckt und starb nach kurzem Krankenlager.
Blick auf die fast beängstigende Blässe des schmalcn Gesichts und die schmerzhaft zusammengezogmen Lippen.
Schweigend nimmt er aus der Hand des Greises den Brief bdS Hamburger Geschäftsfreundes in Empfang
»Ich erlaube mit, ihrer Großmut und Fürsorge Boris Orloff und dessen Enkelin Sonja zu empsech- len —", lieft er halblaut — „deren schaurige Erlebnisse in Sibirien das Herz eines jeden fühlenden Mmschen bewegen und ihn mit Abscheu erfüllen müssen gegen den Mißbrauch ber irdischen Gewalt."
Rasch überfliegt et die noch folgenden Zeilen und faltet dann den Bries zusammen.
Als er fein Beileid ausdrücken will, wehrt ber Greis mit einer hoheitsvollen Gebärde ab.
„Erst hören Sie unsere Erlebnisse. Signore! Und dann urteilen Sie, ob Sie uns Ihres Mitleids und Ihrer Hilfe für wert halten!"
Wie anklagend richten sich seine glanzlosen Augen nach der Zimmerdecke, als komme von dorther da? Licht, das feine blinden Augen nicht mehr gewahren.
„Wir lebten in Moskau", fährt er nach einer kleinen Pause mit leise zitternder Stimme fort. „Wir warm reich — nicht nur an Geld und Gut, sondern auch an Freunden, die uns achteten und liebten. Ich hatte einen Sohn — der Vater dieses armen Kindes hier . . ."
Seine Stimme wird fast unhörbar vor mühsam verhaltmer Srregung und wieder dauert es einige Augenblicke, bevor et sich soweit gefaßt hat, um »vetter zu sprechen.
„Sehen Sie — die Sache ist die: mein Sohn sollte sich an politische Umtrieben beteiligt haben. Eines Abends wurde bei uns Haussuchung abgehalten. Ohne Zögem lieferten wir sämtliche Schlüs- sel mrs, denn vir hatten nichts zu fürchten. Doch dies törichte Mödchq, hier — es war damals kaum siebzehn Jahre alt — war durch das brutale Bor» gehm der Polizisten ängstlich geworden. Sie versuchte, da» Bild einer ihrer Freundinnen, die sich
Aus dem Nachbaraebieie.
* HerSfeld, 22. Nov. 1911. In der Nacht auf Sonntag wurde hier bei einem Einwohner e l ng e« brochen. Der Täter erbeutete 120 Mk. In Verdacht geriet ein früher bei dem Bestohlenen beschäftigter Knecht, ber in Eisenach verhaftet werden konnte. Er gestand die Tat ein und gab auch zu, seinem früheren Dienstherrn bereits vor 14 Tagen eingebrochen und einen Betrag von 20 Mark entwendet zu haben. Bei Durchsicht der Papiere des Verhafteten tourbe die Entdeckung gemacht, daß er von Kassel aus wegen Diebstahls bereits steckbrieflich verfolgt wird.
* Bad Orb, 22. Nov. 1911. Gegen die am 6. November vorgenommenen Stadtverordnete n- Wahlen ist Protest erhoben worden.
* Wächtersbach, 22. Nov. 1911. Bel der Hochzeit des Wilhelm Georg In Wittgenborn ivurde, wie das auf dem Lande üblich ist, geschossen. Dabei Bber elfjährigen Elise Löwer ein Schuß in den i. Bei der Hochzeit der Eltern des Georg war ein ähnlicher Unglüätzsall vorgckommm Damals wurden einem Arbeiter zwei Finger abgeschoffen.
* Bad Wilduugen, 22. Rov. 1911. Der Geschäftsführer der Zeniralgenoffenschast zum Bezüge landwirt^aftlicher Bedarfsartikel, Köhler, von hier, ist nach verübten Unterschlagungen flüchtig geworden. Der Fehlbettag beläuft sich auf etwa 24 000 Mk. Die Genossenschaft erleidet keinen Schaden, da die Verwandten Köhlers ihr Vermögen zur Deckung beS Fehlbetrages zur Verfügung gestellt haben.
* Arolsen, 22. Nov. 1911. Der waldecksche Landtag hat eine Eingabe der waldeckschen Volkrschul- lehrer um Gleichstellung ihrer Gehälter mir denen der preußischen Lehrer angenommen und der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen.
* Ans Franken, 22. Rov. 1911. Der Führer der Aschaffenburger Zenttumspariei, Herr F. M. Haus, der 72 Jahre alt ist, mußte sich in der Klinik in Fulda einer äußerst schwierigen Operation unterziehen. — In HaIsbach bei Lohr ist beim Tannenzapfenbrechen der 14jähr. Landwirtssohn Ebert ab-
Weiterverbreituna der Maul- und Klauenseuche nicht /.bgehalten. — Mit dem Geländeriverb zur Wohra- bahn in hiesiger Gemarkung wird demnächst begonnen Da die Grundeigentümer teilweise sehr hohe Preise fordern, wird ein Teil der benötigten Flächen enteignet iverden müssen. Zur Unterstützung beim Ankauf des Geländes ist eine Kommission, bestehend aus Mitgliedern des Magistrats und der Sto.diver- ordnetenversammluny gebildet ivorden.
* Kirchhain, 22. Rov. 1911. Eine ziemlich stacke Beteiligung toiefen die Ergänzungswahlen zur Stadtverordnetenversammlung auf. In der dritten Klasse waren für das eine zu besetzende Mandat 6 Kandidaten auf gestellt, von denen Bausekretär
Ami Geisa und Umgebung.
* Dermbach, 22. Rov. 1911 Als Vertretet des erkrankten und auf 3 Monate beurlaubten Bezirkskommissars Dreist wurde Assessor E r b s l ö h, bisher in Eisenach, an die hiesige Bezirksdirektion versetzt.
* Stadtlengsfeld, 22. Rov. 1911. Vom hiesigen Sch ö ff enge richt wurde der ausländische Schießheld, der am Kirmessonntag m Gehaus Unruhe verursachte, mit 6 Wochen Gefängnis bestraft.
* Ostheim v. d. Rh., 21. Rov. 1911. Manmuß sich zu trösten wissen! In scharfem Wahlkampfe standen sich dieser Tage hier zahlreiche Kandidaten für den Gemeinderat gegenüber. Jetzt ist die Wahl vorüber und da kann man in dem Lokalblatt folgende Anzeige lesen: „Mittwoch Abend 8 Uhr Zu- fmnmenfunft der durchgefallenen Gemeinderats-Kandidaten auf der Lichtenburg. Tagesordnung: Aussprache und gegenseitiges Bedauern. Hierauf fröhliches Beisammensein. Der Aus sch u ß der Durchgefallenen/
* Oechien, 22. Nov. 1911. Die Arbeiten an der Bahnlinie nach Wenigentaft find diesseits ziemlich beendet, so daß ein großer Tell der ausländischen Arbeiter an die Sttecke in der Nähe von Buttlar verbog.
Tas Mädchen vom Lande und neun andere Erzählungen. Von Prof. Dr. Aug. C h ä t e I e i n. Für die gebildete deutsche Jugend überseht von Dr. A. Mühlau. 148 Seiten. 8». Breslau, Verlag von Franz Goerlich. Brosch. 1 Mk., in elegantem Glanzleinenband geb. 1.50.
Ein eigener Reiz liegt in den Erzählungen Prof. CHLteleins; ein oberflächlicher Leser gewinnt ihn freilich nicht leicht ab. Feiner Humor, tiefer Ernst, ein klein Wenig Sarkasmus würzen sie. ES liegt etwas Apartes in den Darstellungen. Und wenn auch das Buch in erster Reihe der Jugend gewidmet ist, dec Erwachsene Wird es mit nicht minderem Genuß lesen, weil er die Feinheiten vielleicht noch besser heraus- finden Wird. - ch
gestürzt und tot geblieben. — In Hösbach, wo von bürgerlicher Seite gegen eine stacke sozialdemokratische Minderheit die Wiederwahl des bisherigen verdienten Bürgermeisters durchgeseht Wurde, veranstalteten die Unterlegenen grobe Radauszenen. Vor dem Versammlungslokal bet Sieger wurde, wie der „Beobachter a. M." meldet, mit Bieckrügen, Gläsern, Steinen, Mistgabeln, Revolvern und Eisenstücken ber Kampf geführt, f niedergeschlagen, vl^UVMr m .
Straße passtene. Der Polizeidiener, welcher für Aufrechterhaltung der Ordnung sorgen wollte, wurde von
wurden. — Und erst bet Kampf um einen Platz zum Schlafen! Gegen zweitausend Menschen, Männer und Frauen, waren in Zelten zusammengefercht, die kaum für ebensoviel Hunderte Platz hatten! — O, der Schmutz in jenen Baracken, der entsetzliche Geruch--•
Ein tiefer Seufzer entrinnt sich Sonias Brust. Beschwörmd hebt sie die Hand.
„Hör auf, Großvater! Hör auf!" fleht sie erbebend.
„Nun wohl, mein Kind! Genug für heute von oll den Greueln!" ruft ber Alte mtt vor Empörung grollender Stimme. „Doch einmal werde ich reden! Die Welt soll erfahren —"
„Aber nicht jetzt —"
»Nein, nicht jetzt ... Es wurde Winter, bis ivir Sibirien erreichten*, fährt der Alte, sich zur Ruhe zwingend, fort, indem er sich mit ber zitternden Hand über die Stirn streicht. „Eines Tages verwandefte sich vor meinen Augen die weiße, gÜ- tzernbe Schneefläche in schwarze, undurchdringliche Finsternis. Entbehrung, Kälte, die namenlosen Aufregungen hatten daS ihre getan.--
„Lassen Sie mich die nächsten zwei Jahre, die wir in Sibirien verlebten, übergehen, mein Herr! Es war eine furchtbare Zeit. — Da kam eines Tages die Rettung. Man hatte uns daheim nicht vergessen. <jne Freundin unsere» Hauses, die Fürstin Larinsky, hatte es ermöglicht, uns auszukundschaften und schickte uns einen vertrauten Diener mit Geld und wichtigen Papieren nach, wodurch unsere Flucht ermöglicht wurde. — —
„Lange, lange irrten wir umher. — Da» Geld ging zu Ende. Ich schrieb an die Fürstin Larins um weitere Hilfe. VerzebenS. Vermutlich wir Der Brief gar nicht in ihre Hände gelangt. — Halb v.r- hungert zogen wir weiter, immer weiter — manchmal zu Fuß, manchmal zu Wagen. — Wehin? Ich wußte es selbst nicht. Großer Gott, was nr nie» wir ausstehen!*
(Fortsetzung folgt)