Einzelbild herunterladen
 

M 267.

vienrtag 21. November Ml

38. Jahrgang.

* fuldaer W Zeitung

2. Blatt.

Brack neb Verlag her Hnttarr Lrtieadrnckerei t» Znl»«.

=

Deutsches Reich.

--- Beredtes Schweige». Der nationalliberale „Schwäb. Merkur" hatte am 2. November cm bit badische liberale Presse die Frage gerichtet, ob der ReichstagSabg. Schmidt (Konstanz) wirklich für die Wahlhilfe durch die Sozialdemokratie die sog«. Jenaer Stichwahlbedingungen anerkannt habe, wie das die sozialdemokratischen Blätter meldet« und inzwischen auch bewiesen hab«. Bis h«t« ist darauf keine Antwort erfolgt. Der .Merkur' schreibt «Un zu diesem Verhalten:

Die badische nationalliberale Preffe hat überhaupt über die ganze Verpflichtungsangelegenheit, wie man ju sagen pflegt, noch nicht geschnauft. Ihre Leser brauchen nichts von fernem Vorgang zu wissen. (# ist ein merkwürdiger Standpunkt, anzunehmen, daß durch Stillschweigen eine peinliche Sache auS der Well geschafft werden könne; käme daS im ZentrumSlager vor, wie bitter; würde man die Rückständigkeit beurteilen! .... Wir sürchten, die Unterwerfung unter den Willen der Sozialdemokratie wird bei den nächsten Reichstagswahlen ihre üblen Folgen für den Charakter der natwnalliberalen Partei Badens nach sich ziehen.

.Rückständigkeit" ist noch sehr zart ausgedrückt- Wie dir badische, hat auch die übrige liberale Preffe- die ihre Leser so gern über .klerikal-sozialistisch« Wahlbündniffe" unterhält, von der Unterwerfung deS liberalen Konstanzer Abg. Schmidt unter die sozialdemokratischen Stichwahlbedingungen .noch nicht geschnauft". Warum? Darum!

LJ Kinder-Verhetzung. In einer Beilage: „Für unsere Kinder" (Nr. 1) zur sozialdemokratischen Frauen-Zeitschrift" „Die Gleichheit", befindet sich ein Leitartikel mit der Ueberschrift: „Deutschland, Deutschland über alles", der das Gift der roten Ver­hetzung schon in die Kindesseele zu tröpfeln versucht. Da wird dem Kinde die Frage vorgelegt, ob wir ein Recht hätten zu singen: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt? . . . Darm wird die Frage verneint, denn unser Vaterland be­günstigt nur die Reichen, während das arme Volk unterdrückt würde.

Eine Probe dieser Giftmischerei: Zu Hause sitzt die Mutter und weint, weil das Einkommen nicht lange, um den Hunger der Kinder zu stillen, — alles sei so teuer. Warum dies so sei, fragt das Kind, worauf die Mutter ihm klarmacht, daß die „Herrn im Staate" mit Steuern und Zöllen alles so verteuert hätten. »Wir Arme muffen die hohen Preise zahlen oder verhungern."

»Und der Kaiser, läßt denn der das zu?"

„Der hat seinen Namen unter die Gesetze ge­schrieben, die uns die vielen hohen Steuern und Zölle beschert haben" . . .

Weiter wird geschildert, wie das Streben der Arbeiter nach einem menschenwürdigen Dasein von den Reichen, die die Früchte der Arbeit allein genießen wollten, gewaltsam unterdrückt würde.

„Man droht auf sie zu schießen, wenn sie sich nicht gutwillig in ihr Joch fügen wollen. Und der Kaiser soll einst sogar seinen Soldaten gesagt haben, sie müßten auch auf Vater und Mutter schießen, wenn er, ihr oberster Kriegsherr, es befehle."

In diesem verhetzenden Tone geht es durch beu langen Artikel hindurch. So wird das rote Gift des Klassenhasses und der Staatsfeindlichkeit schon den Kindern eingeimpft.

* Tie reichsländische Erste Kammer, die erste nach der neuen Verfassung zustande gekommene, hat bekanntlich einen so ausgesprochenen „antikleri­kalen" Anstrich bekommen, datz die Liberalen und Sozialdemokraten ihre Freude darüber gar nicht ver­bergen können. Die katholischen Mitglieder sind die Bischöfe Fritzen und Benzler und fünf andere Herren; protestantisch sind 12 Mitglieder, einer ist altkatholisch, einer israelitisch. Während also die katholische Bevölkerung in Elsaß-Lothringen fast 4 Fünftel umfaßt, ist sie in der Ersten Kammer nur durch ein Drittel vertreten. Und die protestantische Bevölkerung, die im Lande nur ein Fünftel aus­macht, hat über die Hälfte der Sitze inne! Mit Recht entrüstet sich darüber die „Lothringer Volksstimme" und schreibt:

D .s ist ein schreiendes Unrecht! Wir hoffen, daß die Ernennung der übrigen Mitglieder, die dem Kaiser auf Vorschlag des Bundesrats zusteht, hier einen Ausgleich schaffen wird. Freilich, wenn die Lifte richtig fein sollte, die in den legten Tagen durch die Preffe gegangen ist, so würden auch hier wieder die Kaiho­

lste tu unverzeihlicher Beste benachteiligt. Es fehlen da Kamen, die nnbebingt dahin gehören, wir erinnern da nur an ben um alle charttatwen Werke hochver­dienten Prälaten Dr. MWer-Stmoni». Aber in Straß- barg, von wo ans bte Information für die kaif rttcheu Ernennungen erfolgt, ist ja alles möglich. Die Regie­rung möge sich ja reinen Täuschungen btngeben. Wenn bi# Gewährung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrecht» die Bevölkerung in etwa mit dtr Ver­fassung ausgesöhnt hat, so würde eine ungerechte Zusammensetzung der Erften Kammer bte @r6ttte» rung von neuem entfärben.

* Beamte und Wahlrecht. Zu bieser Frage nimmt baS Organ be» Verbandes deutscher Beamtender, eine, der mehr al» 200 000 Staats- und Kommunal- beamte alSMitglieder umfaßt, Stellung, und sein« Ausführungen verdiene» mit Rücksicht auf die be­vorstehenden Reichstagswahlen Beachtung. Gegen- über der Auffassung, daß der Dienstetd dem Monar- chen nur in etdlbertrchmg des Vaterlandes geleistet würde, wird darauf hingewiesen, daß der Diensteid bei einem Thronwechsel von allen Beamten erneut abgelegt werden muß und hieraus ergibt sich aller­dings unzweifelhaft, daß der Eid nicht dem Reprä­sentanten des Staates, sondern dem Monarchen per­sönlich gelesttet wird. Die Unterstellung, der Beamte habe den Diensteid nur als Beamter und nicht als Staatsbürger geleistet, wird als eine Beleidigung der gesamten Beamtenschaft zurückgewiesen. Denn das m dem Diensteid sreiwlllig abgegebene Gelübde könne niemals nur eine Eigenschaft des Beamten bilden. Die Ausführungen deS amtlichen Organs kommen zu dem Ergebnis, datz den Beamten innerhalb der Grenzen, welche chn seine bevorrechtigte Stellung auferlegt, volle Wahlfreiheit gewährt ist. T^nn wenn der Gesetzgeber eine andere Absicht gehabt hakte, so würde er bett Beamten, wie jebem Angehörigen bes Heeres, bte politische Betätigung durch Stimm- abgabe versagt haben. Bei der Ausübung des Wahl­rechts müßte jedoch selbstverständlich aus die B e r - p f l i ch t n n g e n Rücksicht genommen werden, dir der Diensteid den Beamten auferlegt. Daß aber kein Beamter für eine Partei eine Stimme ab- I geben darf, für deren Angehörige die Betonung r e- publikanischer Gefinimng zur Pflicht gemacht ist, sei ohne weiteres selbswerstandlich.

* Woher kommen die hohen Kaffee- und Kolo- malwarenpreise? Von sozialdemokratischer Seite wird immer behauptet, die attgenblickliche Teue­rung sei eine Folge der Wirtschaftspolit ik des Zentrums, das an der Erhöhung der Ein­fuhrzölle für sogenannte Bolksnahrungsmittel, z. B. Kaffee, mitgewirkt habe. Auf wie tönernen Füßen eilte derartige Behauptung steht, erhellt aus bett vom Niederländischen Landbauministerium soeben veröffentlichten „Handelsberichten über die Steige­rung der Lebensmittelpreife in den Jahren 1908 bis 1911". Darnach betrugen die Kaffeemarktpreife in Holland pro Pfund: Santos 1908 23%, 1909 24%, 1910 32%, 1911 45 Zent; Java 1908 35, 1909 40%, 1910 43%, 1911 52 Zent. Die Einkaufspreise für Zucker und fast sämtliche Kolonialwaren stiegen in demselben Zeiträume fast umdasDoppelte. Bedenkt man nun, daß Niederland und seine Kolo­nien für die deutsche Kaffee- und Kolonialwarenein­fuhr mit an erster Stelle stehen, dann wird man für die heurige hohen Kaffee- und Kolonialwarenpreise eine andere und bessere Erklärung finden muffen, als von der Sozialdemokratie der Masse gegeben wird.

d* München, 20. Nov. 1911. Heute wird der Termin der Neuwahlen zum bayerischen Landtage bekannt gegeben. Die Wahl ist nun­mehr auf den 5. F e b r u a r angesetzt worden. Ein früherer Termin der Wahl war nicht möglich, da in München wenigstens die Wählerlisten nicht recht­zeitig fertig werden. Die „Münch. Neuesten Nachrich­ten" (Nr. 538)) find seyr ärgerlich darüber und sagen, „die Gemeindeverwaltung Münchens könnte es kaum verantworten, wenn sie nicht . . . unter Beschleuni­gung des gewöhnlichen amtlichen Tempos die tun­lichst frühe Ansetzung des Wahltermins ermöglichen wollte." Das Zusammentreffen von Reichstags­wahlen und Landtagswahlen ist ein großes Hin­dernis für das Zustandekommen des Groß­blocks. Durch die Verschiebung der Landtagswah­len bis nach den Reichstagswahlen wird das Hinder­nis noch verschärft. Die Liberalen haben für die Reichstagswahlen die Parole ausgegeben: Gegen das Zentrum, Konservative und Landwirt-

bündler! Das ist bte Reichs Parole, die auch in Bayern durchgeführt wird. DaS ergibt dann folgen­der Bild: Bet den ReichStagSwahlen sollen den Konservativ-Bündlern vom liberal-sozialdemo­kratischen Block die Köpfe abgeschlagen werden, bei den Landtagswahlen sollen bte so maffafrier» tat Konserativ-Bündler bat Linksblock zum Groß­block erweitern und bat Liberalen uttb Sozial- demokraten helfen, für sich Eroberungen zu machen, unter Bericht auf Eroberungen, welche bte Äon» servativ-Bundler burch Hilfe bes Zentrums auf li­beralem Gebiete in Franken und in btr Pfalz machen könnten. Diese Situation tritt natürlich markanter hervor dadurch, baß bte ReichStagSwahlen vor bat Landtagswahlen abgehalten werben. Nachdem in München beretts am 15. November zwei überfüllte Zentrumswählerversammlungen stattgefunben hat­ten, hatte für bat 17. November der Arbeiterwahl­verein im Kath. GesellenhauS eine öffentliche Ver­sammlung anberaumt, um namentlich bei Arbei­terschaft Gelegenheit zu geben, zu bem Gewaltstreich bei Regierung Stellung zu nehmen. Der große Saal

war wiederum lange vor Beginn bis auf den letzten Platz besetzt ,sodaß eine Paralleldeifammiung ver­anstaltet werden mutzte, die gletchfalls übersüllt war« liebet das Thema: „Warum wurde der Landtag aufgeEst?" sprach nachefttander in beiden Versomm- langen der christliche Srbeüersekretär und chermtlig« Abg. Oswald, dessen Zusammenstoß mit dem Ber- kehrSministei letzten Endes den Konflikt herbeege- führt hatte. In ausgezeichneten fachlichen Darle­gungen schildevte er die Entwicklung der ganzen Av- gelegenhett. Seine Ausführungen wurden mit pt«- oelnoei begeisterter Zustimmung ausgenommen. In beiden Versammlungen fand eme Resolution An­nahme, in welcher bte Bemühungen bet Zentrums­fraktion um baS Siaatsdienstpersonal mit Befriedi­gung anerkannt weiden, ferner energische Bekämp­fung sozialdemokratischer Bestrebungen in den Staatsbetrieben gefordert und der Zentrumsftaktion Dank und Anerkennung ausgesprochen wird für die entschiedene Zurückweisung der Angriffe auf die chrsttlichen Arbeüervertretei und die Verteidigung der Rechte der Volksvertretung.

Militärische PrüfUttgssahrt mit dem Urnen Armeelastzug, Typ 1913.

Wie allgemein Mannt, unterstützt die deutsche HeereNverwaltung^ um bett mechanischen Zug des Armee-Trains im Deutschen Reiche immer mehr einzubürgerrr, und um so im Mobilmachungsfalle über eine möglichst große Anzahl von Motorlast- wagm unb Motoclastzügen verfügen zu können, feit bem 1. April 1908 bie Käufer ber sogenannten Subventions-Lastzüge burch Bezahlung ein® ein« maligen Beschafsungsprämie sowie burch Gewährung einer jährlichen Beihilfe zu den Unterhaltungskosten. Die Eigentümer bieser Lastzüge vertuenden diese in Friebenszeiten nutzbringend in ihren Betrieben, im Kriegssalle jedoch werden dieselben der Heeresver­waltung gegen Entrichtung einer Enischüdigimg zur Verfügung gestellt.

Obwohl sich der bisher von der Heeresverwal­tung subventionierte Armeelastzug sowohl in tech­nischer als auch wirtschaftlicher Beziehung ausge­zeichnet bewährt hat, ist die Heeresverwaltung trotz­dem aus verschiedenen militärischen Gründen dazu übergegangen, nach Ablauf ber ersten fünfjährigen Subverrsionsperiod«, also vom 1. April 1913 ab, einen neuen leichteren Armeelastzng einzuführen. Wir sinb in ber Lage, bte Gründe die­ser Aenberungen mitzuteilen.

Augenfällig ist zunächst bie geringere Spurweite, üb« bte früher Maße nicht vorgeschrieben timten, bie sich aber, bedingt durch bie Wagenbreite, im allge­meinen auf 170 Zentimeter belief, bie aber nunmehr auf genau 155 Zentimeter feftgelegt ist. Es soll bamit zum Ausdruck gebracht werden, daß die Lastwagen der Armee in Zukunft nicht nur der großen Heeres- straße folgen sollen, sondern daß sie auch befähigt sein muffen, sch ma l e r e Wege, wie sie In Nachbar­ländern als gewöhnliche Verbindungsiucge vielfach vorherrschen, zu befahren. Schon in Elscch-Lorhrin- gen, das natürlich noch das alte französische Straßen­netz hat, ist die Chaussee Breite eine weitans gerin­gere, wie bei uns, und dies Verhältnis stnden wir in ganz Frankreich. Einige Teile dieses Landes sind direkt chausscearm zu nennen; sie werden von Wegenetzen durchzogen, die etwa 3 Meter breit und von durchaus nicht einwandfreier Beschaffenheit sind.

Auf kriegsmäßige Rücksichten in bezug auf Frank­reich läßt auch die andere hauptsächlichste Aenderung schlichen. Die schönen, schneeweißen Kunsssiraßen Frankreichs sind aus einem Material gefertigt, in dem Kreide und KaWein vorwiegen. Diese Materialien haben außer dem Nachteil einer enormen Staub- «niwickelung auch den anderen einer schne­ien Abnützung. Um uns nun in Feindesland bie Zufuhrwege nicht selbst zu verfahren, ist eine an- bere Lastverteilung berartig angeorbnet, daß der Hinterachsenbrnck des normal belasteten Wagens sich nur auf höchstens 7500 Kilogramm belaufen soll.

Die Heeresverwaltung hat den Auftrag zm Her­stellung eines solchen Probelastzuges des neuen Typs

der Firma H. Büssing, Spezialfabrik für Motor- laftwagvx, Brcmnffchweig, übertragen; ber Lastzug würbe am 10- November abgenommen. Zur eht- gehenben Erprobung des neuen Armeelastzuges ver­anstaltet die Versuchs-Abteilung der Verkehrstvup- Pen anschließend an bie militärische Abnahme des Lastzuges eine längere PrüfungLfahri, unb zwar in ber Zeit vom 10. November bis 6. Dezem­ber 1911. Die etwa 200 0 Kilometer lange Strecke führt von Braunschweig burch ben Harz, berührt bas rheinisch-westfälische Jnbustriegchiat, geht über ben Westerwald nach bem Rhein, baut über ben Taunu», baz VogelSzebirge und bie Hoh e Rhön, ein Stück durch Bayern hindurch, burch bie Thüringischen Staaten, über den Thüringerwald nach dem Königreich Sachsen, von da aus über Schlesien, an Görlitz unb Glogau vorbei über Frankfurt a. O. nach Berlin. Die Ueberqucnmg der Gebirgszüge werden ganz bedeutende Anstrengungen für den neuen Armeelastzug bedeuten, insbesondere wenn man berücksichtigt, daß in den Gebirgen, die überquert werd« müssen, Ende November schon Schnee gefal­len fein durfte. Die Belastung des Zuges wirb bie von ber Heeresverwaltung für. bjs Friedensbetrieb vorgesehene Belastung von 4000 Kgr. aus bem Mo­torzugwagen unb 3500 Kgr. auf “bem Anhänger bil­den, sodaß bie Gesamtnutzlast 7500 Kgr. beträgt.

Zur Teilnahme an der Prüftmgsfahrt sind bie nachfolgenben Offiziere des preußischen Kriegsmini- stcriums unb ber der Versuchsabteilung ber 33er- kehrStruppm abkommandiert worden: Oberstleutnant Friedrich, Kommandeur ber Versuchsabteilung ber Verkehrstruppen, Major Krenzlin unb Oberleutnant Vogt von der Versuchs-Abteilung ber Verkehrstrup­pen. Majo: Web« vom Kgl. Preußischen Kriegs- minifteriuni, Major Meyer, Adjutant b« General- Inspektion bei Verkehrstruppen, unb Hauptmann Listemann, Berlin. In Koblenz würbe bie Kolonne von Sr. Exzellenz von Lynker vom Kriegs Ministe­rium in Berlin inspiziert, ber auch an bei Tages­tour von Koblenz nach Mainz teilnahm.

Bisher hat der Lastzug die Strapazen ber Reise gut überstanden, wenn schon die Ueberquerung des Harze? infolge ber cmfgenÄchtm Straßen eine große Leistung bedeutet- Auch bie Versuche der Heeres­verwaltung, auf ben steilen Gebirgsstraßen bie Last anbers anzuordnen, fielen befriebigenb aus. Den Bußtag verbringt bie Abteilung» in Hanau. Am DonnnStag hat sie die (Strafe Hanau-Geln- hauscn-Schlüchtern-Fulda (85,7 Klm.) zurückzulegen. Am 24. November fährt b« Lastzug von Fulda über Neustadt a. S.-Mellrichstadt nach Meiningen, dann gcht es üb« G«a, Freiberg. Bautzen, Löwenberg, Glclgau, Züllichau Frankst a. O. nach Berlin Dort erfolgt am 6. Dezember die Ankunft. 1951,9 Klm. werden im ganzen zurückge­legt. Die durchschnittliche Leistung pro Tag bettägt 97 Kilometer.

M Tochter des Sertuniiten.

I] Roman von Adele Böttcher.

1.

Ein klarer, eisigkalt« Wijnkermorgew über ber russischen Steppe-

Nichts sicbtbac als bas gleichmäßige Niebeffal- len großer Schneeflocken unb eine endlose weiße Flä­che. bie sich scharf abhebt oom bunklen Horizont.

Wie der Wind jagt ein oon drei kleinen Steppen- pfttden gezogener Schlitten über ben glitzernden Schnee. Bis über die Ohren steckt der Kutsch« in einem dicken Schafspelz, der kaum die rotgefrorene Nase und ein Paar Heiner Augen freiläßt, die schaff umherspähen.

Jetzt lugt hinter dem Schuhleber des Schlittens ein bunkelbärttges, bleiches Männergesicht mit allen Anzeichen des Leibens unb ber Entbehrung hervor.

„Wie lange kann es noch bauern, Jwcm?"

Der Kuffcher blickt so angestrengt in bie Ferne, daß es ihm ist, als tanzten rote Punkte auf b« glitzernben Schneefläche.

»Hm—! Noch ein paar Stunden — vielleicht auch nach mehr!" erwidert er achselzuckend.

Schweißtropfen bedecken die Stirn des schwarz­bärtigen Mannes ttotz der barbarischen Kälte.

„Glaubst du, daß wir sicher sind, Iwan? Ob« yubcn wir noch immer Verfolger zu fürchten?"

Der Kuscher wirst einen Blick rückwärts.

»Dort hinten sehe ich was Schwarzes. Ob Ge­strüpp ober Reit« — wer kann's wissen!"

Der angswolle Ausbruck in ben Zügen bes Man- ttctz 0«stärkt sich.

„Peitsch bie Pferbe an, was bu kannst!" ruft er beschwörend. „Bring uns sicher üb« bi« Grenze unb meine letzten paar Rubel gehör« blr-'

„Wird nicht oiel sein", knurrt ber Kuffcher, haut -aber trotzdem auf die Pferdchen ein, so baß sie wild aufbäumen unb mit erneuter Geschwindigkeit Zahinfliegen.

Der Mann aber kriecht aufseufzend hinter das schützenbe Lcherbach zurück und läßt sich auf bie harte Holzbank fallen, in b«en Ecke mit geschlossenen Augen ein weisbärtiger Greis lehnt.

Barmherzigkeit! Noch Stunden solch« Tobes- angst! Unb bann — unb bann — —

Da legt sich eine schmale Hand auf feinen Arm. Ans einem Wust von Decken und Pelzhüllen auf bem Rücksitz taucht ein blasses Mädchengesicht auf unb ein Paar übergroßer, tiefgraublauer Augen starrt ihn angstvoll an.

„Nun, Vater?"

„Ich — ich hoffe, es wirb glücken, Sonja."

„Gott sei gebankt! Alles will ich ertragen — nur nicht zurück nach Sibirien!"

Unb «schauernd sinkt die Mädchengfftalt wieder in sich zusammen.

Weit« fliegt b« Schlitten — in vor Kälte zit­ternder Lust, in treibendem Schneegffiöb«. . . Kein Wort fällt mehr Maisckm ben brei Insassen. Sie wissen: es ist eine Fahrt auf Leben unb Tod.

Plötzlich — ein Schuß--

Entsetzt faßt b« schwarzbärtige Mann bie Hand fein« an allen ©liebem zitternden Tochter.

Nur btt Greis dort in btr Ecke bewahrt seine philosophische Ruhe.

„Kosaken!" murmelt « eintönig vor sich tzn. „Sie haben imfcre Spur entdeckt!"

Totenstill«.

Dec langgffürchtqte Moment ist tgchomm«.

Da erhebt sich ber Mann mit einem plötzlichen Entschluß. Einen verzweifeltm Blick wirst tr auf das bleiche Mädchengeficht. Wie ei» Blitz fliegen bie GreuÄ Sibiriens an seinem geistigen Auge vor­über. Hat « nicht schon genug Elend üb« sein unschuldiges Ätnb gebracht? . ,

„Hinter mtr sind sie her, bie Bluthmrdt — nicht hinter euch!" preßt « Müschen be» Zähnen hervor. „Wenn sie mbH hab«, seid ihr frei. Lebt wohl!"

Hastig berührt « die klare Mädchenstirn mit fei­nen Lipp« im Abschiedskuß.

Noch ein kurze» Zögern — k -.

Dann ein Sprung — —

Die Pferde müssen die Veränderung in ihr« Last gespurt haben. Denn noch rasch« jagen sie pfeilge­schwind dahin. . .

Als das Schneegestöber etwas nachläßt, späht der Kutsch« aufs neue zurück. —

Nichts sichtbar. Nur eine enblos lange, weiße Fläche, die sich scharf abhebt vom dunklen Horizont.

Einige Monate später. In Rom ist's — der ewigen Stadt.

Heller Sonnenschein lacht von ttefblauem Himmel über dem Trümmerfeld des Forum Romanum, über den gestürzten Kaisnpalästm des Palattn, üb« dem gespensüsch aufdüsternden Riesengemäu« des Ko­losseums; lacht über ben Palmen und Pinien beö Monte Pincio. üb« dem wunbersamsn Petersbom, über all ben Kuppeln unb Obelisken unb Ruinen und Säulen — über dem ganzen weißen Hanser- me« ber Siebenhügelstadt. —

Vor einem hohen, etwas düster« Hause auf der Piazza Venezia hält ein elegantes weißes Automobil.

Ein Herr in den mittl«en Jahren mit hellen, klugen Augen und amerikanisch zugeschnittmem, grau- meliertem Backenbart springt h«anS, eilt rasch die wenig« Stufen zu seinem im Erdgeschoß liegmd« Süro empor, nickt den drei Schreibern einen kurzen Gruß ju und winkt einem etwa dreißigjährig« Mann, ber sich bienfleifrig von feinem Pult erhebt.

„Jemand bagewesrn, Roberts?"

„Nein, Mister Morrison."

„Gut, danke!"

Edward Morrffon veffchwindet in fernem Pri­vatzimmer, legt Hut und Ueberrock ab unb öffnet eine Schublade seines fest verschloss«« Schreib- ttsches-

AuS ben mit peinlich« Akkuratesse geoibnetm Papi«« nimmt « einen Bries und überfliegt die mgbeschiiebmm Zell«.

Hm hm —! Eigentümliche Sachei"

Er wirst dm Brief zurück bi die Lade, ergreift ihn Wied« und steckt ihn bann sorgfältig in bie Tasche. Augenscheinlich ist « unschlüssig — eine

feiterte Erscheinung bei dem sonst so energischen Manne.

D« Fonbsmcckl« Edward Morrison ist ein Ge- schäftsgenie unb ein Mann von bewunderungswür­digem Anpassungsvermögen.

Gleich vielen sein« Mitmenschen trägt « ver­schiedene Charaktere zur Schau. Zu Hause in sei- n« neuerbauten eleganten Villa draußen vor der Porta Pia ist « „Sir Edward", der zärtliche Gatte und 33ater, der geistvolle Gesellschafter, der liebens­würdige Gastfreund. — In b« kleinen Redaktion bort hinten im Narben Roms kennt man ihn als „Signor Morrison", ben stteng«, wortkargen 83er- leger bes Finanziellen Führers. Auf ber Börse ist er mir „Morrison", der scharfblickende, vorsichtige Maller.

Heute guckt Edward Morrison «ischiedcn nach- benllich darein. Wiederholt strengt er sein Gehör an — vergebens.

Da öffnet sich leise bie Tür.

Der Bürovorsteher Roberts steckt ben Kopf durch bie Spalte.

„Zwei reduziert aussehenbe Leute sinb braußen, Mist« Morrison- Ein alt« Mann unb eine Frau. Ich glaube, es finb Ruff«. Nennen sich Orloff ober so was —'

„Gut, gut! Soffen Sie sie eintreten!'

Der Bürovorsteher verschwindet.

„Verflixter Kerl, dies« Goldstein!" murmelt btt Makler vor sich hin. „Was soll ich hm? — Wenn die Sache fehlschlägt — Vielleicht ist es ge­fährlich —

Abermals öffnet sich bie Tür.

Auf der Schwelle steht eyt alt«, wcißbärtiger Mann in schäbigem Pelz. Er hält unterwürfig die abgerissene Mütze in d« Hand und stammelt ein paar «tschuldig«de Worte. Seine Rechte stützt sich auf eine hohe, dunkelgelleidete, tiefverschleierte Frauengestalt.

„Bitte, tretdn Sie näher!" ermuntert Edward Morrison.

Behutsam geleitet das Mädchen den Greis einige Schritte vorwärts, (Forts, folgt.)