38. Jahrgang
Fulda, Dienstag den 21. November 1911
Erstes Blatt
M 267.
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— In dasselbe Horn b die liberale Arbeit 8-
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erscheint tSaNch mit Mknahm» der So m« x»L Feiertage Vi-rttt- fthrlicher Ve;v-»prei§ ohne Brkngeriohn und SestellgeldinZuldasSl «leau5wärtri°ö0lnr.
verantw. »edatteurr Sari Schütte?
ÄÄ w-chenb-i-ae-!.,Illustrierte Soimtagrzeltung
AM- Wegen des Feiertags wird die Nächste Nummer der ,Fuldaer Zeiung' erst am Donnerstag ausgegeben.
Ausland.
** Dr. Kaspar Schwarz, ein um den Kathvlizis- nms in Oeste reich hochverdienter Mann, ist am Samstag in Wien gestorben. Sein ganzes Leben hat der Dahingeschiedene der Jugend geweiht. Seine größte Tat war die Gründung des Katholischen Schulvereins im Jahre 1886, der den unheilvollen Wirkungen der liberalen Gesetzgebung aus dem Gebiete der Volkserziehung entgegentreten sollte. Nach nunmehr 25 Jahren seines Bestehens zählt der Katholische Schulverein über 100000 Mitglieder in fast 1000 Pfarrgruppen. Es vergeht kein Sonn- und Feiertag, an welchem nicht in mehreren Versammlungen die Katholiken Oesterreichs belehrt und ermuntert werden zur Erfüllung ihrer wlchtrgstcn Pflichten. Zwei Lehrerbildungsanstalten rn Nieder- und Oberösterreich hat der verstorbene gegründet, aus denen eine wackere Schar gut katholischer Lehrer hervoraeaanaen ift Außerdem wurden noch 20
A«,rt§e« du et» PattlgePettheNeed« deren Boca 15 Pf-. LeNmneudupetihciK pf§^ bet wieder« yslnngen wir» «ntfpr. Eoboü gewährt.
Aolatlo«,druck und Verlag der Fuldaer Sb
. ,, Seudruckerei in Fuld»
Monalrbellage: „Zuldaer SeschichL5v!atter r«»fprech« «r.
Deutscher Reich.
** Berlin, 20. Nov. 1911. Tas zweite Geschwader und die Ausklärungsschiffe der Hachsee- flotte find Sonntag nachmittag von der Uebungs« reise nach Kiel zurückgekehrt. — Anläßlich des Todes des Generals der Kavallerie v. Deines veröffentlicht das Armeeverordnungsblatt eine kaiserliche Order, die bestimmt, daß sämtliche Offiziere des 8. Armeekorps drei Tage Trauer anzulegen haben. — Der Wassergesetzentwurf ist Blättermeldungen zufolge dem preußischen Staatsministerium zur endgültigen Beschlußfaflurg zugegangen. Die Verabschiedung des Entwurfs wird wahrscheinlich erst in der letzten Session der gegenwärtigen Legislaturperiode des Landtags erfolgen können.
s DaS Marokkoabkommcn in der Kommission. Die Budgetkommiffion des Reichstages setzte am Montag die Beratung über da» deutsch-französische Abkommen! fort Der Vertreter des preußischen Kriegsmintsteriums, General Wandel, verbreitete sich über die .schwarze Gefahr". Diese sei nicht so groß, wie man früher vielfach geglaubt habe. In abschbarer Zeit werde man nicht damit rechnen muffen, daß aus Marokko schwarze Kräfte in erheblichem Maße dem französischen Staate für militä- rische Zwecke zuwachsen würden- Es würde wohl noch lange Jahre dauern, bis große Tmppenmaffen sich dort gewinnen lassen würden. Auf die Dauer sei nicht von der Hand zu weisen, daß eine Verstärkung der militärischen Macht Frankreichs in Marofto erfolgen werde. Staatssekretär »: Kiderlen-Wächter erklärte, diese Dinge seien schon vor dem vom Reichstag allgemein gebilligten Abkommen von 1909 mit den militärischen Behörden eingehend erörtert worden. Es sei hier nicht da» mindeste versäumt Er wies weiter darauf hin, daß es sich bei der allgemeinen Wehrpflicht in Algier zunächst nur um einen Versuch handele, der in Algier selbst bei den Kolonisten zum großm Teil auf starken Widerspruch stoße. Diese Kolonisten sahen in der militärischen Ausbildung der Farbigen eine Gefahr für sich selbst und seien der Meiwmg, daß die Aufstandsmöglichkeit durchaus wachse. Wenn man auf die Sikhs und Gurlhas Hinweise, so dürfe man auch nicht die große Mutiny", den Sepoy-Aufftcmd, bergeff ein — In der Nachmittagsfihung verbreiteten sich Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter und Generalfeldmarschall Frhr. v. d. Goltz über die islamitische Fra- g c, speziell darüber, ob durch die Einigung Deutsch- lands und Frankreichs in der Marokkofrage eine Durchbrechung der islamitisch-deutschen Beziehungen eingetreten sei- Sie sprachen sich dahin aus, die Neutralität, wie wir sie im italienisch-türkischen Kriege beobachteten, sei das einzig Mögliche und Gegebene. Die Einzelheiten waren vertraulich.
)( „TaS Faustpfand". Der Kreuzer .Beilin' wird in Agadir verbleiben, bis der deuttch- sranzösische Vertrag die Zustimmung der französischen Kammer gefunden hat.
0 Inkrafttreten der Privatbeamtenverncherung. In parlamentarischen Kreisen wird es als seststchend betrachtet, daß das Privatbeamtengesetz in dieser Herbstsaison des Reichstags zur Verabschiedung gelangt. Das tatsächliche Inkrafttreten dieses Gesetzes ist naturgemäß mit einer Reche von Schwierigkeiten verbunden, unter denen die Regelung der Ersatzkaffen eine hervorragende Stelle einnimmt. Man rechnet aber damit, daß es aus jeden Fall möglich sein toirb, das Gesetz zum 1. Januar 1913 in Kraft treten zu lasten.
(-) An neuen Kreuzerforderungen wird, tote das „Berl. Tbl." erfährt, der Marineetatsvoranschlag 1912 den Bau der beiden Ersatzschiffe für die „Irene"
** D're Revolrrtiorr in China.
Der „Frks. Ztg." wird aus Peking telegraphiert: Das Kabinett unter Yuanfchikai kann noch n i ch t als fertig angesehen werden. Ein großer Teil der neu ernannten Minister hat die ihnen angebotenen Posten abgelehnt. Auanschi- kai hat sich den ftemden Gesandten gegenüber dahin ausgesprochen, daß er noch nicht sicher sei, ob er die Situation werde retten können. Nächsten Mittwoch sollen die Verhandlungen über eine große Anleihe von zirka 100 Trillionen Mark mit dem fremden Finanziers beginnen. Bisher sind die Banken den Anlecheversuchen der Chinesen vorsichtig ausgetoichen und haben sich abwartend Verhalten. Es muß sich aber jetzt entscheiden, ob man die gegenwärtige Regierung halten oder sie fallen lasten will. Sie ist unbedingt auf eine größere Anleihe angewiesen, da die Zuschüste aus den Provinzen an die Zentraltzregierung längst ausgehört haben und das Finanzministerium den gesteigerten Anforderungen nur dadurch hat gerecht werden können, daß der Thron aus feiner Privatschatulle ungefähr 10 Millionen Taels hergab. Das Barverrnögen der Zentralreaieruna bestebt noch aus uuaefäbr rtvei
— £oh»»h, 20. Nov. 1911; Die englische Press* wendet sich scharf gegen die Geheimpolitik des englischen Auswärtigen Amtes, die in den »ergangenen Monaten eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Deutschland und England herbeigeführt habe. Sie erwartet eine wünschenswerte Besserung in den Beziehungen zu Deutschland nur von einer größeren und entschiedeneren Beteiligung des Volkes und des Parlaments an der Führung der auswärtigen Geschäfte, dir in England mit noch viel größerem Geheimnis geführt würden, als in Deutschland und Frankreich. Das englilche Auswärtige Amt habe, wenn auch nicht theoretisch, so doch praktisch, dem «nge der Demokratisierung der ganzen englischen olitik erfolgreich widerstanden und halte noch
K Die Enthüllungen über die englische« Kriegsvorbereitnngen gehen von Engländern aus und haben bei Licht betrachtet für die englischen Staalsbürger viel mehr 'Jntereffe, als für uns Deutsche. Wir erfahren ja nichts neues von Bedeutung, da die Bereitwilligkeit Englands zur Unterstützung Frankreichs in einem Konflikt mit Deutschland längst bekannt war. IDie Engländer selbst aber können aus den gegeu- 'wärtigen Enthüllungen und Erörterungen sehen, daß ihre auswärtige Politik nicht von dem sonst ^allmächtigen Parlament gemacht wird, sondern daß die Regierung imstande ist, aus eigener Machtvollkommenheit das Land in einen folgenschweren Krieg zu treiben. .
Es ist ganz gut, wenn die friedliebenden und ruhebedürftigen Engländer einmal ernstlich darüber ^Nachdenken, welche schweren Lasten und Gefahren ihre Regierung durch die Entente mit Frankreich dem Volke auferlegt. .
V Die gegenwärtige liberale Regierung m England liebt es, sich einerseits als ungeheuer friedliebend ^vufzuspielen und andererseits ein überragendes 'Selbstbewußsein zur Schau zu tragen. Im Licht der Enthüllungen über die Kriegsvorbereitungen vom September erscheint die Frieoensliebe als eine »politische Heuchelei", wir Fürst Bismarck sie einst als gebräuchliches Werkzeug der praktischen Staatskunst bezeichnete. Und das großbritannische Selbstbewußt- sein erfährt eine eigentümliche Illustration durch die Tatsache, daß man in jenen kritischen Wochen in England viel nervöser war, als in den nächstbeteiligten Staaten. Höchst bezeichnend ist die Nachricht, daß damals die englischen Kriegsschiffe abends ihre Torpedoschutznetze herabgelassen hätten, um gegen einen nächtlichen Angriff von deutscher Seite geschützt zu sein. Ist es in jener Zeit wohl einem deutschen Schiffskommandanten eingefallen, außer den regelmäßigen Nachtwachmaßregeln noch eine besondere Sicherung zu treffen, als ob eine feindliche Torpedoflorte in der Nähe xrme?
Spilan Faber, der Hauptenthüller, behauptet, daß die englische Flottenleitung in den kritischen Tagen zeitweilig nicht gewußt habe, ivo sich die deutschen Seekräste befänden. Das wird von dep Regierung beftritien. Aber die angstvolle Nacht- toilette der englischen Kriegsschiffe scheint doch für die Faber'sche Behauptung zu sprechen. Tenn die Benutzung der Torpedonetze beruhte doch auf der Annahme, daß möglicherweise in der Nacht die Deutschen sich an die britischen Schiffe heranschleichen könnten. Eine solche Befürchtung hätte man aber nicht haben können, wenn man gewußt hätte, daß die deutschen Seestreitkräfte so und so viel Hunderte von Seemeilen entfernt sind.
Auch in anderer Hinsicht ist die Aengstlichkeit der englischen Flottenführer bezeichnend. Sie trauen, wie bei der jetzigen Enthüllung ansgep'.audert wird, den Deutschen zu, daß diese nach japanischer Manier ohne regelrecht vorhergegangene Kriegserklärung im Dunkel der Nacht einen Angriff unternehmen. Man B, daß nicht bloß die gewöhnlichen Leute durch
Gerede von der Jnvasionsgesahr rc. nervös gemacht worden sind, sondern auch die leitenden Persönlichkeiten. Man hat kein ruhiges und rich- tiges Urteil mehr, weder über dir Macht des vermeintlichen Gegners, noch über seine Absichten und ferne Sitten. .
Als vor 6 Jahren die von Konrg Eduard und Herrn Delccissö veranlaßte Krisis sich abspielte wurde behauptet, England habe den Franzosen auch eme Unterstützung durch Landtrupp en versprochen, und zwar sollten 100000 Mann m Schleswig-Holstein gelandet werden. Es wurde damals Mel gespottet über den samosen Plan, die 100 000 Söldener dort auszusetzen, wo sie von einigen deutschen Regimentern im Handumdrehen abgefangen werden konn- tfen Jetzt wird der englischen Regierung nachge- saqt sie habe in heißen Ministerdebatten darüber beraten, ob 150 000 Soldaten nach Belgien geworfen werden sollten. Gegen die Verletzung der belgischen Neutralität hat angeblich kein Minister Bedenken gehabt, wohl aber gegen dieZahl der zu entsendenden Hilfstruppen. Bei der Abgabe von 150 000, so wurde geltend gemacht, blieben zur Abwehr einer Invasion nicht genug Streitkräfte in England selbst. Rur 2 Minister (Lloyd George und Churchell) sollen den Franzosen die ganzen 150 000 Mann zugedacht haben. Diese Enthüllung klingt durchaus nicht unwahrscheinlich. Sie zeigt, daß man in den maßgebenden Kreisen Englands während des Monats September die Lage für viel kritischer hielt, als in den Regierungs- und Hofkreisen Deutschlands. Bei uns blieb alles ruhig und im normalen Gleise, auch die übliche Nordlandsfahrt des Monarchen.
Auf unserer Seite hat man sich von der eng» lijchen Unruhe nicht anftecken lasten. Glücklicherweise hat die französische Regierung den wahren Wert eines englischen Hilfskorps auch zu schätzen gewußt und sich vor Uebermut gehütet. Deutschland und Frankreich haben sich in Frieden verständigt, und in England ärgert und zankt man sich jetzt wegen der zwecklosen Aufregung.
katholische Schulen gegründet und erhalten und 16 andere Schulen werden finanziell unterstützt. Die jüngste Gründung war die Biloung des Katholischen LehrerdundeS, mit dem er da« Monopol der ausschließlich liberalen Lehrervereinigungen brach und damit einen sicheren Hort und Stützpunkt für die kathol. Lehrer mittchaffen half.
♦♦ Die französische Marine scheint vom Unglück verfolgt zu werden: Aufstand der Werftarbeiter in Lorient, Cholera auf mehreren Kriegsschiffen und neuerdingk wieder eine „Unregelmäßigkeit''. Dey Kreuzer „Republique", der seinerzeit infolge der Explosion der „Siberts" schwere Beschädigungen erlitten hat, war in Dock genommen worden und sollte dieser Tage ferttggestellt sein. Als jedoch die Panzerplatten aufgenommen werden sollten, mußte man die Entdeckung machen, daß diese Platten stark verschnitten waren und in die Verpanzerung nicht hineinpaßten. Da erst neue Panzerplatten angefertigt werden müssen, dürste die Wiederherstellung der „Republique" noch mehrere Monate in Anspruch nehmen.
; König Peter von Serbien ist von fernem Pariser Besuch wieder in Belgrad eingetroffen.
♦♦ Der Präsident von San Domingo ermordet Der Präsident der Neger. Republik San Domingo ist ermordet worden. Es ist der General Ramon CLceres, der am 1. Juli 1908 die Präsidentschaft übernommen hat und dessen Amtsperiode noch bti 1914 gelaufen wäre.
x stieg MM Mafien M fier Mei.
Eine Stadt im Roten Meer bombardiert.
Für die mißglückte Flottenaktion im Aegäischen Meere hat Italien sich Ersatz gesucht. Em Tete- gramm meldet:
Konstantinopel, 20. Nov. 1911. Tiner beim Kriegs- Ministerium eingetroffenen Depesche sufolge bombardierten gestern vormittag zwei italienische Kriegs« schiffe Akaba am Roten Meere. Einige Stadtteil»
Akaba liegt am nordöstlichsten Ende des Mittelmeeres in dem schmalen Meeresarm an der Halbinsel Sinai. Akaba ist ein Heiner ummauerter Ort und hat etwas Handel, da hier der Karawanenverkehr zwischen Aegypten und Jnner-Syrien corübet- geht- ,
W. Tripolis, 20. Nov. 1911. Die offiziöse .Agenzia Stefanft meldet: Gestern sand ein kleines Scharmützel zwischen den Vorposten statt. Einige Kundschafter berichteten, ein Teil der Araber sei kampfesmüde. So hätten zum Beispiel in Ainzara die Türken etwa tausend Araber kaum zurückgehalten, die abziehen wollten, um ihr Land zu bestellen. Anderseits melden die Türken, daß demnächst Verstärkungen von der Syrte her eintreffen werden. Ferner wird berichtet, daß die Franzosen feit einigen Tagen verhindern, daß Kriegs- fonterbanbe über die tunesische Grenze gebracht werde.
W. Mailand, 20. Nov. 1911. Die Friedens- Hoffnungen, die sich bei einem Teile der italienischen Bevölkerung bemerkbar machten, haben durch offizielle Dementis der Regierungspreffe ein schnelles Ende gesunden. Die italienische Re- gicrung nimmt gar nicht an, daß die Türkei schnell nachgeben werde. Die Friedensvermittelung und die diplomatischen Aktionen der Mächte scheinen vorläufig vollständig zu ruhen, weil die spanisch- französifchen Verhandlungen über Marokko und die persischen Verwickelungen jetzt die Ausmerksamkett der Mächte zu sehr in Anspruch nehmen. Die italienische Regierung läßt die Bewegungen und Fiele der Flotte vorläufig im Dunklen.
W. Konstantinopel, 20. Nov. 1911. Wie die Blätter melden, sind die italienischen Beamten der Tabakregie in Smyrna ausgewiesen worden.
Die Feldgeistlichkeit in Tripplis. Der „Corriere della Sera" berichtet, daß sich als Feldgeistlich i für Tripolis über 900 Geistliche angeboten haben, unb ' daß die Regierung davon 36 ausgewählt hat. „Sie sind überall," so berichtet ber Korrespondent, „sie schürzen die Soutane, steigen zu Pferd, besuchen die Feldspitäler und jene des Roten Kreuzes. Im Augenblick des Kampfs sind sie immer beritten und daher bei ihrem Wege zu den Verwundeten in den Gräben immer dem Feinde am meisten ausgesetzt. Beim Kampfe des 26. Oktober galloppierte ein großer Geistliche die Gräben entlang. Da und dort sah man ihn halten, um einen Soldaten zu trösten, für feine Unterbringung zu sorgen und dann wieder an den alten Posten zurückzukehren und die Besuche bei Verwundeten und Sterbenden fortzusetzen. Heber» all war während der langen Dauer des Kampfes dieser unermüdliche Geistliche zu sehen."
unb die „Prinzeß Wilhelm" fordern.
5 München, 20. Nov. 1911. Die bayerische Lanbesversammlung des Bundes der Landwirte beschloß am Samstag in Bairenth, bei den Landtagswahlen sei ein direktes ober invireites Zu- sammengehen mit Sozialdemokraten abzulehnen. Man werde, wo cs angängig sei, eigene Kandidaten ausstellen, sonst verwandte Richtungen unterstützen. Das Organ der bayerischen Konscrvativen schreibt, falls die Liberalen unb Sozialisten zusammengingen, müsse die Losung heißen: Kampf dem bayerischen Großblock! Bekannt- lich war auf liberal-,ozialdemolrat scher Seile in Bayern tatsächlich ein Zusammengehen aller Parteien gegen bas Zentrum geplant. Durch den Beschluß bes Bundes ber Landwirte, der sich deckt mit den Absichten der Konservativen, ist dieser schöne Plan vereitelt. Dafür wirb aber um so sicherer ber liberal -sozialdemokratische Block in die Erscheinung treten. — Der soeben erschienene liberale Wahlaufruf erzählt, ,„Jubel und neues Hoffen" gehe durch die bayerischen Lande, daß die Entscheidung gefallen fei. Derartige Wendungen kann man fa dem Liberalismus mit feinen ewigen Illusionen und Frühlingsträumen nicht Übelnehmen. Böser ist eS schon, daß em offizielles Dokument einer Fraktion sich die Behauptung aneignet, das Zentrum habe die Staaismaschine zum Stillstand bringen wollen. Das ist einfach gelogen. Bezeichnend ist auch, daß der Aufruf, nachdem er kurz vorher den Rgenten in die Debatte gezogen, offiziell zum Großblock einladet mit den Worten: „Eines nur tut uns not: Unsere Freunde nid# nur, sondern alle Gegner deS Zentrum» in Stadt und Land müssen mit Hintansetzung aller Strettpunkte sich zu einer festgefügten Schlachtreihe zusammenfinden, um die ultramon»
heute an der klarsten Kabiuettspolitik fest, wie fie unter dem autokralischsten Regime besteht. Die liberale Presse gibt »u, daß in den Enthüllungen in der konservattven englischen Presse unb in den Mitteilungen deS Aba. Faber ein gewisser Kern von Wahrheit steckt. Eie macht dafür, daß die beunruhigenden Ueber- tteibungen möglich waren, das Auswärtige Amt verantwortlich. •
ralismus bei feinen Bemühungen, eine allgemeine Verschwörung gegen das Zentrum zustande zu bringen, treibt, ist der, diejenigen, die chm sonst Feinde und Konkurrenten wären, zu Freunden zu haben. Dann wäre er noch einmal gerettet für einige Zett. Er ahnt bereits sehr richtig, daß er bei den Wahlen bös Hiebe bekommt, wenn chm nicht alle Welt gegen das Zentrum hilft. _ .,
** Donaueschingen, 20. Nov. 1911. Der Kaiser ist abends 6 Uhr 35 Mm. hier eingetroffen und wurde vom Fürsten Fürstenberg nach dem fürstlichen Schlosse geleitet. Er kam von Baden- Baden, wo er auf ber Durchfahrt einige Stunben zum Besuch bes Großherzogs von Baden verweilt batte
]:[ Dresden, 19. Nov. 1911. Dem Landtag ist ein Gesetzentwurf zugegangen, der die Ausbildung der Lehrer (Präparandenschuke und Seminar) von sechs auf sieben Jahre verlängern und gleiütz eilig den Lehrplan des Seminars um Ein- stgung e»ner lebenden ftemden Sprache erweitern will. DcS siebte Seminarjahr soll au8 pädagogischen Gründen „unten angssetzt" werden; die Schüler sollen also mit dem 13. Lebensjahr in das Seminar eintreten. .. ~
* Sternberg (Mecklenburg), 20. Nov. 1911. Der Landtag nahm heute bei Beratung des Steuergesetzentwurfes einen Antrag auf Einführung einer Junggesellensteuer an. Es sollen unverheiratete über 30 Jahre alte Männer um 25 Prozent höher besteuert werben als verheiratete, wenn sie nicht für Familienangehörige, bie mit ihnen zu- sammenwohnen, gesetzlich zu sorgen haben.
Reichstanswahlvorbereitungen.
= Franksurt a M , 16. Nov. 1911. Der Wahl- kreis Frankfurt a. M., ber seit 1884 ununterbrochen im Besitze ber Sozialdemokratie war, ist 1907 durch die bürgerlichen Parteien Liuksliberale, National- liberale, Antisemiten und Zentrum für bie Volks- paitei zurückerobert worben. Die Sieger waren nicht weniger überrascht als bie Besiegten. Bei einer Beleiligung von 79,6 Prozent erhielten von 61319 gültig abgegebenen Stimmen die Sozial-' demokraten 28869, die Bürgerlichen 32433, bie jedoch vier verfchicbenen Lagern zugehörten. Die gesamtbürgerliche Mehrheit betrug 3564. Das Zentrum hatte 4405 Stimmen. Hätte cs n-.cht mitgemacht, so hätten bett 28 869 sozialbemokratischen Stimmen 28028 bürgerliche gegenüber gestanden, bie Sozialdemokratie wäre um 841 in ber Mehrheit gewesen. In ber Stichwahl stieg bie Beteiligung auf 83,5 Prozent ber gültig Abstimmenden an; es würben 3118 gültige Stimmen mehr abgegeben. Der sozialdemokratische Stichwahlkandidat erhielt 30778, b. i. mehr 1909 Stimmen, bie bis auf einen kleinen Teil von eigenen Reserven herrühren konnten. Ter linksliberale Stichwahlkanbibat erhielt 33 659, gegenüber ber Hauptwahl 15 967 mehr unb blieb mit einer Mehrheit von 2881 Stimmen Sieger. Es kann keinem Zweifel unterliegen, baß bas Zentrum zu seinen Gunsten ben Ausschlag gegeben hat. In der lommenben Wahl werben abermals 5 Kan- bibatuten um das Mandat kämpfen: eine sozial- bemolratifche; eine linksliberale; eine national- liberale: eine konservative unb eine Kanbibatur bes Zentrums. Es ist sehr ungewiß, ob ber sozial- bemokratische Kanbibat abermals besiegt werben kann auch wenn sämtliche bürgerliche Parteien geschlossen gegen ihn marschieren. Ganz sicher wirb er nicht befi gt werben können, wenn etwa bas Zeiitruiii nicht geschlossen gegen ihn Front mache» wirb.
* Vieles l», 20. Nov. 1911. Die Freisinnigen Haden bie Unterstützung ber bürgerlichen Sammel- kanbibatur des Grafen Pof abowsky abgelehnt.
* Eltve, 20. Noo. 1911. Das Zentrum hat in Cleve-Geldern Dr. Marcour wieder ausgestellt. .
* Aachen, 20. Nov. 1911. Das Kreiswahlkomitee der ZentrumZpartet für den Rcichstagswahlkreis Aachen (Laub)-Eupen stellte ben bisherigen Reichs- lagsob'eordnetenNacken als Kandidaten wieder auf.
* Der Wahlaufruf der Fortschrittlichen Volkspartei erklärt zwar, wie Ivir gestern nach einem uns vorliegenden Auszüge mitteilten: „Von der Sozialdemokratie trennen uns grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten." Von einem Kampfe gegen die Sozialdemokratie sucht man aber in, dem ganzen Wahlaufrufe auch nur ein Wort. Auf Kosten jener politischen Parteien, die eine christliche Weltanschauung haben, mag nach fortschrittlichem Empsiuden die Sozialdemokratie ruhig ein Wachstum erfahren, nur auf Kosten des Liberalismus nicht! „Lieber rot als schwarz-blau!" In dem Wahlaufruf liest man auch: „Freiheit für jede religiöse Ueberzengung." Wer das soll sich wohl lediglich auf den religiösen Liberalismus, auf Freidenker, Atheisten, Monisten und dergleichen beziehen, nicht aber auf die gläubigen Katholiken und auf die evangelische „Orthodoxie", die gerade auf der fortschrfttlichen Seite ihre erbittertsten Gegner und die fanatischsten Kulturkämpfer findet.