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M 267.

vienrtag 2t. November 19U

38. 3al)rgang.

* Tuldaer W

Zeitung»

3. Blatt.

»red en> verleg der Weldaer Xetlendruderel ie Selb«.

= Die monarchische Bewegung in Portugal.

AuS Badajoz wird gemeldet, daß die monarchi­stische Bewegung neuerdings wieder lebhaft zu wer- den beginnt. Die in den Gebirgen des Tras-os- Montes liegenden monarchischen Heerscharen haben in den letzten Tagen wieder starken Zuzug aus der- schiedenen Teilen Portugals erhalten. Außerdem gelang cs ihnen, Massen und Munition zufuhren zu lassen. Zudem scheint es, daß die monarchische Propaganda sich unter den Truppen stark bemerk­bar macht. Bei Beginn des Einbruches sandte die Regierung in aller Eile die sich aus dem Norden Portugals rekrutierenden Truppen nach dem Süden und ersetzte sie durch „verläßliche Regimenter". Jetzt wird aber gemeldet, daß es am vorigen Freitag zwischen den Soldaten der in Chaves liegenden Regi­menter aus politischen Gründen zu einer wüsten Schlägerei kam, wobei auf beiden Seiten zahlreiche Soldaten durch Säbelhiebe und Bajonettstiche ver­wundet wurden. Die Disziplin in diesen Garni­sonen ist vollständig zerrüttet.

Der Lissaboner Vertreter der „Köln. Ztg.", welcher das Material zu seiner Beobachtung persön­lich an Ort und Stelle gesammelt hat, schreibt neuer­dings: „Der Hauptmann Conceiro ist zweifel­los einer der befähigften Offiziere des portugiesi­schen Heeres gewesen, der in Afrika wiederholt un­erschrocken im Feuer gestanden hat und der großes Ansehen in der Armee genießt. Niemand, selbst seine erbittersten politischen Gegner nicht, sprechen ihm militärische Tüchtigkeit und Umsicht ab, so. daß em von ihm geführter Gegner selbst bei ziffern­mäßiger Minderheit zu fürchten ist. Plan und Ab­sichten Conceiros sind mir zwar unbekannt, ich glaube aber sagen zu dürfen, daß sein Zögern auf ganz bestimmte Gründe zurückzusühren ist. Auch sein Einfall in die Provinz Tras-os-Montes sollte nur als ein Bluff, nicht aber als ein ernstlicher An­griff betrachtet werden, zum Zweck, die Kerntruppen der Regierung in diese unwegsame Gegend zu locken. Diese Provinz liegt abseits der großen Heerstraße; sie ist im Herbst und Winter infolge Regens und Kälte zu einem kriegerischen Unternehmen so unge­eignet wie möglich und bietet keine Ernährungs­möglichkeit für eine auch nur mittelgroße Armee. Selbst wenn Conceiro sich der Festung Braganza bemächtigt hätte, so wäre dies lediglich ein mora­lischer Erfolg gewesen, denn diese Kopfstation der Seitenbahn Tua-Braganza kann durch Sprengung einer der zahlreichen Uebersührungen oder Brücken völlig entwertet werden. Auch die drei Landstraßen, die durch die Provinz führen, sind, wie ich mich jetzt persönlich überzeugt habe, mit Leichtigkeit für jeder­mann unpassierbar zn machen. Wenn man aber nun hört, daß die Regierung tatsächlich ihre Kern- truppen aus Lissabon dorthin geworfen hat, muß man sich sagen, daß Conceiro mit der Einnahme von Vinhaes (32 Kilometer von Braganza) einen guten taktischen Streich gemacht hat. Bon dem Standpunkt ansgettcnb, er nicht oeniiaeitb Leute hat- UIN eine Provinz besetzt zu halten und gleichzeitig gegen das Zentrum der Republik vorzugehen, ist auch sei» begründeter Rückzug zu verstehen. Begründet, weil die Stellung bei Vinhaes von 200 Mann gegen eine Armee zu halten gewesen wäre. Sein Rückzug, wie der Vormarsch nach Westen hier genannt wird, er­folgt in einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 30 Kilometern am Tage, in anbetracht des unsag­baren schwierigen Geländes eine glänzende Leistung, doppelt anerkennenswert, wenn man bedenkt, daß er auf Ziegenpfaden angewiesen ist und sich der Marsch unter strömendem Regen in einer Höhe von etwa 1200 Metern abspielt. Vor ungefähr 9 Tagen hat er es, zuverlässiger Nachrichten zufolge, soaar fertig gebracht, innerhalb 24 Stunden über 60 Kilo­meter zurückzulegen. Diese Marschleistungen spre­chen deutlich gegen die in der hiesigen und einem Teil der spanischen Presse behauptete Entmutigung und Disziplinlosigkeit seiner Leute, denn nur mit einer Truppe, die gedrillt und ihrem Führer blind ergeben ist, können solche Gewaltmärsche zurückgelegt werden. Die Zahl der Verschwörertruppen wird nur durchaus zuverlässig mit etwa 1500 gut bewaffneten Kerntruppen angegeben. Man hat nun in den letz­ten Tagen wiederholt von angeblichen Entwaffnun­gen der Verschwörer durch spanische Gendarmerie gehört. Die Tatsache als solche ist nicht wegzuleug­

nen, nur handelt et sich hierbei meistens um kleine Gruppen, die Conceiro zurückläßt, da die Leute nicht kräftig genug sind, um btt unsagbaren Strapazen auszuhalten, oder well er nicht genügend Waffen für sie hat, und er sich nicht mit Leuten belasten will, die ihn dabei vorläufig wenig unterstützen können.

Wat nun die Aussichten für die nächste Zeit an­geht, so heißt es hier, wie ja stets in Portugal: ab- wartcn. Conceiro zieht mit seinen Leuten westwärts, augenscheinlich um die Provinz Minho anzugreifen, wo er unter der Bevölkerung zahlreiche Anhänger hat. Ich wenigstens wurde bei meiner vor wenigen Tagen beendeten Durchquerung im Automobil in zahlreichen Ortschaften mit dem Zuruf: „Bia a Mo­narchin" begrüßt, was nicht gerade auf republika­nische Gefühle der Menge schließen läßt, obgleich die vorläufige Regierung keine Gelegenheit unbenützt verstreichen ließ, zu versichern, daß daS gesamte Volk republikanisch sei. Ferner aber rst im Minho der Einfluß der antirepublikanischen Geistlichkeit aufs Volk viel stärker als in den anderen Provinzen Por­tugals, und außerdem bietet diese reiche Gegend bessere Verpflegung-- und Fortbewegungsmöglichkeiten als Tras-os-Montes. ES entzieht sich nun natürlich meiner Beurteilung, ob Conceiro hier einen Kampf aufnehmen wird. Für einen solchen Fall verfügt er über einen nicht zu verachtenden Vorteil, da er sich das Gelände aussuchen kann. Es dürfte nach meiner durchaus unparteiischen Meinung für ihn hauptsächlich darauf ankommen, in den ersten Tref­fen siegreich zu fein, um viele schwankende Elemente der Armee auf seine Seite zu bekommen. Ich weiß sehr Wohl, daß es eine ziemlich weitgehende Behaup­tung ist, die ich hier ausgesprochen habe; meine Mei­nung wird aber von so vielen guten Kennern der Verhältnisse geteilt, daß ich glaube, sie nicht ver­schweigen zu dürfen."

Deutsches Nerch.

X Teuerungszulagen. Das Reichsmarineamt will Teuerungszulagen für seine Arbeiter einführen. Oberwerftdirektor Henkel teilte der Arbeiterschaft beim Reichsmarineamt mit, daß das Reichsmarine­amt bereits selbständig Verhandlungen über Gewäh­rung von Teuerungszulagen eingeleitet habe. Aus Grund dieser Erklärung beschloß eine Versammlung der Werftarbeiter, die Höhe der Zulagen dem Reichs- marineamt anheimzugeben.

— Krefeld, 20. Nov. 1911. In Krefeld hat die liberale Mehrheft der Stadtverordneten trotz des lebhaften Protestes des Zentrums 70000 Mk. für ein Krematorium bewilligt. Die Liberalen wollten wieder einmal dokumentieren: Wir haben die Macht'. Wenn die Gegner auch 80 Proz. der Bevölkerung ausmachen, man hats ja nicht not- wendig, auf deren Gefühle Rücksicht zu nehmen. Und das ist liberale „Toleranz". In der ganzen Stadt hat aber der Beschluß der liberalen Stadtverordneten­mehrheit einen Sturm der Entrüstung hervorge­rufen. Um gegen den Beschluß Stellung zu nehmen, fand eine imposante Brote st Versammlung bet Katholiken statt, welche sich zu einer der glänzend­sten gestaltete, welche Krefelds Katholiken je erlebt haben. Schon lange vor Beginn der Versammlung waren die weiten Räume der Stadthalle so überfüllt, so daß Tausende keinen Einlaß mehr fanden. Dechant Flecken kennzeichnete den Beschluß der liberalen Stadtverordnetenmehrheit als eine Schmach für die Krefelder Katholiken, sowie der Katholiken des ge­samten Niederrheins. Nicht bei Worten darf es blei­ben, sondern es gilt zu erreichen, daß der gefaßte Be­schluß hinfällig gemacht wird. Dr. Meffert (M.- Gladbach) behandelte hierauf die Leichenverbren­nungsfrage vom Standpunkte der christlichen Welt­anschauung aus und wies nach, daß angesehene pro- testantisckfe Kreffe sich gleichfalls gegen die Leichen­verbrennung ausgesprochen haben. Stadtverordne­ter Blum verneinte die Bedürfnisfrage, für Krefeld und den Niederrhein ein Krematorium zu errichten. Im Anschlüsse an die Borträge wurde eine Reso­lution angenommen, in der es heißt:

Tie dicht gedrängte, nach Tauseuven zählende Ver­sammlung der Katholiken Krefelds hat mit tiefer und gerechter Entrüstung Kenntnis genommen von dem Beschluß der liberalen Zweidrittelmehrheit des Stadt­verordnetenkollegiums vom 9. November 19! 1. Mit

den gesamten Katholiken der Wett und zahlreichen Angehörigen des christlichen Bekenntnisses überhaupt erblickt sie in den Bestrebungen zur Leichenverbrennung »inen gröblichen Verstoß gegen eine Jahrtausende be­stehende, ehrwürdige christliche Sitte, und zwar mit ausgesprochener Tendenz, gegen daS Christentum über­haupt Front zu wachen. Der Beschluß hat ist der katholischen Bürgerschaft eine tiefgehend» Erbitterung erzeugt. Seine Ausführung würde in die Bevölkerung 3eldS dauernd ein schweres AergerniS für hunderl- end und mehr Einwohner hinein tragen und dadurch ein höchst beklagenswertes Werk der Friedensstörung schaffen. Di» Versammlung richtet an den Herrn Re­gierungspräsidenten als Aufsichtsbehörde die emdring- lich» Bitte, demselben die gesetzlich vorgejchriedene Genehmigung versagen zu wollen.

* Breslau, 20. Nov. 1911. Bei der Landtags- crsatzwahl in Breslaitz wo das Mandat deS Handels­kammer-Syndikus Dr. EhlerS-Berlin für ungültig erklärt worden war, wurde EhlerS mit 872 gegen 778 Stimmen in der Stichwahl gewählt.

Ausland.

** Der Bevölkerungsrückgang in Frankreich schreitet unaufhaltsam fort. Das Amtsblatt veröffentlicht die Bevölkerungsstatistik für das erste Halbjahr 1911, die trostlos er ist als je vorher. Die Zahl der Todesfälle übersteigt die der Geburten um 18279. Um so viele Seelen hat also Frankreichs Einwohner­zahl sich während der ersten sechs Monate dieses JahreS vermindert. Nur die bretonischen Bezirke weisen immer noch eine hohe Geburtenziffer auf.

x Krieg MW Stollen nnd der Mel.

Die Kriegslage

ist seit Wochen unverändert. Die Italiener befinden sich im Besitze der Küstenplätze von Tripolitanien. Die türkischen Erfolge sind zum Stillstand gekommen, nachdem Italien feine Truppest erheblich verstärkt hat. Die Aussichten der Türken, den Italienern die Stadt Tripolis oder einen der anderen Hafenplätze entreißen zu können, werden von Tag zu Tag gerin­ger. Andererseits stehen aber auch die Italiener jetzt nach Wochen noch genau so da, wie zu Beginn der Feindseligkeiten. Die eigentlichen Schwierigkeiten des Feldzuges werden erst kommen, wenn die italienischen Truppen den Marsch in das Innere des Landes an­treten. In Italien selbst scheint man sich allmählich mit dem Gedanken vertraut gemacht zu haben, daß der mit so großen Hoffnungen begonnene Feldzug nicht so bald zum Ziele führen wird. Es macht sich dort mehr und mehr eine gereizte Stim­mung bemerkbar, die um fo begreiflicher wird, als der Krieg dem Wirtschaftsleben IialienS fortgesetzt die schwersten/ Wunden schlägt. Kenner TripolitanienS neigen zu der Ansicht, daß es Italien niemals gelingen werde, den Widerstand der fanatischen Bevölkerung zu brechen- Auch in Italien scheint men nach dieser Richtung von Besorgnissen nicht ganz frei zu fein und das macht sich die Kriegs- Patci zu Nutze. Sie entfaltete die lebhafteste Agita­tion. um dis italienische Negierung zu zwingen, mit Hilfe eintB Flottenaktion die Türkei einem baldigen Friedensabschluß geneigt zu machen. Aus dies Bemühen der Kriegspartei sind wohl auch haupt­sächlich die wiederholten Gerüchte von einer Aktion der _ italienischen Flotte im Aegäischen Meer zurückzusühren. Es ist sehr wenig wahrscheinlich, daß ein Vorgehen der italienischen Flotte gegen die Dar­danellen die Türkei zur Nachgiebigkeit hätte zwingen können. Italien hatte seine Absicht ja auch inzwi­schen aufgegeben- Ein Vorgehen im Aegäischen Meere würde den dort wirtschaftlich sehr inter­essierten Westmächten, England und Frankreich, weit mehr Schaden zugefügt haben als der Türkei, die es zudem nicht unterlassen haben dürfte, die Hafenplätze gegen esinen etwaigen Angriff durch Sprrngminen zu schützen. Es fehlt also Italien tatsäch­lich jede Möglichkeit, die Türkei an ihrem Lebens­nerv zu treffen und sich gefügig zu machen. Aus die­sem Grunde erscheinen Meldungen, daß die Türkei zum Frieden geneigt sei. wenig glaubwürdig. Man darf nicht übersehen, daß die sich in einer Lage be­findet, die einen Friedensschluß mit Italien zu einem gefährlichen Unternehmen machen kann. Der mohammedanische Fanatismus ist ge­

weckt und die Türket läuft Gefahr, daß er sich gegen s t« selbst kehren wird, wenn sie sich den Italia* scheu Forderungen willfährig zeigt. Nicht da» Go- uhl der nationalen Zusammengehörigkeit ist baS eini­gende Band der mohammedanischen Welt, sondern der Glaube- Der Islam sicht diesen bedroht und wenn die ttttckische Regierung die Waffen ntederlegen würde, würde das von der mohammedanischen WÄt als ein Verrat am Islam angesehen werden.

Niemand weiß, was die nächste Zeit bringst wird. Soviel ist sicher, die Lage Italien» ist nicht beneidens­wert. Man kann nur wünschen, daß bald ein für beide Teile erträglicher Ausgang au» der Zwickmühle gefunden wird, damit endlich die Brandfackel, die den Frieden Europas bedroht, ausgelöscht wird.

Die Haltung der Seunjsi.

Wie die türkischen Blätter melden, hat der Scheck der Senusst an den Muteffarif von Beng- haft ein Schreiben gerichtet, in dem er tapferen Widerstand gegen die Italiener empfiehlt und die staffelweise Entsendung von Freiwilligen anzeigt. Er werde alle gegen die Franzosen bestimmten mili­tärischen Vorbereitungen nunmehr gegen die Italiener anwenden. Der heilig» Krieg würde in der ganzen Sahara und dem übrigen mohammeda­nischen Afrika erklärt werden.

Da- englische Wochenblatt ,Outtool' meldet auf Grund von Spezialnachrichten aus Egypten, daß Enver Bey (der frühere Militärattache!! in Berlin) nach Tripolis ging, um den großen Bund der Senussi zur Verteidigung des Halbmondes ins Feld zu führen. Envers Rechtgläubigkeit und Ehren­haftigkeit, so wird aus Konstantinopel gemeldet, machen ihn fast zu einem Heiligen in bett Zelten der Wüste. Enver Bey wurde bei seiner Ankunst von Egypten her von einer auserwählten Eskorte empfangen, ritt mit Kamelpost durch Egypten zum großen Scheck der Senusst und hat die gesamt« Bevölkerung der Hinterländer zu einem heiligen Krieg gegen die Italiener ver- einigt. Es liegt ganz außerhalb der Macht bet Regierung in Kairo, wie sehr sie dies auch möchte, ine ständige Verbindung über die egyptisch-tripoli- anijche Grenze zu verhindern.

Der TriPolisfcldzug Italien» und die „Profitgier des Batikens". Welch ungeheuerliche Albernheiten in der modernen Kirchenhehe feilgeboten werden können, enthüllt wieder aller Welt die Ausnutzung der italie­nischen Tripolisexpediton zu einer Hetze gegen den Vatikan.

Da» Läppischste der Läppischen ist ohne Zweifel, diese Expedition «IS Ausfluß der Profitgier beS Va­tikans hinzustellen, weil der Vatikan Gelder stehen habe beim Banco di Roma! Daß in einer Zet, wo jeder Privatmann mit der Bank arbeitet, eine internationale Verwaltung, die die Unterhaltungskosten für ein Mis­sionswerk, das den ganzen Erdball umspannt, aufzu­bringen und hinausznsenden hat, der Dienste eine» internationalen Bankinstitut» nicht entraten kann,, dürfte jedermann einleuchten, aber nicht, wie darob eine Hetze gegen die Kirche in Szene gesetzt werden i kann. Weil eS besonders die sozialdemokratische Presse, ist- die in dieser Hinsicht hetzt, so sei uns an die Ge- nassen die Gegenfrage gestattet: Wo sind denn die Par- tergelder und die Gelder der freien sozialdemokratischen Gewerkschaften untergebracht f Diese werden doch nicht in Kisten und Kasten auf den Speichern oder in den Kellerräumlichkeiten des „Vorwärts" herumliegen; da» wäre ja eine unverantwortliche Zinsvergeudung! Wenn also auch dort eine finanzielle (kapitalistische!) Anlage der Gelder stattfindet, dann die weitere Frage: Wen Zieht man denn in einem solchen Falle und für ein solcher Geschäft zu Rate? Vielleicht den Jeremia» Minkemöller in Buxtehude oder einen Finanzmann? Sinn also! Was gibt es denn zu schreien» wenn der Vatikan hinsichtlich der Unterbringung der Gelder, die aus den verschiedenen Ländern zusammenkommen, den Direktor des Banco di Rama zu Rate zieht und nicht etwa eine Zeitungsträgerin des „Vorwärts"!

Weil dann einige italienische Bischöfe und Geistliche in leicht begreiflichem Patriotismus den italienischen, Waffen den Sieg gewünscht haben, schreit allen voran der „Vorwärts" in die Welt hinein, der Papst segne den italienischen „Banditenstreich", und toaS derglei­chen kraftvolle Sprüchlein noch mehr waren. Erklärt aber der Papst selbst seine strengste Neutralität, so schreit man ebenso über mangelnden Patriotismus!,

Solche Geschichten sind bloß begreiflich bei jenen, die nicht wissen, daß der Papst kein italienischer Bi-> schoß sondern der Papst der ganzen Welt ist, und als solcher auch die Interessen der Katholiken im Onknt und innerhalb des türkischen Machtbereiches au wahren hat!

MosaikbilSer ans dem Orient.

Rei eitijjeu von Dr. Jos. Lammeyer, Beirut (Syrien).

II. Boni Libanon znm Sion.

(Fortsetzung.)

Eme Viertelstunde weiter 'üeöstlich liegt das im bedeutsame Züge aus dem Leben Jesu erinnernde Bethanien, b. h Haus des Elenden, der Lieblingsauf­enthalt des Heilandes; die Araber nennen es el- Azarrje, d, h. Ort des Lazarus. Hier wohnten einst Lazarus unb seine beiden Schwestern Maria und Mar­tha. Dicht bei der Moschee liegt das Lazarusgrab. Auch zeigt man das Haus des Lazarus, eine turm­artige Ruine. Wir alle kennen die Begebenheit, die sich jiet abgespielt hat. Der Heiland war in Bethanien ehr bekannt unb beliebt. Dort gerade hatte er viele freunde. Eines Tages, als er nach Jericho ging, andte man einen Eilboten zu ihm mit der Nachricht: »Herr, den Du lieb hast, bet ist krank". Doch bet Heilanb, bet wußte, baß Lazarus bereits gestorben wat, blieb noch zwei Tage in Jericho, zu ben ihn bo- gleitcnden Jüngern aber sagte et: „Lazarus, mein Freunb, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken. Unterwegs kommt ihm Martha schon entgegen mit bet Trauerbotschaft unb bem zarten, vom lebenbigen .Glaube» eingegebenen leisen Vorwurf: „Herr, wärest Du hier gewesen, so wäre mein Btubet nicht gestor­ben " Wie muß das in Scharen zum Passahfeste strö­mende Volk den Heiland bewundert haben, als er da» Wort sprach: „Ich bin die Auferstehung und das Le­ben; wer an mich glaubt, der wird leben, wenn er auch gestorben ist", und als er den schon 4 Tage toten, jbaeitS begrabenen Lazarus auferweckte!

> Auf dem den Süden des OelbergeS umgebenden Wege kehrten wir zurück, um den südlich der Stadt lie­genden Berg Sion zu besuchen. Wir haben vor un» An en großen Gebäudekomplex mit hohen Mauern, en« Rebi Düüd genannt, d. h. „Prophet David", der int Besitze der Mohammedaner ist, und betreten auf ein« schmalen, ziemlich stellen Treppe von außen den obe­ren Teil eines GebäubeS, bas sogenannte Soenaat- mm ober ben Abendmahlsaal, einen leeren, mit Spitz-

bogengewölben versehenen Raum, der früher ein Teil einer christlichen Kirche wat. Vier bedeutende Ereig­nisse tauchen in unserer Erinnerung auf. Im einsti­gen Abendmahlsaal hat der Heiland das allerheiligste Altarssakrament eingesetzt und den Aposteln die Füße gewaschen, mehrmals erschien er hier seinen Jüngern bei verschlossener Tüte, hier verlieh er seinen Aposteln die Gewalt der Sündenvergebung und hier spielte sich ab das Wunder des ersten Pfingstfestes, die Aus­gießung des hl. Geistes, wie denn der Abendmahlsaal auch der regelmäßige religiöse Versammlungsort der ersten christlichen Gemeinde war. Noch ist der Sitzplatz Jesu durch einen Sirtn in der Wand kenntlich gemacht. Deshalb wurde dieser denkwürdige Ort von jeher hoch verehrt. Schon die hl. Helena baute hier eine Kirche zu Ehren der hl. Apostel. Zur Zeit der Kreuzzüge war hier eine Augusttnerabtei, besonders segensreich wirk­ten seit dem 13. Jahrhundert die Franziskaner, die die noch heute existierende, leidet in den Händen bet Mo­hammedaner befindliche Kirche bauten, aber schon 1559 gänzlich von dieser ehrwürdigen Städte vertrieben wur­den. Zu dem Grabe Davids, das die mohammedanische Ueberliefemng unter den Abendmahlsaal verlegt, wird man nicht zugelassen. In unmittelbarer Nähe haben wir noch ein anbaeg Heiligtum, die sogenannte Dor- mitio. Hier soll nach einer alten Ueberlieferung das Wohnhaus der Mutter Gottes gestanden haben, in dem sie mir dem hl. Johannes gewohnt hat und auch ge­storben ist. Diese- Terrain wurde bekanntlich von Sul­tan Abdul Hamid Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser Wilhelm II. überlassen, welcher in hochherziger Weise in Gegenwart Sr. Exzellenz des Patriarchen von Jerusalem, Monsignore Ptavi, bet seiner Anwesenheit in Jerusalem im Jahre 1898 es den deutschen Katho­liken bezw. dem Palästina-Verein schenkte. Vollendet sind nun nach jahrelanger, angestrengter Arbeit Kloster unb Kirche, ble ben Seiebiftinem von Beuron über­geben toutbea unb einen imposanten Anblick gewähren. Noch ist die innere Ausschmückung der Kirche nicht vol­lendet, doch hat die Opferwilligkeit der deutschen Ka­tholiken dafür gesorgt, daß diese durch so ehrwürdige Erinnerungen geweihte Stätte auch im Innern ein de» H«rn würdige» Heiligtum wird. So wird bis in die

fernsten Zeiten sich bewahrheiten die Aufforderung des Hymnus:

Lauda Sion Salvatorem!

III. Im Schatten des Libanon

Es ist noch gar nicht so lange her, daß ein ita­lienisches Geschwader, vor dem Hafen von Bcimt am Fuße des Libanon vor Anker ging. Die italirnichen Marineoffiziere verlebten fröhliche Tage. Eine Ein­ladung nach der andern, ein Feuerwerk nach dem andern, ein Tanzvergnügen nach dem andern. Be­sonders sind noch in meiner Erinnerung die herr­lichen Abende, an denen gerade vor meiner Wohnung am Meere die Scheinwerfer spielten und märchen­hafte Lichteffekte über Stadt und Meer hervorzauber­ten. Die hiesige italienische Kolonie, die verhältnis­mäßig groß ist, arrangierte in ihrem schönen am Meere gelegenen Heim herrliche Feste mit echt ita­lienischer Nacht, wozu die Musikkapelle der Libanesen in bekannter Schneidigkeit lustige Weifen spielte. Luftballons in den italienischen Nationalfacben stie­gen unter den Eovtva's der Kleinen und Großen gen Himmel, sonderbarer Weise nicht in der Richtung der Heimat, sondern weiter ins türkische Land. Wer hätte gedacht, daß schon so bald alles öde und ver­lassen daftünde. Verlassen das Konsulat, von dem eine Patrouille der türkischen Polizei im Auftrag des Kommandanten, wie erzählt wurde, noch während der Anwesenheit des italienischen Konsuls im Hause die italienische Fahne hernnterholte. Oede und ein­sam bet große Klubplatz, auf bem immer allabendlich ein fröhliches Treiben herrschte unb in dem jetzt andere, wie ich beobachtete, ihre Zeit vertreiben an den Turngeräten und Schaukeln. Ausgestorben ist die dicht neben anliegende italienische Knaben- und auch die Mädchenschule, auf deren Hof eine muntere Schar sich tummelte. Die Läden und Agenturen der Italiener sind zum größten Teil geschloffen. Keine italienische Flagge weht mehr über Wasser und Land. Selbst die Post kommt nicht mehr so oft, da sämtliche italienische Schifstgesellschasten ihre Fahrten einstellen mufften, um qicht ben Türken In bte Hände zu fal­

len und um zu Truppentransporten verwendet zu werden- Und dies alles, weil feit dem 29. Septem­ber Italien der Türkei den Krieg erklärt hat. Hebet bte Berechtigung ober Nichtberechtigung besselben wollen wir kein Wort verlieren, wir wollen uns nur bm Grundsatz vergegenwärtigen, der heutzutage überall anerkannt zu i»erden scheint: Gewalt Seht vor Recht. Bist du stärker als dein Geg­ner, f» kannst du's wagen, so darfst du's wagen, ja fo bist du es deiner Ehre, deinem Fortkommen, dei­nem Ansehen, kurz dir selbst schuldig, daß du den richtigen Augenblick benutzest, um einem Gegner den Todesstoß zu versetzen, wenn nicht physisch, so wenig­stens moralisch und wenn nicht mit der Wahrheit, dann mit Lüge, Berläumdung, ja sogar mit falschen Eiden. Das nennt man im öffentlichen Leben Realpolitik, po­litische Notwendigkeit, im privaten Leben Pflicht der Selbstachtung, Akt der Notwendigkeit. Als ich im September Don einer Reise au8 Aegypten nach Bei­rut kam und morgens 3 Uhr in den Hafen einlief, war ich sehr erstaunt, hier ein ganzes türkisches Ge­schwader zu finden, umsomehr als ich wußte, daß noch nie ein solches Beirut angelaufen hatte. Die Freude über diesen unerwarteten Besuch bei den Jungtürken wat groß, denn niemand hatte bisher ein solches Schauspiel, in Beirut gesehen. Und in der Tat, es war eine stattliche Kriegsflotte, die, aus 13 Schiffen bestehend, im Hafen vor Anker lag. Natürlich suchten die Behörden alles aufzubieten, um den Marsjüngern den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Dieselben Festlichkeiten wie bei der Anwesenheit der italienischen Flotte, nur in größerem Maßstäbe und mit größerem Pomp. Besonders herrlich war das auf den verschiedenen Schiffen abgebrannte türkische Feuerwerk und die feenhafte Beleuchtung des Schiffs­körpers von den Treppen, die zu den Schiffen führten, bis hinauf zum Gipfel der Masten. Das muß man den Türken lassen, von Feuerwerk und Illumination verstehen sie etwas. Unter ben Kriegsschiffen be­fand sich auch eins, das die Türken uns abgekauft ha­ben. Ein Bekannter erzählte mir, daß auf ben Schif­fen bte größte Reinlichkeit herrschte, was Ätz auch selbst