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uldaer WK

38. Jahrgang

Erstes Blatt

JV5 266.

gemacht! Man steht, die Alldeutschen sind vielseitig.

ff«Mnn(l flew9e"-a(8™LHL”nTh^a^maOf*m«iW Angesichts des fertigen Marokko-Abkommens haben siS'UTro£bsie der Negierung die größte J-igheii und ärgste fetnuf vom Zentrum: Abwarten!, Der Redner be- Schwache vorgeworfen, und jetzt suchen sie in den Mündet im wetteren Anträge seiner Partei, wonach die vorhergegangenen Monaten nach Stoff, um dieselbe Futtermittel in die unterste TarifUasse kommen sollen. Regiemng des frivolsten Leichtsinns zu beschul-

Lr-cheint m«

Ausnahme der ro.m- «sd Feiertage. Vi-rtel- jährlicher Sezup^preis ohne Vringerlohu und vestellgeid in Fulda sb- >vie anrwärts i.5v Alt.

Abg. Ofcr (Bolksp.) befürwortet einen Antrag, nach dem nicht nur Kohlen und Erze, sondern auch

Frage vorlegen, wie eine verstärkte Flottenrüstung aus daS Ausland, speziell auf England, wirken müßte. Nach der eben erwähnten Erklärung des Reichskanzlers käme sie einer Herausforderung Eng­lands gleich und daS würde den Krieg be­deuten. Wir glauben nicht, daß selbst die größten Flottenschwärmer die Verantwortung für diese Folge ihrer Agitation übernehmen würden.

Nach alledem können wir nur sagen, daß wir an eine verstärkte Flottenausrüstung nicht zu glau­ben vermögen, sei es in Form einer neuen Flotten­vorlage, sei es in anderer Form.

<” Standen wir vor dem Kriege?

Am Dienstag voriger Woche hatte in London der Abgeordnete P o n s o n b h, der Privaffekrotär des verstorbenen Premierministers Bannermann war, eine Rede gehalten, in der er erklärte:

Erst heute wurde mir versichert, — und ich glaube, daß diese Erklärung auf Wahrheit beruht — daß wir im September tatsächlich direkt vor einem Kriege standen. Die Nordseesiolte wurde schon zur Aktion bereit gemacht und die Torpedonehe waren bereits in Erwartung eines Angriffes seitens der deut­schen Torpedoboote ausgelegt.

Von dieser Mitteilung des englischen Parlamen­tariers hat die emste deutsche Presse kein besonderes Auchebens gemacht, willkommen aber ist sie unserer alldeutschen Prefle. Sie fußt auf ihr, wenn sie jetzt nachträglich grausige Schilderungen von verflossener Kriegsgefahr auftffcht. Die „Tägl. Rundschau* sagt:

Mit einer Leichtherzigkeit sondergleichen habe Die Kiderlen'sche Politik die Nation in- die schwerste Krisis hineingetrieben; es sei jetzt einwandfrei vom Auslände bestätigt; daß England zum Krieg bereit war und auf ihn lauerte, daß der hierfür geschloffene Kriegsbündnis­vertrag zwischen Frankreich und England, die In­spektion der sran ösischen Festungen und des französi­schen Heeres durch French, auf einen Ueberfall Deutsch­lands hinzielte, und daß Frankreich seit 1870 nicht mehr so eifrig rüstete und so kriegsmutig war, wie in diesem Sommer.

Für diese angeblich so furchtbare Kriegsgefahr wird nun unsere „Frtedensregierung* verantwortlich

Gewerbeordnungs-Novelle

Die Novelle gestaltet u. a. das Lohnbuch zu einem Abrechnungsbuch um und gibt dem Bundesrat mit Rück­sicht auf die Verschiedenheit der Verhältniffe in den einzelnen Industrien die Befugnis, für die Gestaltung der Abrechnungsbücher die nötigen Bestimmungen zu erlassen. Die Pflicht zum Besuch der Fort biI- dungsschule wird auch für die Zeit der ArbeitS. losigkeit statuiert. Die Kommission will dem Bundes­rat die Befugnis zusprechen, zu bestimmen, daß die Lohnbücher in der Betriebsstätte verbleiben.

Die Diskussion beginnt mit Art. I § 114a, der un­verändert angenommen wird; vorher erklärte

Abg. Stadthagen, daß er sich von der Umgestaltung der Lohnbücher zu Abrechnungsbüchern keinen beson- dern Erfolg verspreche.

§ 114b wird nach längerer Debatte angenommen, unter Ablehnung eines sozialdemokratischen Antrages, der das Verbleiben der Abrechnungsbücher in den Werk­stätten beseitigen will.

Abg. Dr. Pieper (Ztr.) äußerte zu dem sozialdemo­kratischen Antrag u. a., daß der Arbeiter jederzeit innerhalb der Betriebsstätte Einsicht in sein Lohnbuch nehmen kann. Das Lohnbuch ist zugleich Abrechnungs- buck. Daher ist der Wunsch berechtigt, daß es nicht in die Oefsentlichkeit gelangt. Wir wollen nicht, daß, da das Lohnbuch jetzt Abrechnungsbuch geworden ist, die Gewerkschaften draußen es dazu benutzen, um in einseitiger Weise Lohnstatistiken und Statistiken über Arbeitsverhältnisse aufzustellen.

Zu § 120k liegt ein sozialdemokratischer Antrag vor, daß die dort vorgesehene Begrenzung der Arbeitszeit nicht nur für solche Gewerbe erlassen werden soll, in welchen durch die übermäßige Dauer der Arbeitszeit die Gesundheit der Arbeiter, sondern auch die Fortbil­dung oder das Familienleben der Arbeiter oder die Sicherheit des Betriebes gefährdet ist.

Die Abgg. Pieper und Fleischer sprechen sich dagegen aus, insbesondere mit Rücksicht darauf, daß die Regie­rung einer Einbeziehung der Rücksicht auf das Fami­lienleben deshalb entgegenstehe, weil für die Gefähr­dung des Familienlebens nicht ein so bestimmtes Merk- mal gegeben sei wie für die Gefährdung der Gesund- heit. Vielleicht finden die Herren bis zur dritten Le­sung eine Fassung, die ein solches Merkmal gibt.

S?er sozialdemokratische Antrag wird abgelehnt und der Paragraph unverändert angenommen.

Nach Ablehnung eines sozialdemokratischen Antrages zu § 134 und Annahme eines Antrages Feischer (Ztr.) wonach das Gesetz am t April 1912 ink'raft treten soll, ist die zweite Lesung beendet.

Nächste Sitzung Montag 27. Nov.:

Afrikanische Bahnen, Hausarbeitsgesetz, Aufhebung des tzilfskassengesehes.

über dessen Einzelheiten man verschiedenen Ansicht sein mag, dessen Gesamt tvirfu n g aber die Erhal­tung des Friedens ist.

Je größer die Gefahr war, daß England und Frankreich zusammen losschlügen, desto eher läßt sich die Genügsamkeit der deutschen Regierung rechtfertigen. Sie hat genommen, was sie auf friedlichem Wege kriegen konnte. Hätte sie an wat ter gehend en Forderungen starr feftgehal- len, so würde sie ja jenen Gegnern, die einen Anlaß zum LoSschlagen haben wollten, in die Hände gear­beitet haben!

Am schlimmsten spielen die nachträglichen Schwarz­maler jonen Rednern im Parlament, wie der Abg. Bassermann, mit, die von dem Erwerb von S ü d- mofrokko phachasierten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Besetzung von Agadir und dem Hinterlande Sus von den Engländern als Vorwand zum Eingreifen ausgenuht worden wäre. Glückli­cher Weise hatten die deutschen Staatsmänner eine solche Absicht nicht gehabt, und sie hatten auch recht­zeitig den anderen Regierungen mitgeteili, daß dir Demonstration vor Agadir keine Einleitung einer Besetzung sein sollte- So wurde in den offi­ziellen Kreisen der Eindruck eines Zurückweichens vov englischen Drohungen ausgeschlossen. Leider wurde nicht gleichzeitig laut und deutlich genug vor der O effentlichkeit der Verzicht Deutschlands auf ein Stück von Marokko kundgegeben. Da steckt cV Fehler, den man den deutschen StaatZmämrern mit recht Vorhalten kann. Auch in dem Reichstagsaus­schuß wurde festgestellt, daß die deutsche Regierung die englischen Anmaßungen zwar auf dem amtli­chen Wege kräftig zurückgewiesen, aber nicht die gehörige öffentliche Genugtuung dem verletzten Gefühl des deutschen Volkes besorgt habe. Es ist das tfßte liebel, daß Herr v. Bethmann Hollweg die Presse und die sonstigen Hilfsmittel zur Aufklärung und Leitung der öffentlichen Meinung nicht richtig zu benutzen weiß. Auch in der inneren Politik zeigte sich diese Schwäche.

Was während der schwebenden diplomatischen Verhandlungen versäumt worden ist, muß jetzt lang­sam und mühselig in den AuSschußsitzungm nachge­holt werden. Das Urteil über das Abkommen klärt sich allmählich; die öffentliche Meinung beruhigt sich mehr und mehr. Die Alldeutschen glauben nun den Beruhigungsprozeß, der ihnen unbequem ist, durch den Hinweis auf die vergangene Kriegsgefahr stören zu können. Das wird ihnen schwerlich gelingen. Das Volk wird vielmehr aus den grausigen Schilderungen von dm englischen und französischen Angriffsplänm die Schlußfolgerung ziehen: Dann scheint doch wirk­lich auf friedlichem Wege nicht mehr zu erreichen ge- toefen fein, und einen Krieg war di e ganze Geschichte nicht wert.

* London, 19. Nov. 1911. Die Zeitung ,Observer' m:cht einige Mitteilungen Über die englisch- deutsche Spannung?deren Quelle sie als über jeden Zweifel erhaben bezeichnet. Der Abgeordnete Faber hatte am Freitag voriger Woche in einer Rede zu Andover davon gesprochen, daß innerhalb des Kabinetts ein Zwiespalt darüber entstanden sei, ob England Frankreich in einem Kriege mit Deutsch­land unterstützen solle, wobei die Minister Lloyd George und Churchill dafür gesprochen hätten, zu Frankreich zu flehen Das genannte Blatt behauptet nun, der Zwiespalt habe nicht über die Unterstützung an sich geherrscht, sondern über den bestimmten Vor­schlag, im Falle der Kriegserklärung 150000 Mann zu Hilfe zu senden, die wahrscheinlich an der belgischen Grenze gekämpft haben würden. Wäre wirklich ein Krieg ausgebrochen, so hätte es über die Frage der militärischen Intervention ernste Differenzen im Kabi­nett gegeben. Der.Observer' widerspricht ferner der Behauptung Fabers, daß die Flotte in der kritischen Zeit -erstreut und nicht znm Kriege vorbereitet ge­wesen sei.

Deutsches Neich.

+ Eine «tue Flott' Vorlage?

Die Gerüchte von der Einbringung einer neuen Flottenvorlage tauchen immer wieder auf. Neuer­dings weiß die,Mi!.-Pol.-Korrefp/ zu melden:

Den vom Flotlenverein und neuerdings während der Besprechung des Marokko-Abkommens auch int Reichstag geäußerten Wünschen nach einer verstärkten FI otten rüftun g steht die Reichsmarineverwaltung jetzt durchaus sympathisch gegenüber. Aller­dings dürste sie das C u -e.i cnimen kaum in der Ein­bringung einer neuen Flo; Einlage bekunden. Man ist in Marinekreisen der Me>..aug, daß sich diese Wünsche auch ohne ein neues Flottengesetz erfüllen lassen, und zwar auf verschiedene Alten. Welchen Weg man wählen wird, darüber sind die Ertoägungen noch im Gange. Es kommt der Marineverwaltung in erster Linie daraus an, bei möglichst großer Effettivwirkung der geplanten Maßregeln das Reichsbudget so wenig wie möglich zu belasten.

Danach soll also die Regierung tatsächlich einer verstärkten Flottenrüstung geneigt fein; ob diese in einer neuen Flottenvorlage ober auf anderem Wege gefordert werden soll, tut ja int Grunde ge­nommen nichts zur Sache. Wir vermögen aber trotz der Bestimmtheit, mit der eine verstärkte Flotten- rüstung in Aussicht gestellt wird, nicht daran zu glauben. Einmal schon deshalb nicht, weil da­durch die eben erst beginnende Gesundung der Reichsfinanzen auf das schwerste er­schüttert werden müßte. An neue Steuern zur Deckung der Mehrausgaben ist aber für absehbare Zeit nicht zu denken. Tann aber zeigt sich auch nicht die mindeste Notwendigkeit einer ver­stärkten Flottenrüstung. Der Reichskanzler selbst hat ausdrücklich erklärt, daß wir gegen jeden Angriff gerüstet seien und die anders lautenden Gerüchte als unrichtig in Abrede gestellt. Daß die Panzer­platten- und Flottenausrüstungssabrikanten die Reichsregierung nur zu gern zu einer Flottenver­mehrung dränge» möchten, glauben wir. Ader das deutsche Volk hat nicht den mtndestenAn- laß, die Geschäfte jener Fadrikanten zu besorgen. Die Kreise, bte für eine Flottenver- mehrung agitieren, mögen sich doch einmal die

verant«. Redakteur: «ar» Schütter

ÄÄ w°ch-nb°il°s-:„?llustrierte Sonntagrzeitung"

von den Sch'.ffahrtsabgaben befreit bleiben soll, damit seine Mißdeutungen oder Mißverständnisse Vorkommen können. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum.)

Abg, Dr. Haußmann (Bolksp.): Aus der Rede de§ Dr. Pfeiffer sprach Der große Unmut über die Wahl­niederlage seiner Partei in Konstanz. (Sehr richtig! sink« Lachen im Ztr.) Der Redner glaubt in gestrigen Ausführungen des bayerischen Regierungsvertreters Linen gewissen Widerspruch zu finDen mit dem Kom- knifsionsbefchluß über bte Tariferhöhung.

Bayr. Bundesratsbevollmächtigter Ritter v. Graß- piann sichert AbgabenfreMit der Flößerei zu.

Abg. Dr. David (Sozi): Schon bas dritte Mal hat bas Zentrum die Konstanzer Wahl in die sachliche

bigen.

Die gruselige Schilderung erinnert an die Ge­schichte von dem Reiter, der über den zugefrorenen Bodensee geritten war. Aber als der Reiter glück­lich darüber auf dem festen Lande war, brauchte er eigentlich nachträglich nicht mehr in Schreckkrämpfe zu fallen. Er war ja gerettet. Und wenn die deutsche Nation im Sommer am Rande eines verborgenen Abgrundes hingewandelt fein sollte, — nun, sie hat jetzt den Mgrund des angeblichen Ueberfallplanes hinter sich und kann im geretteten Frieden aufatmen.

Die Schilderung der Lage in der „Täglichen Rundschau" ist aber offensichtlich übertrieben. Doch setzen wir einmal den Fall, es sei die Kriegslust in England und Fratckreich so groß gewesen, — was hätte dann unsere Regiemng tun sollen?

Hätte sie sich in da? Mauseloch der passiven Zu- rück^rltung verkrochen, so wäre es unferat „natio­nalen" Eiferern erst recht nicht recht gewesen. ,Sie hat nun tatsächlich einen Beweis von SelbstbeOußt- sein und Wagemut gegeben, indem sie den Kreuzer nach Agadir schickte. Das wird ihr nun als blinder Leichtsinn gedeutet! Tatsächlich hat die Entsendung des Kreuzers ihren Zweck orreicht, ohne den Frieden zu brechen. Durch die Demonstration von Agadir ist Frankreich zu ernsthaften Ausgleichsver­handlungen veranlaßt toorben. Diese Wendung der Dinge mag wohl gewissen e n g l t s ch en Politikern unangenehm gewesen sein; man kann Zwischenfälle anführen, die sich so auslegen lassen, als ob Eng­land eine Störung der deutsch-französischen Ver­handlungen erstrebt hätte. Aber schließlich hat die englische Regiemng gute Miene zu dem Spiel ge­macht. WaS mit bet drastischen Demonstration von Agadir begann, ist in einem Ausgletch verlaufen.

Fulda, Montag den 20. November 1911

Futtermittel itnb Getreibe in bte niedrigste Tarisklafse aufzunehmen sind.

E ncn gleichen Antrag befürworte! Abg.Stoll-(Soz.)

Abg. Haußmann (nat.) befürwortet einen Antrag, Nach dem in die Bestimmungen über die Abgaben­freiheit auch bet Fluß Aller einbezogen wird. Er protestiert gegen bte „alles aß überschreitenden An­griffe", die heute gegen feinen Parteigenossen Schmidt- Kon st anz erhoben worden seien.

Ministerialdirektor Dr. Peters: Gegen den Antrag Haußmann ist nichts einzuwenden, dagegen bitte ich, sämtliche übrige Abänderungsanträge abzulehnen.

Nach einigen Ausführungen der Abgg. Günther '(Vp.), Gotheim (Vp.) und David (Soz.) schließt die Diskusion.

Persönlich bemerkt Abg. Schmidt-Konstanz: Sofort, als die Unterstellung, als habe ich gesagt: Ich könnte heute Zentrumsabg. sein, wenn mir von dieser Seite tzin entsprechendes Angebot gemacht worden wäre, be­kannt wurde, habe ich an liberale Blätter Berichtigung leingcfanbt.

In der Abstimmung wird § 8 mit dem Zusahantrag Haußmann beir. die Aller unter Ablehnung aller üb­rigen Zusatzaniräge angenommen.

Zu § 10 wird ein Antrag von Strvmbeck (Ztr.): Hie Bestimmung, wonach die von den Verbänden be­schlossene Taris erst nach Ablauf von 6 Monaten seit ^Verkündigung in Kraft treten sollen, zu streichen, an- genommen.

§ 11 enthält den Beginn der Abgabeerhöhung. Abg. Haußmann (Nl.) beantragt für den Weserverband eine Nenderung des Abgabenbeginns dahin, daß zunächst die Erhöhung des Mittelwassers auf der Aller und Weser tauf mindestens die Hälfte erreicht werden mutz. Der Antrag Hautzmann wird angenommen, und ebenso § ee. , Die Artikel III, VII werden zurückgestellt, die üb. Zeigen Artikel ohne wesentliche Debatte angenommen. MS folgt die zweite Beratung der

♦* Berlin, 20. Nov. 1911. Die leichte Erkältung be$ Kaisers ist jetzt geschwunden.

rti Der provisorische ReichsanSfchuß der deutschen Zeutrrunspartei trat am Samstag unter dem Vorsitz des Abg. Frhr. v. Hertling zu einer mehrstündige» Sitzung zusammen. Zunächst wurden, wie wir erfahren, die Satzungen beS Reichsausschusses end­gültig sestgeflellt. Sodann fand eine eingehende Besprechung über die kommenden Reichstagswahlen statt, wobei eine übereinstimmende Auffassung der grundsätzlichen Fragen zu Tage trat. Der Vorstand des Reichsausschusses wird sich sofort nach de» Hauptwahlen in Berlin versammeln. Die endgültige Konstituierung des Reichsausschuffes wird erst nach den Neuwahlen erfolgen. — Der Vorstand des Landesausschusses bet preußischen Zen­trumspartei trat am Freitag in Berlin unter bem Vorsitz des Abg. Dr. Porsch zu einer Sitzung zusammen. Es wurden in der Hauptsache bie gegenwärtige politische Lage und Organisation;- fragen besprochen. Die Verhandlungen ergaben eine erfreuliche llcbereinftimmung in der Beurteilung aller Fragen.

** Das Verhalten dis Kronprinzen. Eine auf­fallende Mitteilung über die Entstehung bet ersten Preßnotizen über bie Haltung bes Kronprinzen in bet Marokkofrage macht bet berliner Börsen-Kou- tier'. Danach hat eine von amtswegen auf Befehl bes Kaisers vorgenommene Untersuchung ergeben, baß ein Telegramm bes Kronprinzen an seine Brüber, worin et sie zu einer gemeinsamen Aktion gegen bie Marokkopolttik bes Kanzlers auffotberte, burch einen Danziger Telegraphenbeamten, bet bas Telegramm zu expebieren hatte, an bie Oeffentlich- keit gekommen ist. Gegen ben Beamten soll ein Verfahren wegen Bruches bet Amtsverschwiegenheit eingeleitet werben. Der ursprüngliche Verbacht, bie Mitteilungen in bet Presse veranlaßt zu haben, richtete sich gegen mehrere Angehörige bes west­preußischen Hochabels. Verschiebene Herren sind auch befragt worben, konnten aber mit gutem Ge­wissen bie Urheberschaft bet Mitteilungen bestreiten.

** Die Kommission zur Vorberatung der Privat- beamten-Bersicherung trat am Samstag zur Fest­stellung bes Berichtes zusammen. Der vom Abg. Sittart (Ztr.) verfaßte Bericht würbe genehmigt.

(♦) Offiziöse Stimmungsmache. Ueber bie ver­traulichen Verhanblungen bet Bubgetkommifi.on über baS Marokkoabkommen brachte bet häuftg be­nutzte ,Berl. Lokal-Anzeiger' solgenbe Nachricht:

„Wie aus parlamentarische» Kreisen verlautet, haben bie vertraulichen Mitteilungen des Staatssekre­tärs v. Kid etlen-Wächtet in der Budgetkom­mission des Reichstags übet die Haltung der deutschen Regierung gegenüber der erglischen während der deutsch-französischen Verhandlungen auch diejenigen Mitglieder der Budgetkommisston vollkommen zu­friedengestellt, die bis dahin der Meinung ge­wesen waren, daß es unsere Regierung in diesem Falle an der nötigen Festigkeit habe fehlen lassen. Diese Auffassung soll auch in der vertraulichen Aussprache, die sich an die Mitteilungen deS Staatssekretärs an­schloß, mehrfach zum Ausdruck gekommen sein."

Dazu bemerkt die ,Kteuzzeitung': »Wir haben uns bei allen in Betracht kommenden Fraktionen erkundigt und übereinstimmend die Antwort er­halten, daß diese Notiz eine glatte Erfindung sei. Daß es unsere Regierung an der nötige» Festigkeit habe fehlen la ff en, ist ihr nicht vor« geworfen worden, sondern daß sie das deutsche Volk und namentlich auch daS Ausland in dem Glauben gelassen hat, Deutschland habe die eng­lische Einmischung ruhig hingenommen, wodurch das Ansehen Deutschlands in der Welt schwer geschädigt worden sei.

** Eine deutsche Kongo-Expedition. Die .Franks. Ztg.' erfährt aus Köln: Wie ans Koloniatkreisen mitgeteilt wird, beabsichtigen mehrere Kolonialgesell- schäften und interessierte Einzelpersonen bie Ent­sendung einer Expedition nach ben von Frankreich an Deutschlaub abgetretenen Kongogebieten. Es schweben zurzeit Verhandlungen mit Männern ber Wissenschaft und Vertretern des Handels und der Industrie. Man glaubt, baß bie Expcbition bereits in ben ersten Monaten des nächsten Jahres bie Ausreise werbe antreten können.

♦ Ueber den Wert des abgetretenen Kongo hört man aus Frankreich recht interessante Ur ■ eile; eines Derselben stammt von Gabriel Hanotoux, bem früheren Minister bes Auswärtigen. In ber „Revue hebdomabaire" vom 4. November jührte et aus, baß Frankreich zwar Opfer bringen mußte, aber unter allen Umständen die Einheit von Französisch- Kongo und die Freiheit der Verbindungen zwischen seinen Teilen sich hätte sichern müssen. Nun fei trotz aller in letzter Stunde gemachten Ansir.ngungen die Einheit zerstört und die Verbindung abge­schnitten worben. Zulässig seien Konzessionen am unteren Schari, am Lago ne und am Tsch rd gewesen, höchstens noch eine geringe Vergrößerung bei Spanffch- Guinea, dort wo die Rgoko Sangha Teriitoricu liegen. Daß man aber zugclassen habe, daß Deutschland zum mittleren K o ngo, zum Bassin des Sabgha und des Ubanghi vordrang, das fei der Kapitalsehler, der Frankreichs Interessen empfindlich schä d ige und einen unendlichen Widerhall finden werde zum Schade» des französischen Einflusses in Afrika und des afrikanischen Gleichgewichtes. Das Rückgrat des französischen Kongo sei gebrochen und damit auch das Rückgrat des jchwarzen Kontinents, vier Mann und ein Korporal würden genügen, dem teritorialen Zusammenhang und damit den Verbindungen ein Ende zu machen. Von Nord und Süd, von Ost und West, wird unfet ganzer Handel, werden alle

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 18. November 1911.

Die zweite Beratung über das Schiffahrtsabgaben- acsetz wird fortgesetzt.

Abg. Dr. Pfeiffer (Ztr.) bittet die Regierung, zu bestätigen, daß die Flösserei unter allen Umständen ab­gabenfrei ist und tritt für das Gewerbe der Flösserei in Oberfranken ein. Er könne statistisch nachweisen, welche Schäden der Flösserei durch die im Interesse der Handelsschiffahrt getroffenen Veranstaltungen zu- gesügt worden seien. Ich will aber davon absehen. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß es mit solchen Berechnungen eine eigene Sache ist, ich brauche ja nur an bie berühmten

1,57 Mark des Abg. Schmidt-Konstanz zu erinnern. Der Abg. Naumann hat mit dem schönen Optimismus, ber ihn auszeichnet, uns die Sache so er­klären wollen, daß es sich vielleicht nur um die Ver­rückung eines Kommas handele. Nein, nicht das Komma ist verrückt, sondern etwas ganz anderes. «Sehr gut! und große Heiterkeit im Zentrum, Unruhe ,nd Zurufe links.) Es ist immer etwas mißliches mit solchen Berechnungen, es kann leicht pausieren, daß solche Berechnungen als Schwindel, als Lüge ober als -sonst etwas hingestellt werden, wie wir es gestern er­lebt haben. Nun ist ja bet Abg. Schmidt sofort aus­getreten und hat mit großer Entschiedenheit den Bor­wurf der Lüge zutückgewiesen. Ich kann mir das nur so erklären: Entweder er hat eine granitene Stirn — so hart wie die Granilplailen, die in seinem Wahl­kreis gebrochen werden (Heiterkeit im Zentrum, große Unruhe links), oder aber, er hat g ir keine Ahnung, was im Wahlkampfe vorgegangen ift. Vielleicht hat er auch gar keine Ahnung davon, daß er früher mal gesagt hat, er würde heule ZentruinLabge- ordneter sein, wenn ihm das Zentrum ein Mandat eingeräumt haben wurde. (Hört, hört! im Zentrum. Unruhe links.) Also ich säge, er hat wahrscheinlich gar keine Ahnung von diesen Dinge», sonst müßte er wissen, daß die Lüge, die gestern hier festgenagelt worden ist, auch in einer Reihe weiterer nationalliberaler Blätter wiederholl worden ist, und sonst würde er es auch wohl nicht fertiggebracht haben, sich einfach tot zustellen. (Heiterkeit im Ztr.) Vielleicht hat er auch gar keine Zeit gehabt, im Wahlkampfe sich um diese Dinge zu kümmern, denn er hatte soviel mit dem Unter­schreiben von Kompromissen und Zu­geständnissen an die Sozialdemokratie zu tun, daß ihm für andere Dwge wahrscheinlich gar keine Zeit mehr übrig blieb. (Sehr gut! und Heiterkeit im Zentrum, stürmische Unruhe und Rufe: Zur Sachei Zur Sache! links.) Ich verstehe wohl, daß es Ihnen (nach links) unangenehm'ist, aber ich muß das im Rahmen meiner Beweisführung hier anführen. (Sehr gut; im Zentrum, erneutes fortgesetztes Lärmen links.) eie (nach links) kommen nun mal um die Sache nicht herum; hier gibts lein Ableugnen; die Sache geht weiter und wir werden uns gestalten — (Slürmische Unruhe, Zurufe und sortgefitzler Lärm links, Glocke des Präsidenten.)

Präsident Graf Schwerin-Löwitz bittet den Redner, zur eache zu sprechen.

Abg. Dr. Pfeiffer (Ztr.): Herr PräsiSent, ich bin ja schon mitten in der Sache. < Heiterkeit.) Ich habe ja schon gesagt, aus welchem Grunde ich im Rahmen Weiner Argumentation diese Dinge anführen muß. Also, wir werden uns gestatten. Ihnen diese Dinge immer und immer wieder vorzuhalien. Wir werden eine Geschichte erzählen, wie man Abgeordneter wird. (Sehr gut! im Zentrum.) Nur das eine lassen Sie mich jetzt noch sagen: Gelogen war das allerdings nicht, aber es war ein aus Dummheit und aus Niedert rächt zusammen gesetzter Sch windel. (Lebhafter Beifall im Zentrum, große Unruhe, Lärmen und Zurufe links.) Ich schließe, indem ich den baye­rischen BundesratsbevoUmächiigten Dr. Großmann bitte, Vits eine bestimmte Erklärung abzngeben, ob Die Flößerei

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