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2. Blatt

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Wochen-Rundjchau.

[:] Fulda, 17. November 1911.

Auftegende und ereignisreiche Tage liegen hir^ uns Die Marokkodebatten tar Reichstase Braditen den ebenso unerwarteten wie folgensl^n«en Zusammenstoß des Reichskanzlers mit dem Führer der konservativen Partei. Wenn auch schon heute mir Bestimmtheit gesagt werden kann, daß dieses Re- deduell im Reichstage nicht zu einem daunnden Bruch der Konservativen mit der Regierung führen wird, so ist doch noch nicht abzusehen, welche Folgen dieses Ereignis für unsere innere Politik nach sich B' - zn wird. Die Konservativen bemühen sich jeden»

, den verfahrenen Karren wieder auf den recht« Weg zu bringen. Sowohl die Parteipresse, als auch die Führer der Partei selbst bemühen sich in diesem Sinne, und die Tatsache, daß sich die beiden konser» Patinen Parteien bei der Beratung der Marokkover» träge in der Budgetkommission auf ©eiten der Re­gierung gestellt haben, ist ein fernerer Beweis dafür. Bei der Marokkoberatung im Reichstage sind allerlei Legenden aus der Welt geredet worden. So hat vor allen Dingen der Reichskanzler einwandfrei bärge* legt, daß es nicht unsere Absicht >var, uns in Marokko festzusetzen. Gerade auf diese Legende waren die meisten Angriffe, dir von London und Paris gegen uns gerichtet wurden, aufgebaut. Allerdings konnte trotz der Aufklärung, die der Reichskanzler dem Reichstage gab, das Abkommen mit Frankreich bei keiner Partei vollständige Befriedigung auslösen. In der B u d g e t k o m m i s s ion, in der das Abkommen jetzt wester beraten wird, drohte ein neuer Konflikt bei der Rechtsfrage, ob der Reichstag dies« Abkom­men mit Frankreich nachträglich feine Genehmigung irrteilen muß oder nicht- Die Regierung steht auf dem Standpunkt, daß sie eine nachträgliche Jndemni- tat nicht nachzusuchen brauche, und daß eine solche auch schwere Folgen nach sich ziehen müsse. Dagegen ist sie bereit, dem Anträge des Zentrums gemäß das Schutzgebietsgesetz dahin abzuändern, daß zukünfttge Brenzänderungen und Neuerwerbungen an Kolonial­besitz der Genehmigung des Reichstages bedürfen. Die Nationalliberalen bestanden aber auf ihrem An­trag der nachträglichen Genehmigung der Marokko* Abkommen, während das Zentrum und die Konserva­tiven auf Setten der Regierung standen. Die Natio- nalHberalen wurden aber überstimmt und dadurch Än Verfassungskonflikt vermieden.

In Bayern ist infolge eines Konfliktes zweier Minister mit dem Zentrum der Landtag aufgelöst worden. Die Auflösung zeigt klar und deuflick, wie wenig Rücksicht die Zentrumsvartei bei den Regie­rungen findet. Es ist ähnlich wie am 13. Dezember 1906. Man versucht keine „friedliche Verständigung", sondern proklamiert plötzlich den Kampf. Aber die bayerische Regierung dürste die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Das liberal-sozialdemokratische Jubelgeschrei wird die Wähler daran erinnern, wem rin Gefallen getan wurde. Wir möchten das Land sehen, in welchem eine Partei allein die Mehrheit hat, das nicht auch ein Ministerium aus dieser Mehrheit besäße. Aber in Bayern, wo das Zentrum allein die Mehrheit hat, wurde liberal regiert, liberale Minister lenkten die Geschicke des Landes — 'auf das Zentrum braucht keine Rücksicht genommen zu werden. Der Eisenbahmninister Frauendorfer hat tfnc merkwürdige Vorliebe für dm sozialdemokrati­schen Süddeutschen Eisenbahnverband, hört die so­zialdemokratischen Redner aufmerksam an und — geht au? dem Saal, wenn der Zenirumsmann spricht. Als der Ministerpräsident Graf Podewils im Ra­mm der Regierung am 16. November seine Erklä­rung abgab, war noch immer Möglichkeit zur Ver­ständigung, dmn das Zmstum kam in der Sitzung vom 11. November durch eine Erklärung des Abg. Lerno weit entgegen. Aber die Regierung wollte dm Krieg und nahm die Gelegenheit beim Schopfe. Die Bayern werden ihr eine gründliche Antwort geben. Das ahnt selbst das liberale Berl. Tageblatt. Es hofft zwar, „daß der bayerische Liberalismus such bei den Kammerwahlen seine Leistungsfähig kett geigen wird", aber: „Diese Auflösung wird

schwerlich bereit» bet ZmtrmnSherrflhast ix Bayern etx End« machen." Da hat da» Berliner Tageblatt einmal recht.

In Mecklenburg ist wieder eine neue 83er- fassungSvorlage ebigebaxcfct worden, die oben auch nicht viel freiheitlicher ist tote die bisherigen. Man will diesmal an Stelle der Wahle« der Gesamtbevöl­kerung bte Wahlen der Landgemeinden und der städtisch« Bürgerschaften treten lassen.

Der TrtpoltSkvieg zwüschex Italien und der Türket wird immer lang und länger. Allerding- Habe« die Malteser cm den Wasserwerken der Hauptstadt Tripoli» wieder einige kleine Erfolge über die Türken davongetragen. An der Gesamtlage ist dadurch aber kaum etwa» geändert worden, lleberhaupt darf man die keinen Scharmützel, die sich dort abspielen, nicht all ernst zu nehmende 80- tionen der Türket betrachten. Sie find lediglich ein Venttl, bat unbändigen Kampfesmui der au» dein Innern AflikcS täglich zum türkischen Heere ein- treffenben wilden Araberstämme zu zügeln. Dies« wilden Kriegsleute, dte keine geordnete Kriegsfüh- nmg kennen, würden e» nicht verstehen, wenn sie längere Zeit untätig im türkischen Lager liegen müßten. Sie werden durch die kleinen Schlachten nur an eine geordnete HeereSdiszipltn gewöhnt, bi» die Türkei zu ihrs« Haupffchlage gegen die Ita­liener ausholt. Die großen Verluste, die die Ita­liener bei diesem keinen Gefechte haben, sind auf die Geschicklichkeit der Araber zurückzuführen, die wie die Windsbraut auf ihren schnellen Pferden herange- brauft kommen und selbst tat rasendsten Galopp mit unnachahmlicher Treffsicherheit ihren Gegner nieder- knallen. Ans der Aktton der italienischen Flotte im Aegäischen Meer ist bi» jetzt noch nichts geworden. Nach einer unbestätigten Meldung haben die Mächte gegen ein Bombardement der Häfen der europäischen Türkei protestiett.

In China ist noch trnma nicht Har geworden, wer enbgiltig die Oberhand hat, die ^Regierung oder die Rebellen. Vuanschikat, der so etwa» von dem großen chinesischen Staatsmann Liunschang an sich hat, ist in der Hauptstadt de» Lande», in Peking, eingetroffen. Er stellt die letzte Hoffnung der Mand- schu-Dynastie bar- ES wird sich zeigen, ob es seiner Popularität und seiner staatsmännischen Kunst ge­lingt, den wackelnden Thron der Tsing zu stützen.

= Das „widerlegte" Teuerungs- Flugblatt.

Die sozialbemokrattsche Verlegenheit und Verlo­genheit zeigt sich in immer erbärmlicherer Gestalt, je mehr man in ihre dünke» Phrasenfabriken hinein- leuchtet.

Besonder» den sozialdemokrattschen Zollwuchermog­lern läuft bet Schweiß von der Sttrne, wett ihre blutigen Kraftausdrücke immer mehr abprallen an dem gesunden Denkvermögen de» Volkes. Ein schwerer Schlag war für die sozialdemokratischen Kraftmeier insbesondere da» Flugblatt des Volksvereins für das katholisch« Deutschland „SB er ist schuld an b er Ten erung", das al» gebührende Antwort auf die unverantwortliche sozialdemokratische Hetze und Verdrehung zu Mllionen tn5 Land geht. In ohn­mächtiger SBut sucht sich die sozialdemokratische Presse gegen die schweren Anklagen zu verteidigen. Es ist erbärmlich, wa» man darüber z. B. in der „Nieder­rheinischen Arbeiterzeitung" (Nr. 258) lieft Auf die schwere Ankage de» Flugblattes, daß wir bei Be- olgung des sc^ialdemokrattschen freihändlerischen 9te» jepte», bei schutzloser Preisgabe unserer lebensmittel- chaffend« Landwirtschaft, erst recht eine furchtbare Hungersnot hätten, antwortet der anscheinend auf dem Monde geborene Artikdschreiber der „Acheiterzeitung" schlankweg, die Sozialdemokatte wäre gar nicht frei» händlerisch. Für gewöhnliche Sterbliche ist dieser kühne Gedarcketfflug einfach unerreichbar. Für normal denkende Mensche» ist eS eine Selbswerständlichkett, daß eine Partet die in ihrem Programm die Ab­schaffung sämüicher Zölle verttttt, fteihändlettsch ist.

Ebenso kläglich ist die Verteidigung dieses sozial­demokratischen Uebennenschen auf die Vorhaltung de»

Flugblatte», daß die Sozialdemokratie durch ihr über­triebene» Teuerungsgeschrei die Äet nur »er- schlimm art Habs. Erstens ist e» der Sozial­demokratie von den beiden ehemaligen sozialdemokra. tischen Reichstagsabgg. Schippe! und Calwer zum wiederholten Male vorgehalten worden, daß durch bi» seS übertriebene Teuerungsgeschrei dem Großhandel direk in die Tasche gearbeitet würde, der bei dieser Stimmungsmache bequem seine PreiSauffchläge ma­chen konnte. Zweitem» hat die Erfahrung es nachher allen gezeigt, wie maßlo» übertrieben da» f> zialdemokratischr Geschrei war. Die tollste Verdrehung aber leistet sich der unübertreffliche Mann der „Ar­beiterzeitung" mtt folgendem. Er schreibt: „Da be­hauptet der alberne, erbarmungswürdige Mensch, dem dieses Flugblatt zur Last zu legen ist, in seiner Ver­logenheit frei nach der brotwucherischen „Deutschen SageBjettung":

Von diesen (den Zöllen) sagt selbst dir sozialdemo­kratisch» Presse (sozialdemokratische „BolkSstimme", Frankfurt a. M., IS. September 1911): „Die Auf­hebung dieser Zölle — wie erwünscht die» auch sei — würde dennoch nicht di» Landwirtschaft auf gesunden Boden stellen, nicht einmal dte akute Not bedeutend lindern.*

HierM „konstatiert" mm die „Arbetterzettung" fol­gende»: „Mr erflär« zum zweiten Male, daß da» nicht in der Frankfurter „VolkLstinune", sondern in der „Frankfurter Volkszeitung", einem Zentrumsblatt, gestanden hat. UebrigenS ist da» Zitat gefälscht und gegen früher noch einmal gekürzt!" — Bum»!

Demgegenüber erklären wir folgendes:

1. hat das Zttat vorher gar nicht in der „Deutschen Tageszeitung" gestanden!

2. gibt e» in Franffurt gar kein ZentrumSorgan, da» den Titel „Frankfurter Vottszeitung" führt.

8. liegt die betteffende Nummer der sozialde­mokratischen Frankfurter „Volksfiim- m e" vor un», wo schwarz auf weiß zu lesen ficht:

Mtt Recht erwidert ihnen (den Freistnmgen) die „Tageszeitung", daß di« Futtermittel eigentlich meist zollfrei sind. Mit hohem Zoll (3 Mark pro Doppel­zentner) ist bloß der Mais belegt .... Di» Auf­hebung der Zölle — wie erwünscht dieS auch sei — würde dennoch nicht bte Landwirtschaft aus gesunden Boden stellen, nicht einmal die akute Not bedeutend lindern.

Me die „Kürzung" ausflcht, sehen unsere Leser selbst. Da» vollständige Zitat gestattet unfern ßo fern einen Einblick in den „Karen" Denkapparat de» famosen sozialdemokratischen Artckelschreibers. Er hat da so dunkel etwa» gelesen von der „Tageszeitung", und schleunigst fabriziert er daraus, wtt hätten da» sozialdemokratische Zitat „frei nach der brotwuchert» schm „Deutschen Tageszeiinng" gebracht. So sehen die „Widerlegungen" und „Wahrheitsbeweise" der sozialdemokratischen Presse auS.

Schließlich kommt der Mustervertreter sozialdemo­kratischer „Wahrheitsliebe" noch mit dem Vorwurf:

In den ganzen acht Spalten des Flugblattes findet sich nicht ein einziger Hinweis darauf, waS geschehen könnte, um dir Notlage der Arbeiterschaft zu vermin­dern. Dazu hat man in M.-Gladbach weder Zett noch Raum ... ES ist einfach erschreckend für den geisteS» zustand in der M.-Gladbacher Fabrik, den Arbeitern im gegenwärtigen Augenblicke zu sagen: ES ist ja gar nicht wahr, daß ihr Not leidet, es gibt keine Teuerung, e» ist alles gut und schön bestellt in diesrr gottgewollten Gesellschaft.

Darauf sei dm sozialdernokratischm „Landsknech- ten der Feder" nur kurz das Folgende erwidert:!

Ersten - ist in dem ganzen Flugblatt ausschließ­lich bie Rede von der Neuerung, Me bedauerlicher­weise durch die unglücklichm WitterungSverhältniffe und Naturereignisse in dleimt Jahre herbeigeführt toorben ist.

Zweitens finden sich auf Sette 4 de» Flug­blattes al» sicherste Mittel gegen di e Teue­rung angegeben: Erhaltung unsere» heimischen Ackerbaues, Erhaltung unserer heimischen Viehzucht, Steigerung der deutschen landwirtschaftlichen Produk­tion, zweckentsprechende Vermittlung der Lebensmi^ tel an bie Verbraucher, in außerordentlichen Notzei­ten auch außerordentliche Maßnahmen de» Staate» und der Gemeinden.

Dritten» teer der Zweck de» Flugblattes der, in erster Linie Stefane zu nehm« gegen bte ftrupei» lefe doll»vergiftenbe Verhetzung der So,tut» bemeftetie. Da» war vor efiea im Interne be# Bettes und gut Verhütung einer weiteren Beo- schtimmerung bringen» geboten. Duneben Hal es der VollSveretn für da» katholische Deutschland niemaU versäumt, für bte Sicherung der Let^nsmittelversov> gung be» deutschen Botte» ernstüch zu sorgen. zahlreichen Schriften be» Bolttvereta» ist die- bisher nachdrücklich geschehen. Dte Soziaidemokratie ade» hat bisher auch nicht bat allergeringste hierin geleistet sie Hst im Gegenteil biefe Sicherung bet Lebensmit­telversorgung bisher immer auf ba» allerschwerste g e- hinbertunb gefährdet Ihre einzige „Arbeit" bestand ta bet Verhetzung.

Deutsches Reich.

An der Ostmark wird e» immer schöner. Nach dem »Westpr. Volksblattt hiett tiefer Tage in Berent in einer Versammlung deS Ostmarken« verein» Oberft a. D. Schreiber einen Vortrag über bie trüb« Lage be» Deutschtums in der Ostmark. So klagte et über bie deutschen Gutsbesitzer, baß st, immer noch friedlich mit ihren polnischen Gutsnach« barn verkehren; über die Arbeitgeber, die immer noch mit polnischen Arbeitern zufrieden seien; über die Kaufleute, die stch nut nach ihrer Kundschaft richteten, und schließlich über die Beamten, bie ein Verbleiben im Ostmarkenverein infolge der letzten Geschchniss« (opposttionelle Stellung des Vereins zur Regierung) nicht mehr für „geheuer" hielten. Man müffe nur, meinte der Redner, dte Ost mark en» zulag« den Beamten für ein Vierteljahr entziehen, und da würde man sehen, rote sie wieder dem Ostmarkenverein zulanfen möchten. Alfs ein neue» zugkräftiges Mitttl zur Erziehung zum Patriotismus auf — Mark und Pfennig! — Im Brieflasten der „Ostmark", dem Leiborgan der Hakatist«, konnte ein Unwissender, ba sich darüber gar nickst im klaren war, wozu eigeuttich bte Ost» markenznlage gewährt werd«, folgendes lesen:

„GS ist selbstvertzäudlich ein Zeichen starker Pflicht» Vergessenheit, wenn Beamte, welch« Oftmarkenzulage bezreheu, ihr Gehatt zum größten Teil zu polnischen GefchäftÄenteu tragen. Zu diesem Zwecke werde« di« Ostmarten,»lagen ganz sicher nicht gewährt. ES roärt gewiß am Platze, wenn di» maßgebenden Behörd« auch für dies« Ding» «in wachsame» Auge hätten.*

Ais»: ei muß jedem Bezieher der Ostmarke«« zulage ein Aufpasser gestellt werdens Und vor jede» Labenlokal eines Katholiten — bte gelten bekannt­lich den Polen gleich — muß ein Doppelposten ge» stellt werden.

* Die Toleranz in Jena. Der Wirt des Verkehrs- Lokale» der katholischen Studenten»Verbindung „Sugambria" hat auf Verlangen von Dreiviertä seiner Gäste bie anläßlich der Antritts - Kneipe der „Sugambria" ausgehängte Fahne emziehen müssen, nachdem schon vorher der Universitäts-Richter diese« al« Herausforderung bezeichnet und ein gleiches ver­langt hatte. Dazu schreibt die ^kvln. Volksztg/r „Und da wagt man noch von „akademischer Frei« heft" |n sprechen!" — Wenn e» den Universitäten und sonstigen Hochschulen mit diesem Worte, da» ihre Vertreter immer im Munde führen, wirklich ernst wäre, müßten fie einstimmig gegen einen solchen Eingriff in bte sogen, akademische Freiheit protestieren. Aber fie schnaufen nicht!

Ausland.

r Zn der Msfischen Reichkdema erklärte der Ministerpräsident, daß gut Hilfeleistung für die von der Mißernte betroffene Bevölkerung 884 Millionen Mark erforderlich sind.

1 Die katholischen Privatschulen in Westkauadn. Wte aus Regina in der kanadischen Provinz SaS» katschewax berichtet wttd, versammetten sich dort bte Vertreter deutscher, in den kanadssche« Westen eingewanderter Katholiken, um im Name«

Unpolitische Zeitläuse.

N. Berlin, 16. November 1911.

(Nachdruck verboten.)

„Wenn Sie meinen Puls fühlen wollen, so werben Sie auch jetzt nicht mehr als 60 Schläge finden". So sagte s. Zt. Windthorst auf der Reichstagsrri- büne, als ein Nationalliberaler ihm zugerufen hatte, ;er falle sich nicht so aufregen. Die Sache war wirklich auflegend, da es sich um ein bösartiges Ausnahme­gesetz im alten Kultuickampfe handelte, und die keine Exzellenz hatte mit besonderem Ernst und Nachdruck gesprochen. Aber fieberhaft war er doch nicht ge­worben. Das Feuer glühte in seinem Innern, doch unter der Kontrolle eines unbestechlichen Verstandes und eines zielbewußien Willens. Die Wärme über­setzte sich in eine geregelte Triebkraft, aber nicht in „Flammen, die über den Kopf zusammenschlagen", oder gar eine Explosion.

An die kuge Selbstbeherrschung im heißesten Streit wurde ich erinnert, als vorige Woche im Reichstage bei Gelegenheit der Marokkoverhcmdlungen die Gei­ster aufeinander platzten und leidenschaftliche Worte hin- und hcrflogen. „Ach, das war aber interessant", sagen die Zuschauer, die das Parlament als Theater betrachten. Wenn ba im trockenen Tone sachliche Gründe für und sachliche Gründe gegen eine Vorlage aufgeführt werden, so kommt diese höchst nützliche Ar­beit den Tribünengästen langweilig vor. Aber wenn der streitbare Junker von Oldenburg-Januschau un­ter dem Gebrüll der Linken einen Leutnant mit zehn Mann den Reichstag aufheben läßt, oder wenn der sonst so bedächtige Reichskanzler wie ein Indianer sich auf den Skalp des Herrn von Heydebrand stürzt, dann genießt man ringsumher mit glänzenden Au- gch: uftd offenem Munde den aufregende»! Anblick per Aufregung.

Muß das sein? Dürfen Minister oder Volksver­treter sich vor der Oeffentlichkeit in den Hemdsärmeln der Leidenschaft zeigen? Besser wäre e», sie täten kS nicht; aber es sind Menschen, und man muß ihnen das Menschliche zugute halten. Der Gleichmut läßt sich leichter im stillen Kämmerlein bewahren als ix fcfater bebajjfierenben Versammlung. Die Verhandlun­gen zerren an den Nerven; es ist, als ob in dem Saale bie Bazillen der Auflegung umherflögen und eingeatmet werden müßten- Ein ansteckendes Fie-

ber graffttrt dort. Nicht jeder ist so immun gegen bte Auflegungskeime, tote ber alte Windthorst. llnb auch er hat gelegentlich mal etwa» von seinen Nerven mer­ken lassen. Ich erinnere mich j. B., daß Windthorst sehr ärgerlich wurde, als der verstorbene Abg. Dan Kardorff ihm vorhielt, daß er als Hannoveraner über ben preußischen Geist nicht recht ntitreben könne Auf diese Anzapfung ließ sich Windthorst zu einem groben Wort gegen ben groben Angreifer hinreißen. Aber der unangenehme Zwischenfall fand einen er­baulichen Abschluß, indem die beiden Herren in ber nächsten Sitzung versöhnliche Erklärungen austausch­ten. So kam wieder der alte Grundsatz zur ®d- hing, ben niemand wirksamer als Windthorst bertre- ten hat: daß man bei aller Meinungsverschiedenhett die persönliche Höflichkeit wahren und nach Möglich- kett sogar einen freundlichen Verkehr aufrecht erhalten müsse. Jedenfalls ist ein Teil der großen parlamen­tarischen Ersöffe, die Windthorst errungen hat, dar­auf zurückzuführen, daß er sich nicht zu periönlicken Ausfällen hinreißen ließ, sondern auch in ben grim­migsten Kampfzeiten mit den einflußreichen Leuten des andern Lagers in Fühlung blieb.

Das herrlfihe Beispiel der überlegenen Ruhe und klugen Selbstbeherrschung gab Windthorst in Jener unverg,Sßlichen Landtagssitzung von 1872, als ber gewaltige Bismarck fast ettie Stunde lang eine in­grimmige Angrifftrede gegen bie Perle von Meppen gehalten hatte, die mit Verdächtigungen wegen sei­nes Welflntum» und sonstigen Liebenswürdigkeiten gespickt war. Die keine Erzelleng konnte nach der Geschäftsordnung auf diese unerhörte Attacke nur in eher persönlichen Bemerkung antworten, aber bet damalige Präsident von Forckenbeck war gerecht ge­nug, um ihm eine ausgedehnte persönliche Bemerkung zu gestatten. Da war e» mm wirklich bewundemng»- toert, mtt welcher Umsicht und Gewandtheit Windt­horst dte entscheidenden Punkte in einigen Sätzen voll Klarheit und Durchschlagskraft zusammemdrängte und fie mit einer impomerenden Ruhe und Sicherheit vor­trug. Jeder Satz war wie ein treffsicherer Stein au» der Schleuß« de» keine» David. Goliath zog den kürzeren, well sein Gegner fich nicht aus der Ruhe bringen Keß.

Ruh- ist dte erste Bürgerpflicht, sagt ein alter Spruch, ben mag in spöttisch« Weise au» dem Auf­ruf be» Berliner Kvmmqntxmten nach der Unglücks-

schlacht von Jena aufgepickt hat. Der Rat ist aber ganz gut; denn in schlimmen Tagen ist bte Fassung, die ruhige Ueberlegung von größtem Wert. Ruhe ist auch dte erste Weisheitspflicht, wenn man in einen Wortkampf ober sonst in einen Streit gerät Und ba» gilt nicht bloß für Minister und Abgeordnete, für Redner und Zeitungsschreiber, sondern auch für die gsvöhnlichm Menschenknder. (St pflegt sich nämlich ganz allgemein eine nervöse Erregung bemerkbar zu machen, wenn eine Meinungsverschiedenheit zum AuS- trag kommt Am Stammtisch in ben Wirtshäusern gedeihr dieser Fieberbazillus beinahe ebensogut, wie im Parlament W« sogar am Familientisch stellt er fich manchmal ein. Ei gibt leider Eheleute, bie bei der Debatte über irgendeine häusliche Frage alsbald in Hitze geraten. — „Ein Wort gibt das andere", heißt es in dem Sprichwort, und damtt wird die Ent­wicklung de» Fiebers Kar gekemizeichnet. Jeder will recht behalten, koste es, was eS wolle. Den Wider­spruch empfindet er wte eine Kränkung, als ob einer an seiner Klugheit zweifeln und seine Meinung miß­achten wolle. In der Hitze be» Gefechtes entfährt einem Teil ein übertriebener Ausdruck oder ein schar­fes Wrot- Der andere Tell könnte ganz gut wissen, wie das gemeint ist, aber in seiner Verbissenheit hakt er hinter das Wort, um eS aufs äußerste auszupres­sen. Der Gegner greift nun seinerseits auch ein Wort auf, über das er fich entrüsten kann, und so arbetien sich dte Streiter immer mehr in Mißverständnisse und Entrüstungen hinein. Zu einer Klärung der Frage und zur Berichtigung der Ansichten kann eS bei dem aufgeregten Disput nicht kommen. Die vernünftig« Gedanken ersticken bei dem hitzigen Zanken.

Me das fo üblich ist, schiebt d« eine bte Schuld auf ben andern. „Wie kann ich ruhig und sachlich bleiben, wenn man mir mit solchen unsinnigen und verletzenden Behauptungen kommt?" Ja, wenn du nicht ruhig bleiben kannst, so höre auf! Erkäre kurz und bündig, daß bei dieser Tonart kein Nutz« zu «- toarten sei, und wenn der andere den Schluß ber De­batte nicht machen will, so steh' auf und verordne dte selbst einen beruhigenden Luftwechsel. Dabei brauchst du aber nid>t dte gekränkte Leberwurst ober bie über­legene Großmut zu spielen, fonbern kannst in aller Ar­tigkeit und Bescheidmhrit dich zurückziehen.

Der Hitzkopf behauptet gewöhnlich und glaubt e» auch meistens selbst, daß er bet fehlen heftigen

Wortkämpfen nur für die Wahrheit und das Recht, für bte gute Sache zu Felde ziehe. Wenn man ftete lsth den Grund der erregten Seele geht, fo sine bet man häufig eine große Portion Eitelkeit und Eigensinn. Wer tvirkich nur dte gute Sache im äuge hat ohne auf seine eigene Person Rücksicht zu nehmen, der wird nicht so leicht ta Hitze und Selben- föaft geraten. Er wird sachlich bleiben, well er fich bewußt A daß nur auf diesem Wege ber guten Sach« Vorschub geleistet werden kann, nicht ab« durch Uebertreihmgen und persönliche Ausfälle.

Einige meinen, durch aufgeregte» Wesen könnte« sie ben Eindruck der Kraft und lieb erleg enhett er­wecken. Das ist ein arger Irrtum. Die Nervosität wirk al» Zeichen d« Schwäche- I» stärker und siche­rer fich einer fü$It, desto eher wird er die Ruhe be­wahre«, auch wenn auf der Gegenseite bie Hitze auS- bricht.

E» ist nun einmal das Schicksal dies« Erden- weit daß bte Menschen verschiedene Ansichten und verschiedene Willensrichtungen haben. So viel Köpfe, so viel Sinne. Und wenn ein Erzengel vom Himmel käme, so würde er nicht alle Meinungen unter ein« Hut bringen können. Du und ich können es mit un­ser« schwachen Kräften erst recht nicht Damm wol­len wir unS auch nicht gleich entsetzen, wenn jemand eine andere Uebergeugung ober Willensmeinuug hat, aö wir. Bei guter Gelegenheit können wir ihm un­sere Ansicht und beten Gründe vorführen; unter Un* ständen ist es sogar unsere Pflicht. Aber es muß immer ta Ruhe geschehen, in freundlicher Aussprache bei der flwohl bte Klugheit als Me Liebe' obenauf bleiben.

Eta treffliche» Ätttd zur Besänftigung der strei­tenden Gemüter ist der Humor. Wohl dem, ber etwa» Von dieser HimmckSgabe besitzt Er vermag Oel auf bte wilden Wogen zu gießen. In dieser Hinsicht war bekannÜtch der unvergeßliche Windthorst wunderbar begabt Seine Meisterschaft ist schwerlich zu errd- chm; aber wer Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hat der tarn doch häufig in feinem Kresse einen Ver­such nmchen, durch etwas gute Saune das Behage« und be» Frieden wiederherzustellen, wenn bie Seut» ta chux grimmigen Disput zu geraten drnhen,