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M 264.

Semitag 18. November 19U

88. Jahrgang.

• fuldaer W Zeitung

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M 3. Blatt.

und Verlag der Mdaer SitlendruSerel io Suiötu

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-8. Fuldifche Lehen in Nassau.

Im Gebiete des ehemaligen Herzogtums Nassau tvars wo der erste Römer, den Rhein überschreitend, deutschen Boden betrat (54 v. Chr. Julius Caesar). Bon da an faßten die Römer allmählich in Germa­nien festen Fuß, um sich das Land zum großen Teile ju unterwerfen.

Die Römer wurden vertrieben, doch hatten sie die Brivohner Deutschlands mit ihrer Kultur bekannt gemacht, und Nassau war es gerade, das in allererster Linde zum Träger und AuSbreiter römischer Kultur in Germanien werden sollte. Die Völkerstämme ver­wehten Sigambrer, Matti aker, Ällemannen und Fran­ken hatten sich wechselseitig bekämpft, bis Chlodwig bei Tolbiakum die Vorherrschaft der Franken endgül­tig befestigte. Den Merowingern folgten die Karo­linger und mit Pipin und Karl beginnt das Christen­tum in Germanien sich eigentlich auszubreiten. (Bo­nifatius. Bekehrung der Sachsen-)

Hinlänglich bekannt sind ja Karls des Großen Verdienste um die Ausbreitung des Christentums. Wohl wissend, daß reiche Schenkungen an die Kirch« die beste Unterstützung in der Verbreitung des christ­lichen Glaubens und gleichermaßen die beste Förde­rung der Religiosität des Volkes seien, ging er hierin mit glänzendem Beispiele voran) Ihrem großen Kaiser folgten gar viele edle Franken. Bekannt ist ebenso, daß Karl der Große seinem Reiche die Gau­verfassung gab, welche für die geschichtliche Entwick­lung des späteren Zustandes der einzelnen deutschen Volksstämme die Hauptgrundlage bildete und auch heute noch von größter Bedeutung ist. (Rheingau, Maingau, Werter au, Niddagau usw.) Ganz beson­ders reich waren die Schenkungen der Karolinger und ihrer Nachfolger an die Kirche im Gebiete des ehemaligen Herzogtums Nassau.

In die Zelt der Karolinger fällt auch die Grün­dung der Abtei Fulda, und reichlich fließen ihr da­bei Schenkungen zu. Im Nachfolgenden sollen die wichtigsten dieser Abtei seit ihrer Gründung zugewie­senen Schenkungen innerhalb des Gebietes des ehe- maligen Herzogtums Nassau und zwar unter Be­rücksichtigung der alten Gau-Einteilung hervorge­hoben werden.

Im Süden Nassaus, der Kunigeshundrate, schenkt Erzbischof Hatto von Mainz 910 all sein Eigentum in der Wiccrino Mark (dem heutigen Wicker) der Ab­tei Fuld- Ludwig der Fromme schenkt die königliche Villa Massenheim 820 an Fuld. Die Abtei ver­tauscht 909 den Orr an Hatto von Mainz, kommt aber schon 910 wieder von diesem durch Schenkung in ihren Besitz zurück. Auch die Vogtei über den Ort, welchen bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts Heinrich Vitztum von Mainz hatte, kommt zu dieser Zett an Fulda. 1345 und 1451 wurden die von Evpcnstein von Fulda mit der Vogtei über Massen­heim belehnt. 1501 vergab die Abtei das Lehen an Hessen. Ebonso trugm hiwrselbst eint Fuldtsches Lehen die von Wertheim, das 1424 an die von Scharssnstein und 1447 an die von Buseck überging. Gleichfalls war ein Leben, das Kraft v. Sinders- bach besessen, 1435 an die von Reiffenberg überge- ganaen- Die Pfarrkirche in Massenheim verdankt Fulda ihre Entstehung und wurde 909 gebaut.

Salzquelle 817 an Kaiser Lutnvtg vertauschte.

In der Mark ©oben kommen schon 773 zwei Salzquellen an Fuld. Bereits in sehr früher, nicht mehr genau zu bestimmender Zeit kamen in Kruft btto, Crufdelo (Cristel) viele Güter und Leibeigen« mit der Kirche als Geschenk an Fuld.

Im Laufe der Zett gingen fast alle diese Lehen und Besitzungen Fuldas teils durch Kauf, Tausch oder Gewalt bi anderen Besitz über, bis zuletzt zu­folge des sog. RetchSdeputationshauptschluffes im Jahre 1802 mit dem alten Hochstifte selbst auch die letzte fuldaische Besitzung im Nafsauerlande, Jrchan- nisbng, als Entschädigung für seine an Frankreich abgetretenen holländischen Besitzungen dem Prinzen von Oratnien, Fürsten von Nassau-Diez zugesprochen wurden.

Unsere neuen Landsleute

Von W. Roß-Hamburg.

Rund 300 000 Quadratkilometer beträgt der Ge­bietszuwachs, der als „KompSnsationsobjritt für den Verzicht auf Marokko uns zugefallen ist. Wie groß die Anzahl der Bewohner ist, vermögen wir nur schätzungsweise festzustellen. Bei einer Geffamtein- wohnerzahl des g/mzsn Congo-fomwais von -etwa Sy2 Millionen dürfte daS abgetretene Gebiet aller- höchstens ebne Million zählen: die Bevöflerungsdich- ttgkeit ist also selbst für afrikanische Verhältnisse nicht gerade groß. Am dichtesten bevölkert ist das im nörd­lichen Winkel bei Garua, zwischen dm Flüssen So- gone und Benue gelegene Gebiet. Es sitzen hier die Mudang, ein kräftiger und räuberischer Stamm, aus dem aber bei zweckmäßiger Behandlung etwas Tüch­tiges zu machen wäre. Es ist der einzige Sudan­stamm, der eS vermocht hat, den mohammedanischen Fulbe erfolgreichen Widerstand zu leisten, indem er eine eigene Reiterei geschaffen hat. Allerdings hat der Islam auch hier an Boden gewonnen. Von den Mu­dau gfürsten sind bereits einige zum mohammedanischen Glauben übergetreten und umgeben sich, um hinter ihren Fulbekollegen nicht zurückzustehen, mit einem ähnlichen Hofstaat, wie diese.

Die Hauptorte der Mudang sind Sere und Lame, beides durch Wall und Graben befestigte Städte mit mehreren Taufend Einwohnern. Ueberhaupt find fast alle Ortschaften befestigt, selbst hie einzelnen Gehöfte sind so gebaut, daß sie nachhaltig verteidigt werden können.

Die Hauptbeschäftigung dieses Völkerstammes ist Ackerbau und Viehzucht. Angebaut werden neben Hirse MaiS, Bohnen und Erdnüsse, teilweise auch Baumwolle. An Vieh werden Ziegen und Schafe geholten, seltener Rinder. Von den Handwerken sind Töpferei, Flecht- und Schnitzarbeiten sowie die Schmiedekucht zu nennen. Besonders werden Schwer­ter und Pfeil- und Lanzenspitzän hergestellt. Da? nötige Eisen wird durch Schmelzen von Eisenerz in tönernen Schmelzöfen, die mit Holzkohlen durch Bla­sebälge in Glut versetzt werden, gewonnen.

Die Religion der Mudang scheint ein Mondkultus zu sein. Bei jedem Reuerscheinen des nächtlichen Gestirns schlachtet man im Dorfe ein Tier, um sich den Mond günstig zu stimmen. Fetische und Götzen­bilder sind hier unbekannt.

Die Kleidung besteht im allgemeinen in einem Baumwoll- ober Ledertuch, das von einem Leder­gürtel hinten und vorne herabhängt und oft mit Fran­sen verziert ist. Doch macht sich auch in der Tracht mohammedanischer Einfluß immer mehr bemerkbar, und wer die Mittel hat. schafft sich eine Tobe an.

Zn Gysanheim, Gisinheim (Geisenheim) im Rheingau schenken im Jahre 783 Graf Manio und fein Bruder Mcgingoz Guter an Fulda, ebenso wird die Abtei 734 von der Gräfin Kunihild durch Schen­kungen bedacht

Im Rheinqau erwarb 1716 die Abtei Fulda vom Erzbistum Mainz Kloster Johannisberg. Anstelle des alten Klosters erbaute hier, an seiner Lieblings­residenz. der Fuldaische Fürstabt Adalbert II., aus dem nassauischen Geschlechte der von Waldecdorff, das heute noch siebende Schloß. (Seit 1815 im Be­sitze des Fürsten Metternich.)

Der größte der nassauischen Gauen der Nieder­lohngau (Pagus Logenche) erstreckte sich über das Gebiet des mittleren und unteren Lahntales mit Wetzlar, Weilburg, Limburg und Dietz. Eine ge­wisse Watt rat schenkt hier int Jahre 821 einen Bifang am Ufer der Wilinu (Weil) in der Mark der Dör­fer Stettin und Feldum, letzteres das jetzige Weil- münJter (Wilmonstere), ersteres das heutige Rohn­stadt. In Wilmonstere gründete Fuld eine Kirche. Der erste Pfarrer, der hier vorkommt, ist Gernand 1217.

Auch in dec Wetterau (Wetereibe, Wedereiba) war Fulda begütert. In der Mark Richolfesheim (Reichelsheim) trugen die v. Stockheim schon 1398 zwei Höfe zu Lehen, die 1589 an die v. Adelibs, Hatffteiu und Carbein kamen und sich 1671 und 1701 bei den v. Rotenhan und Edelkirchen wiederfinden. — Zu Dornassenheim (früher Massenheim) trugen die v. Cleen die eine Hälfte des Kirchdorfs seit 1396 von Fuld zu Lehen, die andere von Worms.

Reiche und ansehnliche Besitzungen besaß die alte Fürstabtei im Niddagau. Bereits 813 und 890 kommen in der Mark Fisgibah, Fisgobah (Fisch­bach) Schenkungen an Fuld vor. In der Mark Nie- der-Hekistat (Nieder-Höchstadt) wendet Graf Hecfl Mischen 1048 und 1058 Fulda eine Schenkung zu. Ebenfalls geben zwischen 792 bis 822 Schenkungen zu Botmaresheim (Bommersheim) an Fuld über. In der Mark Caltebach (Kahlbach) schenkte Wal­pracht eine Hube und den Acker, auf welchem ein Brunnen als dauerndes Zeichen quillt, daß die Leiche des Märtyrers Bonifatius zu der 3eit, als fie im Triumphe von Mainz nach Fuld gebracht wurde, die erste Nacht über da gestanden hatte. Ne­ben diesem Bonifatiusbrunnen wurde die Kirche ge­baut, und auf die angeführte Nachricht ist es zu be­ziehen, wenn eine Urkunde von 1334 von derselben sagt: „da saut Bonifacius inne rastet." Sie war fätbem Pfarrkirche des Kirchspiels. Den Frohnhof zu Caltebach trugen die v. Eppenstein von Fuld zu i Lehen. Als Fuldaisches Lehen besaßen Hierselbst : auch die Brendel v. Homberg einen Teil des Zehn- ' tens schon 1426.

Südlich von den Mudang zwischen dem Dume und dem Mamberre wohnen die Saia, ein volkreicher Stamm, der in viele Unterabteilungen zerfällt. Die Saia fbtb, wie viele Sudanvölker, Kannibalen. Rach Ansicht des französischen Forschers Senfant töten sie die Menschen, um, wie ihm ein Schwarzer erzählte, sich dm „schlechten Geschmack" aus dem Munde zu vertreiben, d. h. um gesalzene Nahrung zu gewinnen. Durch die Tsetsefliege wird in diesem Gebiete die Viehzucht unmöglich gemacht und Fleischnahrung ist daher selten. Kannibalismus ist die Folge. Das Fleisch des Europäers wird dem Fleische des Schwar­zen vorgezogen, well „es salziger fei, also besser schmecke".

Die Bala sind große, muskulöse Leute mit platten Nasen und dicken Lippen. Die Hautfarbe ist schwarz bis kupferrot. Eine geregelte Tätigkeit kennen fie nicht. Soweit sie nicht im Dienst der großen europäischen Gesellschaften stehen, huldigen sie, wenn nicht ge­rade Fehde mit den Nachbarstämmen angefagt ist, dem süßen Nichtstun. Die einzige Beschäftigung, zu der sie sich allenfalls verstehen, ist die 6il enfaIrritation und Schmiedekunst. Die Hütten sind halbkugelförmig; das Dach geht bis zur Erde herab. Die Oberhäupt­linge wohnen in mit Wall, Graben und Pallisaden befestigten Ortschaften.

Eigenartig ist die Erziehung der Knaben. Schon frühzeitig werden sie, zu Gruppen vereinigt, Lehrern unterstellt, die mit ihnen im Busch leben und sich selbst ernähren müssen. Hier lernen fie Jage», Fi­schen, die Tiere be3 Waldes überlisten, bcn Gefahren der Natur trotzen und werden dadurch mutig und ge­wandt. Die Ausbildungszeit dauert mehrere Jahre und schließt mit einer Probe der Unerschrockenheit ab. Zu diesem Zweck wird von den Dorfbewohnern zwischen dem Dorfplatz und dem nahen Bache ein Gang aus Laub errichtet, der verschiedene Hinder­nisse bietet und zu einem nicht sichtbaren Wasserlache uhrt- In dieses Loch werden hie Jünglinge kopf­über hineingestoßen und eine Zeitlang unter Wasser gehalten. Nachdem man sie herausgezogen hat, wird ihnen von dem Lehrer ein flacher Speerschnitt in bcn Leib beigebracht, der später so behandelt wird, daß die Wundränder sich nur schwer schließen und eine deutlich sichtbare Narbe bleibt. Nun stellt der Lehrer ihnen in einer Ansprache das Zeugnis aus, daß fie die Probe bestanden haben und in die Gemeinschaft der Männer ausgenommen find. Em großes Tanz­est beschließt die Feier.

Politisch zerfallen die Saia in einige größere Stämme, an deren Spitze ein Oberhäuptling steht. Die Hauptorte des Volkes find Kunde und Monde, von denen der erstere ein wichtiger Handelsplatz ist.

Der Gebietszuwachs an der Südgrenze von Ka­merun umfaßt eine Anzahl von Stämmen der Fang,

In Wizeukirchen (Weißkirchen) besaß Fuld 2 iLüben Landes, welches die v- Eppenstein zu Lehm trugen. Etzelo, Bruder des Grafen Lutfcids schenkte tot Stettn und Horrheim (Harheim) 22 Huben mit Mebäuden, Wiesen und Manicipien an Fuld, welche . dieses zu 39 Bauernhöfen vermehrt und mit einer

wie fie auch im bisherigen Süden der Krionie anzu­treffen waren. Auch dec Stamm der Jaunde, der uns soviel Mühe gemacht hat, gehört hierzu. Die Fang fitzen erst verhältnismäßig kurze Zeit an ihrer jetzi­gen Stelle und stammen wahrscheinlich aus dem Kon. gobecken. Ihrem wettere« Borbringen nach dem Nor­

den stellten sich die mohammedanischen Fulbe ent­gegen, vor denen sie sich in die Wälder zurückziehen mußten.

Die Fang nähren sich hauptsächlich von der Jagd und dem Handel- ES wird zwar etwas Ackerbau ge­trieben, namentlich der Anbau der Oelpalme gepflegt, aber das ist Sache der Frauen. Die Stämme find durchweg alle kriegerisch veranlagt und frönen dem Karmibriismus sehr. Als Waffen werden alte Feuer­steinflinten und Buschmesser geführt, vereinzelt sieht man auch noch Speere und Büffelschilde. Die Be­kleidung besteht aus einem Rinden- ober Bastschurz ober auch aus einem Stück Stoff um die Hüsten her­um. Als Schmuck bienen Eiftn- und Meffingringe an den Armen und Beinen.

Die zwei Meter hohen Giebeldachhäuser, deren Wände aus Rinden und deren Dächer aus Matten gebaut sind, bilden im Urwald lange Straßendörfer, indem die Häuser der Verheirateten und Frauen in zwei Reihen nebeneinander gebaut find, während im rechten Winkel dazu mitten in der Straße die Häu­ser der unverheirateten Männer stehen. Einen poli­tischen Zusammenhang haben die Fang nicht; die politische Einheit ist das Dorf, die Dorshäuptlings­macht reicht selten darüber hinaus. Die Häuptlings­würde ist erblich und geht auf den ältesten Sohn über.

Die Fetischpriester haben großen Einfluß. Es wird viel Naturkult getrieben, Lurch den die Fang vor allem die Sonne und den Mond, aber auch Tiere feiern. In diesen Tier- und Naturerscheinungen re­präsentiert sich nun ein gutes und ein böses Prinzip, und da das Gute, well eS eben nur gut sein kann, einer Verehrung kaum bedarf, so erstreckt sich bei man­chen Stämmen aller Kult nur auf das böse Prinzip. Daneben glauben die Fang alle an einen Schöpfer, Nsambe, zu dem die Seelen dec Verstorbenen nach einem Zwischenaufenthalt in der Unterwelt zurück­kehren, aber nicht zu einem ewigen, sondern zu einem zweiten zeitlichen, wenn auch schöneren und längeren Leben.

= Erdbebenrneffung.

Daß der Boden, auf dem wir leben, auf dem wir unsere Häuser bauen — der Boden, den wir so oft zuversichtlich und fast liebevoll als terra firma, als Festland, bezeichnen — wahrlich nicht festes Land ist, haben die Erschütterungen in der Nacht zum Freitag, die seltsamer Weise auch unser im Herzen des Kontinents gelegene Gegend heimgesucht haben, wieder gezeigt. Und nicht nur das: Dieser Boden ist fast ebenso ruhelos wie der Ozean, dessen Wellen ihn bespülen. Unsere Bauten wanken und schwanken wie die Masten eines Schiffes auf dem Meere; wir sehen es nur nicht mit unseren groben Sinnen. Ge­wiß ist das unaufhörliche Steigen und Fallen der Wasser kraftvoller und ausgeprägter als die Bewe­gungen des Landes; der Unterschied aber ist im gro­ßen und ganzen nur in der Wirkung zu suchen; es ist der Unterschied von Woge und Wellongekräusel.

Wir Durchschnittsmenschen fühlen unter unseren Füßen wohl nie dies schwache Zittern des Bodens. Dec Gelehrte aber, der dem geheimnisvollen Beben im Innern der Erde sein Studium und seine Beobach­tung widmet — Seismologe nennt ihn das Fremd­wort — weiß mehr davon.

Die Theorie der Erdbeben im weitesten Sinne zu erörtern, ist hier nicht der Platz. Die Tatsachen an sich mögen genügen. Aus der einen Sette sind es die gewaltigen, vernichtenden Zuckungen, die das Auf­wallen deZ vermuteten feurig-flüssigen Erdkernes be­gleiten — man spricht bann von vulkanischen Beben; daneben steht das mit unfaßbar großer Kraft arbeitende „Sichsetzen" der Schichten der Erdrinde, eine Folge der zunehmenden Abkühlung unseres Glo­bus, der dabei wie alle Körper einer Schrumpfung unterworfen ist — tektonische Beben. Ein drit­tes sind die eben erwähnten regelmäßigen Boden- schwankungen, die sogenannten mikros eismi- schen Bewegungen — im Griechischen heißt die Erschütterung seismos — die in ihrer leisen Re­gelmäßigkeit dem Atemholen und dem Pulsschlag des Erdkörpers zu vergleichen sind.

Alle diese Arien von Störungen zu messen, zu re­gistrieren, die Auszeichnungen in weltweiter Gemein­schaftsarbeit zu vergleichen und damit eine Grundlage für wissenschaftliche Bewegungen zu schaffen, mit denen man allgemein gültige Gesetze und wertvolle Schlüsse zu finden hofft, ist das Feld der Seismologie. Ihre Beobachtungsstellen beliefen sich im Jahre 1906 nach einer Mitteilung des Scientisic American auf 245; in Deutschland sind es besonders die Zentrale in Straßburg und die Stellen in Göttingen und Ham­burg. In nächster Zeit soll auch auf dem Feld­berg im Taunus eine umfangreiche Erdbebenwarte errichtet werden. Natürlich werden die Erscheinun­gen einer Katastrophe am Schauplätze selbst gründ­lich durchforscht. Dazu wird sich ja jetzt In den süd­deutschen Städten, wo mehrfach erhebliche Erdbeben- schäden zu verzeichnen sind, Gelegenheit bieten. Je­der Gegenstand, der durch irgend eine seismische Stö­rung beeinflußt wird, ist in einem gewissen Grade eine Registriervorrichtung Vom Erdbeben zerbrochene und zerrissene Wände sind für den Seismologen von unschätzbarem Werte, weil sie oft die Richtung, in der die Wellen an die Oberfläche treten und die Art, in der fie brechen, angeben. Das einfachste Mittel, das in Japan über zwölfhunderi Jahre lang im Ge­brauch gewesen ist, ist wohl eine Lampe, die beim Umfallen erlischt. Ebenso einfach wie kunstlos ist auch ein mit si cupartiger Flüssigkeit gefülltes Gefäß, die mit den SckMnguugen der Erde hin und her schwingt und durch die Spuren, die fie am Rande hinterläßt, ein rohes Bild von Ausdehnung und Rich­tung der seismischen Bewegung malt

Dergleichen ist selbstverständlich dem Gelehrten keine zuverlässige Hülfe; er muß darauf bedacht fein, die feineren Störungen, welche für ihn eine so wich­tige Rolle spielen, zu erfassen. So ist er gezwungen gewesen, selbstätig schreibende, klug ersonnene Jnstni- mente zu bauen. Empfindlich müssen sie fein; denn fie sollen Beben registrieren, die in ihrm Wirkungen so außerordentlich schwach find, daß die Erdmolekel vielleicht nur um den Bruchteil eines Zentimeters ihre Lage ändern. Diese Apparate find die SetSmo- g r aphen ober Erdbebenmesser.

Diese Instrumente sind weiter nichts als Horizon­talpendel, also Pendel, die nicht wie das Uhrpendel in senkrechter Ebene schwingen, sondern in wagerech­ter. Jede Tür, die an zwei Punkten fest aufgehängt und im übrigen horizontal ftd beweglich ist. ist ein

Beispiel für ein derartiges Horizontalpendel. Nattir» iich sind die Seismographen der Erdbebenstationen auf§ feinste au5gear6eitet und man hat für sie verschie­dene Konstruktionen. Das Prinzip ist aber im großen und ganzen das gleiche und ein so einfaches, daß schließlich jeder geschickte Mechaniker imstande ist, sich einai Seismographen selbst zu bauen. An einer schweren gußeisernen Säule ober an einer Mauer toirb, ähnlich wie eine Tür in ihren Angeln, ein horizontaler Stab so befestigt, daß er in ber horizon­talen Ebene vollkommen frei zu schwingen vermag. An seinem vorderen Ende befindet sich ein schweres Blei­gewicht, daß von zwei Drähten so gehalten wird, daß es nicht nach unten sinken kann. Findet nun eine Erderschütterung statt, so pflanzt fie sich vom Erd­boden durch die Säule ober Mauer hindurch auf den Apparat fort. Da ber Stab und das Gewicht ganz lmßerordenüich fein ausgehängt find — fie balan- Zieren ht ähnlicher Weise wie ber Balken einer ganz subtil gearbeiteten wissenschaftlichen Wage auf stähler­nen Schneiden oder gar nur auf Stahlspitzen — so geraten sie durch die geringste Erschütterung in Schwingungen. Infolge der Länge des Stabes sind die horizontalen Pendelbewegungen, die das Bleige­wicht bei auch nur geringen Bewegungen macht, schon ziemlich beträchtliche, und es handelt sich nun darum, sie aufzuzeichnen. Zu diesem Zweck ruht auf dem Bleigewicht eine Schreibeinrichtung, die da­mit sie möglichst leicht ist und die Bewegungen des GewichK nicht beeinflußt, aus einem Strohhalm mit Aluminiumspitze besteht, da sie ein Hebelsystem bildet, welches die geringsten Schwingungen des Stabes refp. des Bleigewichts in ganz bedeutend vergrößer­tem Maßstabe auf einer Trommel aufzeichnet, die mit einem berußten Papier bespannt ist, und die durch ein Uhrwerk in ständigen Umdrehungen erhalten wird. Der Aluminiumstift gräbt in diesen Ruß die Schwankungen der Bleikugel und damit der Erde ein. Natürlich ist die Trommel so eingerichtet, daß sich auf chr genau Stunde, Minute sowie die Sekunde ablesen läßt, zu der irgend ein Erdbeben ftartfinbd.

Es leuchtet nun ohne weiteres ein, daß man mit einem solchen Apparat solche Erdbeben nicht ver­zeichnen kann, die in derselben Richtung verlausen wie der Stab. Stößt man von hinten oder von untdn her gegen eine Tür, so fliegt sie bekanntlich nicht auf, da sie sich nur dann um ihre Angeln zu drehen ver­mag, wenn derStoß von der Seite erfolgt. Um nun auch die in der Richtung des Stabes verlausenden Erdbeben aufzeichnen zu können, stellt man auf den Erdbebenwarten immer mindestens zwei derartiger Seismographen auf, und zwar so, daß ihre Stäbe rechtwinklig zu einander stehen. Wo es sich um sehr genaue Aufzeichnungen handelt, werden auch drei Apparate in verschiedenen Richtungen ausgestellt. Der Stoß kann dann kommen, von welcher Sette er will, so wird doch immer ein Apparat in Schwingungen versetzt, und aus diesen Schwingungen läßt sich bann auch ein Rückschluß auf die Richtung des Stoße« ziehen. Mit welcher außerordentlichen Genauigkeit diese Apparate arbeiten, mag man daraus ersehen, daß sie Erdbeben registrieren, die in eine Entfernung von tausenden von Kilometern stattfinden.

Gerade diese Feinheit der Apparate hat allerdings bei der Erderschütterung in der Nacht zum Freitag in. Deutschland die wissenschaftliche Aufzeichnung un­möglich gemacht. Die Stärke des Bebens war an Ort und Stelle derart, daß die Seismographen umgenxn- ftn wurden. So müssen wir nun abwarten, welche Aufzeichnungen von den Seismographen in Asien gemacht worden find, um näheren Ausschluß über das dort wahrscheinlich als Fernbeben verzeichnete mitteleuropäische Beben zu erhalten.

Allerlei.

— Sprechende Sinobilder. Wir teilten bereits mti, daß einem schwedischen Ingenieur die Erfin­dung gelungen sein soll, „sprechende Films" vorzu­führen. Der Apparat gestattet, ein Bild kinemato« graphisch aufzunehmen und zu gleicher Zeit alle Be­gleitlaute zu fixieren, so daß das Ideal des wirk­lichen lebenden sich bewegenden und sprechenden Bei­des erreicht zu sein scheint. Nach Mitteilungen in den Stockholmer „Dopens Nyheier" ist das Prob­lem, sprechende Kino-Bilder anzufertigen, „im Prin­zip" gelöst: kleinere Wiedergaben sind gelungen. Ob aber auch größere Films dieser Art angefertigt wer­den können, wird sich erst demnächst entscheiden. Zur Zett baut eine große Berliner Firma den zugehöri­gen Luftstrom-Apparat. Die Einzelheiten dieses Verfahrens werden natürlich noch geheim gehalten, doch teilt das genannte Blatt über das Konstruk­tionsprinzip folgendes mit: Auf einem beweglichen Film in einem Aufnahme-Apparat werden die Schallwellen auf photographischem Wege fixiert. Die auf diese Weise erhaltenen Striche und Kurven werden aus einen Metallstreifen übertragen, der einem ununterbrochenen Luftstrom ausgesetzt ist, so­mit in Schwingungen gerat und die ursprüngliche« Laute ganz getreu toiebergibt. Dadurch, daß bä ber Aufnahme der Töne-Film gleichmäßig mit dem Bilderfilm läuft, werden Bewegungen und Worte gleichzeitig festgehalten und daher auch gleichzeitig wiedergegeben. Es soll alle Aussicht vorhanden fein, daß ber von der Berliner Firma jetzt konstruierte Luftstrom-Apparat die getreue und klare Umsetzung der photographierten Töne ermöglichen hilft. Er­füllen sich diese Hoffnungen, so steht eine noch unab­sehbare Umwälzung, nicht bloß des Kino, sondern auch des_ Theaterbetriebes bevor. Denn wenn man erste Kräfte durch einen Film in einer kleinen Pro­vinzstadt vorführen kann, so muß dies selbstverständ­lich auf die Tätigkeit der kleineren Bühnen, nameitt» lich der Wandertheater, zurückwirken. Aber dadurch wird den Kinos selbst viel von ihrer Knnstfchädlich« kett genommen, da sie nicht mehr auf die krassen Effekte durch Gesten ausgehen müssen. Daß diese sprechenden lebenden Silber auch in der Politik, z. B. im Wahlkampf, eine große Rolle spielen können, ist klar.

— Das Land, in dem men em meisten heiratet, ist Serbien. ES kommen dort 200 Hochzeiten im Jahre auf 10000 Einwohner. Die größte Ab­neigung gegen daS Ebeleben hat man in Chile; dort gibt eS auf 10000 Menschen nur 118 Braut- paare. In Deutschland feiert man jährlich 165 Hochzeiten auf 10000 Einwohner, in Frankreich