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Sreitaj 17. November 1911
58. Zayrgang.
• fuldaer M Zeitung
2. Blatt.
Vrsck «nb Verlag der $e!6aer Zditnbruderti in $Mlbe.
ch. Etwas über die sog. großen Meisterkurse des Handwerks.
Die Meisterkurse, rin Zweig der in den letzten Robren sehr nachdrücklich betriebenen allgemeinen Handwerksförderung, haben im allgemeinen die Ausgabe dm Handwerkern die Kenntnisse und Fertigkei- kn zu verleihen, die sie befähigen, ihr Handwerk in Mer dm modemm Verhältniffm entsprechenden Weife selbständig zu betreiben. Im einzelnm ist ihr Streben darauf gerichtet, älteren Meistem, deren Ausbildung ost vielerlei Lücken aufweist, Gelegenheit zu bieten, diese auszugleichen, und sich mit den Neuesten Errungenschaften ihres Handwerks vertraut zu machen.
Sotten derartige Kurse erfolgreich wirkm, so können sie nur in Werkstätten ab geh alten to erben, die knit dm modemen Werkzeugen und Maschinen ausgerüstet find. Deshalb toerben solche, die sogen, großen Meisterkurse mit mehrwöchentlichem Tages- ünterricht am zweckmäßigsten für größere Bezirke eingerichtet. — Einen derartigen Kursus hat am 16. v. M. die Handwerkskammer zu Kassel mit 80 Teilnehmern eröffnet. Die Zahl und Hand- werkszugchörigkeit der Teilnehmer erheischte die Einteilung in fünf Unterrtchtsgruppen: 1- Dauhandwerker: für Maurer, Dachdecker, Zimmerleute, Schlosser, Klempner, Blechschmiede, Maler, Schornsteinfeger und Elektrotechniker: 2. Holzhand- toerfer: für Schreiner, Wagner, Drechsler, Tapezierer und Polsterer; 3. Lebensmittelhandwerker: Bäcker und Metzger; 4. Bekleidungshandwerk: Herrenschneider, Dammschneiderinnen, Putzmacherinnen und Schuhmacher; 5. Sammelgruppe für verschiedene Handwerke: Buchbinder, Friseure. Lackierer, Mecha- lijiker, Sattler, Sck)miebe und Chromolithographen.
An sich kann ja die vielfach vertretene Ansicht, daß diese großen Meisterkurse am besten am Sitze der Handwerkskammer stattfinden, beigestimmt werden (manche Fachleute treten sogar dafür ein, daß sie lediglich für ganze Provinzen zu zentralisieren seien), viele Gründe sprechen aber auch dafür, daß von Fall zu Fall eine Ausnahme gemacht werde und andere Orte, die nach Lage der Dinge für derartige Kurse In Betracht kommen ,auch hierfür gewählt werden. Es ist hier nicht der Ort und würde auch zu weit führen, alle für einen solchen Wechsel sprechenden Gründe aufzuzählen, einige jedoch glauben wir an- führen zu muffen.
Die 80 Teilnehmer des großen Meisterkursus in Kassel sind ja wohl eine stattliche Zahl, aber lixt-3 besagt sie gegenüber der großen Menge der alljährlich ;reigesprochenen Lehrlinge in einem Bezirk mit über 1 Million Einwohner und in einer Großstadt wie Kassel. Wie viele Handwerker im Kammerbezirk wi ff en überhaupt nichts von der Veranstaltung dieses großen Meisterkursus, selbst wenn sie Jnnungs- oder Handwerkervereinsmitglied sein sollten. Diese 'mmer nur in solchen Großstädten abgehaltenen Kurse bleiben der Allgemeinheit des Handwerks zu fremd. Daß die Mehrzahl der Teilnehmer solcher Surfe, 4us der Stadt, in welcher die Kurse ftattfinben, sich Rekrutieren, dürste wohl durchweg der Fall fein, ein Erheblicher Prozentsatz ist durch Bande anderer Art (Verwandtschaft, frühere Lehrlings- oder Gesellen- ftcKimg usw.) mit dieser Stadt verknüpft und nur per kleinste Teil kommt ohne Nebenumstand aus der Provinz.
Auch nicht die „besseren" Werkstätten, „größeren" Betriebe, „Kunsthandwerk", „Weitung des Blickes" ^fto. verfangen u. E- für eine andere Ansicht in die- <kr Sache. In der Kunstfertigkeit und Geschicklich- reit, überhaupt in praktischen Kenntnissen ist mancher Handwerker an kleineren Orten feinen Kollegen Ai den Großstädten über, auch sind wir der Ansicht, haß auch im Handwerk nicht immer die größten Betriebe für diesen Zweck die geeignetsten sind. Den Linwand, daß nur in großen Städten die Lehrer- Lage in allen Ansprüchen gerechtfertigfter Weise zu lösen wäre, können wir nicht gelten lassen.
Nehmen wir einmal an, hier in F u l d a sollte ein derartiger großer Meisterkursus abgehalten werden! Ließe sich dies im Interesse des hiesigen und des HandweiÄ im Bezirke des weit ausgedehnten Hinterlandes der Stadt Fulda und seiner Nachbarstädte '(bis zum Frankfurter Bezirk im Süden und Kasseler Bezirk im Sorben) nicht ein richten? Die Kosten iönnten aus derselben Quelle, aus der auch die Kosten -Ar die Kasseler Kurse fließen, gedeckt werden. Lo
kal und Lehrer, Werkstätten usw., dies alles wäre in unserer durch ihr strebsames und aufblühendeS Handwerk weit über ihre nähere Umgebung hin bekannten Stadt, wohl nicht schwierig zu beschaffen. Und die Teilnehmer! Wir rechnen, daß, wenn auch nicht alle Jahre, so doch von drei zu drei Jahren diese Kurse gleichfalls eine Teilnehmerzahl von 70 bis 80 Köpfen aufzuweifen haben würden. — U. E. würde auf diese Weise erreicht, daß diese sogen, großen Meisterkurse mehr als bisher der Allgemeinheit der Handwerker bekannt würden, daß sich auch weitere Kreise der gebildeteren Nichthandwerker für diese Kurse und so für die Sache des Handwerks interessierten, und daß schließlich auch die berufenen Organe (Gemeinde und Kreis) wohl eher sich bereit finden laffen würden (schon infolge des allgemeinen Interesses), sich bewerbenden Kursus- teilnehmern aus den hierfür eingestellten Mitteln eine Beihllfe zu geivähren. Heute toerben diese großen Meisterkurse vielfach mtt den allgemeinen vielerorts alljährlich wiederholten Meisterkursen verwechselt, und dienen nach Ansicht mancher Kenner in der Hauptsache dem Großstadt-Handwerk, da die Großstädte, weil eben fast durchweg in den Großstädten diese Kurse abgehalten werden, die überwältigende Mehrzahl der Teilnehmer stellen.
Handwerk prüfe, sammle Material und stelle die? deinen Handwerkskammervertretern zu! —
Aus dem Nachbargebieie.
tnj Kohlhaus, 16. Nov. 1911. Ein sonder' bares Fundobjekt soll hier zur Versteigerung kommen. Vor vier Wochen, am 23. Oktober, ist hier eine Kuh zugelaufen, die trotz öffentlicher Bekanntmachung von dem rechtmäßigen Eigentümer nicht abgeholt wurde. Sie wird nun am Montag mittag um 2 Uhr auf dem Hofe des Bürgermeisters öffentlich versteigert. Daß inan eine Kuh nicht vermißt, ist dock > igelttsimlick.
* Schlitz, 15. Nov. 1911. Die Beleuchtungs- ve vhältnisse des hiesigen Bahnhofs ließen seither viel zu wünschen übrig; cs wird daher mit großer Freude begrüßt, daß die Bahnverwaltung den Bahnhof endlich an das städtische ElekrrlzitätSwerk angefchloffen Hai.
o Hilders, 17. Nov. 1911. Das hreiwe Amtsgericht hält im Jahre 1912 folgende Gerichtstage in Tann ab: Freitag den 5. und 19. Januar, Donnerstag den 1. Februar, Freitag den 16. Febr., 1., 15. und 29. März, 12. und 26. Avril, 10. und 24. Mai, 7. und 21. Juni, 5. Juli, Dienstag den 17. September, 27. September, 11. und 25. Oktober, 8. und 22. November, 6. und 20. Dezember.
[j GerLfklb (Rhön), 16. Nov. 1011. Das hiesige katholische Schulbau?, vor etwa 20 Ja' rm mir erheblichen Zuschüssen des Herrn Bischofs und des Herrn Gra'en v. Frobcrg erbaut, war zur Aufnaljmc der vermehrten Schülerzahl schon seit mehreren Jahren nicht mehr ausreichend. Nachdem eine -weite Lehrkraft angestellt, wurde ent Schullokal gemietet und die Vorbereitungen zu einem Schulneubau cingcleitet. Im Laute dieses Sommers wurde von hiesigen Handwerksmeistern unter Leitung des Herrn Kgl. Regiernngsdaumcistcrs Trümperl- Fulda dieses zweite katholische Schult;au?, ein stattlicher Bau in der Nähe der tachol. Kirche, des Pfarrhauses und de? ersten Schulhanscs, fertig- gestellt, sodaß diesen Älovtag die feierliche Einweihung erfolgen konnte. Zn dem der erhebenden Feier vorauSg henden Festgottesdienst hatte sich die kathol. Gemeinde zahlreich eingcsundcn. Zn dem Festakt um 10 Uhr vormittags waren u. a. erschienen: Herr Landrat Frhr. v. Toernberg, Herr Krelssekretär Krug, Herr Krci?ansfck nßsekretär Bartl elmes, Herr Regierungsbaumeister Trümperi, Herr Bürgermeister FasolS mit der Stadtverwaltung, der Vorstand des katholischen Gefamtjchulverbandes, Herr Pfarrer Dr. Stute, bie sechs Lehrer hiesiger Stadl, die am Bau beteiligt gewesenen Handwerksmeister und viele Eemelnvcmitglteder. Nach (im« zng der Schli er und der Festteilnehmer in das prächtig geschmückte Schulhaus wurde die erhebende Feier mit dem Lied „füllt dem Herrn sang alles an” emgeleitet. In der darsnschließenden, von hochw. Herrn Dechant M edler gehaltenen Weiherede dankte dieser dem Vertreter der König!. Regierung, Herrn Laudrat Frhrn. v. Toernberg und dem Herrn Reg- Bamneister für ihr Erscheinen, für die errat 11en
erheblichen staatlichen Mittel und die Mitwirkung beim Bau. Ebenso dankte der Herr Dechant allen anderen Mitarbeitern und Beteiligten. Nach einem Hinweis auf den Segen von Religion und Schule, und die Religionstreue der Hohenzollern schloß Redner mit einem Hoch auf Se. Majestät unfern Kaiser, dessen Büste in prächtiger Dekoration den neuen Schulsaal zierte. Hierauf begrüßte Herr Landrat Frhr. v. Doernberg die Festversammlung, insbesondere Herrn Dechant Medler, und überreichte diesem im Auftrage der König!. Regierung den Roten Adlerord en 4. Klasse für feine Verdienste um die Schule. Ter Schulpfleger Herr Richard Schaub erhielt für seine 32jährige treue Dienstzeit das Allgemeine Ehrenzeichen. Herr Lehrer Jung sprach allen, . die an der Errichtung des schönen Schulgebäudes mitgearbeitet haben, herzlichsten Dank aus. Nach Erledigung der umfangreichen Festorduung schloß die für die katholische Gemeinde denkwürdige Feier mit dem Sieb ..Großer Gott, wir loden dich". — In den katholischen Gesamtschulverband sind außer den katholischen Schülern der zehn Gemeinden des engeren Bezirks, jetzt auch die katholischen Schüler von Al teufe ld eingereiht. — Tie hiesige katholische Schule konnte dieses Jahr das Jubiläum ihres 100jährigen Bestehens feiern. Möge sie weiter kräftig wachsen und blühen der Gegenwart und Zukunft rnm Segen.
* Hersfeld, 16. Nov. 1911. Die Verhandlung betreffs der Errichtung eines Zollgebäu- beS in hiesiger Stabt, bie schon seit Jahren im Gange sind, haben jetzt einen günstigen Abschluß gesunden Die Arbeiten zur Errichtung bes Gebäudes sind bereits zur Ausschreibung gelangt. Das Gebäude wirb gegenüber dem alten Güterboden aufgeführt. In dem zwesstöckigen Gebäude wirb im Erdgeschoß bas Königliche Zollamt untergebracht, die erste Etage wird als Dienstwohnung für den Vorsteher des Zollancks eingerichtet.
* Melsungen, 16. Nov. 1911. Gestern brach vor dem Fritzlarer Tor hier ein Brand aus, und zwar war das dort einzeln stehende Anwesen des Land- wirts Wetzel ergriffen worden. Das Feuer zerstörte Scheune, Stallungen und andere kleine Gebäude, die mit vielen Futtervorräten gefüllt waren Den Anstrengungen . er Feuerwehr gelang es, das stark bedrohte Wohnhaus ivie auch die Gebäude der zu dem Anwesen cehBreubni Ziegelei zu reffen.
* Mainz, 16. Nov. 1911. Daß die Reife für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst noch kein Schutz gegen Dummheit ist, betonst dec Streich, den sich im Jahre 1906 ein Einjährig-Freiwilliger des hiesigen Fußarttllerieregi- mcnis leistete. Seine Führung war nicht gut, so baß er verschiedentlich bestraft wurde. Rach Verbüßung einer Zwochigen strengen Arreststrafe entfernte er sich abends aus der Wohnung und fuhr nach Luxemburg und von dort nach Frankreich, wo er sich zur Fremdenlegion anwerben ließ. Fünf Jahre diente er in der Fremdenlegion, im Juli 1911 wurde er entlassen. Am 17- Oktober stellte er sich freiwillig der lothringischen Gendarmerie. Das Kriegsgericht in Mainz verurteilte ihn zu sieben Mo- uateu und Versetzung in die z w e i t e Klasse des Soldatenstandes. Nah Verbüßung der Strafe muß er anderthalb Jahre nachdienen. Der dumme Streich kostet den Mann also beinahe acht Jahre.
' Tüderstadt, 16. Noo. 1911. Ter 16 Jahre alte Sohn des Psstsekretärs Ballhausen, der ans einem holländischen Sch:sf Matrose war, wurde von ucn Wellen über Bord ge pillt und sand den Tod im Meer.
* Aul Walv'ck, 17. Nov. 1911. In unserem Landtage wird seilens der Regierung cl-i Ersetz nt- luurf vorgelegt werden, der die V er staä tl i chnna der M oi,i liar-Fener -Versicher n ng bezweckt. Bekanntlich besteht schon eure Jmmobittarversichc- riiitg gegen Feuer unter staatlicher Aussicht, der die neue Vusicherung ungegliedert werden soll.
* Würzburg, 16- Nov. 1911. Im ReichStagS- wahlkrels Brückenau Kissingen kandidiert für die kommende Reichstagswahl als Kandidat des Deutschen Bauernbundes und der Liberalen ein Regierungsrat Hüfner aus Berlin. Mittelsmänner dieses Herrn wandten sich Ende des Jahres 1910 an den Zen- truinsabgeordneleu Dr. Heim und suchten durch dessen Vermittelung bie Unterstützung des Zentrums für die in Aussicht gcnomnrene Kandidatur Hufners zu gewinnen. Ans dem Briefwechsel mit Hüfner kam
Dr. Helm zur Anschauung, daß dieser sich als Zen- rrumSmann bekenne. Hüfner schrieb auch ausdrücklich an Dr. Heim, wenn ihn die Zentrumspartei aufstelle, sei er bereit, ihr beizutreten. Als nun aber In den bayerischen Zentrumsblättern mitgeteilt werden konnte, daß Hüfner kein Zentrumsmann sei, verfaßte der Regiermigsrat eine Berichtigung, die im „Würzburger Journal" erschien und in der ausgeführt wurde, Hüftier sei von vornherein überzeugt gewesen, daß Dr. Heim ihn in Brückenau Kis- singm nicht unterstützen würde, da hier als Zentrumskandidat nur der bisherige Vertreter Generalmajor Häußler in Frage käme. Dr. Heim habe gar nicht ernsthaft verhandelt, sondern nur das Eingeständnis 'erzielen wollen, er (Hüfner) gehöre nicht dem Zen- trum an. In der erwähnten Berichtigung sagte mm Hüfner in Bezug auf seine briefliche Erklärung, wenn ihn bie Zenirumspartei aufftelle, fei er bereit, ihr beizutreten: „Dies konnte unb bürste ich schreiben, weil die UnWahrhaftigkeit von Heims Erklärungen burch unverdächtige Beweise bereits feftftanb und auf einen Schelm anderthalbe gehören." Darauf strengte Dr. Helm die Beleidigungsklage an, die in Würzburg zur Verhandlung kam. Hüfner gab vor Gericht zu. tn einem Briefe an Dr. Heim die Frage seiner Zugehörigkeit zum Zentrum nick;t strikte ab- gelehnt zu haben, aber nur, weil er der Meinung gewesen fei, Dr. Heim spiele kein offenes Spiel. Dr. Heim bestreitet dies. Er habe nur loyal und ehrlich gehandelt. Er sei krank unb habe auch sein Mandat in Amberg noch nicht angenommen, well er erst das Zeugnis seines Arztes abtoarten wolle. (Dr. Heim hat ja nun in der Tai, wie gestern mitgeteilt wurde, endgültig auf die Uebernahme eines Reichstagsman- dctts verzichtet. D. Red-) Dabei habe er geglaubt, ivenn Hüfner Zentrumsmann fei unb gewählt würde, wolle er den General Häußler im Wahlkreis Amberg unterbringen. Das Urteil bes Gerichts lautete auf Freisprechung. Der Inhalt der Berichtigung sei zwar beleidigend, aber dem Beklagten muffe der § 193 zugebilligt werden. Dr. Heim wirb gegen das Urteil Berufung einlegen.
Amt Geisa mö Umgebung.
* Geisa, 17. Nov- 1911. Zu der am vergadige< iien Sonntag hier abgehaltenen Gruppenversammlung bei Krieger- und Militärvereine der Gruppe 12 waren von 10 Vereinen Abgeordnete erschienen. Zu dem anschließenden eigentlichen Veteranen-Appell fanden sich 21 Veteranen trotz des Regens ein, darunter auch der 86jährige Kamerad, Eugen Rohm, der einzige noch lebende 48er der Gruppe. Durch Vorlesung packender Gedichte führte Kamerad Müller bie Anwesenden im Geiste zurück in die Zeiten 1806, 1813 und 1870. Kamerad Rausch (Motzlar) gab eine kurze Schilderung der stampfe um Weißenburg unb Wörth, Kamerad Henning erfreute bie Kameraden durch schöne Ziether-Vorträge.
* Stadtlengsfeld, 16, Nov. 1911. Bei der gestrigen Gern einberatI-Ergänzungs wähl tourben nm- bezw. wiedergewählt: Lagerhalter Krause mit 332 Stimmen, Schuhmachermeister Hörl mit 267 Stimmen, Rektor Henschel mit 218 Stimmen, Mühlenbesiher C. Enders mit 213 Stimmen, Werkmeister Braun mit 195 Stimmen. Dem Gemeinderat gehörten bisher Krause unb Braun an.
* Tiefenort, 16- Nov. 1911. Die Sperre wegen der Maul- unb Klanen seuche für hier _ ist aufgehoben worden. — Bei der gestrigen Treibjagd tourben im Ganzen nur 5 Rehe und 14 Hafen erlegt. — Forstmeister Stichling in Frauensee tritt am 1. April in beit wohlverdienten Ruhestand.
* Aus Thüringen, 17. Nov. 1911. Auf dem Güterbahnhof in Eisenach ließ sich ein 56jübriger Gepäckträger von einer Rangiermaschine üb erfahret:. Er war sofort tot. — Ter Stadt Langensalza ist durch den Tod ihres Ehrenbürgers Friede. Hchn ein Vermächtnis zugefallen, das sich auf einige Hunderttausend Mark belaufen dürste. — Ein Gastwirt in Neustadt bei Koburg hat sich neben einer gehörigen Tracht Prügel noch drei Monate Gefängnis geholt. Er versuchte, bei einem Fabrikanten durch Erpressung Geld zu erlangen unb al? er damit kein Glück hatte, übersiel er den Kutscher des Fabrikanten, um ihn zu berauben. Der Kutscher aber verprügelte den Stäuber unb jetzt hat bie Strafkammer
Lebenrwende.
39] Roman von Horst Bademer.
Jochem schrie ihn entsetzt an, Ada taumelte auf den nächsten Stuhl.
„Ja, — es ist nichts mehr zu machen, der Körper erkaltet schon, meine Frau hat gleich nach dem .Arzte telephoniert, während ich hierher geritten bin. Ich hab' dem Diener schon Befehl gegeben, den Wagen anspannen zu lassen!"
„Ich komme mit, Jochem!"
Und als Sosquens mir dem Inspektor zu dem •%oten traten, wusch ihm gerade Frau Plath den Schmutz vom Gesicht. Jochem legte ihm die Hand Ws die Stirn. Rein, da war nichts mehr zu wollen-
Eine halbe Stunde später kam der Arzt; er konnte nut den längst eingetretenen Tod feststellen.
„Morgen ftüh um fünf Uhr bin ich wieder hier, Math!"
„An Hans Heinrich luerbe ich schreiben, mit Trü- sow begräbt er eine große Hoffnung," sagte Ada.
„Unb an bie Eltern muß ich sofort telegraphieren! Natürlich werden die meinen, der arme Kerl habe seiften gerechten Lohn empfangen — und Trauerklei- per anlegen — unb sich bedauern lassen."
„Denk nicht allzu hart, Jochem," bittet Ada.
Er aber wendet den Kopf zur Seite, bie Tränen binnen ihm über die Wangen. Erst ’efjt weiß er, wie ft an dem guten Jungen gehangen hat.
XXXII.
Es wurde Winter, es wurde Frühling! 'Hans Mlnrich war Vater eines Knaben, Sosquon eines Mädchens geworden, und noch immer harte sich das Verhältnis zu Arwed Hakburg nicht gebessert. Im Segenteil. Die Reichstagsivahlen standen vor der Tür, und derjenige, der Sosqum die meiften Schwierigkeiten bereitete, war der alte „Möhringer". Mit ihm Wustermarck unb Rodenbeck. Jochem hielt sich ftmlichst zurück unb ließ Mereuth unb Löberdau für ftch in die Schranken reiten mit den Nabberheider San Mekdorftr Schulden Aber das ßautitauartier
!war Klingsberg. Immer fester bekam er bie Zugel in bie Hand, kein Wort zu viel sagte er. Und nun toar der Tag herangekommen, an dem sich bie Vertrauensmänner der Partei im Osterburger Schützen- Hause zusammenfand m, um den Kandidaten aufzustellen. So voll war der Saal seit langem nicht gewesen. Die meisten waren aus Neugierde gekommen, denn baß sich der Anhang Giesebrechts ohne weiteres für Sosqum erklärte, war ausgeschloffen, dazu waren die ©elfter zu hart aufeinander geplatzt.
Der Landrat v. Gehrhof eröffnete die Versamm lung, mahnte zur Einigkeit, sonst käme die Partei in Gefahr, das Mandat zu verlieren, dreitausend Stimmen Mehrheit seien schnell verscherzt.
Der alte Giesebrecht saß zwischen Arwed Hakburg unb Wustermark, ein paar getreue Anhänger in ber Nähe. Bescheiden in einer Ecke hatte Sosguen mit Mereuth unb dem Nabberheider Schulzen an einem Seinen Tische Platz genommen.
Dem Amtsgerichtsrat Glesebrecht wurde das Wort erteilt, um Bericht zu erstatten über die Tätigkeit ber Partei im Reichstage- Er zwirbelte seinen weißen Schnurrbart in die Höhe, trug in knappen Sätzen vor, was er zu sagen hatte und schloß nach einer halben Stunde mit den Worten: „Ich habe für Partei und Vaterland nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet. Es macht sich eine Strömung gegen mich geltend, ich trete natürlich zurück, wenn es gefordert wird, zum Unfriebenftifter eigne ich mich nicht!"
Di: Leute sahen sich an, unb hätte sich nicht Wustermarck zum Wort gemeldet, unb losgepoltert, wäre wahrscheinlich Sosquens Kandidatur ins Wasser gefuttert. Der aber zog so heftig vom Leder, daß sich der gute Eindruck, den Giesebrechts Rede gemacht hatte, schnell verwischte. Alle Mahnungen des Vorsitzenden blieben unbeachtet. Dem Meßdorfer Schulzen, der den größten Anhang hinter sich hatte, wurde die Sache zu dumm, er sprang auf und ergriff nach Wustermarck das Wort. Und der einfache Man» verstand zu rebenl
„Wir haben gegen Herrn AmtSgertchtSrat Giese- webt kein anderes Gefühl, als dsS innigen Dankes.
Aber unser bewährter, bisheriger Reichstagsabgeord neter kommt in bie Jahre! Wir wollen feine Arbeitskraft, seine Umsickt ungeteilt für den Landtag erhalten wissen, bie Geschäfte iu den Parlamenten haben sich erschreckend gehäuft in ber letzten Zeit, der Wahlkampf zum Reichstag stellt große Anforderungen an die Person, wir wollen unfern ehrwürdigen Vertreter ton der Opposition nicht beschimpfen lassen in dm öffentlichen Versammlungen, er hat ein gutes Recht, nach getaner Arbeit sich teilweise auf den Mtenteil zurückzuziehen. Wir haben uns also nach einer jüngeren Kraft nmschen müssen, bie in bie gleiche Kerbe schlägt, dir Achtung unb Ansehen genießt, auch unter den kleineren Leuten in Stadt unb Land. Und dieser Mami ist Herr v. Sosquen-Klingsberg, unb deshalb beantrage ich im Namen meiner Freunde, diese Kandidatur."
Man klatschte in die Hände, rief „Bravo!" Der Meßdorfer Schulze fuhr fort:
„Ich fordere Sie auf, meine Herren, erheben Sie sich von Ihren Sitzen zum Zeichen Ihrer Dankbarkeit für alles, was Herr Amtsgerichtsrat Giesebrecht bis heute in unserem Interesse getan — unb in bem des Vaterlandes!"
Ein Rücken und Rauschen ging durch den Saal, keiner blieb sitzen.
Und bann toanbten sich die Blicke fast aller So- fquen ?u- Der aber redete ruhig mit Mereuth, als ob gar nichts vorgefallen wäre, was ihn anging. Löberdau erhob sich und trat an den Tisch.
In diesem Augenblick bat Arwed Hakburg umS Wort. Da reckte man bie Hälse. Er versuchte, dm böfen Eindruck, den Wustermarcks Rede gemacht hatte, zu verwischen. Sachlich und ruhig sprach er von der Dankbarkeit. „Ist sie erstorben in deutschen Landen, daS wäre schlimm." Man hielt den Atem an. Der alte Mann hatte eine Saite Im Herzen seiner Zm- hörer angeschlagen, bie Wetter tönte. Wie der Greis dastand, auf seinen Stock gestützt, — eine Patrlar- chmgestalt. Man vergaß sich s°SM, heimlich anzu- stoßen, wußte man doch, wie schlecht er mit Sosqum stand. Er schloß mtt bdn Worten:
„Das Alter hat Einsicht, die Jugend muß lernen, ich werde meine Stimme für unseren bewährten bisherigen Kandidaten abgeben-"
Und es warm nicht allzu wenige, die seinen Worten Beifall zollten.
Nun mußte Sosguen in bie Rebeschlacht eingreifen. Zuerst sprach er bem Amtsgerichtsrat Giese- brecht seine Verehrung aus, — uneingeschränkt. „Wenn ich trotzdem dem Ruse meiner Freunde folgen sollte, — immer vorausgesetzt, es entscheidet sich die übertoiegenbe Mehrheit für mich, — so geschieht es, weil es gewünscht wird."
Da konnte Wustermarck den Mund wieder einmal nicht halten. „Wer's glaubt!"
„Gott, Herr v. Wustermarck, so viel liegt mit an Ihrem Urteil wahrhaftig nicht; je schärfer Sie gegen mich operieren, desto mehr Stimmen werde ich in Ihrem Amtsbezirk bekommen."
Da lachten nicht wenige und der alte Polteret saß mit rotem Kopfe auf seinem Platze.
„Ich erwarte also Ihre Slbftimmung unb erkläre: nur wenn mindestens drei Viertel ber Vertrauensleute für mich sind, nehme ich die Wahl an! — Sie aber, Herr v. Hakburg, werde ich mtt der Zeit schon auf meine Sette ziehen, davor ist mir nicht bange! Um die Anerkennung eines aufrechten, überzeugten Gegners in ber Person — denn in der Sache sind wir doch einig — kämpfe ich gerne! — Schenkt Gott uns beiden noch drei Jahre Leben, bann wird der Frieden geschloffm sein, daran zweifle ich nicht."
Atwed Hakburg schüttelte den Kopf.
Himdertzwölf Stimmen waren für Sosguen, achtzehn für Giesebrecht, zehn hatten sich der Absttmmung enthalten-
Da schritt Jochem auf den alten Herrn zu, um dessen Mundwinkel die Nerven zuckten, reichte ihm die Hand und sagte laut: „Wenn ich Rates bedarf, klopfe ich wohl nicht vergebens an Ihre Türe an?"
Der konnte nut stumm bejahend nicken, während ein Hoch auf Herrn von Sosquen-KlingSlerg durch den Sachs brauste.
Ostentattv .verließ Arwed Hakburg mtt seinem Anhang den Saal. '(Fortsetzung folgt.)