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W 262.

Milisoch 15. lioutm'i« Ml

58. Jalung.

• fuldaer M Leitung

2. Blatt

vruck und Verlag der $u!batt NetiendruSerel in 5«l-g.

auch nicht mit ihren Karossiers inS Asyl für Obdach­lose fahren lassen. Mag der würdige Abgesandte des erhabenen Familienrates irgend eine Karette in Oster­burg auftrciben! — Gan; allein soll er den Weg zu mir finden. — Und das geschah! — Hm!" Nach­denklich blickte er auf seine Zigarre. „Alles sollte vergeben und vergessen sein; natürlich war nur ich der schuldige Teil! Aber ich hätte mich ja erfreulicher­weise in den Augen meiner lieben Mitmenschen glan- zend rehabilitiert, selbst Saine Majestät hätte die Gnade gehabt, mein wirklich vortreffliches Buch anzu- erfehnen, mich auszuzeichnen, also könne es ja wohl auch die Familie derer v. Trütow tun! — Was, meint ihr, hab' ich geantwortet?"

Man sah sich an, ein verlegenes Lächeln um den Mund. Schließlich sagte Sosquen: „Das ist Ge­fühlssache, lieber Trütow!"

„Also ich habe höflich, aber dankend abgelehnt!"

„Das halte ich nicht für recht," fiel ihm Ada Sosqum inS Wort.

„Dmken Sie sich in meine Lage, gnädige Frau! — Ms ich meinen ersten Schrei getan, wurde ich der Amme übergeben, im Pferdestall und der Fohlenkoppel wuchs ich auf, der Hauslehrer hatte nicht allzu oiel Freude an mir. Ich geb' ja zu, daß ich ihm das Leben gerade nicht erleichtert habe; da war mein Bruder ein ganz anderer Kerl! Der lernte, küßte allen Damen von sechzehn bis zu zweiundachtztg Len­zen die Hand und konnte einen vollendeten Kratzfuß machen. Ich saß unterdessen mit meinem Freunde August Köhler, dessen Vater einen kleinen Bauern­hof im Dorfe hatte, mit zerrissenen Hosen auf irgend einem Pflaumenbaum, der natürlich in einem Gar­ten stand, in dem wir absolut nichts zu suchen hatten, und die Früchte waren auch noch nicht richtig reif, sonst hätten wir die Einbrüche natürlich nicht verübt, weil sie uns keinen Spaß mehr gemacht hätten. Er­folg: kein glänzendes Wohlbefinden, da wir Milch im Kuhstall darauf zu trinken beliebren, und recht ost eine Tracht Prügel. Beides ist mir ganz gut bekom­men __jetzt besser wie damals! — Toben des alten

Herrn selbstverständlich, und wenn Besuch kam, und der alte, liebe Rebendorff, der nun schon fünf Jahre von seinem Erdenspaziergang ausruht, sagte: Ein

forscher Kerl, dein Jüngster, alter Klaus, genau fo'n Tollkopf, wie wir waren: ein befriedigtes Lächeln meines Herrn Papas, — wenn ich nicht im Zimmer war. Also: Kadettenkorps! Beurteilung immer gleichlautend: schlauer Kerl, faul, jederzeit für Dumm­heiten aufgelegt, an Strafen durfte es nicht fehlen! Fähnrich — Schulden, Offizier — Schulden, Hände­ringen zu Hause, zuletzt Fußtritt wegen der dummen Geschichte mit meiner Verloberei. Und als ich die Rutschbahn in der Großstadt recht schnell herunter­fuhr, gab's zu Hause keinen Eberhard Trütow mehr, die Familie schüttelte mich kalt lächelnd und kräftig ab! Tot, — längst tot, für unsere bessere Gesellschaft! — Und nun kam der teure Vetter im Namen dieser teuren Familie in dem Karreiel eines Osterburger Schlossermeisters angefahren, zu dem bekannten Eber­hard v. Trütow, Ritter pp. Und der besann sich, daß es seinen Angehörigm immer recht gut gegangen war und ihm teilweise recht schlecht! Er dankte also in wohlgefehten Worten für die ungeheure Gnade und wünschte, die Familie derer v. Trütow erst wie­der zu sehen, wenn es ihm noch etwas besser gehen würde und sich das verwandtschaftliche Verhältnis noch intensiver gebessert böste. Darauf ziemlich reser­vierte Abfahrt der Prachtkutschei"

„Haben Sie denn nicht an Ihre Eltern gedacht?" fragte Erika leise.

„O doch, gnädige Frau! Ich habe wohl an meine Eltern gedacht, die erst mit dem Familienrat über­legten, ob ich als Sohn solle wieder ausgenommen werden, an die Eltern, die einen entfernten Vetter an mich sandten, anstatt selber wieder die Verbindung mit dem Sohne zu suchen. Kaum hatte besagter Ab­gesandter des Familienrates dm Gutshof im Rücken, hab' ich mich hingesetzt, an meinen Jugendfreund Au­gust Köhler einen Brief geschrieben, er bewirtschaftet jetzt sein kleines Gut, ihm ein Exemplar des Romans geschickt, und ihn gebeten, mir sofort zu telegraphieren, falls Vater oder Mutter krank werden sollten; dann bin ich sofort zur Stelle! Aber aus Gnade und Barm­herzigkeit einen faulen Frieden abschließen, — nein, dazu bin ich nicht der Mann! Die böse Zeit, an der ich sicherlich nicht schuldlos bin, hat manches Gefühl in mir ertötet!"

(Fortseßuna folgt)

Aus dem Nachbargebiele.

1911.

J

Deutschem Reich

Mit

Italien.

Mitten im Krieg, der in Tripolitanien Tausende treuer Katholiken für das Vaterland Gesundheit und Leben opfern läßt, schämen sich zu Hause die Kirchen- feinde nicht, einen schändlichen „Kulturkampf" gegen die katholische Kirche vorzubereAm, den sie schon lange herbeisehnen. Schildträger dieser Kirchenfeinde sind die Zeitungen „Seccolo" in Mailand und „Mes- faggero* in Rom. Romolo Murri, der Apostat, be­fürwortet in einer Reihe von Artikeln die religions­lose Staatsschule. Zwei Profefform der Hochschule, Brandileone und Chiovenza, treten für die Lockerung der Ehegesetze ein; der Dchntierte Alesso ruft nach Gesetzen wider die Kongregattonm. Nie war ein

solch . gehässiges Vorgehen wmiger am Platze, als jetzt, da Katholiken so gut wie Andersdenkende Blut und Lebm für die Sache des Vaterlandes opfern.

an, zur

ltchm Ordinariats, sowie den, der sich auf die Ver­urteilung wegen Beleidigung des Pfarrer Diesenbach bezog. Dienstag stand deshalb die Strafsache vor der Wiesbadener Strafkammer zur nochmaligen Ver­handlung an-

* Biebrich (Rhein), 14. Nov. 1911. Bei der Stadtvero rdnetmwahl in bet dritten Klass« siegten die acht bürgerlichm Kandidatm mit geringer Mehrheit über die sozialdemokratischen. Auf die Kaw bibaten bet oereinigten bürgerlichm Parteien entfielen 1069 bis 1079 Stimmen, auf bie bet Sozialdemokra­ten 1035 bis 1045 Stimmen.

* Bingen, 14. Nov. 1911. Nach langer Zeit bei Rückganges ist ber Rhein endlich im Steigen begriffen. Das jetzt anhaltmde Regenwetter er- toetft die Hoffnung, daß das Wasser ferner steigen wird. Der niedrige Wasserstand war für die Schiff­fahrt sehr hinderlich. In bett letzten Tagen sind in­folge bes tiefen Standes eine ganze Reihe Schiffs­unfälle vorgckommm. — Die Stadtverorbneiett-Ver- samntlung beschloß bie Errichtung einer Fest­halle am Rheinufer. Die Halle wirb von einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung erbaut, die hier­zu über 300 000 Mark aufwenden wird.

* Limburg, 12 .Nov. 1911- Der Verband ländlicher Genoss m schäften Raiffei- sen sch er Organisation in Nassau, dem 212 Genossenschaften angeschlossen sind, hielt hier seinen Verbandstag ab. Nach dem Jahresbericht .den Direk­tor Dr. Noldm erstattete, sind in den beiden letzten Jahren 14 neue Genossenschaften hinzugekommen, ein „Beweis wohl dafür, daß bie Unruhe im Verbands­bezirk erledigt" sei. Zum Winzerkrach Eltville and zur Affäre der Camberger Kornhausgenossenschaft sprach der Verbandstag in einer Resolution seine Ge­nugtuung und Freude aus über die durch den Soli- daritätssinn ber Wionärvereine zustande gekommene grundlegende und vollkommene Sanierung der land­wirtschaftlichen Zentral-Darlehnskasse, erwartet aber gleichzeitig, daß die noch mit ber Zeichnung bet Nach- tragsbestimmungen ausstehenden leistungsfähigen Ver­eine des Verbandes sich von dieser echt genossenfchast- lichm Mion nicht ausschließen werden.

* Aschaffenburg, 14. Nov. 1911. Der P r in z- r eg ent wird am Sonntag in Aschaffenburg eintref­fen und etwa acht Tage im hiesigen Schlosse ver­weilen.

Ausland-

* Borboten des Kulturkampfes in

Teilung von Koppelweide» in mehreren Gemeinden des gleichen Distrikts. Daß auch noch andere Kreise sich für die Hebung der Rhönverhältnisse interessieren beweist, daß die Deutsche Landwirtschafls- Gesellschaft 800 Mk. bewilligt hat. Man ist behördlicheriefts bestrebt, die weiiausgedehnten, teils recht minderwertigen Hutweiden und Rhönwiesen so zu verbessern, daß die Rhöndörfer ihren Bedary an Futter für das Vieh im eigenen Gemeindebezirk decken können. Seither müssen viele kleine Bauern ihr Heu 2 bis 3 Stunden entfernt aus der preußi­schen Rhön herüberholen und haben so außer der großen Mühe noch erhebliche Geldausgaben, die die Viehzucht unrentabel gestalten. Wie dies schon seit längeren Jahren in der preußischen Rhön der Fall ift, werden in letzter Zeit auch auf bayerischem Gebiet Meliorationsarbeiten, Düngungs­versuche, Aufforstung nsw. vorgenommen, wofür Mittel zur Verfügung gestellt werden. An den vielen weniger gut situierten Rhönbauern tun die zuständigen Behörden durch ihren Rat und Hilfe ein gutes Werk, denn es ist den kleinen Landwirten beim besten Willen nicht möglich, sich aus eigener Kraft emporzuarbeiten.

* Hilders, 15. Nov. 1911. Nach einer Eisenacher Zeitungsmeldung soll die herrliche Rundsicht von dem 814 Meter hohen Ellenbogen dadurch erweitert werden, daß man einen 25 Meter hohen Turm bei dem jetzigen Ellenbogenhäuschen zu errichten gebenft.

♦ Wiesbaden, 14. Nov. 1911. Der freireligiöse Prediger Welker in Wiesbaden hat, wie man sich erinnern wird, vor zwei Jahren in seiner Zeit­schrift „Es werde Licht" den Pfarrer Diefenbach von Eschbach beschimpft, ihn ein „Scheusal im Priester- kleide" genannt, weil dieser einem unbußferrig Ver­storbenen die letzte Ehre verweigert hatte. Im Ar­tikel war auch bie Rebe von bem Fronleichnamsfest unb bem „Teigbrocken, ber sich in ben Herrgott ver­wandle". Als die Katholiken Protestkundgebungen üeranftalteten, schrieb Weicker, das geschehe wohl auf Anweisung des bischöflichen Ordinariats; und er lud das Ordinariat ein zur Mitarbeit an Weickers Zeit­schrift: „Es werde Licht!" Die Strafkammer Wies­baden verurteilte Welker am 8. Juni 1910 wegen öf­fentlicher Beleidigung des Pfarrers Diefenbach in zwei Fällen zu 500 Mark Geldstrafe und Publika­tionsbefugnis. Von der Anklage wegen Gottesläste- rung unb Beleidigung des bischöflichen Orbinariats erfolgte Freisprechung. Das Gericht verttat bie damals viel bestaunte Ansicht, Welker sei ein Fa­natiker und sich des beschimpfenden Charakters seiner Worte nicht bewußt gewesen. Der Staatsanwalt ver­folgte in ber Sache Revifion beim Reichsge­richt. Das gab ber Revision statt, erkannte auf Aufhebung unb Zurückweisung an bie Vorinstanz, in­dem es den Teil des Urteils, der Weller von der Beschuldigung ber Gotteslästerung freisprach, nicht beanstanbete, jeboch ben, ber sich auf bie Freisprechung Wellers von ber Anklage ber Beleidigung bes bischöf-

nische Regierung, daß bie Kapitulationen unb bie an­deren Verträge für alle Italiener aufgehoben und diese dem Krtegsrecht wie die Türken unterworsen sind. Das Blatt „Jeune Ture" prophezeit den Krieg bis aufs äußerst«, wie denn auch mittlertocile das Parlament mit 125 gegen 60 Stimmen die Fort­setzung des Krieges beschlossen hat, und sagt ben Ita­lienern, wenn sie nicht einlenken, einen dreißigjährigen Krieg voraus, um Tripolitanien zurückzuerobem. Als Beispiel führt eS die Kämpfe an, die Frankreich lange Jahre hindurch zu bestehen hatte, um Algier de­finitiv zu erobern. Nach hier tingelaufenen Depe­schen sind alle Provinzen des Kaiserreiches für den Krieg. In Konstantinopel will man von einer Geld» enischädigung für Abtretung von Tripolitanien nicht» wissen. In Bagdad fanden Manifestationen von Männern und Frauen zu Gunsten des Krieges statt. Kurz: Italien will die Annexion, die Tückei gibt dies nicht zu. Möchten die Großmächte rechtzeitig Einsehen haben und beh«zigen die alte Mahnung: „Videant consules . > ,1"

Ans Kirche und Schule.

* Saßenburg (Holland), 13. Nov. 1911. Gestern verschied im Alter von 71 Jahren im Hospital zu Maastricht, wohin er zum Zweck einer Operation gebracht worden war, der bekannte Exegeseforscher Pater Joseph Knabenhauer 8. J-

X AuS der bayerischen Rhön, 18. Nov.

Der gegenwärtig tagende unterfränkische Landrat (Kommunallandtag) ist erfreulicherweise bestrebt, der bayerischen Rhön nach Kräften zu helfen. So hat er neuerdings wieder 500 Mark mehr für die be­rühmte Holz schnitz schu le in Bischofsheim genehmigt, ebenso die Positionen für Se.befferung der Rhön. Weiter werden Zuschüsse in Aussicht gestellt für die Errichtung einer Distrikts-Jung­viehweide im Distrikte Bischofsheim und für die

Amt Geisa und Umgebung.

* Geismar, 14. Nov. 1911. Die Meritze, Jagd wurde dem seitherigen Pächter, Gastwirt Mannel dahier, für die jährliche Pacht von 188 Mark (seither 108 Mark) auf weitere 4 Jahre zugeschlagen.

* Stadtlengsfeld, 15 Nov. 1911. Die vorüber­gehend eingerichtete Gendarmerie st ationen Weilar und Gehaas sind, nachdem ihre Mission durch die Gefangennahme des Klotzbach erfüllt ist, wieder aufgehoben worden.

* Weilar, 14. Nov. 1911. Wie das Amtsgericht Stadtlengsfeld bekannt gibt, ist in das dortige Han­delsregister eingetragen worden die Firma: „Rhön­werke, Ida Adler in Weilar, Metallwalpnfabrik und Ueberlandzentrale unb als bereu Inhaberin Frau Ida Adler, geb. Bartholome in Weilar". Somit wird die vor kurzem in Konkurs geratene Firma Gör­witz u. Comp." in obiger Form weitergeführt.

* Ans Thüringen, 15. Nov. 1911. In dem Metro­poltheater in Jena entstand bei der Vorführung kinematogtzopher Bilder ein Ftlmbra n d, ber unter bem Publikum große Auflegung hervorrief. Der den Apparat bedienende junge Mann hatte sich die Hände verbrannt unb mußte bet Klinik zugeführt werben. — Der Landrat in Meiningen macht bekannt, daß die Bergbaugesellschaft „Hannover-Thü­ringen" eine Chlockalium- unb Sulsatfabrik errichten unb bie Enblaugen in bie Werra ableiten will- Dazu sei festgestellt, baß ber Bezirksausschuß in Merseburg soeben bie Anträge von fünf Gewerkschaften auf Er­richtung von fünf Ehlorkaliumfabriken unb ben An­trag ber Gewerkschaft Roßleben auf Konzessionser- toeiterung grundsätzlich ablehnte, da die Versalzung der Flußläufe einen solchen Grad erreicht habe, daß die Wasserversorgung der Städte und das Arbeiten ber Papierfabriken unb Zuckerfabriken sehr erschwert fei. — Ein Bahnwärter in Lichtentanne ver-

+ Die Einlagen unserer Sparkassen.

Rücksicht auf den in Vorbereitung befindlichen Gesetzentwurf, der den Sparkassen die Anlage ihrer Fonds mit einem gewissen Prozentsatz in Staats- anleihen vorschreibt, ist es von Interesse, auf Grund der neuesten, zur Verfügung stehenden amtlichen Kahlen die Entwicklung im Deutschen Reich sich zu vergegenwärtigen. Innerhalb acht Jahren ist die Zahl der Sparkassen von 2685 auf 2956 an ge­diegen und damit bie Zahl der Konten von 14,8 Millionen auf 19,3 Millionen. DaS Gesamtgut­haben der Einleger belief sich int Jahre 1900 auf 8,8 Milliarden unb erreichte im letzten Berichtsjahr 15 Milliarben Mark. In gleichem Verhältnis ist auch bie Höhe ber Einzelguthaben angewachsen, nämlich von 694 auf 721 Mark durchschnittlich. Die Krisis vom Jahre 1907 ist naturgemäß auch an bem Bestanbe der deutschen Sparkassen nicht spurlos vorübergegangen. Indessen war nur eine geringe Zunahme des Fortschrittes zu verzeichnen, nicht ein Abnehmen ber ersparten Summen über» Haupt. Diese Steigerung in bett Anlagen bei Sparkassen ist ein beutlicher Maßstab für bas Wachsen bes Wohlstanbes bet Bevölkerung.

-T- Straßburg, 12. Nov. 1911. Die verfaffungs- mäßig vorgesehenen Wahlen zur Ersten Kammer sinb nunmehr vollstänbig vollzogen. Soweit sich bis jetzt überblicken läßt, wirb ber liberale Gou- vernementalismus bie erdrückende llebermacht haben.

Besonders ber Landwirtschastsrat hat sich burch bie Wahl seiner Vertreter eine arge Blöße gegeben. Die unter bem Druck bet Regierung vollzogenen Wahlen beS Landwirtlchastsrates stellen bas schreienbste Mißverhältnis zu bem tatsächlichen Ver­hältnis bat. Wenn man beb.nkt, baß ber Liberalis­mus auf bem flachen Lause geradezu bedeutungslos ist, so mutet es komisch an, daß die vier landwirt­schaftlichen Vertreter des Elsasses sämtlich Liberal­demokraten sind. Natürlich sinb alle vier protestan- tisch. Die beiben lothringischen Vertreter gehören der liberalen Richtung bes Lothringer Blocks deren sämtliche Kandidaten bei den Wahlen Zweiten Kammer bekanntlich unterlegen sind.

Bom Fuße des Libanon.

Dr. Jos. Lam meyer, Beirut.

~ u .t„in,?aett haben die Türken an verschle- Seit eimg ÄauOncn aufgepflanzt, so in

der^ähe des RLS Beirut bei Juran, bei dem Pinien- LC fk f,nh Quarantäne Die Garnison von Bei-

ist "urch Truppen aus Damaskus verstärkt wor- öcn Auffallend war es mir, daß die seit der Kriegs- erkiärung durch die Stadt ziehenden Patrouillen sich mehrten. Statt des erloschenen Feuers am Leucht- iurm sieht man Bftvaffeuer. Schon beginnt die kom- merziclle Lage sich zu verschlechtern. Die Banken ha­ben fast nichts zu tun. Seit längerer Zett zeigt sich in Beirut ein Abflauen im geschäftlichen Betrieb. Schuld daran ist zunächst das Auftreten der Cholera in Damaskus, Tripolis, Haiffa und neuerdings auch in Beirut- Leute, die sonst im September hierher kamen, um ihre Einkäufe für den Winter zu machen, blieben aus. Deshalb kommt kein Geld hierher. Von Tripolis sind sehr viele Bewohner auf das Libanon­gebirge geflüchtet wegen der Cholera, sodaß dort der Handel förmlich stockt. Dies hat natürlich seine Rück- wirkung auf Beirut als Zentrale. Diese Situation verschlechterte sich noch durch die Kriegserklärung. Man ist sehr ängstlich. Geld zeigt sich nicht. Wer Geld hat, versteckt es, um im Falle längerer Kriegsdauer einen Pescrvefouds zu haben. Folglich zahlt niemand die Waren. Man beschränkt sich auf das Notwendigste. Der Handel mit Aleppo unb Damaskus ist ganz lahm gelegt. Jeglicher Kredit ist geschwunden. Aus ber Provinz kommt kein Bargeld. Man braucht sich aber deshalb keinen Befürchtungen hinzugeben. Denn Bei­rut ist ein solider, kapitalkräftiger Platz- Hoffenttich bleib.11 kriegerische Aktionen ausgeschlossen. Doch wird die wirtschaftliche Lage noch von einem andern Feind bedroht, dem Boykott gegen italienische Waren in Konstantinopel, Smyrna, Saloniki, Beirut und allen türkischen Hafenstädten. Dieser wird geleitet von den Barkensührern, die das Ausschiffen der Damp­fer besorgen. Es sind dies Mohammedaner, die nach der Weisung des berüchtigten Kerim Aga handeln, des Chefs der Barkenführer in Saloniki, der seiner Zeit auch den österreichischen und griechischen Boy­kott geleitet hat und nur die Befehle unb Wünsche des jungtürkischen Komitees in Saloniki ausführt. Sa­loniki ist noch immer die politische Hauptstadt, von dort ging auch die Revolution aus. Arn 5- Oktober traf die „Maria Theresia" in Beirut ein, welche sehr viele italienische Waren an Bord hatte. Schon vor Eintreffen des Dampfers ließ der Chef der Barken- führcr dem Agenten des österreichischen Lloyd mit­teilen, er solle sich nicht unterstehen, die Waren aus­zuladen, man würde sie sonst ins Meer werfen. Tat­sächlich wurden alle österreichischen und deutschen Wa­ren, aber keine italienischen ausgeschifft. Der italie­nische Boykott wird viel schaden. Denn hier ist man an viele italienische Artikel gewöhnt, die zwar 'durch andere erseht werden können, aber nicht zu dem glei­ten Preis zu haben sind.

Den Hauptvorteil vom Krieg wird wohl England einheimsen, da man zur Erlangung des wichtigsten Ar­tikels, der Baumwollwaren, schwerlich nach Deutsch­land und Oesterreich sich wenden wird, die die Waren nicht so anfertigen können, wie man es von Italien gewohnt war. Früher beherrschte England diesen Markt, alle diese Arttkel kamen von Manchester, bis Italien das Feld eroberte. Einer der ersten Groß­kaufleute von Beirut sprach mir gegenüber den Ge­danken in Gestalt der rhetorischen Frage ans: „Wer weiß, ob die Engländer nicht den Hintergedanken haben, das italienische Geschäft zurückzuerobern, da sie die Italiener in Tripolitanien so gewähren las­sen?" Die christliche und mohammedanische Bevöl­kerung Syriens hält die Italiener im Vergleich zu den anderen Großmächten für minderwertig. Deshalb empfindet man es umsomehr, daß ste sich so etwas gegen die Türken herausnehmen- Der christlichen Be­völkerung, die in französischen Schulen erzogen und von Frankreich stark beeinflußt ist, wird systematisch suggeriert, daß Deutschland infolge der Marokkoafsäre die Schuld am Kriege trage. Wie man bis jetzt über­all hört, soll die Pforte entschlossen fein, alle Kräfte aufzubicten, um den einzigen Fleck afrikanischer Erde, auf dem der Islam noch ungestört ist, dem Halbmond zu erhalten. Vor kurzem veröffentlichte die ottoma-

Lebenswende.

37] Roman von Horst Bodemer.

Hans Heinrich drückie Sosquen stumm die Hand und hals seinem Weibe beim Aussteigen. Er konnte nicht reden, die Vergangenheit stürnite aus ihn ein. Wie ein Fahnenflüchtiger hatte er dem väterlichen Erb: den Rücken gekehrt, hatte es ohne Kampf dem kapitalkräftigen Fremdling überlasten, der keine Zn- sriedcuhett, keine Freude am Besitze gefunden hatte. Da ivar Jochem eingesprungen und pflanzte hier vor­läufig sein neutrales Banner auf.

Und der erriet Hakburgs Gedanken.

„Wenn deine Stunde geschlagen hat, ziehst du hier wieder als Herr ein!"

„Wie danke ich dir!"

Krampfhaft drückte er Sosquen die Hand. Der lachte.

„Nein, nein, HanS Heinrich, geschenkt wird dir nichts; — also wozu der Dank?"

Trütow reichte Erika seinen Arm.

„Da ich hier Vizeobermarschall bin, darf ich Sie wohl ins Schloß führen!"

Mau lachte über den kleinen, spassigen Kerl und folgte ihm.

„Hans Heinrich, wie kommst du dir nun vor? — Diese drei Zimmer habe ich mir eingerichtet, alles be­zahlt bis auf den Federhalter, das verdanke ich dir, und wenn ich, Ritter des Kronenordens vierter Güte Ehrenzeichen zu vergeben hätte, bekämst du das Groß- kreuz des Trütowfchen Hausordens mit Eichenlaub und Krone mitten aufs Herz gepflastert!"

Und bann führten Ada und Jochem Hans Hein­richs in ihre Zimmer.

„Na, na!" Sosquen schlug seinem langen Schwa­ger auf die Schulter.

Der komtte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Ich komme mir eigentlich erst seit heute recht erbärmlich vor!"

Erika war an feine Seite getreten und hatte die Arme um feinen Nacken geschlungen.

„Aber Manul!"

„Nein, mein Junge, zu solchen Vorwürfen liegt kein Anlaß vor. Du arbeitest, kämpfft in ber Ferne um deiner VA« Land, also den Kopf hoch und der Zukunft an der Seite deines treuen Weibes fest ins Auge gesehen! Du bist jung, immer »erben dir solche Erfolge nicht blühen, wie in dieser ersten Zeit; aber das Härteste hast du überwunden! — Und nun kommt, von unserer (Atem Grab wollen wir uns neuen Mut holen!"

Hand in Hand schritten ste durch den Park, die Blätter raufdjten leicht im Winde, in den Ställen ras­selten die Ketten, blötten ein paar Kühe, die nicht hinaus auf die Weide getrieben waren.

Ein Heiner Sandsteinbau schimmerte aus dem Grün heraus — bte Erbgrust.

Und als sie ben Rückzug antraten, war Hans Heinrichs Schritt fester, fein Auge ruhiger.

Trütow empfing die vier auf der Veranda.

„Meine Herrschaften, willkommen für heute an der Tafel als meine Gäste!"

Und der kleine Kerl hatte mächtige Anstrengungen gemacht.

Als man nach Tisch bei Kaffee und Zigarren unter den alten Kastanien am Teiche saß, hatte Erika schon eine Menge reizvoller Partien entdeckt, die ste auf ihre Leinwand Bannen wollte.

„Ueberanstrcnge dich nur nicht, mein Liebling."

„HanS Heinrich, dir Erinnerungen aus deiner Kindheit in unfer Heim mitnehmen zu können ist keine Anstrengung, eine Erholung."

Und Ada meinte: „Du hast recht, dann wird er mit noch größerer Kraft um seine Heimat kämpfen."

Trütow legte sich in feinen Stuhl zurück, reckte die Arme und ballte die Fäuste.

„Kinder, ich hab' euch noch etwas zu erzählen! — Denk: mal, ich habe vorgestem Besuch gehabt; ein Abgesandter des Familienrates derer v. Trütow war da! Mag der Himmel wissen, bei wem er meine Adresse aufgeftoßert hat!"

„Da kann ich dir vielleicht Auskunft geben!"

„Unnötig, Hans Heinrich! — Also ich krieg von diesem entfernten Vetter ein Telegramm: „Komme 10 Uhr 20 Minuten, erwarte Wagen Bahnhof." Ich habe mir aber gesagt, meine teure Familie hat mich