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261.

Erstes Blatt.

F«lda- Dienstag ven 14. November 1911.

38. Jahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 19. November 1911.

Auf der Tagesordnung steht die Interpellation Al. brecht und Genoss. (Soz.) betr. Entlassung von ärbel» lern der Reichseisenbahnen.

Abg. Emmel (Soz.): Im Gegensatz zu der Zusick«, rung des Chefs der Reichseisenbahnverwaltung hat die Straßburger Eiscnbahnbehöroe gefordert, daß die Ver» eine der Eisenvahner die Tagesordnung ihrer Ber» sammlungen einsenden und letztere beaufsichtigen laste» sollen. In einem Mühlhausener Verein haben der Vorsitzende und der Schriftführer trotz ihrer Beschwer» >n sich diese Beaufsichtigung gefallen lasten müssen, haben aber schließlich darauf bestanden, daß der beauf­sichtigende Beamte nach Erledigung der Tagesordnung, pls man interne Angelegenheiten des Vereins behau» dein wollte, sich entfernte. Darauf ist beiden alsbald gekündigt tvorden. Redner bespricht sodann noch einige weitere Fälle, u. a. auch die Entlastung des Redakteur» des Verbandsorgans, der Mitglied des christlichen Ge» Werkschaftskartells gewesen sei und lediglich in sachlicher Eßcifc im Organ die Vorkommnisse geschildert habe.

Eisenbahnminister v. Breitenbach: Die Angestellten IieS Eisenbahnbetriebs mästen sich gewiste Einschrän- ungen ihrer staatsbürgerlichen Rechte gefallen lasten, owcit sie durch die Sache geboten sind. Deshalb kön- tert und werden wir es niemals ge st alten, daß ich unsere Angestellten dazu verleiten lasten, Bestre» >ung en zu fördern, die auf den Umsturz der >estehenden Staats- und Gesellschaft s» Ordnung hinauslaufen. (Beifall rechts.) selbstverständlich ist die Generaldirektion in Straß» sturg nicht befugt, Versammlungen auf Grund des Reichsvereinsgesetzes aufzulösen. Sie ist auch nicht be» fugt, Beauftragte mit polizeilichen Befugnisten in Ver- sammlungen zu beordern; wohl aber ist sie befugt, von ihren Angestellten zu verlangen, daß sie Beauftragte der Verwaltung in ihren Versammlungen zulassen. Wenn sie das nicht tun, machen sie sich einer Gehör» samsverweigerung schuldig, und da bleibt nichts an­deres übrig als Kürrdigung. v. Breitenbach geht dann auf die einzelnen, von dem sozialdemokratischen Redner 'borgebrachten Fälle ein und sucht das Verhalten der Verwaltungsbehörden zu rechtfertigen.

Es findet Besprechung der Interpellation statt.

Abg. Becker-Arnsberg (Zentr.): Ich stimme dem Herrn Minister vollständig darin bei, daß alles getan werden muß, um die Bestrebungen der französischen Syndikalisten im deutschen Berkehrsgewerbe nicht ein» reißen zu lassen. Die Notwendigkeit der Aufrechter. Haltung der Disziplin muß ich dem Minister durch- gu? zugeben, doch in den vorliegenden Fällen ist gleich bet? gröbste Geschütz aufgefahren worden, und das bei den Arbeitern, die schon Jahrzehnte im Betrieb waren. Wäre da nicht eine scharfe Verwar» liung genügend gewesen? Der Minister hat uns das Bestreben des Verbandes geschildert, die ArbeiterauS» schuste mit seinen Leuten zu besetzen. Das ist doch nur natürlich, und wenn ich von meinem Standpunkt aus auch wünsche, daß die Ausschüsse sich nicht nur aus Mitgliedern des Verbandes zusammenfetzen, so kann ich in dem Bestreben des Verbandes doch keinen Grund für das Vorgehen der Verwaltung erblicken. In Preu» tzen wünschen die christlich-nationalen Arbeiter sogar bisweilen eine Teilnahme von Beamten der Behörde an ihren Versammlungen, selbst die Sozialdemokraten haben früher einmal einen solchen Wunsch ausgespro» 'chcn. Aber die Behörden schicken meist keine Vertreter. (Abg. Emmel: Wir wollen leine, Spitzel!) Spitzel dürfen es natürlich nicht fein! Die Beamten müsten 'den nötigen Takt und das nötige Verständnis besitzen, feie dürfen natürlich nicht gleich jedem armen Teufel, ■her sich einmal verheddert, auf den Leib rücken. An allen Versammlungen soll die Behörde auch nicht teil» nehmen. Es kommt ja vor, daß einmal m der Orga- nisaiion schmutzige Wäsche gewaschen wird, dazu brau­chen wir die Behörde nicht. Selbstverständlich muß der tEisenbahnarbeiter auf das Streikrecht verzich­ten <^arin sind sich alle bürgerlichen Parieren ernrg, auch alle Arbeiter deirken so, die nicht sozialdemokratisch sind. Und das sind 90 Prozent aller Eisenbahnarberter. Freiwillig verzichten sie auf ein gesetzliches Recht. Solche Männer verdienen das Vertrauen der Verwal­tung, ihr:en muh man möglichst weit entgegern komm -:u. Da darf man nicht gleich mit der Ent- laffniig anrücken. Wir kommen um eine Neurege» lung des Koalitionsrechtes nicht herum. .Denken Sie an die neuesten Vorgänge, wo man ine iTechniker zwang, aus den Organisationen auszutreteu. ;®as Koalitionsrccht muh den Arbeitern s>cherge­stellt tverden, es müsten diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden können, die es dem Arbeiter verküm­mern wollen. Das zu verlangen, haben aber we So­zialdemokraten kein Recht, sie üben selbst Tag «für Taa den scklimnisten Terrorismus aus. I (Lebh. Beif. i. Zentr.) Sie sollten erst mit dem von Tag zu Tag wachsenden eigenen Terra rt smu» a u f h ö r e n. Achten Sie doch endlich das KoaluwnS» recht der nichtsozialdemokratischen Arbeiter. (Beifall !recht?- und im Zentrum, Lärm der Sc«.) Die Mitglre» der des christlich-nationalen G u t e n b e r§b und es hai man aus der Reichsdruckerei hcrausgedrangt. Lebh. iÄört, hört! rechts und im Zentr.) Ihre Interpellation müßte lauten: Was gedenkt der Reichskanzler zu tun, um das Koalitionsrecht der Arbeiter in dec Reichs- drucke rei gegen die Aiigriffc der sozialdemokratischen Arbeiter zu schützen. (Lebh. Beifall rechts und ,m ' Vbm'^raf Westarp (kons.): Die Frage, ob die Ver- waltung durch das Bereinsgesetz oder sonstige gemtz- iliche Bestimmungen verhindert ist, Arbeiter oder Be­amte wegen ihrer Beteiligung an Vereinen oder Ver- ifommlungcn disziplinarisch zu bestrafen, ist zu ver» ■fteinen. ES ist Pflicht der Verwaltung, Disziplinär- Widrigkeiten mit aller Schärfe entgegenzutreten.

Abg. Beck-Heidelberg (natl.): Wir wollen den Ar» beitern unter allen Umständen das Koalitionsrecht wahren. Die Verwaltung darf keinen Einfluß auf Organisationen ausüben. Das würde der polizeilichen Aufsicht gleichkommen, insbesondere ist die Entsendung von Beamten wenigstens in geschlossene Versammlungen nicht zu empfehlen.

, Abg. Dr. Müller-Weinigen (Pp.): In den cmge» j führten Fällen handelt eS sich nur um taktische Fehler !®on feiten der Arbeiter. Wie kann man da so d r a - Jonische Strafen verhängen? Unzweifelhaft liegt .«ine Beschränkung des Vereins- und VersammlungS- srechts vor. So fördert man das Spitzeltum und wirkt aufreizend, lieber sozialdemokratischen Terror klagen auch die H.irsch-Dunkerschen Gewerkver» eine. (Hört, hört! im Zentr.) Wir verlangen end» IM) ein klares, positives gesetzliches Koalitionsrecht.

Abg. Dr. Hoffet (Rp.): Man soll die Arbeiter mit großer Rücksicht behandeln, aber die Disziplin müsten sie halten.

Abg. Rowicki (Pole) protestiert gegen die Besckrän» lung des Koalitionsrechtes der polnischen Eisenbahn» arbeite!.

i Abg. Behrens (wirtsch. Vgg.): Mr wünschen das junbcdingte Vereinsrecht für die Arbeiter, aber ohne

Streikrechtl E» ist do» verdienst be» heutigen Tages, daß alle «rgerlicke» Parteien sich auf diesem Grund­sätze zusammengefund« habe». Die Arbeiter sollen nicht sozialdemokratisch stimmen, aber auch nicht die Beamten. Da» P aber ,n der geitde» Großblock» geschehe«. In dem vorliegenden Falle trifft di« sozialdemokratische Agitation mindesten» ein Teil der Verantwortrwa für Re Entlastung der Arbeiter. Der Redner spricht über den Terror«»- mu» der Sl^ialdemokraten gegenüber andersgesinn­ten Arbeitern. Die Freiheit bei ArbeitSvertragS, bie freie Ausübung be» ÄoalttioaSrecht», bie Freizügigkeit ist nirgenbfl so schlecht gewahrt, al» wo bie Sozialdemo­kratie die Macht hat.

Dienstag: Klein« Mir»; danach Weiterbesprechung der heutigen Jnterpekkltiou.

s. Die Zustände im französischen Ministerium des Aeutzern

müssen nach Enthüllungen, die eben in französischen Blättern veröffentlicht werden, geradezu zum Himmel schreien.

ES wird berichtet über eine schier u«• glaubliche Unwissenheit und Hilflosig­keit des dortigen Ministers des Auswärtigen und über eine höchst verworrene Geschäfts» führung im Auswärtigen Amte von Paris. Nach­geordnete Beamte betrieben die auswärtige Politik Iber die Köpf« der Minister hinweg; sogar dieJn- truktioneu für den Unterhändler Zules Cambon ollen von diesen unberufenen Machern ihre ent» cheidende Zustutzung erhalten haben. Der,Tempsh der eine scharfe Kritik an den Zuständen im Ministerium übt, schreibt u. a :

„Wie konnte eS Vorkommen, daß ein Telegramm, das di« französisch-spanischen Marokkoverhandlungen betraf, nicht erst dem Direktor des Auswärtigen Amtes zur Begutachtung vorgelegt wurde, sonder,« gleich an eine untergeordnete Stelle seinen Weg nahm? Durch die Unwissenheit des Herrn de SelveS über den Gang der spanisch-französischen Ma­rokkoverhandlungen werden diese nur noch sch wie- tiger gestaltet, als sie e» schon vorher waren. ES soll deS weiteren vorgekommen fein, daß Herr Cam­bon während des Verlauf» der deutfch-franzöfischen Marokkoverhandlungen Paris mit mündlichen In, struktione» verlassen hat, di« ganz verschieden von denen waren, bie er später schriftlich fixiert vorfand. Auf eine Anfrage Cambons in Paris toegeit dieser verschiedenen Instruktionen wurde ihm zur Ant­wort, daß die Abänderung zu Recht geschehen sei, und er nach den schriftlichen Instruktionen die Ver­handlungen mit Herrn von Kiderlen-Wächter vornehmen sollte. Diese Aeuderungen sollen wieder- holt stattgefunden haben. Cambon führte wiederholt über die Mißstände tot Ministerium des Aeußeren lebhafte Klage, ohne daß dir jetzt auch nur das Ge­ringste geschehen wäre, diesen abzuhelfen."

Die heillose Wirtschaft ist gerade zur rechten Zeit aufgedeckt worden. Nämlich um gewissen deutschen Bewunderem dec ftanzösischen Staatskunst klar zu machen, daß auch in Paris mit Wasser gekocht wird-

Dir Deutschen haben ja leider immer noch die Neigung, das Fremde höher zu schätzen, als das Einheimische, was „nicht wett her ist". Zu dieser erblichen Belastung trat im vorliegende Fall das per­sönliche oder parteipolitische Bestreben, die Marokko- Angelegenheit agitatorisch gegen die eigene Regie­rung auSzubeuten. Demgemäß tourben die deut­schen Diplomaten als gottverlassene Verkörperung der Dummheit und Feighett hingestellt, dagegen die französischen Diplomaten als triumphie­rende Prachtexemplare der Weisheit, Tapfeckeit und Gewandtheit, auf die sogar Fürst Bismarck neidisch werden könnte. AuS den Enthüllungen erkennt man, daß zu einer Verhimmckung der franzöfischen Diplo­matie kein Anlaß vorliegt. Wir wollen uns bei dem Anblick, dm die Zustände in Paris gewähren, keines­wegs der Schadensreu bei Hingaben, aber bie "blmbeifrigen Bewunderer der französischen Siaats- kunst könne« doch ihre vorgefaßte Meinung revi­dieren.

Vor der Schadenftenbe muß uns schon die Erinnerung an den November 1908 bewahren. Da­mals wurde auch eine heillose Wirtschaft in un­serem auswärtigen Amte mthüllt. Tas hochroich- lige Schriftstück, das die.sog. Interviews des Kaisers enthielt und vom Hofe selbst zur Begut­achtung und Prüsung dem Auswärtigen Amte über­geben war, wurde »ur von einem Kanzlei- beamten gelesm, der nur auf die Korrektheit der Daten sah und um die politische Bedeutung und Wirkung der Schrift fich nicht im mindesten iüm- werte. Und Fürst Bülow, der verantwortliche Reichskanzler, versah die Niederschrift von kaiser­lichen Aeußernngen mit seiner Druckerlaubnis, ohne auch nur ein Wort gelesen zu haben. Aus diesem Zusammeuwirkm vor« Beschränktheit nnb Faulheit entstand jener ungeheure Skandal. Der leichtfertige Fürst Bülow und seine Block-reunde wußten aber die Sach« so zu drehen, daß die öffent- liche Meinung fich gegen den Kaiser richtete und nicht gegen die schlampige Wirtschaft im Auswär­tigen Amt.

Wir können nur nut Beschämung an diesen Vorgang zurückdenken. Aber wir dürfen uns auch zum Tröste sagen, daß seither die Geschäftsführung aus unserer Sette in bessere Hände gekommen ist,

Herr v. Bethmann-Hollweg ist ein ernster, sehr gewiffenhastcr Arbeiter, in den Augen vieler Leute zu schwerfällig oder gar kleinlich; es ist ganz undenkbar, daß er feinen Namen unter ein un­gelesener Manuskript von kaiserlichen Aeuße- nntgen setzen würde. $err v. Kiderlen-Wächter ist ebenfalls ein strammer Amtschef, der bei seiner reichen Geschästserfabrrmg und Energie sich nicht von Nachgeordneten Beamtm bevormunden läßt. Mau braucht ja die beiden Männer keineswegs für Bismarck U und HI zu halten; aber wer fich hüben und brüten richtig umsteht, wird eS doch für sehr unwahrscheinlich haften müsse», daß diese deutschen Staatsmänner an gesundem Menschen­verstand und Willenskraft so fürchterlich weit zurück- ständen hinter den franzöfischen Kollegen von der­selben Fakultät, bei denen es, rote Figura zeigt, doch febr menschli«*» zugeht.

Diese Erwägung soll unS nicht abhalten von einer grünblichen Prüsung deSMarokko- unb beS KongoadkommenS, aber fie sollte unS von einer vorgefaßten Meinung, von der lieber» schätzung beS AuSlanbeS mrb der pessimistischen Beschmutzung deS eigenen NefleS abhalten.

Unsere Diplomaten haben nicht alles erreicht, waS wir wünschen, aber bie französischen Diplo­maten haben auch Opfer bringen müssen, bi« sie unb ihre LanbSleute gern vermieden hätten. Wenn bie französische Presse unb beten Helfershelfer in Englanb von einem vollen Triumph bet französischen Staatskunst unb einer schweren Niederlage ber Deutjchen teben, so entspricht baS ihrer Kunst ber Reklame unb ber effektvollen Inszenierung. DaS „Volk bet Denket" sollte aber nicht hereinfallen auf diese selbstgefällige Marktschreierei feiner Gegner.

Deutsches Neich,

** Berlin, 13. Nov. 1911. Der Kaiser hat dem Fürsten zu Castell-Castell vom Vorstand deS Deutschen Floltenvrreins den Roten Adlerorden 1. Klaffe verliehen. — Eine gründliche Umarbeitung derAnsführungsbestimmungeuzumKali- gesetz hat das Landesökonomiekollegium beim Land- wittschaftSministerium beantragt.

Im Reichstage haben am Montag die Sozia­demokraten die Rolle der betrübte» Gerbet gespielt, denen bie Felle wegschwammen. Sie hatten ge­glaubt, mit ihrer Interpellation über bie Entlassung von Arbeitern im Reickslande für bie Wahlen im Trüben fischen zu könne», sind babei aber gründlich hereingefallen. Der Jnterp llant Emmel glaubte barlegen zu können, baß die Ent­lassung bet Arbeiter im Widerspruch zu dem Vereins­gesetz stehe und daher unzulässig sei. Auf diesem Kartenhaus war seine ganze Agitation aufgebant. Es war ein leichtes für den Eisenbahminister Breitenbach, dieses luftige Gebilde zu zerstören, denn zutreffend führte führte er aus, daß durch bas Reichsvereinsgesetz baS Arbeitsverhältnis unb das Diszipkinarrecht nicht berührt werde. Es ge­lang ihn«, nachzuweisen, daß das Verhalten ber gemaßregelte«« Arbeiter berart war, wie es in einem geordneten Staatsbetrieb nicht geduldet werden kann unb wie es auch ber Privatunternehmer in seinem Beiriede nicht buldet. In bieser Auffassung h?tte er, abgesehen von bet Volkspartei, bereit Sprecher Müller-Meiningen war, das ganze Hans auf seiner Seite. Freilich kam von feiten mehrerer Abgeordneten zum Ausdruck, daß es vielleicht belfer gewesen wäre, bei bet Maßregelung nicht gleich bie schärfste Strafe bie Entlassung, zur Anwenbung zu bringen. Eine ersreul'.che Hebereinstimmuug ber bürgerlichen Parteien machte sich auch ge tenb hin­sichtlich ber Streikberechtigung für Eisenbahn- arbeitet. Von allen Seiten würbe erklärt, baß ben Eisenbahnern ein Streikrecht nicht zugebilligt werben könne, daß ab et auf der andern Seite umsomehr diese» Arbeiter» bie Koalitionsfreiheit gesichert unb außerdem andere äquivalente für die Verzicht­leisturi g, das anderen Arbeitern zusteht, zugestanden werben müßten. Wit hätien gewünscht, baß bie Arbeiterschaft Zeuge ber gründlichen Abrechnung gewesen wäre, die ber Abg. Becker (Ztr.) mit ben Sozialdemokraten veranstaltete. Seine Vorwürfe gegen die Sozialdemokratie, die ihrerseits den gröbsten Terrorismus ausübe unb ben nichtsozialdemokra- tischen Arbeitern fortgesetzt dar Koalitionsrecht unterbinde, machten großen Eindruck im Hause. Dir wenigen Genoffen, die zur Stelle waren, saßen wie begossene Pudel da.

)( Der Reichstag will in den erste» Tagen des Dezember mit feinen Arbeiten jhch-g werden und zwar auf Gmnd folgenden Arbeitsplanes: Am Dienstag sollen die Interpellationen zu Ende be­raten werden. Dann sollen zunächst das Schiff­fahrtsabgabengesetz sowie das H a u s a r- beitSgesetz erledigt werden. Die erste Hälfte der nächsten Woche bis zum Feiertag soll fitzungsfrei bleiben. Am 23. November wird man dann mtt ber Beratung des PrivatbeamtengesetzeS begin­nen, und man hofft, daß dann der Schluß der Tag­ung in den ersten Dezembertagen erfolgen kann.

)( Eine neue Oftmarkeu-Borlagr. Verschiedene Blätter melben die Fertigstellung einer neuen Ost­markenvorlage. Es handelt fich um eine Maßregel, neuen Uebergang deutschen Bodens in polnisch« Hände zu verhindern.

)( Der neue preußische Etat, der nach einer Zei­tungsmeldung schon fertig vorliegen sollte, ist noch nidjt abgeschlossen. Die Fertigstellung bereitet einige Schwierigkeiten, da die Finanzverhültnisse für die nächste Etatsperiode fich wenig günstig gestaltet haben.

** Rekrutenvereidigung. Gestern vormittag fand in Potsdam im historischen Exerzierhaus die feierliche Vereidigung der Rekruten der Garnison in Anwesenheit des Kaisers und der kaiserlichen Fa­milie, sowett sie in Berlin war, statt. I» seiner Rede forderte der Kaiser die Rekruten zu ernster Wichterfüllung auf und »>ies auf die Ehre hin, der fie durch ihren Eintritt in seine Garde teilhaftig würden.

s Das Marokkoabkommen wirb von heute ab Gegenstand ber Beratung in ber Budget- kommissio» fein. Es ist wohl sicher, daß btt Beratung fast durchweg hinter »erftbioffenen Türen unb unter Ausschluß jeder Berichterstattung erfolgen wirb. Die Presse hat zu ben Kommissionen ja ohnehin keinen Zutritt. Längere Auseinauber- fetzusgen erwartet man nur über ben Antrag des Zentrums ans Abänderung be» Schntzgebiets- g«setze 8, wonach ber Reichstag stets muzube­schließen hat, wenn Grenzveränberungen vorkommen. Aus ZentrumSkreisen ist soeben auch ein Antrag Müller-Fulba unbGenossen eingebracht worben, ber bem Reichskanzler ausgeben will, «m Interesse ber beutschen Industrie bei den noch mtt Fran^ reich infolge des Abkommens über Marokko unb Aequatorialafrika zu schließenben Verträge» u. a.

in Verhanblungen über zweckentsprechende Aenberung btt französische» Torabeftimmunge» vom 27. August 1911 einzutreten. (Es handelt sich babei u die Abwendung ber Folgen einer Bestimmung, wonach eine Anrechnung ber Tara von 1 bis 5 Prozent zuläffiA ist. Für einen Test unseres Exports würbe baS eine Belastung mit etwa einem Drittel des Wertes bebeu en. Die Resolution fordert daher für ben deutschen Handel, es entweder bei dem bisherigen Zustand zu belassen ober Frankreich zu bewegen, baß eine hohe Taraanrechnung stattfindet.) Man nimmt in parlamentarische» Kreisen an, daß beide Anträge beS Zentrums bei ber Regierung nicht auf unüberwindliche» Widerstand stoßen werden.

— Zwölf sozialdemokratische Protest-Versammlungen gegen den italienifch-türkifchen Krieg Haden am Sonntag mittag in Berlin ftattgefunben, an bene» von ausländischen Abgeordneten Vanbervelbe« Brüssel, Thomas-Paris, Huyssen-Lonbon, Dr. Ren­ner unb Winarski-Wien teilnahmeu und als Redner auftraten. In allen Versammlungen wurde eine Re­solution angenommen, bie gegen „bie freche Frie­densstörung durch bie italienische Regierung prote­stierten." — Die italienischen Sozialdemo­kraten haben ben italienischen Raubzug, rote schon roieberhoft festgestellt worben ist, mit ziemlicher Be­geisterung aufgenommen.

** Münster, 12. Nov. 1911. Der 6. Münsterrsche. Zentrumsparteitag fanb heute hier statt. Der : geschloffenen Sttzung ber Vertrauensmänner, ber eine große Zahl Abgeordneter beiwohnte, folgte eine glänzend besuchte öffentliche Versammlung. Stürmischer Jubel begrüßte besonders auch be» Zentrumsführer unb Abgeordneten für Münster- CoeSfelb, Abg. Dr. Frhr. v. Hertling, namentlich deswegen, weil er zum ersten Male nach über­standener schwerer Krankhett wieder in seinem Wahl­kreise erscheinen konnte. Gr hielt einen Vortraa über die politische Lag'.

Seine Ausführungen decken fich im wefentlichen mit seiner Rede im Reichstage. Stürmisch« Zustimmung rief e» hervor, al» er erklärte: Wir Deutsche ftob et« friedliebendes Volk, wir denke« garnicht daran, ohne dringend« Not zum Schwerte zu «reifen, aber wir sind auch ein Volk, da» entschlossen ist. für seine Leben»- intereffen mit aller Energie einzutreten. Unb zu die­sen vitalen Interessen gehört die Ausdehnung.» Wir be­dürfen einer friedlichen Ausdehrmna im Interesse nn» serer Bevölkerung und unserer Industrie, und dies«» Recht und diese Pflicht wollen wir un» von feinet Groß­macht beschränken lasten. Bei Erörterung der innere« Politik kennzeichnet« der Redner die Bestreburigen zur Echafsung eine» Grotzblocks, dessen Anzeichen in de« Wahlen zu Düsseldorf, Konstanz und Jmmenstadt be­reit» in bie Erscheinm«g getreten sind. WaS a««ge- strebt wirb, sst da» Herauflommen einer liberalen Aera, und diese kann nur geschaffen werden, indem man daS Zentrum ausftbaltet, das diefem Block wie ei« feste» Bollwerk entgegenste^. 81» Mittel für die Schaffung deS Großblocks bient eine ungeheuerlich« Hetzarbeit, bie sich an bie Ftoanzreforrn anknüpft. Neuerbings versucht man eine neue nationale Parole zu finden, um «m» zu schädigen. Man spricht von neuen Rüstungen zu Wasser und zu Lande unb munkelt namentlich, daß unsere Rüstung zur See nicht auSreiche, um Deutschland» Weltmachtstellung zu sichern. Das Zentrum hat nirgend» versagt, wenn e» sich darum gehandelt hat, bie notwendigen Mittel zur nationalen Verteidigung bereitzustellen. ES fragt sich, ob wirklich eine neue Notwendigkeit vorliegt. Wir sind nicht ber Meinung. Auf die Treibereien be» Flotten- Vereins fallen wir nicht herein unb ftod auch nicht ge­willt, die Interessen der Werften und Panzerplatt«»- fabriken zu fördern. Wenn wir unsere Flotte vev- stärken, barm wird ©nglajib da» ebenso tu«, und diese» ewige Wettrüsten kann nur zum Ru«n dvrbeiden Völker führen. Wenn man fragt, wie beim bie Deckung für eine neue Flottenvorlage ge­schaffen werben solle, bann verweist man auf die Erb­schaftssteuer. Da schaut ber Pferbefuß hervor. Wir aber werben bann die Kot«erung»steuer verlangen unb bie großen Vermögen heranziehen. Vorläufig aber sagen totr: Auf Jahre hinan» keine neuen Steuern! Wenn wirklich ba» Vaterland in Gefahr kommt, dann find vir ebenso wie die Konservai«ve« zu Opfern bereit. (Stürm. Beifall.) Nachdem der Red- ner noch erwähnt hat, daß die Zentrumsfraktion fich in letzter Zeit namentlich auch mit der Frage beschaf- ttgt habe, wie dem gewerblichen Mittelstände ge, halfen werden könne, schloß er mit einer begeisternden Aufforderung, alle MeinungNierschiebenheiten uttb kleinliche Interesse« hintan zu setzen unb nur bie ge­meinsame, große Sache unsre» beutschen Zentrum» gelten z« lassen.

Abg. Herold richtete gleichfalls einen lebhaften Appell an bie Wähler zu gemeinsamer Arbett unb zur Einigkeit.

Neichstagswahlvorberettungen.

* Mülheim (Ruhr), 13. Nov. 1911. Die Ver- Iranensmänner-Versammlung ber Zentrumspartei für Duisburg-Mülheim-Oberhanseu stellte als Ran« bibattn Arbeitersekretär Klo st aus Essen auf.

Ausland.

*, Marokko. Die beiben ans ber Reebe von Villafrcmca liegenden französischen Panzerkreuzer „Ebgar Quinef und „Leon ©ambetta* haben Befehl erhalten, nach Marokko abzugehen; sie sollen jedenfalls nach Tanger gehen, um ein weiteres Gegengewicht gegen den dort angelangten fpanifchen Kreuzer „Camiuna" zu bilden.

*« Ter Sultan von Zanzibar hat sich entschlossen, aus Gesundheitsrücksichten zugunsten seines 5 Jahre alten Sohnes abzubanken. Er ist gezwungen, alljährlich monatelang in Rur orten in Deutschland unb Frankreich zuzubringen unb wünscht nicht, baß sein Land unter ber Abwesenheit feines Herrschers leib«. Sein Onkel Seyib Kalib roitb für ben neuen fünfjährigen Sultan bie Regentschaft führen.

x Stieg MM Stallen M ta Mei.

Die italienische Flott« kehrt um.

* Rom, 13. Rov. 1911. Einem Mitarbeiter bet „Frankfurter Zeitung* wird mtigcteilt, bas italientz-