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Bebett gewährt.
Betetteeibrutfueb verleg bet Fuldaer tieebratfetei in Felb« Leresprecher Br. S.
Erstes Blatt
a3 260.
Falda, Montag aen 13. November 1 ni,
38. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom ll. November 1911.
Am Bundesratstisch v. Kiderlen-Wächter, Delbrück, ßl$co, Kralle.
Die Marolkodebotte wird fortgesetzt.
Abg. Frank-Mannheim (®o$.): Der englische Minister Lloyd George bezeichnete es einmal als gewissenlos, wenn der Führer einer grossen Partei gegen eine Andere Nation die Leidenschaft des Boltes errege. Damals fragte ich mich: Wann wird ein deutscher Minister gegen einen deutschen National- pemrgogen aufzulrelen wagend Ich muß gestehen, daß ich in dieser Richtung angenehm enttäuscht worden bin. Die Rede deS Reichskanzlers, in der dieser der deutschen Nationaldemagogie, den Konservativen, die patriotische Maske weggerissen hat, ist eine verdienftvolle Lat, die bleibenden Wert hat. (Lebh. Bravo! bei den So;.) Die Konservativen haben mit den Kanzlern des deutschen Reiches Pech gehabt. Caprivi und Hohenlohe haben nach ihrem Abschied die Politik der Konservativen verurteilt. Fürst Bülow hat bei feinem Abschied gesagt, die Konservativen hätten mit den Interessen res Reiches ein gewissenloses Spiel getrieben. Der jetzige Reichskanzler, der anscheinend auch noch im Amte bleiben wird, hat ihnen vorgeworsen, daß sie die Interessen des Reiches bewußt schädigen. Während der Rede Heydebrands, der ja oft der ungekrönte König genannt wird, hat ein anderer noch Ungekrönter Beifall gezeigt, der Kronprinz. Wie sich der schwarze oder auch der schwarz-blaue Husaren-Oberst mit seinem Kriegsherrn gbfindet, ist seins Sache. Aber vom politischen Sland- puntre aus war das Benehmen des Kronprinzen ein Anschauungsunterricht, wie er deutlicher dem Volke nicht gegeben werden konnte. Wir müssen daran arbeiten, daß bis zur Zeit, wenn der Kronprinz einmal den Thron zu besteigen hofft, die Demokratisierung Deutschlands vollendet ist. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Die jetzigen Verträge muffen pon uns genehmigt werden. Tie vernünftige Friedenspolitik, die der Kanzler in den letzten Tagen bekannt hat, begrüßen und unterstützen wir. Nur kleine Interessengruppen haben von einer Kriegshetze Bort il. Die Massen wollen den Frieden. Die Sozialdemokraten waren es, die gesagt haben, man müsse dem Chauvinismus entgegentreten. Die organisierte Sozialdemokratie ist zur großen Macht des Friedens geworden. (Sehr richtig I links.) Wer Weitz, ob wir nicht alldeutsche Demonstrationen für den Krieg bekommen hätten, wenn nicht die sozialdemokratischen Gegendemonstrationen das verhindert hätten. ILir sind mit der Verweisung an die Kommission ein» -erstanden. Lcgationsrat v. Rath nennt unsere Vertreter im Ausland unfähig und ihren Aufgaben nicht gewachsen. Im englischen Ministerium sitzen Talente, die ihren Weg von unten herauf genommen haben; hi Deutschland ist die Quelle verstopft, nur ein ganz kleiner Kreis bevorzugter Herren kommt zur Amts- führung, Leute, die ihren Befähigungsnachlveis öfter» bei den hohen Herren erbracht haben, beim Skatspiel oder Witzeerzählen. Die „Leipziger Neuesten Nach- Ächten" fctben ein Agadir-Denkmal vorgeschlagen: Den Eingang flankierten statt zweier Löwen zwei Panther znit eingezogenen Schwänzen (Heiterkeit), statt der fsteichsflaage die gelbe Weste des Herrn v. Kiderlen. (Heiterkeit.) Auch im Inland sind nicht die richtigen Männer auf dem Posten. Dem Reichskanzler ist eS nicht gelungen, zu erklären, warum der Panther nach Agadir geschickt wurde. Wenn schon, dann hätte man nach Casablanca oder Mogador gehen sollen, wo deutsche Staatsbürger in größerer Anzahl sich be- finden. Als Kompensation wäre uns die Schaffung ßines freundschaftlichen Verhältniffes zu Frankreich und England am liebsten gewesen. Das Borgehen des Reichskanzlers gegen die Konservativen findet bei dem Volke lebhaften Widerhall. (Beifall bei den Soz.)
Abg. Miclczinski (Pole): Die Polen haben ein In» teresse daran, daß der Friede gewahrt worden ist. Di« fanze Marokkopolitik entbehrt der Stetigkeit und Kon- equenz. Möge die Regierung dafür sorgen, daß der eroberungssüchtige alldeutsche Chauvinismus nicht die Oberhand bekommt. Das chauvinistische Scharfmacher- tum will den Frieden weder im Ausland noch im In- lande.
Abg. Haußmann (Vp.): Auch diese Novemberde- hatte wird ihre reinigende Kraft nicht verfehlen. Ich halte es nicht für gut, noch nach dem Friedens- sch l uh mit dem Säbelzu rasseln. JmGe- tzenieil, man hat die Pflicht, in Erregungszuständen kaltblütig zu bleiben, um den Willen deS Volkes durchsetzen zu können. (Beifall rechts.) ES ist ein Verhängnis der Rechten, daß sie in dieser histort- schen Debatte ihren Standpunkt gewählt hat in heftigen Eingriffen gegen die Regierung. Herr v. Heyde- hrand, sonst Vertreter der Richtung, die im Ueber- matz von Kritik ein schweres Unrecht der Linken sieht, hat sich in in einer Tadelsucht ergangen, die sticht davor zurückscheute, hier, wo wir dem Auslande gegenüber sprechen, den Beweis für die Unfähigkeit unserer Geschäftsführer antreten zu wollen. Das ist das Gegenteil von dem, was man eine Stärkung der Autorität der Regierung nennt. Das ist nicht Kritik, das ist Horunterreitzen. Was Lloyd George Verletzendes gesagt hat, das dürfen und müffen wir zurückweisen: aber es darf nicht in Worten geschehen, die uns haherfüllte Feinde erscheinen lassen. Wir stehen in Opposition gegen Bethmann, aber wenn Hehdebrand, ehe der Hahn zweimal gekräht hat, dem Kanzler derartig in den Rücken fällt, dann wird sich das an der konservativen Partei noch schwer rächem Herr von Bethmann hat gestern Herrn v. Hehdebrand das Schwert aus dem Mund geschlagen. (Lebh. Beifall.) Er hat ihm vorgeworfen, datz er die deutschen Interessen schädigt. Mehr kann man nicht sagen. Alle großen Parteien sind darin einig, datz da? Verhalten des Kronprinzen eine Zer- fctning der öffentlichen Gewalten bedeuten würde. (Lebh. Beifall.) Bedenklich ist es, wenn eine Krieg«. Partei mit dem Kronprinz an der Spitze bestehen sollte. Herrn Baffermann danke ich, datz er klar au«, gesprochen hat, was er will. (Beifall.) Deutschland hat wirtschaftliche Vorteile erreicht. Wir bedauern, daß es nicht mehr sind. Aber die Haltung Deutsch- lands war niemals schwächlich. Seine Friedensliebe hat sich wieder glänzend bewiesen. Tas ist keine mische Politik, wie die Konservativen behaupten, ond-'rn die einzig gangbare. Ick; hoffe, datz wir in KT Kommission einen Schritt weiter machen zu einer größeren Einheitlichkeit im deutschen Volke, die getragen werden kann von einer Politik der Reichsregie, tung, die nicht nur die Heißblütigen, sondern auch die Kaltblütigen hinter sich hat. (Beifall links.)
Abg. v. Siebert (Rp.): Das Wort, daß wir nicht für uns selbst leben, sondern für ganz Europa, gilt nicht mehr in der Zeit des Raubzuges gegen Trivolis. (iBisienräfibent Schultz bittet den Red»
Abg. Bebel (Soz.): Die Debatte hat sehr viel Vergnügen gemacht. Rechter Hand, linker Hand alle- der- tauscht. Das Duell Bethmann-Hehdebrand war nicht zu bezahlen. Der Redner legt dann dfe
Die Schlafkrankheit ist allerdings eine schlimme Zugabe, aber hoffentlich werden die Fortschritte der Wissenschaft diese beseitigen. Der Reichsfchatzsekretär muh die Hand auf das Geld halten, damit nicht zuviel sürdieneuenKolonienausgegebenwird. Bon allen Vorschlägen, die im Hause gemacht wurden, ist daS Marokkoabkommen immer noch da» beste. (Hört! hört! und Stufe: Na also!)
Notwendigkeit eines sreundschaftttchen Verhältnisses jju England dar und wendet sich gegen Bemerkungen Wremers und Erzbergers über die Masienstreikabsichten der Sozialdemokratie für den Fall eine- Krieges. WaS Genosse Däumig in einer Berliner Versammlung gefegt habe, sei nicht die Ansicht der Partei. Auch der „Vorwärts" habe nicht für den Massenstreik propagiert. Härte er eS getan, so wäre es eine Pflichivergessenheit des Staatsanwaltes gewesen, wenn er nicht eingefdjrit- fen wäre. In Jena bin ich ebenso, wie auf den internationalen sozialistischen Kongressen, stets gegen die Forderungen und Resolutionen auf einen Massenstreik im Kriegsfall eingetreten. Deshalb wundertS mich, wie Herr Erzberger so etwas aussprechen kann — von den Abgg. Wiemer und Haußmann wundertS mich ja weniger. (Heiterkeit, Zurufe: Frühere Bun- desgenoffen, grotze Heiterkeit.)
Abg. Dr. Mugdan (Vp.): Allerdings hat der sozialdemokratische Parteitag erklärt, Generalstreik sei Unsinn. Es bleibt aber bestehen, daß während der schwierigen Verhandlungen die sozialdemokratische Partei durch die Protestresolution die Stellung Deutschlands geschwächt hat. Bebel ist sicher klug genug, um ein- zusehen, daß das seiner Partei schaden muß. Aber in den Versammlungen haben Sie bei den Massen unbedingt den Glauben erweckt, daß das Proletariat durch Massenstreik einen Krieg verhindern kann. (Unruhe Bei den Sozialdemokraten.) Der Siebner macht in diesem Sinne unter lebhaften Zwischenrufen der Sozialdemokraten weitere Ausführungen. Wenn es nach den Sozialdemokraten gegangen märe, wäre es vielleicht zum Kriege gekommen. (Laute Unterbrechungen durch die Sozialdemokraten.) Für den schulmeisterlichen Ton des Staatssekretärs lag nicht die geringste Veranlasiung vor. Will er leugnen, daß unser Botschafter in London die Sache recht merkwürdig geführt haben muß? Und der Reichskanzler sagte: Ich habe mit dem Reichstage nichts zu tun. Der vorliegende Vertrag ist nicht die Ursache der großen Aufregung in diesen Tagen gewesen. Die Ursacke war vielmehr das mangelnde Vertrauen zu der Geschicklichkeit der deutschen Unterhändler. Dieser Mangel an Vertrauen besteht auch heute noch fort. Unsere Diplomatie ist nun einmal nicht auf der Höhe. Eine gute auswärtige Politik ist nur möglich, wenn Regierung und Volksvertretung zn- sammengehen. Wenn der Marokkohandel wenigstens diese Folge haben soll e, so würde ich mich sogar mit diesem Ahkommen zufrieden geben. (Beifall links.)
Staatssekretär v Kiderlen-Wächter: Es ist hier vorgebracht worden, was schon vorher in her Presse behauptet worden ist: Dos Auswärtige Amt habe die Pressevertreter dahin instruiert, daß wir in Marokko Land erwerben wollen. (Mit erhobener Stimme:) Davon ist absolut k e. i n W o r t w a h r. Es ist weder von mir, noch von irgend einem Beamten des Auswärtigen Amte? jemals einem einzelnen Pressevertreter oder einer Versammlung vor? Presievertretern etwas derartiges gesagt worden. Eine Versammlung von fünfzig Pressevertretern, von der gesprochen worden ist, konnte im Auswärtigen Amt garnicht stattfinden; wir halte» keine Preßkongresse dort ab. (Heiterkeit.) Es hat aber tatsächlich eine Versammlung ftattgefunben, wo etwa 50 Vertreter der Presse, vor allem der alldeutschen Richtung, beisammen waren, vnd die haben allerdings unter sich die Annexion von Marokko beschlossen (Stürmische Heiterkeit) — ich gebe zu, in unverbindlicher Weise. (Erneute stürmische Heiterkeit.! Wir haben daraufhin das einzige getan, was wir tun konnten: Wir haben einen Beamten zu den Haupt- motaboren geschickt und haben ihnen sagen lassen: Seien Sie vorsichtig. Sie allein könnens nicht machen (®r. Heiterkeit), die Regierung steht nicht hinter Ihnen. (Heiterkeit.) Ich denke, damit ist die Sache genügend aufgeklärt. (Beifall und Heiterkeit.)
Abg. Erzberger (Ztr.): Abg. Bebel hat mir leichtfertige Behauptung vorgeworfen. Ich erbringe den Beweis für meine Behauptung durch Verlesung der BersammlungsberichteS des Vorwärts und dessen, was die Redaktion deS Vorwärts selbst dazu geschrieben hak, und erwarte von der Loyalität deS Herrn Bebel, datz er seinen Vorwurf bann zurücknimmt. Red- ner verliest dre betreffenden Stellen aus dem Vorwärts, in denen es u. a. wörtlich heißt: „DaS Proletariat werde sich genötigt sehen, außerordentliche Kampfmittel anzuwenden"; von diesem Gesichtspunkt« auS erscheine die Frage des politischen Massen streikS in neuer Beleuchtung: das Proletariat werde sich genötigt sehen, der Kriegshetze mit allen zu »Gebote stehenden Mitteln" entgegenzutreten. In seiner Rede habe der Referent Däumig keinen Zweifel darüber gelassen, daß unter diesen „außerordentlichen Kampfmitteln" in erster Linie der Massenstreik gegenüber der Mobilmachungsordre zu verstehen sei. Zu diesen Steuerungen habe der Vorwärts hinzuge- sügt, daß diese Ansicht Ansicht der sozialdemokrati- scheu Partei sei.
Abg. Fischer (Soz.) tritt diesen Ausführungen entgegen. Däumig habe das gar nicht gesagt, was ihm tn den Zeitungsberichten in den Mund gelegt sei (Zuruf rechts: Bericht deS Vorwärts!) und selbst, wenn er es gesagt hätte, so wäre es die Ausführung eines einzelnen Sozialdemokraten.
Präsident Schultz macht darauf aufmerksam, daß das Marokkoabkommen zur Debatte steht. (Heiterkeit und Beifall.)
Abg. Erzberger (Z.): Als der Kollege Fischer sich zum Worte meldete, da fiel mir das Wort eines Ge- nossen auf dem Jenaer Parteitag ein: Das ist der Fischer, wie er leibt und lebt und mit voller Kano- nabe eine verlorene Schlacht zu kaschieren sucht. Nach Fischer gibt es ersten» keinen Däumig, zweitens kei- neu Vorwärts, drittens keinen Bericht darin, und Viertons gibt es überhaupt nichts als Herrn Fischer selbst. (Große Heiterkeit.)
Abg. Dr. Wiemer dankt Herrn Erzberger, daß er ihm den Posten eines Sultans für Südmarokko ange» boten habe. Als Herrscher aller Schwarzen in Dusick- land habe Erzberger ein Vorrecht für einen solchen Posten. (Lebhaftes Au, au!)
Montag: Sozialdemokratische Jnterpellaiton ube die Entlassung von Eisenbahnarbeitern.
Staatssekretär v. Kiberlrn-Wächter: Wir können den Krieg zwischen einer uns verbündeten und befreundeten Großmacht bedauern, es steht unS aber nicht zu, eine Kritik übet den Anlaß des Krieges auszusprechen. Die Bezeichnung „Raubzug" hat der Präsident bereit» gerügt, auch ich weise ihn namens der Regierung hier ausdrücklich und energisch zurück. (Beifall und Bravorufe von den Tribünen.) Herr v. Siebert hat wieder das Gespenst der a f ri- kanischenTruppen dorgeführt, die über Deutschland losgelaffen werden könnten. Das wundert mich besonders in dem Munde eines Herrn, der den Krieg von 1870-71 mitgemacht hat. AuS Afrika kamen insge. samt nur neunzehnhundert Mann (Hört! hört!), dabei standen in Algier fünfzigtausend Franzosen, um dort Ordnung zu halten. So wird es auch künftig sein. Noch ein Wort zur Ehre unserer Vertreter im Aus- lande. Die Herren, die immer sagen, unsere Diplomatie tauge nicht», führen als Kronzeugen junge Her- ren an, die nach kurzer Zeit unseren Dienst wieder verlassen haben — und nicht gerade, weil sie sich gut informiert haben. (Große Heiterkeit.)
Abg. Erzberger (Zit.): Der Borredner aus dem Hause bat daS Marokkoabkommen sehr stark kritisiert und lobt daS Kongoabkommen. Die meisten anderen Redner haben eS entgegengesetzt gemacht. Ich stehe in der Mille zwischen beiden Polen. (Heiterkeit.) Ich will weder daS eine noch das andere zu viel tadeln. Wer die Marokkopolllik von 1904 hier verteidigt, darf den Abschluß von 1911 nicht tadeln, denn er ist nur die konsequente Fortsetzung dessen, was der Reichstag von jeher einmütig vertreten hat. Der Vertrag 1911 ist lediglich ein Kommentar, die Ausführung des Vertrages von 1909. Run wird gefragt: Wo ist die Sou- beränität de» Sultan», die 1909 festgelegt war? Ich frage dagegen: Wo war sie denn früher? War das Souveränität? Das war der große Irrtum der AlgeciraSakte. Wie lange sollte denn Marokko als Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich hin und her geworfen werden? 1905 war allerdings Gelegenheit, ein Stück Marokkos zu bekommen. Der Staatssekretär wird nun in der Kommission nähere Auskunft darüber geben müssen, warum man damals auf das Anerbieten RouvierS nicht eingegangen ist. Damals bat man es sogar direkt abgelob n t, mit Frankreich zu verhandeln. Jedenfalls sind diese fünf Jahre nichts als die Folgen von Alge- eiraS. WaS sollte man denn in Marokko überhaupt a nbe b» machen? Festhalten an der Al- gecirasakte, sagt Herr Bassermann. Nun, die Alge- ciraSakte ist ein Fetzen Papier, und daran kann sich doch kein Mensch festhalten. Die Souveränität deS Sultans aufrechterhalten, fordert weiter Herr Baffer, mann. Nun, wer solle denn bann die Souveränität des Sultans garantieren, da er es selbst nicht tut? Ich bin auch nicht mit allem zufrieden, was erreicht worden ist; aber eS geht hier, wie bei jeb m Handels, vertrag, man muß sich mit einer Mittellinie begnügen. Darauf ist die Mißstimmung zurück- zufuhren. Die Regierung hat Fehler gemacht; hat denn der Reichstag m diesen drei Tagen alles tadellos gemacht? (Heiterkeit.) Zweifellos ist, daß in wellen Kreisen be» deutschen Volkes Mißstimmung vorhanden war und heute noch ist. Man sagt sich: Mr find eine große Militärmacht zu Wasser unb zu Lande und man fragt: Was haben wir damit tn den letzten 10 Jahren im Vergleich zu anderen Ländern erreicht? Rußland hat die Mandschurei bekommen, Japan Korea, Amerika hat die Philippinen, Oesterreich Bosnien und bi« Herzegowina, Italien Tripolis, Frankreich Marokko und wir Deutsche — wir haben gar nicht» bekommen. • (Sehr richtig.) Das ist di« Philosophie deS kleinen Mannes und darauf geht der Mißmut und die Mißstimmung in der Hauptsache zurück. Diese Mißstimmung tourbe gesteigert durch daS ganze Verhalten der Oeffentlich- kell in England, man sagte sich, daß England überall da, wo Deutschland im Interesse seines Volkstum» sich die Zukunft nicht versperren lassen will, immer und überall als fein Gegner auftritt. Der Engländer SIt sich seit Jahrhunderten als der Weltkaufmann.
:r in England muß man einsehen lernen, daß der Deutsche ba i st und da bleibt unb nicht mehr in die ehemalige politische Ohnmacht wieder zurück- fallen will. (Beifall.) Die Zukunft Deutschlands ist durch seinen Geist und feine Energie garantiert, aber die deutsche auswärtige Politik hat sie zu fördern, und dazu darf man nicht recht» unb links durch die ganze Welt tanzen, wie e» unsere Diplomatte gemacht hat. Das sage ich nicht al» ReichSpretzdezernent, wozu mich Herr Wiemer machen will, dazu habe ich keine Be- faljigung; dagegen wäre Herr Wiemer der geeignete Mann für die Besetzung der Stelle des unabhängigen SultanS in Südmarokko. (Heiterkeit.) Der Redner wendet sich gegen den Abg. Frank, der in der bekannten Uebertrefbung als Vertreter der gan- zen Arbeiterschaft sich aufgespielt habe. Weih Herr Frank nicht, daß "bie Organisation von 1*4 Mil. lion christlicher Arbeiter Stellung gegen die Haltung der Sozialdemokraten m der Marokkofrage genommen hat? (Sehr wahr! Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Die christlichen Arbeiter haben auch schon eine sehr heilsame Wirkung auf bie Sozialdemokratie ausgeubt. Früher forderte Herr Däumig in Berlin in seiner Rede zum Massenstneik auf, unb dazu, bm der Mobilmachung die Gefolgschaft zu versagen. Auf dem Jenaer Parteitag klang eS aber ganz anders und daS schreibe ich dem Verdienst der christlichen Arbeiter zu. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Der Redner be- spricht ba» Abkommen. Man soll Marokko nicht als das verschwundene P a r a d i es und Kongo nicht nlS die Hölle behandeln. Frankreich nahm die Kongokolonie nicht ernstlich in Verwaltung, weil man nichts davon hielt. Aber Kammerunkenner, wie Herr von Puttkamer und Emil Zimmermann, glauben tue« nigstenS an Entwicklungsmöglichkeiten. Auch die Etap- penstraße halte ich nicht für verurteilenswert. ES wird im Gegenteil den Eingeborenen dadurch die Interessengemeinschaft der weißen Bevölkerung gezeigt. Da» Bedauerlichste ist da» Konzeffionswesen, worüber wir noch in bet Kommission sprechen müssen. Wir sinb auf gesetzlichem Wege schon mll manchen KonzessionS- gefellschasten fertig geworden und werden es auch mit diesen werden, wenn sie unsere Interessen schädigen.
ner, sich zu mäßigen.) Die Folgen deS Verzichts auf Marokko lassen sich nicht übersehen. Frankreich erhäll durch Marokko einen starken Machtzuwachs und da- durch steigert sich für un» die schwarze Gefahr. Der Ausfall der jetzigen Heerespflichiigen in Frank- reich soll durch bie Schwarzen-Ergänzung ersetzt wer. den. In Frankreich rechnet man recht stark mit diesen Truppen. Ein Volk von 66 Millionen Seelen braucht sich nicht daS gefallen zu lassen, was Wit uns in der letzten Zeit bieten lassen müssen. Gewiß ist der Friede erhalten worden und daS ist ein wertvoller Gewinn, aber den Frieden um jeden Preis wollen toi r j_______7. o_ _____ ___________ _______
nicht. Die deutsche Geduld hat sich noch niemals so, Notwendigkeit eines freundschaftlichen Verhältnisse» jju langmütig gezeigt. Die Stunde kann kommen, too fie ~ '
reißen wird. (Beifall.)
X Die Beruhigung.
Dar angestoßene Pendel schlägt nach rechts aus und schlägt nach links aus und findet schließlich den Ruhepunkt in der SJtitte. Im Reichstage war in der verfloffenen Woche daS Pendel in sehr starker Bewegung. Aber wenn nicht alle- täuscht, so ist es der alten Lage, dem ruhigen Gleichgewicht, schon wieder sehr nahe gekommen.
Gewitter reinigen die Luft; nur wenn sie zu lange dauern, werde« fie als Plage und Gefahr empfunden.
Der Reichskanzlerhat, das müffen ihm Feinde wie Freunde bezeugen, aus gründliche Lustreinigung, auf volle Klärung hingearbeitet. Keine Spur vov Vertuschung oder Beschwichtigungsversuchen. Im Gegenteil: er ging in seiner zweiten Rede mit einer unerhörten Schärfe vor — zu einem Kampf auf Leben und Tod mit der chauvinistischen Opposition gegen die von ihm vertretem- kaiserliche Politik. An Herrn v. Heydebrand statuierte er sein Exempel, wen es ihn und wahrscheinlich auch den Kaiser höchlichst verdrossen batte, daß die konservative Partei, auf deren Regie- . rungsfreundlichkeit gerechnet zu werden pflegt, rückhaltlos sich den alldeutschen Aufpeitschern des Na tionalgesühlS angeschloffen hatte. Der Vorstoß des Reichskanzlers galt aber nicht den Konservativen allein, sondern all' den oppostlionellen Kräften, welche die Regierung in den Ruf der Schwäche und des V:rrates an den nationalen Interessen zv bringen suchen. Die Erregung des Reichskanzlert. ist nur zu verstehen, wenn man alles in allem nimmt, auch die Ausbeutung des Rücktritts des Herrn v. Lindequist und den Eindruck, den die lebhafte Haltung des Kronprinzen in der Donners, tagssttzung gemacht hatte. Offenbar war am Don-, nerstag abend, bei der Begegnung des Reichskanzlers- mit dem Monarchen, der Grund gelegt werden zu der Taktik, die der Reichskanzler am Freitag ein- schlug: den Stier der Opposition bei den Hörnern zu fassen und vor aller Welt klarzustellen, daß die kaiserliche Politik weder durch leidenschaftliche Ge- sühlsausvrücke noch durch Wahlspekulationen irgendwie erschüttert werden könne. Jnsbcso icere log nach dem Verlauf des ersten Verhandlungstage-- Veranlassung vor, die Festigkeit der Stellung des Herrn v. Bethmann-Hollweg außer Zweifel zu stellen. Dieser Zweck wurde ausgiebig erreicht durch den schroffen Vorstoß gegen den Führer der Konservativen. Nebenbei wird <8 dem Reichskanzler wohl Behagen bereitet haben, daß er einmal die übliche Nachrede, er sei der »Gefangene des schwarz- blauen Blocks" oder das „Werkzeug des ungekrönten' Königs Heydebrand", einen drastischen Stoß versetzen konnte.
So erklärt sich das Auftreten des Kanzlers, aber es rechtfertigt sich noch nicht restlos. .Sein Zweck hätte sich auch bei mehr Mäßigung und nüchterner Sachlichkeit erreichen laffen. Das erregte Pendel schlug zu weit nach links aus. Die beutegierigen Herren auf der Linken witterten Morgen- tnft. Sie meinten, der Kanzler müsse sich ihnen in die Arme werfen, wenn er mit den Konservat ven, gebrochen hätte. Einige bildeten sich sogar ein. er habe überhaupt mit der ganzen „schwarzdiauen* Mehrheit endgiltkg gebrochen, während doch tr Wirklichkeit seine Philippika das Zentrum gc nicht traf. Aus dem einfachen Grunde n cht, we das Zentrum in der Kritik des Vertrags und in dem Hinweis auf die nationale Kraft und Ent-. schlossenheit den richtigen Mittelweg eingehalten ‘ hatte. Tas Zentrum war der Hauptvertreter jener Erscheinung, die der Reichskanzler als gut und, erhebend und ihn stützend bezeichnete, nämlich der soliden Bekundung deS Willens Deutschlands, sich in der Welt durchzusetzen. Damit möchten wir nicht das Zentrum zu einer sog. Regierungspartei stempeln, sondern nur Hervorheden, daß es in der auswärtigen Politik die beste Stütze derRegie- rung bildet. Bei dieser Lage war es unS Zew trumsleuten am leichtesten, während des Gewitter? die Ruhe zu bewahren. Glücklicher Weise bewährte sich auch bei der konservaliven Partei die alte politische Erbweisheit, indem sie auf den schroffen Vorstoß des Reichskanzlers eine ruhige Antwort gab, die ein weiteres Zusammenarbeiten nicht ausschloß.
Zur Beruhigung trug ferner bei, daß am letzten Verhandlungstäge die antimilitaristischen Treibereien von sozialdemokratischer Seite zur Sprache kamen. Eine Partei, in der man mit reichem Beifall den Maffenansstand und den passiven Widerstand der Heerespflichiigen bei erfolgter Mobilmachung empfehlen kann, ist nicht regierungsfähig, auch wenn fie sich als Lückenbeißer bei einem vermeintlichen Krach zwischen der Negierung und den bürgerlichen Parteien anbietet. Und die Freunde der Roten im Großblock ebenfalls nicht. Diese Klarstelsing gehörte eigentlich nicht zum Marokko-Vertrag, aber sie wird nützlich sein für olle, denen es schwer fällt, sich über die parteipolitische Tragweite der jüngsten Zwischenfälle ein Urteil zu bilden.
Die Beruhigung, welche sich jetzt anbahnt, wird hoffentlich auch den weitere» Beratungen der Marokko-Angelegenheiten im Ausschüsse zu gute kommen. Die sog. Stimmung hat sich nun, wie uns scheint, auf allen Seiten genügend ausgetobt, jetzt kann die Ueberlegung zur Geltung kommen. Die praktische Politik ist nicht Gefühls- sondern Verstandes fache.
Der Jubel der liberalen Presse, die Morgenluft witterte und einen unheilbaren Bruch des Reichs- kanzlers mit den Konservativen an die Wand malte, ist sicherlich eitel gewesen.
*
~= Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt osfiziös zu den Reichskanzlerreden:
,.Jn zwei Reden hat der Reichskanzler da» deutsch-französische Abkommen im Reichstag vertrete«, zunächst in sachlicher Darstellung, sodann in entschlossener Abwehr von Angriffe» auf ein nach langen