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Erstes Blatt.
Fulda, Freitag den 10. November 1911*
38. Jahrgang.
erworbenen Gebietsteilen zu Erfolgen führt. Man hat uns den Rat gegeben, mit der Faust aus den Tisch zu schlagen. Dazu war kein Anlaß, und Deutschland kann diese- Rüststück au- homerischer Zeit entbehren, eS ist stark genug, auf solche drohenden Ge- bärden verzichten zu können. (Gelächter links, bravo! rechts.) Die Erwerbung von Südmarokko war kein LebenSintereffe. Wir wollen
keine Eroberungspolitik
treiben und die Regierung steht immer noch auf dem Standpunkt, daß auch ein glücklicher Krieg ein Unglück für ein Land ist. Alles in der letzten Zeit gegen die Regierung vorgebrachte Gerede über Schwäche und NachgiebiAeit sei gegenüber den Tatsachen Gegenstands, los. Der Kaiser habe die strikte Durchfiihrung des schon im Mai aufgestellten Programm- in allen Phasen gefordert. In dem klaren Bewußtsein, daß jede Aktion einer Großmacht die Schicksalsfrage
„Krieg oder Frieden" heraufbeschwören könne und in der festen Bereitschaft, für die Ehre der Nation jederzeit mit dem Schwert einzutreten, darin wisse sich der Kaiser mit dem- Volke eins, das in dieser ganzen Zeit mit Entschlossenheit erfüllt gewesen sei, seine Lebensinterssen und seine Ehre gegen jedermann zu wahren. Selbstverständlich ist auch in keinem Augenblick an der absoluten Kriegsbereitschaft von Armee und Flotte nicht der mindeste Zweifel entstanden. (Hört, hört!) Nun hat es im Volke besonders tief gefressen, daß man in der be. lärmten Konventrede des englischen Ministers Lloyd Georges eine Beleidigung des deutschen Volkes sah. (Lebh. Zustimmung.) Deutschland wird in jener Rede nicht erwähnt (Lachen), aber sie gewann eine Bedeutung durch die gehässige Interpretation in der englischen und in einem Teile der französischen Presse. Die Wirkung war einem freundschaftlichen Verhältnis zwischen
Als Siindenbock für die Bülow'sche Marottopolittt mußte Herr v. Bethmann Hollweg am Donnerstag auskosten, was sich in den letzten sieben Jahren an Aerger und Zorn in der Volksseele angesammelt hat. Er begegnete einer sehr verdrossenen Stimmung, weil durch die mageren Ergebnisse der letzten diplomatischen Verhandlungen so recht empfindlich klar geworden ist, wie wett die deutsche Politik seit der fulminanten Tangerfahrt zurückgedrängt worden ist. DaS gerettete Boot, auf dem Herr v. Bethmann Hollweg in den Hafen fährt, wird mißachtet, weil man sich der tausend Maste erinnert, mit denen einst die deutsche Marokkopolittk in den Ozean schiffte. Es sind ja noch andere Umstände hinzugekommen, um die Stimmung gegenüber dem Reichskanzler und seinem Werke zu verschlechtern: der Rücktritt des Herrn v. Lin» deguist, die unglückliche Form der Einbringung beim Reichstage, die Einwirkung der innerpoliti- chen Gegensätze auf die hochpolittsche Frage. Die schwerste Belastung der gegenwärtigen Regierung geht aber au8 den Schwächen und Mißerfolgen der früheren Regierung hervor.
Darum begann auch Herr v. Bethmann Hollweg seine Verteidigungsrede mit dem geschichtlichen Rückblick, und Frhr- v. H e r t l i n g, der Zentrumsredner, kam bei seinem Sweben nach einem gerech- ten Urteil ebenfalls auf die Schwankungen und Irrungen der Bülow 'schen Politik zurück. Jetzt handelt es sich, sagte Frhr. v. Hertling zutreffend, um die Hinterlassenschaft von 1909, welche die Li- qutdatoren zu regeln hatten.
Es wäre zu Vitt verlangt, wenn man von Herrn) v. Bethmann Hollweg erwarten wollte, daß er durch seine oder Herrn v. Kiderlrns Verhandlungskünste alle Fehler, die sein Vorgänger in fünf Jahren begangen hatte, wieder gut machen und das ererbte Defizit in einen reichen Ueberschuß verwandele. Man muß die Frage stellen: Konnte Herr v. Bethmann u n-
ter den vorgefundenen Rechts- und M achtv erh ä ktnts sen mehr erreichen, als er erreicht hat? Wer die Verfahrenheit der An- gelegenheit zu Beginn der Verhandlungen richtig würdigt, wird über dm mageren Vergleich nicht gar zu ftrenge aburteilen.
England und Deutschland nicht förderlich. Aber man darf nun nicht behaupten, daß die deutsche Regierung zurückgewichen sei. Tatsache ist, daß die Auseinandersetzung mit Frankreich ohne Einwirkung eines Dritten durchgesührt worden ist. Der Reichskanzler führt hierauf ans, weshalb ein Landerwerb in Marokko nicht in Betracht gezogen worden sei. Darüber sei man sich in Deutschland bis zum letzten Sommer auch überall einig gewesen. Deutschland müsse sich, um Weltpolitik treiben zu können, als kontinentale Macht stark erhalten und dürfe sich nicht durch unsicheres ausländisches Gebiet wie Südmakokko schwächen. Die Tatsache, daß wir mit Frankreich büer eine so wichtige Angelegenheit zu einer schließlichen Verständigung gekommen sind, müsse sehr hoch bewertet werden. Sie gelte mehr als die Diskussion über Abrüstung und Schiedsgerichts- vertrüge. Auf dem Grundstein dieses Abkommens könne die Zukunft ein besseres Verhältnis z u Frankreich aufbauen. Es reinige aber auch den Tisch in unserem Verhältnis zu England. Unser Ansehen als Großmacht erforderte es, daß wir nicht dulden durften, daß ein Vertrag mit unserer Unterschrift geändert wurde. Dies ist mit vollem Erfolg zur Geltung gekommen. Wir haben in Marokko nichts aufgegeben,
was wir schon früher besessen hatten. Wir haben die- in friedlicher Verständigung mit Frankreich erlangt und so zum ersten Male mit unserem westlichen Nachbar eine große politische Frage auf dem Vertrags. Wege gelöst. Sache des Reichstags ist es, das Für und Wider dieser Politik zu erwägen, die zu diesem Vertrag geführt hat. Wi r erw a rt en n icht Lob, aber fürchten auch keinen Tadel.
Abg. Frhr. v. Hertling (Ztr.': Der Reichstag hat in seiner bisherigen Praxis geduldet, daß derartige Ab- kommen ihm zur Kenntnisnahme vorgelegt wer- den. Meine Freunde halten diese Auffassung für irrig. Auch die Reichsverfassung scheint bei richtiger Auffas. Ung die Genehmigung des Bundesrates und des Reichstags zu fordern. Das Abkommen ist das Ergebnis einer siebenjährigen Marokkopolitik, die
kein Ruhmesblatt
in der deutschen Geschichte ist. (Sehr richtig.) Erst die zwecklose Demonstration von Tanger, bann kamen Itric mit einem blauen Auge gerade noch von Algeciras weg, und nachdem wir den größten Wert darauf gelegt hatten, diese Frage zu entnationalisieren, haben wir schon im Jahre 1909 ein Sonderabkommen mit Frankreich geschlossen. Das waren bedenkliche Schwan, kungenk Nach der Entlassung Delcassös bereits im Jahre 1905 hätten wir diejenigen Kompensationen im Kongo haben können, die wir heute erhalten haben. (Hört, hört!) Wenn wir das jetzige Endergebnis be. trachten, so müssen wir sagen: So sieht die Hinterlassenschaft der Liquidatoren
von 1909
aus. (Lebh. Sehr richtig im Zentrum.) Die Verhandlungen sind vom denffchen Volke mit wachsendem Miß. behagen verfolgt worden und flammende Entrüstung ergriff es, als j e n e
bekannte Ministerrede
über den Kanal zu uns herüberdrang. (Lebh. Zu- trmmung, an der sich besonders auch der in der Hofloge sitzende Kronprinz beteiligte, der stürmisch mit der Säbelscheide auf den Boden stößt.) Die Ent- fendung des „Panther" nach Agadir erfchien als ein erwünschtes Zeichen einer aktiven Politik. Später wurde diese Aktion anders aufgefaßt. Ich frage, was geschehen ist, um jener englischen Provokation entgegen zu treten ? (Lebhaf- ies Sehr gut! ,m Zentrum.) Der Unmut und die Flamme des Zorns des deutschen Volkes hat eine Be- riebigung nicht erhalten. Ein Teil ber Presse kann von bem Vorwurf nicht freigesprochen werben, baß er ine schwierigen Aufgaben unserer deutschen Unterhänd- ler noch außerordentlich erschwert hat. Die auSlän- dische Presse ging natürlich voran. So ist die unmutige Stimmung des deutschen Volkes immer mehr genährt worden, bis zum Schluß und zum Ueberdruß noch der Rücktritt des Kolonial st aatsse. k r e fä r § erfolgte, der selbstverständlich als eine vollständige Mißbilligung dessen, was erreicht worden ist, gedeutet werden mußte. Wir haben seinerzeit gegen die Errichtung eine-selbständigen Kolonialamtes schwere Bedenken geäußert, weil mir die Gefahr großer Reibungen mit den leiten» ben Stellen des Reiches voranssaben. Man wird ernst- lich erwägen müssen, ob es nicht nützlich ist, zu der früheren Errichtung zurückzukehren, und das selbstständige Kolonialamt aufzuheben und als eine Abtei-
des Auswärtigen Amtes weiter bestehen zu lassen. (Hort, Hort, und Heiterkeit.) Bei der bedauernswerten Angelegenheit des Herrn von Lindequist ist auch von
«lev\nen 'n der Presse die Rede ge- Ich. bm der Meinung, daß die offiziöse Presse durchaus nicht auf der Hohe der Aufgabe gestanden ££ .^Mj. Zustimmung.) Es ist eine unglückliche Einrichtung, daß tote mcht ein, sondern drei Sßreffe.
Stimmung, welche sich zur Zeit im Reichs- tag und weithin im Volke kundgibt, mag für die Regierung unbequem sein, aber sie hat ihr gutes info- fem, als sie das Ausland darüber aufklärt, daß Deutschland jetzt am Rande seiner Nachgiebigkeit und Geduld angekommen ist. Die Bekundungen der Friedensliebe I5fen keinen Beifall mehr aus; dagegen erklingt ein lebhaftes Echo, wenn der Zentrumsrednee und nach ihm auch der konservative Sprecher betont, man möge doch von autoritativer Stelle auch einmal erklären, daß das hohe Gut des Friedens zu teuer erkauft wäre, wenn es nur auf Kosten unserer Würde und Wrttstellung geschähe. Bezeichnend in dieser Hin- icht sind auch die scharfen Proteste gegen die herausfordernde Rede des englischen Ministers Lloyd George und die gehässigen Auslassungen, die unter dem Namen des englischen Botschafters Cartlvright erschienen- Unsere R e g i e r u n g hat des lieben Friedens halber in diesen Punkten den Einspruch nicht auf die Spitze getrieben. Die nachttägliche Kritck der Vorgänge hn Reichstag wird den Engländern klar machen, daß den deuffch-englischcn Beziehungen ein dauernder Schaden zugefügt worden ist.
Etwas beruhigend wirkt die bestimmte Erklärung des Reichskanzlers, daß eine Einmischung Englands in unsere Verhandlungen mtt Frankreich nicht statt- gefunbeu hat und daß insbesondere eine Festsetzung Deutschlands in Südmarokko vonEngland nicht verhindert worden ist und nicht verhindert werden konnte, da unsere Regierung von Anfang an auf die Erwerbung eines Telles von Marokko verzichtet hatte. Nach den weiteren Mitteilungen des Kanzlers darf man überhaupt annehmen, daß di« deuffche Polittk wenigstens diesen Sommer hirwurch stetig geblieben ist, und Mar auf Grund eines Programms, das die Regierung im Mai unter Genehmigung des Kaisers entworfm hatte.
Herr v. Bethmann Hollweg scheint darauf zu rech- nen, daß die Stimmung nach und nach zu feine» Gun- ften sich wenden werde, wenn der erste Aerger über
bureauS haben, nämlich da- des Auswärtigen Amts, das des MarineamtS und baS Reichskolonialamts. ES kann gar nicht auSbleiben, daß die verschiedenen Strömungen und Richtungen in diesen getrennten Ressort» auch gegeneinander in der Presse zum AuS- druck kommen und daß ein Kampf von Ressort zu Res- fort ftattfinbet. Dazu kommt die außerordentlich ungleiche Behandlung, die den Zeitungen zu tell Wirch, die Bevorzugung einzelner Zeitungen, Run
daS Abkommen
felbst. Es enffpricht nach der wirtschaftlichen Selle ganz bem Abkommen von 1909. Dagegen unterscheidet eS sich nach ber politischen Seite von diesem ganz be. denklich Das selbständige Sultanat ist durch das Ab» kommen beseitigt. ES ist ein von Frankreich abhängiges Sultanat geschaffen worden. Da wir bereits im Jahre 1909 ausdrücklich erklärt haben, daß wir an territoriale Erwerbungen in Dtarokko nicht dächten, können keineernstlichenEinwendungen gegen das jetzige Abkommen erhoben werden. Eine Reche von Garantien für wirtschaftliche Zugeständnisse in Marokko find ja vorgesehen, aber wirklich gesichert sind mir gegen stillschweigende Umgehung dieser Bestim. mungen durch Frankreich nicht. (Sehr richtig.) In dem Abkommen ist nicht nur unS, sondern allen Mächten völlige Handelsfteihell zugefichert, aber wir wissen ja gar nicht, ob nicht zwischen der einen ober der anderen geheime Abkommen bestehen. Daß künftige Streitig- leiten durch ein Schiedsgericht ausgetragen werden, ist eine bedenkliche Sache, denn Deutschland hat immer noch die Erfahrung machen müssen, daß wir dabei schlecht gefahren sind. Nun zur Kongokompensation. Eine Kompensation war zweifellos notwen. big, wenn wir Frankreich in Marokko so freie Hand geben, aber diese Kompensation hätte auf einem anderen Gebiete gefunden werden können. Es wäre wün-
A di- Beauftragt« der herrschenden Klassen. Bet der Reichsfinanzreform haben Eie aller auf die Schulter' ber Armen und Elenden gewälzt. Sie feilten ben' Mund halten, wenn von Opferwilligkeit geredet roirbJ (Sehr wahr! links.) Man sieht roieber, daß die groß« Kolonialpolttik Kapitalistenpolitik ist Man spielte mit dem Gedanken einer auswärtigen Krieges, weil man glaubte, so am besten mit der Sozialdemokratie fertig zu werden. Wtt sollten uns mit England verständigen unb ans bem Dreibund einen Vierbund machen. Der hätte die Herrschaft bet Welt. (Der Kronprinz und Prinz August Wilhelm haben während ber Rebe Bebels ben ©aal verlassen.) Sie treiben es auf bie Spitze; das Totenglöcklein ber bürgerlichen Gesellschaft läutet.1 (Beifall b. d. So,.)
Abg. Baffermatm (nat): Wir sind nicht der Ansicht, daß das Abkommen mit Frankreich ber Genehmigung des Reichstages bedarf. Es wäre aber eine. Frage, ob die Regierung nicht guttäte, wenigstens das Kongoabkommen zur Genehmigung vorzulegen. Ich kann dem Abg. v. Hertling nicht rechtgeden, wenn er die Bülowsche Marokkopolitik der Inkonsequenz zieht. Fürst Bülow wollte volle Souveränität des Sultans, wirtschafttiche Gleichstellung aller in Marokko. An die Entsendung des Panthers hatte man bie weitgehendsten Hoffnungen geknüpft. Da? nationale Gefühl war mächt'g aufgeflammt, man rechnete mit der Möglichkeit eines Krieges. Da mußte Enltäuschung Platz greifen, als bekannt wurde, daß man sich mit Kompensationen im Kongo zufrieden gab. Meine politischen Freunde würden, wenn sie mitzureden hätten, das Abkommen ab lehnen. Durch die Kongokompensationen werben bie Reidungsflächen mit Frankreich weder vermindert noch vermehrt. In bei Leitung unserer auswärtige» Politik vermissen wir eine feste zielbewußte Hand. Das Äuslanb möge sich barüber klar fein, baß wir unsere nationale Ehre nicht antafien lassen unb daß es, wenn es baranf ankommt, ein einiges Deutschland finden wird. (Lebh. Beifall b. d. Nall.)
Morgen: Fortsetzung.
schensweri für uns gewesen, wenn wir eine Abschaffung der, französischen Vorzugszölle in den ftanzöfischen Ko- Ionien erreicht hätten. Große Vorteile haben wir mit den Kompensationen nicht erhalten. Immerhin ist anzuerkennen, daß wir auch nicht wertlose Gebietsteile erhalten haben, desgleichen auch den Zugang zum großen Stromgebiete des Kongo. Aber bem Abkommen fehlen auch die Nachteile nicht. Als wichttgste Errungenschaft wird hingestellt, daß eS nunmehr mög« lich ist, auf Grund der Verständigung über Marokko zu einem besseren Einvernehmen mit Frankreich zu gelangen. Gewiß wünschen wir, mit Frankreich in gutem Verhältnis zu leben, aber ob das durch dieses Abkommen erreicht wird, ist doch sehr fraglich. Wir sind ein friedliches Volk, wir sind aber auch ein kräftiges Volk. Wir sind nicht mehr das Volk der Hungerleider, als das man uns so gern hinstellt. Wenn man glaubt, uns auf finanziellem Gebiete schlagen zu können, indem man nnS auf die Schwäche unferer Börsen und die Unsicherheit des Publikums, das die Sparkassen stürmt, hinweist so sind daS töriche Hoffnungen. Wir sind finanzisl gerüstet dank unferer RoichSfinanzreform — (großer Lärm links, in dem die weiteren Worte des Redners untergehen). DaS find Tatsachen, die Sie durch Ihren Lärm nicht aus der Welt schaffen. (Erneut, stürm. Widerspr. links und lebh. Beif. rechts.) Durch die steten Beteuerungen unserer Friedensliebe ist im Auslände der Anschein erweckt worden, als ob wir gar nicht wehr imstande wären und auch niemals gewillt sind, einen Krieg zu führen. Es kann gar nicht die Rede davon fein, daß unsere Rüstung nicht mehr auf der
Höhe stehe, auf der sie zu stehen hat, um mit aller Energie für die Weltstellung des denffchen Rei- ches einzutreten. Aber ich bin der Meinung, daß es unter allen Umständen auch nichts fchaden würde, wenn einmal von autoritativer Stelle gesagt würde, daß zwar allerdings die Aufrechterhaltung des Friede »S ein hohes Gut fei, daß aber dieses Gut zu teuer erlauft fei, wenn eS nur au Ko sten unserer Weltstellung geschehen könne. (Stürm, allseitiger Beifall.)
Abg. v. Heydebrand (kons.): Es ist recht fchwierig für den Reichstag, über dieses Abkommen ein Urtei. abzugeben. Mein» Freunde halten e8 deshalb für be- rechtigt, in einem Weißbuch nähere Darlegungen zu fordern. Fragen dieser Art, die von einem einheitlichen Willen geregelt und entschieden werden müssen, dem Votum einer gesetzgebenden Körperschaft zu unterbreiten, ist ausgeschlossen. (Widerspruch lintS.) Ich hätte gewünscht, daß der Reichskanzler Herrn v. Lindequist auch gegen den offiziöserteits ausgesprochenen Verdacht der Indiskretion in Schutz genommen hätte. Bon dem Abkommen selbst sind meine Freunde nicht vollkommen befriedigt. Wir haben außer- ordentlich viel preisgegeben. Hätten wir nicht für das deutsche Volk einige Sonderrechte in Marokko fordern können? Sind wir bloß der Mandatar Europas? Es ist uns eigentlich ungeheuer verständlich, daß ber Solo« malsekrelär nicht geglaubt hat, bie Dinge mit seiner Verantwortung berfen zu können. Man hätte doch mehr herausschlagen sollen. Durch Nachgiebigkeit sichern wir uns nicht ben Frieben, sondern durch dasdentfche Schwert (Lebh. Beifall und Ricken des Kronprinzen in der Hofloge) und eine Regierung, dre gewillt ist, leben Augenblick von diesem Schwert Gebrauch pr mache«. (Lebh. Bravo! rechts.) Unsere ra s'<?xen«lln^anrbIet haben ein großes Maß von Geduld, Arbeitskraft und Pflichtgefühl entwickelt. Das ist durchaus anerkennenswert, entbindet uns aber nicht von der Wicht, darüber hinaus ein scharfe- Urteil zu fällen, ob die Art, in der da verfahren worden ist, richtig war. DaS scheint uns nicht der Fall gewesen ,u sein. Wir wollen aber nicht in der Vergangenheit herumgraben, wir müssen unseren Blick wieder nach vorwa^ts richien (Beifall rechts.) Die Entsendung des Panther- ist auch der englischen Regierung mit- getellt worden. Daraufhin ist in einer sog. Tischrede tti Wien von einem englischen Diplomaten ein Ton angeschlagen worden, der als Drohung und als demütigende Herausforderung anzusehen ist. (Lebh. Sehr richtig! unb Unruhe.) Das brutsche Volk verbittet sich eine solche Drohung von englischer Seite! (Große Bewegung.) Wie ein B 'tz in ber Nacht hat bie Rebe des Botschafters bie uns bte Schamröte in bas Gesicht steigen ließ, gezeigt, wo der Feind steht. Die Regierung hat daS Recht, aber auch die Pflicht, eine Entscheidung zu fällen. Wir erwarten, daß sie getragen roitb von dem Gefühl der deutschen Nation. (Bravo!) Wir werden bereit fein wen-, es erforderlich ist, Opfer zu bringen. (Bravo! rechts, Lärm b. b. Soz. Große Unruhe.)
Staatssekretär v. Kiberlen-Wächter: Auf unsere Anftage hat uns bie englische Regierung amtlich erklärt, m^«".5^'^dotschafter in Wien mit bei Beiöffentltchung be? fraglichen Artikels in keiner Begehung flehe. Einer berartigcn amtlichen Erklärung müssen wir Glauben schenken.
Abg. Bebel (Soz.): Es ist eine Schmach für ben Reichstag, wenn ihm zugemntet wirb, über diese Vorlage nur zu reden, aber nicht zu urteilen. Herr v. Heydebrand hat vom Standpunkt des beschränkten Üntertanenverstandes «is gesprochen. Die Regierung
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 9. November 1911. • •
Am Bundesratstische: der Reichskanzler, Staatsminister und viele Kommissare. I» der Hosloge Prinz August Wilhelm. Das Haus ist gut besetzt Die Tribünen sind überfüllt. Auf der Tagesordnung fleht zunächst die sozialdemokratische Inter» ben-iiion betreffend Entlassung von Arbeitern der Reichseisenbahnen.
Minister v. Breitenbach erklärte, die Interpellation zin Laufe der nächsten Woche beantworten zu wollen. jDamit ist dieser Gegenstand erledigt. Es folgt die «espre chnng des
deutsitz-frimzösifchen Abkommens tetr. Marokko und den Kongo.
Es liegen dazu eine Reihe von Anträgen vor: Ein Zentrumsantrag will in § 1 unseres SchutzgebietS- gefthes folgende Bestimmung eingeschaltet wissen: Die Grenzen eines jeden Schutzgebietes können nur durch cm Gesetz geändert werden. — Der nalionalliberale Antrag will dasselbe, aber durch die Verfassung garantiert. — Die Freisinnigen verlangen von der Regierung Pie Vorlage eines Weißbuches über die Verhandlungen mit Frankreich, ferner, daß die Abkommen der Budgetkommission zur Prüfung und Berichterstattung vor« „elegt werben, unb 3. basselbe, was bie Nationallibe- talctt in ihrem Antrag wollen. — Die Soziatbemo- kraleir beantragen, daß bie Regierung das Abkommen dem Reichstag zur Genehmigung vorlegt, Vorlegung eines Weißbuches unb eine Äenderung beS Art. 11 ber Reichsverfassung bahin, baß alle Verträge mit fremben Staaten zu ihrer Giltigkeit bie Genehmigung des Reichstags erfordern.
Reichskanzler v. Vethmann-Hollweg: (Während der Rede deS Kanzlers erscheint io der Ho löge auch der K r o n p r i n z, der um der Marokkodebatte deizuivohnen, drei Tage Urlaub genommen hat, unb >>on Langsuhr nach Berlin gekommen ist.) Der Reichs, lauster führt au3: Durch bie Entsendung unseres .Panther" nach Agab ir wollten wir durchaus kein Land erwerben, sondern lebt lich Leben unb Eigentum unserer Untertanen schützen. Schon burch bas Feb'.uar-Abkonimen von 1908 war
Landerwerbung in Marokko ausgeschlossen; unser bereits lange vor Entsendung des Kriegsschiffes fistgclegtes Programm bewegte sich in derselben Linie. Es ist im hohen Grade beklagenswert, daß diese unrichtige Behauptung benutzt worben ist, um in unpairiolischer Weise daraus ein Zurückweichen der kaiserlichen Regierung und eine Demütig ng des Landes zu konstruieren. (Verein eltes Bravo! rechts, Heilei keit links.) Marokko selbst war nicht imstande, Ruhe und Ordnung zu schaffen, eine fremde Macht Muß le da eingreifen, und wie die Dinge lagen, konnte bas nur Frankreich sein für ben überwiegenden Teil von Marokko. Wir haben uns aber durch den vorliegenden Vertrag
WeitgehendeGarautienfürdieGleichberech- tiguug des nichtsranzösischeu Landes geben lassen. Für Ein- und Ausfuhr ist Gleichberechtigung gesichert, eben io gleiche Behandlung bei Vergebung öffentlicher Arbeiten, für Fischerei, für die Benutzung der Ber- lehrtnuttel ufiv. Wir haben insbesondere den Deutschen freie Konkurrenz im Bergbau gesichert. Nun zur Som» pens.itionssrage! Zunächst etwas über den
Rücktritt des Herrn v. Lindequist.
Heir v. Lindequist widerstrebte von Anfang an dem Erwerbe eine? größeren Kolonialbesitzes rote er uns .ctzl zugefalleir ist. (Hört! hört!). Er richtete vielmehr feine Wünsche auf Heinere, aber in der Kultur fortgeschrittene unb beshalb leichter unb billiger zu ver- wall nbe Gebiete. Da bies Ziel sich nicht erreichen ließ, so rebele er spat-r nur noch Abrunbungen -niieies kolonialen Besitzes unb Gienzregulierungen das Wort. Die Regierung bagegen stand auf bem Stand- punlk, bag die Erwerbung eines größeren Kolonialbesitzes unb edtngt notwendig sei. Die Wünsche des Kolonialamtes sind insofern erfüllt worden, als sich in dem uns zugefallenen Gebiete bte» wtngin Teile an ber Süb- und Ostgrenze von Kamerun besi iden, welche mir vom Kolomalamt als erstrebenswert bezeichnet worben waren. (Hört, hört!) Gegen Vie Äbtretuilg beulschen Landes hatte Herr V. Lindequist prinzipielle Bedenken (Stürm. Sehr .icki g! unb Bravo! auf verschiedenen Seiten.) Er erklärte mir aber schließlich selbst, ba eS ohne 'o Abtretung nicht zum Abschluß gekommen ivä-.e, bie Abtretung des jetzt an Frankreich febt Heu Gebietsteiles für erträglich. (Bewegung.) Die Meinungsverschiedenheiten und die Ansicht, daß Pern Kolonialamt kein genügender Einfluß auf die Richtlinien der Verwaltung gegeben werden, veranlaßten Herrn v. Liudequist bereits im Sommer, um feinen Mschied einzukommen. Das Abschiedsgesuch ist vom Kaiser auf meinen Antrag während der schwebenden Verhandlungen abgelehnt worden. In den letzten Tagen äußerte sich Herr v. Lindequist zu mir, er fei nicht bereit, das Abkommen tut Reichstag ressortmäßig z u vertreten, durch die von uns zu er» werbenden 275 000 Quadratkilometer würde auch nicht fm entferntesten der Schaden aufgcwogen, der unserem Kolonialbesitz durch die Abtretung der 1200 Quadratkilometer zugefügt wird. (Hört! hort!) Es war Herrn V. Lindequist nicht zugemutct worden, die Verantwortung für das Kongoabkommen mit seiner Person zu decken, dafür trage ich die Verantwortung. Noch peinlicher als das Abschiedsgesuch dieses in langjährigem Kolonialdienst bewährten Beamten (lebhafte Zu. stfiniuung) war die Tatsache, daß ungefähr gleich- nett t g mit mir auch die Presse von der ab- lehnenden Haltung des Herrn v. Liudequist Kenntnis erhielt. Damit komme ich zu dem sachlichen Gegen, stände zurück. Der
Erwerb im Kongo
ist für die Gegenwart wertvoll und rundet zugleich Unser Schutzgebiet in erwünschter Weise ab. Gegen diesen Kongocrwerb hat sich nun in einem großen Teile der Oeffentlichkeit ein Sturm der Entrüstung erhoben. (Sehr richtig! links.) Gewiß befinden sich Unter dem erworbenen minder wertvolle, vielleicht sogar chleckte Stücke. (Hört, hört!) Die Konzessionen sind rn schwere Belastung. (Sehr wahr! links.) Aber sie ind zeitlich begrenzt und sie werden deutscher Ge. ckchiS- und Vertvaliungshoheit unterstehen, die uns >or Mißbräuchen schützen wird. (Na, na! b. d. Soz) luf der anderen Seite erhalten wir Stücke, deren Veit Sie nicht bestreiten können, die zu Kamerun durchaus günstig gelegen sind. Wir erhalten den Zu- fang zum Koiigo und zum Ubanghi. Wir erholen im Ganzen ein sehr beträchtliches kolonialgebiet. Ich bin der festen Ueberzeugung, aß auch die günftige Entwickelung auch in den neu« ।