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Lstatlanrdruckund Verlag der Fuldaer A. tirudruckerei in Fulda Fernsprecher »r. S.

J\? 257. Erstes Blatt.

Fulda, Donnerstag Den 9. November 1911.

o3. Jahrgang.

[] Tas deutsch-französische Ab- kommen.

Im Reichstag wird heute der Reichskanzler den Marokko»ertrag zu verantworten haben. Das "wird ihm nach alledem, was bisher aus Parlamenta­riermunde in die Oesfrntlichkeit gedrungen ist, etwas unbequem gemacht t^erben. Es gibt keine Partei, die rückhaltlose Zufriedenheit mir dem Ergebnis der so langwierigen Marokko-Verhandlungen äußert. In hervorragenden parlamentarischen Kreisen des Z en- trums ist man — wie uns ein gelegentlicher Ber­liner Mitarbeiter schreibt — zwar der Ansicht daß dieser „magere Vergleich' besser ist als ein fetter Prozeß. Aber sowohl das Marokko- als auch das Kongo Abkommen erregt in parlamentarischen Zen­trumskreisen schwere Bedecken Liäbefonbere wegen der sich aus dem Abkommen ergebenden zukünftigen Konfiikismöglichkeitcn. Zunächst ist man der Ansicht, daß genügende Kautelen dafür fehlen, daß Frank- reich auch die in Marokko gemachten wirtschaftlichen Zugeständnisse wirklich uns gewährt. Selbst bei gutem Willen Frankreichs sei die Konflikismöglich- keit noch sehr groß. Mit den Kongokvmpensationen -ist man ebenfalls unzufrieden, weil gerade diese we­nigen schlechten Landstücke den» Reiche große neue koloniale Lasten auferlegen. So müßte z. B. die Kameruner Schutztruppe verdoppelt werden. Auch in den andern Parteien ist man von dem Marokko- abkommen keineswegs entzückt. Teils hadert man ob des endgültigen Verzichts auf Süd-Marokko, teils wegen offiziöser Angriffe auf den Exministcr v. Lin- dequist, dessen sensationelle Rücktrittsaffäre unange­nehm in diesen an Unannehmlichkeiien schon so rei- ' chen Marokkohandel hineinspielt.

Alles in allem: die Regierung hat am Donners­tag keinen leichten Stand. Wenn allerdings einige Blätter schon annehmen, daß von dem Ausgang der Reichstagsdebatten das „Sein oder Nicht­sein' des Kanzlers abhinge, so ist das eine Uebcr- schätzuug der Tragweite der Debatten. Der Kaiser schenkt dem Kanzler volles Vertrauen. Dieses Ver­trauen dürfte auch eine noch so schroffe Kritik des Reichstages nicht erschüttern.

Eine Denkschrift.

Dem Mangel an Material, der in der Db.nstags- sitzung des Reichstages beklagt wurde, ist jetzt in einem Punkte abgeholfen worden durch eine Denk­schrift des Koloniaiamres über die Neuerweo- bung im Kongogebiet. Daß die Ausführun­gen über den Wert des erworbenen Landes einen über­zeugenden und erhebenden Eindruck machten, kann man leider nicht behaupten. Es ist eine Advokaten­schrift, welche die Mängel dieses Geschenkes zu ver­decken sucht, so gut es eben geht.

Interessant ist zunächst die Ursprungsangabe. Vom K o l o ni a I a m t soll die Denkschrift herrühren. Das Kolonialamt war aber, so lange die Herren von Linde- quist und Danckelmann dort den Ton angaben, z e- :6 e n die fragliche Erwerbung. Ist nun die Denkschrift in den wenigen Tagen, die seit dem Personenwechsel -verflossen sind, unter Leitung des Herm Tr. Sols ausgearbeitet worden? Hatte vielleicht der Auftrag des Reichskanzlers, eine derartige Denkschrift auszuar- > beiten, die letzte Krisis im Kolomalamt zum Ausbruch gebracht?

Was m.n den Inhalt der Denkschrift angeht, so rühmt sie die Quantität des Neulandes, weil mit der Qualität beim besten Willen kein Staat zu machen ist, und sie malt eine schöne Zukunft an die Wand, weil di- gegenwärtige Wirklichkeit etwas grau aussieht.

Die Masse ist allerdings nicht übel. 275 000 Quadratkilometer erhalten wir; davon gehen infolge des Verzichtes auf den „Entenschnabel' 12000 ab, bleibt ein Zuwachs von 263 000 Quadratkilometern ober eine Erweiterung der Kamerun-Kolonie um gut 50 Prozent. Nun meint die Denkschrift: für ein Volk, das sich entschlossen hat, zu kolonisieren, sei jeder Gebietszuwachs mit Freuden zu begrüßen, auch wenn der wirtschaftliche Wert vorläufig zurück- 'trete. In dieser unbedingten Allgemeinheit kann man !das nicht gelten lassen. Ein Land, das nichts bringt i'unb nichts kostet, ist gleich Rull zu bewerten; aber ein i Land, das nichts bringt und Zuschüsse erfordert, hat einen Minuswert und stellt eine B-.lastung bar. Nun wird aber Neukamerun Zuschüsse erfordern. Die Denkschrift sagt, die weitere rationelle Erschließung der erworbenen Gebiete werde „nicht ohne erheb­liche Kosten möglich fein" u. augenblickliche Vorteile strhen den Aufwendungen nicht gegenüber; das Acquivalent soll die Zukunft bieten in „weitgehen­den Entwicklung ^Möglichkeiten". Ter Reichstag wird diese Zukunftsmöglichkeiten gründlich und vorsichtig prüfen müffcn, ehe er Gels für das Neuland be­willigt.

Dabei drängt sich die Frage auf: Wenn die Re­gierung selbst erkannt hatte mb zugesteht, daß „er­hebliche Kosten" bewilligt werden muffen, warum hat fic nicht des lieben Friedens halber diesen das Bud­getrecht berührenden Vertrag dem Parlament zur G o- nchmigung vorgelezt?

, - ©efa^r, daß der Reichstag wegen Zweifels an r • d" Kompensation das ganze Abkommen zu doll) nicht sehr groß. Die ^aup.lache blnot doch immer di- Garantie für die Bewegungsfreiheit in l^e'ein- 2»^ Kongo-Kompensarion ist eine Bei- man' c Qiagen «in geschenkter Gaul, dem

man, -ucyt gar zu scharf in's Maul sehen darf Die Regierung wrrd.,agen sie hätte keine bessere §0^ satwv yerausschlazen tonnen, und schließlich Mit üb dann die Frage so, ob die 250 000 aStti nme'2 Stepp- und Urwald mit Kamschuk^nicht Lch . ch besser sind als gar nichts. 1

Drei Rosinen find wenigstens noch in dem mageren Kuchen: 1. das Küstenstück neben Spanisch- Guinea, das eine neue Hafenanlage zu ermöglichm scheint; 2. der Zipfel, der die Verbindung mit dem schiffbaren Ubangi herstelli und also für Ostkamerun einen neuen Exportwez ermöglicht; 3. der Zipfel, der an den Kongo und den belgischen Kongostaat her­

angeht und neben der gegenwärtigen Bedeutung für den Handel einen Zukunftswert haben kann als An- wartfchast bet einer etwaigen Neuregelung der Ver­hältnisse im großen Kongogebiet.

Wenn die Dinge sich nun einmal nicht mehr än­dern lassen, so kann dar maßlose Schelten über die „Kongosümpfe", wie e8 die oppositionellen Blätter be­treiben, keinen Nutzen bringen. An den vollendeten Tatsachen muß man auch die guten Seiten ins Licht kommen lassen. Hoffentlich wird der Reichstag dafür sorgen, daß der geschenkte Gaul uns nicht arm frißt. In die neue Kcllonie darf nicht mehr Geld hineingesteckt werde», al- sich bet vorsichtiger kauf­männischer Prüfung rentabel erweist.

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*♦ Dem Reichstage find am Mittwoch Karten zum deutsch-französischen Kongovertrage zugegangen, aus denen die neue» Grenzen von Kamerun er­sichtlich sind.

-V- Die Zentrumsftaktio» des Reichstags be- fchäftigte sich in ihrer Fraktion-sitzung am Mitt­woch sehr ausführlich mit dem Marokkoab­kommen. Lebhaft wurde vor allem die Frage erörtert, ob das Marokkoabkommen dem Reichs­tage zur Genehmigung vorzulegen ist oder nicht. Das Resultat der Verhandlungen war, wie wir erfahren, die Einbringung folgenden Antrages im Reichstag:

Aks § la wird hinter § 1 bei SchutzgebietsgeseheS folgende Bestimmung eingeschaltet: „Die Grenzen eines jeden Schutzgebietes können nur durch ein Gesetz ge­ändert werden."

Die Freisinnige« beantragen: Dem Reichs- tag unverzüglich ein Weißbuch über die Verhand- langen mit Frankreich vorzulegen und das Abkommen der Budgerkommission zur Prüfung und Bericht­erstattung zu überweisen.

** Außer dem Marokko-Abkommen sollen einer Berliner Nachrichtenstelle zufolge zwischen Frankreich und Deutschland noch Geheimverträge bestehen. In die en Geheimverträgen fei vereinbart, „die Kongo frage in einem spätere« Zeitraum wieder aus- zunehmen und im Laus« deS nächsten Jahres wei­tere Besitzveränderunge» in Zentralafrika vorzu­nehmen, bei denen auch England, Belgien, Portu­gal und Spanien eine Rolle spielen würden, da Deutschland ein großes Interesse habe, eine Ver­bindung seiner sämtlichen Kolonien auzustreben." — Diese Nachricht dürste kaum zutreffen, es handelt sich wohl lediglich um eine leere Vermutung.

0 Der Klatsch schießt üppig in Halme. Wie die „Nat'onalztg." sich aus Hofkressen klatschen läßt, soll der Kronprinz über die nach feiner Ansicht klägliche Marokkopolitik des Kanzlers und über den Rücktritt deS Herrn v. Lindequist sehr bestürzt sein. Der Kronprinz soll sich mit seinen Brüdern von Danzig aus über diese Frage verständigt haben, nm beim Kaiser darauf hinzuwirken, daß die Situation nicht noch weiter verfahren werde. Auch öte Kaiserin soll dafür interessiert werden. — Ein bayerisches Blatt brachte eine Berliner Meldung, wonach der Kaiser vor drei Monaten den Kriegs­minister und den Staatssekretär des Reichsmarine- amts darüber befragt hätte, ob Deutschland tat« tächlich aktionsbereit fei, und diese Frage hätte von feiten des Herr« v. Tirpitz unter näherer Aus­zählung der stiahaltigen Gründe entschieden ver­neint werden müssen. Diese Meldung hat in Regierungsk eisen das unliebsamste Aufsehen hervor- gerufen. Wie nun dem Hirsch'schen Telegraphen- bureau mitgeteilt und wie auch anderweit bestätigt imrv, beruht die Nachricht von Anfang bis zu Ende auf Erfindung.

Ter Sultan von Marokko hat mitteilen lassen, daß er dem beutsch-ftanzöstschen Abkommen zustimme. — Das ist ja ein Glück! Offenbar empfindet Se. Majestät der Sultan von Marokko die allerhöchsttiefste Befriedigung, der Sorgen seiner Herrscherherrlichkeit ledig zu sein. Mit guten Bezügen bei annehmbarer körperlicher and geistiger Rüstigkeit in Pension zu Sehen, ist auch außerhalb des afrikanischen Weltteils mamhmal ein Ziel, aufs innigste zu wünschen. Und nichts anderes, als eine Pensionierung des Sultans Mculay Hafid bedeutet das durch das deutsch-ftcmzö- sische Mommen errichiÄe Protektorat Frankreichs über Marokko. Zwar wird der bisherige Souverän des marokkanischen Kaiserreichs in dem Schriftstück, eaä über sein eigenes Schicksal entscheidet, überall mit Samthandschuhen angefaßt; zwar wird höflich im Veriragstext an mehreren Stellen hervorgehoben, daß die französische Regierung die von ihr für gut be­fundenen Maßregem in Marokko nach „Einigung" oder nach „Verständigung" mit der marokkanischen Regienurg (b. h. mit dem Sultan) ergreifen werde. Nur sollte Se. Majestät mal versuchen, der „Eini­gung" oder „Verständigung" dadurch Schwierigkeiten zu Bereiten, daß er nicht nach der stanzöflschen Pfeife t-mzt. Darm würde der zweite Absatz be8 ersten Artikels deS Marokko-Miko mmorS in Kraft trete«, wonach Frankreich volle AktionSfteiheit hat, wenn eS sich veranlaßt sehen sollte, „seine Konrrolle und seinen Schutz schärfer zum Ausdruck zu bringen und auszudehnen". Nein, so tSricht ist Mulah Hafid sicherlich nicht, daß er an bet Kette zerrt, damit sie nur noch fürjer werde. Wenn er Frankreichs Willen tut, dann kann er sich noch eines langen sorgenfreien Daseins erfreuen. Als Widersacher seines ftemden- fteutidlichen Bruders Abdul Asis gelangte er auf revolutionärem Wege, die Fahne der Selbständigkeit Marokkos entfaltend, im Januar 1908 auf dm Thron. Heute liegt et gefesselt zu Boden und küßt dm Fuß, den ihm Frankreich auf den Nacken setzt. Die Bil­ligung, die Mulay Hafid dem Vertrage gibt, ist sein letzter Staatsakt als Souverän von Maroffo.

deutsches Reich.

** Berlin, 8. Nov. 191L Der Kaiser wird Donnerstag den Bischof von Münster, Dr. Feliz; von Hartmann, in besonderer Audienz em­pfangen.

+ Der Hansabund fühlt von Zeit zu Zeit das Bedürfnis, dem Mittelstand sein mittelstands- freunvliches Herz in die Erinnerung zu rufen. Herr Rießer ist im allgemeinen ein sehr geschickter Macher, das muß man ihm lassen. Aber in der Mittel­standspolitik läßt ihn fein Geschick ganz und gar im Stich. Tas zeigte auch der vor wenigen Tagen in Berlin in Szeni gesetzte erste Mittelstands- kongreß des Hansabundes. In der liberalen Hanfabundpreffewurde gewaltig die Reklametrommel gerührt, der Kongreß sollte für den Mittelstand geradezu bahnbrechende Arbeit leisten und was des Rühmens alles noch mehr war. Wer den Hansa- bund auch nur einigermaßen kennt, der ließ sich durch die marktfchreierifche Anpreisung gewiß nicht täuschen. Die Mittelftandskreise werden sicher nicht wenig erstaunt fein, über die Art und Weife, wie der Hanfabund Mittelstandspolitik betreibt. Schon in der Auswahl der Referenten hatte die Hanfa- bundleitung eine wirklich außerordentlich „geschickte" Hand gehabt. Wie werden sich die Delegierten gefreut haben, als sie hier einen Kommerzienrat, da einen Großindustriellen als Wortführer auftreten sahen. Vermutlich ist der Hanfabund um den Mittelstand so sehr besorgt, daß er dessen berufenen Vertretern nicht das nötige Verständnis für die eigenen Interessen zutraut. Der .Mittelstandskon­greß" war in der Tat der reinste Hohn. Was soll man dazu sagen, wenn der Hansabundpräsident mit einem verächtlichen Achselzucken von dem „Linsen­gericht des Befähigungsnachweises" sprach und auch die weiteren mittelstandsfreundlichen Maßnahmen mit einer wegwerfenden Handbewegung abtun zu können glaubte. Rritifteten ist nicht schwer, aber Bessermachen sehr! Als Haupt- und Paradestück zierte die Tagesordrung des Kongresses die „Dis­kontierung der Buchforderungen". Der Hanfabund hat damit aber einen gründlichen Herein­fall erlebt. Dieser Vorschlag wurde so en schieden bekämpft, daß dem Buudesdirektor, Dr. Knobloch, nichts übrig blieb, das Paradestück in der Ver­senkung verschwinden zu lassen. Im übrigen wußten die klugen Mittelstandspolitiker des Hansa« bundes nichts besseres zu tun, als sich mit fremben Federn zu schmücken. Gefängnisarbeit, Sub- miffionswese«, Vertretung der Kleinhändler in besonderen Detaillistenkammern, das alles sind Dinge, denen das Zentrum und dis übrigen rechtsstehenden Parteien schon ihre Aufmerksamkeit zugewandt hatten, längst bevor es einen Hanfabund überhaupt gab. Da alle jene Forderungen aber ganz unvereinbar sind mit den wirklichenBestrebungen deS großkapitalisti­schen Hansabundes, liegt es auf der Hand, daß die so geflissentliche Mittelstandssreundlichieit des Bundes nichts weiter ist als ein Echaugericht und noch dazu eines, dessen Zusammenstellung so ungeschickt ist, daß der großkapitalistische Charakter desselben nur sehr überflächlich verhüllt wird. Der Hansa- bund ist und kann seiner ganzen Zufamm nsetzung nach niemals mittelstandsfreundlich fein und es ist ihm auch mit seinem „Mittelstandskongreß" nicht gelungen, das Gegenteil zu beweisen.

** Ter Zentralverband pensionierter Reiche-, Staats- und Gemeindebeawten hat in Eingaben an den Reichstag und den Bundesrat die Gewährung so­fortiger Teuerungszulagen erbeten. Die Altpensio­näre weisen darauf hin, daß ihre Pensionen noch nach den vor Jahrzehnten üblichen Gehältern be« messen seien.

** Unter dem Joche der Sezialdemokratie. Die liberale Presse des Wahlkreises Konstanz, ins­besondere das liberale Blatt in Singen, dem Wohn­sitze des neugewählten nationalliberalen Abg. Schmid, behauptet fortgesetzt, Schmid habe keine auf die Stichwahlhilfe bezüglichen Bedingungen der Sozialdemokratie unterschrieben. Dem­gegenüber erklärt der sozialdemokratische Partei­sekretär für Oberbaden, der in Gemeinschaft mit dem Vorsitzenden der badischen sozialdemokratischen Landesorganisation die Verhandlungen mit den Na« tlonallideralen leitete:

Der (nationalliberale) Kandidat Schmid» der an der Sitzung nicht teilnehmen konnte, hatte schon im Lause des Tages dem Vorsitzenden deS sozialdemokra­tischen KreiswahlkomiteeS erklärt, daß er die ge­stellten Forderung en anerkenne. Die Ver­treter der Liberalen gaben in der Sitzung die gleiche Erklänmg ab. Die Erklärung hat folgenden Wort- laut: „Die anwesenden Vertreter der beiden liberalen Parteien erklären im Einverftändnis und im Auftrage deS Kandidaten Herrn Sckmid, daß er im Falle feiner Btahl für solche Gesetze und Gesetzesänderungen, wie sie in der Resolution des Jenaer sozialdemo­kratischen Parteitages vrrworfeu werden, nicht emtreten wird." Die Erklärung wurde mündlich ab­gegeben und vom Genossen Engler, dem Parteisekretär, zu Papier gebracht. Eine Nnterichrift oder eine schrift­liche Erklärung von Herrn Schmid zu verlangen, halte« wir unter den gegebenen Umständen keinen Anlaß.

Der,Vorwärts< nennt die liberale Ableugnung eine „feige Vertuschung".

A Religion ist Privatfache. Wie die Sozial­demokraten diesen Satz amsaffen, beweist ein Schrift« chen, daß von ihnen neulich während deS Wahl­kampfes in Düffeldorf kolportiert wurde. Schon der Titel: „Die Gottespest" läßt den Inhalt ahnetr. Da wird in einer geradezu satanische« Weise Gottes­lästerung an Gotteslästerung gereiht. Als Zeugnisse des Religionshasses, der aus der Schrift spricht, nur folgende Zeiten:

„So selbstverständlich es ist, daß der Hauptkampf deS Proletariats sich gegen den Kapitalismus zu richten hat und mithin auch auf die Zerstörung des Gewalt- mechanismus desselben, des Staates, abzielen muß, so wenig darf in diesem Kampfe di» Kirche außer acht gelassen werden. Die Religion muß systematisch im Volke untergraben werden, wenn dasselbe Verstand kommen soll, ohne welch« es nicht bi« lheit erringen kann". (13). .Jeder religionslos« nsch begeht eine Pflichtvernachläisigung, wenn er

täglich und stündlich nicht alles au [bietet. waS in seinen Kräften stehl, di« Religion zu untergraben. Als» Krieg dem schwarzen Gesindel — uuversShn- liehet Krieg bi, auf, Messer I .«-ft-iM», 8*8» ** Verführung, Aufklärung für di« ®«CT*6rte»l Lasset nn5 i«be, Mittel bei Kampfer in unser« Dienst« neh­men: Di, Geißel d«S ©eottei, wie dta Fackel der

Wissenschaft; wo diese nicht yt erreichen - greif' und fühlbarere (!) Argumente (12)."

Das ist also die so laut ausgerufene Geistes- freiheit der Sozialdemokratie! Das Schriftche» zeigt auch wieder mal, daß die Sozialdemokraten die Hauptagitatoren des Freidenkertums sind.

* Rudolstadt, 8. Nov. 1911. Der geistliche« Schulaufsicht sollen nun auch die Schulen beide, Fürstentümer Schwarzburg entzogen werden. Jede, Landratsbezirk erhält einen Schulinspektor aus dem Lehrerstande.

j.f Dresden, 8. Nov. 1911. Die zweite säch­sische Kammer wählte gestern den Abg. Dr. Vogel (nati.) zum Präsidenten. Zum ersten Vizepräsidenten wurde Abg. Opitz (kons.) gewählt, der aber abtehnte mit der Begründung, die konser­vative Fraklion habe beschlossen, wenn ihr als der stärksten Partei nicht der Prästdentensitz zugestanden werde, überhaupt im Präsidium unverlretcn zu bleiben. Abg. Hettrier b.dauerle diesen Beschluß. Die Nationalliberalen hätten gezeigt, daß sie an einem freundlichen Berhältnis zu den Konfervativen festhalten wollten. (Gelächter bet den Konservativen.) Abg. Opitz erividerle, es zeuge nicht von einer freundlichen Gesinnung, zu ungun ften der Konser­vativen einen alten parlamentarischen Brauch zu durchbrechen. Die Kammer wah re darauf de« sozialdemokratischen Abg. Fräßdorf zum ersten Vizepräsidenten, der sich unter dem Beifall der Linken und großer Heiterkeit der Rechten zur Annahme der Wahl bereit erklärte. Zum zweite« Vizepräsidenten wurde der Adg. Bär (Fortschr. Vp.) gewählt. Die Konservativen gaben weiß, Zettel ab.

--- Straßburg, 8. Nov. 1911. Am Montag hat sich die Zentrumsfraktion des neue« Landtags für Eisaß-Lothringen konstituiert. Zum Vorsitzenden wurde Hauß, zu Vizeprästsenle« wur­den Dr. Ricklin und Dr. Heyrnes gewählt.

d" Mänchcn, 8. Nov. 1911. Im bayerische« Landtage war gestern über die Frage der Staats« arbeitersürsorge verhandelt worden. Dadel war vom Abg. Oswald (Ztr.) gesagt worden, daß der Verkehrsmininer eS nrcht für nötig brfunde» habe, dieser Sitzung beizuwohnen. Er erblickte dar­in ein Mangel an Interesse für die Staatsarbeiter. In der heurigen Sitzung wandte sich der Verkehrs« Minister v. Frauendorffer gegen diese Bemerkung und motivisrie sein Fernsei« von den Verhand­lungen mit starker Inanspruchnahme durch Bureau-, geschäste und Äusschußsitzungen, zudem stehe eß ihm frei, sich vertreten zu lassen. Er könne, was seine Diensteinteilung anlange, keinerlei Vorschriften vom Abg. Oswald entgegennehmen. Herr v. Frauen­dorffer betonte außerdem, daß er sich zur Zurück­weisung dieser Beleidigung genötigt sehe, da daS Präsidium sich nicht veranlaßt gesehen habe, ihn in Schutz zu nehmen. Vizepräsident v. Fuchs (Z!r.) erwiderte darauf dem Verkehrsminister wiederholt, der Abg. Oswald habe mit seinen Bemerkungen daS Rügerecht nicht überschritten, daS einem Abgeord­neten gegenüber einem Mitglied der Regierung zu« stehe. Am Nachmittag gab nun zu Beginn der Sitzung deS Finanzausschusses der Referent, Abg. Dr. Pichler namens deS Zentrums die Er« klärung ab, er könne nach den Verkommnissen in der Kammer und der Art, wie bet Verkehrsminister seine Fraktionsgenossen behandelt habe, zur Zeit nicht weiter sachlich die Angelegenheiten des Ver­kehrsministeriums behandeln. Er bitte darum de« Gegenstand vorläufig von der Tagesordnung abzu­setzen. Verkehrsmmlsier v. Frauendorffer erklärte^ er werde sich weitere Schritte Vorbehalten. >

--- Ravensburg, 8. Nov. 1911. Der früher» Reichstagsadg. Gebhard Brau« ist in bet ver­gangenen Nacht gestorben. Brau« ist 68 Jahre alt geworden. Er vertrat den Wahlkreis Biberach, den heute der bekannte Abgeordnete Erzberger inne hat. Braun «rat eine bescheidene, sympathische Persön­lichkeit, mit reichem Wissen ausgestattet.

Neichstagswahivorbereitvngen.

* Limburg, 7. Nov. 1911. DaS Zentrum stellte im Wahlkreis Diez-Limburg den Mühlenbesttzer Kalteyer-Limburg als Kandidaten auf. Damit stehe» sich sechs Kandidaten im Wahlkreis gegen­über. Der Wahlkreis ist jetzt «ationallrberal ver­treten.

* Bieleskid, 8. Nov. IS 11. Graf Posadowsky hat die Kandidatur für den Wahlkreis Bielefeld- Weidenbrück endgültig angenommen.

* Krefeld, 7. Nov. 1911. Für die Reichstags« wähl beabsichtigt das Zenlrum, wie es heißt, den früheren Abgeordnete« für Krefeld, Dr. Karl Ba ckem« Steglitz, aufzustellen.

Dir Reichstagsstichwahl te Ratibor.

* Breslau, 8. Nov. 1911. Bei der heutigen ReichStagSstichwahl erhielten der Stadlrat Sap« letta (Ztr.) 10050, Pfarrer Banas (Po e) 6600 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt. — Bei der Hauptwahl hatten erhalten Saplelta (Ztr ) 7897, Bana, (Pole) 4773, Lüdke (frtitonf.) 3265 und Schwab (Soz.) 1606 Stimme«.

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Ausland. _

*♦ Der niederösterrkichische Laudeskaiholikentag- wurde la diesem Jahre am Samstag und Sonntag- i« Wiener-Neuftadt, der aufstrebende« Pro«' vinzstadt zwischen Wien und dem Semmering, ab«, gehalten. Der Verlauf war über alles EcwarteM glänzend. Trotzdem brei Parallelverfammlunge» vorgesehen waren, find , all» Säh derart über füllt gewesen, daß verschiedene Jmpvovifatione« not»' wendig wurden. Von kirchlichea Würdenträgern «ahmen Fürstbischof Dr. Ragt, Bischof Dr. Rößler, von St Pötten, bet Apostolische Felbbrschof, sorota zahlreich« Domherren «ad Vertreter von Stiftern teil. Aach vom Hochabel und vorn christlichsozialen Reichsratsklub »arte viele Mitglieder erschienen, di» sich iS, drL HWpb- ^ .Äfctttltoa$oeriaam«‘