Monakbeüage: „Zuldaer GeschichLrblätter"
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Ausnahme der?o.m- «itl> Feiertage viertel- iä^iichtrvern^^preir ohne vringrriohn und vesieLgeld in Fulda fo- »iranrwSrtsftSvM.
Vcrantw. Redakteur? M jw
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3 P.!rzeller"wKMa. wochenbettage: „Muftrierte Sonntagrzeitung"
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j'ä 256.
Erstes Blatt.
Fulda, Mittwoch den 8. November 1911.
38. Jahrgang.
Dentjches Neich.
** Berlin, 7. Nov. 1911. Der Kaiser reiste am Dienstag morgen mit seinen Sübnen Eitel Friedrich, Adalbert und Joachim zur Dosjagd in der Göhrde. Die Rückkehr erfolgt am Mittwoch abend. — Die Wahtmännerersatzwahlen im Landtagswahlkreise Breslau haben die MÄwrwahi des freisinnigen Kandidaten Dr. Ehlers, dessen Mandat das Abgeordnetenhaus für ungültig erklärt hatte, gesichert. Freisinnige und sozialistische Wahlmänner wurden 853, Zentrums- und konservative Wahlmänner wurden 790 gewählt.
+; Das Mar»lksadk«nmru ist am Dienstag dem Reichstag zugegangen. Beretts am Vormittag hatten mehrere Fraktionen Sitzungen emberufen, um zu dem Abkommen und zur Frage seiner parlamen- tarischen Behandlung Stellung zu nehmen. Wie wir erfahren, einigten sich die Fraktionen mit Ausnahme der Ratioualliberale», die gegen einen Aufschub ivaren, schließlich tahin, daß es wünschenswert sei, erst am Donnerstag in die Besprechung des Marokkoabkommens einzutreten, damit den ^Fraktionen Gelegenheit gegeben sei, das Abkommen zu studieren. Vom Zentrum werden, wie wir er- fahren, vorausflchlich die Abgg. Frhr. v. Hertling und Gröber zum Marokkoabkommen den Standpunkt der Fraktion zum Ausdruck bringen. Von den Konservativen wird, wie verlautet, der Abg. Graf Kanitz, von den Ratwnalliberalen Bassermann, von den Fr isinnigen Dr. Wiemer und von den Sozialdemokraten Bebel sprechen. Wie im Reichstag verlautet, wird d« Rede des Reichskanzlers sich weniger mit den Einzelheiten der Verträge beschäftigen, vielmehr in erster Reihe der Darlegung gewidm t sein, wie sehr durch den Vertrag die gesamte politische Lage gebeffert worden ist. — Als ire Reichstage gestern d r Präsident die Beratung der Mars!lo-JnicrpeLar.on aes die Tagesordnung der Dmruerstog-Sitznng ci en wollte, er.,ob sich erregt Bassermann, der dereus ein amtliches Exemplar der Vorlage besaß und legte Einsprrrch dagegen ein.
lich sei, und allem ststescheine nach wird er recht behalten. Aber nicht au» Münden, die in der Güte des Vertrages liegen. Inzwischen haben mehrerevon den Mächten, He de» Slgeciras-Vertrag gezeichnet hatten, ihre Zustiuvmmg zu dem deutsch-französischen Abkommm ausgesprochen. Wenn trotzdem daS französische Parlament die Genehmigung verweigern sollte, so würde es nicht bloß seine eigen« Regierung desavouieren, sondern auch die ftemden Regierungen brüskieren.
DaS französische Parlament steht also vor einer vollendeten Tatsache, der es wohl oder übel Rechnung tragen muß.
In Deutschland hat daS Parlament weniger Rechre und die Regierung mehr Rechte. Der deutsche Reichstag würde als» die Maßnahmen der Regierung erst recht nicht rückgängig machen, auch wenn er das formale Recht der Genchmigrmg oder Verwerfung chätre. Die nattonalliberale Partei hatte ja vor vierzchn Tagen den plötzlichen Einfall, eine Ab» ändemng des bestehenden VerfasiungSrechtes durch eine „Erklärung* des Reichskanzlers herbeiführen zu lasten. Wäre der improvisierte Weg gangbar gewesen und das Ziel erreicht worden, so stände der Reichstag vor der Entscheidung, er sich mit dem Erreichten begnügen oder durch Verwerfung des Ausgleichs die kritische Lage vom Ende Juni (Entsendung des Kreuzers nach Agadir) wiederum herbeiführen wolle. Würde die Mehrheit verwegen genug sein, wegen dieser oder jener Mängel deS Vertrages die Kriegsgefahr heraufzubefchwörm?
In Frankreich besteht daS parlamentarische Regiment. Trotzdem hat die dortige Regierung das Parlament gefliffenüich und erfolgreich von jeder Einwirkung auf die schwebenden diplomatischen Verhandlungen f e r n g e h a l t e n. Der Zusammenrttt dcs Parlaments wurde abflchlich soweit hinausgeschoben, daß bis dahin eine vollendete Tatsache vorliegrn mußte. Das haben die „demokratischen" Franzosen sich auch ruhig gefallen lasten, weil sie einsahcn, daß derartige hochpolitische Geschäfte nur von der Regierung, nicht vom Parlament durchgrführt werden können. Die auswärtige Politik drängte ihrer Natur nach auf eine autokratische Behandlungsweise hin.
Natürlich wird jede Regierung, auch eine monarchische, bei den diplomatischen Verhandlungen über einen Staatsvertrag sich fortwährend bewußt bleiben, daß sie die Sache vor dem Parlament und vor der öffentlichen Meinung zu verantworten Hatz Sie sucht die Opfer möglichst gering und die Vorteile möglichst groß zu gestalten. Wenn auf beiden Seiten Männer mit normalen Geistes- und Willenskräften die Jn- ttreffen ihres Landes verfechten, so wird der Ausgleich auf einer mittleren Linie erfolgen, sodaß auf keiner Seite eine volle Befriedigung, aber auch auf keiner Serie eine verzweifelte Verneinung sich ergibt. Sin StaatSoertraq, wie der vorliegende, der nicht auf wirtschaftliche oder technische Einzelheiten sich beschränkt, sondern die Gesamtstellung zweier Länder zu einander in der Wurzel berührt Md den europäischen Frieden in Mitleidenschaft zieht, wird in einem Parlament nur dann verworfen werden, wenn die Diplomaten des betreffenden Staates einer krankhaften Unfähigkeit oder Pstichtvergessenheit verfallt» wärm. Sonst aber bleibt der Volksvertretung nichts anderes übrig, als sich mit dec bollen beten Tatsache abzufinden, indem man annimmt: Auf fr i e d li ch e m Wege war nicht mehr zu erreichen, als unsere Unterhändler vereinbart hob«.
Darum brauchm wir kein Klagelied anzustimmen über den Mangel an parlamentarischen Vollmachten. Das Abkommm, wie es jetzt vorliegt, würde sowie s o sich nicht ändern lastm, auch wmn der Reichstag sämtliche Rechte der frmizöfischen Kammer hätte. Und w e i l es unabänderlich ist, s« hat es auch keinen Sinn und Zweck, es noch schlechter gu machen, als es ist, und nur die Dornen hervorzukehren.
Es find auch Rosen an dem Strauch, und M- gestchts der vollendeten Tatsache kann man mit Meyer (Arnswalde) sagm: 68 geht auch so.
M Ztaatsverträ^e und Parlament
Nach allem, was man aus Paris hört, wird die Deputierte »kammer das Marokko-Abkommen sicherlich genehmigen.
Unsere „Alldeutschen" und bte sonstigen Unzufriedenen von links werben sagen, das sei eben ein Beweis für dm großm Erfolg der franzöüschm Diplomatie und für die „Niederlage" der deutschen Dft plomaiie.
So liegt aber bie Sache doch nicht. Auch in Frankreich ist man stch bewußt, daß die Roje Dornen Hatz und gerade bei genauer Prüfung des Wortlautes der beiden Verträge" hat man immer deutlicher erkannt, haß Frankreich auch erhebliche Opfer hringen muß. ■ In dem ersten Vertrage findet man Klauseln genug, welche die Bewegungsfreiheit Frankreichs in Marotko einen gen und den Deutschen weittragende Rechte geben. Und was b;n zweiter Vertrag wegen des Kongos angeht, so ist es noch gar nicht lange her, daß -sich in Frankreich zahlreiche und gewichtige Preßftimmen g c g en die Abtretung von Erheblichem Kolonialland aussprachm und nammtlich gegen die Zerstückelung des oerbleibmden französischen Besitzes durch Ausdehnung des deutschen Besitzes bis 61t den Kongo ganz entschieden prorestierten. Im vott- tien Monat noch warm Pläne gefaßt und verbreitet, Hw das Ministerium Caillaux wegen Nachgiebigkeit |u stürzen.
•;? Jetzt, nachdem der unterzeichnete Vertrag vorliegt, tft von solchen Absichten keine Rede mehr. Herr Eail- jauj hat vor einigen Tagen so gesprochen, als ob die Mnehmigung des Abkommens selbst» e rstän b-
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 7. November 1911.
('waegangen ist das deulsch-franzöffsche Abkom- meu >der Marokko und der Kongovertrag. — Vitti der Tagesordnung fleht der Handels- und Schiffahrts-Vertrag mit Jovan. _
Staatssekretär Dr. Delbrück empfehlt bte Vorlage. Der am 17. Juli d. I. tu Kraft getretene Vertrag ist mit nvölfjähriger Dauer abgeschlossen worden. Es be- ftebt ’ die Kündiqungsklausel, daß der Vertrag nut Wirkung turn 81. Dezember 1912 gekündigt werden kann falls der Reichstag dem Abkommen feine Ge- nehmiaung versagt. Neu ist die Bestimmung, daß auch Postschiffen die Meistbegünstigung zugestchert rotrb. Ich bitte um Ihre Zustimmung. _
Äbg. Dr. Pieper (Ztr.): MeinepolttischenFreunde begrüßen den Abschluß eines Handelsvertrages mtt Japan. Wir haben bei wichtigen deutschen Einfuhr, nrlileat Vergünstigungen erreicht, doch bleibt zweifelhaft, ob die Ermäßigungen uns so weit nützen werdem daß uns die Einfuhr in I >pan noch weiter möglich bleibt. Zu bedauern ist, daß die deutsche Seidenindustrie durch die Zugeständnisse an Japan geschädigt wird. Wir erwarten, daß die Regierung bet Auf. stelltmg des neuen Zolltartses mit aller Festigkeit darauf besteht, baß für bte Gewebe asiatischer, speziell japanischer Herkun t in Zukunft ein höherer Zoll se'tgesetzt werte' Es st zu begrüßen, baß einige Zugestänbntffe für bie schweren Maschinen in Japan erreicht wurden. Es ist aber bekannt, baß Japan bet Vergebung öffentlicher Lieferungen seit Iahten in auffälliger Weile englische und amerikanische Masch neu devorjitgt. (Beifall.)
Abg. Dr. Streefemann (ntl.) stimmt den Ausführungen des Adg. Pieper zu, und ist, ebenfo wie 3er Abg. Kämpf (Vp.) der Meinung, daß in Deutschland die Interessierten den Vertrag mit sauer-süßer Miene hdtuebmen.
Slaatssekrelär Dr. Delbrück: Sie Tatsache, daß England keinen besseren Vertrag mit Japan geschloffen hat, beweist jedenfalls, daß an der Unmöglichkeit, unsere Handelsverträge in einer alle Interessen befriedigenden Weise auszugestalteir, unsere Schutzzoll« polilik nicht Schuld ist. — Rach einigen in der gleichen Richtung sich bewegenden Ausführungen des
Unterstaatssekretärs Kühn und des Direktors im Auswärtigen Amt v. Körner weiten die
Abgg. Linz (Reformp.) und Werner (wirtlch. Verein.) Nochmals auf die ungünstige Gestaltung des Handelsvertrages hin.
Nach weiteren Ausführungen der
Abgg. Dr. 9t Offerte (konf.) und Dr. Oefer (Volksp) wird die Vorlage in erster und zweiler Lesung angenommen.
Ohne Debatte angenommen tv:rd in erster und zweiter Lesung die Vereinbarung zwischen dem Deut, scheu Reiche und Japan übet das Konsulats- wesen, der Vertrag mit Groß-Ariiannien über die zegeu'eitige Auslieferung vou Verbrechern zwischen "Deutschland und gewißen britischen Protektoraten, ebenso der Gesetzenlwuif betr. die Handels- bezielmngen mit England.
Daraus vertagt ftd) da- Haus.
Präsident Graf Schwerin schlägt vor, die ncichue Bihmtg Donnerstag adzuhalten. Ä'iit der Tages- ordnung: Jnlerpellation Albrecht und Gert. (So;.) betr. Entlassungen von Etsenbalmern int Betrieb der Reichs- eisen bahn; Marokko-Abkommen.
Abg. Bafferntamt (not.) bittet, die Debatte über die auswärtige Politik morgen stattsinden zu lassen.
Abg. Grveber Ztr.): Der Vorschlag des Prä identen ist richtig. Wir müssen die Marokko-Vorlagen erst prüfen; wir muffen den Wortlaut kennen. Es wird sich auch darum handeln, ob der Reichstag die Ansicht teilt, daß es sich nur um Vorlagen zur Kenntnisnabme handelt. (Höri, hört!) Ich habe gehört, daß die Vor. lagen nicht einmal Motive enthalten, keine Nachweisungen, nicht einmal eine Karte. Da genügen nicht ein paar Stunden zur Prüfung. Es ist eine Welt- vorlage. (Hört, hört!) Untere politische Berantwoitung ist ungeheuer.
Abg. Dr. Wiemer >Volksp.): Haben die Verhandlungen über Marollo solange gedauert, so kann der Reichstag auch einen Tag für sich beanspruchen. Eine eingehende und gründliche Prüfung des amtlichen Materials muß uns möglich sein.
Avg. Baffermann (nat.): Nachdem Herr Gcoeb-r die P'üfnng der Frage in Aussicht gestellt hat, ob e5 überhaupt genügt, eine solche Vorlage zur Kenntnis zu nehmen, bin ich so erfreut, daß ich gern nachgebe. (Große Heiterkeit.) Ich ziehe also meinen Einspruch zurück, .veil er er Beifall.)
Abg Bebel (Soz.): Auch wir verlangen eine genügende Prüfung. In Frankreich hätte man nicht gewagt, der Kammer ein solches Attenstück ohne Motive und ohne Karte vorzulegen.
Präsident Graf Schwerin: Herr Baffermann hat den Einspruch zurückgezogen, mein Vorschlag ist al|o einstimmig angenommen.
Er wollte, daß Mittwoch verhandelt werde. Abg. Gröber erwiderte ihm, daß der Vertrag den einzelnen Mitgl edern noch nicht einmal zugegangen fei, und das daher die Verhandlung Mittwoch gar nicht stattfinden könne, um fo weniger als die Kompetenz- Prüfung für den Reichstag in Betracht komm«. Dr. Wiemer von der Volkspartei und die Sozialdemokraten stimmen ihm bei. Baffermann war völlig isoliert. Nervös rückte er auf seinem Platze herum, bis er wieder zu Wort kam. Er zog feinen Wider« spruch zurück. Es war ein notgedrungener Rückzug. Er maskierte ihn mit der ironisch-verbindlichen Bemerkung, daß er dem Zentrum die Zeit für di« Prüfung der Kompetenz des Reichstags gönnen wolle. Die Linke lachte freudig auf diese Bemerkung auf, sie merkte eS demnach nicht, daß Baffermann der Hereingefallene war.
Der deutsche Zudentag wurde am letzten Sonntag tu Berlin abgehalten; er nahm nach lebhafter Debatte folgende Resolution an, die nur die alten immer wiederholten Forderungen der Juden und Judenfreunde erneuert:
Der Verband bet herrischen Juden erhebt erneut dagegen Einspruch, daß die den deutschen Juden bet« fafsungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung in wesentlichen Punkten durch die Verwaltung in ihr Gegenteil verkehrt wird. So werden jüdische Beamte in den staatlichen Verwaltungen und an den Unitierfitäten zurückgesetzt, Juden von bet Stellung eines Offiziers unb Reserveoffiziers ausgeschloffen. Auch erfolgt burch Gewährung staatlicher Vorteile eine Belohnung bes Glaubenswechsels. Ausländische Juden werben nur, weil sie Juden sind, bei Gewährung des Aufenthaltsrechts und bei Naturalisation schlechter gestellt, als andere Ausländer. Der Verband erwartet bon allen rechtlich denkenden Mitbürgern Unterstützung im Kampfe um das Recht, der zugleich Kampf ist für das Gedeihen des deutschen Vaterlandes. Vor allem fordert der Verband die deuffchen Juden selbst zu tatkräftiger Arbeit an der Beseitigung des Unrechts auf, zu voller Einmütigkeit und Disziplin in den Abwehrbestrebungen und zu energischer Betätigung im politischen Kampf um die Gleichberechtigung.
♦♦ Der Mittelstandskongreß des Hansa-Bundes in Berlin ging am zweiten Verhandlungstage zu den Fragen des Handwerks über. Beschloffen wurde die Forderung nadj dem Inkrafttreten des zweiten Teile» des Gesetzes zur Sicherung der Bauforderungen. Sehr lebhaft wurde das Thema Konsumvereine und Beamtenkonsumverein- erörtert. Zur Teuerungsfrage wurde eine Entschließung angenommen, die die gegen den Detailhandel im Reichstag erhobenen Vorwürfe als unbegründet zurückweist.
-ft Ein jsngtiberaler Parteitag hat in Karis« ruhe getagt. Sein Verlauf zeigte deutlich, wohin die Fahrt geht. Neue Gesichtspunkte sind allerdings durch den Parteitag nicht in die Politik hineingetragen worden und es hätte gar nicht erst bet Versicherung des Hauptberichterstatters Dr. ft'auffmam'-Stuttgart bedürft, daß die nationalliberale Partei vor einem Stichwahlabkommen mit derSozialdemokrotie nicht zurückschrecken werde. Daß das nicht bet Fall ist, hat ja erst die Reichstagsersatzwahl in Düsseldorf gezeigt. Im übrigen oeftanb der ganze Parteitag im Grunde genommen eigentlich nur aus einem wüsten Geschimpfe auf das Zentrum. Bassermann, der badische Großblockmann Rebmann, Dr. Kaufs- mann und wie sie alle heißen mögen, suchten dem Zentrum allerlei am Zeuge zu flicken. Herr Bassermann scheute sich sogar nicht, das Bebel'sche Märchen von dem zwischen Zentrum und Sozialdemokratie im Speyerer Dom abgeschlossenen Wahlbündnis wieder auszutischen. Mit ganz besonders großem Eifer mühte man sich ab, das Zentrum als einen enragierten Feind des Reichstagswahlrechts und Stütze des Dreiklaffenwahlrechts hinzustellen. Eine so dreiste Lüge bedarf nicht der Widerlegung. Das Zentrum ist stets der wärmste Verteidiger des Reichstagswahlrechts gewesen, und wenn es nicht gelungen ist, Preußen vom Dreiklaffenwahlrecht zu befreien, dann tragen die Schuld daran einzig und allein die Nationalliberalen. Der Zweck des Lügenmanövers in Karlsruhe ist offenkundig. Di« Nationalliberalen sind gezwungen, sich deimUmsturz lieb 5Und zu machen, weit sie ohne deffen Hilfe bei den kommenden Reichstagswahlen sehr schlecht ab« schneiden würden. Das tst aber nun doch nicht besonders gelungen. Der /Vorwärts^ ist nämlich mit den Jungliberalen ganz und gar unzufrieden. Er wirft ihnen Halbheit vor und kennzeichnet sie al3 Phrasenjongleure. Insbesondere hält er den Ratio« nalliberaien" ihr ganzes Sündenregister in der Wahl» rechtsfrag« vor. Das sozialistisch« Zentralorgan konstatiert, daß die Nationalliberalen i» Preußen zu den verstocklesten Feinden des gleichen Wahlrechts gehören und die zweideutige Fassung der auf dem Parteitag gefaßten Refolution bestärke den Verdacht, daß eS den Itatio- nabideralen nicht um eine gerechte Vertretung, die den wirklichen Willen der Wähler zum Ausdruck bringe, zu tun sei, sondern um nationalliberale Mandatspolitik. Bemerkenswert ist auch, was der /Vorwärts' zu dem Verlangen der Nationalliberalen nach Einführung der Erbschaftssteuer sagt:
„Di« Jungliberalen möchten sreüich dem Volke ein« reden, baß bte ungeheuren Kosten des neuen Wettrüstens durch eine Erbschaftssteuer aufgebracht werben sollen. Aber bie Gimpel, bie bas noch glauben, sollen erst noch gefimben werben. Eine wirklich erhebliche Erbschaftssteuer würbe nirgends erbitterteren Widerstand als bei den naiionaQiberalen GeldsackSvertretern finden. Die Herren wollten ja bi« unbebeutsnde Erb« fchsftssteuer, bi« Bülow Vorschlag, nur deshalb schlucken, um die Ausrebe zu haben, 400 Millionen indirekter Steuern zu bewilligen. Uno so wurden sie es auch in Zukunst hallen."
Man wird sich durch die gegenseitige Au- krakehlelii nicht irreführen laffeu dürfen. Bei den kommenden Reichstagswahlen werde« wir die stch jetzt so feindlich gebärdenden Herren und Knechte einmütig im Kampfe gegen die rechtsstehenden Parteien und vor allem gegen das Zentrum sehen.
--- 6ine Daukeskmtdgrbnus für die Wahlhilfe in Konstanz veröffentlicht der Führer der National» .»beraten in Baden, Gehebner Hobart Re mann. Er sagt u. a.:
Dank vor allem den Wählern her eigenen Partei unb ber Fortschrittlichen Volkspartei, sowie auch denen der sozialdemokratischen Partei. Dank sei gesagt ben Parteiorganisationen, der nationalliberalen unb jungliberalen, sowie berjenigen ber Fortschrittlichen Volks« Partei, bte eine überaus große Arbeit auf sich genoin» men und glänzenb durchgeführt haben, unb allen den Männern, die sich an dieser Arbett beteiligt haben.
Die Liste der Danksagungen ist retchttch lang; es würde genügt haben, wenn der nationalliberale Führer den Dank auf die Sozialdemokratie beschränkt hätte, denn diese allein hat den national» liberalen „Wahlsieg* in Konstanz herbeigeführt. Wie schön und echt badisch eS übrigens klingt, daß ein Großherzoglicher Geheimer Hosrat der Um» fturzpartei sür Wahlunterstützung dankt!
)( Düsseldorf, 7. November 1911. Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Dr. Bachmann ist durch Urteil des Ehrenrates aus der Liste der Reserveoffiziere gestrichen worden, weil er während der jüngsten Reichstagsersatzwahlen in einer Versammlung der Fortschrittlichen Volkspartei de» Vorsitz führte, in der die Parole für den Sozialdemokraten ausgegeben wurde. Dr. Bachmann ist Vorsitzender des Düffeldorfer Fortschrittlichen Vereins.
Reichstagswahlvorbereitungen.
♦ Zur Kandidatur des Grafe« Posadowskq. Auf eine Anfrage antwortete Graf Posaüowsky, daß er zu einer Kandidatur im Wahlkreise Bielefeld noch keine zustimmende Erklärung abgegeben habe. Da er einer Fraktion nicht deitreten würde, lege er Wert auf die rückhaltlose Unterstützung aller bürgerlichen Parteien.
Ausland.
** Im österreichischen Abgeordnetenhaus« erfolgt, Montag die Vorstellung de» neuen Ministerium» Stürgkh mit einer Programmrede be» Ministerpräsidenten. Der tschechisch-radikal« Abg. Frerl erklärt^ die Tschechen würden von der strengsten Opposition nicht abgehen unb diese» Kabinett auf das schärfste bei kämpfen. Am Dienstag erging e» dem neuen Kabinett im Parlament ziemlich schlecht. In fortgesetztq erster Lesung de» Budgets sprachen stch sowohl Abg. Masaryk (tschechisch-fortschrtrÜiche Gruppe) al» auch der Sozialdemokrat Adler gegen die Regierung au». Sehr zurückhaltend äußerte sich Adg. Dr. Groß n» mens de» deutsch-nationalen Verbandes. Nichtsdestoweniger darf man sagen, daß die Rede de» Mt- nisterpräfidentne einen guten Eindruck gemacht hat.
** Bei Haussuchungen, die bei Arbeitern in verschiedenen Stadtvierteln der russischen Stadt Riga vorgenommen wurden, sind 8 Mausergewehre, 30 Revolver, Dolche, 15 000 Patronen und verschiedene Sprengstoffe beschlagnahmt worden.
* Mexiko. Wie aus der Bundeshauptstadt Mexiko gemeldet wird, ist, in einem Gefecht bei Acullan (südöstlich der Bundeshauptstadt und südlich von Puebla) Zapatas von den Regierungs« truppen geschlagen worden. 30 Freischärler sind gefallen.
x Krieg Mtei Stullen tmö Der ML vor Tripoli«.
Die Lage der Italiener in Tripoli» und der Etz- renaika scheint immer schwieriger und ernster zu wev- ben. Zwar laute« die offiziös«, schöngefärbien Berichte der Agencia Stefani ander», aber nicht nur die direkten Nachrichten aus Tripolis und die au8 Konstantinopel strafen fie Lüg«, «ein — bie italienischen Nachrichten selbst lassen ba» italienische Fiasko erkenn«. So wird gemeldet:
bi»», 7. Nov. 1911. De „Reffegaro" bestätigt, daß bie WafferleitungSanlagen bon Bumiliana von ben Türken besetzt unb baß dadurch die ärgste« Schwierigkeiten in ber Masserversorgung von Tripolis eingetreten sind. Die Luft wäre infolge ber zahlreichen Leichenverwesungen auch in bet Stadt so verpestet, baß Offiziere unb Mannschaften auf ihren Erkun« kunbungSritten erkrankt fei«
Mailand, 7. Nov. 1911. Die von bet Regierung ausgehende Meldung daß die Italiener bie Türken bei Schata Schot zurückg^fchlagen hätten, wirb jetzt von ben au» Tripolis zurärtkehrenden Mailänder unb Genueser Berichterstattern schroff dementiert. Sie erzählen, bie Italiener hätten 19 Kanonen beut Feinbe zurückgelassen und sich nach einem Verlust von 280 Toten unb 400 Verwundet« in ungeordneter Flucht in die Stadt gurückziehen muffen.
Aus ialienischen Offizierskreisen wird mitgeteilt, daß die türkischen Angriffe auf bie italienischen Stellungen nur zur Beunruhigung ber Schanzarbeiter bienen sollen.
Augnff auf Derna.
* Konstantinopel, 7. Nov. 1911. DaS KriegS- ministenum bementiertbk Delbung ber „Agence Ottomane", wonach Derna von den türkischen Tmppen eingenommen tootben sein sollte. Um Derna fanbeu zwar Kämpfe statt, bei benen bie Türken Erfolge hatten, die Stadt selbst ist indeffen noch nicht gefallen.
W Konstantinopel, 7. Nov. 1911. Der Minister des Innern teilte gestern abend ben Journalisten ein amtliches Telegramm mit, in bent berichtet wirb, baß in ber Nacht zum 28. Oktober ein Bataillon türkischer Infanterie mit vier Kolonnen ber Snussi Derna angegriffen habe. Auf türkischer Sette seien 80, auf italienischer Seite 500 Wann getötet. Die Türken erbeuteten 18 Kanonen. Ein italienisches Kanonenboot bombardiere drei Tage lang den Hafen und das Telegraphenamt, ohne indessen Schaden anzurichten. Alle Eingeborenen Stämme find zum beiligen Krieg bereit. Acht Schecks nahmen an dem Angriff auf Derna teil.
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* Konstantinopel, 7. Nov. 1911. Auf Beschluß des Ministerrats sandte der Minister bes Aeußem heute eine Note an bie Großmächte, worin in ber energischsten unb heftigsten Weise gegen bte italienische AnnerionSerklärung über