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JV3 252.
Erstes Blatt.
Fulda, Freitag den 3. November DU.
38. Jahrgang.
i Ausland
Uebet.
die ist
Kandidat für das Ackerbaummisterium. Der frühere Ackerbauminister und tschechische Professor Braf, der zum Eintritt ins Kabinett aufgefordert wurde, hat adgelehnt. Von den Parteien liegen noch keine maßgebenden Aeußerungen über ihre Stellung zum neuen Kabinett vor. Man meint, daß es dem Kabinett Stürgkh mindestens gelingen wird, den Notvoranschlag bis Weihnachten durchzudrmgen.
Erörterung sand am Donnerstag die Frage der Ersatzkafsen. Zu einem Beschluß kam eS in- besten noch nicht. Nach dem Verlauf der Debatten kann aber damit gerechnet werden, daß das Institut der Ersatzkasten beibehalte« werden wird.
♦ Nochmals die Speyerer Kaisergrabgeschichte. Sehr spät besinnt sich der bayerische Genosse v. V oll- mar aus die Speyerer Vorkommnisse. Er veröffentlicht in der sozialdcmokratischeu „Münchner Post" eine Geschichte, aus der hervorgehen soll, daß er und der verstorbene Genosse Eberhard im Speyrer Dom über Politik mit einem Domgesstlichen gesprochen haben sollen, und zwar hätten sie über das Wahlkom- promiß geredet. Dieser Geistliche, der mm nicht der jetzige Erzbischof von München, von Bettinger, war, sondem der ehemalige Abgeordnete Domherr Zimmern, hat ouf Herrn v. Vollmars Aufforderung ihm dm Dom und die Krypta gezeigt. Wmn während der Besichtigung das Gespräch auch auf Politik gekommm sttn soll, so ist das in politisch bewegten Tagen schließlich kern Wunder. Das Wahl- kompromtß aber ist, so stellt die „Germania" fest, weder im Speyerer Dom angeregt, noch gar abgeschlossen worden. Herr 6 Vollmar behauptet vorsichtigerweise dies auch nicht, aber seine Bekundungen können dennoch diesen Anschein erwecken, und deshalb muß dieser Umstand betont werden. Wir wollen keine falsche Legendenbildung auflommen lassen.
* Herr v. Richthofen «nd daS Zentrum. Zu der Behauptung des nationoillberaien Kandidaten Frhr. v. iliid)tl)oien, während seiner Tätigkeit bei der preußischen Gesandtjchaft und beim Vatikan seien wiederholt Schriftstücke mit päpstlichen Weisungen an das Zentrum durch seine Hände gegangen — vgl. Nr. 25 i der „Fuld. Zig." — erhält die „Köln. Bztg." von einem langjährigen Mitgliede des Vorstandes der Zentrums,raktionen des Reichstages und des Landtages die folgende
Ich bin auch in den Jahren 1903 und 1904, während deren Herr v. Richlhosen AltachS der preu- ßijchen Gesandtschaft beim römischen Stuhl war, Mu- glred des Vorstandes beider Fraknonen gewejen. Ich kann mit voller Vestimmtheit versichern, daß rvährend Vieler Zeit nicht eine einzige „Weisung an das Zentrum" von seilen des Vatikans gekommen ist, und auch nichts, waS einer solchen ähnlich gesehen hätte. Für gebilvele Wähler der Zentrurnspartei ist eine solche Versicherung ja wohl kaum nötig. Da jedoch die Be- hauplung des Fehrn. v. Richi Hosen vermutlich durch eine lange Reihe von gegnerischen Blättern laufen und im Wahlkampfe voraussichtlich ausgiebig benutzt werden wird, um das Zentrum als „antinatomale" und „antipatriotische" Partei auszuschreien, so- ist für das minder unterrichtete Publikum liberaler Wahlversammlungen die Versicherung vielleicht nicht ganz überflüssig. Sollte Herr v. Richlho,en noch einmal feine Behauptung ansstellen, so soll man ihn nur üdeiall gleich aufiordern, den Inhalt diefer „Schriftstücke" ganz genau anzugeben. Nachdem er nun einmal eine Behauptung ausgestellt hak, die, wenn sie wahr wäre, eine schwere Indiskretion darftellen würde, kann es ihm doch auf eine weitere Indiskretion gl-.icher Art nicht mehr ankommen, wenn er überhaupt in der Lage ist, irgend etwas zum Bewetse ferner Behauptung
W Berlin, 2. Roo. 1911. Der Vertrag über Kompensationen im Kongogebiet heute abend vom Staatssekretär v. Kiderlen- W achter und dem Botschafter Cambon paraphiert worden. Die Unterzeichnung der ganzen deutsch-französischen Vereinbarung dürfte am Samstag erfolgen.
Mitteilung:
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Deutscher Neich.
Der Abschluß der Marokko-Verhandlungen.
hat seinen guten Grund. In dem Aufruf wird zwar den Arbeitern vorgeschwindelt, die italienischen Genossen seien mit den türkischen Genossen vollständig einig, um im Namm der allgemeinen Jntenssen des Proletariats gegen „ein ebenso verbrecherisches wie wahnsinniges" Unternehmen zu protestieren. Tas ist aber gar n i cht wahr. Die italienischen Sozialdemokraten haben mit w-.nigm Ausnahmen das Vorgehen der italienischen Regierung gegen die Türkei sogar g u t g e h e i ß e n. Und dabei hat die Sozialdemokratie in Italien auf die Regiemng immerhin einen gewissen Einfluß. Die Regierung muß auf ihre Wünsche Rücksicht nehmen und hat es auch be- rxits mehrfach getan. Wenn die italienischm Sozia- listm ihren Einfluß zugunsten der Erhaltung des Friedens nicht aufgebotcn haben, so haben sie reckst gut gewußt, warum. Die Volksftimmung in Italien war eben für den Krieg und wenn die italienischen Genossen es gewagt hätten, sich der Volksstimmung zu widersetzen, dann wäre die italienische Bevölkerung einfach über sie zur Tagesordnung geschritten. So wie in Italien so ist es auch in anderen Ländern. Der Umsturz hat nichts ärger zu fürchten als Zeiten nationaler Begeisterung. Und das ist mit ein Grund, weshalb die Sozialdemokratie jede Gelegenheit benutzt, um die Massen gegen dm „Militarismus" aufzuhetzen.
Daß die sozialistische Idee der Völkersolidarität eine Utopie ist, hat speziell auch der türkisch-italienische Krieg gezeigt. Wmn in dem Aufruf konstatiert wird, daß Italien nur im Einverständnis mit den Entente- Mächten nach Tripolis hätte gehen können, so ist das zweifellos richtig. Man darf da aber wohl fragen, warum denn die französischen Sozialisten, die ja in Frankreich übermächtig sind, nichts getan haben, um die französische Regierung zu veranlassen, dem Vorgehen Italiens Einhalt zu tun. Aber, das ist ja immer so, Worte und Taten des Sozialismus stimmen nie überein. Der allgemeine Völkerfrieden ist eben eine Unmöglichkeit und das wissen die Genossen ebenso gut wie wir. Wenn sie trotzdem für den Frieden, für die Abrüstung und für die Solidarität der Völker demonstrieren, dann ist das eben nichts weiter als eine einzige große Lüge.
Nicht den Frieden wollen sie, sondern den Unfrieden und darum verhetzen sie die einzelnen Bevölkemngsklassen gegen einander.
vorznbringm.
+ Die Beisetzung des ersten potttlschen Milarbeiters des v.k.O.-Büros, Dr. Kalthaus, sand am Donners- rag nachmittag auf dem MaUhms-Kirchhos in Süd- ende bei Berlin statt. Es Halle sich eine zahlreiche Trauergemeinde eingesunden, außer zahlreichen Ritt- gliedern der Gemeinde Großlrchlerfeide, der bei Verstorbene angehörte, waren auch viele Freunde des Dahingefchiedenen erschienen, so u. a. der Geh. Oberfinanzrat Dr. Heßberger von der preußischen Zentralgenoffenschaftekaffe. Prächtig waren auch die Kranzspenden, die am Sarge des Verstorbenen niedergeleat waren, darunter ein prächtig r Kranz der o.k.Ö.-Gesellfchast, in deren Auftrag Herr Direktor fUiüUet von der,(3einiania' erschienen war, ferner Kränze vom Verlag und der Redaklion der ,Germania', die durch die Herren ten Brink und Weber vertreten war. Im Auftrag des Augustinns- vereins hatte Generalsekretär Dr. Weilbächer einen Kranz niedergelegt^ebenfo das Berliner C ?.6.-Büro, dessen Personal vollzählig erschienen war. Recht bezeichnend sür den schlichten und bescheidenen Sinn des Verstorbenen war es, daß er, wie der amtierende Geistliche der Trauergemeinde milteille, in seinem Testament sich ausdrücklich eine Grabrede verbeten hatte. Die Trauerfeier gestaltete sich daher recht kurz, nichtsdestoweniger aber doch recht eindrucksvoll. Und als nach Beendigung der Zeremonie sich die Freunde und Bekannten des zu früh Dahingeschiedenen an das offene Grab drängten, um ihm den letzten Liebesdienst zu ietsten, da konnte man so recht sehen, wie zahlreiche Freunde sich der Verstorbene in seinem Leben zu erwerben gewuß hat. Möge ihm die Erde leicht werden.
0 Das sozialdemokratische Joch hängt den Nationalliberalen bereits aus dem Nacken. In einer Versammlung der Demokratischen Ver inigimg in Köln erklärte der Kölner sozialdemokratische Führer Meerseld:
Bon der Haltung der Nationalliberalen in Rhein- land-Westsalen werde es abhängen, ob die National- liberalen überhaupt auf fozialiftstche Slichwahlhitse bei den Wahlen rechnen können. Wenn wirklich, rote vielfach behauptet werde, ein Bündnis zwischen National- liberalismus und Zentrum in diesen beiden Provinzen angeftrebt werde, und wenn es den Jungliberalen nichl wie 1907 gelinge, dieses Bündnis zu hintertreiben, bann wird Baff ermann glatt durchfalten. Treiben die Rationallideralen irgendwo in Rheinland- Westfalen einen Kuhhandel mit dem Zentrum, so erhält Baffermann keine einzige soztaldemokraUsche Stimme. t.
Das ist der Dank für die Handlangerdtenste, die die Baffermannspartei dem Umsturz in Düffeldors und cm anderen Orten geleistet Hat.
* Ueber die italienischen Barbareien wird dem ,Tag' unlerm Datum des 25. Oktober von feinem Spezialkorrespondenten in Tripolis u. a. geschrieben :
„Was die Italiener mit ihrem Vorgehen gegen die Araber für Unheil anrichten, ist nicht zu sagen. Wer mit Waffen in der Hand angegriffen wird, mag za abgeführt werden. Aber tagelanges Wüten gegen ganz harmlose Menschenkinder ist nickt zu rechtfertigen. Ueberall in den Oasen tragt man Särge, gräbt man Gräber, wandern Leichenzuge zum nächsten Mukabar. Ich will einige Fälle der drei letzten Tage auszählen, und bemerke, daß ich für volle Wahrheit jedes einzelnen einstehe. Ein Araber zieht mit feinem kleinen Ochsen in der Oase Wasser aus dem Brunnen, um die Gärten zu berieseln. Italiener kommen, schassen ihn fort. Er will das Tier aus- spannen, um es mitzunehmen. Das scheint den Leuten zu lange zu dauern, er wird von Stajonetten er- stochen. — Drei Blinde halten sich einander fest, der erste tastet die Mauer entlang. Bettler sind es. Da biegt ein Haufe Bersaglieri um die Ecke, m nächster Minute haben die drei Krüppel zu leben aufgehort. Bis abends lagen sie in Sofia an der Ecke eines Olivengartens. — Drei Kinder fluchteten sich aus der Oase nach dem Heiligeugrab Sidi el Masri, das am äußeren Palmenrand gen Süden liegt. Der dort cin- quartierie Posten eröffnet Schnellfeuer auf die Klemen, deren ältestes 8 Jahre zählte. Das war am 22., am Tag des Aufstandes. Die Kinder gehörten zur Familie des Hammed ben Kaddifch, eines Fruchthändlers. Er selbst ist abgeführt, zwei seiner Pferde erschossen. Lei Fleischer Ali Freper in Santa, bei dem Hanserdwck Gos Asus, wurde mitten während seiner Tätigkeit überfallen. Er zog gerade einem Hammel das p>ell über die Ohren, als er mit seinen eigenen Beilen von den Soldaten erschlagen wurde. Wahrschernlick galt sein Werkzeug als Mordwaffe! — Ebendort, tn Santa, iam Mohammed Masuri vom Markt, als er aupge- halten und durchsucht wurde. Er..^e nach ^ande-- brauch sein bischen Geld emgeknopft tn den Zipfel eines Hauli, des Ucberwnrfs. Das wurde chm abge- noinmen, er selbst erschossen. — In Sokra wurde ine ganze Familie des Bu Sef el Tarhuni, etwa 20 Kopse, zusammen ins bessere Jenseits befördert, er selbst er- stochen. Es war dies eine der wohlhabendsten Fami- lien des ganzen Oasengürtels. — Auf der Straße gen Gergarisch reiten zwei Frauen auf zwei Kamelen. Sie wurden italienisch angerufen, stehen zu bleiben. Sie verstehen den Befehl nickt, reiten weiter und wer-
Konftaittinopek, 2. Nov. 1911. Dre Pforte, welche vor der vielverlangken Massenaussperrung italienischer Untertanen zurückschreckte, geht jetzt mtt individuellen Ausweisungen hervorragender Italiener vor. Heute wurde.das italienische Mtt- glied des Verwaltungsrates der Dette Publique, Marquis Theodoli, zum Verlassen des türkischen Territoriums aufgefordert.
Aöln, 2. Nov. 1911. Der türkische Gesandte im Haag erhielt von seiner Regierung den Auftrag, 20000 Tornister für das türkische Heer an- fertigen zu lassen. Die Bestellung ist an Fabriken in Utrecht übergeben worden. In England hatte man den Auftrag abgelehnt.
x Krieg zNM Wien uni ter Mel.
Die Kriegslage.
Bor den Wahlen, während des Krieges und n a ch der Jagd wird bekanntlich viel gelogen. Man muß alles hören und wenig glauben. Nach einigen Meldungen aus Konstantinopel sollte Tripolis schon zurückerobert und sogar der italienische General gefangen sein. Nach den italienischen Meldungen sollten alle türkischen Angriffe vollständig abgeschlagen worden sein. Wir haben mtt der Wiedergabe der Meldungen von beiden Seiten Vorsicht geübt. Mit Recht! Wie sich jetzt immer deutlicher zeigt, liegt die Wahrheit in der Mitte. Die türkischen Truppen und ihre eingeborenen Kampfgenossen haben sehr kühne Angriffe gemacht und teilweise Erfolg gehabt. In der südlichen und östlichen Umgebung von Tripolis haben sie die Brunnenstätten und einige Außenforts erobert. Von der Eroberung der Stadt selbst sind sie noch weit entfernt; sie haben nur einmal durch einige Bombenwürfe gleichsam ihre Visitenkarte in der Stadt abgegeben. Ob sie einen Sturmangriff riskieren werden, ist noch zweifelhaft. Für einen so verwegenen Versuch scheinen die Aussichten schlecht zu sein, da die Italiener sich von dem Eindruck der letzten Schlappen erholt haben und durch inzwischen angekommenen Nachschub verstärkt sein dürften. Auch würde im Falle eines Sturmes auf Tripolis die italienische Flotte, falls Wind und Wetter nicht andauernd schlecht bleiben, durch ihr weittragenden Kanonen dem Feinde fürchterlich werden können.
Der Vorstoß gegen Tripolis macht derTapfe r- k e i t der Türken und Araber alle Ehre. Vom taktischen Standpunkt eine Heldentat; aber vom strategischen Gesichtspunkte aus ein übereifriger Mißgriff. Mit etwas mehr Geduld und Hinterlist hätten die kampftüchtiqen Scharen der Feinde den Italienern fchwere Schläge beibringen können, nämlich durch überraschende Ueberfälle beim Vordringen der Eroberer ün daö Hinterland. Die heißblütigen Mohammedaner haben aber vorläufig den langwierigen Guerillakrieg verschmäht und find mit ihren fanatischen Kopsen sozusagen gegen die Mauer gerannt. Daß sie dabei vorläufig Teilerfolge erringen konnten, stellt der italienischen Kriegskunst ein bedenkliches Zeugnis aus. Doch, wenn die Italiener durch den erlittenen Schaden klüger werden, so können sie diese Scharte Wohl wieder auswetzen, indem sie nach Auffrischung und Verstärkung ihrer Streitkräfte in einem Zeitpunkte, wo die Schifss- arfillerie mitwirken kann, die Umgebung von Tripolis wieder erobern und ausreichend besetzen. Daß die türkische Offensive verfehlt war, erhellt recht deutlich aus der Erwägung, daß die Türken sogar in dem günstigsten Folie nicht im Stande gewesen wären, das wiedereroberte Tripolis zu halten, Die Schifssarüllerie hätte die Stadt in einen Trümmerhaufen verwandeln können; die Landung neuer italienifcher Truppen hätte sich im Wirkungsbereich der großen Kanonen nicht verhindern lassen.
Es kostet freilich Blut und Geld, aber die Möglichkeit ist den Italienern gegeben, den vorigen Stand der Dinge a n d e r K ü st e wiederherzustellen. Aber die übrigen Nachwirkungen ihrer Schlappen lassen sich schwerlich beseitigen. Die mohammedanischen Krieger haben erkannt, daß dre Eroberer nicht unbesiegbar sind. Ihre Erfolge werden ihren Mut erhöht haben. Die Eintracht und dre Kampfeswut der Eingeborenen scheint überdies wesentlich gesteigert worden zu sein durch die Massenhinrichtungen von Gefangenen und die sonstigen Ausschreitungen, zu benen sich die Italiener in der Hitze des Kampfes und in dem Aerger über den „Abfall" der vermeintlich gewonnenen Araber haben binreißen lassen. Auch nach Ausscheidung alles Unverbürgten und aller vermutlichen lieber» treibungen muß man doch bedauernd anerkennen, daß die Italiener in der Hinrichtung von angeblichen Verrätern und in der schonungslosen Behandlung von Frauen und Kindern über die Gebote der Menschlichkeit und auch über die Gebote der Klug- hefi hinausgegangen find. Die Leute dort zu Lande lassen sich durch solche Exzesse nicht einschüchtern, wohl aber wild machen. Sie werden das Blut der ermordeten Brüder und die Schande der Frauen
grausam rächen. .
Die weitere Wirkung der Ereignisse um Tripolis ist die Neubelebung ber Widerstandskraft und Kampflust in K o n st a n t i n o p e l und im ganzen türkischen Reiche. Die Regierung hat sich schon jede Vermittlung verbeten. Die Nebenregierung des fnngtürkischen Komitees in Saloniki bat sich vorläufig zurückgezogen, weil sie überzeugt ist, daß die offizielle Regierung und der alte Said Pascha selbst jetzt von Bergleichsverhandlungen absehen müssen. Die traurige Aussicht geht also auf eine Verlängerung des blutigen Ringens, mit der leider die Gefahr einer weiteren Ausdehnung des Kriegsschauplatzes und einer Rückwirkung auf den europäischen Frieden verbunden ist.
Italien muß den militärischen Ehrgeiz teuer bezahlen. Hätte es, statt sofort nach Tripolis zu fahren, sich auf Verhandlungen mit der Pforte eingelassen und mit der tatsächlichen Auslieferung des Landes unter Aufrechterhaltung der formellen Oberhoheit des Sultans begnügt, fo hätte es sich in aller Bequemlichkeit in Trrpolitanien einnisten können, und eines schönen Tages wäre die volle Souveränität als reife Frucht ihm tn den Schoß gefallen. Aber man wollte durchaus von Lorbeeren des unwiderstehlichen Eroberers Pflücken, und dabet ist man in die Dornen geraten.
♦♦ Berlin, 2. Nov. 1911. Der Kaiser hat einer Anzahl von großbritannischen Hof- und Staatsbeamten eine Reihe von Auszeichnungen verliehen. — Der Bundesrat gab in seiner Sitzung vom Donnerstag der Vorlage betreffend Festsetzung des Gesamtkontingents der Brennereien für das Betriebsjahr 1911.12 und der Vorlage betreffend . «in Abkommen mit der Türkei wegen gegenseitiger ; Anerkennung des Identitälszeichens in Waren- mustern, die von Handlungsreisenden eingesuhrt i. werden, die Zustimmung. — Die nach dem ,Bcrl. i Tagebl/ gestern mitgeteilten Teuerungszulagen der Eisenbahnverwaltunq beziehen sich nach Meidungen anderer Blätter vorläufig nur auf den Direklions«
L hezirk Berlin.
c. Tie Beratung der Privatbeamtenversicherung tn der Kommission dürste sich doch noch etwas mehr 'in die Länge ziehen, als man anfänglich angenom- «en hatte. Wie wir erfahren, ist damit zu rechnen, daß der Abschluß der 1. Lejung in der Kommission Sicht vor Samstag zu erwarten ist. Ausalebiae
*♦ Da? neue österreichische Ministerium.
raschend schnell ist «r dem Ministerpräsidenten Stürgkh gelungen, sein« Kabinettsliste zustandezu- brinaen. Es fehlt ihm nur noch ein tschechischer
Die Belagerung von Tripolis.
Vom türkischen Ministerium des Aeußem wird bestätigt, daß alle befestigten Stellungen außerhalb der Stadt Tripolis von den Türken eingenommen sind. Rach den von ttalienischer Seite vorliegenden Meldungen ist der Mtttwoch und die darauf folgende Nacht, abgesehen von einem Angriffs- Versuch am Mittwoch abend, ruhig verlaufen. Donnerstag früh gegen 5 Uhr unternahm die tüt» fische Artillerie etliche erfolglose Angriffe auf die italienischen Linien im Südosten. Um 8 Uhr hörte das Feuer auf.
Der „Newyork Herald" berichtet aus Tripolis, daß durch jetzt in der Wüste herrschenden äußerst starken Wind dm sich dort aufhaltenden italienischen Truppen große Schwierigkeiten bereite. Die italienischen Vorposten werden Nacht für Nacht durch kleine aus der Dunkelheit auftauchenden Türken» trupps beläjtigt. Es kommt dabei zn kleinen Scharmützeln, bet denen die Italiener fast immer unter» liegen, da sie sich mtt dem Terrain nicht zurecht zu finden wissen.
Austrenguilge« Italiens.
Das italienische Expeditionskorps in Tripolis soll nach einem Beschluß des Ministerrates auf 100 000 Mann erhöht werden. Nichts kennzeichnet besser die Lage als dieser Beschluß. Die ganze ExMntion ist leichtfertig und mit ungenügenden Machtmitteln in- Werk gesetzt worden, wobei man sich auch noch über die Stimmung der eingeborenen Bevölkerung, der Araber und Neger, gründlich getäuscht bat. Die Italiener haben augenblicklich Not und Mühe ge» nug, die Stadt Tripolis zu halten, in der sie einge- schlossm sind. Sobald sie sich aus dem Feuerbereich der Schiffsgeschütze wagen, bekommen sietes mit überlegenen Scharen von Arabern und Türken zu tun, deren Mut nud Angriffslust durch die Erfolg« der letzten Kämpfe nur gewachsen sind.
* Neapel, 2. Nov .1911. Neapel gleicht einem einzigen großen Heerlager. Alle Hauptstraßen und die Hasenplätze sind voller Soldaten. Täglich gehen neue Truppentransporte nach dem Kriegsschauplatz ab. Die Eisenbahnzüge, die nach Neapel fahren, erleiden Riesenverzögerungen, da die Militärzüge die Strecke besetzt halten. Die Einschiffung vollzieht sich in größter Hast und Unordnung. Man sieht die Ueberstürzung auch an ben Uniformen ber Soldaten, die jetzt keine Tropenanzüge niehr tragen. Nach einem Ueberschlag würben innerhalb ber nächsten acht Tage 70 000 Manu auf den Kriegsschauplatz befördert.
Eine Schlacht bei Benghasi.
Die Kampfe um Benghasi, von denen wir berich- teten, scheinen mit einer großen italienischen Niederlage geendet zu haben.
W Mailand, 2. Nov. 1911. Hier verbreitet am späten Abend der „Avanti" die Meldung, Benghasi wäre von den Italienern geräumt worderu nachdem sie in einem mörderifchen Kamps mehrere Hunderte von Toten nnd über 2000 Gefangene haben zurücklassen müssen.
+ Der sozialdemokratische Friedensrummel
fängt wieder an und zwar diesmal in vergrößertem Maßstabe.
Am 5. und 12. November sollen in allen Staaten sozialistische Friedens demonstratio» n en stattfinden, die vom Internationalen sozialistischen Büro beranftaltet werden. Sie werden genau von demselben Schlage sein, wie die vor einiger Zeit von der deutschen Umsturzpartei ^inszenierten sogen. Friedensdemonstrationen. Der Sozialdemokratie ift es in Wahrheit gar nicht um den Frieden selbst zu tun, sondern er dient ihnen nur als Mittel zum Zweck. Er ist gewissermaßen das Aushängeschild, das die Massen irreführen soll, in Wahrheit ist eS dem Umsturz nur um die Aufhetzung der Massen gegen die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung zu tun.
Vor allem richten sich die angeblichen Friedensdemonstrationen deS Internationalen Umsturzes gegen die Wehrmacht!. Die antimilitaristt- schen Bestrebungen bcS Sozialismus sind es, die in erster Linie gefördert werden sollen. Die Richtigkeit dieser Behauptung wird durch den Ausruf, der soeben der geschästsführende Ausschuß des Internat, soz. Büros bewiesen, der soeben im „Vorwärts" veröffentlicht wird. Es heißt da u. a.:
„Auch ift cs nicht nur die iialienische Politik, sondern die Politik aller Mächle, die der internationale Sozialismus den Bötlein als eine Politik der Wilden auf Seelen muß. In Europa entjadjt sie mörderische und kostspielige Kolonialkriege. Sie reiwidelt die Völker in die endlose Kette der Mililärausgaben. Sie droht in jedem Augenblick, Katastrophen zu provozieren, welche an Greuel alle Greuel übertreffen würden, die sie selbst jemals gefmnit bat"
Wir haben bisher nichts davon gehört, daß auf den an den beiden nächsten Sonntagen stattfindenden Versammlungen, in denen vor allem ausländische Sozialisten die Mehrzahl der Redner stellen, auch italienische Genossen sprechen werden. Das