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Fulda, Donnerstag den 2. November WL

Erstes Blatt

M 251.

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gaben. Die schweren Geschütze der italienischen Kriegsschiffe sollen die türkischen Kanonen schließlich außer Gefechr gesetzt haben. Etwa 100 Türken seien getötet. Ein« tiirkische Granate habe die Stadr ge­troffen, jedoch ohne irgendwelchen Schaden anzu» richten.

Eine türkische Meldung über dieses Gefecht be­sagt:

* Konstantinopel, 8L Cft. 1811. ES verlautet mit Bestimmtheit, daß di« Türken heut« einen neuen Angriff auf die noch im Besitz der Italiener be- kindlichen Außenfort- unternommen haben. Die Italiener wurden aus ihren Stellungen verdrängt und hatten groß Verluste, sie haben mehrere hundert Tote und etwa 1000 Verwundete aufzu­weisen, ferner wurden zahlreiche Gefangene gemacht. Die Türke» erbeuteten 6 Maschinengewehre. In Tri- poliS sei da» italienische Expeditionskorps jetzt regel- recht belagert. LS macht sich unter den Jta- lienern Mutlosigkeit und Verwirrung geltend. Die Meldung, die Italiener hätten bereits kapituliert, ist vorläufig unbestätigt, aber die türkische Regierung ist von größtem Optimismus erfüllt.

* Tripolis, 31. Oft. 1911. Heute nachmittag 3 Uhr fielen vier türkische sieben Zentimeter-Ge­schosse auf dir Stadt, zwei in der Nahe des deut­schen Konsulats, eines auf das Dach des Schlosses. Der Schaden ist bisher unerheblich.

* Kmchantinopel, 1. Nov. 1911. Oberst Neschat Bey notifizierte den Kommandanten der italienischen Flotte vor Tripolis, daß er für das Schicksal der mehreren tausend gefangenen italieni­schen Soldaten leine Verantwortung mehr über­nehme, falls die italienische Flotte abermals di« Stadt Tripolis bombardiere.

* Konstantinopel, 1. Nov. 1911. Nach hier ein- getrofstnen Berichten sollen jetzt sämtliche Fort» in der Umgebung der Stadt Tri­poli» von den türkischen Truppen er­obert worden sein. Die Demoralisatton der italie­nischen Truppen ist groß.

W Rom, 1. Nov. 1911. Nach einer Meldung de» „Sortiert d Jtalia* au» Tripoli» wurden die Regi­menter in den vorgeschobenen Stellungen durch neuer­dings gelandete Truppen abgelöst.

Italienische Barbareien.

Die ,Agenzia Stefan? dementiert in bestimmtester Weise die Nachrichten auswärtiger Zeitungen, wo­nach die Italiener in Tripolis ein wahres Gemetzel angerichtet, Unterdrückungsmaßregeln ohne Unter­schied ergriffen und Massenmorde unter den waffen­losen Arabern, Frauen und Kindern verübt hätten. Die,Agenzia Stefan? erklärt hierzu:

Infolge des Verrates der Araber, die, nachdem sie sich bereits der italienischen Regierung unterworfen hatten, hinterlistig di« Soldaten in der Flanke ange­griffen haben, im Einverständnis mit den Türken, die die italienischen Verschanzungen in der Front angriffen, wurde es unvermeidlich, die Rebellen zu bestrafen und die Oase zu säubern. Diejenige», welche mit der Waffe in der Hand angetroffen wurden, sowie die, welche nach einem regelrechten gerichtlichen Verfahren des Mordes für schuldig befunden wurden, sind er­schossen worden. Etwa 2200 Gefangene sind nach italienischen Inseln gebracht worden. Zum besseren Schutz« der Vorposten zerstörte man in der Oase alles, was den Rebellen hätte nützen können; zuerst ober sorgte man dasür, daß die harmlosen Arader, Frauen und Stinbtr nach Tripolis in Sicherheit gebracht wurden. In Wirklichkeit waren es die Feinde, die Gransamketten gegen Verwundete verübten. Zum Beweise hierfür dient die Tatsache, daß die Zahl der Toten verhältnis­mäßig viel bedeutender ist ats die der Verwundeten.

Die „Agenzia Stefan?' ist in diesem Fall nicht als lautere Quelle anzuerkennen. Die Italiener sind von Anfang an roh gegen Türken und Araber verfahren, wie zahlreiche einwandfreie Zeugnisse bekunden. Man lese, was die Berichte unpar« teiischcr Beobachter aus Tripolis erzähl-rn und was in englischen, Italien gewiß wohlgesinnien Blättern über die Niedermetzelung von Frauen, Kindern und Grei,en steht. Nach diesen Berichten, schossen die Italiener drei Tage lang aller nieder, was ihnen vor dir Flinte kam. Nichrkombattanten, Frauen und Kinder wurden nicht geschont. Die Opfer dieses Gemetzels werden auf 4000 angegeben. „Etwas Beklagenswerteres als die Szenen, die sich in Tripolis ab;pleiten," sagte Reuters Korrespondent, „hat man in keinem Kriege seit langer Zeit erlebt." Ter Korrespondent der „Times" sagt: „Selbst we n man die Gebote der Kriegslage in Betracht zieht, kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß diese abscheuliche Rache Grund zu einem blutigen Krieg und zu erbarmungsloser Wieder­vergeltung geben muß. Ich habe Grausamkeiten erlebt, bi« im 20. Jahrhundert kaum durch mili­tärische Gründe gerechtfertigt werden können." — Zum Ueberfluß haben noch italienische Blätter selbst über derartige Barbareien berichtet. So meldet der Korrespondent der Turiner ,Stampa' seinem Blatte

eine herzzerreißende Schilderung der Art und Weise, wie die uallenischen Sotvaten die arabischen Greife, Frauen und Kinder fphtternadt ausgezogen und üt diefem Zustande fest aneinandergebunven durch die ganze Stadt dis in die Gefängnisse getrieben hätten. Die unglücklichen Menschen hätten mehr vor Scham als vor Furcht s«zittert. Der ,Stampa'-kotrkspondent erzählt, daß er sich selbst ins Mittel gelegt habe, um diese nnmenschltche Behandlung, die von dem V orgt« setzten befohlen wo.den war, zu verhindern. <S:ne gewisse Entschuldigung der türchterlichen Erbitterung . der Jtalimer kam- m dem Umstande gesehen werben, raß ihre Kameraden von den Arabern m grausamer Werfe hinterrücks medergem.tzctt würben. Der Bericht­er sauer erzählt weiter: Unsere Sokdaten sirrd rache- trunken, und die Offiziere müssen ihr« ganze Autorität aufroenben, um die kriegsgerichtliche» Exekuuonen ein« zuschränken. Auch zwei Grieche» würben irrtümlich füsiliert, weil sie Revolver getragen hatten.

Pfui Teufels Und so etwa? will Z vilisaiion und Kultur nach Tripolis tragen!

* Tripolis, 31. Dkt. 1911. Die Unterdrückung des Aufstandes der Eingeborenen wird schonungs­los weikergesührk. Die Araber, durchweg gut« bewaffnet, hatten die ganze Oase besetzt. Eie erschaffen keine europäischen Zivilpersonen, aber viele Soldaten. Dadurch ist die unter den Truvven

Das Blail hat sich gewendet.

Wenn die türkischen Berichte Glauben verdienen, sitzen die Italiener in der Stadt Tripolis wie in einer Art Mausefalle, nachdem sie von den Arabern und Türken auS allen vorgeschobenen Positionen ver­drängt worden sind. Sensationsblätter hatten schon zu derichien gewußt, Tripolis sei von den Türken wiedererobert worden. DaS ist nicht richtig, aber daran ist fein Zweifel, daß es um die Sache der Italiener in den letzten Tage» recht schlecht steht. Von den fünf Außenforts tm Umkreise der Stadt sind zwei von den Türken zurückge« Wonnen worden und die vereinigten Türken und Araber stehen dicht vor den Toren der Stadt.

Der italienische Hurrapatriotismus, der sich über alle völkerrechtliche Bedenken leicht t inwegsetzte, hat bereits einem Gefühl dec Ernüchterung weichen müssen, das vom Stadium des grauen Elends nicht weit entfernt ist. Wer sich in Gefahr begibt, kommt ost darin um, das müssen auch die Italiener bei ihrem Tripolisabeuleuer erfahren.

Vor Tripolis.

Eine offizielle Darstellung des türkischen Krirgs- minifterlums bestätigt die Meldungen, daß die beiden Außenforts Schara Meffri und Henni östlich von Tripolis von den Türken genommen wurden. Es handelt sich um den bekannten umfassenden Angriff, den die Türken am Morgen des letzten Donnerstag auf die iialiemschen Stellungen unternommen Haden. Die amtliche türkische Schilderung der Schlacht lautet:

W. Konstantinopel, 31. Okt. 1911. In der Nicht des 26. Oktober unternahmen die Truppen einen all­gemeinen Sturm gegen bie italienischen gedungen, wobei sie die Verteidigungslinie der Italiener an einzelnen Punkten durchbrachen. Ein Teil der Angreifer drang durch die Palmenhaine hindurch bis zur Stadt. Unser rechter Flügel durchbrach nach längeren heftigen Angriffen alle Verteidigungslinien d«S Feindes, der znrückgeworfen wurde" Der Feind tonnte den gegen die Befestigungen Said, Messri und Henni gerichteten Sturmangriff nicht siandbalten. Er räumte die Forts und floh. Truppen und SteiwtHigen besetzten die Positionen und nahmen die ersotgung der Flüchtigen ans. Der Feind eröffnete aus seiner Stellung Himer der Berieidigungslinie ein Feuer mit Schnellfeuergeschützen und Mitrailleusen und wurde hierbei von in Berschanzungen verborgener In­fanterie unterstützt. Trotzdem legten die ottomanischen Truppen großen Mut an den Tag und brachten nur durch Gewehrfeuer die Forts zu Fall, auf denen die otto manische Flagge gehißt wurde. Die Verluste des Feindes sind unbekannt. Die Türken hatten etwa 40 bis 50 Tote und 100 Verwundete.

• Konstantinopel, 1. Nov. 1911. Genauen Infor­mationen zufolge war am 30. Ottober das Bild in Tripolis folgendes: Der rechte türkische Flügel un­ter dem Kommando des Obersten Ahmed hatte trotz des Feuens der italienischen GkLirgSbattetien und Mitrailleufcn vermocht, den italienischen rechten Flü­gel zum Räumen der Forts Meffri und Hanni zu zwingen. Unter großen Verlusten mußte der italie­nische Flügel sich hinter die 3 tobt mauer zurückziehen; ebenso mußte infolge der sehr hef­tigen Angriffe des türkischen Zenttums unter Führung des Obersten Reschai Bey das italienische Zentrum bi» auf zwei Kilometer vor die Stadtmauer weichen. Der italienische rechte Flügel allein bewahrt noch seine vorgeschobene Pofitton etwa vier Kilometer vor Tri­polis und hält das dortige stärtste Fort besetzt. Die Stadtmauer hat eine Höhe von sünfzehn und eine Stärke von einem Meter. Ti« türkischen Truppen be- finken sich in gehobener Sttmmung, und trotzdem es ein gewagte Stück ist, nur mit dem Bajonett anzu­greifen, glaubt man doch, daß es dem Heldenmut der türkischen Truppen gelingen wird, die Stadt Tripolis in kürzester Zeit wieder pl besehen.

* Mailand, 1. Nov. 1911. Nach einer Meldung de» „Secolo* aus Tripolis machten die T ü r k e n gestern auf die Stellung der Italiener, die infolge des heftigen Wüstenwindes, der feinen Sand heranwehte, fast nichts sehen konnten, wieder einen An­griff. Sie richteten ihre Geschütze auf den linken Flügel der taltenifchen Vorposten, auf Me (le In der gelt von 2 bis 4 Uhr Im ganzen etwa 15 Schüsse ab­

Ausland.

% Rücktritt des österreichischen Kabinetts. Baron Gautsch hat seine Demission eingereicht. Wie ver­lautet, soll der bisherige Unterrichtsminister S t ü r g k h beauftragt werden, ein« Uebergangsregirrung zu bilden, in di« auch zwei tschechische Beamte zur Ge­winnung der Tscheche« für eine Ardeitsmehrheit berufen werden sollen.

• TaS kriegsgerichtlich« Verfahr«« wegen der LibertS-Katastrophe ist auch gegen den Kom­mandanten des Schiffes, Janrcs, eingeleitet worden, trotzdem dieser zur Zeit des Unglücks ordnungs­mäßig Urlaub hatte. Er steht im Verdacht, die Disziplin auf dem Schiff« nicht mit der notwendigen Scharfe aufrechterhalten zu Haven.

*♦ In dem Prozeß gegen 34 Anarchisten und Kommunisten in Moskau wurden zwanzig Ange­klagte zu Zwangsarbeit, die übrigen zu GesängniS« strafen von verschiedener Dauer verurteilt.

*♦ Nene Kalilager?

DaS amerikanische Ackerbaudepartement soll, wie Staatssekretär Wilson mitteilt, im Gebiet der West­staaten Nordamerikas Kalilager von solcher Mächtigkeit entdeckt haben, daß sie den Gesamlbe» darf der Vereinigten Staaten decken könnten. Die Oertlichkeit wird nicht näher angegeben.

Besonders glaubhaft klingt diese Nachricht nicht. Aehnliche sind schon srüher aufgetaucht, haben sich hinterher aber stets als unwahr erwiesen. Wenn sich indessen, die Meldung bewahrheitet und die AuZnützung der Funde möglich ist, dann würde sich die deutsche Kaliindustrie, die bisher über ein Welt­monopol verfügte und nach den Vere nigten Staaten ihren lohnendsten Absatz hatte, vor einer neuen Situation von außerordentlicher Tragweite stehen.

Deutsches Reich.

" Berlin 1. Nov. 1911. Wie die,Nordd. Allg. Zig' mitteilt, ist zum Botschaftsrat in Wien Prinz Wilhelm zu Stolberg-Wernigerode ernannt. Sein Nachfolger auf dem Botschaftsratsposten m Rom wird Legatioiisrat v. Hindenburg. Den Posten des preußischen Gesandten in Weimar er­hält Gras Georg von Wedel. — Eine Moor- Konferenz ist Berliner Blättermeldungen zufolge auf Veranlassung des LandwirtschastsministeriumS auf den 6. und 7. November im Oberpräsidium in Hannover anberaumr worden.

)( Der Kaiser und die Missionen. Durch dir Blatter sind Aeußerungen gegangen, die der Kaiser beim Empfang des Bischofs Mansch und des Pro­vinzial P. Acker über den Islam getan haben soll. Halbamtlich wird dazu erklärt, der Monarch habe nicht davon gesprochen, daß der Islam eine Gefahr für die deutschen Kolonien werden könne. Vielmehr habe der Kaiser, als das zielbewutzte Vor­gehen de? Islams betaut wurde, der Erwartung Ausdruck gegeben, daß es auch unsere Missionen nicht an ebenso einmütiger und fleißiger Arbeit fehlen lassen. — Es scheint hier ein Mißverständnis obgewaltet zu haben.

)( Tie Unterzeichnung des MarokkoabkommenS, die für Dienstag geplant war, hat sich verzögert. Die französische Regierung ist aber so sicher, bis zum Ende dieser Woche in den Besitz aller er­forderlichen Dokumente zu gelangen, daß ba^ Da­lum der Einberufung der Kammer (der 7. Nov.) vom Ministerrale bestätigt wurde und Präsident Fallieres das Einberusungsdelret bereits unter­zeichnet hat.

c. Tie Privatbeamtenversichrruug in der Kom­mission. Die Verhandlungen über bie Privat­beamtenversicherung nehmen in ber Kommission einen außerordentlich schnellen Fortschritt, so daß mit großer Wahrscheinlichkeit damit gerechnet wird, daß bereits am Donnerstag ober Freitag bie erste Lesung von der Kommission beendet wer en kann. Am Dienstag nachmittag setzte bie Kommission ihre Beratung fort. Z« dem § 207 wurde eine Bestim­mung angenommen, wonach bie Beiträge, die in piner irrtümlichen Annahme der Bersicherungspsiicht entrichtet wurden, in e nem Zeitraum bis zu zehn Jahren zurückgefordert werden können. Auf etnen Antrag des Zentrums wurde beschlossen, die frei­willige Fortsetzung der Versicherung schon nach Ent­richtung von sechs statt 60 MonaisbeNrägen zu er- Möglichen. Zar Verh nberung der Ausnützung deS Gesetzes wurde beim § 47 (Wartezeit) beschlossen, haß mindestens 60 Beilragsmon.ate auf Grund emer "berficherungZpflichtigen Beschäftigung zurückgeiegt sein müffen; sind weniger verstcherungspfttchtige Beilragsmonate nachzuweisen, so erhöht sich die .Wartezeit für das Rnhegeld bei der Hmierblledeneu- rente auf 150 Beilragsmonate. § 50 wurde dahin geändert, daß als Bettragsmona e auch die beruf­liche Fortbildung in einer staatlich anerkanitten Lehranstalt gelten.fall.

* Vermehrung der Amisrichterstell-n. Bei 105 Amtsgerichten in Preußen sollen vom nächsten 1. April ab der .Post' zufolge neue Richlerstellen geschaffen werden.

* Infolge der Verteuerung aller Nahrungsmittel ihat die preußische Eisenbahnverwalluug, wie das „Berl. Tgbl." erfahren haben will, beschlossen, sänittichen unteren Eisenbahnbeamien dis aus wei­teres eine tägliche Zulage von 20 Pfennig zu gewahren. Die Bahnarbeiter sollen eine 4 prozenk. Lohnerhöhung erhallen.

* „Za, ich bin fing und weif« . . .* Der ^)och- wohlweise Magistrat der alten und guten Staat Magdeburg glaubte angesichts ber allgemeinen Teuerungsdebatte auch seine warnende Stimme erheben zu sollen, und so tat er, was ihm als das richtigste und wichtigste erschien: er petitionierte kurzerhand an die Regierung und bat refolitt um die zeitweilige Aufhebung der Kartosf«lzölle. In Nürnberg ist man nun zivar so klug geworden, keinen zu hängen, man hätte ihn beim; in Magde­burg aber hebt man getrost noch Zölle auf, dre es garnicht gibt. Wie wett ist cs doch gleich von Magdeburg bis Schöppenstedt?

** Das Büudnisangebot zu den reichslönbischen RetÄsiagswatzlen. Zu einem wahren Unfug bat sich im Laufe der letzten Woche das alberne Märchen von dem StraßbnrgerZentrumangebot an die Sozialdemokratie ausgewachsen. Als trotz der sofortigen Dementis die Behauptung aufrecht erhalten wurde, hat Dr. Burgnburu als Vor­sitzender des Straßburger Zentrumsvereins den ersten Verbreiter der Unwahrheit, Pros. Weidenreich, aufgefordert, den Nachweis zu erbringen. Weiden- reich verwies Hm. Burguburu an die Sozialdemo­kratie, der ja bas Angebot gemacht worden fei. Ehe Hr. Burgubnrn Stellung zu^dem Ansinnen nehmen konnte, baß er sich an bie Sozialdemokratie wenden möge, wurde er von Weidenreich aufge- fordert, in einer Versammlung am Samstagabend zu erscheinen, wo man sich gegenseitig Rede und Ant­wort stehen könne. Hr. Burgubnrn ging hin. Hr. Weidenreih hatte den Geschmack, Privatangelegen­heiten des auf die Einladung erschienenen Gastes, hie mit der Wahlsache nicht die Spur zu tun hatten, .in einer alle» politischen Anstandes baren Weise in bie Debatte zu ziehen. Hr. Burgubnrn seinerseits Protestierte nachdrücklich gegen die Vermutung, daß von Stile der Zentrumspartei irgend welche Schratte getan oder veranlaßt worden seien, um mit bet Sozialdemokratie ins Einvernehmen zu gelangen. Er verlangte abermals, daß die Urheber des Ge» küchts Namen nennen sollten, damit er entweder >ie völlige Unrichtigkeit be» Gerüchts Nachweisen 8nne, ober denen auf die Spur komme, die sich un- ►teufen eingemifcht hätten. Weder Weidenreich noch ►er sozialdemokratische Führer Böhle ließen sich dar­auf ei«, blieben aber trotzdem bei ihrer Behauptung, «ui Andeutungen in der Presse k-mn man ent- Lehmen, daß ei sich vielleicht um einen valiona- Wischen, keinesfalls um einen Zentrumsversuch, mit

der Sozialdemokrat!« anzuknüpfen, gehandelt hat Auf di« natimmlistssch« Urheberschaft bei Versuch» deutet auch da» Ana «bot, ix Straßburg vier Sozial­demokraten gegen bie Unterstützung von Preiß zu wählen. Die ßibmte« «nb Sozialdemokrat«« wissen selbst ganz genas, wie schroff bi« Gegner­schaft zwischen dem Straßburger Zentrum und dm Kolmarer Rationalist«« ist, und daß daS Stras­burger Zmtrum im Vorstände bi» zum letzten Ver­trauensmann an einem solchen Versuch sicher unbe­teiligt wäre. Wenn ste trotzdem einen Versuch, de« — vielleicht — die Rationalisten törichterweise ge­macht haben, als ZentrnmSoffert« ansgeben und da­bei beharren, so Handeft sie gegen besseres Wissen,

D De« Mßerfelg M Sroßslvck» bei de» Sand- tags wähle» in Ell«ß-L»thrtngen wob- len die liberalen Blätter durchaus nicht zugeben. Nun wenn die Großblockist« jetzt tzusrteden sind, un» kanns ja recht sei», » et ber Wahl hörte man gan- andere Tön». Da hieß e», bie „schwarze Reaktion'' müsse gtschlagm werd«. „28 von den 60 Sitzen* — so sagten Me sozialistischen Flugblätter — „hat bfcr KlerckaliSmu» schon erobert. Gelingt eS dem Zentrum, auch nur noch drei Mandate zu erlangen, so ist unser Land dem KlerikallSmuS vollständig auS- geliefert; drum aus zum Kampf gegen die finsterste Reaktion, GeisteSknechtschafi und Intoleranz." In Mesen Tönm geiferte bU sozialistische Presse im Bunde mtt den liberal-demokratischen Organen wäh­rend der gangen Woche gegen da» Zentrum. Nun hat daS Zmtrum den Ansturm glänzmd pariert. Die rechtsstehendm Parteim verfügen danach über eine sichere Mehrheft, die 87 Mandate beträgt. Dieser Mehrheit hat der Großblock nur 23 Mandate gegen­über zu stellen. Der Erfolg be» Zentrums ist sonach ohne Uebertretbung ein großer. Man hatte in Zen- tmmskreism wohl damit gerechnet, daß daS Zentrum noch einige Mandate, tm günstigsten Falle etwa 4—5 gewinnen werde, aber daß eS sogar noch 7 seiner Kandidaten durchgebracht hat, übertrifft selbst die kühnstm Erwartungen. Das Zentrum ist wahrlich nicht mit übertriebmm Erwartungm in dm Wahh kampf gezogen und tä hatte mit den schwierigsten Verhältnissen zu kämpftn. Richt nur, daß die Wahl­kreiseinteilung alles andere al« dem Zmtrum günstig ist, hatte es auch noch die reichsländtsche Regierung zum Widersacher, die ganz unverhohlm die umstürz­lerische Sozialdemokratie und die Liberalm begün­stigte und zli dem Bunde der Ltberalm und Sozial­demokraten ihren Segen gab. Als der Abschluß des Großblocks bekannt wurde, da jubeltm das „Berl. Tagebl." und seine Gesinnungsgenossen und prophezei­ten dem Zmtrum, daß eS eine Mehrheit im elsaß-lothr. Landtag nicht erringen werde. Zuversichtlich wurde in den Organen des Großblocks verkündet, es werde dem Zentrum unmöglich sein, auch nur die zwei zum Gleichgewicht mit der Kammer fchleuden Sttmmen in der Nachwahl einzuholm. An dem Großblock sollten alle Versuche schettern. Die Freude der libe­ralen Blätter ist indessen gründlich zu Wasser gewor­den. Der Ausfall der Wahlen zeigt mit aller Deut­lichkeit auch, daß die ReichStagsftaktton des Zen­trums recht gehandelt hat, toenn sie der elsaß-lothrin­gischen Verfassung in ihrer jetzigen Fon» ihre Zu­stimmung erteilte und ihr zur Annahme verhalf. Das Zentrum hat sich damit ein großes Verbimst um die Reichslande erworbm und an dem Ausfall der Wah» len kann jedermann erkennen, daß das Zenttum sich das volle Vertrauen der weit überwiegenden Mehr­heit der reichsländischm Bevölkerung bewahrt hat, allen düsteren Prophezeiungen zum Trotz.

* Freiherr von Richthofen, der nattonalliberale Reichstagskandidat im 19. hannoverschen Wahlkreise, sollte in öffentlicher Versammlung erklärt habm, während feiner Tätigkett bet der preußischen Gesand tschaft beim Vatikan seien wieder­holt Schriftstücke mtt päpstlichen Anweisungen an daS Zentrum durch seine Hände gegangen. Dazu erhält die „Deutsche Tageszeitg." folgendes Telegramm aus Rom:

v. Richthofen war Attache der preußischen Gesandt- schäft beim päpstlichen Stuhle vom Mai 1903 bis Juni 1904. DaS war der Zeitraum, in dem Leo XIII. starb und da» Pontifikat Piu» X. begann; ein Zeit­raum, in welchem Papsttum und Zentrum in kaum merklicher Beziehung zu einander standen. Im übrigen kommen Schriftstücke von aktuellem, poli- tischem oder diplomattschem Belang n i e in die Hände der NttachL Kundigen Persönlichkeiten ist n i ch tS davon bekannt, daß der Attach^ Frhr. v. Richt- Hofen so außerordentlich geschätzt worden fei, um fein Interesse durch politische Angelegenheiten von dc» ele­mentaren Kanzleigeschäften und geselligen Bergnü- gungen abzuziehen. Selbstverständlich ist die Auf­fassung, die peußische Gesandtschaft vermittle päpst­liche Weisungen an das Zentrum, absolut un­sinnig.

Freiherr v. Richthosen wird sich, so bemecft dazu Me „Deutsche Tagesztg.", nun doch wohl, nachdem er jene Zeitungsberichte nicht dementiert hat, noch zu der Angelegenheit äußern müssen.

** Italienische Verdächtigungen Deutschlands. Tie Turiner „Stampa" greift Deutschland an, weil es trotz der Bunbesfreunbschaft und Neutralität er­laube, daß Feldmarschall Freiherr v. b. Goltz in Konstantinopel bleibe unb bie Kriegsoperationen leite. Dieier Umstand bedeute einen anderen ernsten und dringende« Grund für die Ausdehnung der italienischen Feindseligkeiten auf daS Aegäisile Meer. Es sei Gefahr im Verzüge. Generalselkmarjchall v. d. Goltz weilt, wie das ,B. bestimmt erfährt, in Berlin; er ist auch während der letzten Wochen nicht in Konstantinopel gewesen. Damit zerfallen die deutschfeind ichen Verdächtigungen des Turiner Blattes in sich selbst.

* Münche«, 1. Nov. 1911. Anläßlich de» 90. Namenstag«» «mpfing brr Prinzregent heule vormittag Sratulationsbesnche. I« allen Kirchen würben feierliche Hochämter mit Tedeum abgehalten. Piinzreqent Luttpold von Bayern nahm nicht wie alljährlich am Feftgottesbienste teil, sondern wohnte mit seiner Tochter, der Prinzessin Therese, nur einer stillen Mess« in der Resideuzkapell« bei. Sämtliche bayerischen Prinzen erschi«nen dagegen beim Militär- goUesdienst«.

38. Ja'MMI

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