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verlaß der Fuldaer Rk» Seadruckerei in Fulda

Fernsprecher Ur. 9.

.40 248.

Erstes Blatt.

Fulda, Samstag Den 28. Oktober 1911*

38. Jahrgang.

♦♦ Berlin, 27. OK. 1911. Die .Post' behauptet, e» sei eine Beschlußfassung der Regierung über den Tag bet L an d tag S er b ff nu n g noch nicht er­folgt. — Der Gesetzentwurf betr. die Handels- beziehungen zum britischen Reiche ist dem Reichstag zugegangen. Dadurch soll der Bun­des rat ermächtigt werden^ dem britischen Reiche bis zum 3L Dezember 1913 die Dteistbegünstigung einzuräumen. Die Vorlage ist dadurch notwendig, daß dar gegenwärtig» Provisorium mtt dem Ende dieses Jahres abläust. — Der ZentralauSfchuß der fortschrittlichen volksp artet ist auf Sonntag, ben 12. November, zu einer Tagung nach Berlin einberufen worden.

)( Der Kaiser über de» Fall Jatho. Der Bor­stand der Brandenburgischen Generalsynode wurde Dienstag nachmittag vom Kalser empsan^en. Dg-

x Krieg bäh Mw uni der Wei.

Die Kämpfe bei Tripolis.

Die Italiener bet Tripoli» werden fast täglich angegriffen. Auf daS große Gefecht vom Montag ist am Donnerstag ein Kampf von zu mindest glei­chem Umfang gefolgt. Der offizielle italienische Be­richt, an Die wir un» Im folgenden halten, gibt selbst zu, daß Mel italienische Position schwer bedroht und stellenweise umgangen war. Im । Verein mit starken Arabechorden griffen türkische Truppen vor Tagesanbruch die Italiener in ihrer befestigten Stellung südlich von Tripolis an. Auf ungefähr 600 Meter Entfernung wurden ste von einigen Batterien und von wenigstens 2 Bataillonen mit furchtbarem Frontalfeuer empfangen. Nach Sonnenaufgang stiegen Flugzeuge auf; ste konnten die türkischen Stellungen feststellm und dadurch die italienische Artillerie in den Stand setzen, mit großer Wirksamkett in ben Kampf einzugvelfeu. Der Ver­such einer Umgehung türkischerseits mißlang. Die Angreifer mußten sich unter ernsten Verlusten zurück- ziehen, verfolgt vom Feuer vier italienischer Krupp- batterie». Immerhin gelang e» einigen arabischen Abteilungen, in den Rücken der italienischen Front zu kommen; sie wurden aber umzingelt und aufge­rieben. Die Verluste der Türken sind außerordentlich schwer; sie überschreiten sicherlich tausend Tote und entsprechend viele Verwundete. Bei den Türken muß ein hoher Offizier gefallen sein. Der Leichnam wurde unter heftigem italienischem Feuer unter gro­ßen Verlusten fortgetragen. Die italienischen Ver­luste dürsten 100 Tote und Verwundete nicht über- schreitm.

• Mailand, 27. Ost. 1911. lieber den gestrigen Kampf bei Tripolis berichtet der Spezialkorrespou- dent des .Secolo" folgendes: Gestern morgen wur­den eine halbe Stunde vor Morgengrauen die ita­lienischen Stellungen im Südwesten der Stadt mit großer Kühnheit von den- Arabern angegnffcn. Die Araber haben den Kampf ganz allein geführt. Die italienischen Vorposten zwischen Stdi Nersi und Bu- meliana hatten den ersten Stoß auszuhalten. Die Feinde schienen wie aus der Erde gewachsen. Plötz­lich ertönte aus einer Entfernung von nur 350 Meter über die Sanddüne her das Gewehrfeuer einer 600 Meter langen feindlichen Schützenkette. Tie italie­nische Infanterie erwiderte sofort das Feuer, auch die italienische Artillerie griff ein. Dieser Abschnitt spielte sich noch im Dunkeln ab. Im weiteren 83er-

Deutsches Reich.

Die Stichwahl in Ksnstanz-UebkrÜngkn.

J. Konstanz, 27. Okt. 1911. (Tel.) In der Heu- trgen Stichwahl erhielt der Kandidat der Libe­ralen, Schmid, 16,114 Stimmen, der Zentrums- Kandidat v. Rüpplin 14,045 Stimmen. Ter libe­rale Kandidat Schmid hat also im Wahlkampfe gesiegt mit einer Stimmenmehrheit von 1069 St.

Nach dem amtlichen Wahlergebnisse hatten im ersten Wahlgange am 19. d. M. Stimmen erhalten: Freiherr v. Rüpplin lZentr.) 13,266, Landtags-Abg. Schmid (literal) 11,441, GroßhanS (Soz.) 3025. Bei diesem Stimmenverhältnis war der Kampf für das Zentrum ziemlich aussichtslos, trotzdem hat e3 ge­tan, was getan werden konnte und in der Nach­wahl noch rund 800 Stimmen mehr aufgebracht als in der Hauptwahl. Aber auch die Stimmen der vereinigten Liberalen und Sozialdemokraten find um nmd 650 gestiegen. Man kann sich danach einen Begriff davon machen, wie nachdrücklich und leidenschaftlich die Wahlagitation betrieben sein mußte, da schon die Wahlbeteiligung bei der Hauptwahl ungemein stark war. Es hat sich leider gezeigt, daß ein großer Teil der Wähler gegen die rücksichtslose und gewissenlose Wahlagitation der Libera en und Sozialdemokraten, gegen den hier wie niemals zuvor betriebenen Wahlschwindel nicht widerstandsfähig genug gewesen ist. Wie auch bei anderen Nachwahlen haben die größten Schreier den meisten Glauben gefunden, und die Leicht­gläubigen und Urteilslosen gaben den Ausschlag zu Gunsten der Schwindler. Hoffentlich wird bei den allgemeinen Wahlen der besonnene, denk- und urteilsfähige Teil der Bevölkerung mehr in den Vordergrund treten. Prüfet alles und glaubet den Worthelden nichts unbesehen! Und wenn du siehst, daß die liberalen und roten Wahlschwindler in deinem Umkreise einen Ein­fältigen zu umstricken drohen, dann warte nicht, auf die Berichtigung, die von einer Gegenveisamm- lung oder von der Zeitung kommt, sondern greife selbst nach Kräften ein mit einem ausktärenden Zuspruch. Das ist die Lehre, die uns die Wahl in Konstanz gibt. Je ärger der Wahlschwindel in's Kraut schießt, desto mehr muffen alle Freunde der Wahrh.it und der Gerechtigkeit solidarisch eintreten m den Kampf gegen Irrtum und Lüge.

Die Reichstags-Ersatzwahl i« Ratibor.

♦ Breslau, 27. Okt. 1911. Bei der heutigen Reich-lapsersatzwahlerhielten: Stadtrat Sap letta (Zent.) 7897, Pfarrer Banas (Pole) 4773, Land- schafts-Syndikus Regierungsrat a. D. Lüdke (freit) 3265 und Gewerkschafts. Sekretär Schwab (Soz.) 1609 Stimmen. Es hat Stichwahl zwischen Sapielta und BanaS stattzufinden. — Im Jahre 1907 war der inzwischen verstorbene Zentrums-Ab- georonele Erzpriester Wilhelm Frank mit 11,411 Stimmen gegen 5105 sreikonservative, 4591 polnische und 1294 sozialdemokratische Stimmen gewählt wor­den. Die Wahtbeteiligung ist diesmal bedeutend schwächer als 1907.

bei kam der Kaiser auch auf den Fall Jatho zu sprechen und sagte:

So bedauerlich an sich die Tatsache fei, da- ein Geistlicher wegen Irrlehre aus seinem Amte entfernt werden müsse, fet doch dieEache nicht tragisch zu nehmen. Männer wie Jatho hab» e» zu allen Zeiten gegeben und werde eS auch in Zukunft geben. Di» Kirch« Christi überwind« dies« Widersacher. Gegen dies« Jrrlehrer geb« es rin vorzügliche» Mittel: sich immer tiefer in di« heilig« Schrift zu vrrsrnten und die Prrson J«sn Christi, des Heilandes, mit gläubiger Lieb« zu umfassen.

* Verschüttet. Vor dem Laboratorium der neuen Hochschule in Schemnitz (Ungarn) wölbt sich über dem Keller ein Erddamm. Nachmittags stand Pro­fessor Julius Farbacky auf dem Damm, als plötzlich der Damm einstürzte und der Professor acht Meter tief versank und von Erde bedeckt wurde. Die RettungSarbetten waren erfolglos.

s Die Reichsversicherungskommission förderte Frei­tag die Beratung des Angestelltenverfiche» rungSgesetzeS ein gutes Stück. Die §§ 2—9 vurden mit unwesentlichen, zum Teil rein redaktio­nellen Aenderungen angenommen. Nach § 9 sind verstcherungsfrck die tn öffentlichen Betrieben Be­schäftigten, wenn ihnen Anwartschaft auf Ruhegehalt und Hinterbkiebenenoenten im Mindestbetrage nach den Sätzen der GehaltSklaffe A gewährleistet ist, das ist die Klasse mit einem Jahresarbeitsverdienst bis zu 550 Mark. Diese Bestimmung der Vorlage wird durch Annahme eines Antrages Hausmann (Hanno­ver) dahin geändert,, daß die Bestimmung der Ge- haltsklaffe durch den Bundesrat erfolgen soll.

c Die Petitionskommission des Reichstags beschäf­tigte stch geftem mit zahlreichen Petitionen von Frauenvereinen und -Verbänden wegen Heröeifüh- tung eines Verbotes der weiblichen Bedie­nung In Gastwirtschaften. Es wurde na­mentlich auch ausgeführt, daß die Existenz der Wirte durch die Abschaffung der weiblichen Bedienung nicht gefährdet werde, und daß die soziale Gesetzgebung für die Frauen so viele Wohltaten geschaffen habe, daß es wunderbar erscheine, daß die Gesetzgebung auf diesem Gebiete versage. Die Kommission war der Meinung, daß eine reichsgesetzliche Regelung der Frage schon toeqen der großen Verschiedenheit der Verhältnisse in Nord- und Süddeutschland nicht zu empfehlen fei. Sie überwies die Petitionen, die eine Bekämpfung des AnimierkneipenwesenS forderten, als Material, ging aber über, welche eine generelle Ab- fchasfung der weiblichen Bedienung für ganz Deutsch­land verlangen, zur Tagesordnung über.

* Der Reichstag und der Marokko-Vertrag. Am 8. November wird ooraussichtlich, wie wir bereits mitteilten, der Reichstag Geleg mheit haben, stch mit dem deutsch-französischen Vertrag, dessen Unter­zeichnung unmittelbar bevorsteht, zu deschkiftiarn. Soweit der erste Teil des Vertrages, also oas eigentliche Marokko - Abkommen, in Frage kommt, bedarf er der Genehmigung deS Reichstages, weil der Vertrag auch eine Abänderung der Ge­richtsbarkeit deutscher Konsularbehörden enthält, die staatsreelitlich ohne Zustimmung deS Parlaments nicht Gesetzeskraft erlangen kann. Anders liegen dagegen, wie der ,Berl. Lokalanz.' anscheinend offiziös erfährt, die Dinge beim zweiten Teil, dem iogenannten Kongo vertrage, wo es stch einer­seits um einen kolonialen Gebieizuwachs handelt, der wie bei der Erwerbung von Kiautschou, keiner Bestätigung seitens des Reichstages bedarf und andererseits keine deutsche Gebietsabtretung, sondern lediglich eine deutsch-französische Grenzregullerung in Frage kommt, sür die gieich-fallS eine Genehmigung der Volksvertreter nicht erforderliche ist. Der Ab­schluß deS Kongovertrages dürste somit dem Reichs­tage nur zur Kenntnisnahme mitgeteill werden.

y Zu» Reichstag hat hie Fortschrittliche Volks- Partei einen Antrag eingebracht, der gemäß einem früheren Beschluß des Reichstages fordert, daß ein» teilliche und eine Verletzung des Wahlgeheimnisses ausschießenve Wahlurnen aus Kosten des Reiches geliefert werden sollen und durch landesrechtliche Vorschriften die Nichtanwendung der Bestimmungen über die Polizeistunde auf das Versammlungs- recht ficherqestellt wird.

** Eine gründliche und gute Abfuhr. Herr Bene-, dikt, der Besitzet der Wiener „Neuen Freien Presse" ist auf Herrn v. Kiderlen böse; denn, wie in Wiener Journalistenkreisen mit viel Behagen erzählt wird, hat die Redaktion bet „Neuen Freien Presse" Herni Ki­derlen um eine Unterredung über die polt- tische Lage gebeten, Herr v. Kiderlen hat ihr aber sa­gen taffen, sie möge sich doch an den „englischen Di­plomaten in wichtiger Stellung" wenden. — Man muß die Bedeutung, die der Herausgeber der Neuen Freien Presse sich betmißt, kennen, um den Humor die­ser Meldung auszukosten. Von der gewaltigen Höhe und Würde be3 Benediktschen Thrones kann man sich ja bei uns gar keine Vorstellung machen. Der Letter bet Wiener Neuen Freien Presse übt eine ThranniS sondergleichen aus. Nicht nur über sein Blatt, son­dern auch über die ganze Donaumonarchie. Man er­zählt sich die spaßhaftsten Züge von dem bis zum Krankhaften gssteigerten Machtbcwußtsein des Herrn Moritz Benedikt. Einer der nettesten ist noch der, wie die Neue Freie Presse einmal einen berühmten Mann hatte zu früh sterben taffen und den Unglücklichen nun jahrelang bis zu seinem wirklichen Tode einfach als nicht mehr vorhanden behandelte, auch den späteren Tod dann nicht mehr registrierte. Für Herrn Bene- ditt war der Mann mtt der irrtümlichen Todesmel­dung in der Reuen Freien Presse tot. ES war eine Anmaßung von dem Menschen, weiterleben zu wollen, nachdem ihn daS „führende" österreichische Blatt tot- gesagt hatte. Der Mann mußte bestraft werden. War­um war er denn, nicht richtig gestorben? Sollte sich vlAleicht seinetwegen daS Blatt de» Herrn Beneditt selbst dementieren? In Wien wagt eS kein Ministe­rium, einem Rechercheur der Reuen Freien Presse einen Korb zu geben. Und man muß eS Herrn Bene- Mkt lassen, daß er feinem Blatt dabei eine Unabhän­gigkeit gewahrt hat, die bei solchen Beziehung^ we­der in Oesterreich noch anderswo denkbar ist. Er hat die Eesälligkeiten von feinem eigenen Willen und nicht von den Gegenleistungen abhängig gemacht. In die

GesellschastSberichte der Neuen Freien Presse kommt nur, wer Herrn Beneditt gefallen hat. Herr Benedikt sieht alles und weiß alles. Oder bildet sich das wenig- stenS ein, was so ziemlich dasselbe ist. Wenn irgendwo etwas im Anzuge ist, ein bedeutsames Ereignis, eine ReichStagSauflösung in Berlin, so muß die Neue Fveie Pteffe schon vorher wissen, wann und wie alle» kommen wird. Und der arme Vertreter, der da ver­sagt, ist Übel daran. Er wird Herrn Beneditt ken­nen lernen, wenn er ihn nicht schon gekannt hat. Und nun stelle man sich vor, Benedikt, bet Herr von Wien, befiehlt ein Interview mit bem deutschen Staats­sekretär de» Auswärtigen Amte», und der Berliner Korrespondent muß melden, der Staatssekretär wolle nicht, wolle partout nicht, wolle der Wiener Neuen Freien Presse deS Herrn Benedikt keine Auskunft geben über das, wa» gewesen und was kommen wird. Da hört stch schon die Weltgeschichte auf! Aber daß dieser, dieser — na sagen wir Frechling, sich auch noch erdreistet, malittöS zu werden und das Blatt an Mr. Cartw right zu weisen, den englischen Botschafter in Wien, der vor einigen Wochen seine Bosheiten gegen Deutschland und den Deutschen Kaiser tn den Spalten der Neuen Freien Preffe abgeladen hat — ifas ist der Gipfel der Ueberhebtmg. Herr v. Kider- len-Wüchter kann stch gratulieren, daß er nicht in Wien lebt Wir würden für nichts gutsagen. Ob Herr Beneditt dem Deutschen Reich den Krieg erklären wird? ,

— Di« internationale Sozialdemokratie als Welt- fchiedSrichterin. Geheimnisvoll« Andeutungen bringt heute der .Vorwärts'. Bel der Beratung des Militärgesenes in der zweiten niederländischen Kammer hatte bet Soziakistensührer Troeistra ge- prahlt:

„Da» modern« Proletariat ist die Kraft, die jetzt den Weltfrieden aufrecht erhält. Als Mitglied des Internationalen fozialistifchen Bureaus weiß ich, daß RegierungSmitglieder, um einen drohenden Sitieg abzu­wenden, sehr wohl die Adresse des Internationalen sozialistischen Bureau» zu finden wußten. Das ist ein« Neuerung. Eine neue wirtend« Straft für den Welt­frieden ist ausgestanden."

Der.Vorwärts' glaubt dazu auf Grund „ein­wandfreier Informationen" zu wissen, daß Troelstra hierbei auf die Marokkofrage an­spielte, und daß die beiden beteiligten Mächte die eine durch einen verantwortlichen Diittelsmann, daraufhin dir andre direkt, stch an das Internatio­nale sozialistische Bureau wandten. In einer ge­heime» Sitzung des Internationalen sozialistischen BureauS zu Zürich soll dann dies« Angelegenheit den Gegenstand streng geheim gehaltener Be­sprechungen gebildet haben. — Dazu erfährt der ,Berl. Lokalanz.' an unterrichteter Stelle, daß diese Meldung, soweit st« stch auf die deutsche Regierung bezieht, absolut unbegründet ist. Der deutschen Regierung ist es niemals eingefallen, sich direkt oder indirekt an das internationale Sozialistenbüro zu wenden. Was Frankreich anbelangt, so Ist es ja nicht »»möglich, daß die dortige stark linksstehende Regierung den Versuch gemacht hat, stch die Unter« stützimg der sozialistischen Partei bei Beratung des Marokko« und Kongoabkommens in der französischen Kammer zu sichern. Dafür hatte sie aber immer noch nicht nötig, inS Ausland zu gehen.

) ( Nochmals ein Beckerprozeh. Der ehemalige Rit­tergutsbesitzer Becker-BartmannShagen hat gegen die Entscheidung des Stettiner Landgerichts, das ihn we- gen Beleidigung de» Landrats von Maltzahn zu drei Monaten Gefängnis verurteilt hoch beim Reichsgericht Revision eingelegt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 27. Oktober 1911.

Auf der Tagesordnung stehen die Jntetpella» kioren Fthr. v. Herlling (Ztr.) und Ablaß (Bp.) betreffend v die Maul- und Klauenseuche.

Abg. Steindel(Ztr.) schildert die große Verbrei­tung der Seuche. Dazu kommt dann noch die durch btt Sperrmaßregeln herbelgejührle Beeinträch­tigung. Kleinbauern ist es überhaupt unmöglich ge­macht ihr Rindvieh als Zugvieh zum Einfahren der Ctnle zu verwenden. Geflügelhändler werden ge- schädigt durch die Vorschrift, daß das Geflügel ein« gesperrt werden soll. Besonders schlecht ist der Tier­halter daran, der stch auf die Junaviehauszucht verlegt. Er kann fein Vieh gar nicht verlausen. Am größten ist diese Kalamität für die Schweinezüchter. Ncht nur die Landwirte leiden unter den Sperrmaßregeln, son­dern auch die Gewerbetreibenden der kleineren und mittleren Städte. Auch die Kommunen selber haben erheblichen Schaden infolge des Aussalles der Marlt- aebühren usw. Wenn ich nun die Sperrmaßregeln selbst mtt so großer Sorgfalt durchgesührt sehe, so muß ich mich wundern, daß man bei den Manöver» mit Ewcmartierungen und 'Herumziehen der Truppen so wenig vorsichtig ist. Wir haben am 16. März eine Reflation eingebracht, wonach d'e durch die Maul« Und Klauenseuche geschädigten Tierhalter entschädigt werden sollen. An dieser Forderung halten wir auch heute noch fest und wir verlangen ferner, daß von Rrichswegen größere Mittel zur Erforschung der Seuche bereitgestellt werden. Die Hauptsache bleibt nach wie vor eine lückenlose Grenzsperre gegen daS Au-land. Es steht fest, baß die Seuche, nachdem sie eine Zeitlang bei uns nahezu erloschen war, durch ausländisches Vieh eingeschleppt worden ist. Wae daun die im Inland zu treffenden Maßnahmen anbe.'rifft, so sind die von uns gestellten Verbesserengs« anträge zumteit an dem Unannehmbar der Regierung gescheitert. Ziveckmäßig wäre es, den Besitzern, die die ersten Seuchenfälle zur Anzeige dringen, eine Prämie zu zahlen. Dadurch würde der Verheimlichung der ®eud;e vorgesengt werden. Die Kosten der Be- kämpfung müssen von der Allgemeinheit getragen werden, vom Reiche bezw. den Emzelstaate». Bor allem fordern wir, daß die Sperrgebiete nicht schematisch nach den Gemeindegrenzen, sondern von Fall zu Fall nach den praktischen Bedürfnissen ab- gegrenzt werden. Die jetzt vielfach übliche ungleich­mäßige Durchführung der »etermärpolizeilichen Vor« schlijlen ist es, die viel böses Blut erregt hat. End­lich müssen Kommissionen gebildet werden, die über die Maßregeln zur Durchsührung des Reichsviehseuchen- gefeijeS zu befragen wären, vor allem wäre die Frage sm Auge zu behalte», ob der Weidegang verboten sperdii, soll. Tiere, die auf die Weide gehen, über­stehen die Seuche bekanntlich viel leichter. Wir et» warten bestimmt, daß die Regierung alles tut, um der von Jag zu Tag schlimmer werdenden Kalamität ent» gegenzutreten. (Lebh. Beifall.)

Auf Antrag des Abg. Freiherrn v. Herlling wird eins'mmig die Besprechung beschlossen.

' Abg. Dr. Hahn (kons.)r Scharfe Maßnahmen gegen die <Änschl«ppnng find noiioenbig. Die Tierärzte haben ihre Pflicht durchaus getan; aber die Behörden haben nicht immer richtig operiert. Man hat die Sperrbezirke möglichst klein gehalten, aber die Beodachlungsgebiele vergrößert. Jii der Theorie müssen wir fordern: Ab- schlachlung aller erkrankten Tiere bei voller Entschädi­gung und schärfste Desinfektivn. Leider herrscht bei den Na ionaNiberalen wieder eine Unstimmigkeit. Wir n,äffen hier eine sicher« Mehrheit haben, die an k-r bisherigen Art der Seuchenbekämpfung seflhält (Ah:! links» unb nicht der Meinung des Herrn Kabelt und feiner Freunde ist. Wir wissen nicht, ob wir immer bei der Regierung dasselbe Eiitgegenkommen finden weiten. Darum müssen wir eine feste Mehrheit im ßau'e haben im nationalwirtschaftlichen Smne. In' einem Flugblatt der Sozialdemokratie wird uns znm Boruvnrf gemacht, wir trieben eine arbeiterfeindliche, voll verräterische Poltttt Ich fordere die Regierung auf, die Folgen einer solchen Hetze nicht zu unterichätzen und rechtzeitig ans bem Posten zu sein. (Lebh. Beifall red,'"’, Lachen links.)

Abg. Steil (Soz.): Im württembergischen Landtage haben wir Sozialdemolraten die Regierung gedrängt, etwas zu gunsten bet geschädigten Landwirte zu unter­nehmen. Nicht aus veterinären Gründen weigerten sich die Regierungen, die Grenzsperre auizuheben, fonbern um die Fleischpreise M gunsten der Agrarier hoch zu halten. Man erläßt Bersanimlungsverbole; aber die Führer des Bundes der Landwirte, die doch am meisten seucheugesahrlich sind, läßt man ohne Quarantäne durchs Land agüieren. (Gelächter.) Wir protestieren gegen die Verwendung der Seuche zu gunfieii der Agrarier.

Preußischer Landwirtfchastsminisier Freiherr v. Schor lemer-Liesor versichert, die Regierung suche bei Durchführung der Bekämpfungsmaßi egeln den prak- (ischen Bedürfnissen der Landwirlschaj? möglichst weit entgegenzukominen. So wird in ben Beobachtungs­geb i :?n die Verwendung des Viehes bei der Feid- beftejtiug ohne weiteres zugelassen. In Preußen hat di« Seuche noch nicht eine solche Verbreitung gesunde r, daß die Erhaltung unserer Viehbestände in erheblichem Maße beeinflußt würde. Die Sperrgebiete suchen wir fo klem wie möglsth zu hallen. Die geäußerten Wunsche werde ich eingehend prüfen, glaube aber nicht, daß eine wesentliche Aendrrnng der bestehenden Vorschriften in Aussicht gestellt werden kann.

/ _ Abg. Neuner (nat.) ist der Ansicht, das Reich Müsse etwas zum Erforsche» der Seuche beisteuern.

Abg. Feg!er (93p.) begründet die freisinnige Jnter- pellaiion.

A Staatssekretär Delbrücks Wir sind fortgesetzt be­strebt gewesen, UebclftänDe, die sich bei der Bekämpfrmg der d-enchr herausstellten, nach Möglichkeit zu befekigen. Insbesondere möchten wir möglichst di« Gleichmäßigkeit And Einheitlichkeit der Bekämpjung ficherstellen. Ich Nehme an, daß das neue Biehseuchenge, etz am 1, April 1912 üi Kraft treten wird. -Höri, hört!) Daniil wird mit den bisherigen Botschristen und ihren Mängel» aufgeräumt. Eine Bedeulung haben aber di« h«u' '7» Verhandlungen insofern, als wir fie bei den Äum'chrlmgsbestimumngen berückflchtigen können. Sie hrtuser, für di« demnächst abzuichl^ßenven Aus- fühinngsbesti»i!iiungen »och piaklisch« Anregungen. Am i. August dieies Jahres hatte die Seuche ihren Höhepunkt cnadUL Daß es bei der Lelämpfung nicht fltiui .te» ist, die einzelnen zuerst seflgesteüten Seuchen» ule auf ihren Herd zu beschranken, liegt nicht an der Melhode. Das beweist die Entwicklung, die die Seuche diesraal auch in den anderen uns benachbarten Staa­ten genommen hat. Das Radikalmittel der Abschlnchiung ■ !ianz verseuchter Viehbestände hat bei uns völlig ver- agt. Die Regierung wird bestrebt sein, insbesondere y#d. der wichtigsten Forderung, die der Zenlrumsredner

auZgesvroch«U hat: „Dl» »bgrenzung der Sperr­gebiete von Fall zu Fall nach den totalen praktisch«» Bedürfnissen vorzunehmen", nachzukommeu. Di« Ent« schädignngSansprüch« find durch da» neu« Rrichsg«setz ganz erheblich erweitert worden, aber di« Entschädigungen sind durch M« Bundesstaaten zu regeln, für das Reich wär« M« Sache schwieriger unb teurer. Für die Erforschung der Seuche habe» wir erhebliche Mittel an» Reichsmitteln verwendet. Eine Steichsemrtchtung zu treffen, enrpfiehtt stch nicht: richtt- g«r ist e», zunächst einmal abzuwarten, zu welche» Er. felgen die preußische» Arbeiten führen. Eventuell werden wir die nötigen Mittel bet Ihne« anfordern.

Präsident de» Reichsgefnnbheitsamr» Dr. Blum«: Das beste Mittel zur Abwehr ist und bleibt die Ab­sperrung. Di« Versuch« unb Forschungen zur Be­kämpfung der Klauenseuche find keineswegs eingestellt, doch wurde bis jetzt kein durchschlagender Erfolg erzielt.

Abg. ». Lertzeu (Rp.)> Da di« Seuche zwetsello» von Rußland eingeschleppt wird, muß die Grenzsperre voll aufrecht erhalten werden. Auch die auf Jnner- deutschlanb bezüglichen Maßnahmen find streng feft- zuhalten, doch kann im einzelnen den Kleinbauern etroa» mehr entgegengekommen werden und besonders müssen die Strafbestimmungen für BerftSße gegen die Sperr­maßregeln gegen dl« Heinen Bauern weniger rigoros gehandhabt werden, zum mindesten- foHten Gefängnis­strafen tn Geldstrafen umgewandelt werde».

Abg. Brandys (Pole): Schon in der Volksschule sollte Austlärung gegeben werden, wie di« Kranlhrit zu isolieren ist. Belehrende Vorträge find ja bei un» fast unmöglich, weil all« polnischen Berfammlungen verboten werden.

Abg. Werner-Gießen (wlrtfch. Bgg.): Das Vieh­seuchengesetz wird manche Verbesserungen bringen. Di« bisherigen Sperrmaßregeln sind vielfach unerträglich; st« sind zwecklos, wenn ei« Dorf zu einem Drittel oder zur Hälfte verfeucht ist. Di« Einheitlidss u. bei den S8et)3rben läßt viel zu wünschen übrig. Ein &.n.iau» kratiSmuS erstem Güte macht sich geltend.

Das H-mS vertagt stch auf Dienstag, 7. November: Handelsabkommen mit Japan und England. Ausgab ;lemer Wien.