Deutsches Reich.
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I ^fftnbibat der Fortschrittlichen Volkspartei tasfflfiÄ* I" jüngster Zeit sahen wir, ckr bt d e ,Kobl. Lolksztg/, nun eme Post, karte von ihm eigenhändig geschrieben, mit der Photographie des Herrn Pfarrers, unter der folgender Vers steht:
Willst deutsches Volk, die Welt du durchdrmgen,
Mil deinem Wesen lief und klar.
Die Junker und diePfaffen mußt dunieder- ringen,
Und vorwärts bringen, was frei «nd waS klar.
St Krüger-Belthansen, Kandidat der Fortschritt!. Volkspartei.
TaS muß ein netter Pfarrer sein, die Junker und — Pfaffen, zu denen er ja wohl auch gehört, mußt du niederringen I Wie wär's dann, wenn bei ihm der Anfang gemacht und ihm zuerst einmal das Feuer unter den Frack gelegt würde?
* Ein protestantischer Auümodernisteneid. Die neue Verpflichtungssormel der protestantischen Theo- logiekandidaten in Bayern lautet:
Ich, N. N., verspreche, daß ich in den mir übertragenen oder von mir übernommenen Predigten, Unterrichtsstunden oder sonstigen mir zustehenden Funktionen, welcher Art sie seien, sorgfältig die geoffenbarte Lehre des heiligen Evangeliums nach dem Bekenntnis Unserer evangelisch-lutheri>chen Kirche rein und lauter verkündigen, in keinem Stück mit Wissen von ihr abweichen, geschweige ihr widersprechen, oder durch unsichere und zweifelhafte Lehren, die dem Bekenntnis meiner Kirche nicht gemäß, Anstoß geben will. Dabei will ich nichts unterlassen, um mich in der Erkenntnis der schrislmäßigen Wahrheit und in dem Bekenntnis meiner Kirche immer tiefer zu begründen und zu voller Glaubensgewißheit darüber zu gelangen, wonach ich Mit Wort und Tat, in meinem Studium und meinem Wandel eifrig ju trachten mich hiermit ausdrücklich und mit Namensunterschrist verpflichte.
Das Protestantenblatt bemerkt dazu mit Recht: „Unb da regen wir uns über den katholischen Modernisteneid auf?! Hier lügt doch wirklich nur ein Unterschied dem Grade, nicht dem Wesen nach, vor!"
* Dir Junggesellensteuer in Reich ii. L. Der Landtag des Fürstentums Reuß ältere Linie hat den bereits erwähnten Antrag seiner Kommission angenommen, die Regierring zu ersuchen, einen Gesetzentwurf vorrulegcn, wonach Personen männlichen und weiblichen Geschlechts, die das 30. Lebensjahr überschritten haben, ohne verheiratet zu sein, bei einem Einkommen von 3000—5000 Mack einen Steuerzuschlag von 5 Prozent, und bei einem Einkommen über 5000 Mark einen Zuschlag von 10 Prozent zu zahlen haben.
Ausland.
* Eine nordböhmische Katholikenversammlung fand am Sonntag in Leitmeritz statt; sie erfreute sich guten Besuchs. II. a. sprach Reichstagsabg. Erz- berxer-Berlin über den internationalen Kamps gegen die katholische Kirche.
** Einen großen Erfolg haben die französischen Katholiken in der Pariser Vorstadt Batignolles zu verzeichnen bei der Ersatzwahl für den verstorbenen Abgeordneten Menard, der der katholischen „Attion Liberale" angehört hat, aber im Jahre 1910 nur mit äußerst knapper Mehrheit den bisherigen radikalen Abgeordneten im zweiten Wahlgang aus dem Felde schlug. Diesmal wurde der katholische Gemeinderat Joseph Den als schon im ersten Wahlgange mit 4674 Stimmen gewählt, während sein radikaler Gegner nur 2135 erhielt und es die Sozialisten nicht einmal aus 1000 Stimmen brachten. Die gemäßigten Republikaner hatten einen eigenen Kandidaten ausgestellt.
** Die Besteuerung der religiösen Genossenschaften bi Spanien. Wie die ,Correspondeucia de Espana' meldet, erließ der Finanzminister eine königliche Verfügung, wonach die Güter der religiösen Korporationen mit der Steuer belegt werden, die in dem Gesetz vom Dezember 1910 vorgesehen ist. Das Gesuch des Primas von Spanien, der für die religiösen Korporationen auf Grund des Konkordates Befreiung verlangte, wurde abgelehnt.
** Der serbische Tunichtgut, der ehemalige Kronprinz, jetzige Prinz Georg, hat sich mit seiner Familie entflich auSgesöhnt. Die Frage des künftigen Aufenthaltsortes deS Prinzen Georg ist dahin geregest worden, daß der Prinz mit einer zwei- ährigen militärische» Mission in Paris betraut wird. Gleichzeitig wird eine Regelung seiner finanziellen Verhältnisse erfolgen. In den letzten Tagen soll auch eine Aussöhnung Mschen dem Prinzen Georg und dem Kronprinzen Alexander stattgesunden haben.
Aus dem Nachbargebiete.
(?) SchwarSach, 25. Okt. 1911. Der Unter- verbandStag Raiffeisen'scher Genossenschaften im Kreise Hünfeld wird am Sonntag, den 29. Oktober, nachm. 31/« Uhr, im katholischen VereinShaus» zu Hünfeld stattfinden. Neben Ansprache» unb Berichten des Unterverbandsdirektors und Berdandsanwaltes werden noch zwei Vorträge gehalten über wichtige landwirtschaftliche TageSfrage« und das Leben und Wirken Raiffeisens, auch findet freie Aussprache statt über alles, was in gegenwärtigen Zeitläuften das Herz des Landwirts und Ralffeffenmanns bewegt. Hoffentlich rücken die Raiffeisenmänner und -Jünglinge in starken Kolonnen an l
* Schenklengsfeld, 26. Oktober 1911. Vor einigen Wochen stürzte das achtjährige Söhnchen des Lcmd- wtrts Schneider in Conrode von einem Baum und brach einen Arm. Im Landkrankenhause zu Hersftld mußte dem unglücklichen Kinde der ganze Arm abgeno mmen werden, da eine Heilung der gebrochenen Knochen wegen hinzugetretener Blutvergiftung ausgeschlossen war.
* tzamui, 26. Okt. 1911. Hier wurden in der Grimmstraße vor einigen Tagen von einem Spenglergesellen auf dem Dach eines Hauses Reparatur- arbeiten ausgesührk. Dabei förderte er, in eine verwitterte Zeitung gewickelt, 116 Gramm Gold im Werte von 190 Mark zu Tage. Dieses wertvolle Metall dürfte ein Golddieb aus Furcht vor Entdeckung hier verborgen haben.
* Bon der Ederkalsperre, 26. Okt. 1911. Nach vollbrachter Ernte machen sich jetzt diejenigen Landwirte, die vor der kommenden Edertalsperre aus ihrem Besitze weichen müssen, auf in die neue Heimat. Dabei bewährt sich in Wclldecks Gauen deutsche Liebe und Treue. Der Landwirt Bracht siedelte dieser Tage von dem dem Untergang geweihten Bringhausen nach Herbsen über. Es ist schwer, von dem lieben Elternhause, den Feldern, die man so lange gepflegt hat, von allem, was einem lieb und gewohnt ist, zu scheiden. Um dieses Scheiden etwas zu erleichtern, brachte der Gesangverein in Herbsen der Familie Bracht am Abend ihres AnkunstiageS einen Fackelzug und trug paffende Lieder vor. Der Vorsitzende hieß dieselbe herzlich willkommen und wünschte ihr und ihrer Arbeit Gottes Segen.
* Winkel i. Rheingau, 26. Okt. 1911. Ein eigenartiger Scheintodessall ist hier zu verzeichnen. Der 24jährige B. Wagner hatte sich eine schwere Blntvergistung zugezogen. Man glaubte, nachdem er so viel gelitten hatte und regungslos dalag, er sei tot. Schon läutete die Totenglocke zum Begräbnis, da stellte es sich heraus, daß der Mann in einem schweren Starrkrampf, rote scheintot, drei Tage lang gelegen halte. Erst drei Tage später ist er dann, ohne wieder das Bewußtsein erlangt zu haben, gestorben.
* Vom Eichsseld, 26. Okt. 1911. In Dingel- städt find die Montagsche Ziegelei und das Mon- tagsche Sägewerk durch Großseuer völlig einge- äfchett worden. Der durch den Brand entstandene Schaden ist bedeutend. — Ein Feuer hat die mit Erntevorräte» gefüllten Scheunen und Stallungen des Handelsmannes Sommer in Hilkerode bei Duderstadt in Asche gelegt.
Amt Geisa und Umgebung.
* Stadtlengsfeld, 25. Okt. 1911. In der Nacht zum Dienstag ist hier wieder an zwei Stellen eingedrochen worden. In der Nähe des Bahnhofs wurde an einem Hause ein Fach eingeschlagen, sodaß der Dieb in den Hühnerstall gelangen konnte, wo er an Ort und Stelle zwei Tiere abschlachtete. In derselben Rächt wurde in die Kantine am
M 24Z.
greif«« 27. Moder Wt
58. Jahrgang.
• fuldaer W Zeitung
2. Blatt.
vrnck mtd Verlag der Mdaer Aettendrnckerei in 8«lda.
Haudel und Industrie.
* Berlin, 26. Okt. 1911. Die heutige Börse zeigte eine durchweg feste und zuversichtliche Hal- tung. Auf dem Bankenmarkte stiegen mehrere Werte um 1/s°/i». Am Montanmarkte betrug die Steigerung meist l®/e. Schiffahrtsaktien fest; Eleklrizitäts- werte le/o höher.
Schrammeuhof eingedrochen, ohne daß jedoch dem Spitzbuben Nennenswertes in die Hände fiel.
* Oechsen, 26. Oktober 1911. Einen Unfall erlitt ein Schachtarbeiter dadurch, daß ihm eine Bohle auf den Rücken fiel. Die erlittenen Ver- letzungen machten eine Ueberführung des Verletzten nach dem Krankenhaus in Stadtlengsfeld notwendig.
* Ostheim, 26. Okt. 1911. Die hiesige Landpflege-Winterschule für Landmädchen wird ihren neuen fünfmonatigen Kursus am 1. November beginnen. Die Anstalt erfreut sich einer immer steigenden Teilnahme. In durchaus praktischer Weise werden die jungen Mädchen in allen Zweigen des länd- lichen Haushalts ausgebildet. Die meisten Plätze find bereits vergeben.
|] Schröck, 26. Okt. 1911. Der diesjährige Er- lös für das Gemeindeobst der hiesigen Gemeinde betrug 263 Mark 10 Pfg.
* Salzungen, 26. Okt. 1911. Durch 2 Gendarmen festgenommen wurde im Langenfelder Walde ein Verbrecher; hier geht das Gerücht, daß eS der langgesuchte Klotzbach ist. Der Verhaftete wurde in die hiesige Frohnfeste eingeliefert. In Stadtlengsfeld wurde gleichzeitig der Tagelöhner A. verhaftet und dem Amtsgerichte zugeführt. Er wird beschuldigt, den Wilderer Klotzbach öfters nachts beherbergt zu haben. Nachdem er vernommen war, wurde A. wieder freigelassen.
* Aus Thüringen, 26. Okt. 1911. Das Personen- automobil der Aktienbrauerei in Eisenach ist in der Nähe von Reinhardsbrunn verunglückt. An einem Vorderreifen platzte der Pneumatik, das Auto kam aus der Richtung, fuhr in den Straßengraben und überschlug sich. Die Insassen wurden heraus- geschleudert. Der Chauffeur und der Prokurist Burgemelster wurden leicht, der Privatier Jean Meier schwer verletzt. — Das Landgericht in Meiningen hatte seinerzeit den Lustmörder Zimmermann Christian Voigt aus Tettau, der bei Lauscha ein 17 jähriges Mädchen umbrachte, einer Irrenanstalt überwiesen. Voigt entfloh aus der Anstalt und verübte bei Wien abermals einen Lustmord. Die Wiener Geschworenen haben den gefährlichen Menschen jetzt zum Tod durch den Strang verurteilt.
eines Mtgliedes erlöschen seine Ansprüche an die Pensionskaffe, insbesondere find« keine Rückzahlung der geleistetm Beiträge statt. Der christliche Metallarbeiterverband erhob nun für einige seiner Mitglieder, die der Pensionskaffe angehöck hatten, Klage und stützte diese in der Hauptsache darauf, daß der Versicherungsvertrag gegen die guten Sitten verstoße, und ou8 diesem Grunde wegen ungerechtfertigter Bereichs- rung die Rückzahlung der Beiträge verlangt werden könne. Lcmdgeckcht Essen und Oberlandesgericht Hamm entschieden jedoch dahin, daß der Verlust der gezahlten Beiträge an sich nicht dem Begrfffe der guten Sitten widerspreche. Dieser Auffassung hat sich jetzt das Reichsgericht angeschlossen.
* Emen Ferrrrbuud riefen in Huckarde bei Dortmund italienische Arbetter ins Leben, unterließen aber die polizeiliche Anmeldung. Die Sache wurde erst als Geheimbündelei angejehen, die Strafkammer verurteilte die drei Vorstandsmitglieder aber nur wegen Vergehens gegen das Vereinsgeseh zu 2 Monaten Gefängnis. Nach Verbüßung der Strafe werden die Leute ausgewieien werden.
• Henri Napoleon, der Bettler. Aus Marseille wird eine Geschichte gemeldet, die großes Aufsehen erregt, umso mehr, als sie in geheimnisvolles Dunkel gehüllt erscheint. Auf einem Polizeisekretariat stellte sich ein armer Teufel in schäbiger Kleidung vor und bat um Aufnahme ins Spital. Der Kommissar prüfte seine Papiere und entdeckte zu seinem nicht geringen Erstaunen, daß diese lauteten auf Henry Napoleon, geboren 1868 int Schloß Tuillerien in Paris als Sohn des Kaisers Napoleons III. und der Kaiserin Eugenie. Selbstverständlich war der Kommissar zuerst der Mei- nung, der Mann erlaube sich einen schlechten Witz, allein er entdeckte unter den Papieren ein anderes Dokument, das den Anschein voller Echtheit hatte und die Verzichtleiftung Henri Napoleons auf die seiner Abstammung entsprungenen Thronrechte und die Anerkennung der Republik Frankreich enthält. Nun gab der Kommissar dem Hilfsbedürftigen den Aufnahme-' schein für das Krankenhaus, beschloß aber, der Sache weiter nachzugehen. Enige Tage später wollte er den angeblichen Napoleon aufsuchen, allein es stellte sich heraus, daß der Mann sich garnicht ins Krankenhaus begeben hatte, vielmehr brachte er zwei Tage und zwei Nächte in einem Armenafhl zu und verschwand dann spurlos. Man weiß hier nicht, was man von der Geschichte halten soll. Nicht nur der Kommissar, sondern auch andere Beamte, die er herbeirief, haben Einsicht genommen von den Papieren des Bettlers.
* Cholera-Krawall. In Mansredonia Inder Nähe von Bari in Italien erstürmte die erregte Volksmenge das Lazarett, in dem 20 Choleraverdächtige eingeschloffen waren, und befreite die Kranken. Aus Foggia sind Truppenverftärkungen' zur Wiederherstellung der Ordnung abgegangeu. Die Polizei hat bereits zahlreiche Verhaftungen vor- genommen. !
— Emporkömmlinge. Redner (m einer Autler- versammluug): „Meine Herren, das Wort Automobilklub ist zu bekannt-, wir müsse» einen Titel für den neu zu gründenden Verein suchen." — „Sagen wir einfach: „Verein ehemaliger Fußgänger!"
— Logik. „Du hast ja gar nicht geschrien, als Dein Vater dich eben verprügelte-, sagte ein Knabe zu feinem Busenfreunde. — .Nein", war die Antwort, „Baler sagt, es tut ihm weher als mir, und wenn dem so ist, kann er auch das Schreien besorgen.'
Aus Gberheffen u- den Hess. Aemtern«
* Marburg, 26. Okt. 1911. Geh. Konsistorialrat Professor Dr. theol. Karl Mir bk hat einen Rus an die Universität Göttingen als Nachfolger des verstorbenen Geh. Rats Prof. Dr. Tschackert erhalten.
* Ziegenhain, 26. Okt. 1911. Die Kontroll- Versammlungen in unserem Kreise finden in der Zeit vom 1. bis einschließlich 6. November statt. — Der zum Bürgermeister der Gemeinde Linfingen gewählte Landwirt Heinrich Gerlach wurde behördlich bestätigt.
* Frankenberg, 26. Okt. 1911. In der Sitzung der Stadtverordneten wurde einem Anträge, dcn Gemeinden Viermünden, Schreufa, Röddenau, Heine und Bickenbringhause« Wasser auS der städtischen Leitung gegen eine einmalige Abfindungssumme von 30 000 Mark zu überlassen, im Prinzip zugestimmt. Dieser Beschluß entspricht einem allseitig ausgesprochenen Wunsche, unsere Nachbargemeinden an dem Segen der Wasserleitung teil« nehmen zu lassen. — Die Konkrollverfamm- lungen im Kreise Frankenberg finden vom 1. bis 7. November statt. In der Kreisstadt Frankenberg ist die Versammlung auf Mittwoch, den 8. Nov. 1911, vormittags 9 Uhr, anberaumt.
* Homberg, 26. Okt. 1911. Seminar - Direktor Koch ist das Direktorat des hiesigen Lehrer-Seminars verliehen worden.
vermischter.
* lieber die Pensionskassen der Großindustrie hat das Reichsgericht ein bedeutsames Urteil gefällt. Die Klage ehemaliger Mitglieder der Kruppschen Pension sk ässe aus Herausbezahlung der während des Arbeitsverhäliniffes geleisteten Beiträge wurde vom Reichsgericht zugunsten der Pensionskaffe entschieden. Jeder Beamte und Arbeiter, der in die Dienste der Firma Krupp eintritt, ist verpflichtet, der Pensionskasse beizutreten. Nach dem Ausscheiden s
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M. Kalb Sohn, 8ott™rtt 5.
Lebenswende.
22] Roman von Horst Badern er.
Aber Eberhard TrLtow war ein zufriedener, jun« zer Mann geworden! Es gab ihm Spaß, sich sein Geld selbst zu verdienen, — auf recht bequeme Weise. Am Schreibtisch spann er seine Gedanken aus und legte sie fest, vor keinem Menschen brauchte er zu katzbuckeln und die Charaktere, die er zeichnete, — widersprachen nicht! Sie ließen sich willig formen nach seiner Phantasie. Zwei kleinere Arbeiten waren von großen Zeitschriften angenommen, und nun beschäftigte er sich wieder mit einem großen, ernsten Problem. Er hatte es mit dem prächtigen Sosquen durchgesprochen, und dec hatte ihm manchen guten Wink gegeben, — der Kerl! Und aus dem Widerstreit der Meinungen entwickelten sich immer neue Gedanken — und eine tiesinnerliche Dankbarkeit für seinen Gastgeber und Haus Heinrich. Wie gut kam man doch weiter in der Welt, wenn man sich gegenseitig stützte! Verdammen war so leicht! Jetzt erst fing der junge Offizier an, dcn Segen zu begreifen, der auf der chrfftlichen Religion — der Nächstenliebe — ruhte! Da hatte er nach und nach wieder Kraft bekommen, sich im stillen Kämmerlein mit seinem Herrgott auszusprechen, nicht gls Mucker und Duckmäuser, — sondern als aufrechter Mensch. Er fühlte, wie Schlacke auf Schlacke von ihm abfiel, wie der gute Kem herauswuchs aus dem Jn- ttersten seines Herzens. Und das machte ihn arbeitsfroh, gab ihm Vertrauen zu seiner eigenen Kraft!
Hcm3 Heinrich schloß feine Schwester in die Arme.
„Hab' Dank, daß du gekommen bist, — und für hm lieben Brief an Erika!"
Sosquen zog die Augenbraum hoch, hatte Sc benn recht gehört? Und dann drückte bet Bräutigam bem Freunde herzlich die Hand.
„Mein lieber, guter Jochem!" — Und well ihn die Rührung zu übermannm drohte, legte er seine Drehe Hand auf Adas Schulter. „Kommt, ich will
euch unser kleines Nest zeigen! — Ja, ja, Schwesterchen, es ist winzig, aber ich denke, Platz genug soll drin sein für ein großes Glück! — Und bedanken muß ich mich ja mich noch für das wundervolle Silber. Du hast wahrhaftig zu tief in deinen Geldbeutel gegriffen!"
Mit Tränen in ben Augen wehrte Ada lächelnd ab.
„In einigen Minuten muß ich auf den Bahnhof, meine Schwiegereltern crbhvlen; Jochem, du wirst so lange meiner Schwester Gesellschaft leisten. Erika ist halb elf Uhr hier; wir fahren um zwölf Uhr aufs Standesamt, um zwei Uhr ist kirchliche Trauung! — Und nun, Ada, muß ich dich darauf aufmerksam machen, Dollen» sind einfache, brave Leute;; ich darf wohl hoffm, bn kommst ihnen freundlich entgegen?"
Die letzt« Worte sprach Hans Heinrich eindringlich es klang ein Gefühl dec Beklemmung durch.
„Eine Bitte hab' ich! Darf ich jetzt zu deiner Braut fahr« und sie dir zuführm?"
„Ada!" — Er Khie sie ab, immer wieder. „Ich habe Erika gebeten, zu Hause zu bleiben, in der stillen Hoffnung, du würdest vorher mir ihr noch unter vier Augm sprechen wollen!"
„Du sollst dich nicht in mir getäuscht haben!"
Und am Fenster stand Sosquen mit verschränkten Armen, cmS feinen dunklen Augen blitzte ein Strahl auf, — nut einen Augenblick lang, bann griff er zu Hut wtb Mantel.
„Ich werbe eine Droschke besorgen, gnäbigeS Fräulein!"
Und als sich die Tür hinter ihm geschloffen hatte, sagte Han» Heinrich: „Mein Glück wirb voll fein, wem bn bem prächtigen Menschen bei« Jawort gibst!"
„Er hat mich noch nicht barum gebeten", erwiderte ste mit zuckenber Lippe.
Han» Heinrich hatte seiner Braut ba» weiße Hochzeitskleid schenken wollm, aber ste hatte ben Kopf geschüttelt. „Ich habe btch auch dl einem schwarzseibe- nen genau so Heb, unb ba» tarn ich künftighin weiter tragen; tote müssen für ben Anfang bescheiden fein. Wenn recht innerlich in un» Hochzett ist, können wir wohl auf bat äußeren Schein verzichten!"
Es war ihm hack angenommen, aber er hatte boch nachdenklich mit bem Kopse zustimmend genickt. —
Und nun ging Frau Seiler, ihre Wickin, prüfend um die junge Braut herum, zog hier ein Fältchen zurecht, schmunzelte unb gab ihr die letzten Verhaltungsmaßregeln, wie man einen Mann „kirre" bekommt.
„Einmal in der Woche ben Hausschlüssel, unb wenn er heimkommt, nicht fragen, ob's schon Zwöisr durch sst, Fräuleinchen, aber öfters nicht! Und raushorchen, wer feine Kumpane find, denn in Beckin gibt’3 Männer — Männer sage ich Ihnen, — nein, ich will lieber nichts sage»! — Und beim Wirtschaftsgeld immer ein bischen schummeln, man will doch auch mal was für sich haben, unb das sehen die Männer nach ben brei ersten Monaten nicht mehr ein! — Ja, lochen Sie nur! Ich werde mal kommen, mich erkundigen, und trenn Sie ehrlich sind, werden Sie sagen müssen: Frau Seiler, Sie haben recht gehabt! — Na, dann werden wir ja weiter sehen, denn ich versteh' mich auf die Adams!"
Und als Erika Rollen ihr gerade lachend die Ant- wock geben wollte, klingelte es, Frau Seller eilte hinaus. „Jetzt kommt das Bukett!"
Wenige Augenblicke später trat eine junge Dame über die Schwelle.
„Ada Hakburg kommt, um ihre Schwägerin zu begrüßen!"
Sie »elfte eS lachend sagen und war ihr doch emst von den Lippen gckommen. Sie schloß die glückliche Braut in ihre Arme unb küßte ste herzhaft.
„Unb nun, denke ich, werden wir für da» ganze Leben gute Freundinnen werden!"
Erika fand nicht gleich Worte, fix konnte ihrer Schwägerin nur dankbar die Hand drücken.
Fran Seller kam herein unb würbe wieder hm- auskomplimenttert, unb bann saßen bie beiden Hand in Hand auf dem alten RiPS-Sofa nebeneinander.
„Glaubst du an ben fisten Willen Hans Heinrichs, mit blt das Leben zu meistern?" fragte Ada besorgt.
Da warf Erika den Kopf in ben Nacken. M zweifle nicht. Jebenfalls sollen un» gute unb böse Tage fest berfhmben finden!"
„Unb wich du auch mich lieb gewinnen?"
„Dein Brief hat mich schnell bavon überzeugt." „Er hat lange auf sich warten lassen!"
„Dafür kam er von Herzen, wir haben das wohl gefühlt", tröstete sie Erika unb wunderte sich über ein paar große Tränen an Adas Wimpern.
XIX.
„Schaffner. — Erster Klasse — 'Stendal — unb —" Sosquen brückte ihm ein Trinkgelb in bie Hand — „lassen Sie un», wem eS irgend geht, allein!"
„So, gnädiges Fräulein, mm können ton uns ja hoffentlich ungestört aussprechen! — Wso, tote haben Ihnen Rollens gefallen?"
„Die Kreise fmb mir fremd, aber ich denke, selbst wenn traurige Zeiten über Hans Heinrich kommen sollten, sie würden sch zu ihm batten!"
„Unb das ist der springende Punkt im Leben! Mit Naserümpfen und Verdammen ist nichts getan, unb wenn man gerade in unseren Kreisen nicht gegen diese einfachste Lebensweisheit blind wäre, würde es besser um nns stehen! Einem Unglücklichen, mag er schuld sein oder nicht, den letzten Fußtritt zu geben, damit er auch ganz totsicher in die Verzweiflung stol- pert, ist fürwahr kein Heldenstück!"
Ada strich sich mit der Hand über die Stirn.
„Warum legt man nicht Bresche in diese — wie Kich sagen — „Vorurteile"? Ich meine, gerade
Adel hält die christliche Gesimmng hoch, es müßte doch nicht allzuschwer sein, die Herrschaften eines besseren zu belehren."
„Da spielen viele Dinge mit, bie im Grunde genommen eigentlich nebensächlich« Ack find! — Sie haben heute viel von diesem Herrn v. Trüiow gehört — nur gutes —, unb trotzdem, der Mann hat Schiffbruch gelitten — ganz gründlich. Gerade Leute, die über ben Durchschnitt herausragen, bedürfen in ihrer Jugend doppelter Pflege, weil sie sensiblere Nerven haben! — Unb unsere Gentry, nicht nur im Kreise, hockt zusammen unb hält an Gesetzen fest, bie in unsere raschlebige Zeit durchaus nicht mehr paffm. — Wa» sagen Sie dazu, eigentlich hat dieser Herr », TrüiW» eine« Diebstahl auf dem Gewissen!"
„Um Gottes willen!"
(Fortsetzung folgt)