Erstes Blatt
Fulda, Donnerstag den 26. Oktober 1911
246
38, Jahrgang
leschadet habe. Daß ob einer solchen Festnage- Truppen eilten zur Stelle und es gelang ihnen, die lung der liberalen Teuerungshetze die liberale Presse I Anbänaer Llavatas in das Sebiroe iu treiben. Die
18.—22. Niwember: Pause zum Studium des Berichtes über die Angestellten-Bersicherung.
23. November: Beginn der zweiten Lesung dieses Gesetzentwurfes.
Dieses Programm wird sich wohl durchführen las- fen, wenn nicht etwa in der Persicherungskommission Zwistigkeiten und Schwierigkeiten ,entstehen sollten, was aber nach, dem bisherigen Gang der Dinge kaum zu befürchten ist. Ueberhaupt ist es sehr erfreulich, daß der Wunsch gewisser Fanatiker von links, die Schlußtagung des Reichstages durch Obstruktionskünste unfruchtbar zu machen, bisher gar keinen Anklang gefunden hat.
Auf der vorstehenden Speisekarte ist das interessanteste Gericht zweifellos die Marokko-Debatte. Der Präsident des Reichstages hat natürlich erst nach Benehmen mit der Regierung die Beantwortung der hochpolitischen Interpellation für den 8. November in Aussicht gestellt. Die Regierung ist also offenbar des Abschlusses der diplomatischen Verhandlungen in der Zwischenzeit gewiß. Eine andere Frage ist freilich, ob die Zeitungsnachrichten zutreffen, die den Abschluß schon für die allernächsten Tage in Aussicht stellen und bereits von der Information der anderen Mächte über den erfolgten Akkord erfahren haben wollen. Wenn wirklich die Sache schon erledigt wäre, so würde die Negierung die Beantwortung der Interpellation schwerlich bis hinter die Reichslagspause verschieben, sondern lieber noch in dieser Woche die auch ihr by kannte Ungeduld des Publikums befriedigen.
Von einem verunglückten Versuch der na- tionalliberalen Partei, die parlamentarische Behandlung der Marokko-Angelegenheit zu beschleunigen, macht die „Tägl. Rundschau" eine Mitteilung, die nach unserem Gefiihl die antragstellende Partei mehr vordringlich als klug erscheinen läßt. Darnach wollte die nationalliberale Partei den Antrag stellen, der Reichstag solle den Reichskanzler um die Erklärung ersuchen, daß vor dem Abschluß des ARommens der Reichstag als der berufene Vertreter des deutschen Volkes darüber gehört werdm und daß ohne Genehmigung des Reichstages kein Kolonialbesitz abgetreten und erworben werden soll. Dieser Antrag, der angeblich eine „einmütige Kundgebung des Reichstages" be- zw«kte wurde nach der „Tägl. Rundschau" infolge beS Widerspruches der Konservativen und des Zentrums zurückgezogen. Daraus folgert das Blatt, daß die widersprechenden Parteien ihren Frieden mit der Ma- rokkopolrtik der Regierung gemacht haben. Nach un- erer Ansicht mußte der Antrag auch denen bedenklich erscheinen, die der Marokkopolitik der Regierung unbefangen gegenüberstehen. Tatsächlich haben sich, tote man uns aus Berlin schreibt, sämtliche arteten, mit Ausnahme natürlich der Antragstel-
* Lo» Bruderkrieg in Mexiko. Nach einem Telegramm aus Mexiko verbrannten und plünderten Anhänger Zapatas mehrere Dörfer, darunter Phil paalte, 12 Meilen von Mexiko entfernt. Mele Einwohner schlossen sich den Plünderern an.
O Der aufgeicheuchie liberale Hühnerstall. Die Rede des Reichskanzlers zu den Teuerungsinterpellationen hat einen lebhaften Widerhall in der Presse gefunden. Nicht so sehr wegen ihres Bekenntnisses zu unserer bewährten Schutzzollpolitik, sondern vor allem wegen ihrer Absageandie Linke wegen ihrer unverantwortlichen Hetze in der Teuerung. Der berechtigte Vorwurf des Kanzlers rief von Baffer- mann bis Bebel sichüiche Betroffenheit hervor. Betreten saßen die Herren um Bassermann und die um Wirmer da. Sie hatten sich von ihren Teuerungsinterpellationen ehr ganz anderes Resultat versprochen, die Neuerung war eine so hübsche Gelegenheit, die Massen zu verhetzen und da macht der Reichskanzler einen so dicken Strich durch die Rechnung und hält den Liberalen vor dem ganzen Lande vor, daß ihr Teuerungsgeschrei nur eine weissteigernde Wirkung und somit dem kleinen Mann
Hoffentlich werdm die paar Arbeitswochen, die der Reichstag sich noch gesetzt hat, nicht weiter gestört durch Effekthascherei und Schauspielerei.
Im Jahre 1907 fanden die Hauptwahken bekanntlich erst am 25. Januar statt. Damals war der voraufgegangene Reichstag aber auch erst am 13. Dezember aufgelöst worden, sodaß ein früherer Wahltermin nicht gut möglich war. Der neue Reichstag kann also bestimmt um die Mitte Februar zusamvimtreten und toenn auch nicht ganz rechtzeitig, so doch mit nur geringer Verspätung den Etat erledigen.
her. Da ist eine Aufgeregtheit, ein Hin und He. das mit aller Dmtlichkeit beweist, daß der Kanzle die liberalen Wahitatt-ker an der empfindlichste Stelle getroffen hat- Die Liberalen sehen den Groß block im Reich gefährdet, der ihnen bei den komme» den Reichstagswahlen so reichliche Frucht bringe sollte. Wan gab sich im liberalen Lager der werr
Der Ungewißheit, wann die RerchstagSwahlen stattfinden tollen, hat die Regierung endlich ein Ende gemacht.
Dem Seuioreukouvent des Reichstags, der gestrr« vor Beginn der Plenar- fitzuug znsummeurrat, wurde offiziell mit- geteilt, daß di« Reichstagswahle» am 12. Januar «.I. ftatrfinden werde«. Die offizielle Bekanntgabe dieses Ter- mins ist gestern abend iu der ,Rordd. ANg. 3tg.' erfolgt.
Am 12. Januar ist die Wahlperiode deS gegenwärtigen Reichstages noch nicht ganz abgelaufen. Auch bann nicht, wenn man als ihren Anfang den Hauptwahltag vom 27. Januar 1907 betrachten wollte. Es wird also der Form wegen die Auflösung des gegenwärtigen Reichstags ausgesprochen werden mßffen. Den Termin für den AuftösungS- akt will die Regierung von dem Fortgänge der parlamentarischen Arbeiten bedingt sein lassen. Dieser Umstand verstärkt das Bestreben, die Tätig- kett des gegenwärtigen Reichstages möglichst früh zürn Abluluß zu bringen.
Der S e n i o r e n k o n v e n t hat denn auch den lrbeitsplan so fest gestellt, daß bereits Ende Novem- >er oder spätestens in den ersten Dezembertagen der alte Reichstag das Feld räumen kann. Der Arbeitsplan sieht so aus:
26. Oktober: Schluß der Teuerungsdebatte.
27- Ottober: Interpellation über die Maul- und i Klauenseuche.
28. Ottober bis 7. Nrtember: Pause für das Plenum. KornmissionSberatung des Gesetzes über die An- gesiellten-Versicherung.
8. November: Jnterpellattonen über die Marokko- Angelegenheit.
9. —15. November: Zweite Lesung des Schiff- ahrtsabgabmgesehrs und andere Vorlagen.
16. —18. November: Dritte Beratung des Arbeits- ttmimergesetzes usw.
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auch unausgesprochenen Hoffnung hin, daß der Reichs kanzker im Innern seines Herzens dem Großblockgr dmcken wohl geneigt sei und seiner Verwirklio-un keine Hindemiffe in den Weg legen werde. Nm s ermtdjtember mußte daher die Entdeckung wirken, dm man sich gründlich getäuscht hat. Der Reichskanzlö legt nach feinen Ausführungen den allergrößten Wer darauf, die alte S ch u tzzoll mehr hei t zu ei halten und somit die Nattonalliberalen von ihre» Bündnis mit dem freihändlerischen Linksliberalist mus und der schutzzollfeindkichen Sozialdemokratte ab zubringen. So entschieden und so unzweideutig ha Herr v. Bethmamt-Hollweg feit feinem Amtsantrit noch niemals für die bisherige Mehrheit Stellung g» nommen. Kein Wunder, daß die liberale Presse den selben Kanzler, den sie zu den Ihren zählen zu fön neu glaubte, heute den »überagrarischen" nennt uw über seine einfeitige Parteinahme zetert.
(*) Die Befcitigmrg des Osfizier-mangels bei dv Infanterie. Die deutschen Kriegsschulen sind, rot Berliner Blättern geschrieben wird, gegenwärtig vollständig besetzt. Ebenso find die Kadettenanstaltei nahezu vollkommen besetzt. Diese beiden Erschei nungen darf man als ein Zeichen dafür ansehen daß der Offiziermangel der letzten Iahte in kurzes Zeit endgültig behoben sein wird. Daß dst Befoldungsresorm vom Jahre 1909 im Zusammen Hang mit der vorhergegangenen Aenderung del Penflonsgesetzes auf die Steigerung des Offizien ersatzes von Einfiuß gewesen ist, darf man als sicher annehmen. Außerdem dürfte aber auch dH sich in letzter Zeit immer mehr steigernde Neben füllung in den freien Berufen vamtt in Zusammen Hang stehen.
* Arolsen, 25. Olt. 1911. Die neu gewählte, Abgeordneten des Landtages der Fürste», turnet Waldeck und Pyrmont find ast Dienstag, den 31. Ottober mittags 12 Uhr zur ort fasfungsmäßigen Landtagssession nach Arolsen ei» berufen.
* Weimar, 24. Ott. 1911. Das weimarischt Ministerium hat bestimmt, daß auch ungetauftt Kinder christlicher Eltern verpflichtet find, am R * ligionsnnterricht der Volksschule teilznnehmen. Dasselbe gilt von Kindern von Disstdenden, welch» nicht nachgewiejenermaßen Unterricht in der Religio» einer staatlich anerkannten Religionsgememschaf erhalten.
Reichstagswahlvorbereitvnge«.
* Siegburg, 25. Ott. 1911. Die Vertrauens, männer des Bundes der Landwirte im Wahlkreist Siegkreis-Waldbroel beschlossen, bei den kommendev Reichstagswahlen den Kandidaten des Zentrnml zu unterstützen.
Ausland.
** Die „erzbereite" französische Marine. Der ,MalitL veröffentlicht „Aeußerungen eines Seeoffiziers", in denen eS heißt:
„Wenn Oberingenieur Maisiu nach der „Jena"« Katastrophe dem Kriegsmirnstet mitt eilte, daß das für die Marine neugelieferte Pulv er tatsächlich älteren D a t n m S fei, w ist das kerne Neutgkett für uns. Alle Artillerieossijiere der Kriegsflotte wissen, daß daS Her» stellungSdatum deS gelieferten Pulvers durchaus unzuverlässig ist. Zuerst wird in dieser Hinsicht in den Pulverfabriken und dann in der Feuerwerkerei bei der Anfertigung der Kartuschen gemanscht. Sollte das vom Jadre 1906 datierte Pulver der „Liberte" iu Wirklichteil noch um zehn Jahre älter gewesen sein, so braucht man sich darüber nicht allzu sehr zu wundern."
Mit der Schlagfertigkeit der fianzösischen Marine sieht es nach diesen Darlegungen keineswegs so rosig aus, wie Herr Delcaffs glauben machen möchte.
Deutscher NeicLMag.
Sitzung vom 25. Oktober 1911.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die Beratung über die Ueberficht der Einnahmen und Ausgaben der afrikanischen Schutzgebiete.
Abg. Erzberger (Ztr.) bemängelt die vielfachen Ueberschreitungen der Etatsziffern sowie die dauernden Erhöhungen der außerordentlichen Ausgaben. Nahezu alle Etatsposittonen sind aufgehoben und annulliert worden. Besonders die Bersorgungsgebühr» Nisse und Pensionen find erheblich überfchritten, in einem Falle sogar um 100 Prozent. Die Pensions- Wirtschaft ist so bedeutend, daß uns der koloniale Mlitärpenstonssonds über den St.pi zu wachsen droht. Sparsamkeit und abermals Sparfamleit!
Die Abgg. Roske (Soz.) ur.ö Görke (not) schließen sich im wesentlichen den Ausführungen Erzbergers an.
Staatssekretär des Kolonialamtes v. Lindequkst: Die Versorgnisgebührnisse in Südwest sind erheblich überschritten worden. Das ist auf die Nachwirkungen des Aufstandes zurückzuführen. Der Staatssekretär sagt frühere und gletchzerttge Vorlegung der lieber« fichten zu.
Die Vorlage geht an die Rechnungskommission.
Es folgt die Beratung der Rechnung über den Haushalt des Schutzgebietes Kiautschou für das Rech- tiungsjahr 1904»
Abg. Erzberger (Ztr.) bemängelt, daß das Reichs- marineamt in ganz unzulässiger Weite seine Befugnis Überschritten habe, indem es Unter utzungsgelder für Kiautschou an Beamte des Reichs mar meamtes gegeben hat, die mit Kiautschou nichts zu tun haben. Es muß unbedingt gefordert werden, daß diese Ausgaben dem Reichstag zur nachträglichen Genehmigung vorgelegl werden.
Abg. Roske (Soz.): Ich würde eine nachträgliche Genehmigung verweigern, wenn dadurch erreicht iverden könnte, daß der Staatssekretär den Betrag aus ferner Tasche zahlen müßte.
Nach weiterer unerheblicher Debatte wird auch diese Vorlage an die Rech.mngskomrmtsion verwiesen.
Darauf wird die Besprechung der Interpellationen betreffend die
Deutsches Reich.
** Berlin, 25. Oktober 1911. Kaiser Wilhelm empfing den neuernannten amerikanischen Botschafter Mr. Letshmanu in Audienz. — Heute besuchten der Kaiser, die Kaiserin und Prinzessin Viktoria Luise das Weinbaus von Kempinski, um dort einen Saal, der mit Majoliken ans Cabincn geschmückt war, zu besichtigen.
3m Reichstage wurde gestern zunächst über koloniale Rechnungssachen beraten. Dann roanbte man sich wieder der Teuerung zu. Der konservative Abg. Graf Kanitz fang das Loblied des Reichskanzlers, der ganz nach feinem Herzen gesprochen hat. Dann erhob sich Staatssekretär Dr. Delbrück, der mit einem umfangreichen statistischen Materiai bewaffnet war, das er mit großem Geschick verwertete. Daß eine Teuerung besteht, gab er unumwunden zu. Aber gegen die Einfuhr von Büchsenfleisch protestierte er im Inte» reffe der Volksgesundheit. Das argentinische Fletsch ist minderwertig, das hat sich in Oesterreich heraus- gestellt, wo das Volk weit entfernt war, sich darum zu reißen. Die Ursachen der Teuerung haben jedenfalls mit der geltenden Wirtschaftspolitik nichts zu tun. Gegenden Abbandes Wirtschaftssystems werde die Regierung kämp en, so lange sie an ihrem Platte sei. Noch ein zweiter Minister ergriff hierauf das Wort: Nämlich derjenige der preußischen Eisenbahnen, Herr v. B r e i t e n b a ch: Er legte dar, was die Regierung mit der Tarifermäßignng geleistet habe und versprach, darüber nachdenken zn wollen, tote es anzufangen fei, daß der Profit davon nicht den Händlern, sondern den Verbrauchern zu gute komme. „Genosse" S ü d e k u m, der dann auf die Tribüne stieg, malte die Situation m den schwärzesten Farben und behauptete, in der Sterbestatistik werde man erst über die Wirkungen der Teuerung Klarheit gewinnen. Natürlich lachte ihn das Haus aus. Staatssekretär Dr. Delbrück stellte einige Phantasien des Vorredners richtig und dann vertagte das Haus die Weiterberatnng auf heute.
s. Die Nctchsvelfichernngskommifsio« nahm gestern in zweiter Lesung den Gesetzentwurf betr. Aufhebung des Hiifskassengesetzes an und begann bann die Beratung des Privatbeamtenver- sicherungsgesetzes bei § 1, der den Kreis der Versicherungspfitchtigen umschreibt. Die wirtsch. Vereinigung beantragte, die Gehaltsgrenze für die Verficherungspflicktigen von 5000 auf 8000 zu ex» höhen. Von sozialdemokratischer Seite wurde erklärt, daß, nachdem der Anschluß der Angestelltm-Ver- ficherung an die Jnvaliden-Versicherung abgelehnt sei, sie sich auf den Boden der Tatsachen stellen und an dem Gesetz Mitarbeiten würden.
+ Dar Marokkoabkomme» vor dem Abschluß. Die Kompenialionsoerhandtungen sind augenscheinlich nun auch dem Abschluß nahe. Darauf deutet vor allem eine Mitteilung des Reichstagspräsidenten im Seniorenkonvent hin, daß der Reichskanzler voraussichtlich am 8. November die Marokkointerpellationen zu beantworten gedenkt. Aber auch aus dem Umstande, daß die deutsche und die französische Regierung, wie der ,Berl. Lokal-Anzeigeri hört, den Mächten Mitteilungen über den ersten Teil deS Marokkovertrages gemacht und bei dieser Gelegenheit auch auf den günstigen Stand der Kompensationsverhandlungen hingewiesen haben, darf gefolgert werden, daß der Abschluß be8 deutsch- franrösiichen Vertrages in kurzem bevorsieht.
Teuerung fortgesetzt.
Abg. Graf Kanitz (kons.): Dem Reichskanzler sind wir dankbar für die Erklärung, daß an unsrem bewährten Wirtschaftssystem nicht gerüttelt werben soll. Völlig ungerechtfertigt find die Angriffe gegen das Einfuhrscheinsystem. Für die östlichen preußischen Pro- vmzen find die Einfuhrfcheine aeradezu eine Lebensfrage. Wir find gegen die Einfuhr argentürtschen Fleisches, und an den Zöllen aus Futtermittel wollen wir unbedingt festhalten. Mtt allen Kräften muß darauf hingearbeitet werden, daß die kotossate Spannung zwischen den Biehpreisen und den Fteischpreisea äufhört. Es gibt keine Fleischnot! Daß Herrn Dr. Heim der Biehstand so fein am Herzen liegt, kann ich begreifen. In keinem deutschen Bunvesstaat ist das Rindvieh so stark vertreten rote in Bayern. (Stürm. Heiterkeit.) Dr. Heim sollte dafür sorgen, daß auch dem Getreidebau sein Recht wird. Der Redner weift auf daS Beispiel der französischen Sozialdemolratie hin, die alle Zollerhöhungen bereinigt habe. Ich schließe mich den Worten des Sozialdemokraten Calwer M: Geben wir den Körnerbau preis, so opfern wir unsere politische Selbständigkeit. Halten wir fest an dem Schutz der nationalen Arbeit, nur dann werden ivir mit Vertrauen in die Zukunft blicken. (Lebh. Betfall rechts, Unruhe links.)
Staatssekretär Dr. Delbrück: Das Ergebnis bet dreitägigen Debatte ist, daß Etnigkeit darüber besieht, daß eine Teuerung vorhanden ist. Die meisten Redner haben die Frage erörtert, ob den Schwierigkeiten nicht abgeholfen werden lönnte durch eine Erleichterung der Flrischeinsuhr. Für die Einfuhr argentinischen Fleisches oder Viehes kann ich mich nicht er» fvärmen: Mit dem Büchsenfleisch sind vielfach Ver- ätfruiigen vorgekommen, die Einfuhr von Rindvieh ist .bekanntlich mit Rücksicht auf die Gefahr der Einschleppung des Texasfiebers durch die das Vieh begleitenden Infekten verboten, und Gefrierfleisch und Mhlfleisch Knzustihren, lohnt sich nicht, weil die Spannung des Preises nicht groß genug ift. In Wien hak man damit einen Versuch gemacht. Bon den 1650 angeführten Tonnen sind bis jetzt nur 951 konsumiert, weil der Preis im Verhältnis zu dem inländtschen Fteisch zu hoch und auch die Qualität bedenkend geringer ist. (Hört, hört!) Auch in der Schweiz hat man dieses Fleisch als Fleisch zweiter Qualität bezeichnet. Ich habe den Eindruck, daß dir bisherigen Debatten nicht Den Erfolg gehabt haben, den Streit der Meinungen abzuschwachen, insbesondere bett Streit über die Ur
sache der Teuerung. Auf der Linken entdeckt man die Ursachen in unserer Wirtschaftspolitik, und verlangt einen allmählichen Abbau derZölke. Die Statistik beweist, daß diese Auffassung völlig unhaltbar ist. Gegen eine Mißernte im eigenen Lande und gegen eine Mißernte in den übrigen Produttionsgebieten ift kein kraut gewachsen, und dte Folgen dieser Mißernte treten in jedem Lande ein, mag seine Politik schütz- iöllnerisch oder freihändlerisch sein. (Zustimmung rechts.) Wenn Sie die Preise in den einzelnen Großstädten beachten, werden Sie finden, daß im Laufe der Jahre die Preise für wichtige Lebensmittel überall gestiegen sind, in Kopenhagen, in London, dort in diesen Landern des Freihandels, ebenso wie in Paris und Wien. Im Auslands sind sogar dis Preise stärker gestiegen mitunter a!S bet uns." Wir können aus dem Teuerungs- Moment nicht den Grund herleiten zu einem allgemeinen Abbruch unserer Wirtschaftspolitik, deren Erfolge unbestritten sein sollten. Wir haben für einen Bevölkerungszuwachs von 900000 Köpfen tm Jahre Arbeit und Nahrung geschaffen. Die verbündeten Regierungen halten es für notwendig, jeglichen Versuch, die bestehende Wirtschaftspolitik als überlebt bin ju ft eilen und umzuändern, mit allen Mitteln zu bekämpfen. (Beifall.)
Eisenbahnminister v. Breitenbach: Man stellt es immer so hin, als hätte der Ausnahmetarif für Lebens- und Futtermittel ferne nennenswerte Bedeutung. Das ist nicht richtig. Allein für die Frachtermäßigung für Futtergerste und Mais wird die preußische Eifenbahnverivattung einen Ausfall von 6 bis 9 Millionen haben. Dir Etsenbahnvetwaltung hat sogar umfaffenbe Karioffeleinkänfe in die Wege geleitet; sie hat im Osten ein Quantum von 1 Million ßmlner jum Preise von 2,70 bis 2,80 Mark (Hört, hort.) für ihre Beamten und Arbeiter angekauft und sie wird nt der Lage fein, diese Kartoffeln in Köln riwa für 3/0 Mk. abgeben zu können. Wenn nur die Selbsthilfe an der richtigen Stelle eingreist, kann doch etwas Ersprießliches geleistet werden. Im übrigen tverde ich fortgesetzt bemüht fein, Maßnahmen zu tteffen, damit die Tarifermäßigungen ausschließlich den Verbrauchern zugute kommen. (Beifall.) b ®r- Stidekum (Soz.): Selbst wenn unsere Volkswirtschaft die Blute, die sie unstreitig in den letzten
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Momrtrbeüager „zuldaer Geschichtsblatter"
Jahren durchgemocht Hot. lediglich der Wtrlschasts- und Steuerpolitik des „schwarz-blauen Blockes" verdanken würde, so wäre dadurch die Not unter der daS Volk leidet, in keiner Weife gehoben. Erst m der Sterbestatistik später werden wir die Teuerung klar erkennen. (Ruse: Oha, Oha! rechts und im yettlr.) Wir erwarten von diesem Reichstage nichts; aber wir werden diese agrarische Mehrheil am 12. Januar zerschmettern. (Beifall links.) Der Reichskanzler hat eme Wahlrede gehattea. Er hatte kein Wort deS L'lrtleids mtt den notleidenden Blaffen. Eine Brutalität klang aus feinen Worten heraus. (Unruhe.) Em großer Tell des Volkes steht dauernd am Abgrund. Der weltfremde Kanzler, der daS Königswori von der Notwendigkeit einer Wahlreform in Preußen verschimmeln läßt, der vor dem Stirnrunjeln d«S Herrn v. Heyde- brand zufammenkloppt wie ein Tascheumeffer, hat nicht das Recht, die Setaniroorlung auf die Gemeinden abzuwälzen. Gewiß, Schutz der nationalen Arbeit, aber auch Schutz der nationalen Arbeiter gegen junkerliche Ausbeutung. (Beifall bei den Soz.)
Staatssekretär Dr. Delbrück legt Verwahrung ein gegen die unberechtigten Angriffe auf den Reichskanzler.
Abg. Dr. Südekum (Soz.): Den Ausdruck kann ich pretsgebsn, die Sache aber nicht. Was er gesagt hak, pflegt man als „Äppmidienst» zu bezeichne« (Der Redner erhält einen Ordnungsruf.)
Donnerstag: Weiterdsraiung.
* Osnabrück. 25. Okt. 1911. Herr Regierungs. rat Klocke hat dem geschästSführenden Ausschuß des ZeutrumsvereinS Osnabrück auf dessen Ar fragt durch Schreiben vom 20. Oktober 1911 mügeteiltz daß fein frei gefaßter Entschluß, von der Kandidatur zum Reichstage in unserem Wahlkreis» zurückzutreten, endgültig fei. „Die Folgen einer Influenza", fo führt er zur Begründung aus, „bil tch mir im Winter zuzog, Haden meinen Arzt veranlaßt, mir die Anstrengungen und Aufregungen des Wahlkampfes, die tm Falle einer Stichwahl in Ihrem Wahlkreise besonders groß fein würden, zv untersagen."
* Neunkirchen (Saar), 25. Ott. 1911. Zum Kandidaten für Ottweiler-St. Wendel - Meisenheim hat das Zentrumswahlkomitee heute den Arbeiter» jekretär Koßmann ausgestellt.
* Konstanz, 25. Okt. 1911. Für die am Freitag stattfindende Stichwahl ist von beiden Parteien der Kampf ouss neue aufgenommen worden. An jedem Abend werden 20 bis 30 Wahlversammlungen abgehaitm.
X Glatz, 25. Ott. 1911. Das Kretswahlkomitee der Zentrumspartei für den Reichstagswahlkreis Glatz hat beschlossen, den bisherigen Abgeordneten Grafen von Oppersdorfs nicht wieder aufzusteilen. GrasOpprrsdorff hat fein Schicksal selbst gewollt. Er will übrigens auf eigene Faust kandidieren, er hält Versammlungen ab und läßt Flugblätter verteilen.
ler, gegen dm Antrag ausgesprochen- Der Antrag Hütte ein gewaltiges Geschrei entheben würde konnte ma nattirlich nicht zu einer fachlichen Erörterung der Ma- i voraussehm. Me in einem aufgescheuchten Huhne- wnoangelegenheiten geführt, sondern zu staats- fstall geht's in diesen Tagen in der'liberalen Press rechtlichen Streittgkeiim über die Kompetenzen^-"- --- --
von Regierung und Volksvertretung. Wollte man die Ntarottoangelegenhetten im Wege eines Dringlichkeitsantrages selbständig zur Besprechung bringen, so müßte man bat Forderungen und Erwartungen der öffentfi» chrn Meinung im Lande imb im Parlament einen kurzen unb klaren Ausdruck geben, ohne die Grenzm bet anerfonnten Befugnisse des Parlaments irgenbtoie zu überschreiten. Ein solches Vorgehm hätte aber vernünftigerweise schon vorige Woche rinsetzm müssen, als der Reichskanzler die Antwort auf die Jnteftiellatio- nen verschob. Nachdem man soebm noch m bett Aufschub gewilligt hatte, lag gegenwärtig noch kein Anlaß vor, bas Abkommm mit ber Regierung zu durchbrechen. Offenbar war dieser Versuch der national- liberalen Partei, in der smsationellm Angelegenheit die Führung de? Reichstages an sich zu reiften, mtt untauglichen Mitteln unternommen.