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«m»sch 23. ©Höbet |9U 38. Zatzrgaog.

" fuldaer W Zeitung

2. Blatt.

vrvt u4 Vertag der Mdaer «etteidriaerei ii Suite.

y. Die Wahlen in Elsatz-Lothringen.

Der Ausfall der Wahlen in den Reichslanden wird in der Preffe lebhaft besprochen und vnlfach wirv bereits versucht, den Charakter deS künftigen Lanüta^S festzustellen. Em Bild vom neuen reich USndischen Landtag kann man sich aber nach btn Ergebniflen des ersten Wahlganges noch nicht machen, weil der erste Tag vielfach »och mcht d,e Entscheidung gebracht hat.

60 Abgeordnete zur Zweiten Kammer müflen gewählt werden, davon find jedoch am Sonntag erst 55 Abgeordnete gewählt worden, während über die übrigen 25 Mandate erst in den Nachwahlen die Entscheidung fallen wird. Gewählt find bekanntlich erst 19 Zentrumsleute, 2 Liberale, 5 Sozialdemo­kraten, 9 Lothringer und ein Agrarier. ES ist natürlich verfrüht, nach diesen Zahlen schon auf den Charakter des neuen Landtags zu schließen »der irgendwelche Mehrheitsbildungen voraus- Junehmen. Der Ausgang der 25 Nachwahlen ist noch ziemllch ungewiß. Gleichwohl ist die liberale Presse schon bei der Hand und redet große Töne daher von einer »Enttäuschung des Zentrums' oder gar von einer »Niederlage des Klerikalismus". So redet sie, wenn im ersten Wahlgange ganze zwei Liberale, aber 19 Zentrumsmänner durchkommen. Wir finden aber auch ein liberales Blatt, dem das Geständnis von einem „Sieg des Ktettkalismus" entschlüpft, und eS ist ausgerechnet die ,Tägliche Rundschau"."

Für das Gerede von einer Niederlage des Zen­trums hat man ein einfaches und praktisches Rezept. Man behauptet frischweg, das Zentrum habe auf dop­pelt so viel Mandate gerechnet, wie es bekommen Habe; dann hat es nach Adam Riese immer ein De­fizit von 50 Prozent zu beklagen. Man behauptet, dar Zentrum habe sich mit der Hoffnung getragen, im ev- Jen Ansturm die Mehrheit dec Landtagssitze zu er­obern und Elsaß-Lochringen zum anderen schwarzen Eckstein Süddeutschlands zu machen; aber die anti­klerikale Woge ujw. Natürlich haben unsere Freunde hn Reichs lande den Wunsch, die Mehrheit zu erlan­gen, und gewiß auch das Vertrauen auf einen solchen Erfolg in Zukunft. Aber daß bei den jetzigen e r st e n Landtagswahlen auf Grund der neuen Verfaflung sofort über 30 Zentrumsmitglie­der aus der Wahlurne sprängen, war bet den vielen Vorurteilen, die gegenüber der neuen Verfassung und dem Reichstagszentrum noch bestanden, bei den Meiuungs- und Stimmungsverschiedenheiten in den dortigen Kreisen der Zentmmsfreunde, bei dem Auf­treten be8 Nationalbundes Blumenthal-Wetterle und bei der Eigenbrödelei des Lothringer Blocks nicht zu ßrwarten.

Unter diesen Umständen muß man schon froh sein über das Drittel der vorhandenen Mandate, das dem Zentrum gleich im ersten Wahlgange, also ohne jede fremde Hilfe zugefallen ist. Dieses Drittel bildet eine feste Grundlage, auf der sich der Turm des elsaß- lothringischen Zentrums weiter ausbauen läßt. Wenn nun außerdem noch 8 oder 9 Kandidaten des Lo­thringer Blocks gewählt find, die zwar nicht ausgesprochene Anhänger des Zentrumsprogramms, aber noch weniger ausgesprochene Liberale find, viel­mehr in allen religiösen und kulturellen Fragen mit dem Zentrum stimmen werden, so darf man bereits heute sagen, daß die ch r i st l i ch e n Interessen schon beinahe auf die Hälfte der Kammer rech­nen darf. Sollten die Liberalen und die Sozial­demokraten mit ihrer Großblocktaktik sämtliche noch schwebende Mandate in den Nachwahlen an sich reißen, so hätten sie zusammen erst 1 oder 2 Stimmen über die Mehrheit, — was für ein Grvßblock-Regi- ment kaum ausreichen dürfte. Es ist aber immer noch zu hoffen, daß der Großblock bei den Nachwahlen (die dort an Stelle unserer Stichwahlen treten) in dem einen oder andern Wahlkreise-in der Minderheit bleibt.

Tic gegenwärtige Lage in Elsoß-Lothringcn er­innert an die Ereignisse in Baden, wo s. Z. das Zentrum in dem ersten Wahlgange nahezu die Hälfte der Landtagsmandate erreichte, aber dann durch die BerzweiflungSenergie des Großblocks «m alle Stichwahlerfolge gebracht wurde. Die Ver­hältnisse find ähnlich, aber nicht gleich. Der elsaß- lollhringische Großblock dürfte weder für die Nach-

wahlen noch für die spätere Tätigkeit in der Kammer jene Geschlossenheit und Zähigkeit entwickln können, die in Baden unter der Gunst der Regierung stch so überraschend zeigte.

In gewissem Sinne find die elsaß-lothringischen Wahlen auch ein Vorbild der kommenden Reichs» tagswahlen. Rach den Erfahrungen der frühe­ren Wahlen und nach dm Aussichten für die Januar- Wahlen toerben auch int Reiche das Zentrum und die Lonservativm dm Vorsprung hn ersten Wahl­gange haben; wie in Elsaß-Lothttngen so wird auch im Reiche der Liberalismus nur wenige Mandate aus eigener Kraft im ersten Anlauf erringen. Das wird aber feinen Größenwahn nicht dämpfen, sondern er wird auf große Erfolge in der Stichwahl mit Hilfe der Sozialdemokratie rechnm. Das Ende vom Liede dürste steilich im Reiche wie in Elsaß- Lochringen die Uebermacht der Sozialde­mokratie gegenüber dem schwächlichen Großblock- genossm sein. In Belgien geht'S ja ebmso.

Wir bedauern, daß unsere Freunde in Elsaß- Lothringm nicht noch ein Dutzend Mandate mehr er­obert haben und wir würdm eS beklagm, wenn sie nicht wenigstmS noch ein paar Mandate gewännen, um mit den Lothringern zusammen eine Abwehrmehr­heit gegen dm Großblock bilden zu können. Aber alles in allem genommen, bürfen wir doch biese erste Probe auf dar neue Verfassungsrecht insofern mit ©enugtuung begrüßen, als sich ein sicherer Grundstock von 20 Zentrumsmandaten ergeben hat, der nach den Wirren dieser UebergangSzeit ein frisches Aufblühen der Zentrumspartei und ein Anwachsen bis zur Mehr­heit erhoffm läßt- Wmn das sonderbare Gebilde des „Nationalbundes" eine vernichtende Niederlage erlit­ten hat, so ist das im Grunde genommen ein Vorteil für die Zentrumssache, da diese minder haltbare Par­teigründung von vornherein dem Liberalismus weni­ger Abbruch tat, als der Zentrumssache.

Also werden unsere Frmnde, wenn sie auch nicht gerade in Hurrastimmung versetzt find, doch ihre Z u- verficht und ihren Tatendrang gehoben füh­len angesichts der Ergebnisse des allerersten Wahl­gangs in Elsaß-Lothringen.

Deutscher Reich.

* Eine Besprechung des Reichskanzlers mit den verschiedensten Parteiführern findet dieser Tage statt. Es handelt sich zweifellos um vertrauliche Mittei­lungen über das Marokkoabkommen resp. über eine erzielte Einigung in der Frage der Kongokom­pensation, die der Reichskanzler den Volksver­tretern machen will. — Danach dürfte auch wohl bald die Besprechung der Marokko-Interpellation erfolgen.

X Der erste Angeftellten-Streik. Das Kampfmittel des Streiks wurde bisher nur von den Arbeitern be­nutzt. Zum ersten Male versuchen jetzt Angestellte diese Waffe zu schwingen. 250 Eisenkonstrukteure sind in Berlin in den Ausstand getreten. Es ist ein Streik in aller Form. DieStreikendm haben ihre Be­dingungen gestellt; Gegenvorschläge der Arbeitgeber sind als ungenßgenbe Grundlagen der Verhandlung ab* gelehnt worden; eine Art Streikpostendienst ist einge­richtet und die Fühlung mit dm Arbeitern zur Bele­bung eines Sympathie-Ausstandes ist hergestellt. Selbst unter der Voraussetzung, daß die Angestellten berech­tigt waren, haltm wir ihr Vorgehen für sehr bedenk­lich. Es kann, wenn es Schule machen sollte, für das Verhältnis von Arbeitgebern und Angestellten von ver­hängnisvoller Bedeutung werden- Zunächst muß aber noch beachtet werden, daß es sich um eine geringe Gruppe handelt, um die Im Bund der technisch-indu­striellen Beamten Organisierten, und daß die großen kaufmännischen Angestellten-Verbände ein derartiges Vorgehen verwerfen. Vorläuftg darf man also noch nicht davon reden, daß der Klassenkampf in die Kon­tore getragen ist; aber der Versuch darf doch nicht un­erwähnt bleiben, und sein Schicksal verdient Beachtung.

# Konstanz, 22. Okt. 1911. Bei der Reichs­tagsersatzwahl in K 0 n st a n z-U e b e r l i n g e n hat die Sozialdemokratie einen nur geringen Fortschritt gegen 1907 genommen. 1907 hatte sie 2565,1911 3025 Stimmen. Die bisherige Erfahrung hat bis zur Stunde gelehrt, daß die Sozialdemokratie

bei allen Nachwahlen fest 1907 große Fortschritte zu verzeichnen hatte. An Agitation hat sie eS nir­gends fehlm lassen, auch nicht im Kreise Konstanz- Ueberlinaen. Auch dort war ihre Agstation eine ganz wilde und man sprach auch schon vor der Wahl von bett großen Fortschritten, welche die Sozialdemo, kratie machen werde. Nun wundert sich alles über den geringen Fortschritt, der prozentual fast einem Stillstand gleichkommt, und fragt sich, wie diese Er- scheinung zu erklären sei. Ohne Zweifel Ware es höchst erfreulich, wenn hier tatsächlich eine Art Still­stand in der sozialdemokratischen Bewegung zu ver­zeichnen wäre. Das würde der erste fein nach dem Jahre 1907. Leider liegen andere Erklärungs- grüude für die Tatsachen des Gleichbleibens der Sozialdemokratie näher, als die Annahme, daß eine Art Stillstand eingetreten sei. Durch die Bildung des Großblocks und durch das innige Z u s a m - menarbeiten zwischen Nationalliber a- len und Sozialdemokraten sind die Gren- z e n zwischen den beiden Parteien verwischt worden. Der nationalliberale Kandidat Schmid ge­hört selbst, wie ein liberales Blatt schrieb, zu der linken Seste des Nationalliberalismus. In der Wahlagitation für Schmid benahmen sich die natio­nalliberale Preffe am See und die Agitatoren des Nationalliberalismus genau so und noch radikaler, als die Sozialdemokratie. Das Treiben der Natio­nalliberalen war derartig, daß auch der radikalste Sozialdemokrat daran feine Freude haben konnte und tatsächlich auch hcXte. Das Hauptargument der natio­nalliberalen Agitation bildete die Hetze gegen die Reichssteuern. Daran mußte die Sozialdemokratie ihre Freude haben. In intimen Kreisen der Sozial­demokratie wurde aus dieser Freude auch gar kein Hehl gemacht. Wie der „Bad. Beobachter" mitteilt, hat schließlich ein Sozialdemokrat die Katze aus dem Sack gelassen, indem er in einer Versammlung glatt heraussagte: „Ob ihr Schmid wählt ober Großhaus, das ist egal." Das war in der Tat in sachlicher Beziehung egal, weil die Nationalliberalen in der Agitation mit sozialdemokratischen Mitteln agitier­ten. Was dieser Sozialdemokrat sagte, war im übrigen nur der Ausdruck der Meinung im sozial­demokratischen Lager überhaupt. Und wenn vor einigen Wochen das Gerücht auftauchte, die Sozial­demokraten wollten kurz vor der Wahl ihre eigene Kandidatur zurückziehen und den „national"libera= len Kandidaten wählen, so hatte dieses Gerücht seinen guten Grund. Wenn das formell auch nicht geschah — materiell haben viele Genossen die praktische Kon­sequenz aus den Verhältniffeu gezogen und sofort den liberalen Kandidaten gewählt.

Ausland.

* Die Schreckensherrschaft in Lissabon. Die Mad­rider „Correspondencia" berichtet aus Liffabon, die Aufhebung dec konstttuttonellen Garantien habe leb­hafte Besorgnis hervorgerufen, weil schon an und für sich das Leben unerträglich geworden ist. Hun­derte von Personen sind seit Monaten ver­haftet, ohne daß etwas von ihnen bekannt wurde. Die Angehörigen wüßten nicht einmal, ob sie noch leben. Die Zahl der Auswanderer wächst, viele Familien verkaufen ihre Güter zu den ungünstigsten Bedingungen, mir um das Land ver­lassen zu können. Die ausländischen Gesandtschaften erhalten zahlreiche Gesuche von Personen, welche die portugiesische Staatsangehörigkeit aufgeben wollen. Der frühere Justizminister Costa hat etwas Popula­rität errungen, weil er die Ausnahmegesetze bekämpft. Doch wird er in dieser Beziehung nicht für aufrichtig angesehen. Und das mit Recht; denn so lange er am Ruder war, mar er ebenso brutal. Die Möglich­keit einer teilweisen Umbildung des Ministeriums durch den Eintritt Costas als Jnstizniinister ist üb­rigens nahegerückt. Doch bleibt die Lage auch nach dieser Ergänzung des Kabinetts verworren.

. * Der russische Ministerrat hat eine Gesetzes- Vorlage eingebracht, in der gefordert wird, die Be­kämpfung der Trunksucht zur Aufgabe des Staates zu machen. — Vollendete Heuchelei, nichts weiter! Bekanntlich erzielt der russische Staat einen Hauptteil seiner Einnahmen aus Branntweinmonopol und staatlichen Schnapsbuden.

Aus Airche und Schule.

* Limburg, 24 Okt. 1911. Mit Termin 1. Ok- loder wurden die Kapläne Wilhelm Hess« von Lorch nach Arnstein, Jos. Bleutgen von dort nach Hund­sangen, Georg Schäfer von dort an die Liebfrauen, kirche in Frankfurt, Peter Waßmann von dort als Frühmes erei- und Dikarie-Berwaller nach Herschel« nach Der etzt. Mit demselben Termin wurde» dem Frühmeflerei- und Bikarie-Berwalter Franz Eng­lert in Herschbach die Pfarrei Sossenhenn übertra­gen. — Ferner wurden mit gleichem Termine die Kapläne Hehl von Höhr nach Griesbeim, Karl Rentz von dort nach Höchst, Kaspar Fern von dort an die Bonifatiuskirche in Wiesbaden, Ehristian Rentz von Oestrich nach Frickhofen, Christian Keil von dort nach Frauenstein und mit Termin vom 4. Oktober Heinrich Thomas von Villmar nach Helferskirchen versetzt«

Aus dem Nachbargebiete.

„I" «ns der Rhön ,23. Oft. 1911. Wie neulich in der „Fuldaer Zeitung" von Memlos mitgeteilt wurde, brachen Diebe in verschiedenen dortigen Ge­höften des Nachts ein und ließen lebendes und totes Inventar mitgehen. In der Umgegend, zumal in der Nähe von Dittershausen, sollen sich Z i g e u n c r aufgehalten haben, denen der Diebstahl allgemein in die Schuhe geschoben wurde. Der Verdacht gegen die Zigeuner ist wohl in den weiften Fällen begrün­det. Vielmals werden aber solche braune Gesellen aus der Ferne von Individuen beglehet, die gleich­falls vom Diebstahl leben und um nun den Verdacht von sich zu wälzen, gleichzeitig mit den Zigeunern auftreten. So sollen am Tage voran „reisende Burschen" während der sonntäglichen Nachmittags­andacht zu den Fenstern eines Bauernhauses hinein gesehen haben. Lasse man am Tage vor dem Gang zur Kirche oder ins Feld, besonders aber in der Nacht nicht Türen und Fenster offen stehen. Sehr zu em­pfehlen ist es, sich ein kleines wachsames Hoshüudchen zu halten. Ein solches Tier ist besonders da am Platze, wo Hofraiten am Rande eines Dorfes ge­legen sind.

* Schenklengsfeld, 19. Okt. 1911. Am Sonn­tag fand in dem benachbarten Kathus die Ein­weihung der neuerbautenSchule statt. Das Gebäude enthält zwei geräumige Schulsäle und eine Lehrerwohnung und ist recht prattifch eingerichtet.

* Frankfurt, 24. Ott. 1911. Fürst und Fürstin Bülow, die, wie gemeldet, am Freitag abend von Hamburg hier eingetroffen waren, sind gestern morgen nach Stuttgart weilergereist. Heute werden sie die Fahrt nach Rom fortsetzen. — Der vom Schwurgericht wegen Ermordung des Agenten Biever zum Tode verurteilte Gelegen­heitsarbeiter Johann Pöllmaun hat am Samstag gegen das Urteil Revision eingelegt. — In der Wohnung des Kellners Läpple in der Fcchr- gaffe wurde der Kellner H. Wehner mit einem Stich im Herzen lot aufgefunden. In der Wohnung befand sich die Ehefrau des Kellners Läpple und ein Arbeiter, der bei der Familie Läpple eine Schlafstelle innehat. Die beiden behaupten, daß sich Wehner aus Eiferfucht selbst den Stich beigebracht habe.

△ Kassel, 24. Okt. 1911. Die Kirche gut' h e i l i g e n F a m i l i e ist um einen neuen Schmuck reicher. Herr Pfarrer Hillenbraud hatte noch kurz vor seinen: Weggange statt der Messing-Weihkessel gediegene Marmorbecken in Auftrag gegeben, die von Bildhauer Stitz nach Zeichnung von G. Kegel gelie­fert, nunmehr angebracht sind. Die Becken sind ganz schlicht in der Form, sodaß sie leicht sauber ge­halten werben können, sehen aber durch die sie be­krönende muschelförmige Aushöhlung in der Wand­fläche gediegen und würdig aus. Herr Dechant Telmhorst kam: in den neuen Ausstattungsstücken, die alsbald nach seinen: Amtsantritt eintrafen, ein gutes Zeichen dafür erblicken, baß es ihm ge­lingen wirb, die Kirche auch im Innern der Vollen­dung entgegen zu führen, insbesondere die Aus-

Lebenswende.

$»] Roman von Horst Bodemer.

DaS war bcutikf). Fast wäre es zu einem ernst- Lchen Zusammenstoß gekommen. Der Sanbrot v. Vehrhof versuchte geschickt, bie Wellen zu glätten.

„Immer berfelbe Witz, wenn man sich ’n bischen eneitxanber reiben will, und bas ist ganz gut für bie Verbauung, turtelt man plötzlich zu scharf m bie De­batte. Nun prosten sie sich mal gleich zu unb ich henke, Herr v. Mereuth, an Ihnen ist es, das zuerst Mi tunl'

„Mit Freuden, Herr v. Gehrhof! — Profit, Herr S. Wustermark!"

i Und dem blieb nichts anderes übrig, als Bescheid {u tun, wenn sich ihm auch ’ne „saftige" Entgegnung uf die Zunge „gewürgt" hatte.

Herr v. Laberdan hatte, bie Hänbe m ben Hosen­taschen, bas Bäuchlein herausgereckt, auf teinem Stuhl Desesscn, unb ben Kampfhähnen schmunzelnb zugehört. E' “ kann ich wohl mit meinem Geschichtchen von Heinrich weiter aufwarten, benn das Beste t erst noch!"

Ma» war ftoh, bas Gespräch in ein anderes Ge- I«fe zu bringen und stimmte herzhaft zu.

da hat er feinen Kompagnon fitzen, neu Su strähnigen Vollbart und ner Brille

KL.k Einfacher Mann! Aber mir scheint,

E? L. " will, und das ist schließlich

Heinrich von nicht zu unter- 20^0^0» Serie. Gerade will ich so nach und nach j jetne®rttut nübergleiten, da kommt fie, genau * *rm r^er. sthon an Er stellt mich vor und . »mplunenttkri mich zu gleicher Zeit zur Türe rau, . «m et sagt: „Mr wollen jetzt Einkäufe für die , lusflxuer machen!" — Punktum! — Selat — Unb | h 6 ter Hornochse stehe da und schnappe nach Lust, , wie ’n Karpfen auf dem Trockenen, denn Herrschaft •i ee, effee was recht ist, wenn ich rwchmak drei-, vier- «mdzwanzlg würde unb das Mäbel bestünde aufs Standesamt, weiß Gott, ich marschierte mtt ihr $nl'

Und weil Herr v Mereuth om Tische fa6 frjuxt#

man nicht nach Details! Aber auf der Heimfahrt steckte man bie Köpfe zusammen.

Ein eiflger Februarmorgen!

Auf dem Bahnhöfe ber Kreisstabt drängten sich in ben Gängen Männer unb Frauen vom Laube mit ihren Traglasten; benn heute war Markttag in Sten- bal. Da fuhr Sosquen im Schlitten vor! Als er durch bie Türe trat, ben Diener mit einer Handtasche hinter sich, griffen bie Bauern an bie Mützen. Unb einer unb bet anbere sah ihm mit blanken Augen nach. Das war ein Mann, bet seinen Kram verstand, unb wenn sich einer an ihn am Auskunft wendete, so wurde sie bereitwillig und erschöpfenb gegeben. Aber nicht in jener nach Popularität haschenden Weise, sondern ruhig und bestimmt; aber keiner wagte es, plump verttaulich zu werden, weil er nicht die Leute auf die Schultern schlug und mit ihnen schlechte Witze riß, wie das in bet neuen Zeit so oft bie im Kreise sitzenben Junker taten, bamit bie Leute ihnen auch parierten, wenn es zu ben Wahlen ging. In manchen: Dorfe hatte man schon am Biertisch er­wogen, ob eS nicht besser träte, bas nächste Mal ben „Klingsberget" in den Reichstag zu schicken, der spann gewiß auch denselben polittschen Faden, aber — es wat doch ein anderer Kerl, wenn er auch noch nicht lange im Kreise saß. Der hatte einen weiten Blick, das zeigten seine Botträge, die er im landwirtschaft­lichen Verein hielt. Die Bauern seines Dorfes sangen sein Loblied in allen Tönm. Er blieb in steter Füh­lung mit ihnen, seine Geflügelzucht war die sehens­werteste im ganzen Kreise und seine besten Legehühner gab er gern preiswert ab. Auch hatte er es durch- gesetzt, daß in der Klingsberger Gemarkung nur be- stimmte Obstsotten angchflanzt wurden, die dauer­haft waren unb sich zum Maffenabsatz eigneten.

„Was meinen Sie, wenn wir eines Tages aus­schreiben können, in Klingsbrrg liegen drettausenb Zentner graue & einetten, tote uns bie Hänbler ins Dorf gerannt kommen? Wir brauchen bann nicht unsere kostbare Zeit zu vettröbeln unb zu betteln wer nimmt uns 50 Zentner von dieser und jener Sorte ab, dann ziehen ote Kaufleute schiefe Gesichter drücken MV hi* Mjoh nertoaanett aiidS tuA hnfc txxh*

ihnen die Ware ins Haus bringen- So treibt man keine Geschäfte, da springt kein Verdienst raus!"

Das leuchtete den Bauern ein! Unb bie Bienen­wirtschaft brachte er auch vorwärts. Er setzte sich mit ben Lehrern in Verbindung, die nahmen die Sache gern in bie Hand. >:nb mit dem Landrat nahm er auch Rücksprache, der Bahndamm, soweit er durch ben Kreis ging, würbe mit honigttageuben Pflanzen besät, ein billiges Vergnügen, das keine zweihundert Mack gekostet hatte.

Und als nun einer bescheiden an ihn herantrat, um eine Auskunst bittend, bildete sich schnell ein dich­ter Kreis um ihn Aufmerksam hätte man dem „Re­bellen" zu, denn es dauerte noch ein Viertelstündchen, bis ber Zug einlief.

Aber so ganz bei ber Sache ioar Sosquen heute morgen boch nicht. Immer toiebet sah er über bie Leute hinweg, durchs Fenster, vor dem eine beschla­gene Laterne ihr bunkelrotes Licht auf ben Schnee warf. Es war noch stockfinster, fünf Uhr früh. Und da drang Schellengeläute an fein Ohr; im nächsten Augenblicke hielt das Möhttngrr Schirnmelgespann vor dem Eingänge.

„Für heute Gott befohlen und gute Geschäfte", er rückte an seinem steifen, schwarzen Hut, „ich muß Fräulein v. Hakburg begrüßen, wir fahren zusammen nach Berlin zur Hochzeit ihres Bruders!"

Während er nach der Tür schritt, zogen bie Män­ner ihre Mützen und die Frauen reckten neugierig bie Hälfe unb machten ben Munb auf. Da hatten sie boch einen Gesprächsstoff auf ber eine halbe Stun­de langen Fahrt nach Stendal.

„Guten Morgen, gnädiges Fräulein!"

Ein müdes Lächeln um den Mund, reichte Ada Herrn v. Sosquen die Hand. Sie sah bleich aus. Und kaum hatte er die Fahrkarten besorgt, wurde die Tür zum Bahnsteig geöffnet, fünf Minuten später brauste der Zug heran.

Das Ricktraucher-Abtttl zweiter Klaffe, in dem ste Platz nahmen, war leer- „Ich habe noch heute früh einen heftigen Austritt mit meinem Onkel ge­habt. Nächste Woche gedenke ich Möhringen zu ver­lassen!"

.Hör« ich recht, anädiaes Fräulein?"

„Ich konnte mir denken, daß Sie sich wundern würben!"

„Aber warum in aller Welt wollen Sie das denn tun?*

Da warf Ada Hakburg dm Kopf in ben Nacken. „Ich muß mich betätigen, Herr ö. Sosquen, bieses Nichtstun geht über bie Nerven!"

„Ja, — ich meine — bazu hätten Sie boch auf bcm Gute Ihres Onkels gerade genug Gelegenheit!"

„Meinen Sie das wirklich?"

Er sah hinaus in die Finstemis, die Antwort fiel ihm nicht leicht, er wußte wohl, Arweb Hakburg wünschte bie hübsche, junge Nichte nur zur Gesell­schaft um stch zu haften, — in ben Gedanken hatte er üch verrannt — später sollte fie Manfreds Frau wer­ben. Mit seinem berftorfteuen Bruder hatte er sich gut verstanden, da hielt er es auch für seine Vflicktt. dessen Tochter eine gesicherte, wenn möglich glänzende Position zu schassen, unb dazu war sein Junge selftst- verständlich ber rechte Mann. Aus biesem Grunde Wohl mit, hatte er baS Tischtuch zwischen sich unb Hans Heinrich so grünblich zerschnitten, denn dieser leichtsinnige Kerl war imstande, unb ttß seine Schwe­ster mit in sein verbleutes Unalück hinein. Unb an feinen guten, alten Namen sollte man nicht mit bem Finger tippen können! War ein schwarzes Schaf in ber Familie, nun, so trieft man'? eben in bie Wüste. Besser, daß ein morscher Ast abftrach. als baß ber starke Baum Schaden erlitte bis zur Hm:ptwurzel herab. Und die Zeit ging ihren Lauf unb balb würde man sagen: Ja, ja, ber Hans Heinrich, fauler Kopp — abgetan — unb seine Scheuester ist bie SVrau bie­ses tüchtigen Manfred Hakburg geworben, ein wahres Glück für sie! Dann stanb ber alte, gute Name tote- ber in Glanz unb Würden da! Durch diese Rechnung hatte nun er, Joachim Franz Sosquen, einen ganz gehörigen Strich gemacht! Und bas nahm man ihm übel, weil er Erfolg zu haben schien, sonst hätte man natürlich bieten Schwärmer ausgelacht! — Diese Ge­bauten schossen bem „Rebellen" blitzartig durch ben Kopf, unb bevor er sie noch weiterspinnen konnte, sagte Fräulein v. Hakburg:

„So antworten Sie mir doch ehrlich, Herr v. Sosquen!"

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