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Erstes Blatt

FlNda, Mittwoch Den 25. Oktober 1ji i

jV5 245

68. Jahrgang

Si$co,

unserer

Mittwoch: Fortsetzung.

Deutscher Reichstag

Sitzung vom 24. Oktober 1911.

*♦ Berlin, 54. Okt. 1911. Der Kaiser nahm Dienstag an der Parforcejagd in Döberitz teil teil und begab sich später nach dem König!. Schloß in Berlin.

Im Reichstage beanspruchte der gestrige zweite Tag der Besprechung der Teuerungs­interpellationen insofern ein höheres Interesse, als an ihm zwei Persönlichkeiten das Wort er­griffen, die mitten im praktischen Leben der Land­wirtschaft stehen. Es waren das der preußische Landwirtsrhaftsminister Frhr v. Schorlemer und

der Abg. Dr. Heim vom Zentrum. Bevor dies« aber zu Worte kamen,legte der Abg. Fuhrmann die Auffassung des rechten Flügels der national- liberalen Fraktion dar. Seine Rede war eine durchaus landwirtschaftfreundliche, namentlich be­tonte er, daß er nicht an der heutigen Wirtschafts­politik gerüttelt wiffen wolle. Nicht versagen konnte er es sich, in Wahlagitation zu machen und sich gegen die Konservativen und das Zentrum zu richten. Eine Reihe von Rednern der kleinen Parteien können wir übergehen, da sie, ihrer Partei­stellung nach zur Rechten gehörend, !ür die Beide- Haltung der Schutzzollpolitik eintraten. Großer Auf­merksamkeit begegneten die Ausführungen des Land« wirtschastsministers v. Schorlemer. Er wandte sich ftotf gegen die Linke und ihr übertriebenes Geschrei über Teuerung. Den Gedanken des Reichs- kanzlers, daß die Hetzereien der Linken und ihrer Preffe nicht wenig dazu beigetragen haben, die Zu­stände zu verschlimmern, unterstreicht er ausdrücklich. Unter lebhaftem Hört, hört! stellte er fest, daß das System der Einfuhrscheine nicht eine agrarische, sondern eine freisinnige Erfindung sei. Er schloß mit der Versicherung, daß man ohne allzu große Sorge in die Zukunft blicken könne. Was die zu ergreifenden Maßnahmen angeht, so stellte er sich natürlich auf den Standpunkt deS Reichskanzlers, wobei er betonte, daß er mit seinem Erlaß an die Kommunen einen Preisregulator für normale Preise habe schaffen wollen und rote er zuversichtlich hoffe, auch geschaffen habe. In vorgerückter Stunde kam der Abg. Dr. Heim vom Zentrum zu Wort. Als Sachverständiger in landwirtschaftlichen Fragen hat er stets das Ohr des Hauses und auch gestern be­gaben sich die Abgeordneten aller Parteien unmittel­bar in seine Nähe, um seinen Aussührungen genau folgen zu können. Ausgerüstet mit einem gutem Humor fertigte er die Einwände der Linken stets in drastischer Weise ab und hatte dabei die Lacher des Hauses auf seiner Seite. Wer geglaubt hatte, er werde in seinen Aussührungen in einen Gegen­satz zu dem Abg. Dr. Spahn treten, hatte sich gründlich geirrt. Seine Ausführungen deckten sich im wesentlichen mit den Aussührungen des Abg. Dr. Spahn. Das Verdienst kann dem Abg. Dr. Heim nicht bestritten werden, daß er bemüht war, in seinen Ausführungen den wahren Gründen bei Teuerung nachzugehen, daß er dabei einwandfreie! statistisches Material verwandte und seine Forde­rungen mit dem Prinzip unserer Wirtschastspolitü in Einklang zu bringen wußte. Nach Dr. Heim ergriff des Reiches Schatzgewaltiger, Staatssekretär Wermuth, das Wort, um in kurzer Rede auszu­führen, daß ein Zollprooisorium große Schäden nach sich ziehen würde.

c. Der Seniorenkonvent deS Reichstag? wird heute zusammentreten, um, wie angetündigt, einen Arbeits­plan für die nächste Zeit zu beraten. Es kann, wie wir erfahren, als sicher angesehen werden, daß eine Vertagung der Plenarver Handlungen eintritt, damit die Kommission zur Vorberatung der Privatbeamtenverficherung ihre Arbeiten möglichst beschleunigen kann. Wann die Vertagung eintütt, wird von dem Gang der Geschäfte abhängen, wahr­scheinlich erst m Beqinn der nächsten Woche.

, Die ReichZverficherungskommission hat gestern in erster Lesung das Gesetz angenommen, wonach all« freien HilsSkassenin Zukunft dem Gesetz vom 12. Mal 1911 unterstellt werden. Die Regierung hofft nunmehr, dem Schwindelkassenwesen mit mehr Erfolg entgegentreten zu können, als eS unter dem HilfS- kaffengesetze möglich war.

)( Keine neue Reichsanleihe. Wie erinnerlich, konnte im Jahre 1911 auf die Aufnahme einer neuen Reichsanleihe zum erstenmal seit Jahren ver­zichtet roetben, was bet Reichsschatzsekretär Wer­muth als eine Folge der Reichsfinanz- reform bezeichnete. Jetzt verlautet, daß daS Reichsschatzamt auch für bas kommende Jahr ein# neue Anleihe nicht für nötig erachtet.

* Mainz, 24. Ott 1911. Tas Ortskomitee der Mainzer Zentrumspartei beschloß einstimmig, zur Verhinderung eines sozialdemokratischen Wahl­sieges bei der bevorstehenden Landtag sersah- wähl am 3. November geschloffen bereits im ersten Wahlgange für den demokratischen Stadtverord­neten Heerdt einzutreten.

Reichstagswahlvorbereitungen.

# Karlsruhe, 24. ©tobet 1911. Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei Badens fordert in Uebercinftimmunfl mit dem deutschen Parteivorstand in einem öffentlichen Ausruf die Patteigenoffen auf, bei der am nächsten Freitag stattfinbenden Stichwahl im Reichstagswahlkreis Konstauz-Ueberlingen für den nationaUibera- len Kandidaten Schmid zu stimmen.

dann heißts: nieder mit der herrschenden Klique! Aber die Herren vergessen ganz, daß sie mit dieser letzteren Parole das Wirtschaftssystem zugrunde rich­ten helfen. (Lebh. Beifall im Zentr.)

Staatssekretär Wehrmuth wehrt sich gegen die pro­visorische Suspension bezw. Rückvergütung der Fut­termittelzölle vom finanziellen Standpunkt Reichskaffe aus.

Ausland.

* Die parlamentarische Lage in Oesterreich. Die Verworrenheit in den parlamentarischen Verhält­nissen bedarf dringend der Klärung. Der Minister- prä ident Baron Gautsch ist entschloffen,zurückzutreten, wenn sich die Bildung einer Mehrheit mit den Tschechen als unmöglich Herausstellen iollte.

• Im englische« Kabinett sind wichtige Ver­änderungen eingetretm: Mc Kenna, bisher Ma­rineminifier, übernahm das Staatssekretariat des In» nem, Churchill, bisher Minister des Innern, wurde Erster Lord der Admiralität, Runcinam Landwirt­schaftsminister und Pease Unterrichtsminister. — Der überraschende Wechsel im Ministerium, besonders der Austausch der Aemter zwischen Churchill und M c Kenna wird in der Preffe lebhaft besprochen. Die Ansichten gehen stark auseinander. Ein Teil der uniontstischen Preffe betrachtet die Ernennung Chur­chills als einen Erfolg der Anhänger der Sparsanckeit im Schiffbau.

* Komplett gegen den KSnig von Bulgarien. Der Wiener .Reichspost' telegraphiert man aus Sofias daß der Sohn des Fürsten Alexander von Batten­berg, des Vorgängers deS Königs von Bulgarien, des Komplotts gegen den König beschuldigt wird, weil

Am Bundesratstisch Delbrück, Wermut, Lisco, Schorlemer, Wahnschaffe. Kurz nach der Eröffnung erscheint auch der Reichskanzler im Saale, verschwmdet

Deutsches Reich.

** Der Großblock in Elsaß-Lothnnge«.

Die Liberale Landespartei und die el­saß-lothringische Demokratische Partei, die schon am Sonntag bei den Hauptwahlen für den el­saß-lothringischen Landtag zusammengegangen waren, haben sich mit der Sozialdemokratie für die am kommenden Sonntag stattfindenden Nachwahlen durch das ganze Land über ein gemeinsames Vorgehen verständigt. Die Sozialdemokratie zieht in 15 Wahlkreisen ihre Kandidaten zugunsten der Li- beral-Demokraten zurück. In zwei anderen Wahlkrei­sen proklamiert die Sozialdemokratie Stimmenthal­tung. Dagegen ziehen die Liberal-Demokraten in acht Bezirken zurück

Unser Leitartikel im 2. Blatt, der geschrieben und gedruckt war, ehe die vorstehende Meldung eintraf, hat bereits die Möglichkeit eines Großblockbündniffes ins Auge gefaßt- Das Bündnis ist auf Grund des Selbsterhaliungsttiebes abgeschloffen, ohne dieses Ab­kommen würde es beiden Parteien sehr übel ergangen sein, da die Liberalen mit den Sozialdemokraten auf der ganzen Linie im Gefecht stehen. Die Hoffnung der BlcÄbrüder. die Mehrheit im Landtage zu er­langen, dürfte indeffen fehl geben. Das Zentrum hat mit den Lothringern bereits 28 Mandate in der Hauptwahl gesichert, hat afio die Mehrheit beinahe erreicht. Wenn es mich keinen großen Zuwachs mehr erwarten darf, das eine oder andere Mandat wird doch wohl noch zu holen sein.

men werden kam». Ich habe mich da in ein Wespennest gesetzt. (Allseitige Heiterkeit.) Ich habe eine energische Eingabe deS Deutschen Fleischer- verbandes erhalten und es vor allen Dingen mit den ’ Berliner Fleischermeister« vollständig verschüttet. ! Eie haben mir „agrarischen Liebesdienst" vorge- ■ morsen. (Abg. Roheit: Sehr richtig! — Große Heilt.) 1 In Berlin ist die Spannung zwischen Eugros-

unb Detailhanbel bei Schweinen auf 57 Mark gestiegen. -Hört, hörtl recht«.) So gan- unschuldig, daS wird ja auch Herr Kobelt annehmen, , find die Metzgermeister daran nicht. Wir . muffen den Versuch machen, auf ein gewisses Maß­halten der Fleischermeister binzuwirken und sie auf i ihre, ich möchte fugen, öffentlich-rechtlichen Verpflichtun­

gen hinzmveiseu, in der Zeit der Notlage gerade das Fleisch dem armen Manne nicht noch besonders ! und unnötig zu verteuern. (Sehrwahr! rechlS.)

Ich erkenne an, daß vieles auch für das Metzger- i Bewerbe teurer geworden ist, daß das Publikum größere Ansprüche macht. Dann ist eS aber richtiger, die größere Spannung bei dem Fleisch eintreten zu J lassen, die das bessere Publikum konsumiert, das , Rind- und Kalbfleisch. Was ich erstrebe, ist ein Preis- t regulator. Wenn wir den erreichen, so bin ich > überzeugt, daß wir alles getan haben, um der vor» ' handenen Teuerung entgegenzuwirken, und daß wir mit

Ruhe ohne allzu großer Sorge in die Zukunft blicken [ können. (Lebh. Beifall rechts.)

t Abg. Bogt-Erail8heim (Wirtsch. Bgg.): Die Auf- : Hebung des Schutzzolles und der Grenzsperre ist nicht . angängig. Auch die Einfuhr von minberroertiaem ! argentinischen Fleisch ist nicht zu empfehlen. Allenfalls . zuzuslimmen wäre einer Aenderung bes Einfuhrschein» , systems.

Abg. Dr. Heim (Zentrum): Die Teuerung macht 1 sich in erster Linie bei Kartoffeln und Gemüse ■ geltend. Die Wirkung ist umso schärfer, als die Kar­toffeln bei nicht ausreichender Futterernte als Ersatz für diese gelten muffen. Die allgemeine Teuerung ist ; verursacht durch das Sinken der Kaufkraft des Geldes, - die gehobenen Einkommenverhältnisse fast der gesam- : ten Bevölkerung, die Verteuerung der Produktion in» - folge der fortgesetzt steigenden Löhne, die Art der Or- i ganisaiion des Absatzes, die vor allem einer grünt)» ! lichen Reform bedürftig erscheint. Wie steht es nun ' mit der diesjährigen Ernte? Wir haben ‘ keine gute Heuernte, auch die Kartoffelernte hat ver- , sagt. Früher, wo wir noch nicht soviel Vieh hatten, ■ würde eine gleiche Ernte bei weitem nicht den Einfluß gehabt haben wie jetzt. Die Viehhaltung ist so stark ’ geworden, daß jeder Ausfall an Futtermitteln die : schwersten Wirkungen nach sich zieht. (Fegt er:

Stimmt nicht!) In Ihrem Dorfe vielleicht nicht. Ich : meine aber nicht Ihr Dorf, sondern das ganze Reich.

Es ist bedauerlich, daß man über solche Sachen erst mit jemanden debattieren mutz, der sachv-rständig sein ' will. (Heiterkeit! Fe gier: Ich werde Ihnen schon antworten!) Tun Sie das nur, ich fürchte mich nicht! Zu den allgemeinen, die Fleischpreise steigernden Mo­menten kommt daS Teuerungsgeschrei hinzu und die kapitalistische Ausnützung (stürm. Zustimmung im Zentr.). Diese Warenverteuerung hat ja auch den Kaffee ergriffen, und, Herr Kol­lege Oeser, die Leute, die hierfür verantwortlich sind, stehen sicher Ihnen näher als dem sog. „schwarz­blauen Block" (sehr richtig rechts und im Zentr., lebh. Widerspruch links). Aber weshalb stürzen Sie (z. d. Freis.) sich so in Unkosten mit Zwischenrufen? Es kommt ja Herr Fegter nach mir — da sind Sie doch vollständig gedeckt. (Heitk.) Sehr bequem ist es, zu sagen, an allem ist her s chwarzblaue Block schul d. Herr Oeser hat davon gesprochen, der schivarzblaue Block habe hunderte von Millionen neuer Steuern eingeführt. Aber warum denn? Der Abg. Fuhrmann hat neue Geh«ltserhöhungen für die Be­amten verlangt. Beim Bewilligen von Ausgaben find Sie (zu den NationaMb. und d. Vp.) immer dabei, aber die Beschaffung der Gelder überlas­sen Sie anderen. (Hört, hört, rechts und im Ztr.) Die höheren Presse sind eine Begleiterscheinung höherer Kultur, und die Teuerung besteht nicht nur in Deutschland. Auch in Japan sind z. B. die Preise für Lebensmittel um 80 bis 100 Prozent ge­stiegen. Die japanische Regierung hat darauf den Terminhandel mit Reis verboten. (Hört! Hört! rechts.) Bei uns gehen die Kartoffeln zollfrei ein, und trotz­dem haben wir eine enorme Preissteigerung. Die Preissteigerung ist zweifellos beeinflutzt von der Teuerung aller Bedarfsmittel, die der Landwirt für seine Produktion gebraucht. Sind doch im Laufe von 10 Jahren die gangbarsten Handelsfuttermittel um 50 Prozent im Preise gestiegen. (Hört, hört!) Unter der Teuerung leidet also zuerst der Bauer und mit ihm der Konsument. Der sozialdemokratische Vorstand eines oberbaherischen Sanatoriums wurde letzthin ge­fragt: Hielten Sie nicht früher Kühe? Ja, sagte man, aber da kostete uns das Liter Milch 28 Pfg. Jetzt beziehen wir es für 18 Pfg. vom Bauern. (Hört! hört! rechts.) (Zuruf links: Schlechte Wirtschaft!) Aber bitte — unter parteigenössischer Verwaltung. (Große Heiterkeit. Zuruf des Abg. Wagner von der rseistnnigen Volksportei: „Ich bin ja gar kein Partei­genosse!") Ach, entschuldigen Sie gütigst, im Moment habe ich mich geirrt, übrigen? ist ja zwischen Ihnen und der Sozialdemokratie kein großer Unterschied. (Stür. Heitk.) Nichtsdestoweniger sagt man draußen, unsere Zoll- und Wirtschaftspolitik sei an der Lebensmittelteuerung schuld. Und das wagt man zu behaupten, trotzdem die Lebensrnittel heute bil­liger sind als zur Zeit der zollfreien Einfuhr. Wir müssen bei der stetig steigenden Be­völkerung uns darüber klar sein, ob wir in der Lage sind, unseren Bedarf an Fleisch selbst zu decken. Und das zu können, danach müssen wir mit allen Mitteln streben. Die Spannung zwischen Vieh- und Fleischpreisen ist in den letzten 20 Jahren stetig und ununterbrochen in die Höhe ge- zarigen. Seit 1897 hat sich die Spannung verdrei- ucht. Da muß nach dem Rechten gesehen werden. Mit der Fleischversorgung allein auf das Ausland zu blicken, hat gar keinen Zweck! Wir haben eS ja er­lebt, daß seinerzeit daS österreichische Kontingent für Schweine gar nicht ausgenutzt werden konnte, in Oesterreich braucht man ebenso seine Schweine selbst, ebenso wie man in Frankreich fein Vieh selbst benötigt, und anderswo auch. Die bayerische Regierung, die französische Ochsen hereinlaffen wollte, da sollte ich gegen diese Maßregel mobil machen. Ich habe darauf geantwortet: Laßt die Ochsen doch ruhig herein (Große Heiterkeit) — ich meine natürlich die französischen Ochsen. (Erneute Heiterkeit.) Und was war das Re- ultat? Ganze 12 000 Rinder wurden eingeführt (Hört! Hört! rechts) und dabei beklagte man sich chou in Frankreich, diese Ausfuhr habe eine kolossale Steigerung auf dem Pariser Markt zur Folge gehabt. Wenn daS Vieh knapp ist, dann darf man nicht sagen: Die Landwirtschaft produziert nrcht genug. Tatsache ist, daß der Fleischkon-

fum ganz rapide gestiegen ist. Wir haben doch Städte, die einen Konsum von 78 Kilo Fleisch pro Kopf haben. (Hott! Hörtl) Die Ernährung des Vol­kes hängt aber nicht von der Fleischbeschaffung allein ab. Wir haben in Bayern große Bezirke, wo die Leute nur zweimal in der Woche Fleisch essen. Auch in Frankreich ist der Fleischkonsum viel geringer als bei uns. Wie sollen wir helfen? Der Reichs- tangier hat alle Vorschläge zur Abhilfe rundweg ab­gelehnt. Der Reichskanzler übersieht aber, daß wir seit 1902 sieben Millionen mehr zu ernähren haben. Wer es ehrlich meint mit dem Zolltarif muß sich fragen: Wird die Fleischversorgung in naher Zukunft Schwierigkeiten erfahren? Die Frage muß bejaht werden. Daher haben wir die Pflicht, für Abhilfe zu sorgen. (Zustimmung.) Wenn das argentini» fche Fleisch billiger ist, müssen wir eS einführen. Dieser Meinung sind wir einstimmig. (Hörtl Hörtl) Ob das Fleisch so schmackhaft ist, wie daS unserige, geht mich garnichts an, man muß es der minderbemit­telten Bevölkerung zugänglich machen, wenn sie eS haben will. Dafür, daß die billigen Preise dann auch wirklich den Konsumenten zugute kommen, müs­sen die Kommunen die Garantie übernehmen. Dauernd wollen wir natürlich kein Fleisch aus Argentinien ein» führen. Der einheimische Markt ist uns immer die Hauptsache. Darum fordern wir auch die Suspen­dierung oder Rückvergütung der noch be- stehenden Futtermittelzölle. Die baye­rische Regierung hat sich schon auf diesen Standpunkt gestellt. Die preußischen Lanowirtschaftskammern haben das leider abgelehnt, mit sehr unglücklicher Motivierung. Sie sehen, meine Herren von der Sin- len, ich finde auf der Rechten nicht viel Beifall. (Hei­terkeit und Zuruf: Im Zentrum auch nichtI) Das Zentrum ist einig, aber meine Freunde sind diskret und stören nicht durch Beifall. (Heiterkeit.) Der Reichskanzler hat Erwägungen versprochen. Womit soll der Bauer seine Schweine füttern? Mit Erwägungen? (Große Heiterkeit.) Oder mit dem Loch in der Reichskasse? (Erneute Heiterkeit.) Bei unseren Vorschlägen handelt es sich um kein Abgehen von unserm Wirtschaftsprinzip, sondern um eine Kon- zession an die tatsächlichen Verhältnisse. Der Hansa- bunb (Aha) verlangt auch die Herabsetzung des Zolls auf Heu. Wir haben gar keinen Vertragszoll auf Heu (Heiterkeit), sondern nur einen Tarifzoll. Herrn Fuhrmanns Ausführungen über die Einfuhrscheine sollten Sie sofort nach Konstanz telegraphie­ren, dort werden Sie guten Erfolg damit haben. (Heiterkeit.) Der Redner fordert, daß zeitweilig die Einfuhrscheine auf Kaffee und Petroleum fortfallen. Das allerwichtigste Gebiet für die dauernde, anhal­tende Fleischversorgung ist die richtige Besitz. Verteilung. Weg mit der Latifundie»- loirtschaft. (Beifall links.) Dadurch wird ein Uebergang von der Feld- zur Waldwirtschaft begünstigt. Weg mit den Fideikommissen! (Beifall ttnks). Aber Bauernfideikommisse bis zu 50 HektarI (Zustimmung.) Nur aufs Inland ist Verlaß. Es bleibt nur die Hoffnung auf unsere in­ländische Produktion. (Abg. Naumann: Die Zoll- Politik vermehrt aber die großen Güter!) Wenn das so wäre, stände ich auch auf Ihrem Standpunkt. DaS jst ja Ihre Krankheit, Sie schematisieren. Sie schablo. nisieren, Sie machen es wie im Warenhause nach Muster fünf! (Ledebour: Sie schaukeln ja; ein­mal nach rechts, einmal nach links!) Das kommt da- her, weil die Wahrheit immer in der Mitte liegt. (Heiterkeit.) Die Wahlparole bei den nächsten Wahlen ist der Freihandel, und die „Münch. Nachr." sagen, sobald der schwarz-blaue Block zertrüm- wert sei, würde die Teuerung verschwinden. (Hei­terkeit.) Herr Fuhrmann sagt, es handle sich weni­ger um die Zollpolitik, als darum, einer herrschenden Klique und einer religiösen Partei den Rücken zu brechen. An sich ist die Politik der nationaliberalen Herren ja ganz fchlau. Wenn sie Stimmen von rechts brauchen, dann heißt es, wir halten fest an unserer Schutzzollpolitik, brauchen sie Stimmen von links,

aber bald wieder. Die Besprechung der Interpellation Über

die Lebensmittel- und Futtetteuernng wird fortgesetzt.

Abg. Fuhrmann (natl.): Ich stimme dem Abge' ordneten Spahn darin bet, daß eine große Span' nung zwischen Vieh- und Fl eischpreisen besteht. Bon einer Teuerung inbezug auf die Biehpreise kann eigentlich nicht gesprochen wer: en. Dagegen besteht eine Teuerung hinsichtlich der Kartoffeln, Milch, Butter, Eier usm. Darin hat der Reichskanzler recht, daß kein Land von der Teuerung verschont ist. Unsere Wirtschastsp. ttiit ist also an der Teuerung nicht Schuld. Für die Frachtermäßigungen der Regierung sind wir dankbar. Ich möchte Den Vorschlag des Abg. Spahn unterstützen daß diese Frachtermäßigung nicht nur für Futtergel te und Mats Platz greift, sondern auch für Futtermtschungen, und weiter möchte ich zu erwägen geben, o’> nicht der Ausfuhrtarif für Getreide eine allgemeine Geltung auch für das Inland erhalten könnte. Wir sind mit der Regierung einverstanden, daß die Kommunen alles tun müssen, die Spannung zwischen Groß» und Kleinhandelspreis zu mildein. Mit der Einschränkung des Einsuhrscheinsystems sind wir eüroeiftanben. Hinsichtlich der Ermäßigung der Futter- miiuhöHe möchte ich Rückerstattung der Zölle an die aus dem Ausland beziehenden Landwirte befütroorlen. Eine zeitweise Nachlassung speziell der Futtermittelzölle, wie sie sogar von den Abgg. Spahn und Heim desür- wortct wirb, bedeutet noch lange tein Rütteln an den Grundtagen unserer Wirtschastspolitik. Die Rede, Die d-: Reichskanzler gestern gehalten hat, war eine Wahl- x de. Er will alle Parteien einigen, die au 'm Boden des Schutzes der nationalen Arbeit stehen. Senn der Reichskanzler die Parteien der Linken als Erfahr sur die Wirtschaftspolitik hmstellt, so sollte er tuen viel gefährlicheren Femd bet den Herren der siechten suchen. Entfremdung und Haß ist eingezogen m Stadt und Land, die Folge der agrarischen Politik! Wir werden in den Wahlkampf gehen in der liebet« zeugtmg, daß es sich nicht allein um den Schutz der nationalen Arbeit handelt, sondern um die Richtung, die unsere gesamte innere und äußere Politik in Zukunft nehmen soll. (Beifall b. d. Natl.)

Abg. Höffel (Refotmp.) rechtfertigt die Zollschutz­gesetzgebung, die Einfuhrscheine, dank denen der Ge­treidebau im Osten ganz erheblich zugenommen hat. Der Preissteigerung der Lebensmittel steht eine all­gemeine Steigerung aller Warenpreise gegenüber. Redner stellt den gestrigen Loaungen des Abg. Scheide» mann an die Kleinbauern die sonstige verächtliche Auf« sasstmg des Bauernstandes gegenüber, die für gewöhn­lich alle sozialdemokratischen Aeußerungen charakterisiert.

Preußischer Landwirtschaft-Minister Dr. Freiherr v. Schorlemer-Liser: Der Abg. Scheidemann hat gestern, wie die sozialdemokratlsche Presse schon seit langem tut, von einer Hungersnot gesprochen. Das find aber .denn doch recht narle Uebertieibungen. Es besteht ein Futtermangel, aber eine Mißernte ist nur bei Zuckerrüben zu konstatieren. Die Kartoffel« ernte ist besser gewesen als vorausgeseheit wurde. Das übertriebene Geschrei wegen des Mangels an Ware hat auch dabei den Handel sofort veranlaßt, die Preise zu erhöhen. So ist es gekommen, daß m>« in Dem Augenblick, wo man in Berlin 8 und ati anderen Orten sogar bis zu 12 Mark für den Doppel­zentner zahlte, er in P,mmer» und in Ostpreußen nicht für 2,60 Mark zu verkaufen war. (Stürm. Hört, hört! und Sehr richtig! — Unruhe links.) Das muß offen und ehrlich gesagt werden. Leider hat sich der Handel eS Teucrungsgeschreies bemächtigt. (Sehr richtig!) lerade die "Herren von der Linken und ihre fresse haben nicht wenig dazu beigetragen. Die Zustände noch z u verschlimmern. Nun 'jum Brotgetreide. Beim Roggen hatten wir ' eine so gute Ernte wie nur selten, beim Weizen aller­dings eine kleine Mißernte. Dos ist ein verhältnis- mäßig günstiges Ergebnis Die Ernte an Gemüse ift allerdings sehr gering und schlecht, aber auch in ganz Europa. Dem Mangel an Futtermitteln haben wir Durch erhebliche Frachtermäßigungen abzu- , helfen gesucht. Letder hat der Ersolg nicht überall den Tatsachen entsprochen. Auch hier hat der Handel die den Landwirten zugedachten Vorteile in seine Tasche gesteckt. (Lebh Zustimmung rechts.) Ich habe des Interesses wegen hier eine mir zugegangene Rechnung mitbebracht, die vom 29. September 1911 datiert ift unb über einen Betrag für Seiften futter« mehl im Betrage von 12650 Mark lautet, und in bet ausdrücklich der Vermerk des Händlers enthalten i't: „Not tanostarif zu meinen Gunsten". (Hört, hört! rechts.) DerAushebung unb zeitweise» Beseitigung Der Zölle stehen grundsätzliche Bedenken entgegen. Die Preise des Weizens und des Rorgens sind hoch, aber nicht so hoch als in den Jahren 1903 und 1907, wo von einer Hungersnot nicht die Rede war. Das so viel angegriffene Ernfuhrscheiutystem ist keine «flra. ifdie oder konservative Erfindung, es oerbantt seine । Ursprung Anträgen von freisinniger Seite und der energischen Befürwortung des Abg. Widert3. (Hört, hört! rechts.) Es wirb behauptet, daß die Roggenausfuhr in diesem Jahre einen bedenl- hd)en Umfang angenommen hat. Das ist unrichtig. Der geringen Mehtaussuhr an Roggen steht eine ganz bedeutend größere Weizeneinfithr gegenüber. Der Minister gibt die entsprechenden Zahlen. Bon einer Entblößung des deutschen Vaterlandes von ®e» tteiöe kann keine Rede fein. Die Medreinsuhr von Weizen und die Mehrausfuhr von Roggen ergeben sich aus der Steigerung des Wohlstandes unb Der x.eta!iCetung der Geschmacksrichtung. Wer früher , *L'n Dienüboten noch Roggenbrot vorsetzen durste,

'^nelL b^nte Weißbrot unb Semmeln. fCHrd) eine Aenderung des Einfuhrsystems würden w^r i.aher dem Handel, der Schiffahrt und den See- itadten tm Osten unermeßlichen Schaden zrrsugerr und dem Westen gar nrchts nützen. Das ist auch Die An- ficht Der Handelskammer von Königsberg, Die sicher nicht tm agrarischen Fahrwasser segelt. (Zustimmung rechts.) Dann die Frage der Fleischpreise und der Fleilchversorgung: Ich bin nicht gesonnen, eine Teuerung ganz in Abrede zu stellen. Neber drei Fünftel des Gebrauchs — und gerade bet ärmeren Bevölkerung — wirb durch die Schweine gedeckt, deren Meise nicht gestiegen, sondern gefallen find. Die niedrigen Schweinepreise haben indessen in Den Schiveinefleischpreisen nicht Überall den entsprechenden Ausdruck gefimbeiL Ich bin auch mit städtischen Ver­mattungen in Verhandlung getreten, ob auf bie Fleischer- meister nicht entsprechend eingewirlt und nötigenfalls , auch unter Umständen der Verkauf von Schweinefleisch : dnekt an die ärmere Bevölkerung in die Hand genom- t