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M 244.

Dienstag 24. Oktober (9U

58. Jahrgang.

fuldaer

Zeitung

2. Blatt.

Vrilck «Nb Verlag der Zaldaer Aettendrn<kerei in $*lbo.

Veutjches Reich.

* Eia vergebenes Versprechen Hugnft 9ebtI3. @3 war auf dem Parteitag in München im Jahre 190 . Der Freideukeragitator Welker (Wresbaden) hatte sich der sozialdemokratischen Partei

forderte Fte in München auf, ihre MaSke satten zu lassen und offen die Agitation für dle freidenkerlsche Mufklärnna zu übernehmen, deren Zrel und Lus. |abe er in das Voltaire,che Wort »EcrasezJ1°!a,™e /Vernichtet die Infame, d. h. die katholische Kirche) Zusammenfaßte. Das itef August Bebel auf den Plan und er sprach also: „ .

, .Religion ist Privalsache! — das steht nicht in unferm Programm, weil es selbstverständlich ist . .. Jeder mag glauben, waS er will, er kann als Sozial­demokrat katholischer Christ, er kann Materialist und Atheist sein; das geht keinen Menschen innerhalb der Partei etwas an. Nur wenn er für feine religiöse Ueberzeugung als Sozialdemokrat Propaganda machen will, treten wir ihm en ergisch entgegen, beim ipann verletzt er den für uns selbstverständlichen iSrunb» sah: Religion ist Privatsache" (Protokoll S. 24t).

> DaS war im Jahre 1902. Heute schreibt man 1911, »nb von der Einlösung dieses Bebelschm Versprechens hat kein Mensch etwas gesehen. Und doch wäre zu dem von Bebel in Aussicht gestellten .energischen Ent­gegentreten" Gckegenheit in Hülle und Fülle^ gegeben I" etoefen- Denn innerhalb der Partei hat sich ein fo- ialdemokratischer Freidenkerverband gebil- et. Genoffen in führender Stellung betreiben mit der rößten Ungeniertheit die Propaganda für die Frei» enteret mit ihrem wütenden Gottes- und Kirchenhaß mb werben dabei von der sozialdemokratischen Partei- reffe kräftig unterstützt. Selbst sozialdemokra- ische Abgeordnete gebärden sich in der Pose des Frei- enkeragitators, wie z. B. der Abg. A. Hoffmann, der im preußischen Landtage von der Rednertribüne aus die Agitation für den Austritt aus der Kirche betrieb. Das alles weiß Bebel, und was sprach er gegen die­ses Treiben? Nichts! und abermals Nichts! Entwe­der haben Bebel und die Seinen nicht den Mut ober flicht die Macht, das Versprechen von einem „energi­schen Entgegentreten" einzulösen oder, das Bebelsche versprechen war wie die sonstigen Prophezeiungen des Mannes über das Hereinbrechen des großen Kladdera­datsches nichts als ein Blender, Zukunftswechsel, ein- zulösen am St. Nimmermehrstag.

s * Karlsruhe, 20- Okt. 1911. Dec Großherzog ,pnd die Großherzogin von Sachsen-Weimar sind zum Besuch des badischen Großherzogspaares hier /eingetroffen und haben im Residenzschloß Wohnung bezogen.

d* München, 23. Okt. 1911. Die liberal-sozialbe- ywkratische Mehrheit in der Gemeinde München hat jüngst in unliebsamer Weise dadurch von sich reden ge- fnacht, daß sie die Aufbesserung der klösterlichen Lehrkräfte verweigerte, während diese allen an­deren Kategorien langst zugebilligt wurde. Dieser Abweisende Beschluß gab Veranlassung zu einer gro­ßen, stark besuchten Protestversammlung, welche vom christlichr-deutschen Frauenbünde veranstaltet wurde, in der Gymnasialprofeffor Schnepper das Refe­rat hatte. Ex sagte, daß mit der Abhaltung dieser Versammlung eine Zeit zugewartet wurde, weil die Meinung bestand, daß vielleicht von anderer Seite eine solche anberaumt würde. Es sind doch, wenn t8 sich um Frauenwürde rmd dergleichen handelt, die Frauenrechtlerinnen immer gleich hilfsbe- fceit bei der Hand, mit denen sich dann auch andere Frauenbünde, die sonst sich in abweichender Richtung bewegen, zusammenfinden- Diesmal aber ist über allen Wipfeln Ruh' I Der Redner stellte fest, daß eine Hilfs­lehrerin bereits über 1300 Mark bekommt, eine Verwe­serin 1600 Mark bezieht und das Gehalt einer wirk- iichen Lehrerin mit der Zeit über 3000 Mark be- rägt, während die Klosterfrauen, die zum minde- ten die gleiche Bildung besitzen und das gleiche eisten müffen und von denen einige sogar 20 Dienst­jahre haben, mit dem geradezu beleidigenden Gehalt pon nur 600 Mark abgefertigt werden. Um nun halb- fvegs diese Ungerechtigkeit auszugleichen, war bean­tragt worden, die Summe doch wenigstens auf 1000 Mark zu erhöhen, was eine Ausgabe von 6000 Mark Erfordert hätte. Das liberal-sozialdemokratische Kar­tell konnte sich aber in seinem unbegrenzten Haß gegen glles Klösterliche hiezu nicht aufschw'mgen, sondern hielt daS Einkommen der armen Klosterfrauen — 600 Mk.

im Jahre — für .angemessen" aus .Prinzip". Man will die Kkosterftauen eben einfach zwingen, die Lehr­stellen aufzugeben, denn die Ansicht, daß 6000 Mark Mehrausgaben bei einem 75 Millionen-Vudget, wie es die Stadt München hat, in Betracht kommen, wäre doch zu lächerlich. Die Ablehnung dieser Baga­tellsumme bleibt für die Stadt München ein immenväh- renbet Schandfleck, so schloß der Referent seine wir­kungsvolle Siebe,

Ausland.

*♦ Ein belgischer Sozialist über die Schulfrage. I» Marcinelle in Belgien fand eine Versammlung von Katholiken ftati, zu dem sich auch der sozia­listische Abgeordnete Desträe eingefunden hatte, um den Rednern entgegenzutreten. In seiner Er­widerung auf die katholischen Ausführungen gab er zu, daß die Katholiken der Sache des Unterrichts großen Eifer zuwenden. Die Katholiken seien keine Feinde des Unterrichts überhaupt, son­dern nur deS Laienunterichts. Der.Genosse" erklärte, man habe eS den katholischen Schulbrüdern zu ver­danken, wenn der Volksschulunterricht sich so aus­gebreitet habe, und er gab zu, daß die Freiheit des Familienvaters in der Auswahl der Schule für seine Kinder anerkannt werden müsse. Desiree er­klärte sich übrigens bereit, für die Verteilung der Schulsuppe an die Kinder der Staatsschule und freien Schule auf Staatskosten einzutreten. Eine Art sozialistischer Schulen wollten die Sozialisten nicht schaffen, es genüge ihnen zur Erreichung ihrer Ziele vollkommen die neutrale Staatsschule.

* Nette Freiheitshelden sind die republikanischen Zaunkönige m Portugal. Die republikanischen Demokraten beabsichtigen, einen Gesetzentwurf ein­zubringen, nach dem alle Monarchisten, die nicht als Verschwörer bekannt sind, aufgefordert werden sollen, binnen einer bestimmten Zeit nach Portugal zurückzukehren, da sonst ihr Besitztum konfisziert werden würde. Der Besitz aller, die an dem Auf­stand an der Grenze aktiv beteiligt sind, sei sofort einzuziehen. Die letztere Bestimmung bezieht sich hauptsächlich auf die Besitzungen Exkönig Manuels und des Hauses Braganza, da bereits festgestM worden ist, daß der Herzog von Oporio nach Ga­lizien gesandt wurde, um dort an der Organisation der TruPPeir mstzuarbeiten. Bezüglich der Mo­narchisten, die sich auf dem portugiesischen Gebiet befinden, schlägt bte Regierung vor, diese unruhigen Elemente nach Portugiesisch-Indien zu senden, wo Arbeitskräfte mangeln. Die Leute seien mit einem kleinen Anfangskapital zu versehen, um mit dessen Hilfe das Land, das reich an Gummi, Gold und Mineralien ist, auszubeuten. Die Führer der Mo­narchisten sollen mit strengen Gefängnisstrasen be­legt werden.

Amt Geisa und Umgebung.

* Stadtlengsfeld, 23. Okt. 1911. Bei einer durch Bezilkstierorzt Wächter-Termbach gründlich vorgenoinmenen Stallrevision sind noch 4 v e r - feuchte Gehöfte ermittelt worden. Auf einem fünften Gehöfte war die Diaul- und Klauenseuche schon erloschen.

* Cedjjcn, 22 Oktober 1911. Der hiesige Rai ff - eisenverein hielt diese Woche feine General­versammlung ab. Aus dem Nechensc' a 'sbericht konnte man ersehen, daß die wirtschaftliche Lage Oechsens sich von Jahr zu Jahr hebt. Eiu gut Teil hat unser segenstifleuder Verein dazu bei­getragen. — Das Basalt werk am Schorn ist jetzt Tag und Nacht tätig. Ein reges, fleißiges Leben benscht in unserem Orie.

* Weilar, 24. Okt. 1911- Ein Holzfuhrmann aus Oberzella bei Vacha wollte aus dem hiesigen Forst eine Fuhre Holz abholen Während er sich nun nach dem Holze umsah. bemerkte er, daß während seiner Abwesenheit sein Frühstück sowie zwei Pferdedecken verschwunden waren. Jedenfalls hat der Wil­derer Klotzbach sich dieselben angeeignet. Aus die Ko­sten dieses „Messier Diebes" setzt man auch einen E i n- bruchsdieb stahl, bet in Stabtlengsfelb in ber Nacht auf Sonntag verübt würbe. Dort würben bei

bem Lanbwirt Karl Abee 4 Laibe Brot, eine Flasche mit Schnaps, ein Topf mit sauren Gurken unb ver­schiedene Aepfel entwendet. Der Spitzbube probierte auch die sonst noch vorhandenen eingemachten Früchte, indem er das Pergamentpapier, welches über die Töpfe gespannt war, entzwei stieß. Es schien ihm abe» nichts gemundet zu haben, denn von dem Eingemachten nahm er nichts mit.

* Aus Thüringen, 23. Oft. 1911. Der seit vielen Jahren im Dienste des I e n a e r städtischen Gas- und Wasserwerkes stehende Kassenbote Richard Veit hat sich, wie das „Jenaer Volksbl-" erfährt, Unterschlagungen zu schulden kommen lassen, die auf 30 000 Mark ge­schätzt werden. Ein Selbstmordversuch, den Veit un­ternahm, mißlang. — Die Stadtverordneten in Söm­merda haben beschlossen, das viertelstündliche Ab­blasen vom Kirchturm während der Nachtzeit wieder einzuführen. Es wird heutzutage nur noch wenige Orte geben, die eine ähnliche Einrichtung besitzen. Die Stadtväter von Sömmerda haben noch Sinn für Ro­mantik. — Der Bürgermeister von Schleusingen erläßt folgende Bekanntmachung: An meine Mitbür­ger richte ich die dringende Bitte, mir doch alle zu ihrer Kenntnis gelangenden Mißhandlungen von Tie­ren, wobei ich namentlich an die Zugtiere denke, anzei­gen zu wollen, damit ich die Täter zur Bestrafung ziehen kann. — Ein starkes Stück leistete sich ein Bauer von Obergreuth bei der Schätzung des Mänöverschadens. Er verlangte nämlich für das Was­ser das durchziehende Soldaten aus einem Brunnen getrunken hatten, 6 Mark. Die Abschähungskommission hatte für diesen Schaden kein Verständnis und hat ihn stillschweigend gestrichen. Wie man hört, will nun der Bauersmann den Prozeßweg beschreiten. — Die Ge­nehmigung zur Errichtung einer Chlorkalium­fabrik der Gewerkschaft Sachsenburg und zur Ab­leitung der Endlaugen in die Unstrut wurde ver­sagt, weil eine weitere Verunreinigung und Verhär­tung des Wassers die weiten, ertragreichen Wiesen des Unstuttales vernichten und auf die gesamte Landwirt­schaft des Tales geradezu unheilvoll wirken würde.

Ans Gberhesien s. den Hess. Remtern.

A Marburg, 23. Okt. 1911. In ber heutigen Sitz­ung ber ©tabtöerorbneten würbe im Hinblick auf einen Antrag ber Beamtender einiaung beschlossen, stäütischer- seits Seefisch: zu beziehen unb bie Metzgerinnung zu ersuchen, bte Fleischprcise herabzusetzen, etient. einen städtischen Fleischmarkt einzurichten. — Etwa 180 ehemalige 81er aus den Kreisen Marburg, Kirchhain, Ziegenhain begründeten hier eine Vereinigung zwecks Teilnahme an ber hundertjährigen Jubelfeier des 81. Regiments in Kassel im Juli, 1913.

* Ztkgtutzo.w, 23. Ott. 1911. Das hiesige Schönengemcht verhanbelte gegen die beiden Arbeiter Franz Große und Karl George atts Ropper- hausen, weil sie vor drei Monaten den Fabritac- beiter Hahn auf der Landstraße von Ziegenhain nach Ropperhausen übersteten und bestohlen hatten. Franz Große wurde zu 1 Jahr unb Karl George zu 9 Monaten GZänguis verurteilt. — Unter dem R ndviehbestande des Landwirts Joh. Priutz zu Meugsberg ist die Mtlzbrandseuche ausgebrochen.

* FrankenSerg, 23 Oft. 1911. Die Ehefrau des Rottenführers Hollstein $u Wiesensclv hat sich in gefttiger Umnachtung, w.e man aus den Familien- vcrhältnissen zti schließen glaubt, auf dem Boden ihres Hauses erb äugt.

[:] Neustadt, 23. Okt. 1911. Das Anwesen des von hier verzogenen Sauitätsrates Dr. Braun ist durch Kauf in den Besitz der Herren v. Canstein in Berlin übergegangen. Dieselben sind durch ein in unserer Gemarkung gelegenes Gut hier anssäsig uud beabsichtigen, das Gut später selbst zu bewirt- schasien.

* Fritzlar, 23. Okt. 1911. Dem Lehrer Seipel aus dem benachbarten Torfe Rothelmshausen wurde anläßlich des Ausscheidens aus dem Amte der Adler der Inhaber des Havsordens von Hohen- zolle.n verliehen. — Der ans M aden stammende sattlet Wilhelm Seitz, ein noch junger Mann, der mit falschem Paß nach Amerika auswaudern wollte, hat sich während der Uebersahrt am 12. September ds. Js. das Leben genommen, indem er sich eine Kugel in den Kopf jagte. Der wirkliche Name des

unglücklichen jungen Mannes konnte erst jetzt fest- gestellt werden. — Bei der diesjährigen Stall» Prämiierung erhielt Draude-Fritzlar den zweiten Preis in Höhe von 175 Mark.

vermischter.

♦ Auf der Variktebühue verunglückt. Der Führer der Akrobatengruppe Popeschi, der in einem Varietö in Prag einen dreifachen Saltomortale vom Reck herab auf das Parterre machte, fiel beim Sprunge mit bem Kopse zu Boom und erlitt eine schwere Gehirnerschütterung. Die Aerzte haben wenig Hoffnung, ihn am Leben zu erhallen.

* Ein neuer Rembrandt entdeckt. Dem Direktor der dänischen Nationalgalerie Karl Madsen ist ein Fund von größter kullllrhistorifcher Bebeutung geglückt- In einem Dienerzimmer des Schlosses Fredensborg entdeckte er vor einiger Zeit einen echten Rembrandt, verheimlichte aber seinen Fund, bis er die notwendi­gen Arbeiten über das Gemälde abgeschlossen hatte. Dann lud er die hauptstädtische Presse zur Besichtigung des Bildes ein und lüstete den Schleier des Geheim­nisses. Das Weck stammt aus Rembrandts Jugend­zeit, aus dem Jahre 1630, unb zeigt in natürlicher Größe das Brustbild eines älteren Mannes, dessen Haupt mit einem roten Barett geschmückt ist. Das Bild ist hervorragend gut erhalten unb stellt das wert­vollste Rembrandtiverk bar, das Dänemark überhaupt besitzt.

Handel und Industrie.

* Berlin, 23. Okt. 1911. Die heutige Börse war verstimmt und lustlos. Die leitenden Bank­aktien stagnierten vollständig. Schiffahrtsaktien ruhig und auch Elektrizitätswerke still, der Montanmarkt lag ebenfalls gedruckt.

Märkte.

* Frankfurter Gctreidemarktberkcht vow 23. Oktbr. Am heutigen Markte war Weizen genügend angeboten, jedoch war die Nachftage nicht groß, und da die Händler nicht unter Forderung abgeben wollten, kamen zur Notierung keine Schluffe zustande. Fremde Sßeijen lagen unverändert. Roggen konnle bei flottem Mehlabfak schlank verkauft werden. Gerste fest. Mais und Hafer bei flottem Absatz anziehend und höher bezahlt. — Futterartikel ruhig. — Es notierten nach Qualität: Weizen: hiesiger und Wetterauer 21.25—21.40 M, auf dem Lande abgeholt 20.40 - 20.60 M., kurhessischer 21.25—21.40 M., nord­deutscher 00.00- 00.00 M., 'llmerit. Redwinier 22.50- 23.00 M., Kansas 23.50-24.00 M.. russischer Nieolajeff 23.25-23.50 M., Saxonska 22.75—23.25 M., Ulfa 23.00 -23.25 M., Azima 23.00-23.25 M., La Plata 23.25-23.75 Mk., rumän. 23.00-23.25 Mark, Walla Wallo 23.75—24.25 M. — Roggen: hiesiger, 19.60 bis 19.10 M., auf dem Lande abgeholt 18.25—18.50 Mk., Pfälzer 00.00-60.00 M. russischer 00.00-00.00 M., rumänischer 00.00-00.00 M. — Gerste: hies. 20.25 dis 21.50 Mark., Pfälzer 20.75-21.75 Mk, fränkische 20.75-21.75 M.. Riedgerste 20.50-21.50 M., ungarische 23.50—24.50 M-, Futtergerste 16.00-17.00 M. — Hafer: hiesiger und Wetterauer 19.00—19.25 Mk., lurhefs. 19.00- 19 25 Mk.. bayer. 19.10-19.35 Mk., La Plata 00.00- 00,00 Mark, russischer 18.75-19.75 Mark. — Mais (Mixed) 00.00-00.60 Mark, Donau­mais 17.35—17.60 Mark, La Plata 17.25—17.50 Mark, Ovessa 17.30-17.60 M., russischer 17.25—17.50 Mark. — Alles per 100 Kilo netto, effektiv loko hier. — Mehl: fest. — GS notieren je nach Qualität: Weizenmehl, hiesiges, Nr. 0 31.75—32.25 M., südd. Nr. 0. 32.00-32.25 M., hiesiges Nr. 1 29.75 -30.25 M., süddeutsches Nr. 1 30.00-30.25 M., hiesiges Nr. 3 27.75- 28.25 M., süddeutsches Nr. 3 28 00—28.25 M., hiesiges Sir. 4 25.75-26 25 M., süddeutsches Nr. 4 26.00—26.25 M. — Roggenmehl,hiesiges,Nr. 027.75 bis 28.25 M., do. Sir. 01 26.75—27 25 M., do. Nr. 1 25.75—26.25 Mk. Alles per 100 Kilo inklusive Sack loh> hier. — Futterartikel: ruhiger. — Weizen- ichalen 14.00-14.25 Mk., Wetzenkleie 13.75-13.90 Mk., Roggenkleie 12.75—13.00 M., Weizen-Futtermehl 15.5® bis 16.00 M., Biertreber, getrocknet, 14.25—14.50 M., Malzkeime 13.25-13.75 M., Rapskuchen 13.50—14.00 Mk., Palmkuchen 14.23-14 50 Mk., Melaffeprodukte 13.00-13.50 Mk., Kartoffeln 7.75-8.00 Mark. Alles per 100 Kilo netto effektiv loh) hier bei Abnahme von 10900 Silo.

* Frankfurter amtliche Notierungen der Biehmarkt- preise vom 23. Okt. 1911. Austrieb: 1705 Rinder, 454 Ochlen, 41 Bullen, 1210 Färsen und Kühe, 0 Fresser, 265 Kälber, 560 Schafe, 2788 Schweine. Preise für

herzlich I

XVII.

Lebenrwende.

19] Roman von Horst Bademer.

Da streckte ihm Trütow bie Hanb entgegen. „Ich beide, Sie sollen sich 6alb überzeugen, daß ich ein bet« pünstiger Mensch geworden bin, seit ich wieder festen Boden unter bien Füßen habe?"

„Daß wir uns so schnell verstehen, freut mich

Schlitten auf Schlitten fuhr in ber Kreisstabt porm „Goldenen Lamm" vor- Großgrundbesitzer und behäbige Bauern wickelten sich aus den Decken und stampften in ihren großen Pelzen schnell in die warme Gaststube, durch die der Tabaksqualm in langen Schwaden zog. Dampfende Grogs standen auf bat Tischen, lebhaft wurde hin und her geredet, dann ein Rücken der Stühle, einen Augenblick wurde es still, der mittttgroße, unterteile Landrat, Herr v. Gehr­hof, betrat das Lokal, ein Schnmnzeln um die Lip- ven. Er rieb sich vergnügt die Hände, sprach mit bem unb jenem ein paar freundliche Worte; er hatte (S gut, seine getreuen Schaflein machten ihm das Leben nicht schwer. Und heute hatte er besonderen Atüaß, zufrieden zu fein, bte Vorverhandlungen mit dem Salzivedeler Kreise waren beendigt, das Geld lag bereit, im Frühjahr konnte mit dem Bau einer heuen Chaussee im Verein mit dem Nachbarkreis be­gonnen werden. Da würde manches Dorf ein „Gott sei Dank" zum Himmel stammeln, denn bie Wege- perhältnisse lassen in ber nassen Altmark noch viel zu wünschen übrig.

Man ertunbigte sich, wie die guten Freunde Weih­nachten und Neujahr vettebt hatten, was die Winter- .faaten machten, schimpft- ein wenig über die Politik und die LeuteverMniffe und Prostete sich schließlich ganz zufrieden an. Eine Kehrseite hat eben jede Medaille.

Da trat ber baumlange Ortsschulze von Möhrin­gen, Rinzelberg, ein; er hatte bei ber Leibkompagnie pes ersten Garberegiments zu Fuß gebient, vierter Pom rechten Flügel im ersten Gliebe. Er ging birekt Kus ben eben ankommenden Herrn v. Wustermack zu.

„Wahrhaftig? — Krank!"

„Leiber, Herr v. Hakburg wäre gern gekommen!" „Was fehlt ihm benn?"

„Ich weiß nicht, ber Arzt ist nicht in Möhringen gewesen!"

„Na, bann wirb's wohl nur ’n regelmäßiger Schnupfen von dem Hunbewetter sein!"

Herr v. Mereuth war herangetreten.

„Nein, ihm ist ber Schrecken in bie ©Heber ge­fahren!"

„Der — Schrecken?"

Aber Mereulh bebeutete Wustermark, zu schwei­gen; er ärgerte sich, baß biefetn sein Mundwerk so weit burchgegangen war-

„Na, Rinzelberg, bann grüßen Sie bitte schön, unb sagen Sie, ich käme bie nächsten Tage 'mal mit ruber!"

Freundlich nickte Herr v. Wustermark dem Riesen zu und zog dann Mereuth in eine Ecke.

„Nun sagen Sie, was ist denn eigentlich los?"

„Ich weiß es ganz genau, aber ich verrate nichts!" Da gab ihm Wustermark einen gelinben Rippen­stoß.

„Kramen Sie boch ein bischen aus, mein Bester!" „Ein ganz kleines bischen meinetwegen! — Herr v. Sosquen kommt auch heute zum Kreistage nicht!"

Da Pfiff Wustermack durch die Zähne, und als er gerade mehr fragen wollte, riefen einige: „Zur Sitzung in den Saal, meine Herren!"

Mereuth machte sich schleunigst aus dem Staube.

Der Landrat erstattete ben Bericht, man rief „Bravo" und gratulierte ihm und dem Kreise zu der erfreulichen Tatsache. Noch ein paar kleinere Ange­legenheiten wurden schnell erledigt; die offizielle Sitzung des Kreistages war vorüber, in aller Gemüt­lichkeit hatte sie ftattgefunben, den Grog vor sich, die Zigarre im Munde. Und ein paar Dutzend „Anlie­ger" der neuen Chaussee hatten mitten unter den Mit­gliedern des kleinen Parlaments gesessen und mit ver­gnügten Gesichtern im Stillen den Vorteil ausgerech­net, zum zweihundertsten Male mindestens, den ihnen die bessere Verbindung bringen würde.

Und schließlich fand stch einer nach dem anbem des Adels und waS in Gnaden in ihre Tafelrunde

ausgenommen worden war, in dem reservierten Zim­mer zusammen, um bei einem anständigen Umtrunk sich ein wenig „die Läuse von den betreffenden Le­bern" zu reden

Heute fühtte der alte Major v. Löberdau das große Wort. „Ja, Herrschaften, da war ich vor­gestern in Berlin unb hatte eine Menge Zeit, mit ber ich nichts Rechtes anzufangen wußte. I, benke ich, bu fällst mal bei Hans Heinrich Hakburg ein unb siehst bir an, wie ber sich in seinem Bücherladen fühlt! Ich verbrenn mir natürlich postwendend das Maul und bitte ihn, mir seine Schwarten zu zeigen. Er macht ein langes Gesicht und seht mir den Unter­schied zwischen Verlags- und Sortiments-Buchhänd­lern auseinander. Händigt mir aber in Gnaden einen Weihnachtsprospekt des Verlages Beiles Nachfolger, Rost u- v. Hakburg, aus; hier ist er, wahrhaftig ganz charmant, alles Sachen, die sich sehen laffen können, — soweit ich was davon verstehe. Unb ber Junge macht ein ganz zufriedenes Gesicht, das Geschäft fei über Erwarten gut gegangen, und das Beste brächte er erst im nächsten Monat Herons, und das soll einer fabriziert haben, der jetzt bei Sosauen sich die Finger wärmt! Sie kennen ja wohl diesen Herrn v. Trü­tow, Mereuth!"

„Ra, nu aber mal 'n bischen deutlicher", ruft Wustermack.

Aber Mereuth entgegnet ruhig: „Ich hab' ihn erst zweimal gesehen, er hat auf mich den denkbar besten Eindruck gemacht!" Dann rührt er gleichgiltig mit dem Löffel in seinem Grogglas herum.

„Soll aber doch im Leben saftig koppheister ge­gangen sein!"

„Was will das sagen, Herr. v. Wustermark, einer rangiert sich so, ber anbere eben anders — aus eige­ner Kraft!"

Wustermark biß die Zähne vor Wut zusammen, seit dieser Sosquen im Kreise war, rieb man ihm alle Augenblicke seine nicht ganz einwandsfrete Hei­rat unter die Nase. Früher war man über die ihm sehr genehme Tatsache mit einem Schmunzeln hin­weggegangen, vielleicht, weil man vor seinem losen Mundweck Respckt hatte. Unb nun wollte er bem Klingsberger auch gleich eine Quittung überreichen und dem „halben Rebellen" Mereuth dazu

„Ja, wo steckt eigentlich Herr v. Sosquen? Man hatte es doch verflucht eilig, ihn in ben Kreistag zu wählen, nachbem er kaum brei Pfund Salz bei un8 gegessen. Herr v. Mereuth, Sie machten vorhin ’ne Andeutung, als ob sein Fernbleiben mit unseres guten Arwed Hakburgs — na ja — Krankheit zu­sammenhinge!"

Da reckte man die Hälse. „Ein Mißverständnis, Herr v. Wustermark!"

Der alte Ritterschastsrat Knoch, ein vertrocknetes, kleines Männchen, mft sackastischem Humor, wollte die beiden ein bischen aufeinander hetzen.

„Nee, nee, — Mißverständnis! ’s ist immer inter­essant, man klärt solche Dinge auf. Also schütten Sie Ihr schüchternes Herz aus, Herr v. Mereuth, Wuster­mark wirb's Ihnen im Grabe noch banken!"

„Das glaub' ich nun faktisch nicht!"

Wustermark würbe ärgerlich, weil man lachte.

„Herrschaften, bas liegt boch klar auf ber Hand, der Sosquen hat bie Aba Hakburg rebellisch gemacht, unb bie hat bem guten Arwed Hakburg zugesetzt und zum Danke für alle seine Güte ärgert er sich nun über sie krank!"

„Da muß ich sowohl Herrn v. Sosquen, wie Fräulein v. Hakburg in Schutz nehmen!"

„Ah!" — Man rückte mit den Stühlen und stieß sich heimlich an. Und Mereuth zog vom Leder.

„Jawohl! Wenn einer mal andere Ansichten hat wie die Herde, dann gibt man ihm Fußtritte, ein billiges Vergnügen, vor allen Dingen dann, wenn der Setreffenbe nicht anwesend ist! — Ich kann Ihnen nur soviel sagen, meine Herren, daß mein Freund Sosquen heute aus ganz anderen Gründen nicht hier ist; mit Fräulein v- Hakburg hängen sie nicht zu­sammen! Und dann — wer glaubt von Ihnen wohl, daß der Unannehmlichkeiten aus dem Wege geht? DaS hat er wahrhaftigen Gottes nicht nötig, denn erstens steckt er uns mit seinen Krips alle miteinander in die Tasche, Sie nicht au8 genommen, Herr v. Wustermark, und zweitens wird man ihn niemals auf lichtscheuen Wegen finden; also kehren wir hübsch vor unseren Türen und überlassen wir einstweilen Herm v. Sosquen seinem Schicksal!"

(Fortsetzung folgt.)

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