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Fulda, Montag den 23. Oktober 1911

38. Jahrgang

Erstes Blatt

äs 243.

allein

60

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Anzrkge«: vir ei» spalttge Petitzeile oder deren Baum J5 pfg. Beklameudiepetitrelle . Pfg.. de» wieder- Holungen wird entspr.

Babatt gewährt.

Sdtatronrdruckuu- vertag derZuldaerLi» tiendruckerei ie Lulda Zernsprecher Ur. 9.

bleibe«. Vor der Hand aber glaube« wir, ist kühles .Abwarten am Platze.

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-5- Straßburg, 22. Okt. 1911. Bei den heutigen in Elsaß-Lothringen zum erstenmal auf Grund der neuen Verfassung vorgenommenen Wahlen zur zweiten Kammer waren insgesamt 60

ö Die Türkei aas der Büudnissuche.

Der Großwester Said hat bckarmtlich in der tüc­kischen Kammer bewegliche Klagen angestimmt über die isolierte Lage der Türket und hat von Ententen und Bündnissen gesprochen, die die Türkei eingehen müsse, um ferner nicht so allein in der Welt dastehen zu müssen.

q^rmta hat mau hier oder da schon den kühnen Schluß gezogen, die Türkei wolle in den D r e t b n n d einspringen. Ein Gedanke, der nicht ganz neu tftba schon seit Jahren gelegentlich von dem Anschluß Ru­mäniens oder der Tückei an den Dreibund Phanta­siert wird. Von seinem türklschen Standpunkt auS hat Said PasSa ganz recht, wenn er Anlehnung an friedlich und freundlich gesinnte Mächte sucht. Aber so lange die Türkei in den unglückseligen Kampf mit Italien verwickÄt ist, sieht es um ihre Bündnisfähig- feit verzweifelt schlecht auS. Auch nach Erledigung dieses Streites Paßt die Türkei wegen ihrer geogr^ phischen, politischen und religiösen Eigenart in den Dreibund, wie er bisher bestanden hat, als richtiges Mitglied nicht hinein.

Für eine deutsch-österr Sichi sch-türki­sche Triple-Entente unter Ausschluß Italiens müßte erst eine neue Form gefunden werden. Dieser Ge­danke ist freilich nicht ohne weiteres abzu­weisen, aber er hat doch keineswegs so viel Ver­lockendes, daß die beiden Kaifermachte sich dazu dr ä ng en müßten.

Ist es dann nicht aber möglich, daß die Türkei An­schluß an die Triple-Entente in Englcmd-Frankreich- Rußland sucht? E gibt Kreise, die das für sehr wahr­scheinlich halten. Man glaubt, daß das sogar der tiefste und letzte Grund gewesen sei, der England ver­anlaßte, den tripolitanischen Raubzug geschehen zu lassen- In London kalkuliere man: Die deutschtür­kische Freundschaft ist gefährlich. Sie kann Indien und Aegypten bedrohen, läßt die anatolische Eisen­bahn unter deutschen Einfluß geraten, öffnet dem deutschen Handel im westlichen Asien alle Tore. Mit Ueberredung ist nicht viÄ zu machen, denn die Tür­ken können Aegypten nicht vergessen. Mso muß den Männern in Konstantinopel ein Feuerchen angezün­det werden, das sie die grundsätzliche Passivität Deutschlands und die Tücke des Dreibunds über­haupt kennen lehrt. Mso wurde Italien unterrichtet, daß man an der Themse die tripolitanischen Wün­sche Italiens durchaus berechtigt fände. Die Kalkulation mit Deutschlands Harmlostakeit habe sich als richtig erwiesen. So sei von England durch Italien der Dreibund bei dm Türken diskreditiert und die deutsche Frermdschast als wertlose Gefühls­duselei gekennzeichnet worden. Die Türkei sei heute reif für den Eintritt in die Triple-Entente. Alsdann wären Indien und Aegypten vor der Entfachung des helligen Krieges der Anhänger Mohammeds gegen englische Eroberer gesichert, und Deutschland könne sein« astatischen Hoffnungen zu Grabe tragen.

Man steht, wie der Eifer der Kombinationspoli- tiker durch die Bemerkung des tückischen Großwesirs angestachelt worden fft. Es ist aber doch nicht zu verkeimen, daß sich einem Bündnisse der Tückei mit England und seinem Anhänge sehr viele Bedenken entgegenstellen. Seit wann verbündet sich das Lamm mit dem Wolf der es verschlingen will? Wenn tat- sächiich, wie die Boss. Ztg. au8 Wien gehört haben will, bereits veckrauliche Verhandlungen zwi­schen England und der Türket statffänden, die ein Bündnis zum Ziel haben, daß der Türkei ihr Besitzstand in Europa und Asien garantiert, und Eng­land durch Konzessionen in Mesopotamien und am Persischen Golf entschädigt werden soll, dann würde das nur die weiwerbreitete Annahme bekräftigen, daß der türkische Staat sich auf der schiefen Ebene zum Untergange befindet. Die Türkei würde dann nur die Tür öffnen, damtt England sich an ihrem Toten­bette häuslich niederlasse.

Unsere Regierung wird, wenn sie ein Bündnis für möglich und nützlich hält, sicherlich nicht untätig

krscheivi tllglich M ^nrnadmr her So.m- „sd Feiertage, viertel- sSbrNch«Bez»gsprnr ohne yringeriohn und Sepellgeld in Zulda so­wie amvSrtris.SOM.

Vergüt» iiedakteun «arlrqiitte, fkr »re Anzeigen:

).parzrLer in Znlda.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 21. Oktober 1911.

Der Gesetzentwurf betr. Errichtung eines Zolonial- und Konsnlar-Gerichtshofcs steht zur »weilen Lesung.

Abg. Dr. Müller-Meiningen (Botksp.) wendet sich gegen den § 7, der bestimmt, daß der Gerichtshof in der Besetzung von 5 Mitgliedern entscheidet, von denen mindestens 4 Richter auf Lebenszeit einem ordentlichen Gerichte angehören. Somit könne ein Betrvaltungs- beamtet als fünftes Mitglied.berufen werden. Der Verivalluugsdeamte im Gericht würde eine Durch- brechung unseres ganzen Systems der Prozeßordnung bedeuten. Redner empfiehlt die Annahme freisinniger Anträge, wonach sämtliche Mitglieder des Gerichtshofes auf Ledeaszeit ernannt sein muffen, doch soll in allen Fragen, in welchen es das Interesse des Reiches oder eines Bundesstaats erfordert, bei der Verhandlung als Vertreter (Anwalt des Staates) ein Beamter des Aas- roärtigen Amtes, des Reichskolonial, oder Reichsmarine, amtes als Gutachter zugezogeu werden.

Staatssekretär des KolonialamteS v. Lindequist er­klärt sich mit letzterem einverstanden, im übrigen aber sei die Mttheranziehuug eines Verwaltungsbeamten unumgänglich notwendig und würde der dagegen gerichiele Antrag Müller angenommen, so würde damit hie Vorlage für bfe Regierung unannehmbar sein.

Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter rechtfertigt die Möglichkeit der Zuziehung eines Verwaltungsdeamten, speziell vom Standpunkt der Konsulargerichlsparlei aus.

Ein konservativer Antrag, die M 1 bis 7 an die Kommission znrückzuverweisen, wird nach kurzer Ge- schSflsorduungsdeballe abgelehut.

Abg. Gröber (Ztr.): In den lokalen Gerichten in de« Kolonien selbst, da kann man sich ja mit der Hin­zuziehung eines Verwaltungsbeamteu einverstanden er­klären, aber nicht für einen obersten Gerlchtshos, der an die Stelle des Reichsgerichtes treten soll. Es geht in keinem Falle an, erneu absetzbaren Beamten zum Mit- glreb eines höchsten Gerichtshofes zu machen. Zudem haben sich aiech alle Stimmen aus den Kolonien und aus beit Konsukargerichtsdezirkm mit größter Ent» rchiedenyeil g e ge n die Hinznsiehung eines Verwaltungs- eamleu ausgesprochen. S®uc können die Verantwortung ür die Durchbrechung des allen Prinzips voller rlchter- .icher llnabhängirkeit nicht übernehmen. (Beifall i. Ztr.)

Abg. Stadthagen (Soz.s begründet einen sozial- demo rauschen Antrag, wonach in Strafsachen auch Schöffen zugezogeuiverden sollen.

Adg. Dove (Bp.): Bon nuferer Forderung lassen wir u s auch durch die Drohung nur dem Scheitern des Ge ctzes nicht abbringen. zBrsivo! links.)

Abg. Tr. Wagner fkons.): Bei der ersten Lesung des ErUwurses habe» die Freisinnigen lein Wort gegen die jetzt so scharf angefochtene Bestimmung gehabt. Allerdings war das noch unter Dernburg. (Sehr gut! rechts.«

R ich längerer Debatte wird der Antrag Müller- Mrtuuigen zu den §§ 3—7 angenommen und der An­trag Siaolhagen abgeleynt. Damit ist der Brrwaltungs- beoittic aus dem Kollegium ausgeschlossen. Sodann tritt miu in die Debatte über § 2 ein.

Rich 8 2 soll das oberste Kolonial- und Konsular- gcricht reinen Sitz in Berlin haben.

Abg. Dr. Hechcher (Vp.) beantragt, als Sitz des Gerechte» Hamburg zu bestimmen. Emen gleichen Au» trag begitrnOet Abg Fcoyrne (So$.\

Ab,-. Dr. Beäer-ittöln (Ztr.): Mit demselben Recht wie Dr. Hechchrr für Hamburg, könnte ich das Gericht für &b a fordern. (Heiterkeit.) Ich tue das nicht, und zwar, weil in der Frage lediglich ZweckmäHigkeits- grünbe auDsch!agredend sein tollen. Die Richter sind am Kv'.cmmlgerichtshof nar nebenamtlich tätig rind da ist es r-raklifch-r rind auch billiger, die Herren, die ja aus de« verfchtebenen Teilen des Reiches berufen werden iörmen, nach Berlin ionnnen zu lassen, statt nach H uäiburg.

Auch die Abgg. Hoffet (Rp.) und Tove (,H>rtfchr. Bx.) Leun für B-rlm em. Die Abgg. Bebel (Soz.) und Bahr-nho-st (Rp.) treten für Hamburg em, Staats­sekretär v. Lindeqinft erklärt, dass jür die Rezieiung nxr Berttn als Sitz in Frage komme.

Der Antrag Heckscher wird obgelehut. Das Ge­richt h-it also fernen Sitz in Berttn. Der Rest des Gesetzt^ passiert ohne Debatte und wird unverändert augeiirurruen.

Mrniagi Interpellationen betiessend Lebensmillek- teuerung.

veutscher Reich.

♦* Berlin, 22. Oktober 1911. Der Kaiser traf Samstag vormittag 10,40 Uhr auf der Station Wildpark ein und begab sich im Aiüomobil nach dem Neuen Palais. — Der Oberpräfident der Rheinprovinz veröffentlicht einen kaiserlichen Erlaß, in dem der Kaiser für den herzlichen Empfang in der Rheinprovinz feinen Dank ans- spricht und versichert, daß die Ausnahme von dem Palast in der Großstadt bis zur Hütte in den Bergen und die entzückenden Schönheiten des Rhein- tanbeä unvergeßliche Eindrücke bei ihm hiuterlaffen hätten.

* Die Kaiserin Augusta Biktoria vollendet« am gestrigen Sonntag ihr 63. Lebensjahr. DaS deutsche Volk verehrt in der Kaiserin die treue Lebens- gesährtin des Kaisers, das Muster einer deutschen Frau und Mutter, die großherzige Schätzerin aller wohltätigen Werke. Möge ®otte3 Güte das Leben der Kaiserin und der kaiserlichen Familie segnen, fchützen und erhalten!

♦ Der Gouverneur von Teutsch-Ostaftika, Freiherr von Rechberg, hat, rote halbamtlich mitgeteilt wird, auf dringenden ärztlichen Rat telegraphisch um Gewährung eines vorzeitigen Heimat­urlaubs gebeten. Dem Anträge ist stattgegeben worden. Freiherr von Rechberg tritt mit dem nächsten Dampfer die Heimreise an. Die Leitung der Geschäfte wird der erste Referent Geheime Regierungsrat Methner übernehmen.

♦♦ Zur Marokkesrage wird aus Paris gemeldet: Nach Beendigung des Ministerrates telegraphierte der Minister de Seives an den Botschafter Cambon um Instruktionen bezüglich der Fortsetzung der Ver­handlungen. Da diese in den letzten Tagen einen beträchtlichen Fortschritt gemacht haben, so hofft man, an einem verhältnismäßig nahen Zeitpunkt zu einer Lösung zu kommen. Die ,Agence Havas' ist ermächtigt, zu erklären, daß die in verschiedenen Zeitungen veröffentlichten Einzel­heiten, betreffend den Gang der Verhandlungen über den deutsch-französischen Gebietsaustausch, voll­kommen unbegründet sind.

0 Koustauz-Ueberlinzen. Die Freude der Libe­ralen über den Ausfall der Reichstagsersatzwahl in Konstanz-Ueberlingen ist natürlich groß. Der ganze liberale Blätterwald rauscht von Simes- hymnen in allen Tonarten; nur hin und wieder und auch kaum merklich kommt einzelnen Blättern doch einige Besorgnis, daß es schließlich auch anders kommen könnte, als man hofft. Aber die Besorgnis schlägt man sich gleich wieder aus dem Sinn, hat man doch den sreundwilligen Herrn und Gebieter „Umsturz", btt seinen getreuen Knecht Liberalismus nicht dem bösen Zentrum opfern wird. Die Libe­ralen wissen allerdings, daß mit großen Herren schlecht Kirschen essen ist und daß man sie bei guter Laune erhalten muß. Dia liberale Presse winselt darum sörmlich um die Hilfe der Genossen, und aus jeder Zeile spricht die Angst, es könnte den Sozialdem okraten der Einfall kommen, die Liberalen sich selbst zu überlassen. Und doch liegt dazu gar keine begründete Ursache vor. DaS sozialdemo­kratische Hauptorgan, der „Vorwärts", hat sofort die Unterstützung durch die Sozialdemokratie zu­gesagt. We,ß der Umsturz doch nur zu gut, daß er im Grunde dem eigenen Vorteil dient, wenn er dem Liberalismus zum Siege verhilft. Denn niemand bereitet dem Umsturz besser die Wege, als der Liberalismus, dessen Erbe der Umsturz anzu­treten sich anschickt. Der sozialdemokratischen Hilfe dürken also die furchtsamen Liberalen in Konstanz schon sicher sein. Daraus erwächst natürlich für das Zentrum die Pflicht, alles auszubieten, um den Sieg des kulturkämpserischen Liberalismus zu ver­

hindern. Es wird ein schwerer Kampf fein, den unsere Parteifreunde in Konstanz zu bestehen haben werden. Das Zentrumsorgan des Wahlkreises, die »Konst. Nachr.", schreiben:

„28tr find durch diesen Ausfall der Wahl, daS sprechen wir ruhig auS, enttäuscht, aber nicht ent­mutigt; im Gegenteil: wir wessen, daß Reserven heranzuholen find, während die vereinigten Gegner kaum noch etwas an Reserven aufbringen werden können. Die Belastung durch die Reichsfinanzresorm, bezw. die Hetze, welche mit diesem vom Bundesrat und Kaffer unterzeichneten Gesetze unter Vernichtung und Niedertretung aller patriotischen Gesinnung getrieben wurde, überstieg alle Grenzen. Wie lange wird dies« llmftnrzarbeit noch ungestraft verübt werden? Das Ende dieses Treibens ist nicht abzusehen. Das, was wir in den letzten Tagen auf diesem Gebiete erlebt haben, ist das Präludium für die allgemeinen Reichs- tagSwahlen im Jahr» 1912. Die Regierungen schauen mit verschränkten Armen zu, wie die Partei, welche in schwerer Stunde nationale Arbeit geleistet hat, durch ein System verruchter Lügen nnd Verdrehungen ver­folgt wird. Hilfe von RegiermtgSsette verlangen rott selbstverständlich keine, aber eine Kulturschande ist es, daß der Liberalismus Arm in Arm mit der Umsturz- Partei die Blüte des Vatrrlandsstnnes mit zer' t-en en Kräften vernichtet, ohne daß ihm mittels brr zur B r- füguug stehenben Mitteln ein energisches Hatt geboten wird. .. . Bon neuem soll das Gefecht hegt uu-n und der Sieg muß unser fein !"

♦ Denkschrift über die Lebensmsttetteuerung. D*r deutsche Landroirischaftstat hat den Mitgliedern des Reichstages und Bundesrates eine umfassende Denk schrift über die LebenSmitteUeuerung überreicht, worin der erstmalige Versuch gemacht ist, das gesamte Material der amtlichen Statistik über die Entwicke­lung des Bodenertrages und der Viehpro« duktion, ferner über die Bewegung der Preise und daran anschließend über die Bewegung der Löhne in den letzten 30 Jahren übersichtlich zur Darstellung zu bringen. Die Nachweisungen der Preise erstrecken sich nicht nur auf Getreide- und Viehpreise, sowie aus Brot- und Fleischpreise, son­dern belehren auch über die Preisentwickelung der übrigen Lebensmtttel im Kleirchandel, wie von Kav> toffeln, Mehl, Erbsen, Bohnen, Linsen, Graupen, Wurst, Speck, Butter, Käse, Schmalz, Milch, Zucker, ReiS ic.

* Abenteuerliche Phantasien, die letzten Endes ihren Grund im Haß gegen das Papsttum haben, feiern in bet linksliberalen Presse wieder Orgien. Einige kirchlich« Würdenträger in Italien haben das italienische Vorgehen in Tripolis insofern be­grüßt, als dort das Christentum dann Eingang finden würde. Nun bringt die,Berl. Morgenpost' folgendes Telegramm auS Rom:

„In den hiestgen politischen Kreisen will man jetzt ergründet haben, weshalb die Klerikalen sich in solchem Maße für das tripolttavische Abenteuer erwärmen (?!). Einem Gerücht zufolge, das ich mit allem Vorbehalt wiedergebe, soll ein Kardinal sich geäußert haben: »Wenn die Türkei jetzt in Trümmer gehen sollte, so würde der Papst daS Heilig» Land mit dem Titel König von Ieins al»m für sich beanspruchen. Erreicht er dieS, so würde der Papst allen Ansprüche» auf die welttiche Herrschaft über Rom entsagen."

Die .Morgenpost' schätzt den geistigen Zustand ihrer Leset recht gering ein, wenn sie auch nm annimmt, daß diese einen solchen Schwindel viel­leicht ernst nehmen könnten. Vielleicht wollte st« aber nur damit das /Berliner Tageblatt' um jeden Preis an Sensation übertrumpfen.

Die Wahlen in Elsatz-Lothringen.

Mandate zu besetzen, von denen 40 Elsaß entfallen, 20 auf Lothringen.

Wahlen erfolgen auf Grund des allgemeinen, glei­chen, direkten und geheimen Wahlrechts. Gewählt ist in der Hauptwahl, wer mehr als die Halste der abgegebenen gültigen Stimmen erhalten hat. Hat

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Zeitung

Monatrbellag«: „Klldaer SeschichirbMer"

Lebeusweiide.

18J Roman von Horst B ödem er.

Zufällig traf er Fräulein v- Hakburg allem an. „Mein Onkel ist heule früh in Geschäften nach Mag- oeburg gesehen!"

„Und ist natürlich wütend aus Hans Heinrich?"

„Das können Sie mir glauben Herr von So- squen!"

„Aber Sie selbst, gnädiges Fräulein?"

Sie wurde unsicher. „Hans Heinrich hat mich zu seiner Hochzett in vierzehn Tagen eingeladen, ich weiß jedoch nicht —* *

Svsquen sah sie mit einem langen Micke an, der sie verwirrte.

„Was meinen Sie, daß ich tun soll?"

„Gnädiges Fräulein, das wissen Sie doch! Warum fragen Sie mich erst?"

„Werden Sie denn dec Feier beiwohnen?"

„Ganz bestimmt! Ihr Herr Bruder bckommt eine bildschöne, kluge und sehr energische Frau; ich wüßte keine geeignetere Lebensgefährtin fiir ihn!"

Da warf sie bett Kopf m den Racken. „Ich werde sofort zusagen!"

„Und aller Wahrfcheinlichkrit noch in ein paar Tnsen wieder abschreiben!"

»Akin, diesmal irren Sie!"

»®a$ sollte mich wahrhaftig freuen!”

Sehr schnell brach So sauen wieder auf. Er hatte rtoa feftd«egt. Wenn sie auch nut einen Funken Energie belaß, machte sie ihre Zusage nicht wieder rückgängig.

TrütMv kampierte wieder einmal auf HakburgS Chaiselongue. Er hatte den Abend, nachdem die ' geschäftlichen Angelegenheiten erledigt warm, mit dem Brautpaare zusammen verbracht und war ganz ent­zückt von Erika Rollen.

,'z „Du Junge, was hast du für einen Dusel!"

.Nicht wahr?"

„Ra, ich kann mich ja auch nicht beflogen! Wenn ich d'ran denke wie mir vor zehn Togen noch zu­mute war, krieg' ich gleich ’nen gelinden Schüttel­frost!"

„Daß dich bloß der Hafer nicht allzu sehr sticht; vorläufig heißt's abwarten, ob dein Buch auch ein­schlägt!"

„Richt aßroarten Hans Heimisch, — weiterar­beiten! Und der gute Sosquen, dieser Prachtkerl, hat mir diesen famofen und doch selbstverständlichen Rat gegeben! Vorläufig kleinere Sachen schreibm, damit ich sehe, ob ich dm richtigen Schmiß raus­habe und bald zu Gelbe komme!"

„Schon wieber knapp, Eberhard Trütow?"

„I wo! Auf der Klitsche brauch' ich ja nichts!"

* *

♦

Aba Hakburg hatte auf ihren Onkel gewartet; er kam gegen Mitternacht heim

„Schön, baß ich dich noch vorfinbe, liebes Kind! Ich hab' mich nämlich so unter der Hcnrd nach dem Schivicgervaler Hans Heinrichs erkundigt. Kein Mmsch kannte hin. Da hab ich mir das Adreßbuch kommen (offen und bin rausgefahren, Sudenburger Gegend, Heine Nebengasse; schwarzes Schild mit weißen Buch­staben: Gustav Rollen, Kolomalwarm? Alle fünf Mnnten ging jemand 'rein, ’ne Ladenglocke klingelte impertinent, ’n Tütchen in der Hand kamen die Leute wieder 'raus. Also arg bescheidene Leute."

„Aber Fräulein Rollen soll em sehr hübsches, flugcs, tolmtiertes Mädchen fein!"

„Hm, — der Kutscher sagte mir schon, Herr v. Sosquen war da!"

Ein spöttisches Lächeln um dm Mund, warf Herr v. Hakburg die Worte gleichgültig hin.

„Ja! — Und ich werde zu Hans Heinrichs Hoch­zett fahren!"

„So—o? Gut und schön, ich habe dir natürlich keine Ratschläge zu geben, wie du dich zu deinem Bruder fteün willst!"

„Ich höre aber doch deinen Unwillen über mei­nen Entschluß heraus k"

„Deinen Entschluß, Ada? Q nein, — Sosquens!"

Da steigt ihr die Röte ins Gesicht, fest sieht sie ihren Onkel an. „Ja, er hat mich auf meine Pflicht aufmerksam gemacht!"

„Pflicht ist gut!"

„Allerdings habe ich die Pflicht, meinem Bruder an seinem Ehrentage nahe zu sein!"

„Das soll doch wohl heißen: dein Herz zieht dich nicht gerade hin!"

„Heute weiß ich das nicht bestimmt, — denn ich möchte dich nicht belügm!"

„Sehr löblich! Aber vielleicht gibst du mir auf eine andere Frage klare Antwort. — Fühlst du dich zu diesem Herrn v. Sosquen hingezogen? So hinge­zogen, daß du seine etientuette Werbung annehmen würdest?"

„Darauf muß ich heute die Antwort verweigem!"

„Und wamm?"

„Weil Herr v. Sosqum noch nicht um meine Hand gebeten hat" erwiderte sie mit zurückgeworfenem Kopfe.

„Wenn er's aber tut?"

„Werde ich dir natürlich sofort Mitteilung davon machm, denn du vertrittst Vaterstelle an mir, und ich bm dir zu Dank verpflichtet!"

„Von Dank rede ich nicht! Was ich tat, war selbst' verständlich!"

„Nein!"

„Na, höre mal, Ada!"

„Hans Heinrich gegenüber hast du kein so miloes Herz gezeigt, wie mir?"

„Der hatte es auch nicht verdimt!"

„Wenn er sich nun bewährt, würdest du ihn — und seine FrM hier willkommm heißm?"

„Kaum!"

„Und die Gründe?"

„Er hat sich souverän ins Lebm gestellt, mag er nun auch allein mit ihm fertig werden!"

Da hielt Ada Hakburg eine Zeitlang den Atem an, ihr Herz flopste zum Zerspringen, bann gingen ihr die 91 erben durch.

„Wenn er toeiter im Regiment geblieben wäre, im lebten Auamblick fick durck eine reicke ft eitel ran­

giert hätte, würdest du dem Ehrenmanne natürlich je­derzeit gern die Hand drücken!"

„Ob gern, Ada —*

„Mer du würdest es tun! — Und diesm Lug und Trug mache ich nicht mehr mit!"

„Ja, Kind, was soll denn das heißen? Hat dich Sosqum ganz verrückt gemacht?"

„Ich habe in der letzten Zett angefangen, über ba8 Leben nachzudenken, ich bin gesund und kräftig, mag nicht länger hier auf der Bärenhaut liegen und dein Gnadenbrot essen —”

„Ada!"

„So nennt man die Dinge beim rechten Ramm! — Erlaube mir noch hier zu bleiben bis nach Hans Heinrichs Hochzeit, dann werde ich mich auf eigene Füße stellen, ich denke, es soll mit gut bekommen!"

Und ehe der erstaunte Arwed Hakburg ein Wort erwidern konnte, hatte sie bereits mit einem leisen „Gute Nacht" das Zimmer verlassen.

*

Trütow kehrte in bester Laune heim.

„Alles nach Wunsch erledigt, lieber Sosquen!"

„Scht erfrmlich! — Ich habe auch noch eine flein« Ueberraschung!"

„Ranu?"

„Ihre erste Heine Geschichte scheint angenommen wordm zu sein, wmigstms brachte bet Postbote vor­hin zweihundert Mack für Sie. Ich habe ihm gesagt, er soll auf dem Mckwege wiederkommen, weil ich nicht für Sie quittieren durfte!"

Da machte der Heine Trütow einen Luftsprung vor Freude. Ernst sagte Sosqum:

^Jch hoffe, Sie toerben nun schnell dm Wert des Gelbes schätzen lernen, wenn Sie es auch recht leicht verdienm!"

„Sie haben recht, Sosquen! Ich brauche so gut wie kein Betriebskapital zu meiner Arbett, das Rlflk» ist nicht groß!"

„Man muß an alles denken, lieber Freund, e8 könnte eine Zeit kommm, in der Ihre Phantasie bet? sagte, und aus böse Tage hin muß man sparen!”

lKortlebuna folgt.)