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M 242.

Samstag 21. (Stiebet Mt>

58. Jahrgang.

fuldaer M Zeitung *

2. Blatt.

Vrick und Verlag der Sulbcet Acliendruckerei in Silbe.

mobilisiert und jetzt sind auch Serbien und Bulgarien mit deni Zeichen Schritt nachgefolgt.

Blutig geht es in C h i n a zu. In Mittelchina ist die Revolution ausgebrochen und die Jangtfeprovinzen sind zu einem Kriegsschauplatz geworden, auf dem Kriogslärm widerhallt und Sengen und Morden an der Tagesordnung ist. Es handelt sich um eine wohl­vorbereitete und umfassende Erhebung gegen die Mand- schuherrschast. Nach allgemeinem Urteil ist der ge­genwärtige Ausstand der schwerste ,den China seit dem Taiptngaufftand zu bestehen und die Mandschudyuastie scheint ernstlich bedroht zu sein. Besonders bemerkens­wert ist es, daß die Führer des Ausstandes aus frühe­ren Erfahrungen eine Lehre gezogen haben und nichts gegen die Europäer unternehmen . Ganz scheinen sie aber doch die aufrührerischen Massen nicht in der Ge­walt zu habm, denn bei Hankau hatte ein deutsches Landungskorps und wohl auch die der übrigen Mächte Kämpfe mit dem Pöbel zu bestehen Inzwischen hat die chinesische Regierung alles aufgeboten, um des Aufstandes Herr zu werden. So hat sie sich auch ent­schließen müssen, den nach dem Tode Lihungtschangs allmächtig gewordenen Juanschikai, der später in Un­gnade gffallen ist, um Hilfe anzugehen. Ob es diesem gelingen wird, die Gefahr abzuwenden?

In Belgien haben die Gemeindewahlen statt­gefunden und dir liberale Presse des In- und Aus­landes verkündete einen gewaltigen Sieg des liberal- sozialdemokratischen Kartells. Einige liberale Blätter forderten bereits die Entlassung des Ministeriums und die Auflösung der Kammer. Indessen sst der Ausfall der Wahlen für die verbündeten Sozialdemokraten und Liberalen gar nicht so günsttg, wie ihre Presse es glau­ben machen möchte. So erkennt z. B. das gemäßigt liberale Journal de Stege an, daß die Katholiken, überall wo das Kartell in Aktion getreten sei, einen Stimmenzuwachs aufzuweisen hätten, was als kein günstiges Vorzeichen von antiflerikalem Standpunkte hinsichtlich der bevorstehenden Kammerwahlen gelten könne. Uebrigens steht jetzt fest, daß auch viele libe­rale GemePdeverwaltungen in der Provinz gestürzt toorben sind.

die Katholiken geschlagen, aber in der ganzen Provinz Antwerpen sind die Wahlziffern der Katholiken be­friedigend. Sie brachten durch eine gute Organi­sation auf s»zialem Gebiete es sogar fertig, in gewisse Bollwerke dec Opposition einzudringen. Besonders treu ist, wie immer, Westflandern den Katholiken ge­blieben. In Brügge haben die Katholiken mit einer Mehrheit von 1200 Stimmen den Sieg davon getra­gen. In Hehst für Mer verloren die Liberalen die bisher innegehabten Sitze an die Katholiken. In Ost- flandem gelang es der Koalition, wie die Katholiken schon lange angckündigt batten, Gent wegzunehmen. Es war ganz unmöglich, diesen Platz gegenüber dem Kartell zu halten. Ein Rückgang der katholischen Stimmen — und darauf kommt es an — ist aber auch in Gent nicht eingetreten, im Gegenteil, sie haben sich verhältnismäßig besser entwickelt als die der Geg­ner. In der Provinz Gent hoffte die Opposition zu­versichtlich verschiedene Städte zu erobern, sie wurde aber mit Ausnahme einer einzigen Genreinde überall mit Verlust zurückgeschlagen. Das antiflerikale und sozialistische Hennegau war eine leichte Beute des Kartells, das seine Hofburg Charleroi und andere industrielle Städte besetzte. In mehrere feste Plätze des Sozialismus wurden jedoch von den Katholiken Breschen geschossen.

Es liegen noch andere bemerkenswerte katholische Erfolge vor, denen das Kartell nichts entgegen stel­len kann: In der Provinz Lüttich haben die Katho­liken den bekannten Badeort Spa weggenommen. In der Provinz Lüneburg haben die Katholiken von 200 Gemeinden in 70 ihre Kandidaten ohne jeden Kampf durchgesetzt. In roeiteten 40 Gemeinden siegten sie mit der größten Leichtigkeit. Da und dort schlugen sie die bisher herrschenden Liberalen, so in Maeseyk. In der Provinz Luxemburg sind die Katholiken mit den erzielten Resultaten zufrieden, sie haben überall Stimmenzuwachs.

Es wird wieder versucht werden, unter Ver­schleierung des wahren Sachvechaltes einen Sieg des antiklerikalen Gedankens in Belgim herauszurechnen. Bei einem Wahlsystem wie in Belgien kommen aber nicht die Ziffem der Gemeinderatssessel, sondern nur die int Lande erzielten Ziffem in Betracht. Sicher­lich ist der Katholizismus in Belgien nicht tot, um so weniger, als dec belgische Liberalismus sich früher oder später von dem roten Kameraden wieder lossagt.

Nach den belgischen Gemeinde­wählen.

Brüssel, 19. Oft. 1911.

Die belgischen Katholiken hatten sich, wie aus den Aeußerungm ihrer Presse klar hervorging, keine Täu­schung über den Ausfall der Gemeindewahlen gestattet, die unter dem Zeichen des wilden Antiklerikalismus und des Kampfes gegen die Klosterschulen erfolgte.

Die Katholiken haben den Sturm, den die verei­nigten ungleichen Brüder gegen ihre Stellung in den Gemeindevertretungen führten, so gut als mög­lich abgewehrt. Sie haben nicht mehr ver­loren, als sie bei der Kartelltaktik an Verlusten sich berechnen mußten. Vielleicht hatten sie zu sehr darauf gerechnet, gemäßigte Elemente des Liberalis­mus für ihre Listen zu gewinnen, und in dieser Ab­sicht zu viel Konzessionen durch die Opferung gewisser Fordemngen ihres sozialen und demokratischen Pro­grammes gemacht. Diese sogenannten „Gemäßigten" liefen mit dem antiklerikalen Haufen — es war wie ein wildes Jagen hinter den Klosterschulen her, — dir den biederen liberalen Spießbürger in Schrecken versetzen.

Aber so schlimm, wie es die deutschen liberalen Blätter und die Trompetenbläser der Freimaurerei ausposaunt haben, ist es doch nicht mit den Verlusten bet Katholiken, Wenn bie Stimmen gezählt werden, wird sich zeigen, was sie verloren und was sie dem gegenüber gewonnen haben. Im Bergwerkbassin von Mons, wo die Sozialisten ihre Angriffe konzentriert batten, glückte den Katholiken die Eroberung mehrerer Städte, so auch Jemappes und einige Vororte von Brüssel, wo die soziale Aktion eine mächtige Ent­wickelung genommen hat. In der Tat müssen da und dort bedeutsame Siege als Gewinn der bel­gischen Katholiken gebucht werden. Verschiedene klei- nere Städte und das flache Land ergaben recht gute Resultate, und diese Tatsache ist fast allgemein im ganzen Lande- Es werden katholische Erfolge in Watterloo, Willevoid, Jaudoigne, Faure, Nielles und Hal gemeldet. In Antwerpen hat das Kartell wohl

Etwas recht Unerquicklichem müssen wir leibet auch ein kmzes Augenmerk widmen; demMetternich- Prozeß. An sich bedeutungslos kommt diesem Pro­zeß mit all seinen ekelerrsgenden Enthüllungen wegen verschiedener Begleiterscheinungen immerhin einige Bedeutung zu. Dieser Priest hat einerseits mit er­schreckender Deutlichkeit Abgründe in gewissen Gesell- schastskreism beleuchtet. Wir sind weit davon entfernt, zu verallgemeinern und von bet Verderbtheit einzel­ner auf die einer ganzen Gefellschaftsflasse zu folgern. Mer jene Enthüllungen lassen doch erkennen, daß man­ches faul im Staate der Geldaristokratie ist. Bedeut- famer für die Allgemeinheit ist nach unserer Ansicht die rechlliche Seite des Prozesses. Eine so flandalose Ver­handlung wie diese hat Deutschland wohl noch nie er­lebt. In geradezu unerhörter Weise hat sich die Ver­teidigung Ucbergriffe ihrer Befugnisse zuschulden kom­men lassen. Die Erfahrungen, die mit dem Metter­nichprozeß gemacht sind, lassen die Frage immer dring­licher erscheinen, ob nicht endlich eine Beschränkung der Beweiserhebung auf den reinen Tatbestand ange­bracht ist. , ,

Erwähnung getan sei auch des Deutschen Hochschullehrertages, d. h. des Tages der Voraussetzungslosen". Daß auf dieser Tagung von mehr ober weniger liberalen Hochschullehrern der An- timobemiftenetb in ben Verhandlungen eine große Rolle spielte, versteht sich- Nur hätte man eigentlich von Hochschullehrern erwarten können, daß sie, bevor sie über ein Thema verhandelten, sich auch genügend über dasselbe orientieren. Aber bei der bekannten Voraussetzungslosigkeit der Herren Lujo Brentano und Kollegen wäre das zu viel verlangt. Und so konnte man erleben, daß jene bochgelahrten Herren Dinge vor­trugen, die längst widerlegt sind. Daß die Herren na­türlich von der Zulassung von katholischen Professo- ren, die ben Antimodemisteneid abgelegt haben, nichts wissen wollen, stimmt zu genau mit ben Grundsätzen bet Voraussetzungslosigkeit überein, als daß man sich darüber weiter wundem könnte. Am liebsten sähen die Herren es natürlich, wenn die katholisch-theologi­schen Fakultäten, die sie als einen Fremdkörper im Bau der Universitäten bezeichneten, von der Bildfläche verschwänden. Wir Katholikm brauchen uns vorerst durch das Bramarbasieren der liberalen Professoren nicht beunruhigen zu lassen. Und schließlich würde es auch noch sehr die Frage sein, ob wir die wirllich Leid- tragenben sein würden, wenn einmal eine Regierung geneigt sein sollte, ben Herzenswunsch des Hochschul­lehrertages zu erfüllen.

Im T rip o l i sko nflikt hat sich wesentlich Neues in der verflossmen Woche nicht ereionet. Recht eigenartig ist bie italienische Kriegsberichterstattung. Sie weiß immer nur von Erfolgen, von bem Abfall der Araber von den Türkm, oon der großen Entrnutiaung der türkischen Truppm und dergleichen den italieni­schen Ohren angenehm klingenden Dingen zu berich­ten. Tatsächlich liegen die Verhältnisse für Italien weit weniger günsttg. lieber die Stadt Tripolis sind sie überhaupt noch nicht hinausgekommen, bie Hafen­plätze Benghast und Derna habm sie trotz hefttgen Bombardements nicht befetzm können, da die türkische Besatzung mit Unterstützung der Eingeborenen den hef­tigsten Widerstand leistet. Und vor Tripolis haben die Türken ttoh ihrer geringen Truppenmacht wiederholt Angriffe auf die italienischen Stellungen unternom­men. Die Vermittlungsaktion der Mächte ist einstwei­len zum Stillstand gekommen, weil zunächst die Stel­lungnahme des türkischen Parlaments zu den Vorschlä­gen der Mächte abzuwarten sind. Wie die Entschei­dung des Parlaments ausfallen wird, läßt sich mit Sicherheit nicht sagen; doch steht soviel fest, daß die Mehrheit der türkischen Kammer einem Friedensab­schluß auf der Grundlage des von Italien geforderten Verzichtes auf Tripolis entschieden ablehnend gegen­über steht- Im übrigen ist auch bie Haltung, bie Jia« lien neuerdings einnimmt, wenig geeignet, die vermi- teTnben Schritte der Mächte zu erleichtem. Wenn nicht alles täuscht, bereiten die Italiener einen Schlag ge­gen die türkischen Inseln im ägäischen Meer und ge­gen bie kleinasiatischen Hafenstädte vor. Ein solcher Schritt kann nur zu leicht von ben bedenklichsten Fol­gen sein. Und es ist nur zu wünschen, baß die Mächte Italien ganz entschieden von einer Erweiterung des Kriegsschauplatzes abraten. Das ist umso notwen­diger, als die Verhältnisse auf dem Balkan tatsächlich immer kritischer i»erben. Griechenland hat bereits

Deutsches Reich.

* lieber die Wirkung der Einsuhrscheine auf die gegenwärtige Teuerung wird einer Berliner poli­tischen Korrespondenz von hervorragender volks­wirtschaftlicher Seite geschrieben: Wenngleich die Frage der Einfuhrscheine in ihrer Einwirkung auf unsere Volkswirtschaft zu den schwierigsten Prob­lemen der Wirtschaftspolitik gehört, so kann doch über die Wirkung dieses Systems in der gegenwär­tigen Teuerung nicht der geringste Zweifel bestehen. Die sozialdemokratische Presse sucht die Einstihr- scheine als Mittel zur Wahlagitation zu verwerten, indem sie die gegenwärtigen Schwierigkeiten der Fleischversorgung unmittelbar auf die Einfuhrscheine zurückführt. Es ist aber einwandfrei nachzuweisen, daß gerade in der gegenwärtigen Zeit die Einfuhr- scheine sogar als ein wertvolles Mittel zur B e käm­pf u n g der Fleischnot anzusehen sind. Die Vor­aussetzung hierfür ist eine ergiebige Roggenernte, bie im Osten des Reichs einen Ueberschuß dieser Brotfrucht über den Verbrauch erzeugt. Diese Vor­aussetzung trifft für das ganze gegenwätige Ernte­jahr zu. Denn tatsächlich hat Deutschland eine aus­gezeichnete Roggenernte in diesem Jahre gehabt, nun diese Ueberschüsse an Roggen, die in chrem Entstehungsgebiet, dem Osten, keine Verwendung haben, und ebensowenig in den wesentlichen Teilen des Reiches wegen des vorzugsweisen Verbrauchs von Weizenbrot einen Absatz finden, in das Aus­land verkauft werden, so gelangen Einftchrscheine zur Ausgabe, die bekanntlich außer zur Verzollung von Weizen auch für bie Einfuhr von Futtermitteln, wie Gerste und Mais, Verwendung finden können. Je mehr Einfuhrscheine also zur Ausgabe ge­langen, desto mehr wird dieEinfuhrvonFut- termitteln erleichtert. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß wegen der Zolldifferenz zwischen

wochen-Rundschau.

sff Fulda, 20. Oktober 1911.

Der Kaiser hat eine mehrtägig« Automobil- sabrt in die Eifel unternommen. Die Reise nahm in Nacken. Dort wo der Kaiser ein Standbild seines Vaters enthüllt hatte dort an der Stätte von wo dec Glanz des alten Reichs ausge- oanaen erinnerte er mit dem schönen Idealismus, der so echt deutsches Eigengut ist, an die Zeiten, da die Raben noch um ben Kyffhäuser flogen und die Sehnsucht nach dem neuen Reiche unseres Vofls ein und alles war- Mit Bewunderung und Ehrfurcht, so sagte er, fei er selbst an die Kaiserkrone herangv- treten; nicht der Glanz und die Macht waren es, bie ihn lockten, sondern er war sich der Last und der Verantwortung bewußt, die sie ihm auferlegte. Heute, nach einer langen Regierung voll Frieden und Wohl­fahrt darf er wohl sagen, daß von diesem Kleinod viel Segen für das Vaterland ausgegangen ist: „33er» kauensvoll können alle Deutschen zu ihr aufblicken, und sie wird sich um so stärker erweisen, je mehr sie von der Treue, Siebe und ernsten Mitarbeit des Vofls umgeben und gestützt wird." Wir möchten hoffen und wünschen, daß dieser Appell an das deut­sche Voll nicht ungehört verhallt, daß alle feine Kreise sich stets daran erinnern, daß keiner sich in so ernstem Gefühl der Verantwortung um das Gemeinwohl sorgt wie der Träger der deutschen Kaiserkrone, und baß niemanb so tief wie er durchdrungen ist von der Wicht, den Glanz und die Ehre dieser in heißem Kampf erftrittenen Krone nicht antasten zu lassen. Nicht als ob wir nun alle stets und immer derselben Meinung fein sollten und müßten, wie der Kaiser und feine Regierung; ein Voll gedankenloser Jasager wäre zu der ernsten Mitarbeit, zu der der Kaiser auf» ruft, schlecht geeignet. Aber was man von Männern, bie berufen sind, mitzuraten und mitzutaten, ver­langen darf, ist. daß sie sich wie unser Kaiser stets der öeranttoortung bewußt bleiben, die auf ihnen, die auf uns allen lastet, und daß sie nie das letzte Ziel aus dem Auge verlieren: das Wohlergehen unseres Volkes und unseres Vaterlandes.

Der Reichstag ist wieder gufammengetreten und hat gleich ganz fräftige Lebensäußerungen von sich gegeben, so die ihm in der Presse gegebene Zensur als „sterbend" gleich kräftig Lügen ftrafenb. Zwar wird der interessanteste Teil der Verhandlungen, die Besprechung der auswärtigen Politik, noch eine Weile verschoben werden, aber immerhin hat der Reichskanzler erklärt, daß sich dieser Reichstag noch mit der Marokko-, Tripolis- und Chmaftage beschäfti­gen werde, lieber die Teuerung im Reiche wird erst in der nächsten Woche verhandelt. So blieb denn für diese Woche nichts übrig, als eine Anzahl Petitionen und bie Interpellation über den Mißbrauch des Reichsvereinsgesetzes.

Was über ben Fortgang bet Verhandlungen über bie Abtretung eines Teiles des Kongo in die Oef- fentlichkeit bringt, ist widersprechend. In deutschen Zeitungen war behauptet worden, daß die französische Regierung die Absicht habe, von den grundsätzlich an­erkannten Kompensationen einiges zurückzuziehen. Jrn Gegenteil dazu behaupten französische Pressemeldun­gen, daß die ersten Besprechungen zwischen den beiden Unterhändlern von Kiderlen-Wächter und Cambon zur größten Zuftiedenheit ausgefallen feien. In deutschen wie in französischen diplomatischen Kreisen gebe man sich der Hoffnung hin, daß die Verhandlungen zu einem günstigen Abschlüsse gebracht würden. Sollte die erftere Meldung zutreffen, so würde das zweifellos das Scheitern der ganzen MarokkoverhaMnngen be­deuten und eine neue politische Sage würde dadurch geschaffen sein- Wir sind der Ansicht, daß die deutsche Regierung sich in einer viel besseren Position befindet als die französische und nicht notwendig hat, sich von den schon einmal gemachten französischen Zugeständ­nissen etwas abhandeln zu lassen. Scheitern die Ma­rokkoverhandlungen jetzt, so behält Deutschland das Faustpfand Agadir und Frankreich kann sehen, wann und wie es das so heißerfehnie Protektorat über Ma- pollo bekommt. Jedenfalls können wir warten, die Franzosen müssen dann aber warten, und sobald wird sich für Frankreich bann nicht wieder die Gele­genheit des Erwerbes des Protektorats über Marollo bieten.

Lebenrwende.

17] Roman von Horst B ödem er.

Und was Sosquen da zu hören bekam, wunderte ihn nicht. Dieser kleine Trütow hatte ein so abge­schlossenes Urteil, einen so weiten Blick gezeigt, daß er nur eines nicht begriff, wie dieser begabte Mensch hatte Schiffbruch leiden können. „Ein Ereignis" nannte Doktor Bceitenschlag bie Arbeit, bie allerdings noch ben Anfänger in gewissen nebensächlichen Entgleisun­gen verriet, die aber burch Rücksprache in einem Tage auszumerzen seien- Wenn bann ber Roman auf dem Büchermärkte kein Aufsehen errege, so trage weder ber Verlag noch Herr v. Trütow die Schuld. Er schlage vor, diesen jungen Schriftsteller nach Möglich­keit ber Firma Rost u. v. Hakburg zu verpflichten.

Zwei Stunden später wanderten Sosquen und Hans Heinrich der Motzstraße zu.

„Lieber Jochem, wenn mich nicht alles trügt, wird intfer Eintreten für diese leichtsinnige Fliege gute Fruchte zeitigen!"

„Das wünsche ich dir und Trütow von ganzem Herzen!"

,^,"-Tunge, wenn wir bie Dukaten aufscheffeln könn-

wu

nic^ 311 mein lieber Hans Hein-

„Ich habe dich, meine Erika und den braven Rost, Wenn nun der kleine Trütow noch mit uns an einem Strange zieht, so mag meinethalben sich der ganze Kreis mit dem Teufel auf dem blanken Eise rum- hetzen!"

„Und wenn nicht alles Nappt. so fei bem Schick­sal banfisar, mein lieber Kerl, für das, was es dir alles in den Schoß geworfen hat, es ist noch ein tüch­tiger Packen Glück!"

* * ♦

Erika Rollen als glückliche Braut empfängt die Herren.

„Bescheidene Beute, wie wir, müssen bitten, un­

seren guten Willen für Sekt und Kaviar gelten zu lassen!"

Sosquen lacht. „Ich rufe Hans Heinrich zum Kronzeugen, daß ich auf gute Behandlung mehr Wert lege, als auf Gaumenkitzel!"

„Jochem, du hast gar keine Ahnung, wie billig man wirtschaften kann in Berlin! Jeden Abend kommt Erika mit ihren kleinen Paketen, wir speisen zusam­men und bann bringe ich sie nach Hause."

„Und Sie sind fleißig, gnädiges Fräulein?"

„Ja!"

„Sann man nichts Näheres erfahren,"

Da drohte sie Sosquen schalkhaft mit bem Finger.

„Männer sollen boch nicht neugierig fein! Hans Heinrich plagt mich auch immer, aber ich sage nichts!"

„Dann wollen wir mal raten, Jochem!"

Sie lacht die Herren aus. „Nein, nein, lieber nicht, denn ich bin in biefer Hinsicht verschwiegen wie das Grab, und Hans Heinrich hat mir fest versprechen müssen, selbst bei Professor Meyer nicht sich zu er­kundigen, ober durch andere spionieren zu lassen!"

„Also fassen wir uns in Geduld!"

Hakburg seufzt. „Denke mal, vor April kriege ich die Arbeit keinesfalls zu sehen!"

„Ach was, wenn du erst einmal verheiratet bist, wirst bu beine Autorität als Ehemann einsetzen imb die Herzallerliebste wird zu Konzessionen geneigt sein!"

„In dieser Beziehung sicher nicht, Herr v. So- fguen," erwiderte Erika sehr bestimmt.

Und diese Entschiedenheit imponierte ihm. Man redet von anberen Dingen.

Ein paar Stunben später ist Sosquen toieber zu Hause.

„Noch auf, Herr v. Trütow?" fragte er an dessen Tür.

„Aber mein Verehrtester, glauben Sie denn, daß ich schlafen kann, wenn drüben in Pteußisch-Betlln die Entscheidung gefallen ist?"'

„Na, ich gratuliere!" >.

„Genommen?" Jubelnd fragt er es.

„Setzen wir uns zur Feier dieser Nacht noch eine gute Flasche und reden wir ernst zusammen, Herr v. Trütow! — Ihre Arbeit hat gefallen, sehr gut sogar! Ucbermorgen sollen Sie nach Berlin kommen, um einige Aenderungen vorzunehmen und den Vertrag zu unterzeichnen! Und gerade über den soll ich mich mit Ihnen aussprechen! — Sie haben es mit anständigen Leuten zu tun, die sich ebensowenig in glänzender Lage besinden, wie Sie, aber es steht <u hoffen, bei gedie­gener Weiterarbeit werden Sie wie der Verlag Seide spinnen. Man wird also Ihren Roman herausbrin­gen und stch's Opfer an Ausstattung und Reklame ko­sten lassen, denn Sie sind vorläufig doch noch vollkom­men unbekannt, und bei bem Maffenangebote auf dem Büchermärkte wird ein gutes Buch von seichter Ware leicht erstickt. Versucht, — ich betone „versucht" — der Verlag nun, Ihnen einen literarischen Ruf zu oer- fchaffen, so erwartet er anderseits, daß Sie sich dank­bar zeigen und sich auf eine Reihe von Jahren kon­traktlich binden, Ihre größeren Arbeiten zueffi der Firma „Rost u. v. Hakburg" anzubieten."

„Das ist selbstverständlich, war doch schon aus­gemacht nut Hans Heinrich!"

Da legt Sosquen dem kleinen Trütow die Hand auf bie Schuller-

„Nehmen Sie mir ein ehrliches Wort nicht übel! Sie sind ein sehr kluger Mensch, haben ein paar Au­gen im Kopfe, die zu sehen vefftehen, und trotzdem sind Sie einmal vor die Hunde gegangen! — Bitte, das soll kein verurteilender Vorwurf sein! — Ich bin der allerletzte, der nicht Verständnis hat für all die Widrig­keiten, die Sie aus dem Geleise geworfen haben. Wird man in solchem Falle nicht als „krankes Kind" liebe­voll von seinen Angehörigen behandelt, nun, so liegt man eben auf dem Sttaßenpflaster und bann geht's rapibe abwärts! Jetzt haben Sie einen Halt! Es wird Ihnen in Ru^ Gelegenheit geboten, zu schaffen, — durch Herrn v. Hakburg, unfern Freund, ber nm für Sie verbürgt hat! — O nein, mein lieber v. T m- tow, keine Dankesbezeugungen! Ich gestehe ehrlich. Sie sind mir ein lieber Gesellschafter und hoffentlich recht bald mein Freund, denn ich lerne von Jhnm wahrhaftig eine ganze Menge, also ich habe Ihnen zu danken! Ich habe auch das gute Recht, Ihnen die Wahrheit unter die Nase zu reiben, weil ich hoffe, Sie

sehen mich heute schon als Ihren Freund an. Und da sage ich Ihnen ehrlich heraus: Sie sind kein Cha- rafter! Besitzen keine Widerstandskraft! Und ohne die komntt man nicht durchs Leben! — Wenn nun Hak­burg u. Rost fürchten, Sie könnten ihnen abschnappm, falls Sie mit Ihrem Roman einen großen Erfolg er­zielen, so kann ich vorläufig diese Bedenken nur teilen! Nehmen Sie mit meine Offenheit nicht übel, mein Lie­bet! Und deshalb wollen sie die Gewißheit haben, drei Jahre mit Ihnen zu arbeiten, ich halte diesen Vor­schlag in jeder Beziehung für begründet, von Vorteil für Sie, wie für den Verlag!"

„Natürlich sage ich mit Freuden zu!"

„Gut! Also fahren Sie übermorgen! — Und nicht wahr, einstweilen bleiben Sie bei mir?"

„Herr v. Sosquen, wie —"

„Herrgott, ich sagte Ihnen dock; schon, leisten Sie etwas Ordentliches in Ihrem neuen Berufe und wer­den Sie mein Freund, dann sollte es doch mit dem Henket zugehen, wir würgten zusammen nicht alle Widerwärtigkeiten ab!"

XVI.

Trütow war nach Berlin gefahren, um seinen Ro­man mit Doftor Breitenschlag noch an einigen Stellen zu ändern und feinen Vertrag mit dem Verlage Rost u. v. Hakbutg zu unterschreiben.

In der Altmark waten in den letzten Tagen ganz unglaubliche Schneemaffen vom Himmel gekommen, der Wind hatte sich gelegt, das rechte Wetter für eine Schlittenpartie.

Seit einigen Tagen knisterte in Sofquens Btust- tasche ein Brief von Ada Hakbutg, sie bat ihn, doch bald einmal zu kommen, sie habe mit ihm über Hans Heinrich zu sprechen. Und er hatte die Absicht gehabt' keinesfalls hinzufahren! Noch jedesmal wat er, seit ihr Bruder den Absckied genommen, verärgert aus Möhringen wieder heimgefahren. Niemals hatte er es fertig gebracht, ihre Energie zu wecken, glaubte er einmal, er habe gewonnen, dann ließ sie im entscheiden­den Augenblick doch immer wieder den Kopf hängen. Wäre sein Herz nicht engagiert gewesen, würde es ihm einerlei gewesen fein, denn HanS Heinrich schien sich jetzt ganz leidlich durchs Leben zu finden. — Aber schließlich gab er doch den Befehl zum Anspannern

(Fortsetzung folgt.)