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i.Ä'Ä«. w°chenb-!-°g«! Illustrierte §onntagsreitung"
38. Jahrgang
Fulda, Samstag den 21. Oktober im.
Erstes Blatt
242.
schäft niedergetrampelt wurde, es sogar noch wagt, sich selbst als hocherhaben über die.unwürdige" Kampfes« weise des Zentrums hinjuftellen, beweist lediglich die unnmhrhaflige, heuchlerische Frechheit dieser Gesellschaft. Bon Selbsterkenntnis war ja überhaupt bei dieser verächtlichen Art von Liberalismus nie die Spur."
♦ Karlsruhe, 20. Ott. 1911. Die Stichwahl in Konstanz - Ueberlingen ist auf Freitag, den 2 7. Oktober anberaumt.
Deutsches Reich.
** Der Kaiser im Rheinland.
Der Kaiser setzte am Freitag mit Gefolge in sechs Automobilm seine Fahrt durch die Eifel fort. Die berührten Ortschaften warm festlich geschmückt, die Schulkinder hatten einen freien Tag, überall herrschte Begeistemng. In M ü n st e r e i f e l besuchte der Kaiser die Pfarrkirche, um das Innere, die Krypta, das Grabmal des Grafm Gottfried Bergheim, Jotoie die wertvollen alten Gemälde und Meßgewänder, derm Alter bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht, zu besichtigen. Besonders interefsiertm den Kaiser die Meßgewänder, die aus dem Brautkleid der Kaiserin Maria Theresia hergestellt sind. Um 12,15 Uhr mittags langten die Automobile an dem vom Kaiser ge- stiftetm Kaiserbrunnen in D a u n an, dessen Enthüllung der Kaiser beiwohnte. Die Kaiserfahrt ging weiter über Blankenheim, Schmidtheim, Stadtkyll, Hillesheim, Dreis, Stockweiler, Gerolstein, Prüm, Schönchkm, Molberk, Kyllburg, Eisenschmidt, Groß- Litgm, Wittlich, Berncastel nach Lieser, wo der Kaiser um 5 Uhr 45 Min. eintraf. Ein längerer Aufenthalt war in Prüm und Kyllburg. Der Kaiser wurde überall herzlich begrüßt. Auf Schloß Lieser fand Abendtafel bei dem Minister v. Schor- lemer-Lieser statt. Die Abreise im Sonderzug erfolgte um 10 Uhr nach Wildpark, wo er heute, Samstag 10 Uhr 40 Min. eintrifft.
trottet ttw mit Ausnahme der Zo.m- ««d Zeierta-e viertel- phrficher vezugspreis ohne Sringertohn und Bestellgeld iu Hulda so- »ie auswärts 1.50 mt
verairtw. Redakteur:
Lark Schütter
** Berlin, 20. Oktober 1911. Der Kaiser wird am 5. November als Jagdgast des Fürsten zu Fürstenberg in Donaueschingen zur Fuchsjagd eintreffen und bis zum 10. November dort verweilen. — Der Reichskanzler empfing am Donnerstag den ilalienischen Botschafter und ließ sich dann den italienischen Professor Ferri, der als Delegierter der italienischen Regierung zu dem 7. Internationalen Kongreß für Kriminalanthropologie nach Köln entsandt war, vorstellen. Ferri ist italienischer Sozialist von reinstem Wasser. — Die »Freilonser- vative Korresp.* meldet: Die Begründung einer badischen und hessischen Reichspartei ist in sichere Aussicht genommen und steht nahe bevor.
* Zur preußischen Steuerreform. Dem Vernehmen nach unterliegt jetzt der Gesetzentwurf über die Neuordnung der Einkommen- und Ergänzungssteuer der Beratung des Staatsministeriums. Er soll womöglich dem Landtage zugleich mit dem Entwürfe des Staatshaushaltsplanes für 1912 vorgelegt werden. Ob das Gesetz schon am 1. April 1912 in Kraft treten kann, steht noch dahin.
s. Die Kommission zur Abänderung drs HUfs- ksffengtjetzes trat am Freitag im Reichstage zusammen. Es ist bekanntlich beabsichtigt, die Hilfskassen unter die Bestimmungen des Privatver- sicherungsgesrtzes zu stellen, weil sich vielfach als Schwindclkassen erwiesen haben. Der Vertreter der Regierung führte das in längerer Rede aus, wurde aber von den Sozialdemokraten, die für ihre Ge- werkschajtskassen fürchten, lebhaft angegriffen. Die Nationalliberalen und auch die Freisinnigen Katen jüe dir Regierung ein.
)( Der Verlaus der Kongoverhandlungen. Ein amtlicher Bericht des französischen Kabinettsrats von Freitag besagt: Die Minister nahmen von dem befriedigenden Verlauf der Verhandlungen Kenntnis. — Bei den zahlreichen Enttäuschungen muß man bald mit Besorgnis erfüllt werden, wenn die Offiziösen das Wort „befriedigenden Verlaust in den Mund nehmen.
4- Zum Kongohandel sollten sich dem Berliner Mitarbeiter des Pariser »Malin* gegenüber die Abgg. Paasche (natl.) und Erzberger (Ztr.) dahin geäußert haben, daß es in dem Augenblick, wo Deutschland keine territoriale Entschädigung in Marokko selbst hätte erhalten können, besser gewesen sei, Frantteich in Frieden zu lassen. Vom deutschen Standpunkt habe die Kongokolonie überhaupt keinen Wert. Der Abg. Paasche hat nun einem Mitarbeiter des „Bert, iagebl." erklärt, daß er sich allerdings mit dem Mitarbeiter des „Malin" unterhalten habe. Aeußerungen, wie dieser sie im „Matin* wiedergebe, habe er nicht gemacht. Wie uns der Abg. Erzberger mitteilt, sind die ihm vom „Malin' in den Mund gelegten Aeußerungen glatt erfunden. Er habe mit dem Mitarbeiter deS überhaupt kein Wort gewechselt, sondern nur auf einen Zuruf des Abg. Dr. Paasche erklärt, daß er auf die Kompensationen den größten Wert lege. Was die Regierung gefotbert habe, sei das mindeste, was sie verlangen müßte. Er habe dann noch ausdrücklich hervorgehobeu, daß Deutschland auf alle Fälle an den Kongo herankommen müßte.
-s- Zu den Besprechungen des Reichskanzlers mit mehreren Parteiführern will eine Berliner Nachrichtenstelle erfahren haben, daß sie die Marokkoangelegenheit betroffen haben. Es seien an ihnen unter anderen beteiligt gewesen die Abgg. v. Hevde- brand. v. Bormann, v. Hertling, Safier mann, Werner und v. Gamp- Der Kanzler habe den Abgeord- neten eine weitreichende Darstellung des Verhandlungsgegenstandes gegeben. Alle Parteiführer erklärten sich übereinftimmenb mit den Darlegungen deS Kanzlers zufrieden und bekundeten ihr Einverständnis damit, daß die Marokkodebatte zurückgestellt würde, bis der Reichskanzler bereit sei, die JnterpellatiE zu beantworten. — Besprechungen zwischen dem Reichskanzler und den Parteiführem haben am Dienstag allerdings stattgefunden. Gegenstand dieser Besprechungen war aber unseres Wiffens nicht die Marokko- frage. sondern die Teuerung.
** Eine Aussetzung der Pleuarverhandlungeu deS Reichstages zugunsten der Kommissionsarbeilen für das Privatdeamtenversichernngsgesetz ist für die nächste Zeit in Aussicht genommen.
** (Segen die irische Selbstregierung hat sich auch die in Dublin abgehattane Kirchenkonferenz der Anglikaner, an der sämtliche Bischöfe teilnahmen, ausgesprochen. Der Erzbischof von Dublin bezeichnete die Home Rule sogar als ein großes liebel, daS die Fehde zwischen Katholiken und Protestanten wieder in aller Schärfe aufleben lassen werde. Dtq Home Rule wird trotzdem kommen, aber es ist fiat, daß sie bei dem Widerstand der höchsten Kirchenstellen der Anglikaner gereizte Stimmung unter den Protestanten Hervorrufen muß.
)( Die erste Junggesellensteuer. Im Fürstentum Reuß ä. L. wird eine Art von Junggesellensteuer eingeführt. In der Steuergesetzgebungskommission deS Landtages wurde beschlossen, daß 1 ed ig e Person e n eines bestimmten Alters, die keinerlei Unter- Haltungspflicht anderen gegenüber haben, einens Steuerzuschlag zahlen sollen.
* Danzig, 19. Ott. 1911. Der heute versammelte Provinzial-Ausschuß der west preußischen Zentrumspartei, der von 40 Vertretern aller Wahlkreise besucht war, drückte einstimmig der bewährten Leitung der Zentrums-Fraktionen sein volles Vertrauen aus. „Die Versammlung betont die Notwendigkeit vollster Eintracht und verwirft alle Richtungen und Sonderbestrebungen.*
Nationalliberalen. Erst 1890 gelang es dem Zentrum, das Mandat zu erobern; aber erft in der Stichwahl mit Hilfe von links, da bei der Hauptwahl damals das Zentrum noch hinter den Nationallcheralen zurückgeblieben war. Es blieb em Stichwahlkreis bis 1903; da erst siegte der verewigte Abg. Finanzrat Hug im Hauptwahlgange mit 12187 Zentrumsstimmen. Im Jahre 1907 stieg die Stimmenzahl Hugs auf 14 324 Stimmen. Ob die letzteren sämtlich von echten und rechten Zentrumsmännern herrühren, die mit voller lieber» zeugung dem positiven Progamm der Partei anhm- eng, ist noch gar nicht gesagt, da bei bett Blockwahlen von 1907 die scharf oppositionelle Stellung des Zentrums manche Elemente anziehen konnte, die mehr von Unzufriedenheit und Kampflust, als von idealem Stteben geleitet waren. Es scheint fast so, als ob es solche „Mitläufer" von 1907 gewesen seien, die jetzt, nachdem das Zentrum wieder mit der Verantwortlichkeit für die Politik feit 1909 belastet worden ist, seine Fahne verlassen und ihre oppositionellen Gelüste durch einen liberalen ober roten Stimmzettel befriebigt haben. Auf diese Weise würbe es sich erklären, daß bas Zentrum 900 Stimmen gegen 1907 verloren, aber doch noch 1200 Stimmen mehr als bei seinem Siege von 1903 aufgebracht hat. Die lieber» schreitung der Stimmenzahl von 1903 fällt um so mehr ins Gewicht, als damals noch die überaus beliebte Persönlichkeit des inzwischen verstorbenen Abg. Hug ihre außerordentliche Zugkraft einsetzte, während jetzt ein Neuling erst mit der Begründung des persönlichen Vertrauens anfangen mußte. Wahlkreise, die jahrelang von derselben imposanten und beliebten Persönlichkeit vertreten werden, sind während dieser Zeit zu beneiden; aber nach dem Ausscheiden dieser Persönlichkeit gilt es einen Rückschlag zu überwinden. Realttedit ist auf die Dauer sicherer, als Personalkredtt.
Es steht also fest, daß 1) Konstanz n i e ein b o m- be«sicherer Wahlkreis des Zentmus gewesen ist und daß 2) die Zentrumspartei den bei der letzten Normalwahl von 1903 gemusterten Anhänge- bestanb mit erheblichem Zuwachs behauptet hat.
Drittens ist noch zu beachten, daß es sich diesmal um eine Ersatzwahl handelt, bei der die Agitation außerordentliche Formen anzunehmen pflegt, und zwar erfahrungsgemäß zum Nachteil der p o s i t i v e n Partei und zum Vorteil bet oppositionellen Parteien. Bei einer normalen Agitation wäre ja auch nicht eine Wahlbeteiligung bis zu 90 Prozent der Berechtigten im ersten Wahlgang zu erzielen gewesen.
Wenn bei der Stichwahl bie Liberalen unb bie Sozialbemokraten vollzählig sich vereinigen, so haben sie einen Vorsprung von 850 Stimmen vor bem Zentrumskanbibaten. Es kommt nun borattf an, ob die Zentrumspartei aus bett 2700 Wählern, die beim ersten Wahlgang gefehlt haben, noch ein Drittel für ihren Kandidaten mobil machen kann.
Wenn nicht, so geht bas Mandat uns verloren; aber vorläufig nur, auf ein Vierteljahr. Bei den allgemeinen Neuwahlen im Januar wirb auch in Konstanz bie Agitation wieder normal werben, uttb es nt noch keineswegs ausgemacht, ob bann bie Großblockparteien wieder alle diejeniaen an bie Urne bringen, bie sie jetzt für ihre Kandidaten aufgetrieben hatten.
Also brauchen wir uns durch das Täuschungsgeschrei der Gegner nicht bange machen zu lassen. Aber wir dürfen auch über die unangeneh- men Erfahrungen bei den Ersatzwahlen uns nicht leichtsinnig Hinwegsetzen. Wir sehen, daß die Zentrumspartei mit großen sehr großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat und es muß überall ein Ansporn sei« für die a u g e s p a n n- teste Wahlarbeit. Vor allem muß die sog. Kleinarbeit von langer Hand sorgfältig vorbereitet werden, und dann sollte man namentlich sein Augenmerk richteit auf bie Verbreitung ber Zen- trumspresse.
Wir sind nicht geschlagen aber wir haben Rippe n st ö ß e erhalten. Wenn sie a u f m u n t e r n d, attfeuer nb wirken, so kann man sie mit Dank hinnehmen.
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Das Hauptorgan der badischen Zentrnmspartei, der ,Bad. Beobachter', sagt zu dem Ausiall der Wahl:
El« Sieg des Blocks ist nur möglich, wenn er sich sum Großdlock erweitert. Die Tatsache bleibt, daß der Liberalismus für sich allein dem Zentrum nichts anhaben kann und weit schwächer ist als das Zentrum. Seine Hoffnung und Stütze ist die Soz latd emokralie, die auch gewiß nicht versagen wird. Eines können wir ruhig sagen: das Zentrum hat es nicht an sich fehlen lassen. Die Agitationsarbeit war gut organisiert und lag in guten Händen. Es ist eine ganz immense Arbeit geleistet worden in diesen Tagen. Wenn der volle Erfolg bis jetzt ausblieb, bann liegt das an anderen Momenten. Auch das muß gesagt werden, daß da? Zentrum einen ausgezeichneten Mann zum Kandidaten hatte. Wir sprechen nicht gern über die „Kampfesweije der Gegner" und schieben nicht gern die Schuld auf diese, wenn das Zentrum nicht den gewünschten Erfolg hatte. Die Kamptesweise der Gegner kann immer nur ein Faktor sein, d.r bei Erörterung der Gründe für Erfolg ober Mißerfolg in Betracht kommt. Aber bas ist sicher: das Treiben der Liberalen in diesem KreiS war unerhört. Kein sozialdemokratisches Blatt konnte speziell die gelungene unb dem Reich so bitter notwendige Rcichssiiianzreform demagogischer und charakterloser in geradezu antmationalkr Weise gegen das Zentrum aus« nützen, als das die liberalen B älter taten, die sich lächerlicherweise nationalliberal nennen. Der Erfolg der Liberalen ist teuer erkauft und mit einer schweren Einbuße an nationaler Opserwilligkeit.
Am Wahltage selbst hatte das genannte Blatt hierzu noch festgestellt:
»Wenn jemand die ganze Zeit hindurch die liberalen Blätter am See gelesen hat — wir glauben nicht, daß viele ehrliche und anständige Menschen daS noch fertig brachten — dann weife er, daß man den Kampf nicht niederträchtiger führen konnte, als dies durch die liberale Presse geschehen ist. Daß man trotz der Gemeinheit, mit welcher die Wahrheit unb der nationale Sinn im Volk von dieser Gesell-
x grito Mtn Stollen unb ter M.
Die italienische Regierung wird demnächst den Mächten die offizielle Benachri htignng zugehen lassen, daß Italien Tripoli- und Benghasi (Cyrenaika) hti aller Form annektiert habe. Italien ist aber noch1 keineswegs im sichern Besitz de- gesamten bisher türkischen Landes, wenn es auch neuerdrngS in Benghasi festeren Fuß gefaßt hat. Im Hmterland indessen befinden sich noch immer türkische Streit» träfte, die angeblich, wie die Italiener fortgesetzt versichern, hall» verhungert, zerlumpt und schlecht bewaffnet sind. Aber ergeben wollen sich die Türken nicht, und wahrscheinlich wird der eigentliche Kriegs« tanz erst beginnen in dem Augenblick, wo italienische Truppen sich anschicken, ihre Fahnen landeinwärts zu tragen.
tzomS, Derua und Benghasi.
Die italienische offiziöse ,Agenzia Stefauft W richtet eingehend über das Vorgehen der Italien«
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 20. Oktober 1911.
Auf ber Tagesordnung steht bie Fortsetzung ber ersten Beratung der
Privaibeomtenverficherung.
Abg. Trimboru (Ztr.): Die Prioalbeamtenver- sicherung soll bie Krönung unserer Versicherungsgesetz' gebung bilden. Ihre Verabschiedung ist die wichtigste Aufgabe des kurzes Restes ber Session unb meine politischen Freunde werden alles tun, um das Gesetz in dieser Session noch zustande zu bringen. (Lebh. Bravo im Ztr.) Nicht weniger als 2 Millionen Angestellte sollen in die neue Versicherung einbezogen werden. Der Privatbeamtenstand wird nicht mit Unrecht als der neue Mittelstand bezeichnet und so erscheint bie Privatbeamienversicherung als ein wesentliches Stück Mitlelstandspolittk. (Sehr richtig.^ Wir kommen hier einer sozialen Pflicht nach gegenüber diesen Kreisen, wenn wir ihnen die Versorgung zuteil werben lassen, die für bie Staatsbeamten als selbstverständlich betrachtet wird. Die Belastung, die das neue Gesetz für die wirtschaftliche Produktion bringen wird, unterschätzen wir keineswegs. Es ergiebt sich daraus für uns die Notwendigkeit, weitergehenden Anträgen gegenüber uns eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen. Wir müssen im großen und ganzen das Gesetz so annehmen, wie es uns vorgelegt worven ist. Wir können das umso leichter tun, als die interessierten Personen selbst sich in ihren Forderungen eine lobenswerte Mäßigung auferlegt haben. In der Kommission wirb besonbers die Frage der Ersatzklassen ein« gehend erörtert werden müssen. Manch einer wird bedauert haben, daß bie Leistungen der Versicherung zu niedrig sind, aber mehr läßt sich bei den 8e/o Beitrag eben nicht erreichen. Die Beiträge in Höhe von 4% des Gehaltes werden von vielen Privatangestellten als eine wesentliche Belastung empfunden werden, sodaß die große Mehrheit dieses Hauses schwerlich geneigt sein wird, über diesen Satz hinaus zu gehen. Sollten sich später einmal die Berechnungen der Mathematiker als zu vorsichtig heraus Zellen, so werden wir gern bereit sein, die Leistun gen zu erhöhen. (Sehr richtig i. Ztr.) Bedenken flößt meinen politischen Freunden die zwangswerje Doppelversicherung für diejenigen Berstcherten, die unter 2000 Mk. Gehalt beziehen, ein. Ich möchte in diesem Augenblick weder für noch gegen Stellung nehmen, es wird Ausgabe der Kommission fein, hier eine zweckentsprechende Lösung bet Schwierigkeiten zu finden. Rebner bittet feine Nachredner, ebenfalls alle parteipolitischen Erörterungen aus der Debatte wegzulassen. Die Ausgabe, vor der wir hier stehen, ist zu bedeutungsvoll und die Zeit, die zu ihrer Lösung zur Verfügung steht, zu knapp bemessen. (Sehr richtig.) Ich beantrage, den Entwurf an dieselbe Kommission zu verweisen, die die ReichSverficherungsordnung vorberaten hat. (Lebh. Beifall im Zentrum. '
Abg. Frhr. v. Richthofen (fonf.): Auch wir erblicken nit dem Vorredner ein Stück Mittelftandspolitik in oer Privatbeamienversicherung unb sind gern bereit, auch diese Gelegenheit zur Förderung des Mittelstandes zu benutzen.
Dbg. Schmidt-Berlin (Soz.): Hoffentlich gelingt es den Feinden des Entwurfes, an deren erster Stelle natürlich wieder der Zentralverband Deutscher Industrieller steht, nicht, ihn zu Falle zu bringen.
Abg. Dr. Strefenumn (natl) sucht zunächst die Bedenken der Interessenten gegen die Versicherung zu entkräften. Zu Beginn der Kommisfionsverhandlungen werde« wir auch Stellung nehmen müssen zu dem Angebot der deutschen Lebensversicherungsgesellschaft, die ganze Sache in bie Hand zu nehmen. Redner sucht die Bedenken der Lebensversicherungen gegen die Vorlage, daß sie ihnen das Geschäft verderben würden, zu zerstreue». Durch die Vorlage werde der Bersicherungs- gedanke in taufende von Familien neu bineingetragen und so mächtig gefördert, daö auch die Privatversicherungen davon profitieren werden.
Abg. Dr. Mugdan (Vp.): Eme der Hauptaufgaben ber Kommission wird fern, zu erwägen, ob es nicht möglich ist, den selbständigen Handwerkern und Gewerbetreibenden sowie den hochgelohnten Arbeitern die Möglichkeit der freiwilligen Versicherung auf Grund dieses Gesetzes zu gewähren. Mit der Abgrenzung des Kreises der Berficherungspflichtigeu sind wir einverstanden. Auf leinen Fall wird es möglich sein, über die Grenze von 5000 Mark hinauszugehen. Auch meine^politischen Freunde sind bereit, an einer raschen Verabschiedung des Gesetzes mitzuarbiiten.
Abg. Linz - Rp.): Unsere Bedenken richten sich weniger gegen das Prinzip, als gegen das System. Es wird in der Kommission noch einmal eingehend untersucht werden müssen, ob in der Tat bie Errichtung einer Sonderkaffe notwendig ist. Im Interesse der filteren Beamten muffe bie Wartezeit abgekürzt werden.
Abg. Korfanth (Pole) erklärt sich namens feiner Fraktion im großen unb ganzen mit der Vorlage einverstanden.
Abg. Raab (Wirtsch. Vgg.): Leider sind Mächte an bet Arbeit, das ganze Gesetz zu Fall zu bringen — ich denke an die Gründung besonderer Werkskassen. Aber bie betrefienben Herren mögen sich nicht bemühen; wir werden Mittel unb Wege finden, solchen Quertreibereien einen Riegel vorzuschieben.
Die Vorlage geht an die Reichsversicherungsordnungs-Kommission.
Samstag: Konsulargerichtshof.
K Die Konstanzer Ersatzwahl.
Wenn die Liberalen oder die Sozialdemokraten in irgend einem Zenlrumswahlkreise einen Erfolg erringen, fo wird dieser Wahlkreis alsbald zu einer „Hochburg" oder „Stammburg" des Zentrums erhoben. Es soll dadurch der Anschein erweckt werden, als ob „der Zentrumsturm schon in seinen Fundamenten" wanke. Was die Großblockbrüder bisher in der Ersatzwahl-Kampagne mit vieler Mühe „erobert" haben, gehört aber durchaus nicht zu dem log. bombensicheren Bestand des Zentrums. Auch der Wahlkreis Konstanz, in dem der Zenti ums- kandiLat soeben in die Stichwahl gedrängt ist, kann durchaus nicht als Hochburg oder Stammburg gelten. Sagegen spricht schon entscheidend die Tatsache, daß dieser Wahltteis bis 1890 den National- liberalen gehört hat. Also sogar während der Zeit des Bismarckfchen Kulturkampfes, als überall sonst in Deutschland die katholischen Wähler aufgerüttelt und zum Kampf auf Leben und Tod gegen den religionsfeindlichen Liberalismus mobil gemacht wurde, wählte der Kreis Konstanz Bei 90 Prozent Katholiken fortgefetzt einen
Ausland.
*♦ Der König von Sachse« mit dem Kronprinzen und dem Prinzen Friedrich Christian ist gestern in Wien eingetroffen und vorn Kaiser in Privataudienz empfangen worden.
** Die Entwicklung des italienischen Regierungs- sozialismus. Der italienische Soz alistenkon- g r e ß in Modena ist vorüber. Er zeigte das für die bürgerlichen Partoien recht interessante Bild einer Zerspl itt erung des sozialistischen Lagers in 5 Gruppen von ungleicher Größe, daneben aber auch die ersten Schritte des ministeriellen Sozialisten, die sich, um das Wort ihres Führers Bissolati zu gebrauchen, «eher in Stücke hauen lassen, als im ge- gemvärtigen Zeitpunkt zur Opposition gegen Girilitft überzugehen". Bissolati hat zwar nur 2000 Stimmen von rund 22 000 hinter sich. Das ist zwar nicht viel für die „äußerste Rechte" des italienischen Sozialismus, aber es kann noch etwas daraus werden. Denn die ministerielle Eidesformel, die Bissolati mit seinem „Jnstückehauenlaffen" aussprach, war rocht kräftig. Sie war eine unbedingte Vertrauvnskund- gebung für Gwlittt und sein Ministerium, wie sie noch auf keinem Sozialistenkongreß Europas für irgend ein anderes bürgerliches Kabinett fiel. Man begreift jetzt, toarum der Deputierte von Dronere, als er fein viertes Ministerium bildete, Signor Bissolati in den Quirinal bitten ließ, und warum der Führer der äußersten sozialistischen Rechten unter Zuhilfenahme einer neuen Krawatte und einer besseren Qualität Handschuhe dem Rufe Folge leistete. Giolitti kannte die Wandlungen Biffolatis vermutlich in dem Maße, wie Elemenc-au um jene Bricmds wußte, der einst auch auf revolutionären Bänken gesessen. Er erblickt in Bissolati den Mann, der nicht nur die Partei der unabhängigen Sozialisten mit Ergatterung ministerieller Gunst bildet und dadurch den Sozialismus zermürbt, sondern auch da? Werkzeug, durch das der schon längst so sehr gehätschelte bürgerliche Radikalismus seine etwas reinliche Stellung als extremste Regierungspartei verliert, und eine Sprosse weit« hinauf kommt- Der Appetit kommt mit dem Essen, und wenn die Sozialfften der Rechtsschwenkung sehen, daß der MinisterialIsmus eine erträglicheSache ist, wird sich die ministeriell-sozalistische Partei fräftig entwickeln. Die italienische Wählerschaft sieht eS gern, wenn ihr Deputierter etwas ministerielle GunMeweife mit in den Wahltteis bringt. Vergegenwärtigt man sich noch, welchen Einfluß die Regierung zu Gunsten ministerieller Sozialisten ausüben kann, so wird ohne weiteres Har, daß die Biffolatipartei eine große Zukunft vor sich hat. — Die Politik Italiens wird in den nächsten Monaten jedenfalls eine interessante Entwicklung zeigen und mit gespannter Aufmerksamkeit auch aus dem kirchenpolitischen Gebiet verfolgt werden müssen.
** Ein politisches Attentat. Bei Kiew wurde der Polizeibeamte Adamowitsch, der Settetär ber Ochrana, von Revolutionären getötet. Adamowitsch hatte den Straßenbahnwagen in einer Vorstadt bestiegen. Außer dem Polizeibeamten hatten nur noch zwei Personen in dem Wagen Platz genommen. Kurze Zeit nachdem Adamowitsch de» Wagen bestiegen hatte, sprangen zwei Männer auf den Wagen, die sich sofort Adamowitsch näherten und mehrere Schüsse auf ihn abgaben. Adamowitsch brach tot zusammen. Die beiden Mörder entkamen unerkannt. Adamowitsch war bei den Revolutionären, die er mit «nnachsichtlicher Strenge verfolgte, sehr verhaßt.
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