M 242.
Samstag 21. SUstzer <»».
38. Jahrgang.
«fuldaer M Leitung *
3. Blatt.
druck und Verlag der Fuldaer Aetlendenckerel in znida.
kundlichen Unterweisung der schulentlassenen Jugend der Oeffenäichkeit unterbreitet. DaS Buch betitelt sich: „Stoff und Methode der Lebenskunde für Schulentlassene." Entwickelt auf Grund meiner Erfahrungen in der Mädchensortbil- dungSschule zu Hochneukirch von Eduard Kru» chen, Pfarrer, Dr. theol. et phil. 8° (131) PceiS 1 Mk. M.-Gladbach 1911. Herausgegeben vom Verbände für soziale Kultur und Wohlfahrtspflege.
ES ist ein tüchtiges Büchlein. In streng geschlossener Linie führt der Autor seine Schülerinnen zur Erkenntnis der Voraussetzungen und dec Mittel der Charakterbildung, leistet sie an zum Nachdenken über daS Leben, seinen Sinn und seine wahre Werten. Tas ist es, was wir besonders in der Fortbildungsschule brauchen. Und dabei schildert der Verfasser so anschaulich seine Methode, mit Heranwachsenden jungen Leuten zu verkehren, ihr Jntereffr zu wecken und festzuhalten, ihrm Freude am sittlichen Kampf einzuflößen, daß jedem Leser die Richtigkeit und Vorzüglichkeiten dieser Methode soforl zum Bewußtsein kommen müssen. Nicht bloß für den Lehrer der Fortbildungsschule, sondern ebensowohl für den Lester des Vereins ist das Büchlein ein wahrer Schatz, und auch verständige Eltem werden daraus die rechte Methode schöpfen können, chre Heranwachsenden Kinder zum Leben und zur Selbsterzichung anzuleiten l
Ausland.
* Schwierigkeiten in Oesterreich-Ungarn. Die unhaltbare Lage im österreichischen Abgeordnetrnhause,' wo die Regierung seit den letzten Wahlen ohne Mehrheit dasteht, hat den Ministerpräsidenten Freiherrn von Gautsch veranlaßt, eine Besserung durch Schaffung einer Arbeitsmehrheit im Wege der Umgestaltung seines Kabinetts zu versuchen. Da eine Arbestsmehrheit ohne Eintritt der Tschechen nicht zu erzielen wäre, denk: Frhr. von Gautsch, sein Kabinett durch zwei hohe Beamte von ausgesprochen tschechisch-nationaler Gesinnung zu ergänzen, was keineswegs nach dem Gejchmack der Deutfchradikalen und der Deutschböhmen ist. Inzwischen scheint sich der Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand persönlich für eine Verständigung der Tschechen und Deutschen einzusetzen. Er ließ in den ietzlen Tagen mehrere hervorragende tschechische Parteiführer zu sich berufen und legte ihnen dringend ans Herz, wenigstens in den wichtigsten Pnnsten des deutsch- tschechischen Ausgleichsproblems eine Verständigung mit den Deutschen zu treffen, da b-e allgemeine Lage im Staatsmtereffe eine Zurückstellung der deutsch-tschechischen Zwistigkeiten dringend erfordere.
** Gut heimgeschickter Klostersreffer. Kirchen- seindliche Blätter regen sich darüber auf, daß der belgische Staat an die von 30 Schülern besuchte und mit großem Erfolg arbeitende Landwirtschafts- schule des Instituts St. Joseph, also eines Klosters, 4000 Francs Unterstützung zahlt. Die Schule hat auf mehreren Ausstellungen erste Preise erlangt. Die katholische Preise hält den Klosterfeinden mit Recht entgegen, daß die staatlichen Landwirtschaftsschulen die Regierung 40« 00 bis 4b 000 Frs. kosten und daß dazu noch starke Provinzialbestrage kommen, daß also die Klosterschulen bei gleichen Leistungen den Staat nur ein Zehntel davon kostet.
♦* Ein russischer Kulturkampf erscheint allmählich in Sicht, wenn nicht etwa die Enttvicklung der Balkan- frage die Regierung von den inneren katholischen An- gelegenheiten ablentt. Trenn wenn sich Rußland z. B. damit beschäftigt, die Freigabe der Dardanellenpaffage — eventuell sogar mit Geivalt — zu erwirken, dann hat es keine Zeit, an die Bedrückung der Katholiken zu dercken. Einen Kulturkampf macht man nicht vor einem Kriege oder während eines solchen, sondern nur n a ch h e r und natürlich auch nur dann, wenn er siegreich verlaufen ist. Eine geschlagene Regierung läßt andere Leute zufrieden, denn sie ist froh, wenn man sie selber zuftieden läßt. Vor kurzem rmirde in
»$< Lebenskunde.
Fast allgemein ist die Klage, daß es uns trotz dec glänzenden Errungenschaften der modemen Kultur an nichts mehr fehlt als an wahrer Kultur. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, unter Kultur die rein äußerlichen Werte der Kultur zu verstehen, haben zu sehn in Reichtum, Macht und behaglichem Wohlleben den Sinn des Lebens überhaupt gesucht, dabei aber vergessen, daß das höchste Objekt dec Kultur nicht die Außenwelt und nicht der Außemnensch ist, sondern die Seele, und daß deshalb auch die höchste Aufgabe der Kultur die innere Veredlung des Menschen ist. So sehen wir rings um uns herum brutale Genußsucht, Rücksichislofigkeir des Menschen gegen den Menschen, des einen Geschlechts gegen das anbett, innere Entfremdung der Stände, und infolge dieser Singe die Bedrohung des menschlichen Organismus durch die dunklen Mächte des Um- siurzcs, weil wir den tiefjtm Sinn und die höchsten Werte des Lebens nicht mehr kennen. Als Folgeer- scheinung mach! sich dann ein tiefer Pessimismus geltend, dec an dec Möglichkeit einer Neuorientierung der Gesellschaft verzweifelt.
Gegen diesen Pessimismus aber mehren sich in letzter Zeit die Stimmen derjenigen, welche den Glauben an die unveclöschliche Straft des Gmen im Menschen noch nicht verloren haben, und immer entschiedener treten Bestrebungen in den Vordergrund, die daraus abzielen, den modernen Menschen über das Leben und seine wahren Werte auszullären. Das ist der Sinn des von den Külturahckern geprägten Wortes L eb enskun d e. Sie will dem Menschen die Kunde, das Wissen vom Leben zu vermitteln, zugleich aber auch ihm Anleitung und Ansporn geben, das Leben und seine Werte in richtiger, vernunftgemäßer Weise zu leben.
Es liegt auf der Hand, daß wir Katholiken den veränderten Britürfnsssen der Zett gegenüber nicht darauf verzichtrn dürfen, besonders unserer Heranwachsenden Jugend einen tiefem Einblick ins Leben und seine Zusammenhänge zu vermitteln, um sie gegen die vickfachen Gefahren der modernen Kuituc- auswüchfe, gegen die wir sie nicht äußerlich akschließen können, innerlich zu festtgen. Damit wird die Le- bensknnde auch für uns zum unabweisbaren Problem. Unb darin zeigt sich die schier unermeßliche Heb er- legenheit des positiven, vor allem des katholischen Chcistenüuns über die moderne positivistische Weltan- schatmng, daß es in feiner Glaubenswahrheit einen sichern Ausgangspunkt und ein unverrückbares Ziel aller lebenskundlichen Unterweisung bietet, daß es ferner in seinen Gnadmmitteln unversiegbare Quellen der Willnrsstärkung besitzt.
Für uns ist die Frage „2eten»hinbe" in erster Linie eine methodische Frage, nämlich die Frage: wie geben wir dem modernen Menschen mit seiner veränderten wirtschaftlichen und sozialen Lage, mir seiner größten äußern Ungebundenheit des Lebens die ewigen Lebens werte des Christentums so, daß sie ihm geistiger Besitz, Richtlinien des Lebens und der sittlichen Selbstbehauptung werden? Deshalb wird Pädagogen und Geisttichen ein Büchlein willkommen sein, in dem ein Mann der Praxis, der seit Jahren mit hingebendem Jntereffe in der Fortbildungsschule tätig ist, seine eigenen Erfahrungen in der lebenS-
veutsches Keich.
* Gras Paul Hoensbroech sendet der,Braunschw. Landesztg.' eine Erklärung, in der es heißt:
„Daß ich früher der nationalliberalen Partei an« gehört habe, ist richtig, allein ich habe wich bald von ihr getrennt, da ich in ihr nicht die liberale Entschiedenheit fand, die unser politisches und kulturelles Leben verlangt. Auch Männer wie Lasker, Rickert, Bamberger haben früher der natiouallrberalen Partei angehört und sich aus bem [eiben Grunde von ihr getrennt."
Allerdings! Aber Lasker, Rickert, Bamberger und Hoensbroech? Eine seltsame Mischung. Graf Hoeusbroech hätte ruhig bleiben sollen, wo er war. Er paßte schon noch zu denen, die er jetzt schnöde verlassen.
D Gegen die angeblich geplante Annäherung der Nativnalliberale« und Konservativen wehrt sich die nationalhberale ,Kötn. Zig.' mit Händen und Füßen. Der Zweck der Hebung, meint sie, könne nur sein, die Stoßkraft der Nationalliberalen bei den Wahlen m schwächen. Auch wir glauben, daß für eine völlige Aussöhnung die Stimmung zwischen den beiden Parteien doch noch zu gereizt fein dürfte. Ganz abgesehen davon, daß die Jungkiberalen schwerlich einen Abmarsch nach rechts milmachen würden.
-4- Straßburg, 20. Okt. 1911. Am Sonntag finden die elsaß-lothringischen Landtagswahlen statt. Der Aufmarsch der Parteien sst jetzt beendet. Die Sozialdemokraten haben sich als einzige Partei den Luxus geleistet, in allen 60 Wahlkreisen Kandidaten aufzuftellen. Die weitaus meisten kommen jedoch nur als Zählkandidaten in Betracht. Die Liberalen bilden mit den mehr ober weniger liberal angehauchten „lin- abhängigen" eine recht zahlreiche, aber auch bunige- mischte Gesellschaft. Gerabe der Hmftanb, daß die Kandidaten auf dem Lande meist nicht offen als Liberale hervorzutreten wagen und in der Schulfrage die Simultanschule, weit von sich weisen, zeigt am deutlichsten die innere «Schwäche dieser Partei, die sich in den Städten auf die altelsässische radikale Dourgeoifie und die altdeutsehen Beamten, im Süden auf die oberelsäsiischen sehr antisozial gerichteten Industriellen ftüfst Der Lothringer Block, ter zuletzt mit seinem Ausruf an die Wähler heran- getreten ist, hat feine sicheren Kreise in den rein französischen und einigen gemischten Gegenden, in denen das sranzösifche Element überwiegt. Hier wird er überall vom Zentrum unterstützt. Heberhaupt sind die sicheren Wcchlkreise nur in Händen der Rechten, die Linke des Blocks steht überall im harten Kampfe mit dem Zentrum, der in der Hauptsache für dieses siegreich bleiben dürfte. Das Zentrum hat in Lothringen in den letzten Jahren unermüdlich trotz aller Angriffe gearbeitet, sowohl inbezug auf die Presse tote die Parteiorganisation. Seine 10 Kandidaten haben fast alle die besten Aus-
diesen Helden sicher; e» find edle Menschen, die die Bezeichnung Heroen verdienen."
Als der genwtbefe Minister Stolypin noch im Sterben log, druckte das führende belgische sozialdemokratische Blatt aus einer Rede des sozialdemokratischen Abg. Mehsmmm die Worte nach:
„Ich erfahre, daß der Zustand Stochpins sich verschlimmert hat. Möge ihm die Erde leicht fetal (Gelächter.) Die sozialistischen Parteien der Welt haben gesagt: ,Wir werden den Krieg mit allen Mitteln br« kämpfe«/ Was heißt das,Mtt allen Mitteln'? Das hecht: Mit allen Mitteln. Bergleichen Sie Stolypin!" (Anhaltender Beifall.)
DaS dürfte genügen zum Erweis dafür, wie b i e Sozialbemokratie bie Revolution nnbbenMorbverherrlicht. Hnb wenn sie nun mittelalterliche Moralisten ausgräbt, beten Namen sie nicht einmal richtig wiedergeben kann, so merkt man die Absicht des Mannes, ter ruft: Haltet den Dieb! um bie Aufmerksamkeit von dem eigenen hochverräterischen Treiben abzulenken.
# Ttzrarrnenuiord uttb sozialdemokratische „Revoluzzerer".
ihrer verlogenen Hetzerei die moralische Berantwor. luna von allen Setten auferlegt Wirte hat die sozial, demokratische Presse ganz aus bem Häuschen ge- bracht und sie schlägt um sich wie ein Tobsüchtiger. gn ihrer Verzweiflung hängt sich die Sozialdemo- atie an die Rockschöße des Bismarckattentäters Kullmann! Als ob für dessen Tat eine vom Zentrum in Szene gesetzte Hetze schuld gewesen wäre, wie die von der Sozialdemokratie inszenierte Hetzerei schuld ist an der Schießerei des Wiener Revolver- yelden!
Doch ein süßer Trost sst der roten Presse geblieben: Stt greift zu dem HÄ- und Trostbüchlein für Sozialdemokraten in Zetten ter Attentäterei, das ein gewisser Herr Böhme zusammengefchrieben hat unter dem Titel „Der Thranenmord nach der Lehre der katholischen Kirche". Da sind in rührender Unwissenheit Sätze von mitelalterlichen Theologen zusammengeschrreben, m denen diese von ent« Erlaubtheit des Tyrannenmordes reden oter reden sollen, ohne daß ater, wie es eine vernünftige Kritik tut, auch untersucht und dargestellt sst, erstens wie die Betreffenden selbst zur Kirche gestanden, und zweitens wie bie Kirche selbst sich zu biesen Aufstellungen gestellt hat, b. h. ob die Kttche nicht solche Behauptungen v«worsen hat.
Mit Fettdruck z. B. teilt die sozialdemokratische „Rheinische Zeitung" (Nr. 235) den Satz des Johannes Parvus mit, daß jeder Tyrann mit Fug und Recht von jedem beliebigen Untertan getötet Werten könnte, ohne Rücksicht auf Eide und Verträge und ohne voraufgehenben Spruch und Befehl eines Richters. Dann folgt zwar iu Kleindruck die Mitteilung, das Konzil von Konstanz schränkte tiefen Lehrsatz ein dahin, daß nur ein vom Papst gebannt« und entsetzter Fürst von jedem bisherigen Untertan getötet werden Seme, aber wer erfahrt daraus, daß das Konzil von Konstanz den angeführten Satz verurteilt, thn als „häretisch, Lrgerniserregend, und weil er den Weg eröffne zu Trug, Täuschung, Beirat und Meineid" gebrcmd- ntorft hat?
Und warum erfährt kein Leser dies« verlogenen Presse etwas davon, was jene Theologen bet den damaligen Verhältnissen unter einem Tyrannen -erstanden haben, daß d« ,Lchrann", mit dem sie es zu tun hatten in ihren Untersuchungen, etwas ganz anderes sst als ein Fürst oder Minister in g'rtem modernen Bersassungsftaate? Warum erfährt r Lefer nichts davon, mit welchen Verklausulierungen die Theologen jene «Sätze versehen haben? Das alles müßte gesagt werden, wenn man der Wahrheit die Ehre geben wollte nud nicht im Zeischen ber Kautskyschen Lögen moral das Gewerbe ter V«leutndung bereiten wollte.
Das alles sst ter roten Presse oft genug vorgehalten worden, aber sie „pfeift" bekanntlich auf die geschichtliche Wahrheit. Im übigen kommt es auch fiar nicht darauf an, was katholische Theologen in ängst vergangenen Zetten unter ganz anderen Verhältnissen geschrieben und gesagt haben, sondern darauf, was bie Sozialdemokratie heute sagtundtut.
Und da genügt es, ein paar Tatsachen heraus- zuheten.
Im Jahre der Revolutimr 1848 haben die „Väter" ter Sozialdemokratie das Volk vor die Flinten und auf die Barrikaden gehetzt.
Daß die Sozialdemokratie mit deutschen Arbeiter- grofchen sogar die russische Revolution unterstützt, dessen hat sie sich selbst gerühmt.
Und «st die Mordtaten! Wir wollen nur an- führen, daß ein Attentat von dieser Presse gebracht wird unter ter sensationellen Darstellung, das „Volk" habe den und jenen Minister „hingerichtet". Wo solche Gesinnung herrscht, begreift man das frivole Spiel mtt Mordtaten, die blanke B«herrlichung des, Mordes. Ein paar Beispielen Als int Jahre 1904 ter russische Minister Plehwe ermordet wurde, deklamierte ter Abg. Liebknecht über den Mordbuten:
„Die Tat ist gewiß furchtbar und entsetzlich, aber es ist nicht möglich, zu sagen, daß wir uns empören könnten über diese Tat .... Der Attentäter von gestern ist ebenso mutig gewesen rote der vor wenigen Tagen in Finnland . . . Ein ebrendeS Slnbettfen ist
sichten. Im Elsaß hat daS Zentrum im ganze« 32 Kandidaten ausgestellt. Die Straßburger haben keine Aussicht, durchzudringen. Hi« wie in Mül- Hausen-Stadt wird sich das Zentrum wohl mtt einem Achtungserfolg begnügen muffen. Soviel steht heute schon fest: Eine reine Zentrumsmehrheit wird der neue Landtag nicht aufwessen, ater auch die Hoffnung d« Lib«aldemokraten und Svzialssten auf eine katholikenfeindliche Mehrheit, die dem Volks- Willen jnm Trotz regieren könnte, wird ater an den tatsächlichen Verhältnissen zuschanden werten. Für eine liberal-sozialistische Politik hat die große Mchr- hett ter Elsaß-Lothringer kein Verständnis. Eine „Radaumehrheit", die nur Opposition nm jeden Preis treibt, ift ebenso ausgeschlossen. Im Großen und Ganzen stehen bie Aussichten der Zentrumspartei nicht schlecht, unb es läßt sich erhoffen, baß nach ben Wahlen eine straffere Eirchettlichkeit ter Partei zutage tritt, bie man in ben letzten Monaten teilweise vermißt hat. Jnsbesotere ist dem Rationalismus gegenüber prinzipielle Klarheit in jeder Hinsicht bringenb am Platze. Bon dessen anti- llerikalen Führ« Blumenthal trennt die Zentrums- anhänger eine ganze Welt; unb es wäre ein selbst- mörterisches Beginnen, angesichts ter ernsten Situation bie großen positiv-christlichen Richtlinien der Zentrumspolitik zurücktreten zu laffen, wie es bie Rationalisten wünschen. In diesem Punkte sst saft die gesamte Zentrumspresse den Anmaßungen des Nationalbundes erttgegengetrten und hat auch das Hereinreten einiger seiner Führer in die Angelegen- hett en«gssch znrückgetoiesen. Insbesondere müssen sich einige Führer des Bundes, die Zentrumskandi- daten sind, als Abgeordnete daran gewöhnen, Zen- trumspolttik zu treiben und der Partei keine Steine in ten Weg zu werfen.
Masaikbilder aus dem Client
Rette "kizzen von Dr. Jos. L a m m e y e r, Beirut (Syrien)- TL Vom Libanon zu« Sion.
Für uns Europa« sst es bei der hohen Temperatur etwas gewagt, im Sommer Ausflüge größeren Sills im Orient zu machen. Trotzdem lassen ich längere Expeditionen ohne große Beschwerten auch in der heißen Jahreszell ausführen, toettn man die .Höhenlage ber Gegenden, m denen man sich länger curshält, berücksichtigt, so daß die Temp«atur ungefähr die gleiche bleibt, ja die Temperaturdss- fereuz gleich Null ist. Dies ist der Fall im Libanon und auf dem Sion. D« alte so ost im Alten Testament erwähnte Libanon, dies« h«rliche Gebirges- Sug Syriens, sst nicht nur wegen sein« imposanten taturschönheiten berühmt, sondern auch in hygienischer Hinsicht von großer Bedeutung, weshalb er als beliebte Sommerfrische selbst weither von den in Aegypten und Cyp«n ansässigen Europäern stark besucht ist, von den Beirtttinern ganz zu schweigen. -®enn es wahr ist, daß jedes Gebttge seinen beson- teren Reiz hat, sei es wegen seiner Formation, sei rs wegen ferner Fauna und Flora, so trifft dies besonders beun Libanon zu. Heber zwei Monate war es mn vergönnt, von Tag zu Tag diesen König unter «ergen des Orients zu dnrchstreffen, über Berg «wn n^eT Felsen und durch tiefe, dunkle Schluchten zu wandern. Dort, wo vielleicht noch ketnes Enropoers Fuß geflauten, bin ich gewesen, um der Natur chre Schönheit abzulauschen. Andere PslanMt, andere Ttere erfreuen das Auge Den angenehmsten Aufenthalt bieten die Abhänge des Libanon nach dem Meere zu. Besonters schön qeleqett sind die Luftkurorte Btzt-Meri und BrumntLna, un- gefäbr 703 Meter über dem Meeresspiegel. Gefüllte Lust, gemäßigte Temperatur selbst im Hoch- sommer ist bte Signatur dies« Gegend. Bon ber Hohe herab fällt unftt Blick auf das Mittelländische M«r, zu unfern Füßen liegt die Haupthandelsstadt Syriens, Beirut, zugleich Hafenstadt für das jenseits Ms Libanon und Antllibanon liegende Damaskus.
Ma» sicht die Schiffe kommen und gehen. Wie ein Riefenspielzeug mutet uns alles an von ba Ferne. Hi« dachte ich an das Wort: Je höher ter Standpunkt, um so groß« der Horizont, unb nn- mtttekbar kam mir bte Frage auf die Lippen: Worum gehört Beirut politisch nicht zum Libanon- gebiet, obwohl seine geographische Lage, bie von meinem erhöhten Standpunkt aus deutlich ins Ange fiel, zweifellos dafür spricht. Die Türken wußten sich dieses Fleckchen zu sichern. Im Libanon sst noch die Fahrpost mit ihrer ganzen Poesie in hoher Blüte. Denn es gibt nur einen Schienenweg von Bettut direkt nach Damaskus. Sämtliche unteren abseits dies« Linie liegenden Orte sind aus bequemen Straßen, mtf die die Libanesen stolz sind, in vielfachen Windungen zu erreichen. Was mich tefonberS interessierte, war die Sprache des Libo- ncmgebietes. Man bedient sich hier des syrisch- arabtschen Dialektes, desselben, ber in Beirut gesprochen wird, mtt nur wenigen Differenzierungen.*) So oft ich diese Sprache horte, die sehr viele An- Sänge an das hebräische tezw. aramäische Sprachgebiet hat wegen ter vielfach gemeinsamen Sprachwurzeln, kam mir ein Gedanke, ber meines Erachtens noch viel $n wenig hervorgehoten Worten sst, nämlich ber Gedanke, daß wie bie heutigen Sitten und Gebräuche in Ehrien und Paläftma, so besonders die Sprache ter gegenwärtigen Bewohner dies« Läuter geradezu eine Apologie für die Bibel sowohl des Alten als des Reuen Testamentes sst. So sehr stimmt alles mit ben Berichten des Buches ter Bücher überein, so sehr atmet alles gleichsam die hl. Schrift. Bon besonderem JM«esse für mich war das religiöse Leben oeS Libanesen. D« größte Teil seiner 200 000 Einwohner zählenden Bevölkerung bekennt sich zur katholischen Kirch«, gehört ater dem maromtifchen RttuS an, ter von Rom aus vielfach privilegiert sst. So ist e» den Marontten gestattet,
•) Bergt. Grammatik des Belfasters, Bonn« Uni, verfitäls-Buchdruckerei 1911. Desgl. Arabisch.syrisch- deutscher Sprachführer, Toussamt-LangenscheLt. Berlta, der im Erscheinen begriffen ist.
bie hl. Messe in arabischer Sprache zu lesen, ater nicht in arabischer, sondern in der alten syrischen Schrift, auch sst die Ehe der niederen Geistlichkeit gestattet. Die Marontten leiten ihren Romen vom hl. Maro ab, der um das Jahr 400 uns. Zeitrechnung gelebt hat, und rühmen sich, niemals vom rechten Glauben abgefallen zu sein, was jedoch den Berichten ter Kirchengcschichte widersprechen dürfte, die sie als ter Irrlehre des Monotheletismus zeit- loeilig ergeben erwähnt. Sehr angesehen ist ter Patriarch, ter bett Libanon nie verläßt, es fei tenn, um nach Rom zu gehen und deut hl. Bat« Bericht zu erstatten, was ungefähr alle 7 Jahre geschieht. Darm ater sst der ganze Libanon und ganz Beirut in Aufregung. So fugte mir ein moniftifcher Priester, daß ter Empfang des Patriarchen von der Beirut« Bevölkerung glanzender sei, als der des deutschen Kaisers, mtb zwar von fetten sämtlicher Konfessionen. Mag diese Aeußernng auch etwas übertrieben fern, so erscheint sie int allgemeinen der Richtigkeit nicht zu entbehren. In ber Tat wissen die verschiedenen nichtkatholischen Riten, die orthodoxen Griechen, die schismatssch-n Armenier :t. und auch die Juden die Humanität und große Wohltätigkeit dieses Kirchenfürsten zu schätzen, der sie in Zellen ter Not und des Ausstandes in christlich« Liete gut ausgenommen, vom Hungertod« gerettet und immer offenes Herz unb offene Hand für jeden hat. Auch das Ordensleben blüht ttn Libanon. Abgesehen von den vielen Nieterlassungen europässcher Mönche und Nonnen erblickt man besonders auf stellen Bergeshöhen zahlreiche orieMalffche Klöster, bie ich sämtlich besuchte. Manch« von ihnen teigen wertvolle Manuskripte. Ost stehen auf schwindelnder Felsenhöhe zwei Klöster ntbeneinanter, ein ma- romstssches und ein griechisch-katholisches. Nicht gering war ment Erstaunen, als ich sogar einmal weit« ttn Innern des Libanon ein rnaronssttsches neben einem griechisch-orthodoxen fand. Jch befuchte beide unb machte die Beobachtung, bog sie ui größter Freundschaft mtt einander verkehrten, obwohl die erbittertsten Streuigketten zwsschen katholsschen und nichtkatholischen Riten nicht selten an ter Ta
gesordnung sind, man denke nur an die förmlichen Kämpst an ter heiligsten Stätte ter Welt, am hl. Grate. Bon andern religiösen Gemeinschaften seien bie Quäk« erwähnt, bte ttn Libanon mehrere Schulen haben und in ihr« Weise das Christentum verbreiten. In manckLn Dörs«n haben sie zahlreiche Schulen und «Schülerinnen, die nach kurzer Zeit auffallend gut Englisch sprechen, während sonst neben ter arabischen die französische Sprache vorherrschend ist Politisch steht ber-Libanon unter türkisch« Herrschaft, ist ab« autonom, d. h. die Libanesen haben ihren eigenen Gouverneur, ter vom Sultan und den sogenannten Signaturmächten (Deuffchlond, Frankreich, Englund, Italien, Rußland) alle 5 Jahre ernannt wird. Er muß immer ein Christ sein, darf aber, um unparteiisch sein zu können, toeber Maronist noch orthodoxer Grieche sein. Die Libanesen sind vorn türkischen Mllitär- bienft befreit und Huben ihre eigene Miliz.
Ein nicht zu unterschätzender Faktor für das ganze Leben im Libanon bilden die Quellen, die sich zahlreich borfinten. Sie sind ein wahr« Segen für Land urib Volk. Wer ttn Orient resst und oft vor Durst verschmachtet, ter versteht das Wort der hl. Schrift: „Unb wer immer zum Trinken gibt einem aus biesen Gertttgsteu, auch nur einen Becher kalten Wassers, wahrlich, ich sage euch, nicht wirb er seinen Ä>hn verlieren." (Matth. 10, 42.) An den Quellen kann man das Leben mtb Treiben der Leute am besten kennen lernen. Alt mtb jung findet sich dort ein, um die Gedanken und Gefühle unb besonders die Neuigkeiten auszulauschen. Die libanesische Regierung verwebet große Sorgfalt auf die Fassung ter Quellen und deshalb sst auch fast jede ganz monumental eingerahmt. Die Wege zur Quelle, bie oft eine Bwrtelstunde talwärts führen, sind meistens sehr schlecht, doch find die Bewohner daran gewöhnt unb huschen barfüßig über Stock unb Stein in unglaublicher SchnellicMt mit der größten Sicherheit hinab. Ein Schauspiel kann man nicht oft genug bewundern, den Sonnenuntergang. Allerdings muß der Hartzont hell und Var sein. Im Orient währt ter Sememmtergang nicht