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Zreitag 20. @ho»n (Olt
58. Jahrgang.
' fuldaer M Zeitung
2. Blatt
Brud usb Verlag der frübatt SctiendrudrrL i» Selbe.
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seinem Schwager machen. Er wußte ja schon lange, daß sein bester Freund Ada liebte, daß ihre Unsicherheit, ihre geringe Festigkeit im Handeln von dem guten Jochem bitter empfunden wurden- Deshalb war der brave Kerl immer von einer fast grausamen Härte zu Ada gewesen; er wollte sie zwingen, sich seine Anschauungen zu eigen zu machen, und da hatte die Schwester im entscheidenden Augenblick noch immer den Kopf gesenkt und war davon gegangen. Und die Herrschaften im Kreise zuckten mit den Achseln und meinten: „Ada Hakburg und der Rebell" paffen nicht zusammen, und je öfter sie ihn ab- fallen läßt, umso besser. Da ist Manfred doch ei« anderer Mann, der ihr auch tausendmal mehr bieten kann! Mit dem alten Arwed Hakburg wollten sie es auch nicht verderben. Also sahm sie dem Spiele mit einem heiteren und einem ernsten Auge zu. Schließlich blieb Ada sicherlich nicht ewig unverheiratet, und Herr Sosguen würde sich mit einer andern zu trösten wissen. Mancher und manche unter den Nachbam waren Lebens- und Rechenkünstler.
die ander«, und fast ausnahmslos tritt sie für den Kapitalisten gegen die Arbeiter ein.
Man merkt die Absicht!! Die Kirche soll dmun- ziert werden als Schutztruppe des Kapitalismus! Man ieht aber auch, welche Verwüstungen in diesem Hum der historische Materialismus angerichtct hat, daß der Mann meint, eine Kirchengemeinschaft sei eine Vereinigung wirtschaftlicher Interessen! So sei ihm denn bedeutet, daß die Kirche eine religiöse Heilsan st alt ist und nicht eine Organisation zur Wahrung wirtschaftlicher Interessen! Daß bannt sein ganzer Traum dahin fällt, liegt auf der Hand- Wenn er aber diese Kirche als Feindin des Volkes hinstellen will, so sei ihm das Sldium der Kulturgeschichte empfohlen, damit er sche, daß diese Kirche im Saufe ihrer Geschichte sich als die beste und erfolgreichste Vorkämpf er infür das Wo hl er gehen des Volkes betätigt hat
Und nun zum Schlüsse, wie auch dieser rote Beschwichtigungsrat zum Haß und zur Bekämpfung der Kirche bläst. Mtt der Mene des den tiefsten Problemen mit der größten Harmlosigkeit gegenüberstehenden Ignoranten sagt er: „Die christliche Religion, die sie (die Kirch«) gegen uns verteidigt, ist nichts als die Lehre der! Solidarität der Ausgebeuteten mit den Ausbeutern, ist die Lehre des Duldens, der Demut, des Bettels und des Klassenverrats."
Nein, Verehrtester, so mag talmudistische Rabulisterei sprechen, nimmer Kenntnis der Tatsachen. Die christliche Religion, sagt diese, ist die Lehre der S o- lidarität des ganzen Menschengeschlechts, der allgemeinen Menschen- und Nächstenliebe, der starken charakterfesten Persönlichkeiten, der Selbstbehauptung und der echten Kultur, die sie verteidigt gegen die Barbarei, welche in der sozialdemokratischen Korruption der Massen sich gegen sie in schmutzigen Wogen heranwälzt.
Ihre Verlegenheit will sie unter Lachen verbergen.
„Ach nein, Onkelchen, da hättest du mal neulich hören sollen, wie er mir die Leviten gelesen hat!"
„STItet Trick!"
„Wie meinst du das?"
Da lacht der alte Hakburg stillvergnügt in sich hinein.
„War doch auch mal jung, mit dem Wustermark zusammen und Heilige sind wir gerade nicht gewesen! Der war ein Filou! Hat manchem Mädel den Kopf verdreht!"
„Ich begreife nicht, wie du Herm v. Sosguen mit Herrn v. Wustermark in einem Atem nennen kannst!"
„Mtt Speck fangt man Mäuschen, Ada! Und ob's Sosguen reeller meint —'
„Onkel!"
„Na, wenn er gemerkt hat, daß du an der Angel zappelst, wird er eine tadellose Verbeugung machen und wo anders versuchen, Herzen zu brechen!"
„Erstens beiße ich nicht an die Angel, und dann, wo sind die Beweise fiir deine Vermutungen?"
„Die würden erst später zu erbringen sein, meine liebe Ada!" — ± r m
Da wußte sie nicht, was sie antworten sollte, denn klar über den Menschen Sosguen sah sie nicht. Der Kreis, in dem sie ausgewachsen war, liebte nicht, den Dingen auf dm Grund zu gehen. Man lächelte sagte ein paar Schmeicheleien hübsch diskret, warf ein gutes Wort dahin und dorthin und schließlich polterte der eine oder der andere einmal tüchtig kos, und das hielt-man für ein Zeichen von Kraft, von Charakter! Die paar, die anders waren, wie Sos- quen und Mereuth, bekamen kein Oberwasser, die Masse erdrückte sie. Und wenn dann einer noch dazu so scharf focht, wie dieser Fremdling, der mtt den Herrschaften in der Runde weder verwandt, noch verschwägert war, so schimpfte man, sobald er den Rücken gewendet, ungeniert auf ihn los und nannte ihn einen „Rebellen".
Ada aber hatte sich im stillen schon öfters die Frage borgelegt: „Wirbt eigentlich dieser Sosquen
um mich," Und niemals war sie imstande gewesen, fidj eine klare Antwort zu geben. Der ernsterem Frage: „Liebe ich ihn?" ging sie mit einer Scheu aus dem Wege, über die sie sich selbst nicht recht klar wurde. Denn wenn ihr das Herz einmal schneller zu schlagen begann, sprach man von ihm, so fuhr sicherlich in den nächsten fünf Minuten einem oder dem andern ein hartes Wort über diesen Sonderling aus der Kehle, und die Damen, soweit sie keine heiratsfähigen Töchter hatten, sekundierten wacker. Bis auf die alten Löberdcms! Die meinten, die Menschen müßten ebenso verbraucht werden, wie sic der Herrgott geschaffen und ihre Eltern erzogen hätten. Und sich aufregen, hätte auch gar keinen Sinn, und damit verdürbe man sich die gute Laune und das Essen bckomme dann schlecht. Und wenn das de: Fall fei, könne man nicht schlafen und am nächsten Morgen ginge der Trödel wieder von vorne los, und dies wirtte auf die Dauer unvorteilhaft! Eine ganz vernünftige Logik für alte Leute, die ihr gutes Auskommen haben!
Ada aber war wieder einmal unentschlossen.
„Ich werde weder fahren noch schreiben, bis ich Herrn v. Sosquen gesprochen", redete sie sich ein- Und sie dachte wunder, was für einen heldenmütigen Entschluß sie gefaßt hatte!
XV.
„Vielen Dank, lieber Jochem, daß du schon wieder einmal nach Berlin gekommen bist! — Und nun zum Kriegsplan! Erst Sitzung im Geschäft, dann Wend- essen bei mir, Erika wird die Honneurs machen."
Hans Heinrich sah frischer und zuversichtticher aus als jemals.
„Hat dir deine Schwester geschrieben?" „N-ein!"
„Ich dachte es mir fast, laß dir keine grauen Haare darüber wachsm, mein Junge!"
„Aber bitter weh hat s doch getan, Jochem!
Hans Heinrich merkte, was im Innern mtt Jochem vorging. Soll ich ihm, dachte er, einmal <mfs Leder knien? Aber schließlich ließ er es sein. Das hatte so ausgesehen, als wolle er ihn mit sanfter Gewalt zu
kämpf« auch g«gen den Materialismus, zu nehmen ist, zeigt fein Verhalten gegenüber dem Mo nisten- ongreß in Hamburg. Die Bundeskorrespondenz, die daS ganze Jahr gegen Rom kämpft, brachte einen einzigen dürsttgen Artikel, der sachlich kaum irgend etwas widerlegte! . . . Das ist di« „evangelische ®e» Innung", die vom Evangelischen Bund« ausgebaut wird l"
Ein hartes, aber kein ungerechtes Urteil, denn es ist sachlich durchaus begründet und wird in den bekenntnistreuen evangelischen und lutherischen Krei- cn volle Zustimmung finden. Dem Direktor des Evangelischen Bundes, Lizentiat Everling, ist schon rüher einmal deuüich genug von evangelischer Sette gesagt worden, daß man mit seinem Auftreten nicht einverstanden sei, weil man „den Kernpunkt des evangelischen Glaubens nicht in Haß gegen Rom erblicke". Und der „Evangelische Bund" ist ebenso von evangelischer Seite aufgefordert worden, in dieser Zett schwerer Glaubenskämpfe für die evangelische Kirche Farbe zu bekennen. Er hat das nicht getan und mich die liberalen Blätter, über die der „Evangelische Bund" kraft seiner außerordentlich rührigen Preßbeeinflussung verfügt, nicht bewo- gen, sich im Falle Jatho auf die Sette der evangeli- ichen Landeskirche zu stellen und den Beschimpfungen des Spruchkollegiums, das doch eine gesetzliche Institution der Landeskirche ist, entgegenzutreten. Der Dortnmnder Evangelische Bundestag hat wohl bei manchem bekenntnistreuen evangelischen Mann die Hoffnung hervorgerufen, daß nun endlich einmal das Glaubensbekenntnis des „Evangelischen Bundes", wie es in seiner Satzung festgelegt worden ist, verteidigt oder auch nur der Form halber öffentlich auftechterhalten- werde. Enttäuschte Hoffnungen! Und das ist in erster Linie das Charakteristikum dieser Dortmunder Tagung des „Evangelischen Bundes", daß er das Credo öffentlich und feierlich von seinen Verhandlungen a u s s ch l o ß. Das kommt einer religiösen Bankerotterklärung des „Evangelischen Bundes" gleich. •
Ausland.
** Die christlichen Gewerkschaften in Belgien. Erfteulich sst ein Bericht über die christliche Gewerkschaftsbewegung, den der Generalsekretär P- Dr. Rütten 0. P. auf dem Generalkongreß des Katholischen Volksbundes in Kortryk vorgetragen hat. Nach diesem Bericht sind in Belgien 56 986 Arbeiter in 1008 christlichen Gewerkschaften oragnisiert. Zählt man dazu die sogenannten Wanderarbeiter, die im Sommer in der Landwirtschaft, im Winter aber in der Industrie beschäftigt sind, und deren Anzahl sich auf 14 289 Organisierte beläuft, kommt man zu der Gesamtzahl von 71 235 Gewerkschaftsmitgliedern. Die Vermehrung beträgt seit 1906 280 Prozent. Diese Erfolge sind aber nur erreicht worden durch eine rege Arbeit, eine methodische Propaganda, eine Vervollkommnung der inneren Gestaltung und durch eine immer wachsende Bekämpfung des fozialdemo- kratifchen Terrorismus und der Organisationsfeindlichkeit gewisser Kreise.
** Gegen die katholische Press« Spaniens geht gegenwärt-g Ministerpräsident Canalejas, gedeckt von dem Ausnahmezustand und der damst verknüpften Zensur mit aller Strenge vor. Revolutionäre Artikel gibts da nicht zu unterdrücken, sodaß er sich darauf beschränkt, Kritiken an seinem Regierungssystem auszumerzen. Die „Debate" brachte am Samstag einen Leitartikel, worin sie sein inkonsequentes Verhalten tadelte, das streng gegenüber den Ordnungsparteien, milde gegenüber dem Umsturz, unerbittlich gegenüber Kritiken seiner erhabenen Person,, nachsichtig gegenüber rüden Angriffen auf Staat und Gesellschaftsordnung ist. Dieser Artikel wurde von der Zensur unterdrückt. Das Blatt entschloß sich, den Artikel zu kassieren und den Platz weiß zu lassen. Mer auch in diesem Freilassen des für den Artikel bestimmten Platzes erblickte der Zensor des Herrn Canalejas eine ungehörige Demonstration und drohte mit Konfiszierung der Nummer. Es mußte ein harmloser Artikeln eingesetzt werden, um das Blatt erscheinen lassen zu können. Ein derartiges Verhalten kann den Sturz des Ministeriums nur beschleunigen.
Lebenswende.
16] Roman von Horst Bademer.
„Ja, — schließlich — er ist doch mein Bruder — und seine Braut wird meine Schwägerin!"
„Zu der ich dir herzlich gratuliere! Wenn dich die Neugierde plagt, ich halte dich nicht!"
„Herr t>. Sosquen sprach mir gegenüber in sehr 'anerkennenden Worten von der jungen Dame!"
Arwed Hakburg machte ein sehr hochnäsiges Gesicht- „Ja, freilich, wenn dieser in unseren Kreis geschneite Herr v. Sosquen es meint —"
„Bitte, lieber Onkel, ich lege Wert auf feine Ansicht! Und übrigens sind wir ihm zu Danke verpflichtet, er hat Hans Heinrich auf einen gangbaren Weg geführt!"
„Darüber sind die Ansichten allerdings sehr ge- ’teirt, liebe Ada, — und das dicke Ende kommt erst Kach!"
„Aber mein Gefühl sagte mir —"
»Ja, ja, ich weiß schon, der Blender Sosquen hat auf dich Eindruck gemacht!"
„Blender?"
„Ada, du bist doch fein törichtes Kind mehr! Er versteht, sich interessant zu machen, und natürlich setzen sich dann junge Mädels leicht auf die hingehaltene Leimrute und fangen an zu schwärmen. Ein bischen Nachdenken, Kind, und dir wird'? sehr schnell klar werden!"
„Ich halte ihn für einen aufrichtigen Charakter," tagte sie überzeugt.
Aber das paßte dem guten Arwed nicht in seine ifläne. „Well er zu schwadronieren versteht und den armherzigen Samariter spielt, wenn es ihn nichts >stet!"
„Er hat sich Hans Heinrichs angenommen und ist für ihn eingetreten, sehr energisch, dächte ich!"
„Weik er feine Gründe dazu hat!"
„Und die wärm?"
„Gott, Ada, muß man denn dir erst alles unter sie Nase reiben? Dich möchte er zur Frau habm!"
Deutsches Reich.
)( Sozialdemokratie und Krieg. In einer von 5000 Personen besuchten sozialdemokratischen Versammlung zu Stuttgart erklärte der Genosse West- metjet unter dem Beifall der Menge:
„Gegen den Willen der Maflen kann feine Regie- rung einen Krieg wagen, bann muß sie sich gesagt sein lassen, daß sie um Zepter und Krone spielt. . . Den Regierungen rufen wir im Falle eines Krieges zu: Wollt ihr ein Tänzchen wagen, so sollt ihr es haben; wir spielen auch eines aus!"
Zu dieser Drohung mit dem Vater- landsverrat bemerkt di« .Kreuzztg/ mit Recht:
„Es ist furchtbar, daß solche frevelhafte Worte im deutschen Vaterland Überhaupt gesprochen, und zwar ungestraft gesprochen werden. Welch schwere Verantwortung nehmen diejenigen Parteien auf sich, die der Revolutionspartei direkt oder indirekt in die Hände arbeiten und sogar Bündnisse mit ihr schließen. Und trotzdem erklärte der württembergische Kammerpräsident von Payer erst kürzlich wieder tn Pfullingen, „für die Stichwahlen müsse die Einbeziehung der Sozialdemokratie und die Herstellung einet gemeinsamen Front gegen die rechtsstehenden Parteien ermöglicht werden".
* Mtt der Versammlung deS Evangelische« Bundes in Dortmund ist man auch in bekenntnistreuen evangelischen Kreisen unzufrieden. Man nimmt dort Anstoß daran, daß der „Evangelische" Bund nicht einmal zum Fall Jatho Stellung genommen hat. So schreibt die „Deutsche Bolksztg." in Hannover (Nr- 11734):
„Von dem, was wette Kreise erwartet haben, nämlich einer Stellungnahme zum Falle Jatho, sprach Everling kein Wort. Nach dem Berichte eines liberalen Blattes nannte er diejenigen, die eine solche Stellungnahme gefordert hatten, „übel geratene Protestanten". Selbst wenn eS sich um einen Druckfehler handeln sollt« und E. nur von „Übel beratenen Protestanten" gesprochen haben sollte, so ist es doch ein starkes Stück, Blätter der positiven Richtung, wie ,Allgem. Ev.-luth. Kirchenztg/, .Alter Glaubet ,Hannov. Pastoral-Korr/, Hamburger Kirchenblaltt u. a. in solcher Weise abzufertigen. Es handelt sich hier um den Grundfehler des Evangelischen Bundes. Während er di« Grenzen gegen die katholische Kirche mit einer übertriebenen Schärfe gezogen hat, sind für ihn die Grenzen gegen links, gegen den kirchenfeindlichen Liberalismus und den monistischen Materialismus verschwommen und verwischt . . . Wie wenig ernst die Versicherung der Bundes, er
„Christentum uudArveiterkampf".
ii.
Von dem Expastor Göhre hat uns«^Artikel- M reib er gewiß schon gehört. Nun, Göhre führte einmal aus, daß die sozialdemokratische Stellung zu der Wissenschaftlichen Forschung über, das Christentum und seine Geschichte ungeheuer rückständig set, und daß, volle man der Wissenschaft und ihrem Stande gerecht Werden, nichts übrig bleibe, als daß man Christentum «ine Ausnahme von dem historischen Materialismus tinräume! Bekanntlich muß die rote Wissenschaft wegen ihres historischen Materialismus die wettbe- jherrschende Stellung Christi leugnen, am liebsten gleich seine geschichtliche Existenz, und daher schreibt sie allen möglichen Unsinn zusammen über die „Entstehung" des Christentums — man denke an Zautskys Machwerke! — Da aber ist dem Expastor der Genosse Mehring mit dem Wink entgegengetreten, daß, wenn pian eine einzige Ausnahme zulaffe, der ganze histo- zrische Materialismus preisgrgeben sei, und das gehe flicht an! Deshalb stellen wir dem oberflächlichen ^Geschwätz unseres Mannes die Tatsache entgegen, (i>afc gerade wegen des historischen Materialismus mnd in dessen Folge die Sozialdemokratie 'stur Verwerfung und Bekämpfung der Grundwahrheiten des Christentums igczwungen ist!
Schon zu wiederholten Malen haben wir gesagt, hcü der historische Materialismus, in welchem die Dmoffen ein Licht zur Erforschung der Geschichte isehen, ein Irrlicht fei, das sie in den Sumpf der Blamage und des törichten Geschwätzes locke. Auch un- ^senn Arttkelschreiber begegnet dieses Malheur. Nicht fler Religion, so salbadert er, gelte der Kampf der So- fzialdemokratie, sondern den — Kirchen. Was er 'nun von einer Kirche weiß, ist wunderbar. „Die Kir- 'chen sind historisch entstandene Organisationen, worin Diejenigen, die — sei es durch Wohnort, durch Abstammung ober als Klasse (!!) — zusammengehörten flnd gemeinsame Jntereffen hatten, zusammengesaßt .wurden." Offensichtlich hat dieser große Gelehrte noch niemals das Wort „katholische" Kirche gehört /ober gelesen, sonst wüßte er, daß da eine Kirche in jdem Strom der Weltgeschichte steht, die unabhängig $ft von dem Wohnort, der Abstammung und der Klasse sthrer Angehörigen, sondern eine W e l t k i r ch e ist für jdie Menschen aller Zeiten und Zonen, aller Massen und aller Klaffen, und daß die Grundlage dieser Einheit nicht wirtschaftliche Klasseninteressen sind, -sondern das Evangelium Christi, das sie aller Welt -zu verkünden hat.
Aber den Gipfel der Weisheit erklimmt unser Mann, wo er seine Leser belehrt über den Kulturkampf. „Weil im Kulturkämpfe die Kirchen als Or- iian des Arbeiterkampfes gegen die liberalen Kapitali- ten auftrat, deshalb haben ihr die Arbeiter so lange >ie Treue bewahrt." So wörtlich zu lesen am Anfänge des 20. Jahrhunderts, fast fünfzig Jahre nach dem Kulturkämpfe, wo man über denselben doch allmählich orientiert sein dürfte! Wir haben bisher gemeint, der Kulturkampf sei geführt worden, um eine deutsche Nationalkirche aufzurichten und die Katholt- jken hätten diesen Kampf abgewehrt, weil ste Eingriffe in ihr Gewissen nicht dulden konnten, jetzt erfahren wir es anders! Nun ist diese Darstellung auch nicht »hne Scherz. Und wir möchten den Mann, der sota- ten Unsinn verbrochen, mal fragen, wenn nach seiner Schilderung die Kirche damals als Vorkämpfer gegen die kapitaltsttschen Unternehmer auftrat, warum sagen die roten Agitatoren dann dieser Kirche stets nach, daß sie nichts für den Arbeiter gegen Has Kapital getan?
Wir wollen dem Manne für seinen Unsinn mildernde Umstände zubilligen, er hat offenbar die Geschichte betrachtet mit der Brille des historischen Materialismus auf der Rase und er hat nicht gemerkt, daß Sr ein dickes Brett vor dem Kopfe hatte.
Schließlich kommt aber auch bei diesem Uebertün- cher des sozialdemokratischen Religions- und Kirchen- xasseS der Pferdefuß zum Vorschein. Denn auch er hetzt gegen d i e Kirche. Dabei hat er einen glorios klugen Einfall. Man höre die unerhört weisheitsvollen Worte:
„In jeder Kirche befinden sich jetzt Kapitalisten, Bauern und Proletarier nebeneinander. Die Kirche kann nicht entgegengesetzte Interessen zugleich wahr- nehmen; sie tritt in den Dienst der einen Klaffe gegen
Am dem Nachbargebiete.
!§! Löschenrod, 19. Ott. 1911. Gestern abend stieß auf der von hier nach Kerzell führenden Straße das Automobil eines Fuldaer Ingenieurs nnt einem nach Kerzell fahrenden mtt Brettern beladenen Wagen zusammen. Sowohl das Automobil, wie auch der Wagen und der Wagenlenker wurden beschädigt. Die Schuld trifft den das Gefährt leitenden Fuhrmann, welcher leichtsinniger Weise keine brennende Laterne aut Wagen hatte.
„!' Lütter, 19. Cft 1911. Im Frühjahr d. I. wurde in hiesiger Gemeinde der Grundstein zu einer neuen Pfarrkirche gelegt. Nach und nach gedieh der stattliche Bau, der vollständig aus Bruchsteinen hergestellt worden ist- Die Steine sind ent- nommen aus den Steinbrüchen von Ried und Hohlbrunn. Die Fuhren leisteten die Landwirte der Pfarrei und der umliegenben Dörfer Ronshausen und Melters in der opferwilligsten Weise unentgeltlich. Bauherr ist unser hochwürdiger Herr Pfarrer Günther' er hat es verstanden und versteht es, mit Umsicht'den Bau zu letten. Ihm zur Seite steht He« Architett Mahr aus Fulda, welcher den Entwurf zu der Küche hergestellt hat. Die neue Kirche macht dem Architetten alle Ehre. Er hat es meisterhaft verstanden, ein helles und geräumiges Gotteshaus zu schassen. Die Maurerarbeiten werden ausgeführt von Herrn Maurermeister Diel aus dem benachbarten Rönshausen, der den Entwurf in zufriedenstellender Weise zur Ausführung gebracht hat. Die Zimmer- arbeiten besorgte Herr Zimmermeister Kräh von Dorfborn. Im Laufe dieser Woche wurde der Dachstuhl aufgesetzt, so daß gestern abend hoch oben ein Freudenkranz prangen konnte. Die Glocken riefen die Ortseingesessenen zur Baustelle, wo unser« Musiflapelle das „Großer Gott wir loben dich" und das „Bonifatiuslied" von der neuen Kirche herab spielte, in das die Gläubigen frohen Herzens ein- sttmmten. An diese kleine Feier schloß sich ein Fest im Saale des Gastwirts Rehberg ag. Hier toastete Herr Pfarrer Günther auf die Arbeiter des Kirchen- Baues und Herr Lehrer Schramm feierte den Seelsorger der Gemeinde als tüchtigen Bauherm. Lustige Weisen der Musikkapellen wechselten ab mit viesstinp migen Männerchören, so daß die Stunden schnell verstrichen. ___ ■
* Alsfeld, 19. Ott. 1911. Für dre Erbauung der Nebenbahn Alsfeld —Niederaula stick zur gesamten Bahnhofserweüerung Alsfeld rund 546 Ar Grunderwerb notwendig, von denen 158 Ar von geländestellenden Gemeinden und 388 Ar von dem 'Essenbahnfiskus aufzubringen sind.
* Frankfurt a. M., 19. Ott. 1911. Frankfurt wird in absehbarer Zeit mit einem Luna-Park beglückt werden, ähnlich den gleichnamigen Anlagen in Berlin, Köln und Budapest. Unter dem Namen ,Luna-Park-Gesellschaft mit beschräntter Haftung , ist hier eine Gesellschaft in das Handelsregister eingetragen worden, die ihren Sitz in Frankfurt hat. Am gleichen Tage ist eine Parkbelustigungs-Gesell- schast in das hiesige Handelsregister eingetragen worden, deren Gegenstand die Erbauung und Der- Wendung von Bergnügungsobjetten als Teufels- räder, Kinematographen, Theater ufw. ist, so kann man sich schon eine kleine Vorstellung von den Amüsements machen, die uns hier nach Berliner Muster beschert werden sollen. Hossent- sich bleibt den Frankfurtern vor allem der „Wackeltops" nicht erspart. , .
* Kassel, 19. Oft. 1911. Ein für unsere Gegend überaus seltener Fischräuber konnte dieser Tage in der Carlsaue ganz zufällig durch einen Parkauf- seher erlegt werden: ein Komoran, auch,Flußscharbe genannt, ein im hohen Norden ziemlich häufig vorkommender Vogel von der Größe einer jungen Gans, zierlichem Körperbau, langem, mit spitzem Schnabel bewehrten Hals und grünen, leben-, digen Augen, der als unersättlicher Fischräuber stehenden Teichen und auch Flüssen an dem Fisch- bestarcke großen Schaben zufügt. Wahrscheinlich be-: fand sich der Korinoran aus dem Zuge nach Afrika, wo man im Winter diese Vögel zu vielen Tausenden antreffen kann. Der Komoran ist ein sehr geschickter Taucher, der große Strecken unter dem Wasser schnell zurücklegt und ziemlich große Gebiete in kurzer Zett von Fischen säubert; ebenso gewandt schwimmt dieser Bogel, sodaß chm mit dem Gewehr schwer beizukommen ist. Tagelang wurde er schon
„Guten Tag, Herr Rost; also ich soll der entscheidenden Sitzung beiwohnen?"
„Gerade in diesem Falle find wir sehr erfreut über Ihr Kommen, He« v. Sosquen, denn als anständige Leute wollen wir die Notlage, in der sich Herr Tru- tow befindet, nicht ausnützen, anderseits möchten wir aber auf Dankbarkeit zu rechnen haben obgleich^ virie Philosophen gibt, die meinen, diese Eigen; chast sei ein Zeichen von Dummheit!
Hakburg trat herzu.
Lieber Jochem, darf ich dir unseren literarischen Beirat, Dottor Breitenschlager, vorsiellen!"
Sosquen gab dem großen, eleganten Herrn die Hand.
„Run bin ich aber fürchterlich gespannt!"
„Also nehmen Sie Platz, meine Herren," sagte He« Rast im geschäftlichen Tone. — „Herr Dottor, wir bitten!"
(Fortsetzung folgt.)