JVo 240.
Donnerstag 19. Oktober Ml
58. Jahrgang.
* Tuldaer W Leitung
2. Blatt.
Druck und Verlag der 5»tda«r Rctlendruckerei in Zulda.
Aeklamen- und Anzeigenteil.
1038 durch einen, jedoch zufällig entstandenen Brand zerstörten Kirche, von welcher nur der Glockenturm erhallen blieb, in streng romanischem Stile errichtet und am 17. Oktober 1144 in Gegenwart des Kaisers Konrad ITT., des Landgrafen Ludwig des Eisernen von Thüringen und der Bischöfe von Maadeburg, Merseburg und Naumburg durch den Erzbischof von Mainz mit großer Feierlichkeit eingeweiht worden. Dieser berühmte Dom hat 617 Jabre gestanden und seit der Reformation dem evangelischen Gottesdienst gedient und würde, wenn er der Nachwelt erhalten geblieben wäre, bei der Beschreibung der hervorragendsten romanischen Kirchen Deutschlands nach den Domen von Worms und Speyer, von Bamberg und Nauinburg und der Abteikirche von Laach seinen Platz gefunden haben. Nur noch der schon von der ersten Kirche herrührendg. etwas abseits von der Stiftskirche gelegene alte Glockenturm war auch aus dem Brande von 1761 unversehrt hervorgegangen und hat noch bis in die neueste Zeit die in die zweite I Hälfte des Oktobers fallende sog. Lulluswoche, in der wir zurzeit wieder stehen, eine der Erinnerung an den ersten Abt des Klosters und Gründers der Stadt Hersseld, des hl. Lullus (f 16. Oktober 786), gewidmete Zeit der Erholung und mannigfacher von der Bürgerschaft veranstalteter Festlichkeiten, die sog. Hersfelder Kirchweih, alljährlich mit seinen Glocken eingeläutet.
für die hessische Kreisstadt H e 18 f et b bet 19. Febr- 1911, an welchem Tage 150 Jahre verflossen waren, seit die dortige Stifükirche, ein aus dem frühen Mittelalter stammendes prächtiges Denkmal romanischer Baukunst, von den Franzosen in Brand gesteckt wurde und der Zerstörung anheimfiel. Während des siebenjährigen Krieges, im Jahre 1761, befand sich in Hersfeld das Hauptproviant- und Fourage-Maga- zin für die unter dem Oberbefehl des Herzogs von Broglie in Hessen operierende französische Armee, und mit Ausnahme von Heu und Stroh, welches in den Stiftsgärten im Freien aufgeschichtet worden war, befanden sich alle sonstigen Vorräte, besonders Korn, Weizen und Hafer in der Kirche selbst. Als nun die Franzosen vor den unter dem Oberbefehl des Herzogs Ferdinand von Braunschweig rasch heranrückenden siegreichen Verbündeten den Rückzug antreten mußten, befahl der Herzog von Broglie, dieses Magazin, um es nicht in dir Hände des Feindes fallen zu lassen, durch Brandlegung zu vernichten. Jn-
I folgedeffen wurde am 19. Februar 1761 die Brandfackel in die Kirche geschleudert, und im Nu stand dieses ehrwürdige Denkmal vieler Jahrhunderte in lichten Flammen. Der Brand, der sich durch die in der Nähe lagernden massenhaften Heu- und Strohvorräte auch auf die benachbarten ehemaligen Kloster-
I gcbäude und die einstige Residenz der Aebte ausdehnte und auch sie zerstörte, währte auch noch den folgenden Tag, und erst nachdem die Franzosen die Stadt verlassen hatten, rind die Verbündeten in dieselbe eingezogen waren, atmeten die Bürger auf und trafen Anstalten, um dem Feuer wenigstens nach der Stadtseite hin Schrarcken zu setzen. Allmählich erlosch der Brand. Von der prächtigen Stiftskirche waren nur noch kahle Mauern übrig geblieben, bei deren Turchwanderung man noch heute von Wehmut ergriffen wird. Noch ragt der eine der beiden Westtürme empor, während der andere in Trümmer sank, noch spannt sich der gewaltige Triumphbogen vor dem Chor, der uns den großartigen Eindruck ahnen läßt, bett dieser Kirchenbau einst auf seine Besucher ausgeübt haben nnrß. Die Stiftskirche zu Hersseld ivar zwischen den Jahren 1040 und 1144 an der Stätte einer älteren, schon in den Jahren 831—850 unter der Regierung der Kaiser Ludwigs des Frommen und Ludwigs des Deutschen erbauten, im Jahre
* Fritzlar, 18. Okt. 1911. Die 12 im Kreise Fritzlar bestehenden Ziegenzuchtvereine haben sich zu einem Kreis-Verband zusammengeschlossen. Die Vereine (Wabern, Wichdorf, Grifte, Niedenstein, Besse, Kirchberg, Mnden, Obervorschütz, Schlierbach, Haddamar, Dorla und Niedervorschütz haben bereits etwa 600 Mitglieder. — Einer unserer ältesten Mitbürger, Herr Johannes Traude, feierte gestern seinen 93. Geburtstag. D. war in früherer Zeit 46 Jahre bei der Firma Gebr. Hourand als Lohgerber beschäftigt.
Schmiergelder annimmt, der sich bestechen läßt und sein Reden ober Schweigen für Geld verkattft, ist nicht wert, den Titel Journalist zu tragen. Erwähnenswert ist, daß derartige Enthüllungen, wie sie in bet- letzten Zeit gemacht worden sind, sich immer auf Börscnjournalisten bezogen- Ern Stand, der auf seine Ehre HM, darf solche journalistischen Drohnen, die von der Bezahlung ungeleisteter Arbeit leben, nicht in j seinen Reihen dulden. In Deutschland, besonders in Preußen, genießt der Journalistenberuf im allgemeinen nicht die Achtung, die ibm diejenigen Leute meist willig zollen, die mit Preßdingen Bescheid wissen. Gar manche Blätter rechtferttaen durch schmutzige Sensationsmacherei, durch pöbelhafte, nicht um der Sache, sondern um des öffentlichen Aufsehens willen.^ unternommene Polemik und andere publizistische Lastet' diele Mißachtung; die Journalisten bilden eben noch keinen geschlossenen Stand, der jedem Schmierfink einfach den Stuhl vor die Tür setzen könnte. Um so mehr haben die ehrenwerten Journalisten Anlaß, auf 'unbedingte Sauberkeit in ihren Reihen zu achten. Daß diefes Bestreben nicht ohne Erfolg ist, beweist der Umstand, daß Prozesse, wie der oben erwähnte, doch seltene Ausnahmen sind, und daß auch ftinter dm Kulissen lange nicht soviel gemanscht wird, wie mancher supe'rkluge Laie annimmt. Das ist um so rühmenswerter, als die Versuchung namentlich für den Vör- seiuourn allsten sehr stark ist.
Die anständige Presse muß immer weiter daraus binarbeiten, daß das Schmarotzertum, das den ehrlichen Joumalisten nur zur Unehre gereichen kann, mit Stumpf und Stiel ausgerottet werde.
Handel und Industrie.
* Berlin, 18. Okt. 1911. Die Börse zeigte heute anfänglich eine reservierte, später eine ausgesprochen schwache Haltung, gegen Schluß des Geschäfts aber wieder eine festere Stimmung. Bankaktien bei gleichbleibenden Kursen, Transpcrtwerte etwas rückgängig, Montanwerte steigend, Etektrizitatswerte matter.
Märkte.
R. Kirchhain, 18. Oft. 1911. Ter heule hier abgehaltkne Schweinemarkt war mit 439 Stück Schweinen befahren. Die Preise stellten sich bei den Saugferkeln auf 15-35 Mark und für die Läuferschweine auf 60—90 Mark. Der Handel war sehr flott.
Mr Sberheffen «. den he«. Aemtern.
* Kirchhain, 18. Okt. 1911. Im benachbarten Langenstein kam der Arbeiter Adam K. wegen I Lohndifferenzen mit seinem Arbeitgeber, St. in Streit, der in Tätlichkeiten ausartete, wobei K. dem I St. mit dem Messer einen Stich in den Halst versetzte. — In demselben Betriebe erlitt der mit Erdarbeiten beschäftigte Arbeiter E. von hier an Schenkeln und Schienbein nicht unerhebliche Verletzungen dadurch, daß ihn ein sogen. Kippwagen I beim Umkippen an die Beine traf.
* Ziegenhain, 18. Okt. 1911. Bekanntlich hat man in Pferdezüchterkreisen Kurhessens eine Verlegung des Dillenburger Landgestüts an einen Ort int Regierungsbezirk Kassel angestrebt. Aus der Uebersiedelung ist jedoch nichts geworden. Um aber den hessischen Pserdezücbtern einigermaßen entgegenzukommen hat die Gestütsverwaltnng angeordnet, daß etliche H e n g st e von nun ait dauernd in Ziegenhain stationiert werden, tvährend seither dort, wie auch an anderen Plätzen, die Beschäler nur vorübergehend anwesend waren.
* Homberg, 18. Okt. 1911. Auf einer hier ob« gehaltenen Vertreter-Versammlung der Raiffeisenvereine des Unterverbandes Hom« berg wurde folgender Beschluß gefaßt:
In Erwägung, daß die Jugendfürsorge ein dringend notwendiges Werk ift, das keinen Aufschub duldet, erklären sich die Anwesenden bereit, auf die Bildung von Ortsausschüssen in ihren Gemeinden bin« reitfen zu wollen. Damit diese Ausschüsse aber nicht private Vereinigungen ohne die erforderliche Autorität bleiben, richten 'fie an den Kreisausschuß die Bitte, erwägen zu wollen, ob es nicht möglich ift, nach dem Vorgang des Kreises Gelnhausen die Jugendausschüffe und ihre Arbeit zur offiziellen Gemeindeangelegenheit zu machen. Die Versammelten sind der Ansicht, daß auch diese Maßnahme nur eine unvollkommene und vorläufige fein wird, da auch dem offiziellen Ortsausschuß keinerlei gesetzlichen Befugnisse zur Beschränkung der Übermäßigen Vergnügungssucht und wachsenden Zügellosigkeit mftehen werden. Sie halten es daher für ihre'Pflicht, innerhalb der Raiffeisenorganisation daraus hinzuarbeiten, daß dieselbe, wie vor zehn Jahren für das obligatorische Fortbüdungsfchulgefetz, so auch jetzt für ein Jugendsürforgegeseh eintritt, durch welches mittels Ortsstaiuts jeder Gemeinde die Möglichkeit gegeben wud, neben positiver Arbeit an der Jugend durch gesetzliche Mittel Ordnung und Zucht unter derselben zu schaffen.
* Frielendorf, 18. Okt. 1911. Nicht weniger als 3 neue Betonbrücken hat die Kgl. Eisenbahn- Verwaltung in den letzten Tagen zwischen den beiden Bahnhöfen Frielendorf und Ziegenhain Nord bauen lassen. Die letzte siebt eben bei Rörshain ihrer Vollendung entgegen. Teilweise war die Verlegung der Wege infolge Separation der anliegenden Gemeinden erforderlich. Auf der anderen Seite schlägt die Eisenbahnverwaltung zwei Fliegen mit einer Klappe: Erhöhte Betriebssicherheit und Arbeiter« personal wird gespart.
2ius dem Nachbaraebiete.
r. Hersseld, 18. Okt. 1911. Zur Hersfelber Lulluswoche. Ein trauriger Gedenktag war
vermischter.
* Der Irrtum der Geschworene». Das Schwurgericht in Neisse verhandelte gegen zwei Personen wegen Meineides. Die Geschworenen sprachen beide Angeklagte des wissentlichen Meineides für schuldig, und der Staatsanwalt beantragte drei bezw. zwei Jahre Zuchthaus. Die Verteidiger bezeichneten den Geschworenensvruch als einen bedauerlichen und unfaßbaren F e h l f p r u ch. Der Gerichtshof war einstimmig der Ansicht, daß sich die Geschworenen zum Nachteil der Angeklagten geirrt hätten. Der Spruch wurde deshalb k a s f i e r t und die Sache zur nochmaligen Verhandlung an bas nächste Schwurgericht verwiesen. , .
* Tie unleidliche Revolverspikl-rei. Bel einer photographischen Gruppenausiiahme von Ausflüglern in Wölkersdorf bei Nürnberg hantierte einer । der Teilnehmer mit einem Revolver. Plötzlich ent« | lud sich die Waffe. Die Kugel traf eine Lädn rin > schwer am Kopf und tötete bann eine Arbeiterin von der Gesellschaft.
* Z» Trüben, dem Hauptsitz der bknftchen «cho.o- ladenfab ikalivn, stehen seit Dienstag 80 Prozent der Arbeiterschaft im Streik. Nachdem den Arbeitern im Hinblick ans die Teuerung eine geforderte Lohnerhöhung von den Aibeitgebern bereits vorgestern in Aussicht gestellt worden war, erhoben die Arbeiter noch die Forderung e.nes Tarifvertrages und traten, da die Fabrikanten sich der Tarisvertraasforderung gegenüber ablehnend verhalten. 3000 on der Zahl, in den Streik.
* Ter „Kolonialhauptmann". In Caen in Frank« reich wurde ein Schwindler verhaftet, der monatelang unter dem Namen eines Barons Lesons in der I Paradeuniform eines Kolonialoffiziers umherspazierte. I Sein Kredit wurde noch erheblich vermehrt, als man I den eleganten Herrn bei einem Brigademanöver zur I Rechten des kommandierenden Generals reiten sah. | Er ließ sich eine Waggonladung Schießpulver liefern und diese acht Tage lang von vier Infanteristen be« wachen. Das Pulver ist gegenwärtig unterwegs nach Amerika. Hebei fünfzig Klagen von Geschädigten sind I eingelaufen. Die Persönlichkeit des Schwindlers ist I noch nicht festgestellt.
△ Journalisten-Bestechnng.
In diesen Tagen fand in Berlin ein Beleidigungs- Prozeß des Redakteurs der »Bank« und Handelszeitung" Dr. M a nck e, gegen den Redakteur des „Plu- W Vernarb statt. Beide Journalisten batten sich in ihren Blättern mehrfach angegriffen. Mancke hatte Bernard vorgeworfen, daß ec Trinkgelder an-1 nehme, während Semarb baranf gegen Dr. Mancke I ben Vorwurf der Bestechlichkeit erhob. Der Heraus-1 gebet des „Plutus" Georg Semarb konnte nachwei-1 sen, daß fein journalistischer Ehrenschilb blank unb rein ist, bagegen würben über Dr. Mancke allerlei I bedenkliche Feststellungen gemacht. Wie Schmok „kann I Jdjreibcn rechts, kann schreiben links", so kann Dr. I Mancke reden und auch schweigen, je nachdem er be-1 zahlt wird.
Der Generaldircktor der A. E. G. unb B. E- G., I Mathenau, bekundete, daß Mancke in Hauptversamm-1 lungen durch überflüssige unb unberechtigte Zwischen-1 reden die Verhandlungen hingezogen, diese Zwischenreben aber eingestellt habe, nachdem ihm für jede Versammlung, der er fernbleiben oder schweigend beiwohnen werde, 150 Mark zugesagt worden feien. Der Direktor der Kommerz und Diskontobank, Simon, sagte aus, Angriffe der Bank- und Handelszeitung gegen die Bank seien nach Hingabe von An- zeigm unterblieben. Auch ohne Auftrag habe Herr Mancke wiederholt Anzeigen abgedrnckt und nachher Bezahlung verlangt, die ihm auch bewilligt worden seß. Bei einer großen Emifsion, die die Bank vorge- nommen habe, seien ihm 500 Mark ausgehändigt worden, damit er nichts Ungünstiaes schreibe. Aehnliche Bekundungen über prompte Wirkung von Anzeigen- ftusträgen machten zwei andere Bankdirektoren. Ein früherer Angestellter des Sckaaflausenscken Bankvereins bekundete, daß Herr Mbncke der Bank infolge 'eines spekulativen Geschäfts 20.000 Mark schuldig geworden sei, die nach und nach durch Abzüge von den Kosten der Anzeigen gedeckt worden seien. Das sind im wesentlichen die dem Herrn Mancke zur Last gelegten Handlungen. Sie erscheinen in etwas milderem Lichte dadurch, daß sie zum Teil lange Jahre zurückliegen, und daß Herr Mancke durch die Annahme der Bestechungen sich nur zum Schweigen verpflichtet hat, aber nicht, die Unternehmungen der Bank nun über ben grünen Klee zu loben.
In diesem Prozeß ist wieder einmal in einen Stall von Unmoral hineingeleuchtet worden, wie er heute, Gott sei Donk, in der journalistischen Welt immer seltener wird. Em Journalisi, der
Amt Geisa und Umgebung.
* Dermbach, 18. Okt. 1911. Zum Ortsbrandmeister ernannt wurde an Stelle des Herrn Fr. Kirchner, welcher das Amt niedcrgelegt hat, Herr Zimmermeister Gehb.
* Osthcim v. d. Rhön, 18. Okt. 1911. Nachdem die umfangreichen Borarbetten zur Bohrung n a ch K a l i in unserer Flur nunmehr beendet sind, haben die Tiefbohrmigen seit voriger Woche begonnen, die bis heute ca. 15 Meter erreicht haben.
* Oechfcn, 18. Okt. 1911. Die Bautätigkeit auf der Gewerkschaft Heiligenmühle wird fort-
Der Himmel; reichster S.geit quillt — den Menschen aus den Heilquellen der Erde, und ■» der Mensch hat es ver inndpn, die Heilkräfte der M Quellen so zu verwerten, daß sie jederzeit und roeit» — ab von den Quellen gebraucht werven können. 6» Fays ächie Sodener Mineral-Pastillen sind ihren g wirtsamen Bestandteilen nach aus den berühmten I— Sodener Heilquellen gewonnen, und wie die Quellen ™ selbst sind auch sie ein ideales Heilmittel bei der g Bekämpfung aller katarrhalischen Asseltionen. Man ■ kaust fie 85 Pfg. die Schachtel in allen einschlägigen Geschälten.
gesetzt. Das Baugeschäft Lauge-Hannover stellt jetzt! noch 150 Mann ein, die Arbeit am Bau zweier neuer Kesselhäuser finden sollen.
* Aus Thüringen, 18. Okt. 1911. In Eisenach scheute das Pferd des spazierenreitenden Ba- taillonsadjutanlen, Leutnants von Mutius, vor einem Eisenbahnzug, ging durch und warf den Reiter ab, der schwer verletzt ins Lazarett geschafft wurde. — Auf dem Eisenacher Hauptbahnhof blieb der Hilfsrottenführer Ernst Körner in einem Eilgüter- : ug hängen und wurde mit fortgeschleift. Der Bor- all war nicht sofort bemerkt worden, und so mußte der Unglückliche die gräßliche Fahrt bis über den Westbahnhof hinaus mitmachen. An einem Bruckenvorbau fiel dann der furchtbar verstümmelte Körper, in dem natürlich längst kein Leben mehr war, neben das Gleis. Auf der ganzen Strecke waren Körperteile verstreut. — Wie schädlich die Hamster sind, ersieht man daran, daß beiWeimar aus einem Bau dieser Tage 12 Pfund Weizen, zwei Metzen Kartoffeln unb sieben Schock Walnüsse entfernt werben konnten. Da auf biesem Felb binnen acht Tagen etwa 200 Hamster gefangen werben konnten, läßt sich berechnen, was biese Tiere zusammen schleppen können.
tebenrwen-e.
15' Roman von Hörfl B ödem er.
Der Dank blieb dem Gaste in der Kehle stecken. Jochem führte ihn in seine wohlig durchwärmten Zimmer.
„Da — Ihr Tuskulum! Der Schreibtisch ist groß genug. Tinte unb Papier »arten auf Sie; nebenan liegt Ihr Schlafzimmer In zehn Minuten barf ich Sie wohl zum Essen erwarten?
Ein freunbliches Nicken, hinaus war er, ehe Trü- "tow viel Worte machen konnte.
Unb bet alte Bordeaux, bie kräftige Kost waren bie beste Arznei für ben armen Jungen. Sein Gastgeber verftand es meisterhaft, ihm alle Scheu zu nehmen, er behandelte ihn völlig als seinesgleichen.
„Darf ich Ihnen nun meine Jrmenwirtfchaft zeigen?"
„Herr v Sosquen, Sie find zu fteundlich!"
„Ach was, keine Redensarten!"
Er faßte ben vom Leben Verprügelten unter bem Arm, ging mit ihm durch bie Ställe unb rebele mit ihm über feinen Betrieb, als ob er es mit einem landwirtschaftlichen Sachverständigen zu tun hätte. Da taute nach unb nach der kleine Trütow auf. Und als sie später in Sosquens Arbeitszimmer zusammenfaßen, fing der Gast von selbst an, seine Pläne zu entwickeln.
„Haben Sie denn schon neue Entwürse?" fragte Herr v. Sosquen so nebenbei.
Trütow lachte hell auf. „Im Kopfe ein paar Dutzend! Ich habe keine Ruhe vor ihnen, ich muß mich freimachen. sie niederzuschreiben!"
„Vergessen Sie nur nicht, die schönen Gedanken verlieren ihre Wirkung, wenn sie nicht kurz unb bün- big, — konzentriert — festgelegt werben; nirgends ist so viel Selbstdisziplin nötig, wie beim Schriftstellern!" . _ _
„Ochas weiß ich wohl! Und wenn mein Erch ling 250 Bogen stark geworden, weitschweifig bin ich sicher nicht gewesen!"
Und nun entwickelte der kleine Trütow ein paar Ideen, ernste unb heitere, so "schlagend, so vollenbet, baß ber gute Jochem ms bem Staunen nicht heraus kam unb ihn schließlich einfach unterm Arm nahm unb vor ben Schreibtisch setzte.
„Versuchen Sie sich erst mal in ein paar kleineren Sachen, be Sie an Zeitschriften einschicken, wir werben ja sehen, was bie Redaktionen dazu sagen!"
„Unb vorher haben Sie die Güte, meine Arbeiten einer Prüfung zu unterziehen?"
„Es wird mir eine große Freude sein, Herr v- Trütow I"
Dann ging er kopfschüttelnd aus bem Zimmer. Mit was für gefunben Augen sah ber kleine, leichtsinnige Kerl bie Welt an, von bem konnte er ja selbst viel lernen!
Hakburg ging in seinem Zimmer ungebulbig auf unb ab. Die Tür nach bem Korridor stand offen, denn gleich mußte Erika Rollen kommen; die Uhr hatte schon vor fünf Minuten die Stunde gelingen. Unb da ertönte endlich leise die Flurglocke. Mit ein paar großen Schritten war er an der Tür und öffnete sie; mit verlegenem Gesicht, das eine feine Röte übrr- baucht hatte, trat das junge Mädchen zögernd über bie Schwelle. Ihre beiden Hände ergriff er und sah ihr in die Augen mit stummer Frage. Da ging ein Se= ben durch bie große, schöne Frauengestalt unb mit einem Jubelschcei fanben sich ihre Herzen.
„Ich banke bir für bie Antwort, bie bu Sosquen mitgegeben!"
„Du—u!"
. „Nun aber ruhig Blut, was soll geschehen? — „Schleunigst muß bie schöne Erika Rollen meine Frau werben!"
„Unb du hast bir alles überlegt, ich bin —"
„Verwechsle bie Begriffe nicht! Ich bin bet, welcher gewinnt, unsagbar viel, weil ich weiß, mtt bir werbe ich bas Leben meistern. Wir werben bescheiden sein müssen, unsere Jugend wird bie Hinbernisse überwinden, weil wir an Gott alauben — unb an unsere eigene Kraft!"
„Das waren schöne Worte, Hans Heinrich, ichl banke bir dafür!"
Unb bann sahen sie sich bie Wohnung an.
„Wir bleiben hier!"
„Erika, ber Raum ist klein!"
„Unser Gelbbeittel vorläufig auch! Unb bu hast mir durch Sosquen sagen lassen, ich dürfe weiter malen! Alles habe ich mir schon überlegt. Deine Tageseinteilung mußt du ändern; wir essen um 6 Uhr hier unser bescheidenes Mittagbrot, und eine Aufwärterin tagsüber genügt für den Anfang. Ich habe zu arbeiten gelernt!"
„Ach, soviel hast du dich mit mir beschäftigt, daß du sogar daran gedacht hast,"
„Ja, Hans Heinrich, einen klaren Plan muß man immer im Leben haben und nie vergessen, daß auf Sonnenschein auch trübe Tage folgen, unb für bie müssen wir gewappnet sein!"
„Du Gute, Kluge!"
Ein Lächeln spielt um ihren Mund.
„Aber ich habe auch sonst sehr viel an dich gedacht, ich darf wohl sagen, stündlich!"
Da reißt er sie noch einmal in seine Arme unb sagt ihr viele gute unb auch törichte Worte. Unb sie schließt ihre Augen and hört seiner lieben Stimme zu.
„Erika, ja — aber bu darfst mir's nicht übel nehmen —wenn wir hier bleiben wollen, dann können wir doch auch schon in vier Wochen heiraten!"
„In vier Wochen," sagte sie leise unb lächelte wieder-
XIV.
„Was willst du haben, mein Kind?" fragte ber Kaufmann Rollen ein zehnjähriges Mädchen.
„gor zehn Fennige Fruchtponkponks," erwiderte es im schönsten Magdeburger Deutsch.
Da öffnete sich die Ladentüre, Erika trat mit ihrem Verlobten ein.
„Ja, was soll beim das heißen?" Und dabei glSn- zen Herrn Rollens Augen verständnisvoll
„Daß wir euch um euren Segen bitten wollen, Papa!"
Und als Hans Heinrich seiner kranken Schwiegermutter bie Hand küßt, steht sie ihn lange an und schüttelt dann ben Kopf. Erika lacht gepreßt.
„Was hast bu benn, Mama?"
„Herr o. Hakburg, haben Sie sich auch grünblich überlegt, was Sie getan haben?" Noch ist es nicht zu spät!"
„Ganz gründlich fognr, gnädige Frau! Ich tveifc sehr wohl, welche Perle ich zur Frau bekommen werbe!"
„Das ist richtig! Unsere Erika ist allezeit ein sehr gutes Kind gewesen, aber Sie kommen aus ganz anderen Kreisen; nur sehr schwer sind da Brücken hinüber und herüber zu schlagen!"
„Die unseren sind bereits dauerhaft gebaut!"
„Das deuk-n Sie heute!"
Da wurde Hakburg sehr ernst.
„Ich zweifle nickt, daß ich in fünfzig Jahren noch in denken werde, denn ich werbe mehr gewinnen, als Erika ,unb von ihr hoffe ich. sie wirb mir, sollte ich ben festen Boden, auf dem ich heute zu stehen glaube, verlieren, eine feste Stütze sein. Wenn ich auch noch recht jung bin, so habe ich doch bas Leben besser kennen gelernt, wie bie meisten meines Alters!"
„Ja, bann freilich!" —
Einträchtlich faßen fie in ber großen Stube zusammen; alle Augenblicke ging ber Vater hinaus, wenn die Ladenalocke neue Käufer meldete.
Am Abend kehrte das Brautpaar mit der Einwilligung der Eltern zu baldiger Hochzeit nach Berlin zurück.
♦
Ada kam aufgeregt zu ihrem Onkel, einen Bries in ber Hand. „Hans Heinrich schrieb mir, daß er sich mit dieser Malerin, Fräulein Erika Rollen, verlobt hat, in drei Wochen soll bereits die Hochzeit ftattfinben!"
„Unb baS wundert dich von dem Leichtfuß?"
„Ich werbe morgen nach Berlin fahren!"
„Wozu?"
(Fortsetzung folgt)