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Lotationrdruüund Verlag der L«ldaer Al> tlendruckerei in §ulda Zernsprecher Nr. 9.

jv$ 238. Erstes Blatt.

Fulda, Dienstag den 17. Oktober 1911.

38. Jahrgang.

AE Die belgischen Gemeinderats­wahlen.

In 2700 Gemeinden Belgiens haben am Sonntag Gemetnderatswahlen stattgefunden. Die Hälfte der Sitze sämtlicher Gemeinderäte waren zu er» neuern. Die Wahlen sind diesmal deshalb von beson­derer Bedeutung gewesen, weil die Liberalen Und die Sozialisten für sie zum ersten Male Din Kartell abgeschlossen haben, um die Katholiken Hus den Gemeinderäten zu entfernen.

s Das vollständige Wahlergebnis liegt auch heute Noch nicht vor, fest steht nach den bisherigenMeldungm, .bafc den Erwartungen entsprechend die Stadtgemeinde- täte der Städte Brüssel, Antwerpen, Lüttich, Gent, Namur, Charlerot, Mons, Verviers in den Händen Hner kllcholikenfeindlichen Mehrheit sind. In den kleineren Städten und auf dem flachen Lande, namentlich in den Industriezentren der Provinz, hat das Kartell glänzend versagt. Beide Flandern bleiben nach wie vor katholisch vertreten. Me- cheln wurde vom Block genommen, dagegen blieb Brügge in den Händen der Katholikm- In Löwen Mterlag der ehemalige Ministerpräsident Schollaert.

Der Ausgang der Wahl wird auch in der libe­ralen Presse Deuts lands mit kulturkämp- ferischem Hurra begrüßt, als ob ein durchschlagender, Puch für die politische Zukunft des Landes entschei­dender Sieg über die konservativen und katholischen Elemente errungen sei.

Die liberalen Blätter sollten doch nicht vergessen, haß in dem belgischen Parteikampf die S o z i a l d e- snokratie das führende Element der Linken ist. Der Liberalismus hat keinen Grund, sich selbstbewußt in die Brust zu werfen; denn gerade in Belgien ist die liberale Partei, die vor einem guten Viertel!ahrhun- dert noch für sich allein die regierende Mehrheit zu Hilden vermischte, jetzt zu einem dienstbaren An­hängsel der Sozialdemokratie herabge- funkcn. Sie lebt von den Brosamen, die ihr der ro- vuste Blockbruder in Gnaden zufallen läßt.

Zweitens ist es geraten, bei den Nachrichten über Wahlerfolge nicht gleich die ersten günstig lautenden Teilergebnisse zu bejubeln, sondern erst abzuwarten, his ein umfassender, gründlicher Bericht vorliegt, dec 'M gerechtes Abwügen der Gewinne und Verluste er­möglicht.

Eine rühmliche Ausnahme in der liberalen Presse bildet zur Zeit die Berliner ,V o s s i s ch e Z e i t u n g', hie sich gegen die optimistische Ausbeutung der belgischen Gemeindewahien wendet und ausführt: „Gerade der gestrige Tag scheint dem objektiven Beobachter gezeigt zu haben, daß die vereinigten Oppo­sitionsparteien einen schweren Kamps zu kämpfen haben, wenn sie im Mai 1912 bei den allgemeinen Kammerwahlen den Klerikalismus aus der Regierungs­gewalt entfernen wollen. Tas ist auch die Ansicht der Maßgebenden klerikalen Blätter. Sie geben unum­wunden zu, daß in den groben Städten das Kartell der Liberale» und Sozialisten durch die Eigen­artigkeit der Verhältniswahl eine besonders ungünstige Wirkung für den Klerikalismus ausüben Mußte. Sie freuen sich aber über die Siege, die sie in der Umgebung von Lüttich und Hennegau ßrringe« konnten, und ebenso darüber, daß die beiden Flandern den Klerikalen nicht genommen werden konnten."

Das ist eine verständige Anschauung. Von unserem Standpunkte wollen wir ebenfalls vorsichtig urteilen Und demgemäß eingestehen, daß durch die Ergebnisse der Kommunal-Wahlen, wenn sie auch keinen durch­schlagenden Erfolg des Großblocks bedeuten, doch die Lage der Regierung und der bisherigen Kammer- Mehrheit eine weitere Erschwerung erlitten hat. Doch ist ein« Entscheidung über die politische Zukunft noch keineswegs getroffen. Es muß sich ja bald zeigen, ob die katholisch-konservativen Eie- Mente durch die Erfahrungen am letzten Sonntag entmutigt oder nicht vielmehr zu neuer Kampflust sind Wehrkraft angespornt werden. Es wäre ja hoch wohl möglich, daß die Züge von Mattigkeit und Müdigkeit, die sich in der bisher regierenden Partei wie eine Art „Altersschwäche" kundgegeben haben, durch deu Rippenstoß vom letzten Sonntag mm Verschwinden gebracht würden und in den katholisch-konservativen Kreisen das Bewußtsein auf- flackerte: „Noch ist nichts verloren; wir können noch siegen, wen» wir die volle Einheit und die au- gespannte Tatkraft bewahren, und wir wollen siegen, um dem Lande und der Welt zu zeigen, daß Unsere Partei auch über die bisher unerhörte Dauer hon 28 Jahren noch regierungsfähig bleiben kann."

Daß die Regierung schon jetzt demissionieren oder wenigstens sofort das Parlament auflösen üiüßte, sehen wir durchaus nicht ein. Kommunal- Wahlen und politische Wahlen sind nicht gleichartig und nicht gleichbedeutend. Hoffentlich wird weder die Regierung noch der Monarch das übertriebene Triumphgeschrei de» Großblocks sich aus der Ruhe bringen lassen.

Deutsches Reich.

* Berlin, 16. Ott. 1910. Ter Kaiser und die Kaiserin sind mit dem Reichskanzler aus Hubertusstock zurückgekehrt. — Ter Kaiser'teilte dem König von Sachsen mit, daß das neue Linien­schiff „Ersatz Aegir" den Namen „König Albert" erhalten solle. — Der Kronprinz ist mit Gefolge in Danzig-Langfuhr eingetroffen und übernahm die Geschäfte als Regimentskommandeur. — Wirt­schaftliche Berater werden neuerdings von der schlesischen Landwirtschaftslammer als werktätige Sser nachgewiesen für solche Landwirte, die Güter orben haken und nicht in der Lage sind, diese auf Grund eigener Erfahrungen zu bewirtschaften.

Unter den Vorlagen, die dem neuen Reichstage zugehen werden, wird sich eine Novelle zum Reichsbeamtengesetz beflnden, die das Wieder­aufnahmeverfahren im Disziplinarverfahren wieder einführen wird. — Zwecks Bekämpfung des Schmutzes in Wort und Bild beginnen dem­nächst kommissarische Beratungen zwischen Vertretern

der beteiligten Reichsämter und den preußischen Ministerien über etwaige gesetzgeberische Maßnahmen.

* Ei« Besuch deö Kaisers i« der Schweiz. Kaiser Wilhelm wird im nächsten Jahre, wie die ,Vossisch. Zig/ von „ganz zuverlässiger Seite" erfährt, dem schweizerischen Bundesrat einen offiziellen Besuch machen. Ueber Tag und Ort des Besuches ist noch keine Verabredung getroffen.

0. Der Reichstag tritt heute zu seiner letzten Tagung zusammen und im Wallorbau am Königs­platz wird es wieder lebendig werden- Lebendiger vielleicht, als es für die Erledigung der vielen und wichtigen Gesetzesvorlagen gut ist; denn die Kämpfe der Wahlbewegung werden auch auf die Reichstags- verhandlungm ihren Einfluß ausüben und die — voraussichtlich — endlosen Polemiken der Partei­größen außerordenflich hitzig gestalten. So leistungs­fähig der Reichstag trotzdem ist, so wird er doch nicht alles, was der Erledigung harrt, bewältigen können, dazu reicht die ihm noch zur Verfügung stehende Zeit nicht au8. Und so wird damit zu rech- nen fein, daß ein Tell der Vorlagen der Vertagung anheimfallen wird und nur die dringendsten ihre Er­ledigung finden werden. Zu den Vorlagen, die der Reichstag noch zu erledigen hat, gehören u. a. die Privatbeamtenverstcherung, die Strafprozeßreform, die Novelle zum Strafgesetzbuch, die Femsprochge- bührenordnung, das Schiffahrtsabgabengesetz, die Heimarbeitervorlage, das Arbeitskammergesetz, der deutsch-japanische Handelsvortrag, das Handelsabkom­men mit England. Hinzu treten noch eine Reihe von Interpellationen, Anträgen und Petitionen. Es wird eine Verständigung Mischen dem Reichstag und der Regierung stattfinden müssen über das, was noch un­bedingt erledigt werden muß und über das, was zu­rückgestellt werden kann. In der Presse war schon einigemal« angekündtgt, daß die Strafprozeßreform, das Arbeitskmnmergesetz und noch einige andere Vor­lagen zu denjenigen gehören würden, die der Vev- tagung anheimfallen. Indessen handelt es sich dabei lediglich um eine Vermutung, die eigentlich;« Ent­scheidung wird erst fallen, wenn der Reichstag einige Tage zusammen ist.

* Gegen die Quertreibereien im Zentrum. In eimr großen Zenlrurnsversammiung in Breslau hielt der Abg. Graf Henkel von Donnersmarck einen Vortrag über die politische Lage. Dabei kam der Redner auch auf die sogen. Kölner und Berliner Richtung des Zentrums zu sprechen. Nach einem Bericht der „Schlesischen Volkszkg." sagte er unter stürmischem Beifall dec Versammlung:

.Hochmut, Herrschsucht, politische Unreife und Dünkel, das sind die Gründe, weshalb einzelne PersSn- üchkeiien und Zeitungen diese Quertreibereien ins Werk setzen. Angesichts der politischen Lage ist solches Treiben eine Gewissenlosigkeit. Das katho­lische Volk verbittet sich solche Fatzkereien, es will von den Querköpfe» absolut nichts mehr hören."

* Köln, 15. Oft. 1911- Auf dem Verbandstage der rheinisch-westfälischen Press«, der am Samstag und Sonntag hier stattfand, hat der Oberpräfident der Rheinprovinz, Staatsminister Frhr. v. Rheinbaben, eine bedeutsame Rede über die Aufgaben der Presse gehalten, in der er u-*a. ausführte:

Mit berechtigtem Stolze kann man die fortschrei­tende Organisation und Bedeutung der Presse verfol­gen. Die Zeitungen werden sich ein weiteres Verdienst erwerben, wenn sie die gemeinschaftlichen Interessen unseres Volkes und seiner Arbeit auf allen Gebieten etwas mehr in den Vordergrund rucken und auch auf das innerpolitische Leben übertragen, dagegen nicht so oft das Einigende über dem Trennenden vergessen, wenn ferner die Presse im Streit der öffentlichen Meinung das Allgemeine über das besondere Einzel- intereffe stellt und so zum Frieden der Allgemeinheit beiträgt und die goldene Brücke des Verständnisses schlägt, anstatt dem Streite des Tages eine allzu hohe Bedeutung beizumessen und dadurch die Kluft zu er. weitern. Es sollte auch Aufgabe der Presse sein, die Freude an dem Werdegang unserer Nation täglich wachzuhalten und zu erneuern. Aus diesem Grunde gab der Redner auch seiner Freude darüber Ausdruck, daß auf der Tagesordnung des Verbandstages ein Vor­trag über „Die Einschränkung der Gerichts­berichterstattung" stehe, damit das A e r g e r- nis der Sensationspresse aus dem deutschen Blätterwalde verschwinde. Wenn die rheinisch-west­fälische Presse auf diesem Gebiete gründlich Wandel schaffe, werde sie sich ein großes Verdienst um die All­gemeinheit erwerben und damit der steigenden Be- deutung der Presse für unser Volk einen großen Dienst erweisen. In diesem Sinne rufe er der Versammlung zu: weiter voran!

Nach einem Vortrag des Freiherrn v. Per fall über Kunst und Literatur beschäftigte sich der Ver- banbstag dann drei Stunden lang mit der Frage der Gerichtsberichterstattung. Den einleiten­den Vortrag hierüber hielt Dr. H üs g en-Düsseldorf, der scharfe Maßnahmen gegen diese Art der Sensa- tionsverichterstattung befürwortete. Als Niederschlag der Meinungsäußerungen wurde in einer Ent- schließungder feste Wille ausgefpro-chen, mit Hilfe der Organisationen der Verleger und Redakteure eine gründliche Besserung auf diesem Gebiete in die Wege zu leiten. Oberlandesgerichtspräsident Holtgrewe ließ zum Schluß darch den Vorsitzenden der Versammlung erklären, daß die Justizverwaltung bereit sei, Hand in Hand mit den Organisationen der Presse zu gehen, um aus diesem Gebiete eine gründliche Besserung herbei­zuführen.

* München, 16. Ott 1911. Bei dem Prinz- rezenten ist, wie die Leibärzte aus Berchtesgaden mitteilen, seit gestern Bronchiakkalarrh auf» getreten. Es besteht die unmittelbare Gefahr einer Lungenentzündung. Der Regent hat sich aus der Jagd erkältet. In München rief die Nachricht große Bestürzung hervor.

Reichstagswahlvorbereitungen.

* Gras Zeppelin Reichstagskaudidal. Von dem Organ der süddeutschen konservattven Partei, der ,Südd. Reichspost', ist die Anregung au?gegaugen, den Grasen Zeppelin als Kandidaten für die kom­menden Reichstagswahlen aufzustellen. Im Wahl­kreise Ulm soll der Graf als Kompromißkandidat aller bürgerlichen Parteien aufgestellt werden. Ein Angebot an den Grasen Zeppelin ist jedoch bisher

nicht erfolgt und ebensowenig liegt eine Aeußerung des Grafen Zeppelin hierzu vor.

)( Die „Arbeiterpartei". Die Sozialdemo­kratie hat bisher für die nächsten Reichstags­wahlen 390 Kandidaten aufgestellt. Darunter! be­finden sich 24 Schriftsteller, 60 Redakteure, 8 Ver­leger, 6 Buchhändler, 14 Rechtsanwälte, 9 Fabri­kanten, 4 Landwirte, 7 Kaufleute, 44 selbständige Gewerbetreibende, 24 SIrbeiterfefretäre, 73 Gewerk- fchastsbeamte, 53 Parteiangestellte, 19 Geschäfts­führer und Lagerhalter, 9 Expedienten und ganze 5 Personen, die sich als Arbeiter bezeichnen.

Ausland.

* Ausnahmerecht für politische Gegner. Der portugiesische Senat wird seine Ferien unterbrechen, um über den Entwurf des Justizministers zu be­raten, der die perjönlichen Garantien aufhebt, um daS Gerichtsverfahren gegen die polstischen Gefan­genen abzu kürzen.

x Stieg MIM Stollen unO der Mei.

In Konstantinopel sind Anstalten getroffen worden, um eine Abordnung von sechs Senatoren und Deputierten nach allen Hauptstädten Europas zu senden, die alle Nationen für eine schiedsgericht­liche Regelung von Streitigkeiten gewinnen und sich bemühen soll, auf Italien dahin einzuwirken, daß es seine Ansprüche dem Haager Schiedsgerichtshof unterbreitet. Durch eine Sammlung soll hierfür ein Fonds von 400000 Mark aufgebracht werden; der Sultan hat dazu die ersten 20000 Mark ge­zeichnet. Das ist gut gemeint, aber, wie die Sachen einmal stehen, ein aussichtsloses Beginnen. Italien hat Tripolis sich genommen und behält es, ein Schiedsgericht wird in Rom nicht mehr akzep­tiert. Gewalt geht eben vor Recht.

* Wien, 16. Oft. 1911. Die /Politische Sott.' erhielt aus Nom von einer unterrichteten italienischen Persönlichkeit Mitteilungen über Italiens Stand­punkt der tripolitanischen Frage. Darin heißt es am Schluß:

Bei der italienischen Regierung besteht die Be­reitwilligkeit zu einer Entschädigung an die Türkei, deren Ausmaß von der weiteren Ge­staltung der Ding« abhängen wird. Unter allen Umständen lautet aber das unumstößliche Losungs­wort Italiens bei der Regelung der Frage „Annexion" nicht „Okkupation".

* London, 16. Ott. 1911. Der ministerielle ,Daily Chronic'.e' hört aus Rom, man erwarte dort in den allernächsten Tagen eine dem Frieden günstige Wendung.

Der wirischaftliche Krieg

ist das einzige Mittel, das die Türkei bei ihrer Ohnmacht in Tripolis anwenden kann, um die italienischen Interessen zu schädigen. Daß die Italiener davon nicht erbaut sind, ist begreiflich, aber es geschieht ihnen schon ganz recht.

* Saloniki, 16. Oft. 1911. Von einer eigens dafür gebildeten Kommission gefördert, hat heute auch hier der Boykott gegen Italien und die italienischen Kaufleute eingesetzt. Das Publikum wurde aufgefordert, alle Verbindungen mit italieni- f t en Firmen abzubrechen, keine Waren italienischen Ursprungs zu kaufen und keine italienischen Arbeiter oder sonstigen Bediensteten zu halten. Die end- gültige Schließung der italienischen Schulen ist nun­mehr offiziell ongeordnet worden. Im übrigen herrscht vollständige Ruhe.

* Mailand, 16. Ott. 1911. Die wirtschaft- lichen Wirkungen des Krieges beginnen sich bereits zn zeigen. Außer der Baumwoll- und Seidenindustrie, die durch den türkischen Boykott geschädigt werden, hat auch die Zündholzindustrie sehr lebhaft über mangelnden Absatz in der Türkei zu klagen. Die Streichholzindustrie hatte im Jahre 1910 für 3,3 Millionen Sire nach der Türkei aus- geführt. Di« Tireliio en der Ziindholzsabriken be­fürchten, daß bei anhaltendem türkisch-italienischen Konflikt sich der Absatz noch verringern wird, sodaß groß« Arbeitseinstellungen nötig sein werden. Die venezianischen Fabriken haben ihre Produktion bereits auf die Hüfte ermäßigt.

Vom Kriegsschauplätze.

W Tripolis, 16. Oft. 1911. In der vergangenen Nacht eröffneten die Türken, deren Zahl nicht fest- gestellt werden konnte, aus einer großen Enffernung das Feuer in der Richtung auf den Brunnen Bume- liana und nach Westen, in der Hauptsache mit Ge­schützen; das Feuer blieb ohne Wirkung. Don den Italienern wurde ein Mann leicht verletzt. Gegen Mtternacht zogen sich die Türken zurück.

W Rom, 16. Oft. 1911. Das „Giornale d Italia" meldet aus Tripolis: Gestem ergaben sich dem italienischen Generalkommando 150 türkische Os- filtere und lieferten di« Waffen ab; dies machte einen tiefen Eindruck. Andere Offiziere der türki­schen Truppen, die als Araber gekleidet find, weilen hier und warten, überwachst von der Polizei, ihre Ein­schiffung nach Konstantinopel ab.

* Konstantinopel, 16. Oft. 1911. Den letzten hier eingetroffenen Nachrichten zufolge soll die Lage der unter dem Befehle Munir Paschas stehenden türkischen Truppen durchaus nicht so verzweifelt fein, wie die Italiener glauben machen wollen. E. sollen sich im Gegenteil 20000 Mann Verstärkungen auf dem Weg« zu Munir Pascha befinden. Diese Trup­penmacht kommt von Djiebel Gharb und steht unter dem Befehle von Djami Bei, dem augenblicklichen Bür­germeister von Fezza. Sie erwarten nur noch wei­tere Instruktionen aus Konstantinopel, um zu der Ab­teilung Munir Paschas zu stoßen. _

Ganz im Gegensatz dazu sagen die Italiener: Aus Tripolis wird gemeldet, daß sich die Araber des Djebel Garrian gegen die türkischen Truppen be­waffnet hätten, weil diese täglich versuchen, aus chren Vorräten Proviant zu holen- Es kam zu einem hef­

tigen Kampfe zwischen den Arabern und den türkischen Tmppen, in dem die ersteren siegreich blieben.

W Tripolis, 14. Oft. 1911. Die Stadt Tripolis ist ruhig, die Geschäfte find offen. Die Italiener ver­teilen unter der notleidenden Bevölkerung Brot und Getreide. Allnächtlich finden kleinere Gefechte längs der Vorpostenlinie statt. Ernschofter türkischer Wi­derstand ifi erst im Djebel wahrscheinlich, wo die Stellungen günstig sind. Dori wurden von bett Tür­ken Befestigungen angelegt unter Verwendung treff- lieber Artillerie. Dir türkischen Tmppen bestehen aus 2500 aktiven Mannschaften, 2500 Reservisten und 5000 Irregulären, meist Arabern. Die Italiener hoffen, der Eindruck ihrer Uebermacht iverde die Araber so- fort zur Uebergabe bewegen.

** Die Revolution in China.

Obgleich die Revolutionäre gute Disziplin führen, und bisher keinerlei Uebergriffe gegen Fremde vor­gekommen sind, haben die Mächte doch alle Maß­nahmen zum Schutz ihrer im Aufstandsgebiet ansässigen Staatsangehörigen getroffen. Aehnlich wie beim Boxeraufstand haben sich die in Hankau vereinigten Streitkräfte der Mächte unter einem internationalen General vereinigt. Amtlich wird gemeldet:

Die Großmächte, und unter ihnen auch Deutschland, Haden bereits feit Beginn der aufständischen Bewegung eine ansehnliche Flottenmacht vor Hankau vereinigt. Nunmehr ist auch die Frage des Oberbefehls ge­regelt worden. Der Chef des deutschen Kreuzer- geschwaders hat von dem in Hankau befindlichen Kanonenboot „Tiger" die Nachricht erhalten, daß der Admiral der in Ostasten befindlichen amerika­nischen Seestreitkräste den Oberbefehl über dir vor Hankau versammelten internationalen Machtmittel übernommen hat. Der rangälteste Kommandant, ein japanischer Kapitän zur See, hat das Kommando über das vereinigte Landungskorps der fremden Mächte an getreten. Die von der revolutionären Bewegung ein­gesetzte provisorische Regierung hat übrigens bekanntlich den Fremdenniederlaffungen in Hankau Schutz zu- gesichert. Gefahr droht letzteren nur von feiten des Pöbels bei eventuellen Kämpfen zwischen Regierungs- truppen und Aufständischen. Der Admiral Sah wird mit einem chinesischen Kreu;er in Hankau erwartet. Er hat den Auftrag, das Hankau gegenüberliegende Wutschang — den Sitz der Regierung — zu beschießen. Der Ches des deutschen Kreuzergeschwaders ist mit „(Snetfenau“ und Torpedoboot 8 90 über Nanking nach Hankau in See gegangen. Die dort versammelten Seestreitkräste haben sunkentelegraphische Verbindung mit dem Schutzgebiet Kiautschou und dem Gebiet des Kreuzergeschwaders.

* Hankau, 16. Oft. 1911. 20000 Mandschu* Soldaten belagern die von den Revolutionären besetzt« Stadt Wutschang, der Kriegsminister Aintschang kommandiert sie. Juanschikai wurde zum Generalgouverneur von Hupe ernannt. Die Europäer sind in Sicherheit. Die Eisenwerke und das Arsenal von H a n y a n g befinden sich im Besitz der Revolutionäre.

W. Peking, 16. Oft. 1911. Das Finanzministe. rium hat beschlossen, eine Million TaÄ auszugeben, um dem Mangel an barem (Selbe entgegenzu­arbeiten. Der Reispreis ist um 20 Prozent ge­stiegen.

W. Peking, 16. Oft. 1911. Die Unruhen in Szetschuan dauern unverändert fort. Die chine­sische Regierung ist geneigt, die Lage im Westen für gefährlicher zu halten, als in Wutschang, da es dort an Mitteln zur schnellen Beförderung fehle. — Amtlich wird bekannt gegeben, daß ab morgen nach Abgang des sibirischen Postzuges der gesamte Personenzugverkehr zwischen Peking und Tientsin eingestellt wird. Viele chinesische Beamte schicken ihre Familien aus Peking weg. D r heute vormittag nach Tientsin abgegangene Zug war überfüllt. — In amtlichen Kreisen herrscht aQgemeir er Optimismus, nachdem Duanschikai den Posten eines Vizekönigs angenommen hat; man glaubt, daß fein bloßer Name genüge, um die Auf­ständischen einzuschüchtern.

W. Peking, 16. Oft. 1911. Hier verbreitet sich mit Hartnäckigkeit das Gerücht, daß sich die Rebellen in den Besitz eines Kriegsschiffes auf dem Nangtsekiang gesetzt haben. Die telegraphi­sche Verbindung mit Hankau ist unterbrochen, des­halb konnte diese Nachricht noch nicht kontrolliert werden.

volkswirtschaftliches und Soziales.

g. Eine Lohnbewegung im Riegler gern erbe. ■ Der Zentralverband christl. Keram- und Steinarbeiter Deutschlands sowie der Eewerkverein der Ziegler in Lippe haben gemeinsam an die Ziegeleibesitzer sowie an die verschiedenen Organisationen der Ziegler- industrie namens ihrer Mitglieder Lohnforderungen eingereicht. Die Arbeiter erstreben eine 12prozentige Lohnerhöhung, 14 tägige Kündigungsfristen und 14- tägige Bezahlung. Die Lohnerhöhung wird be­gründet mit der Steigerung der Lebens­mitt elpreise, die sich auch im Haushalt der Ziegeleiarbeiter empfindlich bemerkbar macht. Die Zieglerlöhne sind, von einigen Ausnahmen abge­sehen, nicht nur dieselben geblieben, sondern an vielen Orten sogar noch weiter zurückgegangen. Die 14 tägige Kündigung und Lohnzahlung n irö erstrebt, um den vielen Mißhelligftiten, Kontrakidrücheu und bereit Folgen vorzubengen, iow.e die en.rmcn Lohu- verluste, welche in der Ziegelindunrie bet ,ur öie ganze Champagne untünObarcn Ar beste vertragen durch ungetreue ober zahlungsunfähige Ziegelmeister entstehen, zu verhüten.

5tadtverordneten-versaNmlnng.

A Fu Ida, 17. Oktober 1911.

An der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung, die um %8 Uhr begann, nahnren 23 Mitglieder des Kollegiums teil. Vom Magistrat waren anwesend Oberbürgermeister Dr. Antoni, 2. Bei-