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Srschewl4«gttch«i» Ausnahm« der Som« uad Feiertage, viertel' jährlicher Vezvgrpreis ohne Srtttgrrtohn und vesteLgeld in Fulda fo- wit auswärts 1.50 Ulf.

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wochEaee- „.illustrierte Soimtagrzeitung"

les»«««« «t *» Poltitepetitzevrod« derr, Ham pfz. »tflewts >updtt$d» Pfe-. bet Wiede» Holungen wird entfpt Bebati gewährt.

letatiowsbradm» Verlag der Fuldaer Al-

Monatrbellager „8uldaer Eeschichtzblätter" Fernsprecher vr. 4.

Fulda, Freitag den 13. Oktober 1911.

Erstes Blatt

235.

38. Jahrgang.

>? Der Prozeß Metternich.

Der Prozeß gegen den Grafen Giesbert Wolff- Metternich, der über eine Woche das öffentliche In­teresse in Anspruch genommen hat, hat mit einer Verurteilung des Angeklagten geendet. Am Donnerstag nachmittag wurde folgendes Urteil ge­sprochen:

Der Angeklagte Graf Wolff-Metternich wird wegen B etruges in drei Fällen zu einer Gefängnisstrafe vonneunMonaten verurteilt, wovon sechs Monate als durch die Untersuchungshaft verbüßt erachtet werden. In den übrigen Fällen wird der Angeklagte freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens fallen, soweit Verurteilung erfolgt ist, dem Angeklagten, im übrigen der Staatskasse zur Last.

Im Verhältnis zu der Weitgreisenden Anklage­schrift und zu den langen, aufgeregten Gerichts­verhandlungen, erscheint das Ergebnis recht dürf­tig. Aber vielfache Erfahrung hat gelehrt, daß es recht schwer ist, die Erfüllung aller Tatbestands­merkmale, die der Betrugsparagraph aufstellt, in jedem einzelnen Falle strikt nachzuweisen. Hier lag die Schwierigkeit darin, dem Angeklagten nachzu- w e i se n, daß er falsche Angaben über seine Vermögensverhältnisse gemacht und in den Ge­schädigten den entscheidenden Irrtum unterhalten habe. Das Gericht ließ wegen des Mangels dieses Nachweises den größten Teil der Anklagepunkte lallen und hielt nur in drei Fällen nachweislich den ganzen Tatbestand des Betruges für gegeben. In der Begründung des Urteils wurde freilich das Verhalten des Angeklagten einer summarischen Kri­tik unterzogen, in der es kurz und kräftig heißt: „Er hatte nichts und tat nichts; er lebte darauf los und machte Schulden. Er erhielt überall Kredft lediglich seines Namens halber ... Er gab in einer Nacht doppelt so viel aus, wie eine Arbeiter­familie für den ganzen Monat zum Leben hat." Wäre es der raffinierten und rücksichtslosen Ver­teidigung gelungen, auch noch in den drei letzten Fällen Zweifel an der Erfüllung irgend eines der Tatbestandsmerkmale des Betruges zu erwecken, so wäre der sensationelle Prozeß in eine Freisprechung ausgelaufen. Ein solcher Ausgang wäre sehr b e- bäuerlich gewesen. Wir sagen das nicht etwa, weil uns an der Bestrafung dieses erbummelten Jünglings etwas gelegen wäre, sondern in der Er­wägung, daß eine Freisprechung in dem Sinne ge­deutet u. verwertet worden wäre, als ob den lebens- lustigen Jünglingen, die nichts haben, als einen zugkräftigen Namen, und nichts tun, als Schulden machen, ein Freibrief für ihre faulen Geldge­schäfte gegeben sei. Es gibt in der Großstadt nur zu viele derartige PumpgenieS, die nachts Der» prassen, was sie am Tage bei irgend einem Geld­geber flüssig gemacht haben. Es mag wohl nicht viel helfen, aber es Hilst doch vielleicht etwas, wenn in den betreffenden .Kreisen zum Bewußtsein kommt, baß der Strafrichter diese eigenartigen Kredit- verbältnifse einer peinlichen Revision unterziehen kann.

Es wird zu dem Prozeß noch manches zu sagen sein. Für heute genügt es, aus den unangenehmen Erfahrungen Nutzanwendung zu ziehen in- bezug auf solche Berufsstände oder Einrichtungen, die der staatlichen Kontrolle unterstehen. Wir haben dabei das Offizierkorps, den Vertei­digerstand und das Prozeßverfahren im Auge.

Außer dem Angeklagten war noch ein aktiver Offizier an der Jagd auf eine millionenreiche Braut in Berlin W beteiligt. Auch andere Offi­ziere verkehrten in einem Parvenu-Hause, dessen Charakter zu dem alten Standesbewnßtein des Offi­zierskorps verzweifelt schlecht paßte. Das Ver­halten des erwähnten Offiziers während und nach dem erfolglosen Minnendienst war — gelinde ge­sagt — sehr zweifelhaft. Wenn jetzt gemeldet wird, daß der betreffende Offizier von seinem Regiment in ein anderes versetzt sei, so ist das schwerlich eine

ausreichende Remchur. Es muß Vorsorge getroffen werden, daß der Tanz um das goldene Kalb nicht zersetzend wird auch bei dem Charakter unseres Df» fizierkorpS, dessen Lautertest und Würde ein hoch­wichtiges nationales Wertstück fft. Sage mir, mst wem du umgehst rc.

Der Berufsstand des Rechtsanwälte und alle be­rufenen Pfleger des RechtswefenS haben dringen­den Anlaß, das Verhalten der Serteibiger in diesem Prozeß nachzuprüfen, daß die Verteidigung sich künftig nicht toieber so in den Dienst der Sen­sation ziehen läßt, sondern sich stets bewußt bleibt, daß sie ein verantwortliches Organ der Rechtspflege ist. Eine Anzahl von Rechtsanwälten hat bekannt­lich schon Einspruch erhoben gegen das rücksichts­lose Gebühren ihrer Kollegen in diesem Prozeß. Die öffentliche Meinung ist ebenfalls von der^ Be­wunderung der advokattschen „Schneidigkest" längst zurückgekommen und den beechtigten Jntereffen des Angeklagten kann vollauf genügt werden, ohne daß die Verteidigung die Grenzen der Sachlichkeit und das parlamentarische Anstandsgefühl überfchrestet.

Gerade die Sensationsprozesse der letzten Zell haben gezeigt, daß der Vorsitzende des Ge­richtshofes emer starken Autorstät und des entschei­denden EinfluffeS auf den Gang der Verhandlungen bedarf. Auch der Staatsanwaltschaft sind heilsame Lehren ertestt worden. Sie muß sich vor allen persönlichen Zuspitzungen und „geistreichen" Zutaten hüten, und wenn sie Prozesie emlestet, die sensationell zu werden drohen, so muß in der Be- schränkung sich der Meister zeigen, d. h. sie muß die zweifelhaften Anklagepunkte von vornherein fallen taffen.

Es ist hohe Zett, daß alle« ausgemerzt totrb, was die Würde der Justiz und das Vertrauen des Volkes auf die Rechtspflege zu schädigen droht«

X Krieg MM Mm Ä> 6er $toL

Tripolis.

W. Tripolis, 12. Okt. 1911. Begleitet von einem italienischen Geschwader, trafen heute morgen wei­tere 19 Transportdampfer mit der zweiten Staffel der für Tripolis bestimmten Expeditions­truppen ein. Die Ausschiffung vollzieht sich ohne Störung.

W. Tripolis, 12. Okt. 1911. General Caneva, der Oberftkommandierende der italienischen Truppen, hat an die Bevölkerung von Tripolis und Cyre- naika einen Aufruf erlassen, in dem er erklärt, er sei nicht entsandt worden, um die Bevölkerung zu Sklaven zu machen, sondern ihr, die bisher der türkischen Knechtschaft unterworfen gewesen sei, ihre Rechte wieder zu verschaffen, ihre Bedrücker zu strafen und die Bevölkerung wieder freizumachen. Das Volk werde von seinen Häuptlingen unter dem Schutz deS Königs von Italien regiert werden, alle bürgerlichen und religiösen Gesetzesvorschriften sollen unangetastet bleiben.

* Malta, 12. Ott. 1911. In Tripolis ist die Cholera auSgebrochen. Vier Personen sind bereits gestorben.

Beschießung und Einnahme von Derna.

Die Italiener haben den Küstenplatz Derna in der Cyrenaika (im östlichen Tripolitanien) beschaffen und besetzt. ES soll dabei aber viel ernster zu­gegangen sein, alS bei den bisherigen KriegSopera- lionen. Römische und Konstantinopeler Depeschen stimmen darin Überein, daß die Italiener harte Arbeit bei der B^wingung deS Ortes hatten. Es ist jedenfalls nicht wenig Blut dabei gefloffen. In Konstantinopel will man gar wissen, daß die Italiener unter Einbuße von Schiffsmaterial eine Niederlage erlitten hätten. Wenn daS auch zweifel- los Übertrieben ist, so geht doch auS den Berichten hervor, daß di» türttsche Gegenwehr in Derna wirk-

rebenswende.

10] Roman von Horst Bademer.

„Nein, nein, Fräulein Rollen, diesmal wird's nichw!" Und dann hatte er die goldgeränderte Brille auf dir Stirn geschoben und sie scharf angesehen. „Nehmen Sie Hut und Mantel und marschieren Sie sich mal im winterlichen Grünewald rechtschaffen müde. Ihnen steckm Gedanken im Kopf, die heraus müffen. Künstlerisch schaffen und uneins mit sich sein, ist unmöglich; Sie können nicht Geige spielen, wenn eine Saite nicht eingestimmt ist."

Die Röte war ihr ins Gesicht geschossen, schnell batte sie sich fertig gemacht und war weggelaufen, als habe sie ein schlechtes Gewissen.

Aber ruhiger hatte sie der stundenlange Spazier- Sj nicht gemacht, im Gegenteil] sie fühlte sich tod- e, abgespannt, und war deshalb heute nicht inS Atelier gegangen. Und nun mahnte eine innere Stimme immer wieder: Du bist arm, mußt Geld ver­dienen, was sollen deine Eltern denken, wenn du nicht zeigst, daß du rastlos weiter schaffen kannst? Ihre schlanken Hände krampften sich in ohnmächtiger Wut zusammen. Wie ein Wirbelwind war die Liebe über sie gekommen, hatte Vorsätze, stolze Pläne rückstchts- l?8 ANweggefegt, nur ein Weib war übrig geblieben, zertnr6/. das mit der letzten Kraft kämpfte, um die Selbstachtung nicht zu verlieren und hinzustürzen zu Hans Heinrich Hakburg und zu stammeln: Mach der Oual ein Ende, nimm mich hin, gib mir deinen Na­mm, aber bald, recht bald! — Künstlerblut!

Erika Rollen schönes Haupt fiel schwer auf dm Tisch; sie weinte bitterlich. Und draußen rüttelte der Winterfttirm an den Fenstern und heulte ums 'Haus. Schluchzen füllte das Zimmer und zwei Worte: „Hans Heinrich!" — Hans Heinrich!"

Und zu derselben Stunde stand Joachim v. Sos- Jueu Ada v. Hakburg gegenüber. „Sie müssen sich

nicht soviel um ander« Leute Meinung kümmern, gnädig« Fräulein!"

„Auch dann nicht, wenn ich bisher diese Her» schastm als tadellos in jeder Beziehung befunden habe?"

„Auch dann nicht!"

Ruhig und scharf sagte Sosgum diese drei Worte.

„Ab« er wird Schiffbruch leiden!"

„Möglich!"

„Und das fagen Sie so ruhig. • Sie sind aber doch sein Freund?"

Da legte sich ein mitleidiges Lächeln um SosquenS Mund. „Man würde nicht soviel Aufhebens um Hans Heinrich machen, toenn er dm guten Leutchen das Feld kampflos Überlassen hätte, ab« daß « sich gegen fein sogenanntes Schicksal stemmt, daS verträgt man nicht!"

„Ich glaube, Sie sind zu sehr Partei, Herr v. Sosgum!" —

„Und ich empfinde es bttt«, daß Sie nicht fest« an der Sette Ihres Bruders stehm!"

„Man macht mir dm Kopf heiß!"

„Einbildung! — Lachm Sie doch die Leute ein­fach aus!" — —

Da verschränkte Ada Hakburg die Arme über eine Stuhllehne und starrte vor sich hin. Im Ofm krach­ten die großen Buchenschelle- Ihr Atem ging schw«.

„Ich — ich gebe mir ja alle Mühe, — ja, — aber es stürmt zuviel auf mich ein, — wahrhaftig — manchmal komme ich mir vor wie halb von Sinnen 1"

„Und ich scheine das Unglück zu haben, Ihnen getabe in solchen Momenten unter die Augen zu treten I'

Sie hörte dm spöüischm Unterton wohl heraus. Langsam glitten die Arme von b« Lehne herab, langsam drehte sie sich um und verließ müden Schrit­tes mit zusamnimgepreßtm Lippm das Zimm«. Sosgum sah ihr nach und sagte fein Wort. Schließ- N ging er mit einem Achselzucken zu einer and «en Tür hinaus — ins Spielzimmer.

Rach ber Jagd wird in der Altmark immer ein wenig getempelt. Wustermark hielt die Bank. .Ris-

* KonstantinopA, 12. Ott. 1911. Die Botschaf­ter Englands, Frankreichs und Ruß­lands übermitteltm die Antworten ihrer Kabi­nette, die dahin gehen, daß der Moment, um Jta-

samer gewesen ist, als unlängst in Tripolis. — Die Meldungm lauten:

♦ Konstantinopel, 12. Oktober 1911. Gerüchte üb« eine Niederlage einer Teiles der italimischm Ge­schwaders an der Oftküste von Tripolis werden heute durch neuere Meldungm auS Derna unterstrichen. Danach sollen mehrere italienische Kriegs­schiffe, die Mannschaften landen wollten, durch daS Feuer der Türkm an der Ausführung dieser Absicht verhindett und schw« beschädigt roorben fein; nach ander« LeSart sollen sie gesunken fein.

* Rom, 12. Oktober 1911. Nach ein« Meldung auS Malta wurde Derna roegen deS Widerstandes ge­gen einen italienischen Landungsversuch beschossen. Die Befestigungswerke wurden zerstört, so daß der Fall der Stabt unmittelbar bevorsteht. Die Meldung spttcht von vielen Toten und Verwundeten.

♦ Rom, 12. Okt. 1911. Die Stabt Derna wurde von den Italienern besetzt.

Es ist beachtenSw«t, daß die Italiener sich so sehr beeilen, gerade die Provinz Cyrenaika (auch Benghast und Barka genannt) in ihren Besitz zu bekommen. Di- Cyrenaika ist bee fruchtbarere und an guten Hafenplätzen reichere Teil der nordafrika­nischen Landstriche, die die Italien« zu annettieren im Begriffe stehen. Während sie im eigentlichen Tripolitanten bloß die Stadt Tripolis zum Aus­gangspunkt ihr« bevorstehenden weiteren Opera­tionen genommen haben, sind sie an der Küste d« Cyrenaika bereits in der Stadt Benghast sowie in Tobruk und in Derna gelandet. Zu dies« Eile mögen sie durch mißgünstige englische Stimmen ver­anlaßt worden fein, aus denen sie «tannt haben, daß man ihnen wohl die Steppen- und Wüsten­striche TripolitanienS gönnt, nicht aber ebenso jene zukunftsreich«« Provinz, die im Osten unmittelbar an Aegypten grenzt. Besser also, man legt die Hand sofort auf den ganzen Küstenstrich; sich« ist sicher.

W Rom, 12. Ott. 1911. Dem Corriere d'Jtalia wird auS Tripolis gemeldet: Von Italien freundlich gesinnten Arabern wird bestätigt, daß sich sie Lage der türkischen Truppen immer verzweifelter gestalte. Bei den italienischen Behörden fänden sich zahlreiche Deserteure ein; auch eine Anzahl Kamelführer, die die türkischen Truppen begleiten, seien unter Mitnahme von Vorräten de­sertiert. Das Blatt meldet weit«: Dem Vernehmen nach telegraphierte die Regierung in Konstantinopel, da sie mtt Tripolis nicht direkt verkehren könne, an die türkischen Konsuln in Tunis und Malta, sie sollten dem Kommandanten der türkischen Truppen in Tripolis den Befehl zu übermitteln suchen, so­viel als möglich Wid erstand zu leiste'n. In Tripolis v«lautet, daß Munir Pascha bereits die Absicht kundgegeben habe, sich zu ergeben, da ihm ein Widerstand hauptsächlich wegen deS absoluten Mangels an Wasser und Vorräten un­möglich «scheine.

Jtalienermord«.

W. Alexandrien, 12. Ott. 1911. Der bisherige italienische Konsul in Hodeida, d« auf der Durch­reise hier eingetroffen ist, teilt mit, er habe gehört, ba| die bei dem Eisenbahnbau ht Hedschas be­schäftigten Italiener, 20 Mann, in den ersten Tagen des Monats Ottober von den Türken ermordet worden feien. Die Nachricht wird auch von anderer Seite bestättgt und hinzugefügt, daß sich dieser Vorfall in Kasa «eignet habe.

* Alexandrette, 12. Okt. 1911. D« hiesige ita­lienische Konfularaaent wurde gezwungen, die Stadt zu verlassen und nach Larnaca auf Cypern zu flüchten, infolge der feindlichen Kundgebungen durch Steinwürfe gegen daS Konsulat, die sich mehrere Nächte hindurch wied«holten.

Die Fahtt ber türkischen Flotte von Beirut nach ben Darbanellen. Nachträglich wird aus Konstanti­nopel berichtet: Das türkische Uebungsgeschwader, 6e- stehend aus den Kreuzern Chaireddin (Barberus), Torgut, Harnidieh und Medschidieh, dem Küstenschiff Muin-i-Safar und einer Anzahl neuer Torpedojäger und Torpedoboote, «hielt in Beirut den Befehl, sofort ohne Aufenthalt nach den Dardanellen zurück­zukehren. Daß ein Krieg mit Italien in Aussicht stand, wußte man damals in Beirut nicht, und in Kon­stantinopel auch nicht. Das Geschwader unterbrach die Kohleneinnahme und dampfte mit 10 Knoten Ge­schwindigkeit südlich an Chpem vorüber auf Rho­dos zu. Bei Rhodos wurde nicht angelegt; es mür­ben während der Fahrt einige Hebungen vorgenom- men; niemand wußte, daß inzwischen der Krieg et- klärt war. Erst in d« Höhe oon Chios langte die Nachricht von d« Kriegserklärung an. Es ist inter­essant, nun d« Erzählung eines der Kommandanten der türkischen Schiffe zu folgen:;

Wir waren erstaunt und entschlossen. Wir ver­sammelten die Offiziere und teilten ihnen die Meldung mit Ernste entschlossene Augen blickten uns an; bann gingen wir zu den Mannschaften, und wie ein Schrei ging es durch die Reihen: Wir ergeben uns nicht! Da fignaltsterte der Torgut herüber: Offiziere und Mannschaften schwören, sich nicht zu ergeben, und dieses Signal tauschten alle Schiffe aus. Unsere Leute lärmten nicht, bas Schiff würbe bereit gemacht, jeber ging ruhig auf seinen Posten. Da fignalifierte ein anberes Schiff: Wir haben alle weißen Flaggen z«- riffen. Und alle Schiffe folgten biesem Beispiel. Wir waren sicher, unserer Flagge bei einem Zusammenstoß mit ben Italienern Ehre zu machen. Wir bachten ber Zeiten, da unsere Flagge bas Mittelmeer beherrscht hatte, unb wohl jeber schwor sich, feiner Vorfahren rofirbig zu sein. D:e TorpebojÜg« und die Torpedo- boote bedien ben Marsch des Geschwaders an d« Küste entlang zwischen ChioS, Mytilene und ber Killte, die Lichter abgeblenbet. Wir glaubten jeden Augen­blick Gewißheit zu haben, baß bie Italiener mit ihrem überlegenen Geschwader uns entdeckt unb erreicht hätten. Als wir in Sicht der Dardanellen kamen, wurde unS gemeldet, baß bas italienische Geschwaber sich an dem Westufer von Mytilene befinde. Bald darauf liefen wir in die Dardanellen ein. Wir hotten nur ganz wenig Munition an Bord, denn unsere Aus­rüstung war nicht für den Krieg geschehen.

Soweit der tückische Kommandant. Inzwischen ist die Flotte wird« im Marmarameere bei Hai­dar Pascha angelangt. Gewiß ist der Geist d« tür­kischen Seeoffiziere und Mannschaften ebenso gut, wie der d« Landtruppen, was aber d« Flotte zu fehlen

Iren auf dem Weg« der Vermittlung um Ein­stellung d« Feindfeligketten zu «suchen, noch nicht g ü n st i g s e i,

W Konstantinopel, 12. Ott. 1911. In jung- türkischen Kreisen verlautet^ daß die Kammer- Mehrheit in d« Tripoltsftage den Standpuntt vertrete, den Krieg gegen Italien auf das hartnäckigst« fortzufetzen, alle Jta- lienerauSzuweifen und andere Repressalien anzuwenden.

W Rom, 12. Okt. 1911. Nach einer Meldung d« „Agence Stefani" hat d« Boykott ita­lienischer Waren in Smyrna und Salonik begonnen. In Konstantinopel soll ein von PiräuS gekommener bulgarischer Dampfer, der italienische Waren an Bord hatte, am Löschen gehindert worden fein.

W Tobruk, 12. Ott. 1911. Ein arabischer Häupt­ling zeigte gestern an Bord des Panzerschiffes „Pisa" seine Unterwerfung an und versprach, auch andere Araber zur Anerkennung der ttalienischen Herrschaften zu bewegen. Viele flüchtige Araber kehren zurück.

W Maffaua, 12. Okt. 1911. Nachrichten aus Dschida besagen, daß die türkische Regierung dort zwei italienische Schaluppen, die Kauf­leuten von Maffaua gehören, beschlagnahmt hat.

fieren Sie doch auch ein paar Dukaten, Herr v. Sosquen!"

„Ich habe e8 nicht nötig, meine Vermögensver­hältniffe find auskömmlich!"

Ein tttrzeS Lachm, Geld wurde hin- und herge- fchobm. Scheine knisterten, man kümmerte sich nicht well« um bat Sonderling, der sich in einen be­quemen Stuhl fallen ließ und nach einer Ziga­rette griff.

X.

Hakburg hatte stch in der Nähe seines Geschäftes in der Mohstraße ein paar Zimm« gemietet, die er mit seinen eigenen Möbeln ausstattete. Kein Unbe- rufm« wäre auf dm Gedanken gekommen, daß in dm Räumen ein Verlagsbuchhändler fein Haupt­quartier aufgeschlagen hätte. An dm Wänden hin- gm Pallasch, Küraß und Hekm, Rehkronm, Sport- und Monöverbilder, Reitpeiffchm. Ein Jagdhund und ein Dackel räkelten stch auf dem großen Fell unter dem Schreibtische.

Die Portiersfrau hielt seine Wohnung im Stand.

Eines Abends, kurz nach Weihnachten, Hingelte es- Er ging hinaus, um zu öffnen. Die Hunde schlugm an.

Ein verkommener Mensch in dünnem, abgerissenem Ueberzieh« stand vor ihm, unrasiert, das Gesicht ausgemergelt. Er trug ein Paket unter dem Arm.

„Was wünschm Sie?"

„Herrgott, Hans Heinrich, eckmnst du mich nicht Wied«? In dein Geschäft zu kommen, fehlte mir nämlich die Courage!"

„Trütow — Himmel noch mal", er zog den klei­nen, bleichen Kerl ins Zimmer hinein und sah nun erst die ganze Bescherung.

Die Hosen hingen in Fransen um die schiefgetrete- nm Absätze, das Oberleder d« ehemalig eleganten Lackstiefel klatschte auseinand« und war total be­schmutzt. der Kragen hatte mindestens schon acht Tage dringmd der Reinigung bedurft.

Unter Hakburgs prüfenden Blicken wandte sich der Besuch« beschämt ab. „Schmeiß mich bloß nicht raus, Hans Heinrich!"

„Mensch, ich bin einfach fassungslos vor Staunm!

Du, Sein« Majestät elegantester Fähnrich auf d« Kriegsschule Neiße in solchem Anzuge!"

-Ja, es fft mir übel ergangen! Verzeih, wem ich mich sehe, ab« ich kann nicht mehr!"

„Hier trink ’nen Kognak, mein Junge, und au8- fihen tust du auch, als ob du rechtschaffenen Hunger hättest I"

„Sell zwei Tagen hab ich keinen Bissen im Ma­gen!" Kein Wort sagte Hakburg; er ging hinaus in die Heine Küche und holte die armseligen Reste seines Abendbrotes herbei.

Dem Heinen Trütow rannen die Tränen die ab­gezehrten Backen herunter. „Eine geschlagene Stun­de hab' ich vor dein« Haustür gestmtden und mich nicht heraufgewagt!"

„Iß nur erst, das weitere erzähl' mir dann!"

D« Heine ehemalige Dragoneroffizier ließ sich nicht zweimal nötigen. Hakburg beobachtete ihn. Wer weiß, ob es mir bess« ergehen würde, fuhr es ihm durch den Kopf, wenn ich mittellos dastände — und keinen Sosquen als Freund hätte. Onkel Arwed würde so wenig wie Ada auch nur den kleinsten Fin­ger für mich rühren!

Er holte noch ein paar Flaschen Bier herbei.

„Na, denn, prost, kleiner Trütow!"

Und da erst sah er, was für schmutzige Hände sein Kriegsschulfreund hatte.

„Zigarre ober Zigarette?"

„Mix einerlei!"

Beide Kisten schob ihm Hakburg hin und als Trü­tow den efften Zug getan, lehnte « sich zurück und schloß die Augen.

„Weißt du, ich schäme mich ganz mächtig vor dir!"

„Keine Erinnerungen und keine Gefühlsduseleien! Also jetzt ist es neun Uhr abends. Erst wirft du inS Bad steigen, dann pump ich dir Wäsche von mir, nach­her legst du dich auf die Chaiselongue, denn heute abend laß ich dich keinesfalls wieder weg, ich braue unterdessm einen anständigen Grog und dann wollen wir beide uns unseren Stumm« vom Herzen reden!"

(Fortsetzung folgt.)